Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 12

Chapter 123,722 wordsPublic domain

„Ah, guten Morgen, Kamerad. Ausgeschlafen?“ lachte er.

„Auf der einen Seite“, brummte der Mann mit der rothen Schürze. „Stiefel putzen?“

„Hm“, meinte der Fremde, indem er einen Blick auf seine Fußbekleidung warf, der eine Bürste eben keinen Schaden gethan haben würde, „jetzt nicht, später. Kann man hier logiren?“

Das war eine Frage, die den Hausknecht nichts anging, und ohne sie deshalb einer Antwort zu würdigen, drehte er sich auf seinen Pantoffeln wieder um und schlappte aus dem Zimmer.

Der Fremde sah ihm nach und lachte still vor sich hin; andere Gedanken gingen ihm aber doch durch den Kopf, um sich lange mit dem faulen Burschen zu beschäftigen. Er trank seinen Kaffee, stürzte den Cognac hinterher, nahm dann eine schon etwas stark gebrauchte Cigarrendose aus der Tasche und zündete sich mit einem Feuerzeug, das er ebenfalls bei sich führte, eine Cigarre an.

Das Stubenmädchen, ohne sich indeß dabei in ihrer Arbeit stören zu lassen, betrachtete sich den Fremden kopfschüttelnd, denn sie konnte nicht recht klug aus ihm werden.

Es war in der That eine etwas wunderliche Persönlichkeit, und wenn er auch anständig gekleidet ging, lag doch in seinem ganzen Wesen wieder etwas, das man hätte genial nennen können, das aber eigentlich an das Liederliche und Verkommene streifte. Er trug einen weiten leichten Paletot, wie ihn Künstler gewöhnlich tragen, einen breitrandigen, schwarzen, etwas zerdrückten Hut von feinem weichen Filz, gestreifte Beinkleider und lilla Glacéhandschuhe, aber seine Wäsche war nicht tadellos rein, und konnte nur vielleicht damit entschuldigt werden, daß er eben von der Reise kam. Trotzdem würde er entschieden anständiger ohne die unechte Tuchnadel ausgesehen haben.

Für den Mann ist jeder goldene Zierrath unpassend, aber entsetzlich, wenn er auch noch unecht ist, und kann eigentlich nur bei Weinreisenden entschuldigt werden.

Seinem Aussehen nach mochte der Fremde etwa in den Vierziger Jahren stehen; sein Alter ließ sich aber nicht genau erkennen, da der volle braune Bart und der breitrandige Hut das Gesicht ziemlich verdeckten. Im Bart selber zeigten sich aber schon kleine graue Flecke, die Schatten, die der sinkende Abend auf uns wirft, und nur seine Bewegungen waren noch lebendig und fast jugendfrisch.

Er hatte den Rauch in dichten Wolken ausgeblasen und ein paarmal auch den Kopf nach dem Mädchen umgedreht, als ob er sie anreden wollte, es aber immer wieder unterlassen. Da ging die Thür auf und „Mosje Louis“, der Kellner trat ein. Mosje Louis war in der That „jeder Zoll ein Kellner“.

Er erschien spät, aber er erschien seiner würdig, in vollem, nichts zu wünschen übrig lassendem Ornat, die schwarze Tuchjacke sauber abgebürstet, die großcarrirten Hosen nach dem neuesten Schnitt und sehr eng, die Wäsche untadelhaft, mit allem nur darauf anzubringenden Zubehör von Tuchnadel, Chemisett- und Hemdknöpfchen, Berloques, Kette und Ringen; und das Toupet. Es war in der That makellos und über beiden Ohren hoch und gelockt auflaufend, während gerade auf der Mitte des Kopfes eine wahre Chaussee von einem Scheitel schnurstracks hindurch bis hinten hinunter in die himmelblaue Halsbinde lief.

Schade, daß seine etwas stumpfe Nase nicht mit dem Ganzen harmonirte. Selbst dem geistreichsten Gesicht giebt außerdem ein in der Mitte gescheiteltes Haar stets einen „minder geistreichen Ausdruck“, um mich so artig wie möglich auszudrücken, und Mosje Louis besaß unglücklicher Weise nicht einmal ein geistreiches Gesicht. Er sah eigentlich schon, ohne künstliche Vorrichtung, von Natur etwas dumm aus. Aber jene glückliche Selbsttäuschung, die den Schwindsüchtigen mit frischer Lebenshoffnung erfüllt, half auch Mosje Louis über diese weit geringere Unbequemlichkeit des Lebens hinweg. Er selber hielt sich für schön, ja für unwiderstehlich, und sein kleiner Unterkellner, der leider jetzt im Bett lag und krank war, wollte sich über seine Witze immer vor Lachen ausschütten.

Mosje Louis erschien also, warf einen etwas erstaunten Blick auf den frühen Gast, einen schmachtenden auf das Stubenmädchen und sagte leise:

„Guten Morgen, Lieschen!“

„Guten Morgen, Herr Louis!“ erwiderte das junge Mädchen, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen. Sie war mit ihrer Arbeit gerade fertig geworden, überschaute das Zimmer noch einmal flüchtig und verschwand dann mit den Worten, bei denen sie auf den Fremden deutete: „halbe Kaffee und Glas Cognac!“ aus der Thür.

Herr Louis sah ihr freundlich zunickend nach, da er aber ihrem Blick nicht wieder begegnen konnte, nahm er sein sehr groß geblümtes rothseidenes Taschentuch aus der Jackentasche, schneuzte sich mit vielem Geräusch, trat dann, während sich der Fremde nach ihm umsah, auf diesen zu und sagte, indem er das Tuch wieder in die Tasche zwängte und sich die Hände lebhaft rieb:

„Guten Morgen!“

„Guten Morgen,“ sagte der Fremde kurz und musterte den Burschen von Kopf bis zu Füßen.

„Mit dem Frühzug gekommen?“

„Ja“.

„Sehr schöner Morgen.“

„Es hat gegossen, was vom Himmel herunter wollte.“

„So?“ sagte Herr Louis, über die Nachricht erstaunt, denn jetzt schien die Sonne, und er zog die Augenbrauen dabei so hoch hinauf und vorn zusammen, daß sie eine Verlängerung des Scheitels nach vorn herunter bis auf die Nasenwurzel herstellten. Er sah aber trotzdem nicht hübsch aus.

„Kann ich vielleicht -- wenn es nöthig sein sollte, ein oder zwei Tage hier wohnen?“ brach der Fremde indessen die meteorologische Verhandlung ab.

„Es ist gerade noch ein Zimmer frei“, log Herr Louis, denn das halbe Haus stand leer; „erlauben Sie --“ und damit streckte er seine Hand nach dem Reisesack aus, um den Fremden vor allen Dingen einmal sicher zu haben.

„Bitte“, sagte aber dieser, indem er sein Eigenthum noch festhielt. „Vorher muß ich mich erst noch nach Einigem erkundigen, aber vielleicht sind Sie im Stande, mir Auskunft zu geben. Wissen Sie, wem diese Wirthschaft zu eigen gehört?“

„Wäre nicht übel, wenn ich es nicht wüßte“, lächelte Herr Louis etwas spöttisch und fuhr sich mit den gespreizten Fingern der rechten Hand durch die entsprechende Chausseeseite; „der Frau Josephine Müller.“

„Josephine Müller?“

„Zu dienen.“

„Ihr Mann ist todt?“ examinirte der Fremde weiter, und Herr Louis schoß einen raschen und forschenden Blick auf ihn, denn ein eigener Verdacht stieg in ihm auf, zögernd sagte er auch nur: „Ja!“

„Und ist sie zu Haus?“

„Nein -- verreist, auf Besuch“, bemerkte Herr Louis, und fuhr sich durch die andere Chausseeseite -- was zum Henker konnte der Fremde mit seiner Wirthin wollen, daß er sich nach dem Tod ihres Mannes erkundigte. Ueberdies war das eine sehr alte Geschichte und der Herr Müller schon seit sechs Jahren verschollen und damals mit einem Dampfer zu Grunde gegangen.

„Verreist -- so --?“ sagte der Fremde gedehnt und, wie es schien, in seinen Erwartungen getäuscht; „weit?“

„Nein, nur zum Besuch aufs Land. Sie kommt morgen Mittag jedenfalls wieder.“

„In der That?“ rief der Fremde rasch und augenscheinlich erfreut; „dann seien Sie doch so gut und weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich werde sie jedenfalls erwarten.“

Herrn Louis gefiel das nicht, aber gegen diesen direct ausgesprochenen Willen ließ sich auch nichts weiter thun. Er nahm also, da der Fremde aufstand, den Reisesack und ging, mit einer einladenden Verbeugung ihm zu folgen, voraus, beschloß aber doch, jedenfalls heute noch herauszubekommen, was der Fremde beabsichtigte, denn Herr Louis hatte selber eine Menge weitgreifender Pläne und dachte gar nicht daran, sie sich von einem „hergelaufenen Voyageur“, der mit dem Frühzug und nur mit einem Reisesack eintraf, kreuzen zu lassen. Der Mann trug ja nicht einmal einen Schirm.

Der Fremde schien aber nicht die geringste Notiz von des Oberkellners Gedanken oder Plänen zu nehmen, ging in sein Zimmer, zog seine Stiefeln aus und setzte sie vor die Thür, schloß sich dann ein, entkleidete sich und ging zu Bett, als ob es zehn Uhr Abends gewesen wäre.

Während der Fremde schläft, können wir uns indessen die Verhältnisse des Hotel Müller ein wenig betrachten.

Das Hotel hatte schon der Vater der jetzigen Wirthin innegehabt, bis sie sich in den „seligen Müller“, einen übrigens wackeren und thätigen Mann verliebte, diesen heirathete und nach des Vaters Tod das Wirthshaus „Zum goldenen Elephanten“ in das moderner klingende „Hotel Müller“ umwandelte. Caspar Müller, ihr damaliger Mann, brachte auch das jetzige Hotel durch seine unermüdliche Thätigkeit in „Schwung“, daß es bald das beste der Stadt wurde, und verdiente viel Geld dabei. Da war er einst genöthigt, um bedeutende Außenstände einzucassiren, nach London hinüber zu fahren. Ein sehr heftiger Sturm warf aber den Dampfer an die Küste; er strandete, und von sechsunddreißig Passagieren wurden nur drei gerettet. Caspar Müller aber blieb verschollen. Jene furchtbare Sturmnacht, die so viele Menschenleben kostete, hatte auch sein Schicksal besiegelt, und es wurde nichts weiter von ihm gehört.

Die Wittwe führte indessen das Geschäft fort, und unermüdlich, wie sie in demselben immer gewesen hatte sie ihm auch die Jahre allein und wacker vorgestanden. Aber sie fand zuletzt keine rechte Freude mehr daran, denn mit einem erworbenen Vermögen, von dem sie mit mäßigen Ansprüchen recht gut hätte leben können, sah sie keinen Grund, weshalb sie sich eigentlich noch länger unnöthiger Weise quälen sollte, und beabsichtigte deshalb, das Hotel unter guten Bedingungen zu verpachten. Bis das aber geschehen konnte -- denn nichts zwang sie, diese Sache zu übereilen -- wollte sie sich eine Haushälterin nehmen und hatte zu dem Zweck schon eine Aufforderung in den Zeitungen erlassen. Bis diese freilich eintraf, mußte ihr Oberkellner, Herr Louis, das Ganze leiten.

Herr Louis hatte unten im Wirthszimmer Kaffee getrunken und seinen eigenen Gedanken dabei Audienz gegeben, als Lieschen, das Stubenmädchen, hereinkam und den einen Tisch deckte, denn einige Stammgäste frühstückten gewöhnlich im Hotel Müller, wo sie mäßige Preise und ein vortreffliches Glas Wein fanden.

Herr Louis hatte gerade nichts zu thun; es war heute Morgen merkwürdig leer in der Weinstube; so, an dem Mädchen vorbeigehend, suchte er ihr unter das Kinn zu greifen und sagte:

„Nun, Schatz, wie geht’s?“ Lieschen parirte aber den Versuch, schlug ihm den Arm zurück und sagte schnippisch:

„Wie man’s treibt!“

„Nu, nu“, bemerkte Herr Louis beleidigt, „die Jungfer ist ja heute Morgen bei sehr übler Laune. Lieschen, Lieschen, Sie stehen sich sehr im Licht.“

„Ich? -- daß ich nicht wüßte“, lachte das Mädchen, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, indem sie mit geschickter Hand die Teller und Gläser auf dem Tisch ordnete; „ich denke mir immer, es ist noch nicht so weit, und ehe Sie das bekommen, wo Sie dahinter her sind, läuft wohl noch mancher Tropfen Wasser den Berg hinunter.“

„Wo ich dahinter her bin?“ rief Herr Louis, anscheinend sehr erstaunt, erröthete aber doch etwas, denn er hatte kein reines Gewissen.

„Na, thun Sie nur nicht so“, lachte Lieschen. „Sie glauben wohl, unsereins ist blind -- aber zum Gratuliren wär’s doch wohl noch zu früh --“ und damit wollte sie sich rasch der Thür zu drehen, als ihr Herr Louis in den Weg trat. Es lag ihm aber nichts daran, dies Gespräch fortzusetzen, denn Lieschen hatte wirklich einen wunden Fleck berührt, und er sagte freundlich:

„Na, kommen Sie her, Kind, wir wollen uns nicht zusammen zanken, und Sie sollen auch nicht dabei zu kurz kommen, wie sich die Sachen hier gestalten. Also Frieden geschlossen, und zum Versöhnungszeichen essen Sie jetzt ein Vielliebchen mit mir, wer zuerst dem Andern morgen früh den guten Morgen abgewinnt.“

„Ja, ich hätte Zeit zu solchen Albernheiten“, rief aber das Mädchen; „die ewige Quälerei mit den Vielliebchen -- allen Menschen bieten Sie’s an, und Keiner will -- guten Morgen, Herr Louis -- seh’n Sie, jetzt hätt’ ich’s Ihnen schon abgewonnen!“ und mit den Worten machte sie sich lachend von ihm los und warf die Thür hinter sich ins Schloß.

Herr Louis war beleidigt, aber es blieb ihm keine Zeit, seinem Unmuth Worte zu geben, denn mehrere Gäste kamen zu gleicher Zeit, die bedient sein wollten, und denen konnte er sich nicht entziehen. Lieschen mußte nachher ebenfalls herein, um mit aufwarten zu helfen, und gegen Mittag erschien auch der arme Teufel von Unterkellner, ein furchtbar magerer, aufgeschossener Bursch, der aus Aermeln und Hosen herausgewachsen war und jetzt einen unförmlich aufgeschwollenen Backen in ein rothbaumwollenes Tuch eingebunden trug. Es war gerade keine appetitliche Erscheinung, aber er konnte eben nicht entbehrt werden.

Eine kleine Anzahl von Gästen aß auch später hier zu Mittag, und das Diner war schon beendet, als der Fremde von heute Morgen wieder herunter kam und noch etwas zu essen verlangte. Er hatte es verschlafen, wie er sagte, ließ sich jetzt an einem kleinen Seitentisch besonders decken, bestellte eine Flasche St. Julien und gab sich dann dem Genuß der Speisen mit aller Ruhe hin.

Das Speisezimmer war geräumt, die noch vorhandenen Gäste waren nebenan in das Billardzimmer gegangen, um bei einer Partie ihren Kaffee zu trinken. Der Fremde saß auch bei seiner Tasse im Zimmer und rauchte seine Cigarre, während Herr Louis, dicht neben ihm, aus einem Teller voll Knackmandeln diejenigen Mandeln aussuchte, die durch ihren Umfang zu der Hoffnung eines Vielliebchens berechtigten. Er drückte sich auch nicht absichtslos um den Gast herum, denn er hielt die Gelegenheit für günstig, ihn jetzt ein wenig über seine Absichten auszuforschen. Hatte er doch selber kühne Pläne auf die Hand der noch immer rüstigen und sogar noch hübschen Wittwe -- oder vielmehr auf das Hotel, bei dem er die Wittwe nur als Zugabe -- gewissermaßen eine Formsache -- heirathen mußte, und nicht die geringste Lust, hier einen möglichen neuen Heirathscandidaten so ohne Weiteres heran und ihm freie Hand zu lassen.

Es war aber mit dem Mann nichts anzufangen, er blieb einsilbig und suchte allen an ihn gestellten Fragen vorsichtig auszuweichen. Das aber bestärkte Herrn Louis nur noch mehr in seinem Verdacht, und er begann jetzt seinerseits einen neuen Operationsplan zu entwerfen. So viel hatte er schon herausbekommen, daß der Fremde wenig über die Verhältnisse des Hauses wußte, jedenfalls seit langen Jahren nicht in B. gewesen war. Trug er sich also wirklich mit solchen Plänen, wie Herr Louis fürchtete, so wollte er einmal versuchen, diese mit einem Schlag über den Haufen zu werfen und dann jedenfalls zu sehen, was der Herr für ein Gesicht dazu machte. Mißglückte es, nun so war es immer kein Unglück und nur ein Scherz gewesen, oder -- der Fremde konnte ihn auch falsch verstanden haben. Herr Louis beschloß nämlich, der Wirthin einen zweiten Mann zu octroyiren.

Die Wirkung war aber nicht so mächtig, wie sie der eifersüchtige Kellner erwartet hatte. Der Fremde nahm die neue Nachricht ziemlich ruhig hin und fragte nur etwas erstaunt:

„Hm -- ich glaubte, die Madame hieße noch Müller?“

„Du lieber Gott,“ meinte Herr Louis achselzuckend, „der Müller giebt’s gar viele. Ihr jetziger Mann führt denselben Namen.“

„Ja,“ sagte der Fremde, „das ist wahr. Ich heiße ebenso,“ und dampfte ruhig weiter.

Herr Louis wußte jetzt ebenso wenig, woran er mit dem räthselhaften Menschen war. Hatte er vielleicht eine Schuldforderung einzukassiren? Daß er die Frau vom Haus unter jeder Bedingung selber sehen wollte, sprach dafür. Das ließ sich vielleicht durch das Fremdenbuch herausbekommen -- aber auch das mißglückte. Der Gast schrieb sich ein: „Müller, Particulier, Hamburg -- zum Vergnügen,“ stand auf, zündete seine ausgegangene Cigarre wieder an und ging in sein eigenes Zimmer hinauf. Herr Louis aber blieb unten an dem Tisch sitzen und aß in Gedanken drei oder vier Vielliebchen mit sich selber.

Zweites Kapitel.

Das hingeworfene Wort des Burschen war aber trotzdem auf fruchtbaren Grund gefallen, denn es schien dem Fremden doch nicht so ganz gleichgültig, ob Madame Müller wieder geheirathet habe oder nicht -- wenn auch aus einem anderen Grund, als Herr Louis dachte.

„Hm, hm, hm,“ sprach er leise vor sich hin, indem er in seinem Zimmer auf und ab ging und, die Stirn in tiefe Falten gezogen, seinen eigenen -- wie es schien, eben nicht angenehmen -- Gedanken nachhing. „Das ist wieder ein Strich durch die Rechnung -- also auf’s Neue verheirathet. Welches Interesse wird jetzt der neue Mann an dem alten Schwager nehmen, und wenn ich ihr nun auch meine ganze verzweifelte Lage vorstelle, da -- speist mich der Herr Gemahl vielleicht aus verwandtschaftlichen Rücksichten mit fünf oder zehn Thalern ab, und meine letzte Hoffnung ist mir zu Grunde gerichtet.“

„Und meine arme Frau?“ fuhr er nach einer langen Pause fort, indem er, die Stirn an das Fensterkreuz gelehnt, durch die Scheiben auf die Dächer hinausstarrte. „Seit fünf Vierteljahren sitzt die jetzt in Breslau, während ich in der Welt herumfahre und Brot für uns Beide suche, wo ich mich selber kaum am Leben erhalten kann. -- Eine verfluchte Einrichtung in der Welt, daß die eben Alles haben, die nichts brauchen, und die Alles brauchen, welche nichts haben. Hol’ der Teufel dieses socialistische System -- wenn ich nur auf eine glückliche Idee fallen könnte, das Herz meiner unbekannten Schwägerin zu erweichen.“

Er warf sich mit diesen Worten in einen Lehnstuhl, das rechte Bein über das linke, stützte den Kopf in die Hand und starrte finster brütend auf die ihm gegenüber befindliche Wand. Sein Blick fiel dort auf ein Oelgemälde, das Brustbild eines Mannes, ohne aber im Anfang das Bild desselben in sich aufzunehmen. Nur wie in’s Leere starrte er wohl eine volle Viertelstunde darauf hin, bis das Portrait allmählich Farbe und Gestalt annahm, und seine eigenen Gedanken wieder zu seiner nächsten Umgebung zurückkehrten.

Das Bild stellte einen Herrn in einem blauen Frack mit blanken Knöpfen dar, der eine etwas steife Cravatte, einen aufgedrehten Schnurr- und kurzen Backenbart trug. Mit besonderer Sorgfalt war aber vorzüglich die gestickte Weste und die goldene Uhrkette gemalt, und die rechte Hand auch, etwas gewaltsam heraufgebracht, möglicher Weise um einen sehr schönen und großen Siegelring daran zu zeigen. Es war in der That kein großes Kunstwerk, aber eines von jenen Bildern, denen man trotz einer sehr mittelmäßigen Auffassung, ansieht, daß sie eine gewisse Aehnlichkeit haben.

Des Fremden Gedanken schienen sich aber doch nicht lange auf einen Punkt fesseln zu lassen. Er sprang auf und ging eine Weile mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab -- und dennoch fiel sein Blick immer wieder auf das Bild, das ihn anfing zu geniren. Es hatte eine Aehnlichkeit mit Jemandem, den er kannte, und er konnte nicht heraus bekommen mit wem. Es ist das gerade so, als ob wir uns auf einen bekannten Namen besinnen wollen und können nicht darauf kommen; was im Stande ist, einen Menschen den ganzen Tag zu quälen. Aber das Grübeln half nichts; die Gedanken peinigten ihn, und er beschloß, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Eben trat er aus seinem Zimmer, als Herr Louis vorbeiging.

„Wollen eine kleine Promenade machen?“ sagte er verbindlich.

„Ja,“ lautete die etwas zerstreute Antwort, „aber -- apropos, Oberkellner, wen stellt denn das Bild da drinnen vor?“

„Das Bild? Welches meinen Sie?“

Der Fremde schloß statt aller Antwort das Zimmer wieder auf und deutete auf das über der Commode hängende Oelgemälde.

„Ah, das!“ sagte Herr Louis, indem er sich im Zimmer umsah, „das ist eben der verschollene Herr Müller, der frühere Mann unserer Frau. Soll sehr ähnlich gewesen sein.“

„In der That?“ rief der Fremde, und wäre Herr Louis jetzt nicht selber in dem Anschauen des Bildes vertieft gewesen, so hätte ihm nicht entgehen können, daß diese Nachricht einen eigenthümlichen Eindruck auf den Gast machte. „Aber wie kommt das Bild des Wirths hier in ein Gastzimmer?“ fragte dieser endlich nach einer Pause.

„Dies Zimmer,“ sagte Herr Louis, „ist erst seit ein paar Tagen mit zu dem Hotel genommen; früher war es privat, und da Madame verreiste, blieben die Bilder noch vor der Hand hängen.“

„Und ihr jetziger Mann ist zu Haus?“ fragte der Fremde.

„Ihr jetziger Mann?“ sagte Herr Louis, der im ersten Moment ganz seine Lüge vergaß, „ja so -- Sie meinen den jetzigen Herrn Müller. Nein -- der ist auch verreist -- eine Geschäftsreise nach Bordeaux, um Wein zu kaufen, wird aber auch in den nächsten Tagen zurückerwartet.“

„So?“ sagte der Fremde rasch, und schien merkwürdiger Weise ganz vergessen zu haben, daß er hatte ausgehen wollen, denn er setzte sich wieder in den Lehnstuhl und stellte den Hut neben sich. Dort blieb er auch sitzen, als Herr Louis schon lange das Zimmer verlassen hatte, zündete nicht einmal ein Licht an, und ging erst etwa gegen zehn Uhr in das Gastzimmer hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Es mochte halb elf Uhr sein, als er damit fertig war (die sämmtlichen Gäste hatten den Wirthsraum schon verlassen) und noch eine zweite Flasche Wein bestellte. Er begann diese, langsam an seinem Glase nippend -- der Unterkellner lehnte mit verbundenem Gesicht zwischen dem Büffet und der Thür und schlief, die Serviette fest unter den linken Arm geklemmt, und Herr Louis stand an seinem Pult, notirte eben die zweite Flasche und erwog in seinen Gedanken, ob der Reisesack da oben auf Nr. 36 so viel werth sein möchte, wie die auflaufende Rechnung. Nebenbei überlegte er aber auch noch, weshalb der Fremde so überrascht gewesen sei, als er gehört habe, daß jener mythische zweite Herr Müller vereist sei, denn das hatte ihm doch nicht entgehen können.

„Herr Oberkellner!“

„Befehlen?“

„Bitte -- trinken Sie nicht ein Glas Wein mit? Es schmeckt besser zu Zweien.“

Herr Louis machte nur eine der Einladung entsprechende Bewegung, nahm sich ein Glas vom Büffet, versetzte dabei dem jungen Burschen einen leisen Knuff, denn die Gelegenheit war zu günstig, und nahm dann neben dem Gast Platz. Bei einem Glase Wein ließ sich doch am Ende herausbekommen, was er eigentlich beabsichtige. Aber auch hierin sah er sich getäuscht, denn der Fremde schien sich auffallender Weise viel mehr für den todten, wie für den lebendigen Herrn Müller zu interessiren, und da Herr Louis recht gut wußte, daß es kein besseres Mittel gab -- wenn alle anderen fehlschlugen -- um Jemanden zum Erzählen zu bringen, als wenn man selbst damit beginnt, so theilte der Oberkellner jetzt dem Fremden Alles mit, was er selber über den „Seligen“ wußte.

„Er war vier oder fünf Jahre mit >der Frau< verheirathet gewesen,“ begann Herr Louis seine Erzählung, „und, wie Alle behaupten, sehr glücklich. Dann kam die unselige Reise. Der Dampfer scheiterte, von einem heftigen Sturme verschlagen, auf den Goodwinsands, und nur ein Theil der Mannschaft und Passagiere wurde gerettet. Doch das Alles hatte ja damals in den Zeitungen gestanden und war bekannt, nur Eines schien auch dem Fremden neu, daß nach mehreren Monaten nämlich noch ein paar Leute von eben demselben Schiff auftauchten, die man damals für mit verunglückt gehalten hatte. Diese waren nämlich in der Nacht von einem amerikanischen Schiff aufgefischt worden und mit nach New-York genommen, und sagten auch aus, daß noch ein anderer Schooner ebenfalls an der Stelle gehalten habe und beigedreht wäre -- ob er es aber ermöglichte, noch Jemanden zu retten, wüßten sie natürlich nicht, und eine ganze Zeit lang sei dann das Gerücht gegangen, der „selige Herr Müller“ lebe noch, wäre in New-Orleans gelandet und würde mit dem nächsten Schiff zurückkehren. Aber es mußte doch nur ein bloßes Gerücht gewesen sein, denn Jahr nach Jahr verging und Herr Müller kam nicht wieder. Er war jedenfalls in jener Unglücksnacht mit der Mehrzahl der Passagiere zu Grund gegangen.“