Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 15
Doch Alles mußte sich ja bald zeigen, denn Müller, der indessen drüben auf Nr. 36 wie auf Kohlen gestanden und gewartet hatte, folgte der Einladung augenblicklich -- das Mädchen konnte kaum Schritt mit ihm halten, und schon hörte sie ihn draußen auf dem Gang.
„Herein!“ Die Thür öffnete sich und die Wittwe, die völlig darauf gefaßt gewesen war, den beabsichtigten Betrug mit einem Blick zu durchschauen, stieß unwillkürlich einen leisen Schreckensschrei aus, als ihr Gatte -- ihr Caspar, wie sie ihn zuletzt gesehen, wie sie ihn immer noch im Gedächtniß trug, auf der Schwelle stand und ihr die Hand entgegen streckte. Aber vorsichtig zog er mit der andern dabei die Thür hinter sich zu, denn das Mädchen brauchte von der Erkennungsscene nichts zu sehen, und mit langsamen Schritten kam er jetzt auf die Frau zu, die sich vor Schreck und Ueberraschung am Tisch festhalten mußte um nicht in die Knie zu sinken.
Herr Müller beging dabei einen Fehler. Er warf einen, wenn auch nur flüchtigen Blick durch das Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Niemand Anderes zugegen wäre, aber er fiel damit aus der Rolle, denn den wirklichen Mann hätte in einem solchen Augenblick die Gegenwart von hundert Zeugen nicht gekümmert.
Zu jeder andern Zeit hätte auch die Frau wohl schwerlich diesen Mißgriff übersehen, aber dieser erste Moment der Ueberraschung war zu groß für sie gewesen und wirkte zu bewältigend. Als ob sie eine Erscheinung sähe, starrte sie ihn an, und Müller, dem der gemachte Eindruck nicht entgehen konnte, sah sein Spiel gewonnen. So auf die Frau zugehend und sie in seine Arme nehmend, sagte er leise und zärtlich:
„Josephine -- kennst Du mich nicht mehr?“
Die Frau duldete die Umarmung; Wahrheit und Täuschung schien hier so eng verkettet, daß sie sich nicht im Stande fühlte, beide gleich von einander zu trennen. Wie stark auch die feste Ueberzeugung der letzteren gewesen sein mochte, das, was lebend und athmend vor ihr stand, rief mit der Erinnerung vergangener Zeiten Alles wieder wach, was die langen Jahre in ihrem Herzen todt und begraben gelegen, und ihren Kopf auf seine Brust legend, flüsterte sie:
„O, Caspar, Caspar, bist Du es denn wirklich? -- ja, Du mußt es sein. Therese hat sich geirrt,“ fuhr sie fast leidenschaftlich fort. „Du heißt nicht Ferdinand, und die schwere, schwere Zeit, die ich durchlebt, ist jetzt vorbei. Jetzt bleibst Du bei mir und verläßt mich nie, nie wieder!“
„Therese -- Ferdinand -- nie wieder verlassen?“ Herrn Müller überkam bei den Worten ein ganz eigenes, unbehagliches Gefühl, denn während die ersten Namen den unbestimmten Verdacht einer Entdeckung in ihm wach riefen, war dieser leidenschaftliche Jubel, mit dem ihn die Frau umschlang, nicht die Empfindung gewesen, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt. Die Frau mußte in dem ersten Glück des Wiedersehens ganz vergessen haben, daß sie schon wieder verheirathet sei. Auf diese Wendung gar nicht vorbereitet, wußte er auch in der That nicht gleich, wie er sich dabei benehmen sollte, und erwiderte nur, in aller Verlegenheit, desto feuriger die Umarmung.
„Und wo, um Gotteswillen, bist Du so lange gewesen?“ fuhr die Frau endlich fort, indem sie sich fast gewaltsam von ihm losmachte, und ihn auf Armeslänge von sich haltend, aufmerksam betrachtete, „wo warst Du, daß nicht eine Zeile von Dir mich erreichen und aufrichten konnte?“
„Ach, mein Herz,“ sagte Herr Müller, für diese Frage völlig gerüstet, „in jener Schreckensnacht, als ich auf einem Stück Holz im Meere schwamm, fischte mich ein Wallfischfänger auf und nahm mich mit auf seiner Tour in die Südsee. Die erste Nacht war ich bewußtlos, und später konnte er mich des schlechten Wetters wegen nicht mehr aussetzen. Oben im Eismeer aber froren wir ein -- o, ich habe schreckliche Zeiten mit durchgemacht, und als wir endlich loskamen und ich ein anderes Schiff fand, das mich heimführen sollte, scheiterten wir zum zweiten Mal an der russischen Küste -- und wie schwer es ist, von dort wegzukommen -- glaubt gar Niemand -- der nicht selber dort gewesen.“
Die Frau hatte ihn, während er sprach, fest und aufmerksam betrachtet, und so sicher er sich in seinem eigenen Zimmer gefühlt, als er sich dieses Zusammentreffen ausmalte, so unsicher machte ihn jetzt das auf ihm haftende Auge. Er brachte die letzten Worte nur langsam heraus. -- Weshalb sah ihn aber auch die Frau nur so stier an. Diese hörte aber kaum, was er sprach, denn jetzt, in ruhiger Beobachtung, begann der Zauber zu weichen, der sie zuerst befangen gehalten.
Wie sie den Mann hatte in ihre Stube treten sehen und in der ganzen Gestalt, in den Zügen, ja selbst in seinen Bewegungen das getreue Abbild ihres Gatten erkannte, da allerdings überwältigte sie ihr Gefühl, und der erste unwillkürliche Eindruck war, daß der Todte wirklich zum Leben erstanden sei. Jetzt aber, während vielleicht unbewußt der fremde Klang der Stimme das Seinige dazu beitrug und ihr Auge unmittelbar an den Zügen dessen haftete, der hier als ihr Gatte auftrat, kehrte zuerst der Gedanke an einen möglichen Betrug zurück, wurde das Mißtrauen geweckt, und eine Menge Kleinigkeiten mußten es bestätigen.
Das vor ihr waren die Züge des Gatten, aber sie waren es auch wieder nicht; die blauen Augen desselben hatte er, ja, aber dennoch lag etwas in deren Ausdruck, das sie früher nie gekannt und das ihr fremd blieb. Auch um die Nase lag ein fremder Zug, und die Narbe, -- wo war die kleine aber tiefe Narbe geblieben, die er sich einst bei einem Sturz, gerade über dem rechten Auge geholt? Jetzt blieb kein Zweifel mehr, alles Andere konnte sich verändert haben, aber die Narbe nicht, und der vor ihr Stehende war ein Betrüger.
Mit dem Bewußtsein gewann aber auch die überdies resolute Frau ihre ganze Ruhe wieder, und so rasch ihr die Gedanken durch das Gehirn zuckten, hielt sie den einen doch fest, daß sie erst die Absicht des Betrügers erforschen wollte, ehe sie ihn entlarvte.
Herr Müller hörte indessen kaum selber was er sprach, denn die beiden Worte: Therese und Ferdinand schallten ihm noch in den Ohren und erfüllten ihn mit einem ganz eigenen Unbehagen. Therese -- Ferdinand, wie um Gotteswillen kam die Frau gerade in diesem Augenblick auf die beiden Namen; aber was konnte sie auch von ihm wissen? Nichts auf der Welt! Darin fühlte er sich vollkommen sicher, und jetzt nur, um einer Scene ein Ende zu machen, die er, wie er fast fürchtete, nicht lange würde durchführen können, setzte er leise und wie vorwurfsvoll hinzu:
„Aber wär’ ich doch nur dort geblieben -- wär’ ich dort nur umgekommen, -- daß ich Dich _so_ wiederfinden mußte.“
„So?“ wiederholte die Frau, die nicht gleich begriff, was er damit meinte; „so wiederfinden?“
„Ach, daß Du wieder heirathen mußtest!“ seufzte der Mann und barg sein Gesicht in der linken Hand.
„Und was soll jetzt werden?“ fragte die Frau, die in diesem Augenblick vollkommen gut begriff, auf was Alles hinauslief.
„Ich weiß es nicht,“ stöhnte Herr Müller wie verzweiflungsvoll, indem er den Arm wieder sinken ließ, und ein Bild tiefer Trauer vor der Wittwe stand, „soviel ist gewiß, ich muß fort -- ich darf Deine Ruhe, Deinen Frieden nicht stören. Ich will wieder hinüber über den Ocean, und nie mehr dürfen sich unsere Wege kreuzen --“
„Du wolltest wieder fort?“
„Ich muß,“ lautete die resignirte Antwort, „wenn ich nur nicht meine letzten Mittel erschöpft hätte, um hierher zu kommen.“
Die Frau senkte den Kopf, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, denn ein leises Lächeln zuckte darüber hin. Jetzt war sie vollkommen sicher, auf was das Ganze hinauslief, und nur das Eine konnte sie sich noch nicht erklären, aus welchem Grunde sie ihr liederlicher Schwager wieder für verheirathet hielt, und wer ihm das gesagt haben konnte. Doch das blieb sich jetzt gleich, und wie sie sich erst wieder auf sicherem Grund und Boden und die erste Schwäche vollständig überwunden fühlte, war ihr weiterer Plan auch rasch gefaßt.
„Aber Caspar,“ sagte sie, den Kopf wieder zu ihm hebend, „Deine Mittel hast Du erschöpft, um nur hierher zu kommen, und jetzt wolltest Du wieder fort? -- wolltest mich zum zweiten Mal verlassen? -- weshalb? Die lange schwere Zeit der Trennung liegt hinter uns, und nichts, nichts im Leben soll uns wieder trennen.“
Herr Müller sah sie etwas überrascht an. „Aber Dein zweiter Mann!“ sagte er endlich zögernd.
„Mein zweiter Mann?“ rief die Wittwe. „Glaubst Du, daß ich Dich je so weit vergessen habe, wieder an eine zweite Heirath zu denken? O, wie wenig hast Du mich da gekannt.“
„Du -- bist nicht wieder verheirathet?“ sagte Herr Müller, und in der Frage lag in der That weit weniger Entzücken, wie diese Entdeckung eigentlich hätte erregen sollen.
„Nein, Caspar, sicher nicht -- o, wie konntest Du das glauben. Nein, wahrlich nicht auf’s Neue verheirathet, aber glücklich -- ja selig, Dich nach so langer Zeit wieder zu haben. Ich wollte auch schon unsere Wirthschaft ganz aufgeben,“ fuhr sie, seinen Arm erfassend, fort, „ich hatte keine Lust, keine Liebe mehr zu dem Geschäft, und da ich mich in der That zu schwach fühlte, dem weiten Anwesen vorzustehen, so ließ ich mir Deines Bruders Frau, Therese, von Breslau herüberkommen, um mich darin zu unterstützen. Dein armer Bruder ist ja auch schon weit über ein Jahr verschollen, und die unglückliche Frau wandte sich in ihrem größten Elend an mich um Rath und Hülfe.“
„Und Therese ist hier?“ sagte Herr Müller, und es war ihm in dem Augenblick, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde.
„Sie ist nebenan in ihrem Zimmer,“ setzte die Frau rasch hinzu, und hätte sie noch den geringsten Zweifel gehabt, daß der vor ihr Stehende nicht ihr Mann, sondern ihr Schwager sei, so würde ihn der Schreck, der augenscheinlich in den Zügen des Ertappten lag, vollständig gehoben haben; „laß mich sie rufen, daß sie sich mit mir freut.“
„Nicht jetzt -- nicht jetzt, beste -- Josephine“, wehrte aber Herr Müller ab, indem er ihren Arm ergriff und festhielt, „diese erste Stunde unseres Wiedersehns müssen wir auch allein -- unter uns feiern. Ich -- ich -- bin zu glücklich, zu selig --“
„Nein, nein,“ rief aber die Wittwe, sich von ihm losmachend, „die arme, unglückliche Frau hat gestern den ganzen Tag geweint, und ich will heute nur glückliche Menschen um mich sehen. Sie wird sich mit uns freuen und dadurch glücklich sein. Warte nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Dir,“ und trotzdem, daß Herr Müller noch einen Versuch machte, sie mit Bitten zurückzuhalten, sprang sie aus dem Zimmer und ließ den armen Teufel, ein wahres Bild des Jammers und der Verzweiflung, zurück.
Was nun? -- er hatte noch nie in seinem Leben so schnell herüber und hinüber gedacht. Die Rückkunft der beiden Frauen erwarten und dann vor beiden wie ein ertappter Verbrecher stehen? -- unmöglich! Aber fort? -- wohin? und seine Frau hier? -- Jetzt war Alles verloren -- und dieser verfluchte Oberkellner, der ihn durch seine schändlichen Lügen allein zu diesem Schritt verleitet, war an Allem schuld. Aber kam er auch glücklich aus dem Hause, was dann? -- überall starrte ihm Elend und Verzweiflung entgegen -- aber immer noch lieber Elend und Verzweiflung getragen, ehe er in diesem Augenblick seiner Frau begegnete. Er war ein leichtsinniger Mensch, aber nicht schlecht, und so viel Ehrgefühl ihm immer noch geblieben, daß er die Schande brennend fühlte, die er sich selber angethan, wenn er jetzt vor seiner Frau und Schwägerin als ertappter Betrüger stand. Also fort -- gleichviel wohin, und wenn er sich in irgend einer fremden Stadt als Tagelöhner verdingen, wenn er sein Brot vor den Thüren erbetteln sollte, wo ihn die Welt nicht kannte -- nur jetzt, jetzt fort aus diesem Haus.
Mit raschen, geräuschlosen Schritten eilte er nach der Thür, die ein kleines ovales Fenster, innen mit einem leichten Vorhang bedeckt, trug. Durch dieses konnte er vorher einen Blick auf den Gang werfen, ob die Luft rein sei, erschreckt aber fuhr er zurück, denn draußen, nicht drei Schritt von der Thür entfernt, stand Herr Louis. Hatte den die Frau dort hingestellt, um ihn zu bewachen?
Das war allerdings nicht der Fall, und Herr Louis in Wirklichkeit ebenso erschreckt gewesen den Vorhang zurückgehen zu sehen, wie er selber, denn jenes würdige Individuum hatte einen freien Augenblick unten einmal benutzt, um zu versuchen, ob er nicht erhorchen könne, was hier oben vorginge, da ihm kein Mensch ein Wort davon sagte. Im ersten Moment glaubte er auch wirklich, es sei die Frau selber, die ihn beim Spioniren ertappt, und seine erste unwillkürliche Bewegung drängte ihn von der Thür hinweg. Als sich aber der Vorhang hob, hatte sein scharfes Auge doch den Particulier Müller erkannt, und wie dieser ebenso rasch verschwand, als er erschienen war, ging es ihm auf einmal wie ein Licht auf, daß sich der Fremde nur da drinnen versteckt habe, um ihm seine Vielliebchen abzugewinnen. Mit einem Satz war er wieder an der Thür, um womöglich durch den dünnen Vorhang oder das Schlüsselloch zu erkennen, was Jener da drinnen treibe, als er auf sehr unerwartete und plötzliche Weise gestört wurde. An der anderen Seite des Ganges öffnete sich nämlich eine Thür, und der entsetzte Oberkellner sah sich plötzlich der Frau gegenüber, die ihn rasch ärgerlich fragte:
„Nun? was haben Sie da an meiner Thür zu horchen, Mosje? Hab’ ich Sie endlich einmal dabei erwischt? Solche Leute kann ich nicht in meinem Dienst brauchen. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will, und am Ersten dürfen Sie sich nach einer anderen Stellung umsehen.“
„Bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame“, stotterte der verdutzte Bursche, indem er seine Serviette zu einem Strick zusammendrehte, „ich suchte Herrn -- Herrn Particulier Müller, mit dem ich --“
„Schon gut, ich will nichts weiter hören. Bringen Sie jetzt rasch einmal eine Flasche Sodawasser herauf -- aber beeilen Sie sich!“
Der Oberkellner fuhr die Treppe hinunter, als ob er elektrisirt worden wäre, und die Wittwe, sich jetzt zu der dicht hinter ihr folgenden Schwägerin wendend, sagte freundlich:
„Fassen Sie sich nur, liebe Therese -- ein Glas Sodawasser wird Ihnen wohl thun, und mir zu Liebe stellen Sie sich nur im ersten Augenblick, als ob Sie Ihren Mann nicht kennen. Ich möchte doch gern noch sehen, wie er sich dabei benehmen wird. Nur Muth -- er darf keine Schwäche an Ihnen merken,“ und dabei ergriff sie die Thür und öffnete dieselbe.
Herr Müller indessen hatte, ehe er einen festen Entschluß fassen konnte, die Stimme der Frau schon wieder draußen auf dem Gang gehört und dort hinaus konnte er nicht mehr entkommen. Einen verzweifelten Blick warf er durch das Fenster, aber ein Sprung von zwei Etagen Tiefe war unausführbar; er hätte rettungslos das Genick gebrochen, und nur als letzte Zuflucht zeigte sich ihm eine andere Thür -- das Schlafzimmer der Wittwe. Aber es schien, als ob heute die Hölle alle ihre Diener gegen ihn ausgesandt, daß er rettungslos zu Grunde gehen solle, denn die Thür war verschlossen, und schon hörte er die Stimme der Frau vor dem Zimmer.
Dicht neben der Kammerthür war ein Gestell angebracht, an dem Kleider hingen, und um den Staub von ihnen abzuhalten, ein kattuner Vorhang darüber befestigt. Wenn er darunter fuhr? Sie hätten ihn gewiß nicht im Zimmer gesucht, sondern geglaubt, daß er es schon verlassen habe, und suchten sie ihn unten oder auf Nr. 36, so behielt er auch sicher Zeit, ungesehen zu entkommen. Diese Gedanken fuhren ihm aber nur so blitzesschnell durch’s Hirn, denn wie eine bedrohte Maus in das erste beste Loch hineinfährt, nur um vor der Hand einmal aus Sicht zu kommen, so schlüpfte er in dem einen Gefühl, nur um dem Blick seiner schwer gekränkten Frau zu entgehen, unter den Vorhang und rührte und regte sich dort nicht, damit ihn das Rauschen desselben nicht verrathen möge.
Im nächsten Moment öffnete sich die Thür und Madame blieb etwas überrascht auf der Schwelle stehen, als sie ihren angeblichen Mann nirgends mehr im Zimmer erblickte.
„Fort?“ sagte sie, indem sie staunend umher sah, „ohne Abschied, und das Fenster offen? Der Unglückliche wird doch um des Himmelswillen nicht den rasenden Sprung gewagt haben?“
Sie flog auf das Fenster zu und sah hinaus, während Therese in Todesangst und mit gefalteten Händen auf der Schwelle stehen blieb.
„O Du großer, allmächtiger Gott,“ stöhnte die arme Frau, „wenn ihn die Furcht vor mir in den Tod getrieben hätte, ich könnte ja mein ganzes Leben lang nicht wieder froh werden!“
„Hier ist er nicht hinunter,“ versicherte aber die Wittwe vollkommen beruhigt, als sie einen Blick hinab geworfen. „Er wird den Augenblick benutzt haben, als ich das Zimmer verließ, und hoffentlich ist er noch im Hause, denn das war meine Absicht nicht.“
„Und wenn er nun durch jene Thür geflüchtet wäre,“ sagte Therese, die einen Blick im Zimmer umhergeworfen.
„Durch jene? Die ist verschlossen,“ erwiderte die Frau und ging hinüber, um die Thür zu versuchen. Ihr Kleid streifte den Versteckten, während sie davorstand. „Nein, noch kann er aber das Haus nicht verlassen haben. -- Lieschen! Louis!“ rief sie dann, rasch zur Thür tretend, so laut sie rufen konnte, und zog dabei aus Leibeskräften an der Klingel.
Herr Louis -- in dem drückenden Gefühl, bei einer entwürdigenden Handlung erwischt zu sein, kam mit einer Flasche Sodawasser in der einen und zwei Gläsern in der anderen Hand wie ein Pfeil die Treppe heraufgeschossen, und die Hausmagd, die eben nebenan die Zimmer reinigte, erschien ebenfalls mit ganz verdutztem Gesicht in der Thür, während Lieschen von dem anderen Gang herbeistürzte.
„Hat Niemand von Euch den Fremden von Nr. 36 gesehen?“
„Er war hier im Zimmer, als Sie vor der Thür standen,“ rief der Oberkellner und nahm dabei eine Stellung an, als ob er eben im Begriff sei, einen körperlichen Eid darauf abzulegen.
„Aber er kann doch nicht durch die Luft davongeflogen sein. Lieschen spring einmal nach Nummer 36 hinüber -- er darf nicht fort, ehe ich mit ihm gesprochen habe. Katharine, Du gehst an die Hausthür, und ruf den Hausknecht, wenn er mit Gewalt hinaus will.“
„Ob ich mir nicht gedacht habe, daß er durchbrennen würde,“ brummte Herr Louis vor sich hin, während er Flasche und Gläser auf den Tisch setzte; dabei aber fiel sein Blick zufällig auf den Vorhang, der eine, wenn auch nur ganz unbedeutende Bewegung machte, und unten daran erkannte er eine Fußbekleidung, die keinenfalls ein Eigenthum der Wirthin sein konnte.
„Wenn der Stiefel nicht auf Nr. 36 gehört,“ betheuerte sich Herr Louis im Stillen, „so will ich mein Leben lang Wasser trinken.“
„Nun, was stehen Sie da wieder in Gedanken,“ rief ihn die Frau ungeduldig an, „machen Sie, daß Sie mit hinunter kommen und den Fremden finden.“
„Hat ihn schon!“ rief er, indem er ein paar Schritte zur Seite trat und den Vorhang halb lüftete. „Guten Morgen, Vielliebchen!“ rief er aber schon im nächsten Augenblick, als er nun die gestreiften Hosen unter dem Kattun entdeckte. Die nächsten Frauenröcke dabei zurückschlagend, blickte er aber, auf’s Aeußerste erstaunt, in ein vollkommen fremdes, unbekanntes Gesicht, denn seitdem er sich rasirt, hatte er den Particulier Müller ja gar nicht wieder gesehen, während dieser den Burschen hätte erwürgen können. Der Frau aber, die das Ganze rasch übersah, lag gar nichts daran, daß Herr Louis Zeuge irgend einer Familienscene sein sollte; so, während Herr Müller verlegen aus seinem Versteck vortrat, denn was half seit seiner Entdeckung ein längeres Verbergen, sagte sie ruhig:
„Herr Louis --“
„Madame befehlen?“
„Ist das der Herr von Nummer 36?“
„Bitte tausendmal um Entschuldigung --“ stotterte der Oberkellner, „jedenfalls hat er die Hosen von Nummer 36 an, aber -- aber im Gesicht sieht er ganz anders aus.“
„Gut, dann gehen Sie hinunter in die Wirthsstube und verlassen Sie dieselbe nicht wieder, bis ich selber hinabkomme. Wir werden den Herrn hier selber examiniren. Den Hausknecht schicken Sie auf den Gang herauf; er soll dort warten, bis ich ihm weitere Befehle gebe, da es sein könnte, daß er gebraucht wird.“
„Zu Befehl, Madame,“ sagte der Oberkellner, aber immer noch, ohne sich von der Stelle zu regen, und mit einem halb zweifelhaften, halb unentschlossenen Blick auf Nr. 36.
„Nun, worauf warten Sie noch?“
Der Oberkellner machte eine halbe Schwenkung. Es blieb ihm hier gar zu viel noch räthselhaft, und besonders hätte er gern gewußt, ob er sein Vielliebchen gewonnen oder nicht, denn das abrasirte Gesicht des Gastes kannte er in der That nicht wieder. Dem so direct gegebenen Befehl mußte er aber auch gehorchen, und kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Madame Müller hinter ihm den Riegel vorschob.
„Herr Ferdinand Müller,“ sagte sie dabei, indem sie sich ruhig, wenn auch ernst, an den Ertappten wandte, denn alles weitere Zurückhalten war jetzt unnöthig, „Sie sind mein Gefangener, und ich lasse Ihnen vor der Hand diese Ihnen bekannte Dame als Kerkermeisterin. So weit ich vermuthen darf, hat sie jedenfalls das erste Anrecht, Ihre Erklärungen entgegen zu nehmen. In einer halben Stunde werde ich dann zurück sein, um zu hören, was Sie mir selber zu sagen haben, denn Sie müssen es begreiflich finden, daß ich eine etwas nähere Auseinandersetzung der mir zugedachten Ueberraschung erwarten darf.“
„Verehrte Frau --“ stammelte Herr Müller, der sich in diesem Augenblick wohl klaftertief unter die Erde wünschte.
„Es ist schon gut -- vorher wünschte ich, daß Sie sich genauer auf Ihren Vornamen besinnen, um jedes weitere Mißverständniß zu vermeiden, es ist das wesentlich nothwendig; nachher wird unsere Auseinandersetzung auch so viel leichter werden.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schloß sie ihr Schlafzimmer auf, trat hinein und drückte die Thür wieder hinter sich in’s Schloß.
Therese war indessen an der einen Seite der Stube auf einen Stuhl gesunken, während ihr Mann noch auf der anderen zerknirscht und in einander gebrochen stand. Keines sprach ein Wort, während aber Müller’s Blick nur dann und wann scheu und furchtsam zu der schwer gekränkten Frau aufzuckte, hing dieser Blick voll und traurig an der halbabgewandten Gestalt des Gatten, und die großen hellen Thränen tropften ihr dabei schwer und langsam in den Schooß. Da hielt sich Müller nicht länger. Kein Wort des Vorwurfs war über ihre Lippen gekommen, aber ihr bleiches, schmerzdurchfurchtes Antlitz sprach viel deutlicher, als je Worte es hätten ausdrücken können, das Leid, das sie ertragen, und auf sie zugehend, warf er sich vor ihr auf die Knie, schlang seine Arme um ihre Hüften und weinte wie ein Kind.
Herr Louis hätte draußen gern noch eine kleine Weile an der Thür gehorcht, denn ganz unerklärlich blieb ihm einestheils das Betragen der Frau, daß sie ihm, _ihm_ den Dienst kündigen konnte, und dann kam ihm auch jetzt auf einmal das Gesicht des Fremden so merkwürdig bekannt vor. Wo in aller Welt war er dem schon einmal früher begegnet? Die Physiognomie desselben beschäftigte ihn auch in der That so ausschließlich, daß er hinab in die Wirthsstube ging und dort ganz in Gedanken eine halbe Flasche Wein hinunterstürzte und nachher, sich fortwährend mit dem linken Zeigefinger die Stirn reibend, wieder die Treppe und nach Nr. 36 hinaufstieg. Er wollte dort weiter nichts, als zusehen, ob der Fremde wieder auf seinem Zimmer sei oder -- ob wenigstens sein Reisesack noch dort stände.
Diesen fand er allerdings, und zwar fertig gepackt, als aber sein Blick noch im Zimmer umherschweifte, um vielleicht etwas zu entdecken, was ihm vielleicht nur die leiseste Andeutung über den immer räthselhafter werdenden Menschen geben konnte, fiel sein Blick zufällig auf das Bild über der Kommode, und mit einem einzigen Satz war er mitten in der Stube und vor dem Portrait.