Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 2
„Unterbrich mich nicht, Ohlers,“ sagte der Doktor, und leerte langsam sein Glas -- „ich habe die _Beweise_ dafür. Ohne einen Cent Geld kam ich nach Amerika, ein armer Teufel, wie sie sich hier zu Tausenden herumtreiben; englisch verstand ich fast gar nicht und die Deutschen wollten nicht krank werden, oder _wenn_ ich einmal einen Patienten bekam, starb er mir unter den Händen weg. Es ging mir damals hundeschlecht, und ich hatte oft das Salz nicht zum Brod und noch weniger das Brod selber. Da wurden hier in der Nähe Kohlenbergwerke entdeckt, und was verstand _ich_ von solchen Dingen, wie ich mich überhaupt nie um die Geologie bekümmert habe. Da war es mir eines Tages, als ob mir Jemand den Rock anzog, den Hut aufsetzte und den Stock in die Hand drückte -- ich _mußte_ hinaus in die Berge, ich mochte wollen oder nicht, und dort -- ging ich direkt zu dem Platz, dem ich Alles verdanke, was ich auf der Welt habe. Ohne, wie gesagt, die Spur davon zu verstehen, _wußte_ ich, hier liegen Kohlen, ein reicher Grundbesitzer in der Nachbarschaft, der mir als _deutschem Doktor Alles_ zutraute, ging darauf ein, das Land, das _ich_ ihm zeigen würde, gemeinschaftlich mit mir anzugreifen und das Geld zum ersten Betrieb herzugeben und der Erfolg übertraf in der That unsere kühnsten Erwartungen.“
„Aber was hat das Alles mit der Wittwe Reuter zu thun?“ rief der ungeduldig werdende Apotheker.
„Es sollte Dir nur einen Beweis liefern,“ sagte Peters, „daß ich _wußte_, wo die Kohlen lagen, oder daß mich vielmehr mein Ahnungsvermögen dorthin trieb, und ebenso _weiß_ ich, was mir bevorsteht, wenn ich -- der Wittwe Reuter meine Hand reiche.“
Ohlers schüttelte mit dem Kopf.
„Ich bin noch so dumm wie zuvor,“ sagte er, „mir klingt Alles vor den Ohren herum -- Du weißt, was Dir bevorsteht, wenn Du die Wittwe heirathest? Und ist denn das gar so was Entsetzliches?“
„In dem Augenblick,“ sagte Peters feierlich, „wo ich mit ihr vor dem Friedensrichter stehe, trifft mich der Schlag!“
„Na nu setz mich mal an Land!“ rief Ohlers, mit der Hand auf den Tisch schlagend, „und das ist die einzige Ursache, weßhalb Du sie _nicht_ heirathest?“
„Weil ich damit mein eigenes Todesurtheil unterschreiben würde,“ versicherte ruhig der Doktor.
Ohlers war aufgesprungen und lief eine Weile in dem engen Raum auf und ab. Er kannte ja auch den Doktor so genau, und wußte recht gut, wie entsetzlich schwer es war, ihn von einer seiner fixen Ideen abzubringen. Trotzdem versuchte er jetzt, den unglückseligen Gedanken durch alle nur erdenklichen Vernunftgründe zu bannen, aber ganz natürlich ohne den geringsten Erfolg. Der Doktor hörte ihn ruhig und lächelnd an, erwiederte aber auf Alles, was ihm Ohlers einwerfen konnte, mit der größten Unbeweglichkeit:
„Was hilft es, lieber Freund; es ist einmal Bestimmung, und wir können nicht dagegen ankämpfen.“
„Und daß Du die arme Frau selber damit unglücklich machst, genirt Dich auch nicht?“ rief Ohlers endlich, als letztes, verzweifeltes Mittel.
„Die arme Frau?“ frug der Doktor verwundert.
„Nun daß sie Dich liebt,“ fuhr aber Ohlers fort, „kann doch ein Blinder sehen; die ganze Stadt weiß es außerdem, und Du bringst sie, oder hast sie vielmehr schon in das Gerede der Leute gebracht, die natürlich nie an ein anständiges Verhältniß, sondern immer nur gleich am liebsten das Allerschlimmste glauben. Aber was kümmert das Dich; Du, mit Deiner fixen Idee im Kopf, daß Dich der Schlag rühren würde, -- und der Kerl ist in den letzten Jahren hager geworden wie eine Latte, -- besuchst sie Tag nach Tag, sitzest Stunden, ja ganze Morgen lang allein bei ihr, und machst die Sache nur noch immer schlimmer.“
„Du hast Recht,“ sagte der Doktor plötzlich, und jetzt ebenfalls von seinem Sitz aufstehend, „das muß ein Ende nehmen. Ich -- sehe ein, ich bin es der Frau schuldig -- sie kann es von mir verlangen.“
„Was denn?“ frug Ohlers neugierig, denn er glaubte jetzt wirklich, daß sein letztes Argument über Peters Bedenklichkeiten gesiegt hätte.
„Laß mich nur machen,“ sagte aber der Doktor, seinen Hut nehmend, „Du sollst mit mir zufrieden sein. Ich bin ein ehrlicher Mann, und will wie ein ehrlicher Mann handeln.“
„Und wohin gehst Du jetzt?“
„Zur Wittwe Reuter,“ sagte der Doktor, drückte sich den Hut in die Stirn und verließ die Apotheke.
Drittes Kapitel.
Ein Plan zur Rettung.
Ohlers hatte noch in seiner Apotheke zu thun, mußte dem Doktor auch Zeit lassen, um seinen Entschluß auszuführen, war aber doch ganz entsetzlich neugierig geworden zu hören, wie die Sache abgelaufen, und konnte es kaum erwarten, bis er sich selber an Ort und Stelle überzeugen durfte.
Gegen Mittag lief er dann auch nach dem Lindenbaum hinüber -- angeblich um dort zu essen, in Wirklichkeit aber, um von der Wittwe zu hören, wie Alles abgelaufen.
Peters war nicht da -- sein Serviettenring, mit der Serviette drin, lag auf dem leeren Teller, und die Wittwe Reuter ließ sich ebensowenig sehen. Er frug das aufwartende Mädchen: „Die Frau sei oben auf ihrem Zimmer,“ lautete die Antwort -- „nicht recht wohl“, wie sie hinzusetzte.
Ohlers stutzte. Das war keinenfalls ein _gutes_ Zeichen, er selber aber viel zu wenig blöde, um sich mit solch’ dürftiger Nachricht zu begnügen. Er verzehrte sein Mittagbrod und trank sein Quart Bier dazu, wie gewöhnlich, dann ließ er sich Kaffee geben und las die Zeitung, bis die Gäste das Zimmer verlassen hatten, und sagte dann ohne Weiteres dem Mädchen, sie möchte ihn bei „der Frau“ einmal melden: er habe ihr etwas Wichtiges mitzutheilen.
Das Mädchen wollte erst nicht; sie behauptete, die Frau liege auf dem Bett und könne jetzt Niemanden sprechen; Ohlers ließ sich aber nicht abweisen, und verlangte, daß sie ihr wenigstens seinen Auftrag ausrichte und hinzu setze: „es sei des Doktors wegen.“
Das half. Das Mädchen ging hinauf und kam nach kaum zehn Minuten mit der Antwort zurück, Frau Reuter würde es angenehm sein, ihn zu sprechen.
Angenehm -- die arme Frau hatte, als Ohlers hinauf kam, dicke, rothgeweinte Augen. Ohlers trieb übrigens nie „Gefühlspolitik“. Er war -- so jung er sein mochte -- durchaus praktischer Natur, und ohne sich deßhalb auch bei irgend welcher unnöthigen Sentimentalität aufzuhalten, sagte er gleich, sowie er nun in’s Zimmer trat:
„Entschuldigen Sie, Frau Reuter, daß ich mit der brennenden Cigarre zu Ihnen komme, aber ich wußte nicht, ob Sie Schwefelhölzchen oben hatten, und möchte gern etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen. War der Doktor da?“
„Ja, Herr Ohlers,“ sagte die Wittwe, die ihm winkte, einen Stuhl zu nehmen.
„Dank Ihnen,“ bemerkte Ohlers, sich setzend; „und was hat er Ihnen gesagt?“
„Herr Ohlers,“ rief die Wittwe.
„Bitte, geniren Sie sich nicht,“ erwiederte aber der Apotheker -- „ich weiß doch Alles, und kann Ihnen sogar wahrscheinlich über Manches, was _Sie nicht_ wissen, Auskunft geben.“
„_Sie_ könnten mir des Doktors räthselhaftes Betragen erklären?“ rief die Wittwe wirklich erstaunt.
„Alles,“ versicherte Ohlers ruhig, „wenn Sie mir nur vorher erzählen, was er gesagt hat. Daß ich es gut mit Ihnen allen Beiden meine, davon sind Sie doch hoffentlich überzeugt.“
„Ich glaub es, Herr Ohlers -- ich glaub es,“ seufzte die arme Frau, „aber trotzdem _kann_ ich Ihnen nicht viel erzählen. Er kam vor etwa anderthalb Stunden in einer sehr erregten Stimmung zu mir. Es schien mir fast, als ob er Wein getrunken hätte, und --“
„Und? Frau Reuter.“
„Und hat mir eine Menge von Dingen vorgesprochen, die ich gar nicht verstanden.“
„Das sieht ihm ähnlich -- aber das Ende vom Liede?“
„Das Ende vom Lied war, daß er mir sagte, wie er mir von Herzen gut wäre, und wüßte, daß er Zeitlebens unglücklich bleiben müsse, aber -- er könne mich nicht heirathen -- das Schicksal wolle es nicht, und um mir nicht zu schaden, werde er mein Haus nicht mehr betreten.“
„Puffbohnen,“ sagte Ohlers erstaunt -- ein Ausdruck, den er nur bei der größten Ueberraschung gebrauchte, „er will den Lindenbaum nicht mehr betreten? Unsinn, da müßte er verrückter sein, als wofür ich ihn bis jetzt selber gehalten.“
„Das waren seine eigenen Worte, Herr Ohlers.“
„Er ist wirklich übergeschnappt.“
„Und können Sie mir in der That einen Grund seines wunderlichen Benehmens nennen?“ frug die Frau, die von Herzen betrübt schien -- „ich weiß es mir nicht zu erklären, denn böse ist er nicht auf mich -- er war so gerührt, daß ihm die Thränen in den Augen standen.“
„Böse -- weßhalb sollte er böse sein,“ brummte Ohlers; „nein, setzen Sie sich einmal dahin, Frau Reuter, und dann will ich Ihnen die ganze Mordgeschichte erzählen. Nachher können wir berathen, was jetzt mit dem Doktor anzufangen ist.“
Die Frau setzte sich in ängstlicher Spannung ihm gegenüber, und Ohlers erzählte ihr jetzt Alles ausführlich, was er heute Morgen mit dem Doktor verhandelt, und welchen Grund ihm dieser selber gegen seine Verheirathung angegeben habe. Daß er einfach an einer fixen Idee leide, blieb natürlich außer aller Frage; aber wie die jetzt heben, denn wirkliche Irrthümer kann man durch Thatsachen widerlegen, eine bloße Phantasie aber bietet nirgends einen festen Halt, bei dem man sie fassen könnte, und weicht jedem Griff elastisch aus.
Ohlers zerbrach sich den Kopf herüber und hinüber, aber sie kamen zu keinem Resultat, bis der kleine Apotheker endlich in die Höhe sprang und ausrief:
„Das hilft uns jetzt nichts, Frau Reuter, so viel seh’ ich ein, _wir_ Beide werden mit der Geschichte nicht allein fertig, aber eine Frage müssen Sie mir vorher beantworten, damit _ich_ wenigstens weiß, woran ich bin, und nachher verlassen Sie sich auf mich.“
„Was für eine Frage, Herr Ohlers.“
„Wollen _Sie_ den Doktor heirathen?“
„Aber Herr Ohlers.“
„Thun Sie mir den einzigen Gefallen und zieren Sie sich nicht; dazu ist jetzt gar keine Gelegenheit und Veranlassung.“
„Aber Herr Ohlers, man sagt doch so etwas nicht so gerade heraus.“
„Gut, dann sagen Sie’s drum herum,“ meinte der Apotheker, „aber wissen muß ich’s, wenn ich Ihnen beistehen soll.“
„Und nachher machen Sie sich unten über mich lustig,“ sagte die Frau, die über und über roth geworden war.
„Herr du meine Güte,“ rief Ohlers, und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, „ist so eine Wittwe langweilig. Hier steht Jemand, der Ihnen und dem Doktor helfen will, denn _der_ muß vor der Hand unter Vormundschaft gestellt werden. Wollen Sie also Frau Doktorin werden oder nicht?“
„Und Sie haben mich nicht zum Besten?“
„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“
„Gut denn,“ sagte Frau Reuter entschlossen, „ich will Ihnen glauben und bedaure selber, daß Herr Peters eine so traurige -- wie soll ich denn gleich sagen --“
„Zurückhaltung?“ ergänzte Ohlers.
„Nein,“ erröthete die Wittwe -- „eine so traurige Idee gefaßt hat, die ihm vielleicht sein ganzes Lebensglück vergiftet. Was ich dazu beitragen kann, ihn zu heilen, will ich von Herzen gern thun.“
„Davon ist ja aber gar nicht die Rede,“ sagte Ohlers, „wollen Sie ihn _heirathen_?“
„Sie sind ein schrecklicher Mensch, Herr Ohlers,“ seufzte die Wittwe -- „von Zartgefühl haben Sie keine Spur.“
„Also _nicht_?“ sagte Ohlers, und nahm seinen Hut.
„Ja denn, in des Himmels Namen, wenn Sie mir das Messer so auf die Brust setzen. Aber wie wollen Sie ihn von der unglücklichen Idee heilen?“
„Das weiß ich selber noch nicht,“ erwiederte Ohlers, „die Hauptsache ist, daß wir auf Ihre Unterstützung rechnen können, aber das Geseufze und Gestöhne hab ich satt, und wir wollen jetzt sehen, ob wir nicht wieder einen fidelen Menschen aus diesem Peters machen können.“
* * * * *
Ohlers entwickelte von dieser Zeit an eine ungemeine Geschäftigkeit, und hatte verschiedene geheime Unterredungen, besonders mit dem Advokaten Dulzig und dem Pastor Umbreit. Auch der Feuermann des Ohio-Dampfers, der junge Degmar, war in diesen Tagen nach Pittsburg gekommen. Er hatte sein Boot, auf dem er sich mit eisernem Fleiß ein paar hundert Dollar gespart, verlassen, und rüstete sich jetzt zu einem Jagdzug nach Missouri, wohnte und aß aber indessen, da seine Vorbereitungen jedenfalls ein paar Wochen in Anspruch nahmen, und er sich von seinen gehabten Strapazen und der schweren Arbeit doch auch erst einmal ordentlich ausruhen wollte, in der Zeit im Lindenbaum, und war von Ohlers bald in die ganzen Verhältnisse eingeweiht.
Erleichtert wurde ihnen die Sache allerdings dadurch, daß ~Dr.~ Peters in der That sein Wort hielt, und das Haus der Wittwe Reuter nicht mehr betrat. Er war überhaupt ein ganz anderer Mensch geworden: trübe, in sich gebrochen, ging er umher, keine Spur mehr von der früheren Laune und dem oft sprudelnden Humor; er sah dabei bleich und elend aus, und es war augenscheinlich, daß ihm ein geheimer Kummer am Herzen nage.
Auch die Frau Reuter hatte jetzt oft verweinte Augen, wenn sie ihrem Geschäft auch wacker, wie bisher, vorstand, und alle Versuche des Pastor Umbreit, dem Doktor einmal zum Herzen zu reden, blieben erfolglos. Er sprach sogar davon, daß er Pittsburg ganz verlassen wolle, um sich in der Nähe seiner Kohlenminen anzusiedeln, da seine Gegenwart dorten von Zeit zu Zeit nöthig sei -- aber es dachte Niemand daran, ihn dort zu gebrauchen, und es war das nur eine Ausrede, um von Pittsburg -- vom Lindenbaum fortzukommen. -- Ging er freilich, so war die ganze Sache verdorben, und das mußte deßhalb unter jeder Bedingung verhindert werden.
Die vier Verbündeten, die sich übrigens das Wort gegeben hatten, keine Silbe des ganzen Verhältnisses gegen irgend Jemanden zu äußern, um weder ihren Freund, den Doktor, noch die wackere Frau zu compromittiren, hielten jetzt Konferenzen bei verschlossener Thüre, und Degmar, ein junger tollköpfiger Bursche und zu Allem fähig, machte da einen Vorschlag, über den selbst Ohlers stutzig wurde, und den Pastor Umbreit -- sonst auch nicht der Letzte, wo es einen Scherz auszuführen galt -- im ersten Augenblick auf das Entschiedenste verwarf.
Der Plan war allerdings kühn genug und bestand darin, den Doktor, der sich ja nur vor dem Moment der Trauung fürchtete, weil er die feste Idee hatte, der Schlag würde ihn in dem Augenblick rühren, zu verheirathen, ohne daß er selber etwas davon erführe, während er gegen das ~fait accompli~ nachher nicht das Geringste würde einzuwenden haben.
Das ging auf keinen Fall; die Trauung war eine zu heilige Sache, um damit irgend einen Scherz zu treiben, und außerdem nicht giltig, wenn die Betheiligten nicht bei vollem Bewußtsein ihr Jawort deutlich sprachen. Der Gedanke schon sei wahnsinnig, und sie brauchten keine weitere Zeit damit zu verlieren.
Degmar gab aber nicht nach.
„Es ist ja gar nicht nöthig,“ rief er aus, „daß wir ihn wirklich trauen; wir machen ihm nur weiß, daß er von einem Friedensrichter zusammengegeben sei, und die Frau besteht dann darauf, daß der Geistliche auch noch seinen Segen darüber sprechen müsse.“
„Dann müssen wir ihn erst verrückt machen, ehe er etwas Derartiges glauben würde,“ sagte Ohlers.
„Verrückt nicht, nur betrunken,“ lachte Degmar; „ich wette meinen Hals darauf, daß es ausführbar ist.“
„Thorheit,“ sagte Umbreit, „selbst die Frau Reuter würde dazu nie ihre Zustimmung geben, wollten _wir_ selbst auf einen solchen tollköpfigen Gedanken eingehen.“
Ohlers war nachdenkend geworden. Gerade das Tolle dieses Planes sagte ihm zu, und er überlegte sich im Geist die mögliche Ausführung. Dulzig, der Advokat, war übrigens auch vollständig dagegen, da er keine Möglichkeit eines günstigen Erfolges sah, wie auch ebenfalls an Frau Reuters Zustimmung zweifelte. Die Verhandlung wurde zuletzt abgebrochen, und Umbreit erklärte, noch einmal einen Versuch zu machen, durch Vernunftgründe auf den Doktor einzuwirken -- er hätte seine Vernunftgründe ebensogut einem Tisch vorpredigen können.
Nach der Berathung nahm Ohlers, ohne ein Wort zu sagen, Degmars Arm und führte ihn in das nämliche Hinterstübchen hinüber, wo er damals mit dem Doktor gesessen hatte. Ungarwein und Limburger Käse wurden auch heute wieder wie an jenem Tag herauf beschworen, und die beiden jungen Leute waren dabei so in ihre Unterredung vertieft, daß sie sogar das Mittagessen darüber versäumten -- aber sie kamen zu einem Entschluß, da ihnen Niemand opponirte, und alle ihnen noch entgegen stehenden Schwierigkeiten hofften sie mit leichter Mühe zu besiegen.
Allerdings wollte Degmar nicht den „Pastor“ dabei haben, der ihnen, wie er fürchtete, noch einen Querstrich durch das Ganze machen könne. Ohlers aber, der seine Leute besser kannte, behauptete, ohne den nicht fertig werden zu können, und da er es selber übernahm, die Wittwe sowohl als den Geistlichen für ihren Plan zu gewinnen, fügte sich Degmar endlich auch in dieser Hinsicht.
Viertes Kapitel.
Das Abschieds-Souper.
Ohlers hatte sich übrigens, mit ein paar Gläsern Ungarwein im Kopf, die Sache viel leichter gedacht, als sie sich wirklich herausstellte. Wie er, noch an dem nämlichen Nachmittag, zur Frau Reuter hinüber ging, fühlte er doch, daß er zu einer solchen Aufgabe bei vollkommen klarem Verstande sein müsse, und verschob deßhalb den ersten Sturmlauf auf den nächsten Vormittag -- aber selbst da wurde er abgeschlagen. Die Frau hörte kaum, um was es sich handelte, als sie sich auf das Entschiedenste weigerte, dazu ihre Hand zu bieten. Sie sei, wie sie jetzt offen und ohne Scheu gestand, dem Doktor recht von Herzen gut und würde sich glücklich fühlen, seine Frau zu werden, aber -- sie könne, um das zu erreichen, nie zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen, das sie später ja, wenn er es einmal erfahre, in der Achtung ihres Gatten herabsetzen, ja ihr seine Liebe ganz entziehen müsse.
Ohlers kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Der Einwurf war so vernünftig und ehrlich dabei, daß all’ seine Spitzfindigkeiten scheel und nichtig dagegen erschienen, und nach einer Stunde vergeblichen Redens mußte er es in Verzweiflung aufgeben, die Hauptperson selber ihrem Plan zu gewinnen. Seine letzte Zuflucht blieb jetzt der Pastor, aber mit kaum besserem Erfolg. Umbreit gestand ihm allerdings zu, daß -- wie er sich Alles ausgedacht -- nichts Unrechtes oder Unehrenhaftes an der Handlung sei, da es ja überhaupt nur galt, einen unglückseligen Wahn zu besiegen, und beide betreffende Theile, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch das Gelingen der List glücklich gemacht würden, aber er selber werde sich nie dazu verstehen, der Wittwe zuzureden. Früge _sie_ ihn darum, gut, so werde er ihr das Nämliche sagen, was er jetzt Ohlers gesagt habe -- aber weiter nichts -- und dabei blieb es.
Degmar war außer sich und Ohlers hatte die größte Mühe, ihn von einem tollen Streich abzuhalten, da er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, der Wittwe einen Mann zu verschaffen. Er wollte auch absolut zum Doktor gehen und diesem die Wahl lassen, augenblicklich um die Hand der Frau Reuter anzuhalten, oder sich mit ihm zu schießen, und konnte nur mit der größten Mühe überzeugt werden, daß er dadurch, wenn er den beabsichtigten Bräutigam todtschieße, unmöglich seinen Zweck erreichen würde.
Der Doktor selber nahm aber ihre Aufmerksamkeit bald auf sehr ernste Weise in Anspruch, denn er wurde schwer krank und verfiel in ein nervöses hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Erbärmliche Pflege hatte er außerdem gehabt, denn er wohnte in einem Privatlogis mit einer alten halbtauben Magd zur Aufwartung, die kaum dazu gebracht werden konnte, sein Zimmer rein zu halten, und sich um den Kranken wenig oder gar nicht bekümmerte.
Degmar wich in der Zeit fast nicht von des Doktors Seite. Er ließ sich seine Matratze hinüber schaffen und saß ganze Nächte bei ihm auf, und nur Ohlers und Dölzig, wie auch zu Zeiten Einer der übrigen Stammgäste aus dem Lindenbaum wechselten mit ihm ab, daß er sich manchmal die nöthigste und unentbehrlichste Ruhe gönnen konnte. Der Arzt, der ihn behandelte, zweifelte auch eine lange Zeit an seinem Wiederaufkommen; endlich aber siegte seine urkräftige Natur doch, und er erholte sich langsam.
Ohlers hatte ebenfalls manche Nacht an seinem Bett gewacht, und seinen tollen Phantasien gelauscht. Alles aber, was er in seinem besinnungslosen Zustand sprach, bezog sich nur immer auf den Lindenbaum und auf jenen bösen Feind, der seines Schicksals Fäden in der Hand hielt und mit seiner Keule bereit stand, um ihn -- sowie er nur den Arm nach dem erhofften Glück ausstreckte -- erbarmungslos damit zu Boden zu schlagen. Der arme Teufel fühlte sich, all’ seinen Reden nach, namenlos unglücklich, und oft in ruhigen Stunden liefen ihm die hellen Thränen an den Backen nieder.
Die Frau Reuter verbrachte indessen eine kaum minder schwere Zeit. Wie gern hätte sie ihn gepflegt, aber durfte sie es denn? hatte sie ein Recht dazu? Hundertmal stand sie auf dem Sprung, zu ihm zu eilen, aber eben so oft verwarf sie auch den Entschluß, und saß so eines Abends auch wieder, still weinend, in ihrer Kammer, als Ohlers zu ihr in’s Zimmer trat und ruhig sagte:
„Bitte, Frau Reuter, setzen Sie einmal Ihr Bonnet auf und kommen Sie mit mir.“
„Mit Ihnen, Herr Ohlers? wohin?“
„Wohin, zum Doktor natürlich -- wollen Sie ihn nicht noch einmal sehen?“
„Oh du großer Gott, ist er denn wirklich so krank,“ rief die Frau, die Hände faltend.
„Wenn er’s überlebt, ist’s ein Wunder,“ sagte Ohlers, „ich glaub’ aber nicht, daß er’s noch bis morgen früh macht.“
„Aber was _kann_ ich thun?“ rief die arme Frau in Verzweiflung.
„Jetzt gar nichts mehr,“ sagte der Apotheker, „als ihm vielleicht noch einmal die Hand drücken. Wären Sie _früher_ meinem Rath gefolgt, hätten Sie sich und _ihm_ das erspart.“
„Ach mein guter Herr Ohlers --“
„Setzen Sie Ihr Bonnet auf und kommen Sie; es ist keine Schande, daß Sie einen alten Freund, der so treu bei Ihnen die langen Jahre ausgehalten, auf seinem Sterbebett besuchen.“
„Ich gehe mit Ihnen, Herr Ohlers -- ich gehe mit Ihnen,“ rief die Wittwe, aufgelöst in Thränen, und ohne weiter eine Silbe zu äußern, setzte sie ihr Bonnet auf, warf ihren Mantel um und schritt der Wohnung des Doktors zu.
Sie fanden Peters wirklich noch sehr leidend, aber doch nicht mehr besinnungslos, und als er die Frau erkannte, flog ein mattes Lächeln über seine bleichen Züge. Reden konnte er nicht, aber er drückte ihr still die Hand, und schloß dann die Augen, als ob er schlafen wolle. -- Sie mußten ihn auch in Ruhe lassen und durften ihn besonders nicht aufregen. Als Ohlers aber die Wittwe nach Hause zurückbegleitete, erzählte er ihr, mit was sich des Kranken Phantasien die ganze Zeit beschäftigt, wie er sich elend und verlassen fühle, und doch nicht die alte Furcht vor einem eingebildeten Schreckbild bewältigen könne, bis er sie endlich so weit hatte, daß sie weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse -- dann empfahl er sich und ging wieder nach Hause.
Und der Doktor erholte sich wirklich. Degmar hatte -- als das Schlimmste mit ihm überstanden war -- Briefe aus New-York bekommen, die seine Anwesenheit dort nöthig machten. Er hielt sich aber nicht lange da auf, und als er zurückkehrte, fand er den Doktor wieder auf und munter, und außer einer etwas bleichen Gesichtsfarbe wohl aussehend. Aber er hatte den „Lindenbaum“ noch nicht wieder betreten -- die Wittwe seit jenem Abende, an dem sie _ihn_ besuchte, nicht wieder gesehen, und traf jetzt alles Ernstes seine Vorbereitungen, nicht allein Pittsburg, sondern überhaupt Pennsylvanien zu verlassen. Der Antheil an den Kohlenminen blieb ihm, und war in sicheren Händen, so daß er keine Uebervortheilung zu fürchten brauchte, und er selber hatte, wie er sagte, die Absicht, nach Arkansas überzusiedeln, und sich dort eine kleine Farm zu kaufen.
Seine Abreise war auf Montag in acht Tagen festgestellt, und Degmar, der jetzt wieder mehrere Konferenzen mit Ohlers hatte, zu denen zuletzt auch Pastor Umbreit gezogen wurde, schien _seine_ Abreise nach Missouri auf den nämlichen Tag verlegt zu haben.