Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 11
„Thun Sie Ihre Pflicht,“ sagte sie seufzend zu den Gensd’armen, die ihr das Bedauern aussprachen, das Haus besetzen zu müssen, „ich kann’s nicht hindern, und wenn ich’s könnte,“ setzte sie leise und scheu hinzu, „weiß ich nicht einmal, ob ich’s thäte.“
Damit ging sie in ihr Zimmer hinauf, setzte sich an’s Fenster und starrte still und schweigend, doch mit thränenlosen Augen, nach der alten Ruine hinauf, deren halbverfallenen Thurm sie von dort aus deutlich durch die Wipfel der Büsche und Obstbäume unterscheiden konnte.
Neuntes Kapitel.
Schluß.
Indessen verfolgten die drei Verbrecher ihre verschiedenen Bahnen, die sie an den Schauplatz ihrer Thätigkeit -- und zwar zum letzten Male -- zusammenführen sollten. Anfangs hatten sie sich völlig Zeit genommen und Brendel selber war in einem mäßigen Schritt, doch düster brütend vorwärts gewandert. Aber je länger er sich seinen alten Erinnerungen überließ, desto mehr trieb ihn die Angst vor Entdeckung weiter und zuletzt eilte er in einer solchen Hast vorwärts, daß ihm Franz kaum zu folgen vermochte.
„Zum Teufel,“ rief dieser endlich ärgerlich, „was hetzest Du denn nur so furchtbar heute Morgen? So eilig ist die Geschichte nicht, daß wir uns unnöthiger Weise den Athem aus der Seele laufen sollten.“
„Wir sind Thoren gewesen,“ knirschte Brendel zwischen den Zähnen durch, „daß wir uns so lange Zeit genommen haben, und mir hat geahnt, wie es noch Alles kommen würde.“
„Aber was ist denn eigentlich gekommen?“ rief Franz ärgerlich. „Sie haben irgend Jemanden dabei ertappt, falsche Banknoten auszugeben, das ist Alles, und was wollen sie machen, wenn er nicht gesteht? Indeß wirklich den schlimmsten Fall angenommen, daß er gestände, was er weiß, so verräth er doch unser Versteck nicht, das Niemand weiter kennt, als wir selber. Wie ich’s mir unterwegs überlegt habe, glaub’ ich, es wäre am Ende gar das Beste, wir ließen Alles dort oben ruhig, wie es steht, denn kein Mensch denkt an die alte Ruine, um dort Nachsuchung zu halten.“
„Und Deine Schwester kennt unser Geheimniß wohl nicht?“
„Du glaubst doch bei Gott nicht, daß die uns verrathen würde?“
„Ich will wünschen, daß wir uns nicht vom Gegentheil überzeugen,“ brummte Brendel, „aber so viel weiß ich gewiß, nicht eine Viertelstunde vertrau’ ich länger einer Weiberzunge. Macht Ihr, was Ihr wollt, mir kann’s recht sein; schon heut’ Abend jedoch bin ich auf dem Weg zur französischen Grenze.“
Franz hatte, wenn auch im ersten Augenblick durch die Nachricht überrascht, noch nicht so recht an eine wirkliche Entdeckung ihres verbrecherischen Treibens geglaubt, da sie ihm so lange und ungestraft gefolgt waren; durch Brendel’s Angst wurde er jetzt selber mit angstvoll. Die Möglichkeit eines Verraths ließ sich allerdings nicht leugnen, und doppelt schwer würde sie derselbe in einem Augenblicke betroffen haben, wo sie wirklich am Ziel ihrer Wünsche standen und ein bedeutendes Capital meisterhaft gefertigter Noten in ihrem Besitz wußten. Jedenfalls war es deshalb vorsichtig gehandelt, diese wenigstens in Sicherheit zu bringen, vielleicht auch gerathen, sich selber eine kurze Zeit aus dem Weg zu halten, bis man erst gewiß wußte, daß der Sturm vorüber gebraust sei. Mit diesen Gedanken beschäftigt, erstieg er schweigend mit dem Gefährten den rauhen, buschbewachsenen Hügel, bis sie den Pfad erreichten, der hinaufführte.
Paul Jochus war noch nicht da, lange ließ er indeß nicht auf sich warten. Kaum hatten sie das Gewölbe betreten, als sie seinen Schritt und gleich darauf sein Zeichen hörten.
„Aber Vater, wo hast Du nur gesteckt?“ rief ihm Franz entgegen, „wir hatten fast noch einmal so weit als Du.“
„Dann müßt Ihr gelaufen sein,“ sagte der Alte mürrisch, „ich hielt mich noch unterwegs auf. Wie ich kaum die Büsche erreicht hatte und ein Stück hinangeklettert war, bis zu der Stelle, wo früher die hölzerne Bank stand und von wo aus man einen Theil der Chaussee übersehen kann, kamen plötzlich drei Gensd’armen im scharfen Trab die Straße gen Wellheim hinunter geritten.“
„Nun -- und?“
„Und?“ brummte Jochus, „ich möchte wissen, weshalb die in so verdammter Eile waren und wohin sie wollten.“
„Hast Du’s denn nicht gesehen?“
„Wie konnt’ ich? Weiter ein Stück drunten verdecken die Büsche wieder die Aussicht. So weit ich sie sehen konnte, hielten sie die Straße.“
„Bah,“ sagte Franz verächtlich, „wer weiß, welchem armen Handwerksburschen ohne Wanderbuch sie auf der Fährte sind. Uns geniren sie hier nicht.“
„Etwas ist aber im Wind,“ sagte Brendel finster, „und es war vielleicht die höchste Zeit, daß wir an die Arbeit gingen. Was fangen wir aber mit der Presse an? Verstecken wir sie, wie wir’s früher bestimmt?“
„Gewiß,“ sagte Franz, „das Loch dazu ist ja schon lange gegraben und in einer halben Stunde haben wir Alles aus dem Weg.“
„Und der Kasten?“
„Muß mit hinein. Wir dürfen keine Spur zurücklassen. Theile nur indessen die Noten ab, Brendel, damit Jeder seinen Part bei sich verstecken kann. Du, Vater, hilf ihm und ich werde indessen das Grabgeschäft besorgen. Schade um die schöne Presse, sie muß hier total verrosten, doch es läßt sich eben nicht ändern. Fort dürfen wir sie unter keiner Bedingung schaffen, jetzt wenigstens noch nicht. Vielleicht findet sich im Winter und in den langen Nächten einmal Zeit und Gelegenheit dazu.“
Die drei Leute gingen nun rüstig an die Arbeit, denn es galt nur noch die letzten Spuren zu vertilgen, durch welche sie eine Entdeckung fürchten durften, und dann ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ehe irgend ein Verdacht auf sie fallen konnte. Die Presse wurde in eine schon bereit gehaltene breite Grube langsam und vorsichtig hineingelassen, und während sich Brendel mit dem alten Jochus daran machte, die schon in Pakete gesonderten Noten in drei Theile zu scheiden und seinen Theil, so gut das eben ging, an seinem Körper zu verbergen, nahm Franz das kurze, schwere Beil und schlug die Beine von dem eichenen Tisch ab, der ihnen bis jetzt als Arbeitstafel gedient und dessen Heraufschaffen ihnen früher die größte Mühe gemacht. Es ging das nicht ohne Lärm ab und Brendel fühlte sich zuletzt durch das Hämmern so beunruhigt, daß er ärgerlich ausrief:
„Zum Teufel auch, ich wollte, Du hättest das alte Ding hier unten ruhig stehen und verfaulen lassen. Und wenn sie ihn einmal fänden, was läge daran?“
„Wenn sie den Tisch fänden, wüßten sie auch, daß noch mehr hier unten versteckt ist,“ sagte Franz störrisch, „aber seid Ihr denn noch nicht mit dem Abzählen fertig?“
„Gewiß, Deine Noten stecken hier in der Ledertasche.“
„Gut, dann geh’ Du indessen lieber einmal hinauf, Vater, und halte eine Viertelstunde Wacht; indessen machen wir die Geschichte hier fertig und in Ordnung. Laß Dein Packet nur so lange hier unten, es wäre ja doch möglich, daß ein oder der andere Fremde bei dem schönen Wetter hier heraufkletterte, und sicher ist sicher.“
„’s ist am Ende besser,“ sagte der Alte, „aber halte Dich dazu; wir haben schon eine Menge Zeit verloren und ich muß machen, daß ich wieder nach Wellheim komme.“
Noch während er sprach, verbarg er einen Theil der Packete, von denen jedes eintausend Thaler enthielt, an seinem Körper, legte dann die anderen unten in eine Ecke, um sie nachher mitzunehmen, und stieg langsam den steilen, schlüpfrigen Pfad hinauf, der in den Burghof hineinführte.
Einmal hielt er erschreckt inne, denn es war ihm fast als ob er oben ein Geräusch gehört hätte, regungslos stand er und horchte, doch es schien Alles ruhig. Nur hohl und dumpf klangen die Schläge des Beils von unten herauf, mit denen Franz jetzt die Stühle zertrümmerte, um sie ebenfalls in die Grube zu werfen, welche Brendel schon angefangen hatte, an der einen Seite auszufüllen. Dicht daneben hatte er noch ein kleines, aber ziemlich tiefes Loch gegraben und in dieses den Rest der noch nicht vollendeten Banknoten mit dem Spaten hineingestampft; dort unten mochten sie verfaulen, denn wenn sie jetzt ein Feuer anzündeten, so konnte sie vielleicht der aufsteigende Rauch verrathen.
Paul Jochus hatte indessen die steilen Treppenüberreste erreicht, die hinauf in’s Freie führten. Es war ihm wunderbar bänglich zu Muthe und er scheute sich an das Tageslicht hinaufzusteigen. Warum denn? Oft und oft hatte er den Weg gemacht und kannte doch wahrhaftig keine Furcht; es war nur ein sonderbares Gefühl, das ihn beschlich, und immer wieder horchte er auf’s Neue. Aber da unten wurde es ihm zuletzt, als ob er gar keinen Athem mehr holen könne; wie Blei lag es ihm auf der Brust, und er kletterte jetzt rasch die Treppe hinauf, um nur erst einmal an die frische Luft zu kommen.
In das kleine Gewölbe, das Paul Jochus jetzt betrat und das dicht an den Burghof stieß, fiel allerdings die Sonne noch nicht herein, denn die einzige dort eingebrochene Thür lag nach der Nordseite, es war jedoch hell genug darin, um sich umsehen zu können, und er athmete hoch auf, als er keinen Menschen hier erblickte; war es doch fast als ob er erwartet hätte, hier Jemanden zu finden. Plötzlich aber stieß er einen lauten Angstschrei aus, denn in dem Moment sprangen zwei dunkelgekleidete Gestalten durch die schmale Thür und warfen sich auf ihn. Jeder Flucht- und Widerstandsversuch war unmöglich, weil den Zweien noch Andere folgten. Soldaten sah er ebenfalls mit ihren blitzenden Helmen und Gewehren. Im Nu hatten sie seine Arme gefaßt und ihn an weiterer Flucht verhindert.
„Was wollt Ihr?“ schrie er absichtlich laut, „was habt Ihr vor? Seid Ihr Räuber und Mörder?“
Das Klopfen hatte unten aufgehört, aber immer mehr Menschen drängten in den engen Raum.
„Laternen her!“ rief der Assessor Schüler, der das Ganze leitete, „hier ist der Eingang zu dem Versteck. Klettere einmal einer mit einer Laterne voran. Ihr Uebrigen breitet Euch oben aus; ich brauche nur vier Mann mit mir, wir wissen nicht, ob der Bau nicht noch eine Nothröhre hat, durch welche die Schufte vielleicht ausfahren könnten. Vorwärts! Ihr kennt Eure Ordre.“
Paul Jochus war ein baumstarker Mann, und in gewöhnlicher Zeit würden vielleicht vier Leute kaum hinreichend gewesen sein, ihn zu überwältigen und zu halten: jetzt konnte ihn fast ein Kind niederwerfen. Er war wie gebrochen, und ließ Alles mit sich geschehen, sträubte sich auch nicht im Geringsten, als man ihm die Hände auf dem Rücken zusammenschnürte und so jeden Fluchtversuch abschnitt.
Da fielen draußen am Hügelhang rasch hintereinander zwei Schüsse, dann war Alles still und nicht einmal die in das Gewölbe Gestiegenen kehrten zurück.
Assessor Schüler kannte das alte Nest, in dem er sich schon als Knabe herumgetummelt, ziemlich genau. Er wußte auch, daß es unterwölbt sei, und war schon als Kind, wo man den Platz noch häufiger besuchte, überall darin umhergekrochen. Lagen auch lange Jahre dazwischen, so erinnerte er sich doch des Terrains noch deutlich genug und traf darnach seine Vorsichtsmaßregeln. Es schien ihm nämlich nicht unwahrscheinlich, daß die Verbrecher, wenn sie sich wirklich dort oben sollten eingenistet haben, auch schlau genug gewesen wären, irgend einen ihnen durch die verschiedenen Gänge gebotenen Vortheil zu benutzen; wohin diese auszweigten, wußte er freilich nicht.
Er begnügte sich indeß auch nicht damit, bloß die Burg selber geräuschlos zu ersteigen und zu besetzen, sondern er ließ den ganzen oberen Hügel, auf welchem sie stand, richtig bestellen, wie bei einer Treibjagd, so daß Soldaten mit scharf geladenen Gewehren immer etwa vierzig Schritt von einander an kleine Lichtungen oder Pfade postirt und einander noch in Sicht waren. Erst als er sich in dieser Hinsicht so viel wie möglich gesichert wußte, folgte er selber den vorangeschickten Polizeidienern und erhielt von diesen schon an der steinernen Treppe die Meldung, daß man einen kellerartigen Eingang, der nach unten führe, entdeckt habe und dort unten ein dumpfes Klopfen hören könne.
Nachdem man sich nun rasch überzeugt hatte, daß dies wirklich der einzige sichtbare Weg sei, der oben von der Burg aus in das Innere führe, wurde derselbe besetzt und der Assessor machte sich gerade selber bereit hinabzusteigen, als sie den Wirth langsam herauskommen hörten. Seine Gefangennahme erfolgte dann, wie vorher beschrieben, und Assessor Schüler säumte nun keinen Augenblick, um das Nest da unten selbst auszustöbern.
Das hämmernde Geräusch hatte gleich nach dem ersten Angstschrei des Gefangenen aufgehört. Todtenstille herrschte und die matt brennenden Laternen warfen ein unheimliches Licht auf den schmalen, düsteren Gang; aber unaufhaltsam und so rasch es der schlüpfrige Boden erlaubte, drangen sie vor, als sie sich plötzlich an einem Loch sahen, in das weder Leiter noch Treppe hinabführte und dessen Tiefe sie auch in der Dunkelheit nicht erkennen konnten. Die Leute wußten sich aber zu helfen, denn daß sie auf dem richtigen Pfade seien, bewiesen die dem weichen Boden hier eingedrückten vielen Fußspuren. Einer der Polizeidiener knüpfte rasch ein mitgenommenes Seil an die Laterne und ließ sie in das Loch hinab, wonach sich dann bald herausstellte, daß es kaum zehn Fuß tief sei und unten weichen Boden habe. Wahrscheinlich hatte hier eine Leiter gelehnt, die bei dem ersten Alarm von den unten Befindlichen weggezogen worden, um den Verfolgern den Weg abzuschneiden.
Da hörten sie draußen die Schüsse.
„Ob ich’s mir nicht gedacht habe,“ brummte der Assessor. „Vorwärts, Leute, wir müssen hinunter. Wer springt dort zuerst hinab?“
Einer der jüngsten Polizeidiener ließ sich nicht lange bitten, denn auch sein Geschäft war Jagd, und was thut ein Jäger nicht, um dem verfolgten Wilde beizukommen? Er hob sich die Laterne ein wenig aus dem Weg und war mit Einem Satz unten.
„Geh’ ein kleines Stück vor, ob Du keine Leiter findest.“
„Hier liegt sie schon!“ rief der Mann, der mit der aufgenommenen Laterne nach vorn geleuchtet hatte.
„Her damit! Bravo, mein Bursch, das war gut gemacht, und nun hinunter mit Euch, Ihr Leute!“
Rasch ging es immer nicht, denn es war nachtdunkel dort unten, aber sie schienen hier auch den tiefsten Platz des Gewölbes erreicht zu haben. Ein schmaler Gang bog links ab und wenige Schritte weiter fanden sie sich in dem Gewölbe, das Paul Jochus vor noch nicht langer Zeit verlassen hatte und wo seine beiden Helfershelfer zurückgeblieben waren. Von diesen ließ sich jedoch nirgend mehr eine Spur erkennen.
Die halb zugeworfene Grube fanden sie, mit dem Werkzeug noch daneben, doch kein menschliches Wesen, und erst als Assessor Schüler selber die Laterne nahm und an den Wänden rings herumleuchtete, entdeckte er eine kleine Oeffnung, durch welche eben gebückt ein Mann kriechen konnte. Dort waren sie jedenfalls hinaus; ohne weiteres Zögern folgte er nach.
Die rings um den Hügel postirten Soldaten hatten indessen ihre Plätze mit dem Gefühl eines Jägers behauptet, der mitten im Wald angestellt ist, ohne zu wissen, von welcher Seite das Treiben kommt. Sie drehten das Gewehr in Anschlag, den Kopf bald nach der, bald nach jener Seite und fuhren fast erschreckt zusammen, wenn ein Eichhörnchen von Zweig zu Zweig sprang oder eine Maus im Laub raschelte, ja begriffen zuletzt nicht recht, was sie hier draußen eigentlich sollten: denn befanden sich die Verbrecher wirklich in der Ruine und wußten sie einen geheimen Weg zur Flucht, so würden sie doch nie in dieses Dickicht hineingekrochen sein. Allerdings kam es ihnen so vor, als ob sie irgendwo ein dumpfes Klopfen hörten, aber woher das tönte, ließ sich nicht bestimmen, und es konnte ebensogut von irgend einem Holzfäller herrühren, der weit im Walde drin an einem Baum hackte. Bald schwieg auch das und Todtenstille lag im Wald.
Der eine Soldat, ein Jägerbursch aus dem Spessart, stand etwa zehn Schritt über einer schmalen Felsplatte, wo er eine kleine, mit Heidelbeerbüschen überwachsene Lichtung unter sich hatte. Da, horch! was war das? Ein Fuchs, der vielleicht hier seinen Bau hatte und den schönen Morgen zu einem Spaziergange benutzen wollte? Unbewußt fast machte er sich schußfertig. Da wurde Moos bei Seite geworfen, das konnte ja doch kein Fuchs sein. Das Herz schlug wie ein Schmiedehammer in der Brust. Jetzt arbeitete sich eine dunkle Gestalt unter dem Felsen vor -- das war ein Mensch und mit zwei Sätzen stand der Jäger unten auf der Platte.
„Halt oder ich schieße!“ schrie er und suchte sich festzustellen, allein der Flüchtige hielt nicht. Im Nu hatte er den freien Boden erreicht und wie ein flüchtiger Hirsch setzte er mitten in das Dickicht hinein. Er war aber an den richtigen Mann gekommen, denn der gelernte Jäger brauchte nicht lange, um wieder einen festen Stand zu bekommen, und ehe der Fliehende das schützende Dickicht erreichen konnte, fiel sein Schuß, bei dem der Getroffene in den Busch hineinschlug. Fast zugleich feuerte auch der ihm nächststehende Soldat, durch den Ruf aufmerksam, nach der Gestalt, die er ebenfalls durch die Büsche erkennen konnte, und von allen Seiten flogen die dort postirten Soldaten jetzt herbei, um Theil an der Verfolgung zu nehmen. Sie hatten aber leichte Arbeit, denn während zwei hinuntersprangen, um den Verwundeten aufzunehmen, bewegte sich das überhängende Moos und Gestrüpp noch einmal und ein bleiches, zitterndes Menschenbild kam daraus vorgekrochen, das nicht mehr den geringsten Widerstand leistete.
Es war Franz. Hinter sich die Verfolger, der Vater gefangen, der Freund erschossen, der Platz von Soldaten umstellt, auf den sie ihre letzte Hoffnung gesetzt, was hätte da noch ein verzweifelter Fluchtversuch genützt? Er war verloren und ergab sich, vollständig gebrochen, in sein Schicksal.
* * * * *
Der Verlauf des Processes nahm das allgemeine Interesse des Publikums in Anspruch, die Beweise waren jedoch zu klar, als daß auch nur einer der Gefangenen hätte wagen dürfen, zu leugnen. Nicht allein der ganze Vorrath gefälschter Noten war aufgefunden worden, sondern auch die Presse, die zu der Arbeit gedient. Das Urtheil für Paul Jochus und seinen Sohn lautete auf acht Jahre Zuchthaus.
Anders war es mit Brendel, der einen Kugelschuß in den Schenkel bekommen hatte und wochenlang lag, ehe er transportirt werden konnte. Man erkannte in ihm während der Untersuchung einen schweren, lang verfolgten Verbrecher, der einst in der unmittelbaren Nähe von Berlin einen frechen Raubmord verübt, und auf Requisition des dortigen Gerichts wurde er dahin abgeliefert.
Einer der Inhaftirten aber entzog sich der Strafe. Am fünften Tag der Untersuchung fand man Paul Jochus in seinem Gefängniß erhängt. Er hatte sich mit seinem Taschentuch an dem eisernen Gitter seines etwas hochgelegenen Fensters erdrosselt.
Das Weinhaus zum Burgverließ war mittlerweile von den Gerichten in Beschlag genommen worden und Rosel zu ihrem Pathen, dem alten Registrator gezogen.
Dorthin kam Bruno von der Haide, um sie aufzusuchen. Das Verbrechen des Vaters hatte die Liebe zu dem Mädchen nicht ertödten können, ja sie wuchs mit dem Unglück, das sie betroffen, aber er sah sie nicht wieder. Zweimal war er dort und zweimal ließ sie ihm sagen, daß sie ihn nicht sprechen könne. Als er zum dritten Mal kam, fand er einen Brief von ihr vor, in dem sie mit herzlichen Worten den letzten Abschied von ihm nahm.
Sie hatte sich in die Gesellschaft der Barmherzigen Schwestern aufnehmen lassen und war nach Lima in Peru gegangen.
Herr Müller.
Erstes Kapitel.
Es giebt nichts Entsetzlicheres auf der Welt, als Morgens früh eine Wirthsstube zu betreten, in der am Abend vorher, vielleicht bis ein oder zwei Uhr in der Nacht, getrunken und geraucht worden, und wo der Raum noch nicht gelüftet und gereinigt ist.
Ein warmer, widerlicher Dunst liegt in dem Zimmer und versetzt besonders Dem ordentlich den Athem, der es eben aus der frischen Morgenluft betritt. Auf den begossenen klebrigen Tischen stehen schmutzige Gläser und geleerte Flaschen, auf der Erde zerstreut liegen angebrannte Fidibus und Cigarrenstummel, während die unordentlich umhergeschobenen Stühle überall den Weg verstellen und ein solches Gemach, wenn es dafür überhaupt einen Comparativ gäbe, noch ungemüthlicher machen. Kommt dann gar noch ein fauler Hausknecht dazu, der sich nicht einmal die Mühe nimmt, die Fenster zu öffnen, und mit seinem Besen den Staub und Sand umherwirbelt, dann ist ein solcher Ort gerade zum Verzweifeln, und wenn den Reisenden nicht das Wetter dazu zwingt, hält er sicher nicht darin aus.
Genau so sah es heute in dem sonst ziemlich eleganten Gastzimmer des „Hotel Müller“ in B. aus, als ein Fremder die Thür öffnete und, von den auf ihn eindrängenden und mit einer Staubwolke vermischten Dünsten eben nicht angenehm überrascht, auf der Schwelle stehen blieb.
„He, guter Freund“, sagte er zu dem nicht einmal nach ihm umschauenden Hausknecht, „wäre es Ihnen nicht vielleicht einerlei, wenn Sie bei Ihrer Beschäftigung ein paar Fenster öffneten. Ich dächte, frische Luft könnte diese Atmosphäre nur verbessern; glauben Sie nicht?“
Der Bursche, dem die Anrede galt, schlief augenscheinlich noch, er verrichtete wenigstens seine Arbeit mit halbgeschlossenen Augen und schien auch gar nicht zu hören, daß Jemand mit ihm gesprochen, nahm wenigstens nicht die geringste Notiz davon und kratzte ruhig weiter.
„Angenehm“, brummte der Fremde vor sich hin, that aber das, was ihm allein helfen konnte: er öffnete die Fenster nämlich selber und klingelte dann mit einer der auf den Tischen befindlichen Glocken, um irgend eine brauchbare Bedienung herein zu rufen. Zugleich band er sich einen Shawl, den er locker um den Hals trug, fester um die Kehle, denn es zog jetzt bös im Zimmer.
Das Läuten schien indessen keinen wesentlichen Erfolg zu haben. Der Hausknecht kümmerte sich gar nicht darum, und weiter ließ sich Niemand blicken. Erst als er den Versuch einigemal wiederholt hatte, steckte ein sehr niedliches Stubenmädchen den Kopf in die Thür und sagte:
„Na, ist denn Niemand hier, wo steckt denn der faule Kellner nun einmal wieder? He, Hans -- habt Ihr ihn nicht gesehen?“
Die Frage galt augenscheinlich dem Hausknecht, auf den sie aber ebenso geringen Eindruck machte, wie das Klingeln vorher. Entweder hatte er sie nicht gehört, oder wollte er sie nicht hören, aber er kehrte ruhig weiter.
„Bitte, wecken Sie den Mann nicht“, sagte der Fremde ruhig, „er scheint im ersten Schlaf zu liegen. Wenn Sie nur so freundlich wären, mein Schatz, mir einen von diesen Tischen abzuwischen und dann eine Tasse Kaffee und ein Glas Cognac für mich zu bestellen, nachher brauchen wir jenen Biedermann nicht zu belästigen.“
„Ei du lieber Gott“, sagte das junge Mädchen, „es sieht ja aber noch gar zu erschrecklich hier aus. Ja freilich, wenn man Nachts bis halb drei Uhr auf den Füßen sein muß, dann verschläft man sich wohl auch einmal. -- Sie sollen’s gleich haben.“
Dabei hatte sie ein feuchtes Wischtuch genommen, den einen Ecktisch abgeräumt und rein gewischt, einem Stuhl denselben Liebesdienst erwiesen, und diesen jetzt dem frühen Gast hinrückend, fuhr sie fort:
„Da, nehmen Sie Platz -- und wie das hier zieht -- aber Sie sollen gleich Ihren Kaffee haben, und dann wird auch der Platz hier rasch aufgeräumt. Wo nur der Mosje Louis steckt.“ Und mit den Worten verließ sie das Zimmer, um das Verlangte selber herbeizuholen.
Der Fremde schien gar nicht mehr zu hören, was sie ihm sagte, sondern nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Er hatte den Reisesack, den er trug, neben sich auf einen Stuhl gestellt, setzte sich an den Tisch, stemmte den Kopf in die Hand und sah still und düster vor sich nieder, veränderte auch seine Stellung nicht, bis das Mädchen mit Kaffee und Cognac zurückkam, Beides vor ihn hinsetzte und dann geschäftig daran ging, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Der Hausknecht hatte indessen seine Arbeit ebenfalls beendet, und wollte gerade die Thür wieder schließen, als sein Blick auf den Fremden fiel. Er drehte wieder um, kam herein, ging auf diesen zu und sagte, während er sich mit dem linken Daumen am Hals kratzte und mit der rechten Hand auf die Füße des Reisenden zeigte, nur das eine Wort:
„Stiefel putzen?“
Dieser sah überrascht zu ihm auf.