Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 17

Chapter 17669 wordsPublic domain

Es gehörte allerdings eine Geschicklichkeit dazu, sich in dem Gewirr von Fahrzeugen, noch dazu „bei Nacht und Nebel“, zurecht zu finden. Der Seemann hatte den Weg aber schon so oft gemacht, daß er nicht einen Augenblick im Zweifel blieb, und seinen Cours so genau hielt, als ob er nach dem Compaß steuere. So wand er sich zwischen den verschiedenen, dort ruhig vor Anker liegenden Fahrzeugen durch, bis er seine Bark da draußen, etwas weiter ab, erkennen konnte, und wrickte sein kleines Boot dann scharf drauf zu. Er hatte sie auch bald erreicht -- das gewöhnliche Wachtlicht brannte oben, aber sein Steuermann, der ihm erst die Fallreppstreppe herunter lassen mußte, schlief wahrscheinlich noch und er hielt also etwa zehn oder zwölf Schritt vor dem Schiff und rief dasselbe an. -- Keine Antwort erfolgte. -- Er rief jetzt den Steuermann bei Namen, laut und immer lauter -- alles umsonst, das Fahrzeug schien wie ausgestorben und nichts an Bord regte oder rührte sich. -- Was zum Henker, war denn da vorgegangen? -- Den Kapitän überkam ein ganz unheimliches Gefühl -- sollte es wirklich der sich in San Francisco herumtreibenden Bande gelungen sein, den Steuermann im Schlaf zu überraschen und -- „Bohmeier!“ schrie er noch einmal, so laut er konnte, „oh Bohmeier!“ -- Es war alles umsonst, er erhielt keine Antwort, und wenn sich der unglückliche Mensch noch an Bord befand, so lag er wahrscheinlich erschlagen an Deck in seinem eigenen Blut.

Dem Kapitän wurde es zuletzt unheimlich, und er beschloß endlich selber nachzusehen, wie es da oben stand. Er mußte Gewißheit haben. Ohne länger zu zögern, fuhr er auch jetzt an die Bark hinan, an welcher er, wenn er sich hoch aufrichtete, eben die Klappen der Puttingbolzen erreichen konnte, hob sich daran etwas in die Höhe, schob seine Wurfleine durch die Rüsteisen, um das Boot erst fest zu machen, und schwang sich dann selber dort hinauf. Es hatte allerdings einige Schwierigkeit, aber es ging doch, und wie er nur erst seinen Fuß auf die Leiste des Schandecks brachte, richtete er sich auch empor und hob jetzt seinen Kopf über die Schanzkleidung, von wo er das Deck überblicken konnte.

In demselben Moment und ehe er nur im Stand war, einen Ruf auszustoßen, tauchte eine dunkle Gestalt dicht vor ihm empor, die er aber recht gut erkannte -- es war sein eigener Steuermann Bohmeier, aber zugleich sah er auch in die Mündung von dessen Revolver und -- klipp! klipp! klipp! schlug dreimal rasch nacheinander der gegen ihn abgedrückte Hahn der Waffe matt und erfolglos auf die Pistons nieder. --

„Ihr habt wieder einmal keine Zündhütchen aufgesetzt, Bohmeier,“ sagte der Kapitän mit der größten Seelenruhe, indem er noch in seiner Stellung blieb.

„Herr du meine Güte, der Kaptain!“ schrie aber Bohmeier entsetzt auf, indem ihm der Revolver vor Schreck aus der Hand fiel, „da hätte ich ja beinah --.“

„Euren eigenen Kapitän todtgeschossen -- ja wohl,“ ergänzte dieser, indem er jetzt über die Reling hinüber auf Deck sprang; „aber ohne Zündhütchen geht’s eben nicht.“ --

„Ja aber Kaptain, um Gottes Willen, wo kommen Sie mitten in der Nacht und so heimlich her?“ --

„Heimlich? Ich habe Euren Namen so lange und so laut über die Bai gebrüllt, daß ihn das Echo jetzt jedenfalls auswendig kann -- Ihr seid aber doch furchtbar nachlässig, Bohmeier.“ --

„Aber, bester Kaptain, es ist ja doch ein Heidenglück, daß ich heute die verdammten Zündhütchen vergessen hatte --.“

„Na, ich bin auch nicht böse drüber, Bohmeier,“ meinte der Kapitän, „denn sonst läg ich jetzt unten in acht Faden Wasser mit zerschossenem Brägen -- aber dumm war’s immer.“

Damit war übrigens die Sache vollkommen abgemacht und es wurde nicht weiter darüber gesprochen. Die beiden Seeleute hatten jetzt auch genug zu thun, um ihre nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Der Kapitän fuhr dann wieder an Land, und schon um zehn Uhr kam ein Theil der Leute an Bord. Ein Koch wurde ebenfalls aufgetrieben, ein Chinese; Stewarddienste mußte einer der Leute auf der kurzen Fahrt versehen, und wenige Tage später lichtete die Gesine Mengsen richtig ihre Anker und segelte, aus dem ~golden gate~ hinaus, in den weiten blauen stillen Ocean hinein.

Ende des zweiten Bandes.