Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 14
Eigentlich war ihm das nicht unlieb, denn im andern Fall hätte er an dem nämlichen Abend fortgemußt, und so stand ihm noch ein gutes Souper mit ein paar Flaschen Wein und ein vortreffliches Bett die Nacht zu Gebot. Die ganze Rechnung ging doch jetzt in einem hin, und es verstand sich von selbst, daß er unter solchen Umständen keinen Pfennig davon bezahlte. Damit also einverstanden, fragte er nur den Kellner, wann er die Frau morgen früh sprechen könnte, und als dieser ihm sagte, daß sie schon um sieben Uhr aufstände und um halb acht fertig angezogen wäre, ging er jetzt selber in den Speisesaal hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.
Lieschen, die Kellnerindienste mit versehen mußte, wenn viele Gäste da waren und dann besonders das Essen zu überwachen hatte, war gerade beschäftigt, dem Particulier Müller ein Couvert aufzulegen, und dieser hielt die Weinkarte in der Hand und studirte eben die Sorten nach, als die neue Wirthschafterin in den Saal kam, um Lieschen zu der Frau hinauf zu beordern. Sie trat auch bis zum Tisch, und Lieschen’s Schulter berührend, theilte sie ihr leise die empfangene Ordre mit, als ihr Blick zufällig auf den Gast fiel, dessen Gesicht von dem vor ihm stehenden Lichte hell beschienen wurde. Sie sah ihn stier an und jeder Blutstropfen verließ dabei ihre Wangen, aber fast unwillkürlich drehte sie sich auch von ihm ab und schritt in demselben Augenblick dem Ausgang wieder zu, als Müller aufsah und eben nur noch ihre fortschreitende Gestalt erkennen konnte. Aber er erschrak -- war _das_ die Wirthin gewesen?
„Wer war die Dame,“ fragte er rasch Herrn Louis, der eben mit dem als Vorspeise bestellten Caviar zu seinem Tisch trat.
„Dame --“ sagte aber Herr Louis, verächtlich die Nase rümpfend, indem er einen Blick über die Achseln hinter ihr herwarf, „schöne Dame -- das war die neue Haushälterin, die hier die Wirthschaft führen soll -- eine schöne Wirthschaft, die das werden wird, und ich wenigstens beabsichtige in nächster Zeit mein Bündel zu schnüren. Denke gar nicht daran, jeder Gans allergehorsamsten Diener zu spielen.“
Herr Louis war gereizt, da aber die neue Haushälterin Herrn Müller nicht im Geringsten interessirte, so machte er sich über den Caviar her, bestellte sich eine Flasche Markobrunner und fühlte sich bald so behaglich, wie sich ein Mann unter solchen Umständen nur fühlen kann.
Die neue Wirthschafterin hatte indessen kaum mit dem ihr folgenden Mädchen den Gang erreicht, als sie stehen blieb und sie fragte, ob sie den Herrn kenne, dem sie eben das Gedeck aufgelegt.
„Gewiß“ lautete die Antwort, „er logirt ja seit ein paar Tagen bei uns und hat auf die Madame gewartet, die er wegen irgend etwas sprechen muß.“
„Und die Frau weiß noch nicht, daß er hier ist?“
„Wenn’s ihr Herr Louis nicht heute Abend gesagt hat. Es war ja schon spät, wie sie ankam. Kennen Sie ihn?“
„Ich? -- nein“, lautete die ausweichende Antwort, „aber machen Sie nur, daß Sie zur Frau hinaufkommen; sie hat schon zweimal nach Ihnen verlangt.“
Das Mädchen sprang die Treppe hinauf und Therese blieb mit zitternden Knien unten auf der ersten Stufe stehen. Das war ihr Mann gewesen -- unter Tausenden hätte sie ihn im Nu herausgekannt, und ein Irrthum blieb unmöglich. Aber was um des Himmelswillen wollte er hier? -- weshalb hatte er sie so böswillig verlassen, ja ihr nicht einmal einen einzigen kleinen Brief, nicht ein Wort des Trostes gesandt, daß er noch lebe und daß es ihm gut gehe. Und weshalb war sie jetzt vor ihm geflohen? -- wußte sie es doch selber nicht. Im ersten Augenblick hatte sie ihm an die Brust fliegen wollen, aber dann wieder trieb sie eben so rasch ein ganz eigenes scheues Gefühl von ihm zurück. Sie mußte sich ja erst fassen; sie mußte erst überdenken, was sie thun, wie sie handeln sollte. Und wenn sie jetzt zurückkehrte und auf ihn zutrat und sagte: „Ferdinand, wo bist Du so lange geblieben? Was hab’ ich Dir zu Leide gethan, daß Du mich in Kummer und Elend allein gelassen hast?“ -- Aber das ging nicht -- die vielen fremden Menschen um sie her. Und sollte sie ihn nicht anreden? Das durfte sie ja doch auch nicht, denn war er nicht möglicherweise selbst in diesem Augenblick auf dem Weg, um sie selber aufzusuchen, und freute er sich nicht vielleicht eben so sehr, sie wieder zu haben, wie ihr Herz ihm noch immer entgegenschlug, trotz allem Herzeleid was er ihr angethan?
Aber sie wollte jetzt nicht übereilt handeln. Er wohnte ja hier im Hause, diese Nacht verließ er dasselbe keinesfalls. Er hatte sie ja auch nicht einmal gesehen und konnte keine Ahnung haben, daß sie ihm so nahe wäre -- o, wie weh ihr das im Herzen that, daß sie glauben mußte, er könne sie fliehen, wenn er um ihre Anwesenheit wüßte. -- So wollte sie denn vor allen Dingen mit ihrer Schwägerin sprechen und diese um Rath fragen; das schien eine verständige, resolute Frau zu sein, und wenn er sie morgen aufsuchte, konnte sie ihm vielleicht am besten ins Herz reden, daß er sein armes Weib nicht gar so elend machte.
Sie war auch in der That nicht im Stande, dies Gefühl noch die ganze Nacht auf dem Herzen zu behalten, ohne sich ausgesprochen zu haben, und ging ohne Weiteres zu der Frau hinauf, um dieser ihre Entdeckung mitzutheilen.
Frau Müller war eben im Begriff, sich niederzulegen, denn sie fühlte sich von der heutigen Reise ermüdet und angegriffen. Nichtsdestoweniger hörte sie mit großer Aufmerksamkeit die Neuigkeit an und schüttelte nur dann und wann mit dem Kopf, denn sie konnte sich nicht denken, was den Mann veranlaßt haben mochte, sich um seine eigene Frau gar nicht mehr zu bekümmern, und hierher zu kommen. Daß sie sich nicht in der Person geirrt haben könne, betheuerte Frau Therese wieder und wieder, wenn sie auch nur einen einzigen Blick auf den Mann geworfen; es war nicht möglich und eben auch nicht wahrscheinlich. Lieschen wurde jetzt nach dem Fremdenbuch geschickt, aber das gab ihnen ebenfalls keinen Aufschluß: „Müller, Particulier, Hamburg, zum Vergnügen.“ Mit solchen Nachrichten beruhigt sich wohl die Polizei die alle „vergnügten“ Menschen als harmlos betrachtet, so lange sie nicht zu vergnügt werden und ihren Mitmenschen die Fenster einwerfen; aber den beiden Frauen konnte dieser Selbstbericht nicht genügen, ja, machte sie eher noch verwirrter. -- War der Mann denn wirklich ein Particulier geworden? -- Das Contobuch, das sich Madame ebenfalls heraufbringen ließ, bestätigte wenigstens, daß er in ein paar Tagen schon sehr viel Geld verzehrt -- aber wo in aller Welt hatte er dann in der kurzen Zeit das Vermögen herbekommen, und weshalb war er nicht schon lange zu seiner Frau zurückgekehrt? -- Es half nichts, daß sie sich Beide den Kopf darüber zerbrachen.
„Das Einzige, was wir thun können“, sagte die Frau endlich zu Theresen, „ist, daß wir erst einmal morgen früh hören, was er will. Ich lasse Sie dann wissen, wann er bei mir ist, und Sie bleiben so lange auf Ihrer Stube, bis ich Sie herüber rufe. Bis dahin aber halten Sie sich ihm lieber aus dem Weg und gehen deßhalb heute Abend nicht mehr in das Wirthszimmer hinunter.“ Dabei blieb es.
Herr Particulier Müller hatte indessen sein Abendbrot unten beendet, und wie das mit uns sehr häufig geschieht, daß wir, in welcher Lage wir auch immer uns befinden mögen, eine Art von Genugthuung, ja stiller Heiterkeit über uns kommen fühlen, wenn wir zu irgend einem festen Entschluß in einer wichtigen Angelegenheit gelangt sind, so kam es auch Herrn Müller vor, als ob ein drückendes Gewicht von ihm genommen wäre und er jetzt erst wieder, nach langer Zeit, frei aufathmen dürfe. Er beschloß also diesen „letzten Abend“ im Hotel -- denn morgen um diese Zeit war er wer weiß wie weit -- auch noch würdig zu feiern, und da ein Glas Wein, oder selbst eine ganze Flasche, bekannter Weise nicht schmeckt, wenn man sie allein trinken soll, so war er genöthigt, aus Mangel weiterer Bekanntschaft den stets bereiten Louis wieder zuzuziehen.
Unter anderen Verhältnissen würde indessen Herr Louis Bedenken getragen haben, dem fremden Gast -- wenn er auch mit dem Nimbus eines Particulier umgeben auftrat -- auf den schmächtigen Reisesack hin weiteren und gewissermaßen unbegrenzten Credit zu gestatten, denn seine Rechnung war schon ganz bedenklich aufgelaufen. Heute aber, in der gereizten Stimmung, in der er sich befand, und über düsteren, unheilsvollen Zukunftsplänen brütend, schien er nur zu sehr geneigt, kleine Hindernisse als nicht bestehend zu betrachten. Wenn die Welt zu Grunde gegangen wäre, was lag heute Herrn Louis daran, und wie konnte es ihm, von solchen Ideen erfüllt, da auf ein paar Flaschen Wein mehr oder weniger ankommen?
Außerdem war die Frau heute Abend unwohl und keine Gefahr also, daß sie noch einmal herunter kommen könne. So saßen denn die beiden würdigen Leute wieder bis Nachts zwölf Uhr bei ihrem Glas Wein, und da sich der Particulier Müller heute bei _sehr_ guter Laune fühlte und Herr Louis zuletzt davon angesteckt wurde, so erzählten sie sich Anekdoten und lustige Streiche aus ihrem oder anderer Leute Leben, und wurden zuletzt so cordial zusammen, daß der Oberkellner endlich die unausweichlichen Knackmandeln zum Vorschein brachte und der Gast in höchst liebenswürdiger Weise nicht eins, nein, einen ganzen Teller voll Vielliebchen mit ihm verzehrte.
Viertes Kapitel.
Wenn der Particulier Müller aber auch bis tief in die Nacht hinein geschwärmt hatte, so war er doch trotzdem am frühen Morgen wieder auf, denn heute galt es, den entscheidenden Streich zu führen -- länger hätte er sich auch überdieß nicht in dem Hotel halten können, und je früher am Morgen er damit begann, desto rascher kam er damit zu Ende. Eine Nacht durfte er keinesfalls noch nachher im Hause bleiben.
Am vorigen Abend schon hatte er sich von seinem Freund, dem Oberkellner, ein Rasirmesser geborgt, und wie es nur eben hell geworden war, um die Operation vorzunehmen, klingelte er um seinen Kaffee und etwas heißes Wasser, verschloß dann seine Thür und stutzte und rasirte sich seinen Bart genau so, wie ihn das Portrait über der Kommode trug. Auch die Haare ordnete er sich in ähnlicher Art, und als er sich nachher im Spiegel mit dem Bild verglich, mußte er sich selber eingestehen, daß die Aehnlichkeit eine vollkommene sei. Er konnte gar nicht verfehlen, den Eindruck zu machen, den er beabsichtigte.
Die einzige Schwierigkeit war jetzt, in das Zimmer seiner Schwägerin zu kommen, ohne dem Oberkellner vorher zu begegnen, denn Müller zweifelte keinen Augenblick daran, daß diesem die Aehnlichkeit mit dem Bilde ebenfalls auffallen müsse. Schlug der aber vor der Zeit Lärm, so war die Sache kein Geheimniß mehr und dann vollkommen werthlos; seiner Schwägerin wäre es nicht mehr eingefallen ihn abzukaufen. Uebrigens hatte er sich schon am vorigen Tag den Gang gemerkt, durch welchen er in das Zimmer der Frau gelangen konnte, ohne vorher die Treppe hinunter und an der andern Seite wieder hinauf zu steigen. Aber vorher mußte er sich melden lassen und dazu blieb ihm keine andere Person erreichbar als der Hausknecht. Nur ob er ihn dazu bewegen konnte, war die Frage, denn bis jetzt hatte er aus dem Burschen noch keine drei Worte herausbekommen. Doch der Versuch mußte gemacht werden.
Die Thurmuhr -- eine eigene Uhr besaß Herr Müller schon lange nicht mehr -- schlug eben acht, als er diesem würdigen Individuum klingelte. Bald darauf erschien er mit drei oder vier Paar Stiefeln unter den Armen, machte die Thür auf, rief herein: „Komme gleich!“ und verschwand dann wieder, um die betreffenden Fußbekleidungen an ihre entsprechenden Nummern abzuliefern. Nach einiger Zeit aber kehrte er wirklich, mit der Kleiderbürste in der Hand, zurück -- denn was Anderes konnte man von ihm verlangen? -- blieb in der Thür stehen und sagte, sich überall nach einem auszubürstenden Kleidungsstücke umsehend:
„Na, wo is es?“
„Wo ist was?“ fragte Herr Müller, der sich indessen sein rothseidenes Taschentuch vor das Gesicht hielt, damit der Bursche nicht sein verändertes Aussehen bemerken sollte.
„Nu, der Rock oder die Hose,“ erwiderte der Bursche, „oder soll ich Ihnen vielleicht einen Zahn ausreißen, denn Sie halten ja das Gesicht so fest zu.“
„Bitte, lieber Freund,“ sagte aber Herr Müller, „thun Sie mir doch den Gefallen und gehen Sie einmal hinüber zur Wirthin --“
„Geht mich nichts an,“ brummte aber der Hausknecht, indem er sich wandte, um das Zimmer wieder zu verlassen; „das ist dem Kellner, dem Mosche Luih seine Sache. Wenn ich ihn sehe, will ich ihn heraufschicken.“ Er stand schon wieder auf der Schwelle, aber der Fremde griff in die Westentasche, und das war eine Bewegung, die er nur zu gut kannte und der er noch nie im Leben hatte widerstehen können.
„Lieber Freund,“ wiederholte auch jetzt der Fremde, indem er ihm ein Fünfgroschenstück in die Hand drückte -- es war das letzte, das er sein nannte -- „hätten Sie wohl die Freundlichkeit, für mich hinüber zu gehen? Ich vertraue Ihnen die Bestellung lieber an.“
„Na, man ist ja kein Unmensch,“ sagte der Hausknecht, indem er das Geldstück besah und in seine eigene Tasche gleiten ließ, „und was soll ich drüben?“
Herr Müller trug schon seit gestern eine Karte bei sich, die er sich ebenfalls von dem Kellner erbeten. Auf dieser hatte er mit Fractur -- um seine Handschrift nicht zu verrathen -- den Namen „Caspar Müller“ geschrieben und die Karte dann in einem Couvert versiegelt.
„Hier, diese Karte,“ sagte er jetzt, das Papier dem Hausknecht gebend, „tragen Sie gleich zu Ihrer Madame hinüber und sagen Sie ihr, der Herr, dessen Namen da drinnen stände, wünsche sie augenblicklich zu sprechen, da er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Verstanden?“
„Hm,“ sagte der Hausknecht und besah sich den kleinen Brief von allen Seiten, „da steht ja gar nichts oben drauf.“
„Ist auch gar nicht nöthig. Sie wissen ja doch, wem Sie es übergeben sollen.“
„Na, schön,“ erwiderte der Bursche, indem er das Couvert in seine Westentasche zu dem Fünfgroschenstück schob, „werde es nachher besorgen, wenn ich hier mit meiner Seite fertig bin.“
„Wenn Sie nicht gleich hinüber gehen, kann es mir nichts helfen,“ sagte aber Herr Müller ruhig, „dann seien Sie so gut und geben Sie mir den Brief und die fünf Groschen wieder -- die mag dann das Hausmädchen verdienen.“
„Ne, das kann ich auch,“ meinte aber der jetzt gefügige Geselle, denn schon eingestecktes Geld wieder herauszugeben, ging doch unmöglich an; „wenn die Geschichte so eilig ist, mag sie ihn gleich haben, und Nummer 28 bis 19 muß eben warten, bis ich wiederkomme,“ und dabei drehte er sich auf dem Absatz herum und ließ Herrn Müller jetzt zwar nicht mit Zahnschmerzen, aber doch in einem Grad von Aufregung zurück, der ihm das Herz wie ein Hammer in der Brust pochen machte und den Angstschweiß auf die Stirn trieb.
Die Würfel waren aber auch jetzt gefallen; der Stein rollte, die Kugel war aus dem Lauf, und keine Macht der Welt konnte sie wieder zurückbringen. Der Name Caspar Müller bereitete die Frau auf Alles vor, was sie zu erwarten hatte, und seine eigene Erscheinung nachher mußte jedem etwa auftauchenden Zweifel ein Ende machen. Keinesfalls wies sie auch das einzige Rettungsmittel von der Hand, das er ihr bot. Was konnte ihr an den paar Hundert Thalern liegen, wo es ja den häuslichen Frieden ihres ganzen Lebens galt. Und doch war ihm nicht recht behaglich dabei zu Muthe, denn er dachte an seine eigene Frau -- was diese dazu sagen würde, wenn sie es wüßte, dachte an den Betrug den er spielte, und mochte er ihn auch beschönigen wie er wollte, es blieb doch immer nur ein Raub, den er verübte.
Aber konnte er etwa anders? Zwang ihn denn nicht die baare, blanke Noth zu diesem Schritt, und hätte er nicht etwa gar stehlen müssen, um sich nur am Leben zu erhalten, wenn ihm dieser Versuch fehl schlug? -- Stehlen? -- Und war das hier etwa besser wie stehlen? einer armen, alleinstehenden Frau, die sich nicht zu rathen und zu helfen wußte, ja seiner eigenen Schwägerin eine Summe Geldes durch eine Lüge abzupressen? Er mochte den Blick nicht zu dem Spiegel aufheben, an dem er vorüberschritt, so schämte er sich vor sich selber, und unruhig horchte er wieder und wieder an der Thür, ob denn die Antwort noch nicht bald käme, daß er endlich von seinen peinlichen Gedanken und Selbstvorwürfen erlöst würde. Und immer wieder horchte er vergebens, denn so vollkommen vorbereitet die Wirthin auch auf den Empfang des _Ferdinand_ Müller gewesen war, so unerwartet traf sie die Meldung des Namens ihres eigenen verstorbenen Mannes, und so bestürzt war sie darüber, daß ihre Bewegung nicht einmal dem sonst fast stumpfsinnigen Hausknecht entgehen konnte.
„Und was für Antwort soll ich auf Nummer 36 bringen?“ fragte dieser endlich, als die Wirthin noch immer wie gebannt auf den verhängnißvollen Namen starrte, „er wartet d’rauf.“
„Ich -- ich werde ihn nachher rufen lassen,“ sagte die Frau, sich gewaltsam sammelnd, „aber jetzt -- schicken Sie mir einmal gleich die neue Wirthschafterin herauf -- hören Sie? Ich ließe sie bitten, den Augenblick zu mir zu kommen, ich hätte ihr -- doch schon gut -- sagen Sie ihr nur, daß sie augenblicklich kommt.“
Der Hausknecht drehte sich um, diesen neuen Auftrag auszuführen und dann seine übrigen Stiefel fertig zu putzen. Die fünf Groschen hatte er verdient und Nr. 36 jetzt weiter nichts zu thun, als eben zu warten, bis er gerufen würde. Wie blaß aber die Frau geworden war, als sie den Brief gelesen! was da wohl d’rin gestanden haben mochte -- gewiß war Jemand gestorben, doch was ging das ihn an; er sollte die Wirthschafterin rufen, und war das geschehen, so hatte er auch mit der ganzen Geschichte nichts weiter zu thun.
Nur wenige Minuten vergingen bis Frau Therese bei ihrer neu entdeckten Schwägerin erschien, und was für wirre, peinigende Gedanken waren dieser indessen durch Herz und Hirn gezuckt und hatten ihr Brust wie Seele eingeschnürt, daß sie kaum athmen konnte. -- Wenn sich die Frau nun gestern Abend geirrt -- wenn sie, durch die Aehnlichkeit getäuscht, ihren eigenen Mann, den Caspar Müller, den sie die langen, langen Jahre für todt und verloren geglaubt, für den ihrigen gehalten hätte -- wenn er jetzt wiederkommen -- plötzlich zu ihr in’s Zimmer treten sollte. -- Sie konnte den Gedanken nicht gleich fassen, denn zu plötzlich, zu überraschend schnell war das Alles sich gefolgt, und rathlos, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt, ging sie noch mit raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab, als sich die Thür öffnete und ihre Schwägerin den Raum betrat.
„Sie haben mich zu sprechen gewünscht,“ sagte sie leise und sah sich scheu im Zimmer um, denn sie hoffte halb, halb fürchtete sie, ihren Gatten hier zu treffen, aber die Wirthin schob ihr nur die Karte hin und „Caspar Müller“ las sie verwundert. Sie wußte nicht, was sie daraus machen solle -- wie das mit dem was sie erwartete zusammenhing -- „Caspar Müller? Wer ist das? War das nicht _Ihres_ Mannes Name?“
„_Meines_ Mannes,“ bestätigte die Frau, „und diese Karte hat mir der Fremde eben herübergeschickt, den Sie gestern Abend in der Wirthsstube gesehen und für Ihren Mann gehalten haben.“
„Diese Karte? -- aber sein Vorname ist Ferdinand.“
„Und wissen Sie bestimmt, daß Sie sich nicht getäuscht? Die beiden Brüder sollen sich immer ähnlich gesehen haben, und nie, nie konnte ich bestimmte Nachricht von dem Tod meines Gatten erhalten. Er war nur verschollen, und wie Andere, die mit ihm todtgesagt gewesen, wieder nach einiger Zeit in Europa und in dem Kreis der Ihrigen erschienen, so kann ja auch er zum Leben zurückgekehrt und mir erhalten sein.“
Therese seufzte tief auf, aber mit dem Kopf schüttelnd, sagte sie leise: „Und wenn es Zwillingsbrüder gewesen wären, ich hätte sie von einander gekannt, wenn ich sie so gesehen, wie gestern Abend meinen Mann. O, Gott wollte ich recht von Herzen und auf meinen Knien danken, wenn Ihnen der Gatte zurückgegeben würde, aber der, den ich gestern Abend gesehen habe, war es nicht.“
„Und sind Sie davon fest und sicher überzeugt?“ fragte die Wirthin.
„Ich wollte den heiligsten und schwersten Eid darauf ablegen, aber“ fuhr sie fort, „wir haben noch ein anderes Mittel, uns zu überzeugen. Dort liegt noch das Fremdenbuch von gestern Abend und meines Mannes Handschrift. Hier --“ und sie nahm ihr Notizbuch aus der Tasche -- „ist der letzte Brief, den ich von ihm erhalten habe. Sie selber besitzen doch auch noch jedenfalls die Unterschrift ihres Mannes aus früherer Zeit -- vergleichen Sie die drei Proben mit einander, und Sie werden bald selber keinen Zweifel mehr hegen.“
„Sie haben Recht,“ rief die Wittwe rasch, indem sie ein kleines Ebenholzkästchen aufschloß und ein Packet Briefe herausnahm. „Die Unterschrift muß jeden Zweifel lösen, und jetzt werden wir gleich sehen, woran wir sind.“ Sie hatte mit den Worten schon einen Brief herausgenommen und geöffnet, aber die Schrift ihres verstorbenen Mannes hatte auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit dem in dem Fremdenbuch eingetragenen Namen, während das Wort Müller in jeder Einzelheit mit der Handschrift von Theresens Gatten correspondirte.
„Sie sehen selber, daß ich Recht habe,“ sagte Therese, „es bleibt kein Zweifel mehr, es ist mein Mann; aber dann begreife ich nicht, wie er dazu kam, Ihnen diese Karte zu schicken, die er selber geschrieben haben muß.“
„Ich begreife es aber desto besser,“ sagte die Wittwe, deren Brauen sich finster zusammenzogen, während sie, beide Hände aus den Tisch gestützt, noch immer die Handschriften mit einander verglich, oder wenigstens darauf niederstarrte, „doch davon werden wir uns selber überzeugen, wenn wir den Herrn erst gesprochen haben,“ sagte sie plötzlich, indem sie sich wieder aufrichtete und ihre Briefe verschloß. „Bitte, liebe Therese, nehmen Sie ihren Brief wieder an sich und das Fremdenbuch vor der Hand mit auf Ihr Zimmer, das Sie auch nicht verlassen dürfen, bis ich Sie selber von dorther rufe. Wir wollen so wenig wie möglich fremde Menschen bei der Sache haben.“
„Aber mein Mann --“
„Schicken Sie das Hausmädchen hinüber auf Nummer 36 und lassen Sie den Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Sagen Sie auch dem Mädchen, daß sie ihn gleich selber zu mir führt; er möchte den Weg nicht wissen, obgleich ich fast vermuthe, er hat sich schon danach umgesehen. Und dem Mädchen tragen Sie dann auf, augenblicklich wieder zu Ihnen zu kommen, damit sie mir hier nicht am Zimmer horcht. Es wäre vielleicht besser, Sie sähen sich selber nach ihr um, denn Sie können ja in Ihrem Zimmer hören, wenn sie dort vorbeigehen.“
„Und wollen Sie ihm sagen, daß ich hier, daß ich bei Ihnen bin?“
„Erst müssen wir vor allen Dingen erfahren, was ihn selber zu mir führt, danach werden wir unsere anderen Maßregeln zu ergreifen haben. Also vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, und nun fort, denn ich fürchte fast, Herr Müller da drüben, welchen Vornamen er nun auch trägt, wird indessen ungeduldig geworden sein.“
Therese verließ das Zimmer, um die erhaltenen Befehle auszuführen, wenn sie auch noch immer nicht begriff, auf was das Alles hinauslaufen sollte. Weit rascher hatte dagegen die Wirthin des Fremden Absicht aufgefaßt, denn von Jugend auf gewohnt, mit einer Menge der verschiedensten Menschen zu verkehren, und diese nicht immer von ihrer Lichtseite kennen zu lernen, war schon lange bei allen zweifelhaften Fällen stets ihr erster Gedanke, daß das Ganze auf eine Gelderpressung hinauslief, und Erfahrung hatte sie gelehrt, wie sie unter zehn Fällen sieben- oder achtmal Recht gehabt. Und doch blieb ihr hierbei räthselhaft und unbegreiflich, auf welche Weise ihr Schwager -- und daß er es sei, bezweifelte sie jetzt selber nicht mehr, seitdem sie die Handschriften miteinander verglichen -- beabsichtigt habe, seine Rolle durchzuführen. Wenn er sich für ihren verstorbenen Mann ausgab, mußte er doch auch darauf gefaßt sein, dafür zu gelten, und dann jeden Tag fast eine Entdeckung des begangenen Frevels fürchten. -- Daß Herr Louis aus ihm selber am besten bekannten Gründen ihr einen zweiten Mann angedichtet hatte, wußte sie ja gar nicht.