Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 4

Chapter 43,774 wordsPublic domain

„Zum Doktor schicken? und weßhalb?“ rief aber Peters, indem er sich nach seinen Kleidern umsah, „ich bin so wohl wie ich je gewesen, und will aufstehen. Wenn Jemand zum Doktor gehen muß, kann ich’s selber thun; übrigens, wenn Ihr mich nicht verrückt _machen_ wollt, so erzählt mir jetzt ruhig, was vorgegangen ist, und überlaßt dann das Andere mir. -- Sie Dölzig sind der Vernünftigste von den Beiden, was ist mit mir seit gestern Abend geschehen, und wo bin ich hier?“

„Ich könnte Ihnen die letzte Frage gleich zuerst beantworten,“ sagte Dölzig ruhig, „aber lassen Sie uns lieber von vorn beginnen, denn ich fange jetzt an, selber zu glauben, daß jener merkwürdige Zufall Ihre Erinnerung für den Augenblick gestört oder doch umflort hat.“

„Merkwürdiger Zufall? welcher?“ sagte Peters.

„Erinnern Sie sich nicht mehr, gestern Ihren Entschluß geändert zu haben, nach Arkansas zu gehen?“

„Keine Silbe,“ rief Peters rasch.

„Auch nicht, daß Sie der Wittwe Reuter einen Heirathsantrag gemacht, als wir, Ohlers, Degmar und ich, mit Ihnen im anderen Zimmer waren, wohinein Sie uns selber riefen?“

„Ich?“ rief Peters erschreckt.

„Und daß wir dann meinen Nachbar, den Friedensrichter Buttler, holen ließen, und der Sie zusammengab?“

„Mich und die Wittwe?“ schrie Peters wieder in äußerstem Erstaunen.

„Und daß, wie er die Worte gesprochen, und Sie der früheren Frau Reuter, jetzigen Frau Doktor Peters die Hand reichten, ein plötzlicher Blutandrang nach dem Kopfe, oder Gott weiß was sonst, Sie erfaßt haben muß, denn Sie brachen zusammen, als ob Sie vom Blitz erschlagen gewesen wären.“

Der Doktor sah den Redenden stier an.

„Bei Gott!“ rief er, „und -- ich glaube Sie haben Recht -- ich fange wirklich an, mich zu besinnen.“ -- Im Geist hatte er sich nämlich diesen immer gefürchteten Augenblick so oft herauf beschworen, und in seine Träume hinein verwebt, daß ihn die Erzählung desselben als _Wirklichkeit_ gar nicht mehr so sehr überraschte. -- „Merkwürdig! merkwürdig! Oh meine Ahnung! Siehst Du, Ohlers, habe ich damals nicht Recht gehabt -- und Du lachtest?“

Ohlers mußte jetzt mit aller Gewalt, deren er fähig war, zurückhalten, daß er nicht in diesem Moment wirklich herausbrach, aber Dölzig kam ihm zu Hülfe und fiel rasch ein:

„Sie können sich unseren Schrecken denken. Von den übrigen Gästen waren noch einzelne da, die wir doch nichts wollten merken lassen, wir trugen Sie deßhalb rasch in Frau Reuters Schlafzimmer“ -- der Doktor warf still und hochaufathmend den Blick umher -- „und die Angst der armen Frau kann ich Ihnen gar nicht beschreiben,“ fuhr Dölzig fort -- „aber Gott sei Dank, daß jetzt Alles so gut vorübergegangen ist. Sie sind wirklich mit einem blauen Auge davon gekommen, Peters.“

„Merkwürdig, merkwürdig“ sagte immer noch, leise vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd, der Doktor, „und so wäre ich eigentlich verheirathet, ohne daß ich selber etwas davon wüßte.“

„Aber Sie sagten ja eben, daß Sie sich darauf besinnen.“

„Ja, aber nur dunkel, ganz dunkel, und wo ist die Frau Reu -- wo ist meine Frau?“

„Draußen,“ sagte Ohlers, „und in Todesangst, daß der Anfall böse Folgen für Dich haben könnte.“

„Gute Frau,“ murmelte der Doktor leise vor sich hin, „aber Kinder -- thut mir den Gefallen und geht auf einen Augenblick hinaus, daß ich aufstehe und mich ankleiden kann, mir schwindelt der Kopf noch; ich muß mich erst mit kaltem Wasser waschen, daß ich wieder ordentlich zur Besinnung komme. Sowie ich fertig bin, ruf ich Euch.“

Die Verbündeten waren froh, jetzt fortzukommen, denn Degmar besonders konnte sich kaum länger ernsthaft halten. Der Doktor aber stand auf, wusch sich und zog sich an, und wollte dann eben an der Klingel ziehen, als es wieder an die Thür klopfte.

„Herein.“

Es war Ohlers.

„Hör einmal, Peters,“ sagte der Apotheker, und legte dem Doktor seine Hand auf die Schulter, „ich habe eben mit Deiner Frau gesprochen.“

„Mit _meiner_ Frau, Ohlers?“ flüsterte Peters, und ein leises Lächeln flog über seine Züge, „ich kann Dir gar nicht sagen, wie sonderbar das klingt.“

„Na natürlich ist Dir der Ehestand noch neu,“ meinte der Apotheker, „aber -- Du kennst ja die Frauen. Mit der Civilehe ist es eine recht schöne Sache, aber wenn sie den Pfaffen nicht doch noch dabei haben, glauben sie, daß die Geschichte nicht ordentlich geleimt und verkittet wäre. Außerdem mit dem Zufall gestern Abend -- wenn auch Alles in Ordnung ist -- und so läßt sie Dich fragen, ob Du etwas dagegen hättest, wenn wir heute Morgen -- nachdem Ihr doch nun vor dem Friedensrichter gestanden und die Sache eigentlich abgemacht ist -- noch einmal die kirchliche Trauung vornähmen. Wir Alle wissen ja recht gut, daß es nicht nöthig ist, aber lieber Gott, die Frau beruhigt’s.“

„Ich habe auch nichts dagegen, Ohlers,“ sagte Peters freundlich, „ja ich will Dir aufrichtig gestehen, daß ich, während Ihr unten waret, schon selber daran gedacht habe, und Frau -- und meine Frau darum bitten wollte. Das Verhängniß ist gesühnt -- ich _wußte_, welcher Gefahr ich ausgesetzt war, und glaubte nie, daß sie so leicht an mir vorübergehen würde. Jetzt ist es geschehen, und es würde mir selber zur Beruhigung gereichen, nicht blos die dunklen, unbestimmten Umrisse meiner Trauung im Gedächtniß zu bewahren, sondern die feierliche Handlung auch bei vollem Bewußtsein noch einmal durchzumachen.“

„Bravo,“ sagte Ohlers, vergnügt in die Hände schlagend. „Umbreit ist schon unten, in einer halben Stunde kann Alles abgemacht sein, und weißt Du, was Ihr dann thut? Dann setzt ihr Euch auf den Dampfer Dayton und macht eine kleine Vergnügungstour nach Cincinnati oder St. Louis, oder wo Ihr sonst hin wollt, wir werden indessen schon hier zu Rechtens sehen, daß im Lindenbaum Alles seinen ruhigen Gang geht. Wie? hab’ ich Recht?“

„Guter Ohlers,“ sagte Peters, der tief gerührt schien, „mach und ordne Du Alles an, wie Du es willst, ich füge mich Dir ganz, denn ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst.“

„Noch einmal Bravo,“ sagte der Apotheker, dem Doktor die Hand reichend, „und darauf kannst Du Dich verlassen, mein alter Junge, denn gerade _weil_ wir es gut mit Dir meinen, haben wir Dir ja auch so zugeredet. Jetzt überlaß nur Alles mir -- bleibe noch einen Augenblick hier oben, aber komm mit in das andere Zimmer herüber, denn Deine Frau muß sich auch ein wenig anziehen, und bis zum Frühstück soll Alles abgemacht sein.“

Ohlers hatte nicht zu viel versprochen; er trieb nach allen Seiten, und während die Frau ihre Toilette machte, richtete er in einem der Gastzimmer einen kleinen Altar her, an dem die heilige Handlung ohne Schwierigkeit und mit Anstand vollzogen werden konnte. Degmar besorgte indessen Blumen und sonstige Ausschmückung, Dölzig ging nach Haus, um seine Frau und Schwägerin, die eine zur Zeugin, die andere zur Brautjungfer abzuholen, und um halb elf Uhr führte er den kleinen Zug in feierlicher Prozession in das wirklich festlich hergerichtete Gemach hinüber.

Pastor Umbreit war dabei ebenfalls ein durchaus praktischer Mann, der sich nie lange bei der Vorrede aushielt. Die Trauungsrede, die er hielt, dauerte nicht länger als jede Trauungsrede eigentlich dauern _sollte_, etwa zehn Minuten, denn was ihnen der Geistliche sagen könnte, wissen die Brautleute schon außerdem, und haben es sich selber oft genug gesagt, und jetzt zum ersten Mal, nachdem sie die von Umbreit selber mitgebrachten Ringe gewechselt und der Segen über sie gesprochen worden, umfaßte Peters seine erröthende Frau, drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn und flüsterte ihr zu, daß er sich recht -- recht glücklich fühle, und sein ganzes Leben daran wenden wolle, sie ebenso glücklich zu machen, und ihr für ihre Liebe zu danken.

Nach der Trauung wurde ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen, dann ging Peters nach Hause, packte einen kleinen Koffer und schickte ihn auf den Dampfer Dayton. Vom Lindenbaum aus geschah ein Gleiches, und um ein Uhr Mittags, während das Gerücht der Trauung Pittsburg in Erstaunen setzte, und ehe noch irgend ein neugieriger Bekannter oder Stammgast anfragen und die Neuverlobten stören konnte, fuhren sie, nur von Degmar begleitet, den „schönen Strom“ hinab der „Königin des Westens“, Cincinnati, zu.

Drei Wochen blieben sie auf Reisen, und als Peters endlich mit seiner jungen Frau zurückkehrte, war er ein ganz anderer Mensch geworden. Er sah wirklich um zehn Jahre jünger aus, und mit der Gesundheit schien auch sein fröhlicher heiterer Sinn zurückgekehrt.

Von da an übernahm er die Wirthschaft, die sich bald zu einer der bedeutendsten in ganz Pittsburg hob, denn in dem Geschäft befand er sich wirklich in seinem Element. Auch seine abergläubischen Neigungen -- wenn sie auch nicht schwächer wurden, nahmen doch nie wieder einen seiner Ruhe gefährlichen Charakter an. Aber er erfuhr auch nie, wie er damals von den Freunden überlistet worden -- schon seiner wackeren Frau zu liebe beobachteten diese unverbrüchliches Stillschweigen. -- Jetzt sind Beide todt. Die „Frau Doktorin,“ wie sie immer in der Stadt genannt wurde, starb vor etwa drei Jahren, und Peters überlebte sie nur um etwa zehn Monate, nachdem er ihr Andenken oft und oft gesegnet. Dadurch wurden auch die damaligen Verbündeten ihres Wortes entbunden, sie haben aber nie die gebrauchte List zu bereuen gehabt. Denn eine glücklichere Ehe als sie Peters mit seiner Frau die langen Jahre führte -- hat es wohl kaum je gegeben.

Ruine Wildenfels.

Erstes Kapitel.

In Wellheim.

In Wellheim, einem kleinen, reizend gelegenen Städtchen am Rhein, war heute die Lese beendet worden und so reichlich ausgefallen, daß allgemeiner Jubel im Orte herrschte. Die Sonne hatte auch den ganzen Sommer und Herbst tüchtig auf die vollen, prachtvoll gebräunten Trauben niedergebrannt, und man durfte auf einen Wein rechnen, der sich den besten Jahrgängen an die Seite stellen konnte. Was Wunder denn, daß man mit dem „alten“ Stoff aufzuräumen suchte, und die ziemlich zahlreichen Wirthshäuser in dieser Zeit von munteren Zechern gefüllt waren.

Wellheim lag unmittelbar am Ufer des herrlichen Stromes an einem außerordentlich sonnigen und günstigen Hang, und dicht darüber, so daß man es selbst bergauf bequem in einer halben Stunde erreichen konnte, stand eine jener alten, prächtigen Ruinen -- früher die Geißel, jetzt die Zierde des Landes -- und schaute mit ihren weiten öden Fensterhöhlen träumend auf das zu ihren Füßen ausgebreitete wunderschöne Thal hinab.

Schade freilich, daß das alte Schloß so gar verfallen und vernachlässigt war! Da auch dichtes Gebüsch umherwucherte und die alten, steinernen Treppen im Innern dem Einsturz drohten, so daß nur manchmal leichtsinnige junge Touristen das Wagstück versuchten, auf ihnen hinauf zu klettern und die Aussicht von da oben zu genießen, wurde die Ruine nur in seltenen Fällen einmal flüchtig von Fremden besucht. Die Bewohner von Wellheim kamen überdies nicht hinauf, und so wusch denn auch mit den Jahren der Regen den steilen, nie ausgebesserten Pfad, der zu der Ruine führte, so aus, daß es zuletzt ein eben solches Kunststück wurde, ihn zu erklimmen, wie die schon halbzerstörten Treppen im Innern des alten Schlosses zu besteigen.

Etwas hatte die Burg aber, wie so viele jener romantischen Stellen am Rhein: ihren Privat-Geist nämlich, und mit den Jahren, da man durchreisenden Engländern doch etwas erzählen mußte, bildete sich eine ordentliche kleine Sage aus.

Dieser zufolge sollte Hugo von Wildenfels, der letzte Raubgraf, der von hier aus in der „guten alten Zeit“ friedliche Bürger überfallen und geplündert hatte, endlich zu einem wunderbar schönen Burgfräulein am anderen Ufer des Rheins in Liebe entbrannt sein und beschlossen haben, seinem ruchlosen Leben zu entsagen. Ob er aber diesen guten und löblichen Vorsatz auch später gehalten haben würde, wenn er seinen Zweck, die Hand der Jungfrau, erreicht, weiß man nicht, denn er war jedenfalls zu spät gekommen. Kaiser und Reich nämlich, der ewigen Klagen müde, sandten ein paar helle Haufen von Rittern und Knappen gegen die Veste, in der sich Hugo von Wildenfels mit großer Tapferkeit vertheidigte. Schließlich jedoch, ob durch List oder Gewalt, sagt die Chronik nicht, drangen die Belagerer in die Burg und übten Vergeltung für jahrelangen Frevel. Während man den „rothen Hahn“ auf’s Dach derselben pflanzte, wurde der Raubritter gefesselt in seinen eigenen Hof geführt und dort, beim Schein der auflodernden Flammen, enthauptet, der Körper aber nachher nicht begraben, sondern in ein brunnenartiges Burgverließ geworfen, in welchem der Lebende viele unglückliche Opfer hatte verschmachten lassen.

Das war das Ende des tapferen Hugo von Wildenfels, das irdische wenigstens, denn es scheint, als ob ihn seine guten Vorsätze nicht im Grabe ruhen ließen. Zu gewissen Zeiten im Jahre sollte er wenigstens gesehen sein, wie er auf der hinausstarrenden Zinne seines verödeten Schlosses stand und den eigenen Kopf hoch in der Hand nach jener Burg hinüberhielt, in welcher die Auserwählte seines Herzens gewohnt. Ob er sich, indem er ihr den abgeschlagenen Kopf zeigte, damit entschuldigen wollte, daß er sein Wort nicht eingelöst und sie heimgeholt -- und allerdings konnte ein solcher Fall als genügender Entschuldigungsgrund gelten -- ob er, einem höheren Willen folgend, als abschreckendes Beispiel herumgehen mußte und deßhalb nicht die ewige Ruhe fand, man weiß es nicht. Soviel aber ist sicher, daß es keine alte und vielleicht auch wenige junge Frauen in Wellheim gab, die nicht fest daran geglaubt hätten, daß der kopflose Hugo von Wildenfels noch heutigen Tags -- oder vielmehr Nachts -- dann und wann erschien, und man hätte Manchen im Ort finden können, der bereit gewesen wäre selber zu beschwören, daß er das entsetzliche Gespenst mit eigenen Augen gesehen.

Uebrigens schien der Ritter seine alte, unheilvolle Thätigkeit jetzt wirklich eingestellt zu haben, denn wenn er sich einmal wieder auf seiner Zinne irgend einem Nachtwandler zeigte, so bedeutete das, wie man sich im Volk erzählte, jedesmal ein gutes Weinjahr, und die Kunde wurde darum immer mit Freuden begrüßt. Drehte sich doch die ganze Existenz der Leute um den Wein.

So war er auch heuer, und sogar zwei Mal, von zwei verschiedenen Leuten gesehen worden; und wie hatte er dabei seinen Ruf bewährt! Es gab gar nicht genug Gefäße im Orte, um nur den süßen Most zu fassen, und der alte Wein schlechterer Jahrgänge wurde um einen Spottpreis verkauft, nur um das Faß zu frischem Gebrauch frei zu bekommen.

Es dämmerte, und im „Burgverließ“, einer kleinen, aber sehr stark besuchten Weinschenke in Wellheim, hatte sich schon ein Theil der Stammgäste eingefunden, um dort, wie sie sich ausdrückten, „ihren Schoppen“ zu trinken. Das Wort „Schoppen“ ist freilich gefällig, denn es enthält gleich im Singular seinen Plural, und daß es nicht bei einem, auch wohl nicht bei drei und vieren blieb, ist sicher.

Trotz der wachsenden Beschäftigung in der Wirthsstube schien aber Rosel, des Wirthes liebliches Töchterlein, doch einen Augenblick Zeit gewonnen zu haben, auf den Hof hinaus zu eilen und ein paar Worte mit einem jungen Mann zu wechseln, der dort jedenfalls auf sie gewartet haben mußte. Sie fürchtete sich auch gar nicht vor ihm, sondern legte ihr Köpfchen ganz vertrauensvoll an seine Brust und litt es, daß er ihr wieder und immer wieder die Stirn küßte; aber es war ihr doch nicht freudig dabei zu Muthe, denn große helle Thränen standen ihr in den Augen und rollten dann schwer an den Wangen hinab auf ihr Mieder.

Endlich, während er ihr liebe und gute Worte zugeflüstert, wand sie sich aus seinem Arme.

„Ich muß fort, Bruno,“ sagte sie, sich mit der Schürze die verrätherischen Thränen abtrocknend, „Du weißt, der Vater will es nicht leiden, daß ich mit Dir spreche, und das Zimmer ist auch voller Gäste, so daß die Bärbel gar nicht mit ihnen fertig wird, und mehr kommen noch. Ein ganzes Boot voll ist den Nachmittag den Rhein hinaufgefahren, Alle wollten heut Abend bei uns einkehren.“

„Drei Tage hab’ ich Dich jetzt nicht gesehen, Rosel, und kaum drei Minuten kannst Du mir schenken,“ klagte der junge Mann; „das ist recht hart.“

„Aber Du weißt ja doch, daß es nicht von mir abhängt, Bruno,“ bat das Mädchen, „mir thut’s ja selber weh genug, aber kann ich es ändern? Leb’ wohl, ich bleib’ Dir gut, das ist sicher und Du hast mein Wort; nun hab’ Geduld, und vielleicht wird Alles noch besser, als wir denken.“

„Besser als wir denken,“ seufzte der junge Mann; „o, wenn ich Dich hier fortnehmen, wenn ich Dich zu meiner Mutter bringen dürfte, daß Du nur der Gesellschaft erst enthoben wärest!“

„Hab’ nur keine Sorge um mich, Bruno,“ lächelte das junge Mädchen wohl freundlich, aber zugleich auch recht wehmüthig, „ich bin hier schon gut genug aufgehoben. Schau’ nur, daß Du was schaffst und vor Dich bringst, ich halt’ treulich aus.“

„Und Dein Bruder --“

„Er ist nicht so schlimm, wie Du denkst,“ sagte das Mädchen treuherzig, „ein bischen roh wohl, lieber Gott, er hat sich lange in der Welt umhergetrieben, und daß ich den Menschen nicht heirathen will, den er mir zugedacht, mag ihm auch ein wenig in die Krone gestiegen sein, aber sie kennen die Rosel -- er und der Vater -- und wissen, daß sie, wenn sie ’mal was gesagt hat, nie im Leben davon abzubringen ist, mag’s nun biegen oder brechen.“

„Sie werden Dir so lange zureden --“

„Hab’ keine Angst, da zu dem Ohr geht’s hinein und zu dem wieder heraus; in’s Herz hinunter kommt nichts, verlaß Dich darauf. Aber jetzt muß ich fort, Jesus Maria, der da drinnen reißt mir noch die Klingel ab. Es sind gewiß mehr Leute gekommen. Leb’ wohl, Bruno --“

„Und wann seh’ ich Dich wieder?“

„Bist Du morgen Abend noch hier?“

„Ja, aber den ganzen Tag soll ich --“

„Sei morgen früh um neun Uhr auf dem Wege nach der Ruine, vielleicht mach’ ich’s möglich, daß ich ein halb Stündchen abkomme. Die Leut’ haben jetzt Werkeltags viel zu thun und da giebt’s bei uns mehr Zeit. So, schütz’ Dich Gott, Bruno,“ und ihm die Lippen zum Kuß hinhaltend, wand sie sich rasch aus seinem Arm und verschwand im Haus. Aber sie sollte nicht unbemerkt wieder in’s Schenkzimmer schlüpfen, denn ihr Vater, der eben mit einem großen Krug voll Wein aus dem Keller trat, stand im Flur und sagte finster:

„So? Hatt’ ich Dir’s nicht verboten, Dich mit dem adligen Hungerleider wieder einzulassen? und bist Du jetzt nicht draußen auf dem Hof bei ihm gewesen? Durch die Kellerluke hab’ ich Euch gesehen.“

„Was kann er dafür, daß er adlig ist, Vater!“ sagte das Mädchen; „wenn wir das kleine Von vor unserm Namen trügen, wär’ ich auch unschuldig daran.“

„Aber er hat nichts als seinen Dünkel im Kopf,“ brummte der Wirth, „und seiner Sippschaft sind wir ebenfalls ein Dorn im Auge.“

„Wenn er stolz wäre, hielt er doch nicht um die Wirthstochter an,“ sagte das Mädchen.

„Soll mich wohl noch bei dem Schreiber bedanken, daß er sich hier in ein warmes Nest zu setzen denkt?“ knurrte der Wirth, „und kurz und gut, ich leid’s nicht, daß Du zu ihm hältst. Er ist nicht stolz, Gott bewahre, und als ich ihm anbot, er sollte hier bei mir eintreten und die Wirthschaft lernen, was antwortete er da? Das dürfe er seiner Familie nicht zu Leide thun. Ei, zum Geier! sie haben das Brod kaum, was sie essen, und die alte, hochnäsige Baronin schleppt das alte, schwarze Seidenkleid schon so lange, daß man jeden Faden daran erkennen kann; aber versteht sich, Seide muß es sein und Spitzen drum herum und Blumen und Federn auf dem Hut. Kommt er mir noch einmal über die Schwelle, Gott straf’ mich, wenn ich ihm nicht schneller hinaushelfe, als er eingetreten ist.“

„Aber Vater --“

„Jetzt marsch, fort mit Dir, da drinnen sitzt die Stube voll Gäste und Du treibst Dich indessen draußen im Hof mit dem Lump herum; mach’, daß Du hineinkommst, und nimm den Krug mit -- es ist guter.“

Rosel zögerte einen Moment; das Blut hatte bei den letzten Worten ihre Wangen verlassen und ein eigenes Feuer glühte aus den dunklen Augen des Mädchens -- aber es war ja ihr Vater -- sie durfte sich ihm nicht widersetzen. Nur mit einem schweren, recht aus voller Brust herausgeholten Seufzer nahm sie den Krug auf und ging an ihre Arbeit, während der Wirth, Paul Jochus, langsam und sich selber wenig genug um die zahlreichen Gäste kümmernd, in seine eigene Stube hinaufstieg und sich dort einschloß.

Paul Jochus hatte eigentlich eine recht lange Zeit keinen besonders guten Ruf in Wellheim gehabt, und gesellig verkehren mochten selbst jetzt noch nur Wenige mit ihm. Er war rauh in seinem Wesen und verschlossen, mit der üblen Angewohnheit dabei, daß er, wenn er mit Jemandem sprach, ihm nie in’s Auge, sondern immer bald auf die rechte, bald auf die linke Schulter sah. Außerdem blieb es in der kleinen Stadt, wo derartige Familienverhältnisse nicht geheim gehalten werden können, eine bekannte Thatsache, daß er seine verstorbene Frau, ein liebes, sanftes Wesen, stets roh und unfreundlich behandelt hatte, so daß sie sich, auch noch von Nahrungssorgen gequält, langsam aber sicher zu Tode grämte.

Es mußte damals in der That mit Paul Jochus’ Verhältnissen scharf bergunter gegangen sein; er hatte gespielt und viel Geld verloren und sich dann dermaßen dem Trunk ergeben, daß sämmtliche anständige Gäste sein Haus mieden und schon das Gerücht in der Stadt ging, das „Burgverließ“ würde nächstens von Gerichtswegen öffentlich versteigert werden, nur um die aufgelaufenen Schulden zu bezahlen.

Sein Sohn erster Ehe, Franz, war inzwischen draußen in der Fremde gewesen; er hatte sich mit der Stiefmutter nicht vertragen können, weil ihm diese das nicht wollte hingehen lassen, was sie bei dem Gatten nicht hindern konnte. Er war Künstler geworden, wie er sich nannte, als er zurückkam, Kupferstecher und Lithograph, und beabsichtigte, sich jetzt am Rhein niederzulassen.

Da starb die Mutter, und erst nach ihrem Tode mochte Paul Jochus wohl fühlen, was er an ihr gehabt, was er an ihr gesündigt, denn er ging eine Weile wie gebrochen umher und hatte dabei das Trinken fast ganz aufgegeben. Er sah auch wieder fleißig nach seiner Wirthschaft, und wenn auch noch immer nur sehr wenig Gäste bei ihm einsprachen, schien es doch als ob sich seine Umstände von Tag zu Tag wieder besserten. Vom Verkauf des Grundstücks war keine Rede mehr, ja sogar die aufgelaufenen Schulden wurden nach und nach abbezahlt, und da Rosel indeß herangewachsen war und dem Schenkzimmer selber vorstehen konnte, zog sie durch ihr freundliches Wesen bald wieder eine Menge Gäste in’s Haus, doch ohne sich je das Geringste gegen einen derselben zu vergeben. Ueberhaupt hatte das junge Mädchen trotz ihres zarten Alters etwas ungemein Bestimmtes in ihrem ganzen Wesen, und die Wellheimer wußten, was sie sagten, wenn sie die Rosel „ein wahres Prachtmädel“ nannten.

Wo nur der Jochus das viele Geld herbekam? So viel warf die Wirthschaft doch nicht ab, das konnten sie ihm recht gut nachrechnen, und in den letzten zwei Jahren hatte er sich ein Stück Weinberg nach dem andern gekauft. Einige sagten zwar, der Sohn habe Geld mit aus der Fremde gebracht; Andere wollten behaupten, der alte Jochus hätte eine Erbschaft gemacht -- wo es aber auch herkam, von Jochus selber erfuhren sie es nicht, denn der war eher noch verschlossener als sonst, aber jetzt auch, was sich nicht läugnen ließ, ein vollkommen anderer und ordentlicher Mensch geworden. Wenn er mehr Geld hatte als früher, verthat und verpraßte er es nicht, sondern legte es auf vernünftige Weise an, und da er keiner Seele mehr etwas schuldete, brauchte sich auch Niemand darum zu kümmern, woher ihm seine Mittel flossen.