Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 3
Zu dem Zwecke hatte er sich auch mit dem Doktor Peters verabredet, am Sonntag Abend vorher ihren gemeinschaftlichen Freunden einen Abschiedsschmauß zu geben, und der Doktor war damit vollkommen einverstanden. Es handelte sich nur noch darum: in welchem Lokal, denn anfangs weigerte er sich entschieden, diesen „Lebensabschnitt“ im Lindenbaum zu feiern. Ohlers aber und Alle, die er darüber sprach, erklärten ihm auf das Bestimmteste, daß er gar keinen andern Ort wählen _könne_, als den, wo sie schon so viele vergnügte Abende mitsammen verlebt, daß wenigstens Keiner von ihnen Allen einen andern besuchen würde, da sie nicht Willens wären, die Frau Reuter bis auf’s Blut zu kränken.
Degmar selber entschied sich ebenfalls für den Lindenbaum; er habe, wie er meinte, noch kein anderes Wirthshaus hier in Pittsburg betreten, und wolle damit nicht den letzten Abend anfangen; es sei auch schon alles dort bestellt, und wolle der Doktor absolut keinen Theil daran nehmen -- und er begreife nicht, was er gegen den Lindenbaum habe -- so möge er es auch selber dort absagen.
Der Doktor sah sich überstimmt -- und ließ sich vielleicht gern überstimmen -- zog es ihn doch selber noch einmal zum alten Platz, und Abschied von der Frau Reuter hätte er ja überdies nehmen müssen. Er konnte doch die Stadt nicht verlassen, ohne sie noch einmal gesehen zu haben.
Dabei blieb es also. Sonntag Abend um sieben Uhr sollten sie dort zusammen kommen -- Montag Mittag ging der Dayton, ein kleiner guter Dampfer, den Strom hinab bis Cairo, an der Mündung des Ohio in den Mississippi, und auf dem wollten dann Beide zusammen Passage nehmen. In Cairo fanden sie nachher jeden Tag Gelegenheit, mit einem der Mississippidampfer entweder nach St. Louis gen Norden oder nach Arkansas gen Süden weiter zu fahren.
Der Sonntag kam, und in dem Hause der Frau Reuter herrschte eine ganz ungewöhnliche Thätigkeit, denn nicht allein wurde hergerichtet, was Speisekammer und Küche vermochten, sondern die Wirthin selber schien außerordentlich erregt und kam den ganzen Tag nicht von den Füßen.
Erst hatte sie dabei mit dem Herrn Ohlers eine lange Zusammenkunft, dann, nach der Kirche, mit dem Pastor Umbreit, der endlich auch einer günstigeren Auffassung der Sache gewonnen schien. Hatte er doch den Doktor selber ein paar Mal in seiner Krankheit besucht, auch einmal eine Nacht bei ihm gewacht und sich dabei wohl überzeugen können, wie schwer der unglückselige Wahn auf seinem Geist lag, und wie unmöglich es sein würde, ihn auf gewöhnlichem Wege zu bannen. Er selber weigerte sich allerdings auf das Entschiedenste, mit dem eigentlichen Plan irgend etwas zu thun zu haben -- wenn auch nichts weniger als bigott, durfte er das schon seiner Stellung wegen nicht, der Gemeinde gegenüber, wie aber jetzt alles modificirt worden, hatte er wenigstens nichts mehr dagegen einzuwenden, und glaubte selber, daß es zum Guten ausschlagen könne, noch dazu, da ihm die Frau erklärte, sie sei dem Doktor wirklich von Herzen gut, und wolle selbst der Gefahr trotzen, ihren guten Ruf zu gefährden, nur um ihn wieder gesund und vielleicht glücklich zu machen.
So rückte der Abend heran, und eine der Hinterstuben des Hauses war für die heutige kleine Gesellschaft hergerichtet, damit sie nicht im gewöhnlichen Gastzimmer durch zufällig eintreffende Fremde gestört würden. Die Gesellschaft hatte es sich aber ausbedungen, daß Frau Reuter heute Abend selber an ihrem Tische präsidiren müsse, die beiden scheidenden Gäste saßen dann -- der Doktor an ihrer Rechten und Degmar an ihrer Linken -- Ohlers hatte seinen Platz neben dem des Doktors belegt, Pastor Umbreit saß der Wittwe gegenüber, am andern Ende der Tafel.
Ohlers hatte die Zettel geschrieben und die Plätze geordnet. Er war mit Degmar noch allein im Zimmer.
„Hören Sie einmal, Degmar,“ sagte er, als das Mädchen, das eben eine Anzahl Gläser herein gestellt hatte, wieder hinaus gegangen war, „wissen Sie wohl, daß ich jetzt verfluchtes Herzklopfen kriege? Es ist doch eigentlich eine verwünschte Geschichte, und wenn es schief geht, kann ich nur meine Apotheke verkaufen und auswandern, denn hier im Lindenbaum dürft’ ich mich nicht wieder blicken lassen.“
„Ach was schief gehen,“ lachte Degmar -- „einen Hauptspaß giebt’s, und das Einzige, was mir leid thut, ist, daß ich morgen früh nicht die erste Scene mit erleben kann.“
„Ja,“ sagte Ohlers, „Sie haben gut lachen, Sie scheeren sich den Henker darum. Wenn hier was passirt, schultern Sie Ihr altes Schießeisen und verschwinden im Urwald, aber _wir_ sitzen in der Falle drin, und nachher wär’ der Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.“
„Haben Sie Furcht?“ lachte Degmar.
„Furcht,“ sagte Ohlers verächtlich -- „was heißt Furcht? Wenn ich mich fürchtete, käm’ ich heute dem Lindenbaum nicht zu nahe, und da liegt mein Couvert. Das Einzige, wovor ich mich wirklich fürchte, ist, daß ich mich blamire, und das wäre eine ganz nichtswürdige Pastete -- ich würde hier in Pittsburg meines Lebens wahrhaftig nicht wieder froh. -- Aber es kann jetzt nichts mehr helfen,“ setzte er mit einem Seufzer hinzu -- „der Stein rollt, und wir müssen ihn eben laufen lassen.“
Der Stein rollte wirklich, denn in diesem Augenblick kam der Doktor selber, etwas verlegen zwar, da er sich hier so lange nicht hatte blicken lassen, aber doch vollkommen entschlossen, heute, am letzten Abend, noch ein fröhliches Gesicht zu zeigen, und Niemanden merken zu lassen, wie weh und unbehaglich ihm eigentlich zu Muthe sei. In Wirklichkeit war ihm aber ebenso zu Sinne, wie dem „Peter in der Fremde“ beim Auswandern, und er fürchtete sich selber vor einem Kreuzweg; aber es half jetzt einmal nichts: er hatte seinen Entschluß gegen alle seine Freunde ausgesprochen, die Vorkehrungen waren getroffen worden, und nach dem heutigen Abschiedsessen hätte er doch überdies nicht länger in Pittsburg bleiben können, ohne sich lächerlich zu machen. -- Nur ein wenig rasch war es ihm selber vorgekommen -- etwas zu rasch. Ein paar Tage würde er vielleicht noch zugegeben haben, aber der verwünschte Degmar trieb ja so und schien so entsetzliche Eile zu haben, daß er sich selber verleiten ließ, ihm die Zusage seines Mitgehens zu geben. Jetzt war es geschehen, an der Sache nichts mehr zu ändern -- und es war auch vielleicht das Beste so, denn was hätte längeres Zögern überhaupt noch genützt.
Am Peinlichsten war ihm das erste Begegnen mit der Frau Reuter, denn er fürchtete, daß sie ihm Vorwürfe seines langen Ausbleibens wegen machen werde -- aber nichts derartiges geschah. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn wie immer, und frug ihn nur nach seiner Gesundheit, und ob er sich jetzt wohl und kräftig genug fühle, eine so weite Reise anzutreten.
Bald kamen auch die übrigen Gäste hinzu, und Peters, der die ganzen letzten Wochen ein wahres Einsiedlerleben geführt, schien etwas aufzuthauen, als er sich in dem alten befreundeten Kreise befand, und von Allen so herzlich begrüßt wurde. Aber Niemand von Allen spielte auch nur auf die baldige und beabsichtigte Trennung an. Es war, als ob sie nur einfach einmal hier, wie vor alten Zeiten, wieder zusammen gekommen wären, und keinen weiteren Zweck hätten, als sich zu amüsiren -- wer dachte da an Abschiednehmen oder sonst etwas Trauriges.
Und jetzt wurde die Mahlzeit aufgetragen, und die Köchin hatte sich heute wirklich selber übertroffen, denn Alles, was Wald, Feld oder Strom bot, und sonst käuflich in der Stadt gewesen war, prangte auf der unter ihrer Last fast brechenden Tafel. Trotzdem blieb die Unterhaltung im Anfang sehr einsilbig, denn alle die Hauptpersonen, die sonst Leben und Bewegung in das Ganze gebracht, saßen heute still und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und mußten ordentlich geweckt werden, um nur eine an sie gerichtete Frage zu beantworten.
Der junge Degmar schien noch der Einzige, dem man eine innere Aufregung nicht anmerken konnte, und er wußte auch Ohlers zuletzt so aufzurütteln, daß er sich wenigstens gewaltsam zusammen nahm. War es doch den anderen Tischgästen schon aufgefallen, denn daß der Abschied des Doktors ihn nicht so niedergedrückt haben konnte, lag auf der Hand.
Der Doktor war der Stillste von Allen und augenscheinlich gerührt. Seine Nachbarin hatte ihn nach dem Verlauf seiner letzten Krankheit, nach seinen nächsten Plänen und Hoffnungen gefragt, und die Augen wurden ihm feucht, wenn er daran dachte, wie er ja _all’_ seinen Hoffnungen und Plänen entsagen müsse, nur des einen entsetzlichen Schreckbildes wegen, das sich drohend zwischen ihn und sein Glück stellte.
Jetzt endlich wurde aber Ohlers wieder warm. Er hatte das erste, unbehagliche Gefühl abgeschüttelt, und nur einmal in Gang gebracht, und er fühlte sich wieder er selber. Selbst den Doktor brachte er zuletzt mit seinen Späßen und Erzählungen zum Lachen, und je mehr der Wein den Gästen in die Köpfe stieg, desto lauter und lustiger wurden sie, und fingen zuletzt an, sich vortrefflich zu amüsiren.
Der Doktor selber hatte anfangs keinen Wein trinken wollen. Dagegen wurde aber augenblicklich Protest eingelegt, ja sein anwesender Arzt, Doktor Becker, erklärte sogar, daß er jetzt tüchtig guten und starken Wein trinken müsse, um wieder zu Kräften zu kommen und die letzten Nachwehen seiner Krankheit los zu werden.
Und der Wein schmeckte ihm -- Ohlers trank ihm wacker zu, und sorgte dafür, daß sein Glas nie leer wurde -- ein Toast nach dem andern wurde ausgebracht, und das Unglaubliche geschah: der Doktor fühlte sich so angeregt, daß er _sang_.
Jetzt hielt es aber Frau Reuter an der Zeit, sich zurückzuziehen; sie stand geräuschlos auf und verließ das Zimmer; die Mädchen wurden ebenfalls abgerufen und einem der Kellner oder ~barkeeper~ die Bedienung der Herren überlassen, und nun begann das eigentliche Gelage, das etwa bis um Mitternacht dauerte, und eine eigene Wirkung auf ~Dr.~ Peters auszuüben schien.
Anfangs war er ganz ausgelassen und lachte und erzählte und sang, Alles durcheinander -- zuletzt fing ihm die Zunge an schwer zu werden. Ohlers mischte ihm ein Glas Limonade, die er auf einen Zug leerte; aber er wurde bald sehr schläfrig. Er setzte sich von der Tafel ab auf das Sopha, und schlug noch eine Weile mit dem rechten Fuß den Takt zu dem Gesang der Uebrigen -- dann lag er ganz still, und zuletzt war er tief und fest eingeschlafen. Niemand bekümmerte sich auch die erste halbe Stunde um ihn, sobald aber Ohlers sah, daß der Kellner beschäftigt war neuen Weinvorrath herbeizuschaffen -- und er selber gab ihm dazu noch verschiedene Aufträge -- winkte er Degmar und Dölzig, und die drei faßten den Schlafenden auf -- allerdings kein leichtes Stück Arbeit, und trugen ihn hinaus.
„Hallo, wo wollt Ihr mit dem Doktor hin?“ lachte Einer der Zechenden.
„Ihn zu Bett bringen -- er liegt hier schlecht,“ sagte Ohlers, „wir sind gleich wieder da,“ und durch die Thür verschwanden sie mit dem Bewußtlosen.
Fünftes Kapitel.
Der nächste Morgen.
Es konnte kaum sechs Uhr am nächsten Morgen sein, als Frau Reuter schon angekleidet unten im Gastzimmer war, und darauf sah, daß Alles wieder in Ordnung gebracht und gelüftet wurde. Auch Geschirr und Messer, Gabeln und Löffel revidirte sie ob nichts fehlte oder verkramt war, und ließ die Weinreste vom letzten Abend dann hinüber in ein besonderes Zimmer stellen.
Noch war sie damit beschäftigt, als Ohlers hereintrat, und eine Tasse Kaffee bestellte.
„Gehen Sie damit in’s Nebenstübchen, Herr Ohlers,“ sagte die Wittwe, „hier ist’s noch zu ungemüthlich -- er soll Ihnen gleich gebracht werden.“
Die Wittwe folgte ihm dorthin, und wie er das Zimmer betrat, frug der Apotheker rasch und leise:
„Schläft er noch?“
„Fest und gut,“ lautete die Antwort, „aber ich sage Ihnen, Herr Ohlers, _mir_ ist zu Muthe, als ob ich sterben sollte.“
„Unsinn,“ sagte der Apotheker. „Sie sollen jetzt erst anfangen zu leben -- aber weiß Ihr Mädchen darum?“
„Natürlich; sie _mußte_ es wissen -- aber ich kann mich auf sie verlassen.“
„Desto besser: die kann uns also gleich helfen.“
„Helfen? mit was?“
„Sollen es gleich erfahren. -- Aber da kommt der Kaffee -- gehen Sie nur langsam voran; ich folge gleich nach.“
Ohlers ließ nicht lange auf sich warten; sobald er die Dienstleute unten wieder beschäftigt sah, stieg er die Treppe hinauf und öffnete leise die Thür des Zimmers, in welchem der Doktor lag.
Es war ein netter, freundlicher Raum -- der Wirthin eigenes Schlafgemach, aber der Doktor war noch nicht erwacht. Er schnarchte leise, und Ohlers winkte der Frau, ihn nicht zu stören. Dann ging er in eines der nächsten Zimmer -- hatte er sich doch gestern schon vortrefflich orientirt -- und bat das auf dem Gang schon wartende Mädchen, das dort stehende Bett mit anzufassen und in das Schlafzimmer des Doktors zu tragen.
„Aber ich bitte Sie um Gotteswillen,“ rief Frau Reuter.
„Bst,“ flüsterte Ohlers wieder mit seinem alten Uebermuth, „verderben Sie uns nicht die ganze Geschichte -- es _muß_ sein, um die Täuschung zu vollenden. Nur leise und vorsichtig, denn wenn er aufwacht, ist Alles verdorben.“
Die Beiden trugen jetzt schnell und geräuschlos das Bett in die andere Kammer -- aber der Doktor schlief noch fest; er athmete schwer und schien zu träumen, denn er hob einmal den Arm empor, ließ ihn aber wieder sinken, und Ohlers drückte sich rasch der Thüre zu. Der Schläfer erwachte aber noch nicht, und einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwerfend ging der Apotheker noch einmal zu dem eben herein geschafften Bett, preßte und schob Decken und Kopfkissen durch einander, als ob Jemand die Nacht darin geschlafen hätte, und der Frau Reuter dann zuwinkend verließ er auf den Zehen das Gemach.
„Und was jetzt?“ frug die Frau, die ihm dort hinaus gefolgt war.
„Jetzt setzen Sie sich ganz ruhig vor Ihre Toilette,“ sagte Ohlers, „und warten bis er aufwacht. Lange kann’s nicht mehr dauern, denn er wird schon unruhig -- das Uebrige wissen Sie. Ist er vollkommen munter, so klingeln Sie nur, wir kommen dann herauf, um Sie zu unterstützen.“
„Oh, wenn _das_ gut abläuft,“ seufzte die Frau.
„Verlassen Sie sich nur ganz auf uns,“ lachte der Apotheker. „_Jetzt_ bin ich in meinem Element, denn das Einzige, wovor ich wirklich Angst hatte, war, daß ihm das gestrige -- das viele Trinken schaden könne. Das ist nicht geschehen; er sieht wohl und munter und schläft sanft -- alles Uebrige ist Nebensache.“
„Und Pastor Umbreit?“
„Kommt um zehn Uhr, machen Sie sich nur keine Sorge, beste Frau Reuter, wir _Alle_ stehen Ihnen bei, und Sie haben nicht das Geringste für sich zu fürchten.“
„Wenn es nur erst vorüber wäre -- oh hätte ich Ihnen doch nicht gefolgt, mich nicht überreden lassen.“
„Fort auf Ihren Posten,“ rief aber Ohlers, sie der Thür zuschiebend. „Sie verderben sonst Alles und haben sich dann die Folgen selber zuzuschreiben.“ -- Damit glitt er die Treppe hinunter und die Frau ging mit schwerem Herzen in das Schlafzimmer zurück, setzte sich dort auf den Stuhl vor ihrem kleinen Toilettspiegel, und löste sich die Haare auf, die sie dann kämmte und wieder zu flechten anfing. Erst wie sie so weit war, warf sie eine kleine Porzellan-Pomadenbüchse auf den Boden nieder, rückte ihren Stuhl etwas laut zur Seite, hob sie auf und fuhr dann, ohne sich umzusehen, in ihrer Beschäftigung fort.
Und wie sanft schlief Peters indessen -- er rührte sich nicht, und nur das tiefe, regelmäßige Athmen seiner Brust verrieth, daß er lebe.
Jetzt fiel die Pomadenbüchse auf die Erde, und er öffnete, wie erschreckt, die Augen, schloß sie aber gleich wieder, noch halb im Schlafe. -- Jetzt wurde der Stuhl gerückt, und nach einer Weile hörte er, wie Jemand leise aber deutlich seufzte.
Doktor Peters war munter geworden, aber er hielt die Augen noch geschlossen, und überlegte sich nur im Stillen, wer denn in seinem Zimmer sein könne. Die Gedanken gingen ihm auch noch bunt und wirr durch den Kopf, denn mit der Erinnerung an seine letzte Krankheit und der damals genossenen Pflege verschwamm in diesem Moment der letztverflossene Abend, dessen Folgen er noch in seinen matten Gliedern fühlte. Er besann sich auch jetzt vergebens darauf, wie er nur möglicher Weise gestern Abend nach Hause gekommen sein könne, und mußte sich gestehen, daß er auch nicht die Spur mehr davon wußte. -- Er war doch nicht etwa betrunken gewesen?
Wieder hörte er einen leisen Seufzer und öffnete jetzt entschlossen die Augen, denn er mußte doch wissen, wer hier in seinem Zimmer zu seufzen hatte. Wie er aber den Kopf drehte, sah er eine Frau vor einem ihm fremden Spiegel sitzen und sich die Haare machen -- und das Zimmer -- wo, um des Himmels willen, war er denn eigentlich?
Wieder schloß er die Augen und fing an sich ernstlich zu besinnen. Wohin konnte er denn nur gerathen sein? war er schon auf dem Dampfboote, das ihn nach Arkansas bringen sollte? -- unmöglich, die Damenkajüte blieb dort vollkommen abgeschlossen, aber -- er mußte jedenfalls geträumt haben. Wo wäre er in Wirklichkeit jemals aufgewacht und hätte eine Dame sich die Haare machen sehen.
Wieder der Seufzer. Ordentlich erschreckt fuhr er von seinem Lager empor und sah sich um -- ein Bett mit Gardinen und diese halb zurückgeschlagen? Da drüben die Frau, die ihm den Rücken zudrehte, und ganz unbekümmert ihre Toilette machte -- dazu vollkommen fremde, bunte Gardinen -- an der Wand an verschiedenen Haken Frauenkleider -- dem Doktor schwindelte es ordentlich, denn plötzlich kam ihm der furchtbare Gedanke, daß er _wahnsinnig_ geworden wäre, und jetzt eine Menge von Dingen sähe, die gar nicht existirten, und möglicher Weise nicht einmal existiren _konnten_.
Zugleich aber erwachte der Gedanke in ihm, daß dies möglicher Weise eine _Vision_ sein könne -- ein Truggebild seiner Sinne, das schwinden würde, sobald er ordentlich erwache -- oder wenn er wirklich schon jetzt wach wäre, das doch einem ruhigen Ueberlegen weichen müsse, und er beschloß deßhalb, die ihn umgebenden Bilder fest und genau seinem Geist einzuprägen, damit er später wenigstens, wenn Alles wieder verschwunden wäre, die Erinnerung daran bewahre.
Dort drüben waren zwei Fenster mit heruntergelassenen Gardinen, die wohl das Sonnenlicht hereinließen, aber das Zimmer von außen jedem neugierigen Blick abschlossen. Neben der Thüre stand ein Waschtisch mit einem Handtuch daneben, an der Wand hingen zwei Bilder, das eine ein Herr mit einem grünen Frack, der einen auffallend schmalen Kragen hatte, während das weiße Jabot weit vorstand -- der Herr war auch sonderbar spitz frisirt, und in der hochgehobenen Hand hielt er einen Blumenstrauß. Die Dame, ein sehr hübsches jugendliches Gesicht, hatte eine Haube mit Spitzen auf, trug aber auch sehr altmodische Kleidung, wie man sie nur auf alten Familienbildern findet. Und das war noch nicht Alles -- dort an der Wand stand noch ein anderes Bett, in dem augenscheinlich Jemand die Nacht geschlafen hatte. Die Decken waren noch Alle verschoben -- wunderbar. Rechts an der Wand stand eine Kommode mit einer Anzahl vergoldeter Tassen und zwei großen hübschen Vasen -- der Doktor rieb sich die Augen -- das waren genau zwei solche Vasen, wie er sie einmal zum Geburtstag der Frau Reuter geschenkt hatte -- und die Frau -- war denn das nicht die Frau Reuter selber? -- Er konnte ihr Gesicht von dort, wo er lag, nicht sehen, nicht einmal im Spiegel, vor dem sie saß, aber die ganze Gestalt paßte zu ihr -- auch das volle, kastanienbraune Haar, das sie jetzt eben, zusammengeflochten auf ihrem Kopf, mit genau einer solchen Nadel befestigte, wie die Wirthin im Lindenbaum zu tragen pflegte.
„Merkwürdig,“ dachte der Doktor, fiel wieder zurück auf sein Kissen und starrte in die über dem Bett zusammengesteckten Gardinen hinauf. Wie der Blitz fuhr er aber auf’s Neue in die Höhe, denn noch einmal hörte er den Seufzer, und zwar so klar und deutlich, daß eine Täuschung seiner Sinne nicht mehr möglich schien.
„Oh du mein Gott,“ sagte er leise vor sich hin, aber die Töne waren zu dem Ohr der Frau gedrungen, und sich rasch umwendend -- sie hatte ihre Frisur gerade beendet -- sprang sie von ihrem Stuhl auf und rief:
„Dem Himmel sei Dank -- Du bist wieder erwacht, Eduard?“
Eduard? Du? -- Das war die Wittwe, wie er nur ihr Gesicht sah -- aber die Anrede, der Ausruf? Er schloß wieder die Augen, denn er mußte träumen.
„Ach Eduard, welche Angst haben wir um Dich ausgestanden,“ sagte da die Stimme wieder, und der Doktor fuhr in die Höhe, als ob er einen Schuß bekommen hätte. Er richtete sich auf seinen Ellenbogen auf, und sah sich wild und verstört um.
„Ja, aber um Gottes willen,“ rief er -- „Frau Reuter! Wie kommen Sie denn?“
„Oh Gott sei gepriesen! er kommt wieder zu Verstand,“ sagte die Frau mit gefalteten Händen -- „er kennt mich,“ und rasch trat sie zu dem Glockenzug und läutete daran.
Der Doktor schüttelte mit dem Kopf. „Er kommt wieder zu Verstand!“ hatte sie gesagt, sollte er denn den schon einmal verloren gehabt haben? Unwahrscheinlich kam ihm das gar nicht vor, wenn er sich seine jetzige Situation überlegte, und er würde sogar weit eher geglaubt haben, daß er ihn noch gar nicht wiedergefunden. Aber jetzt wurden Schritte draußen laut: es klopfte an, und ehe er selber nur einen Entschluß fassen konnte, hatte die Frau schon die Thür geöffnet, und Ohlers, Degmar und Dölzig traten in’s Zimmer.
„Hurrah!“ rief Ohlers aus, wie er nun den Doktor sah -- „wieder frisch und gesund: hab’ ich denn nicht recht gehabt? Ich _wußte_, daß es ihm nicht schaden würde, denn es war nur ein kalter Schlag.“
„Ein kalter Schlag?“ wiederholte der Doktor verdutzt, und sah nur noch, wie die Frau Reuter hinter den Herren das Zimmer verließ.
„Vor allen Dingen, Peters,“ sagte aber Ohlers feierlich, „haben wir Dir Abbitte zu thun, daß wir damals das, was Du eine _Ahnung_ nanntest, bespöttelten und mißachteten.“
„Abbitte? Ahnung?“ rief der Doktor, „wollt Ihr mich wirklich verrückt machen, oder bin ich es schon?“
„Und solltest Du Dich wirklich nicht mehr auf die Vorgänge des gestrigen Abends besinnen?“ sagte Ohlers.
„Bester Ohlers,“ warf Degmar dazwischen, „das war genau so mit meinem Bruder, von dem ich Ihnen heute Morgen erzählt habe, und den ein ganz ähnlicher Anfall traf. Er erlangte nach kurzer Zeit seine vollständige Besinnung wieder, aber was unmittelbar dem Anfall vorausgegangen, die letzten drei oder vier Stunden waren seinem Gedächtniß vollständig entschlüpft, und keine Spur davon mehr in seiner Erinnerung zurückgeblieben.“
„Einen Anfall?“ rief Peters.
„Nun gestern Abend,“ sagte Ohlers ruhig, „wie Du erklärt hattest, daß Du nicht reisen würdest, und der Wittwe Reuter die Hand reichtest -- gerade wie Euch der Friedensrichter als Mann und Frau zusammengab --“
„Als Mann und Frau?“ schrie Peters, und fuhr mit beiden Beinen aus dem Bett, ebenso rasch aber auch wieder, einen scheuen Blick im Zimmer umher werfend, zurück und sah die Freunde erstaunt, ja ordentlich verstört an. Plötzlich aber glitt ein Lächeln über seine gutmüthigen Züge, und dem Apotheker verschmitzt mit dem Finger drohend, sagte er:
„Ohlers, Du Schwerenöther, Du willst Dir gewiß einen Jux mit mir machen.“
Degmar konnte sich nicht mehr halten, er platzte gerade heraus, rief aber dabei:
„Nein, das ist zu komisch, jetzt weiß der nicht einmal, daß er verheirathet ist.“
„Hören Sie, Degmar,“ sagte Ohlers ernst, „da ist gar nicht viel Komisches dabei, und wir wollen wahrhaftig keine Zeit versäumen. Bleib nur noch im Bett liegen, Peters, deck Dich warm zu und warte einen Augenblick, ich will gleich nach dem Doktor Becker schicken, denn der Anfall könnte doch sonst am Ende ernstere Folgen haben.“
„Thun Sie das, Ohlers,“ sagte Dölzig, der den Doktor indessen ernst und fast traurig betrachtet hatte, „Degmar und ich bleiben indessen bei ihm.“