Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 6

Chapter 63,873 wordsPublic domain

Die jungen Leute waren aufgesprungen und griffen schon nach ihren Hüten, und in der That hatte sich die ganze späte Gesellschaft erhoben, denn die Angst um das junge Mädchen verdrängte alle anderen Gedanken. Da öffnete sich plötzlich die Thür, und Rosel selber stand auf der Schwelle, ernst und still, mit leichenbleichen Zügen. In der Hand trug sie einen kleinen grünen Busch, den sie neben dem Bäcker auf den Tisch warf, und sagte ruhig:

„Da, Meister Bollharz, ist Euer Zweig; ich werde mir morgen oder heute, denn es ist wohl schon spät geworden, die Orangenstöcke holen. Ihr könnt nachsehen oben, gerad’ unter dem steinernen Tisch weg hab’ ich ihn abgeschnitten.“

„Aber Rosel, um Gotteswillen, wie siehst Du aus, Kind? Wie eine Leiche! Was ist Dir geschehen?“ rief der Registrator.

„Mir geschehen? was sollte mir geschehen sein!“ sagte das Mädchen, „nur müd’ bin ich geworden von dem weiten Weg. Bärbel, sieh’ gut nach dem Licht, wenn die Gäste fort sind, und schließ’ die Thür ordentlich; ich will schlafen gehen.“

„Aber Rosel, so erzählen Sie doch,“ bat jetzt der Hauptcontroleur, der sie mit ängstlichen Blicken betrachtet hatte, denn etwas Uebernatürliches mußte ihr begegnet sein, das Entsetzen stand ihr ja noch an der Stirne geschrieben.

„Morgen, morgen,“ sagte das junge Mädchen ruhig. „Heute ist’s schon zu spät geworden und es wird Zeit, daß wir schlafen gehen. Gute Nacht mitsammen,“ und eines der schon fast niedergebrannten Lichter vom Tisch aufgreifend, verließ sie damit das Zimmer und stieg langsam in ihr eigenes Kämmerchen hinauf.

Drittes Kapitel.

In der Ruine.

Wir müssen zu dem Augenblick zurückkehren, wo Rosel, noch mit Trotz und keckem Muth im Herzen, aus dem Hause sprang, um ihren einsamen Weg anzutreten. Still lachte sie vor sich hin, wenn sie sich schon im Geiste das erstaunte und verblüffte Gesicht des Meister Bollharz ausmalte, sobald sie ihm das Wahrzeichen brachte und er nun sein Wort halten und ihr die ihm so an’s Herz gewachsenen wundervollen Stöcke ausliefern mußte. Schenken wollte sie ihm dieselben wahrlich nicht, das war die gerechte Strafe, für das große Maul, das er immer führte und für seine ewige Wichtigthuerei.

Im Anfang hatte sie auch leichten, bequemen Weg. Die breite Chaussee, die nach Hellenhof führte, lief dicht unter dem Hügel hin, auf welchem die Ruine lag, und erst von dort ab, wo sie jene verlassen mußte, begann für sie die unbequeme Bahn, den ausgewaschenen, verwachsenen Pfad hinan, vor dem sich mancher Fußgänger schon am hellen Tage scheute.

Der abnehmende Mond stand freilich noch am Himmel, aber leichtes Gewölk jagte dann und wann darüber hin und warf seine wunderlichen Schatten auf die Erde nieder. Furcht kannte sie trotzdem nicht, und ebensowenig glaubte sie an die tollen Märchen des alten, gutmüthigen Registrators und des verschrobenen Hauptcontroleurs und gar nun des Stadtschreibers, der so voll von Aberglauben stak, daß er nichts im Leben that, ohne vorher den Kalender dabei um Rath zu fragen. Seine Nägel schnitt er sich nur am Freitag und würde ebenso leicht daran gedacht haben, sich den Hals ab-, als die Hühneraugen bei abnehmendem Monde auszuschneiden. „Unberufen“ war bei ihm das dritte Wort, und wenn er Morgens auf’s Rathhaus ging und ihm unglücklicher Weise ein Bauer mit einem Schwein begegnete, so bog er auch sicher in die nächste Straße ein oder kehrte, wenn das nicht möglich war, lieber wieder um, selbst beim schlechtesten Wetter den weitesten Umweg nicht scheuend, ehe er sich der Gefahr und den unausbleiblichen Folgen eines solchen Zusammentreffens ausgesetzt hätte.

Sie lachte still vor sich hin, als sie an all’ die tausend Rücksichten dachte, die der alte Stadtschreiber im Leben nahm, und wie er sich wohl betragen würde, wenn er jetzt, um ziemlich Mitternacht, den einsamen Weg zu der Ruine einschlagen sollte. Er wäre freilich wohl durch keine Summe Geldes zu bewegen gewesen, ein derartiges Wagstück zu unternehmen.

Wie stille und öde die Straße war, und was für große dunkle Schattenflecke die daranstehenden Wallnußbäume darüber warfen! Keine Menschenseele ließ sich blicken; die schliefen jetzt Alle in ihren warmen Betten und verschlossenen Häusern und -- da hätte sie auch hineingehört. Was für eine tolle Idee es von ihr gewesen war, mitten in der Nacht den einsamen Gang zu thun, und nur aus Muthwillen, oder vielleicht aus Trotz, um den Meister Bollharz zu ärgern! Und was der Vater wohl morgen dazu sagen werde, wenn er es erfahre, und natürlich erfuhr er’s, war doch morgen gewiß die ganze Stadt voll davon. Rosel erschrak ordentlich bei dem Gedanken, denn das war ihr bis jetzt noch nicht eingefallen, daß sie nun Tage lang in aller Welt Mund sein würde. Unwillkührlich blieb sie mitten auf der Straße stehen; durfte sie sich, als junges, unbescholtenes Mädchen dem aussetzen? Wenn sie früher daran gedacht, hätte sie es sicher nicht gethan, jetzt war es freilich zu spät, denn kehrte sie nun wieder um, so wurde sie von der ganzen Gesellschaft ausgelacht, und das Gerede wäre doch das nämliche geblieben.

„Nun läßt sich nichts daran ändern,“ sagte sie trotzig vor sich hin, als sie wieder, aber langsamer als früher, vorwärts schritt. „Ich hätte mir’s vorher erst ordentlich überlegen sollen, aber das Alles kam so schnell. Wer denkt auch gleich daran, daß die Welt in Jedem ’was Böses findet, ich wahrlich nicht, und der Vater wird schon auch nicht so arg böse sein; mag er doch den Meister Bollharz ebenfalls nicht leiden, und auf den war’s ja doch gemünzt. Und die Frau Bollharz, wie wird die wüthend werden, wenn sie die Orangenstöcke herausgeben muß! Von der kriegt’s der Meister ordentlich, das ist sicher, geschieht ihm aber recht, dem alten verliebten Fleischklumpen dem.“

Da lag die Ruine. Wie sie eben um eine Biegung der Straße trat, konnte sie die alten Mauerreste deutlich erkennen, und ordentlich wunderlich sah es aus, wie der Mond jetzt gerade von der einen stehengebliebenen Thurmmauer verdeckt wurde und sein helles Licht durch die enge Schießscharte derselben warf.

„Ich muß wirklich ein wenig rascher gehen,“ flüsterte sie vor sich hin, während sie ihren Schritt beschleunigte, „oder der Mond kommt hinter die Berge, und dann reiß ich mir im Dunkeln auf dem Rückwege mein ganzes Kleid in den häßlichen Büschen entzwei. Daß der Mond auch gerade heute so früh untergeht!“

Sie hatte jetzt die Stelle erreicht, wo der alte Burgweg von der Straße rechts abbog und sich, von hier aus noch allmählich, dann aber immer steiler den Hügel hinanzog, bis endlich oben, dicht unter den frühern Ringmauern, eine ordentliche Treppe in den Felsen gehauen war, die mit zwanzig oder fünfundzwanzig Stufen auf die höchste Kuppe hinaufführte.

Der Hügel selber war meist mit Haselnußstauden, Birken und jungen Buchen bewachsen; Nadelholz stand nur vereinzelt dazwischen, und in früheren Jahren hätte man recht bequem bis zu den eingehauenen Stufen selbst reiten können. Jetzt aber war der Weg, wie schon erwähnt, lange vernachlässigt und seit ihn einmal ein Wolkenbruch fast zerstört, nicht wieder ausgebessert worden, so daß die Romantik der alten Zeit (wenn man sich wirklich zu ihr hinauf arbeiten wollte) schon hier unten am Hügel begann und sich steigerte, je höher man daran emporklomm. Rosel kannte ihn aber trotzdem, denn oft schon hatte sie, besonders mit ihrer seligen Mutter, den Weg gemacht; der armen Frau war damals wohl recht weh um’s Herz gewesen, an dem so vieler Gram und so viele Sorge nagten, und Stunden lang hatte sie dann oben auf dem Hügel gesessen und auf das freundliche Bild zu ihren Füßen hinausgeschaut, ohne selbst freundlich davon berührt zu werden. Nur still vor sich hin geweint hatte sie dort, und Rosel, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, neben ihr gesessen und ihren Arm um sie geschlungen.

Der Gedanke an die verlorene Mutter füllte jetzt allein ihre Brust. Sie achtete kaum auf die Beschwerden des Wegs, und immer wieder dachte sie der lieben Dulderin, die so gut, so unendlich gut mit ihr gewesen und die sie doch so früh hatte in ihr Grab legen müssen. Und wie war Alles seitdem anders in ihrem Haus geworden; besser wohl als früher, denn Noth und Sorge kannte sie nicht mehr, auch trank der Vater nicht mehr, was der armen Mutter so manche bittere Thräne gekostet. Er war freundlicher als früher, thätiger in seinem Geschäft; die aber gerade, deren tägliches Gebet das immer gewesen, hatte es nicht erleben dürfen, und nie, nie wieder sollte sie in die treuen guten Augen schauen und ihr Haupt an das Herz legen können, das für sie so warm geschlagen.

Sie fühlte bei den Erinnerungen den rauhen felsigen Boden nicht, über den sie klomm, und hatte die Felsentreppe auf der Höhe erreicht, ehe sie es selber dachte. Jetzt aber verlangte der Augenblick wieder vollständig sein Recht, denn hoch über ihr ragten die dunklen unheimlichen Mauern empor, und wenige Minuten später sollte sie den Platz betreten, von welchem in den Köpfen der Menschen dort unten so viele schreckliche Geschichten spukten.

Bah, was war es denn? ein alter verlassener Steinhaufen, weiter nichts. Die Menschen, die ihn früher belebten, gute oder böse, schlummerten lange den ewigen Schlaf, und Gott würde ihnen wahrlich nicht gestatten, wenn sie schon zu Lebzeiten die Welt geärgert, auch noch nach dem Tode, noch nach Jahrhunderten, herumzugehen und Schrecken und Entsetzen zu verbreiten.

Rüstig erklomm sie die ersten Stufen, allein plötzlich hielt sie horchend inne. Unten im Thal, in Wellheim, von wo der frische Ostwind gerade herüberstrich, schlug die alte Stadtuhr. Deutlich konnte sie den Ton der Glocke hören und zählte die Schläge: acht, neun, zehn, elf, zwölf. Es war gerade Mitternacht und sie lächelte trotzig vor sich hin, als sie an die verrufene und gefürchtete Geisterstunde dachte. Kaum aber hob sie den Fuß, um die letzte Höhe zu erklimmen, als sie wieder, und diesmal erschreckt, aufhorchte, denn ihr war es plötzlich, als ob sie unter sich eine menschliche Stimme gehört hätte.

Waren ihr etwa einzelne Gäste aus ihres Vaters Hause gefolgt? Nein. Deutlich erinnerte sie sich von der letzten Höhe einen Blick hinab auf die vom Mond hellbeschienene Straße geworfen zu haben, wo sie jeden dunklen Gegenstand sofort hätte erkennen müssen, aber nichts regte sich dort, und so rasch wie sie den Gang erklommen, würde Niemand im Stand gewesen sein, ihr zu folgen. Todtenstille lag auf der Welt; ihr Ohr mußte sie getäuscht haben, und mit der Ueberzeugung klomm sie rasch die wenigen Stufen noch empor, die sie von der Kuppe trennten.

Und da stand die alte Raubburg unmittelbar vor ihr, mit ihren zackigen ausgebrochenen Mauern, dem alten Thurmrest, in welchem das entsetzliche Verließ seine Opfer hielt, mit den epheuumrankten Söllern und den hohlen Fensteraugen, und dort auf der breiten Zinne, auf die jetzt noch das helle Mondlicht fiel, sollte der Volkssage nach jener blut- und beutegierige Raubgraf seine Strafe abwandern und seinen Kopf, dort drüben über den Rhein hinüber, der anderen Veste entgegenhalten.

Rosel blieb einen Moment stehen, theils um Athem zu schöpfen, die hohen Stufen waren ihr sauer geworden, theils um sich erst wieder zu orientiren, denn es kam ihr sonderbar vor, wie fremdartig der sonst so bekannte Platz bei dem ungewissen Licht des Mondes aussah. Aber dort drüben befand sich ja gleich der Eingang in den Hof, da das eigentliche Hauptthor durch niedergestürztes Mauerwerk unpassirbar geworden, und in dem Hofe selber stand jener alte, riesige, steinerne Tisch, auf einem einzigen, ziemlich roh behauenen Pfeiler ruhte die runde Platte, wo früher wahrscheinlich Hugo von Wildenfels im Sommer freie und offene Tafel hielt und zechte und bankettirte, während unten im Thurm seine Opfer wimmernd verschmachteten.

„Recht wär’s ihm schon, wenn er umgehen müßte bis zum jüngsten Tage,“ murmelte Rosel vor sich hin, indem sie jetzt rasch der kleinen Pforte zuschritt, „verdient hätt’ er’s tausendfach, wenn nur die Hälfte von dem wahr wäre, was man sich erzählt, aber mir dürft’ er doch nichts thun, so viel ist sicher,“ setzte sie, ein frommes Kreuz schlagend, hinzu, „das litte der liebe Gott nicht.“

Sie hatte die kleine Eingangspforte erreicht, blieb aber doch, so muthig sie auch immer sein mochte, einen Moment auf der Schwelle stehen und blickte scheu in den inneren, öden Raum, auf dem schon die Mondesdämmerung lag, da die Mauern das Licht der schräg fallenden Strahlen abhielten. Aber er war vollkommen leer, kein Hauch regte sich darin, und Rosel, fast selber nur wie ein Schatten, schritt rasch und geräuschlos auf den deutlich erkennbaren Tisch zu, um den herum, durch hineingewehten Samen vielleicht, einige junge Buchenschößlinge Wurzel geschlagen hatten und im Sommer lustig Blätter trieben. Sogar unter dem Tisch hatte sich ein einzelner solcher Trieb herausgearbeitet, und diesen wollte sie nehmen, denn dadurch konnte sie am bestimmtesten denn Platz bezeichnen, so daß kein Zweifel möglich blieb.

Rosel trug das Messer, das sie aus der Küche mitgenommen, noch in ihre Schürze gewickelt, und niederkauernd kroch sie unter die Platte, um das zähe Holz leichter abschneiden zu können, als es ihr plötzlich mit einem jähen Schreck in’s Herz stach, denn in dem öden Raum sprach plötzlich eine Menschenstimme und deutlich hörte sie die Worte:

„Er wird nicht mehr hier sein, wir haben ihn zu lange warten lassen.“

Im ersten Moment war es, als ob das sonst so beherzte Mädchen in sich zusammenbrechen wolle, und nur mit Mühe unterdrückte sie einen lauten Angstschrei, der sie dann jedenfalls verrathen hätte. Fast krampfhaft klammerte sie sich an die Säule des Tisches an, der seinen Schatten schützend über sie breitete, und suchte vor allen Dingen die zu erkennen, die hier ihr nächtliches Wesen trieben und keinesfalls eine Ahnung haben konnten, daß sie belauscht wurden. Aber sie sollte nicht lange im Zweifel bleiben. Zwar war sie noch nicht im Stande, die Gestalten deutlich zu unterscheiden, nur daß es zwei Männer waren, die durch dieselbe Pforte den innern Raum betraten, sah sie; da sagte plötzlich eine andere dritte Stimme, die ihr das Blut stocken machte, denn es war die ihres eigenen Vaters:

„Na, zum Henker auch, wo habt _Ihr_ Beiden Euch denn heut’ Nacht herum getrieben, daß Ihr nicht zur bestimmten Zeit hier sein konntet? Seit neun Uhr hocke ich nun schon hier oben in dem öden Nest, den Fledermäusen und Eulen zur Gesellschaft.“

„Wir _konnten_ nicht früher kommen, Vater,“ erwiderte der Eine der Neugekommenen, ihr eigener Bruder, „gerad’ heute war rein der Teufel in Hellenhof los, und wir hätten jedenfalls Verdacht erregt, wenn wir früher den Platz verließen. Die Stadt schwärmte von Menschen, und Feuerwerk wurde überall losgebrannt, so daß wir gar keine Straße frei behielten. Ich hab’s mir gedacht, daß Dir die Zeit lang geworden.“

„Wirklich?“ knurrte der Vater wieder, „aber so macht wenigstens, daß Ihr jetzt herunter kommt. Was steht Ihr noch da oben?“

„Ich wollte erst ein Licht anzünden.“

„Ich habe Licht unten. Glaubt Ihr, daß ich die ganze Zeit im Finstern gesessen bin?“

Die beiden Gestalten schritten jetzt der nächsten Wand zu, in welcher sie zu verschwinden schienen; als sie aber die eine Stelle überschritten, auf die durch eine Mauerlücke das Mondenlicht fiel, erkannte Rosel deutlich den jungen Fremden, ihres Bruders Compagnon, für den Franz so oft um Rosels Hand angehalten. Was hatten die drei Menschen hier bei Nacht in der alten Ruine so Heimliches zu verrichten, daß sich Franz dazu von Hellenhof fortstehlen mußte? Weshalb scheuten sie das Tageslicht und das Auge der Menschen?

Rosel kauerte noch immer unter dem alten Tische; das Herz schlug ihr, als ob es ihr die Brust zersprengen wolle, und sie wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht entdeckt zu werden. Die Gedanken jagten sich ihr durch’s Hirn, und der erste war jedenfalls den Platz zu fliehen, sobald das unbemerkt geschehen könne, und, so rasch sie ihre Füße trugen, nach Wellheim zurückzukehren. Das sonst so besonnene charakterfeste Mädchen überließ sich indeß nicht lange diesem ersten, lähmenden Eindruck des Schreckes, und je mehr sie nachdachte, desto mehr schwand die Furcht vor irgend einer ihr selber drohenden Gefahr in der Angst um den Vater selbst.

Wohl kam ihr einmal der Gedanke, ihr Vater könne in Wellheim von ihrem Gang gehört haben und ihr gefolgt sein, aber eben so rasch mußte sie ihn verwerfen, denn hatte sie ihn nicht selber sagen hören, daß er schon seit neun Uhr ihren Bruder und jenen widerlichen Fremden hier vergebens erwarte? Weshalb? Was thaten sie hier im Dunkeln und war es etwas Gutes, das sie da mitsammen ausmachten? Sie fürchtete _nein_, denn dem fremden unheimlichen Menschen traute sie Alles zu, jedes Verbrechen, das er gewiß mit derselben kalten lächelnden Miene verübt hätte, wie er ihr seine faden Schmeicheleien sagte. Aber was _konnten_ sie hier thun? Sie begriff es nicht; wenn sie nur im Stande gewesen wäre, ihnen zu folgen und sie zu belauschen!

Glücklicher Weise trug sie heute Abend ein dunkles Kleid und Crinolinen waren damals auch noch nicht Sitte, sie konnte sich also leicht in jede Ecke, in jeden dunkeln Winkel schmiegen; aber waren sie denn in der Ruine geblieben? Doch ja, es gab ja nur den einen Aus- und Eingang; sie kannte wenigstens keinen anderen, und dort an der Mauer waren sie verschwunden. Wenn sie ihnen dahin folgte, fand sie vielleicht ihre Spuren. Und wenn sie entdeckt wurde? Aber was konnte ihr von ihrem Vater und Bruder geschehen, war es ja doch nur die Sorge um die beiden ihr theuern Menschen, die sie antrieb, ihnen nachzuforschen.

Sie überlegte auch nicht lange; erst aber mußte sie sich das Zeichen sichern, das ihr in Armes Bereich stand; den kleinen schwanken Schößling schnitt sie ab, aber sie durfte ihn nicht mit sich tragen, das Rauschen seiner Blätter konnte sie verrathen. Sie glitt deßhalb zu der schmalen Pforte zurück, legte ihn dort außen an die Seite und schlich dann wieder auf den Zehen zu der Stelle, an welcher sie vorher die Gestalten aus den Augen verloren.

Wie dunkel das hier war und wie feucht und modrig es roch, als ob die Luft aus einem tiefen Erdgewölbe käme! Und war das nicht so? Erinnerte sie sich nicht von früher her, hier ein tiefes Loch gesehen zu haben, das weit hinein in die Erde ging, und vor dem sie sich immer gefürchtet hatte? Wenn sie jetzt hier einen Fehltritt that und hinabstürzte in diese grausenhafte Tiefe! Sie hielt erschreckt inne. Da war es ihr als ob sie von unten herauf Stimmen höre; sie konnte keinen einzelnen bestimmten Laut unterscheiden, doch es wurde dort unten gesprochen, und es mußte irgend einen Platz geben, auf dem sie ebenfalls dorthin gelangen konnte.

Vorsichtig und so geräuschlos als möglich fühlte sie sich weiter, und ihrer fast unbewußt hielt sie noch immer das Messer in der Hand, wie um sich gegen etwas Schreckliches zu schützen. Da plötzlich fand der rastend vorgestreckte Fuß keinen Grund mehr und an der Stelle niederknieend fühlte sie mit der linken Hand, daß dort etwas tiefer unten ein breiter Stein lag. War das eine Treppe? Vorsichtig trat sie hinab und fühlte sich weiter und Stufe nach Stufe legte sie so zurück, bis sie in der kalten Kellerluft ein Frösteln überlief. Jetzt aber war die Treppe zu Ende und ein schmaler feuchter Gang schien noch weiter hinab zu führen, doch wohin? Eine Strecke war sie ihm noch zitternd gefolgt, jetzt indeß wagte sie sich nicht weiter, denn immer steiler und schlüpfriger wurde der Paß, und sie schützte sich nur dadurch vor dem Ausgleiten, daß sie sich rechts und links mit den Händen an den nassen engen Mauern hintastete. Aber der Gang nahm kein Ende. Weiter getraute sie sich nicht; wenn sie nun den Rückweg nicht mehr fand und hier um Hülfe rufen mußte!

Da war es ihr, als ob sie einen schmalen Lichtstrahl an der Wand bemerke. Die Stelle konnte kaum noch drei Schritt von ihr entfernt sein, bis dahin wollte sie noch vordringen, aber weiter nicht; es schnürte ihr das Herz zusammen, daß sie kaum mehr athmen konnte. Wie steil und häßlich das hier nieder ging, und wie tief mußte sie schon unter der Erde sein! Doch jetzt hatte sie die Stelle erreicht, und als sie ihre Hand an die Wand legte, fiel ihr das Licht auf die Finger. Sie bog sich noch etwas weiter vor, um zu sehen, woher es käme, und erkannte plötzlich, daß der Strahl aus einem tiefen Gewölbe herausschimmerte, von dem sie nur eine dünne Mauer schied, aus welcher jedenfalls ein Stein herausgebrochen sein mußte.

Die Breite des Durchbruchs verhinderte aber immer noch, daß sie mehr als den oberen Theil des unterirdischen und jetzt matt erleuchteten Gewölbes erkennen konnte, und erst als sie sich mit den Händen anklammerte und dadurch emporhob, durfte sie einen Blick hinabwerfen. Aber selbst dann begriff sie noch nicht gleich, was da unten vorging, denn sie bemerkte wohl die drei Männer, die an einem Tisch standen, sie sah auch, daß der eine von ihnen, jener Fremde, mit einer Art von Maschine beschäftigt war, die vor ihm stand, allein, was sie trieben, begriff sie nicht und schaute nur neugierig und erstaunt in das Gewölbe hinab. Da unten die Männer schienen eifrig bei ihrer Arbeit und zwar der Fremde und ihr Bruder, während der Vater daneben stand, als ob er etwas erwartete. Jetzt wurde eine große Schraube, wie an einer kleinen Art Weinkelter, aufgedreht und der Fremde nahm dann ein Papier heraus, welches er dem alten Manne hinhielt, der es eine ganze Weile prüfend betrachtete und dann auch das Licht hindurch scheinen ließ. Endlich sagte er, indem er das Blatt dem Sohn hinreichte:

„Die werden ganz vortrefflich; viel besser, als ich erwartete, und ehe sie die herausfinden, können wir unser Schäfchen im Trocknen haben. Sind denn noch viele von den Oesterreichern da?“

„Noch wenigstens zehntausend Gulden,“ erwiderte der Fremde.

„Schade,“ sagte der Alte, „aber wir dürfen keine mehr davon ausgeben, denn sie haben in ganz Deutschland Alarm damit geschlagen und in Holland kennt sie jedes Kind. Die mögen lieber ein paar Jahr liegen, bis der Lärm vorüber ist, nachher kann man’s immer wieder einmal damit versuchen, jetzt wär’s zu gefährlich.“

Der Rosel war es, als ob sie Jemand bei der Kehle habe und würge, so verging ihr der Athem, als ihr die Ahnung dessen kam, was da unten getrieben wurde -- Banknotenfälschung, denn sie hatte in ihrem Leben zu viel mit Geld zu thun gehabt, um das nicht rasch zu begreifen und zu fühlen, wie fürchterlich, wie entsetzlich es sei.

„Mit den hessischen Noten,“ lachte der Fremde wieder, „ist es doch ganz famos gegangen, mit denen haben wir das beste Geschäft gemacht.“

„Ja,“ nickte der Alte, „und kein Teufel würde dahinter gekommen sein, wenn der eine Grundstrich am ~B~ ein klein wenig stärker gewesen wäre. Sollte sich dem nicht noch nachhelfen lassen?“

„Das geht nicht mehr,“ sagte der Andere kopfschüttelnd, „überdies ist jetzt auch der Verdacht darauf gelenkt, und wir dürfen uns keiner unnöthigen Gefahr aussetzen.“

Rosel hörte und sah nichts weiter, die Hände erschlafften ihr, sie sank in den steilen Weg zurück und kauerte sich dort minutenlang in Angst und bitterem Weh am Boden nieder. Aber hier konnte sie nicht bleiben, konnte das Schreckliche nicht länger mit ansehen, und sich gewaltsam emporraffend kroch sie mehr, als sie ging, den steilen, häßlichen Weg wieder hinauf, bis sie die gefährlichen Stufen erreichte. Auch diese kletterte sie hinan, fühlte ihren Weg zurück und stand kurze Zeit darauf wieder in der kalten, frischen Nachtluft im alten Burghof. Aber sie zögerte hier keinen Augenblick mehr; fort, nur fort von dem entsetzlichen Ort, war der einzige Gedanke, der sie erfüllte und ihr die Kraft gab, ihre Glieder zu gebrauchen. Fast mechanisch griff sie den draußen am Eingang liegenden Zweig auf, kletterte die Steinstufen hinunter und floh dann, so rasch sie ihre Füße trugen, den steilen, rauhen Pfad hinab.