Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 10

Chapter 103,840 wordsPublic domain

Wohl gab es einen Platz, wo sie fürchtete sie treffen zu können -- in der Ruine, und als sie Hellenhof wieder verließ, war sie sich ihrer Absicht noch nicht klar bewußt, ob sie auch das Letzte wagen sollte, sie dort aufzusuchen. In flüchtiger Eile verfolgte sie ihre Bahn, und fast unbewußt lenkte sie, als sie die Abzweigung des Weges erreichte, ihren Fuß der alten Burg zu. Unten am Hügel aber verließ sie ihr Muth. Einmal ja, einmal hatte sie den Schrecken des alten Gemäuers getrotzt, wo sie es nur von den albernen Phantasiegebilden abergläubischer Thoren bevölkert glaubte. Jetzt stiegen entsetzlichere Bilder vor ihrer Seele auf, als der alte Ritter von Wildenfels mit seinem kopflosen Rumpf, Bilder, die ihr das innere Mark gerinnen machten; ihnen Trotz zu bieten, wagte sie nicht.

Scheu, als ob sie den ganzen Spuk des alten Schlosses auf ihren Fährten wüßte, floh Rosel nach der Stadt zurück, mit der freilich schwachen Hoffnung, den Vater dort zu finden. Er war noch nicht zurückgekehrt, und immer noch, als Bärbel und die anderen Dienstleute schon lange in ihren Betten lagen, saß sie lauschend an dem nach dem Garten hinaus führenden Fenster und horchte auf das geringste Geräusch, bis ihr die Augen endlich vor Mattigkeit und Schwäche zufielen.

Und dort im Stuhl, fröstelnd vor Kälte, denn es hatte die Nacht scharf gefroren, erwachte sie, als eben der erste Sonnenstrahl auf die Wipfel der Bäume fiel. Dabei war ihr, als ob gerade eine Thür geschlossen würde. Sie fuhr empor und horchte -- tiefe Stille lag auf dem ganzen Haus. War ihr Vater zurückgekehrt? Sie lauschte auf den Gang hinaus, ob sie irgend ein Geräusch hören könne, aber nichts regte sich, nur die draußen hängende Uhr hob aus und schlug Sieben. Sie warf sich ihr Umschlagetuch über die Schultern und trat auf den Gang hinaus. Die Mädchen mußten unten sein; sie konnte Niemanden hören, und vorsichtig schlich sie hinüber zu ihres Vaters Thür.

War er daheim? Leise klopfte sie zum ersten Mal an, und als keine Antwort erfolgte, stärker.

„Wer ist da?“ antwortete die Stimme des alten Jochus. „Bist Du es, Carl? Ich setz’ Dir meine Stiefeln gleich hinaus.“

„Ich bin’s, Vater.“

„Wer?“

„Ich, die Rosel.“

„Die Rosel? Alle Wetter, Mädel, was thust Du denn schon auf und was willst Du? Warte einen Augenblick, ich muß mich erst anziehen; ich mache Dir gleich auf.“

Rosel erwiderte nichts. Fest in ihr Tuch eingewickelt, stand sie draußen auf dem kalten Gang und horchte dem monotonen Ticken der Schwarzwälder Uhr. Es dauerte gar so lange, bis der Vater drin mit seinem Anzug fertig wurde. Jetzt endlich trat Jemand an die Thür, der Riegel wurde zurückgeschoben und Rosel stand auf der Schwelle. Fast unwillkürlich warf sie den Blick im innern Raum umher, vielleicht nur um zu sehen, ob sie allein wären, aber sie sah auch zugleich, daß das Bett des Vaters wohl ineinander gedrückt und die Decke zurückgeschlagen war, als ob es eben verlassen worden, doch das konnte sie nicht täuschen; das Bett war in dieser Nacht nicht berührt und der Vater jedenfalls erst am Morgen -- vielleicht eben in diesem Augenblick -- von seiner nächtlichen Wanderung zurückgekehrt.

„Aber Rosel,“ sagte Paul Jochus erstaunt, indem er sie kopfschüttelnd betrachtete, „was hat Dich denn so früh aus den Federn getrieben und weshalb weckst Du mich so zeitig? Ist etwas vorgefallen, oder bist Du selber krank?“

„Nein, Vater,“ sagte Rosel und es wurde ihr schwer, zu sprechen, denn der Athem versetzte ihr die Brust, „ich bin wohl -- aber -- willst Du mir eine Frage beantworten?“

„Recht gern, Kind,“ entgegnete der Wirth, allein der Blick, der die Tochter dabei traf, strafte die bereitwilligen Worte Lügen, denn er flog scheu und mißtrauisch über sie hin; „was hast Du nur?“

„Du weißt, was ich neulich mit Dir besprochen habe, Vater,“ fuhr Rosel fort, „wie Du mir versprochen hast, daß Du dem Franz helfen wolltest, Alles -- dort oben -- aus dem Weg zu räumen, daß das unselige Geschäft aufgegeben sei und jener Mensch, den uns des Himmels Zorn hierher gesandt, Hellenhof verlassen wolle. Ist das geschehen?“

„Aber, liebes Herz,“ sagte der Vater mit einem erzwungenen Lachen, „um das zu fragen, hättest Du doch wohl auch noch ein paar Stunden warten können.“

„Ist das geschehen, Vater?“ drängte die Tochter.

„Gewiß ist’s,“ sagte der Mann halb unwillig, „der Brendel ist freilich noch nicht fort; er mußte erst seinen Paß zum Visiren zum französischen Consul schicken, und das hat ihn etwas aufgehalten, doch morgen reist er ab.“

„Und in der Ruine ist keine Spur jenes -- jener Arbeit zurückgeblieben?“

„Nein, Kind, Alles glatt und sauber.“

„Gott sei Dank!“ stöhnte Rosel aus voller Brust, „so will ich denn die Angst auch gern umsonst getragen haben.“

„Was hast Du nur, weshalb denn Angst und vor was?“

„Nichts, Vater,“ sagte das Mädchen freundlich, „wenn der Franz die böse Sache aufgegeben hat, so ist Alles gut und es betrifft nicht uns, sondern fremde Menschen.“

„Aber was denn, Kind?“ frug der Wirth, der sich doch nicht ganz sicher fühlen mochte, „so sag’ mir doch, was Du hast und um was Du besorgt warst?“

„Um nichts, Vater, und ich danke dem Himmel, daß es um nichts war.“

„Aber ich bitte Dich darum.“

„Ich möchte nicht gern das Vergangene berühren und Dir weh thun.“

„Du hast mich nun neugierig gemacht, und ein Geheimniß ist’s doch nicht.“

„Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es nicht. Der Bruno war gestern Nachmittag wieder hier im Garten --“

„Hm,“ sagte der Wirth, der jetzt die Aufregung des Mädchens zu errathen glaubte, bedeutend beruhigt, „so -- und bist Du freundlich mit ihm gewesen?“

„Weshalb soll ich unfreundlich mit ihm sein?“ sagte Rosel traurig. „Er ist brav und gut und wir leiden Beide gleich viel; er wird auch nicht wiederkommen. Es war das letzte Mal.“

„Aber was -- was hat denn das mit der Ruine zu thun?“ frug der alte Jochus kopfschüttelnd.

„Er ist jetzt beim Criminalamt, Vater,“ sagte Rosel, doch leise und scheu, „und da -- da erwähnte er zufällig, daß sie --“

„Daß sie -- was?“ rief Jochus rasch.

„Mir jagte es Anfangs, als ich es hörte, einen Schreck ein,“ sagte das arme Mädchen, „aber so hat das ja nichts mit uns oder mit dem Franz zu thun -- sie sind einer Falschmünzerbande auf der Spur und Alles, um was ich Dich bitten wollte, ist: mach’, daß der fremde Mensch, der Brendel, bald von Hellenhof wegkommt, damit der Franz keine Gemeinschaft mehr mit ihm hält.“

Jochus war todtenbleich geworden, die Kniee zitterten ihm und er sank wie gebrochen in einen Stuhl.

„Vater!“ rief Rosel erschreckt und ein furchtbarer, entsetzlicher Verdacht stieg in ihr auf; „Vater, um Gotteswillen, hast Du mir in Allem die Wahrheit gesagt?“

„Was haben sie entdeckt?“ frug der Alte, der sie mit dem linken Arme von sich schob, mit harter, rauher Stimme, „sage mir Alles, Mädel, Du -- Du weißt nicht, was davon abhängt.“

Rosel stand vor ihm, starr und thränenlos, sie brauchte keine Frage mehr an ihn zu thun, in diesen angstverzerrten Zügen lag die ganze Schuld und Sünde des Mannes, den sie hätte lieben und verehren sollen, nur zu deutlich vor ihr, und mit jetzt vollkommen ruhiger, aber eiskalter Stimme sagte sie:

„Was ich weiß, ist sehr wenig: einer Falschmünzerbande will man auf die Spur gekommen sein, deren Hauptsitz man hier in der Nähe vermuthet. Einer der Hehler oder Verbreiter ist vorgestern ertappt und verhaftet worden. Er hatte bis jetzt noch nicht gestanden.“

„Verhaftet -- wo?“

„Ich weiß es nicht.“

„Durch wen?“

„Durch Herrn von der Haide,“ sagte das Mädchen kalt.

„Teufel!“ knirschte der alte Mann durch die Zähne, aber jetzt war auch keine Zeit mehr, Rücksichten zu nehmen oder etwas zu verheimlichen, was, wie er recht gut wußte, sonnenklar vor dem Auge der Tochter lag, denn ihr Blick ließ sich nicht mehr mißverstehen. Er sprang auf, fuhr rasch und hastig in seinen Rock, griff nach seinem Hut und eilte, ohne der Tochter Lebewohl zusagen, die Treppe hinab und durch den Garten hinaus auf den Weg nach Hellenhof.

Achtes Kapitel.

Die Entdeckung.

Paul Jochus hatte schon lange das Zimmer verlassen, und Rosel stand noch immer am Fenster, wohin sie getreten, um ihm durch den Garten nachzusehen. Wußte sie doch genau, welchen Weg er nehmen würde und wohin ihn seine hastigen Schritte trugen. Und wie sonderbar war ihr dabei zu Muthe! Sie sah Alles, was um sie her vorging, aber es schien gar nicht zu ihr zu gehören oder mit ihr in Verbindung zu stehen.

Unten im Garten, gerade unter dem Fenster lag das große, prachtvolle Bouquet, das sie gestern noch selber gepflückt, und sie wunderte sich jetzt, was da vorgegangen sein konnte, daß man Jemandem in ihrem Garten Blumen gestreut hätte, ohne daß sie selber davon wisse.

Da ging Bärbel in den Garten, um vom Gemüsebeete etwas Petersilie zu holen. Was hatte die fremde Person, die so wunderbar in einen Regenbogenschein gekleidet war, in ihrem Garten zu thun? Sie wollte das Fenster öffnen, um ihr zuzurufen; allein sie vermochte es nicht mehr. Sie hob den Arm und brach dann, ehe sie nur den Fenstergriff erfassen konnte, lautlos und ohnmächtig, wo sie stand, zusammen.

Dort lag sie wohl eine Stunde lang, bis das Mädchen hinauf kam, um das Zimmer zu reinigen, denn die Thür stand nur angelehnt.

Bärbel schlug jetzt Lärm im Haus, aber Rosel kam rasch wieder zu sich, und es war, als ob sie gerade in dieser Betäubung der Sinne, in dem vollen Vergessen des Geschehenen wieder frische Kräfte gesammelt habe.

Man hatte sie auf ihr Bett getragen und wollte jetzt nach dem Doctor laufen; doch Rosel litt es nicht. Sie fühlte sich wieder vollkommen wohl; nur eine merkwürdige Schwäche sei über sie gekommen, als sie dort drüben im Zimmer habe aufräumen wollen. Das wäre eine Ohnmacht gewesen, weiter nichts und jetzt vorüber. Man sollte nur ihr Fenster ein wenig öffnen, daß die frische kalte Morgenluft herein käme, das würde ihr mehr helfen als alle Doctoren der Welt.

Wie stürmte indessen der sonst so ruhige Wirth, Paul Jochus, auf der Straße hin, die nach Hellenhof führte! Das Entsetzliche, das bis jetzt nur immer als Schreckbild vor seiner Seele gestanden, war geschehen -- war endlich eingetroffen, ihre Arbeit verrathen -- verrathen im letzten Augenblick, wo sie sich Alle am Ziel ihrer Wünsche und Hoffnungen sahen, und nur der eine Gedanke jagte ihn vorwärts, daß es vielleicht selbst jetzt noch nicht zu spät sei, dem größten Unglück, einem Ertappen auf frischer That, vorzubeugen. Wußte er doch recht gut, wie schwer es sein würde, überzeugende Beweise gegen sie beizubringen, wenn nichts Thatsächliches vorlag, um sie zu überführen.

Die Bauern, die ihm unterwegs begegneten und ihn kannten, blieben in der Straße stehen und sahen ihm erstaunt nach. Was hatte der Mann so zu laufen? War irgend wo ein Unglück geschehen? Einige riefen ihn an, er hörte sie gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf, -- aber er fühlte doch zuletzt, daß er sich, besonders in der Nähe der Stadt, nicht auffällig benehmen dürfe, und mäßigte seine Schritte.

Endlich hatte er die Außengebäude von Hellenhof erreicht und bog hier in einen Seitenweg ab, der nur zwischen Gärten hinführte und ihn, von wenigen Menschen gesehen, zu der Wohnung seines Sohnes bringen konnte. Aber dort lag Alles still; die Bewohner schliefen noch nach ihrer nächtlichen Arbeit, und er mußte eine ganze Weile an der Thür pochen, ehe er die Beiden so weit ermuntert hatte, daß sie ihm öffneten. Wie rasch war jedoch jede Müdigkeit vorüber, als sie die Schreckenskunde hörten, die er brachte! Einer ihrer Helfershelfer entdeckt und verhaftet! Wer und wo? Betraf es auch wirklich sie? Doch sie durften kaum daran zweifeln, denn durch den glücklichen Erfolg, den sie bis jetzt gehabt, übermüthig gemacht, waren sie leichtsinniger vorgegangen, als sie eigentlich gesollt.

Und was nun?

Der Gefangene -- wer es auch sein mochte -- hatte nach Aussage des Actuars noch nichts gestanden, und es war nicht wahrscheinlich, daß er das so rasch thun würde, denn nur durch standhaftes Leugnen konnte er sich vor Strafe sichern, oder diese doch jedenfalls erleichtern. Allein sie wußten nicht, welche Beweise gegen ihn vorlagen, und konnten das auch nicht erfahren, denn schon eine einfache Frage hätte den Verdacht auf sie lenken müssen. Wie lange Zeit blieb ihnen nun selbst, um nicht allein ihr Product in Sicherheit zu bringen, sondern auch jede Spur zu vertilgen, die einen Verdacht auf sie lenken konnte? Franz meinte, daß sie, was auch geschehen möge, unter jeder Bedingung die Nacht abwarten müßten; Brendel aber, den eine merkwürdige Unruhe erfaßt zu haben schien, drang darauf, auch keine Stunde länger zu versäumen und ohne Weiteres an die Arbeit zu gehen. Zwei Mal wären sie jetzt gewarnt worden, das dritte Mal geschehe es nicht, und vor Abend gedenke er wenigstens, Hellenhof weit genug im Rücken zu haben, um von den Aussagen keines Menschen mehr gefährdet zu werden.

Sie hatten ja auch weiter nichts zu thun, als die schon fertigen und noch in der Ruine liegenden Pakete mit Banknoten in Sicherheit zu bringen und die wenigen noch unvollendeten so weit zu zerstören, daß ein Erkennen des Fabricats daran unmöglich wurde. Alles Andere ließen sie dann stehen und liegen, und wurde es wirklich aufgefunden, nun was that’s? Das Gericht bekam nur den Beweis in die Hände, daß dort ein Vergehen gegen Paragraph So und So des Strafgesetzbuches stattgefunden, wer es aber begangen und wo sich Der jetzt befinde, könnte man aus den todten Werkzeugen nie errathen.

Franz sträubte sich noch. Er schlug vor, einen Spaziergang nach verschiedenen Seiten zu machen. Sie wollten sich trennen, um nicht zusammen gesehen zu werden, und sich dann mit der Abenddämmerung oder allenfalls schon Nachmittags in der Ruine treffen. Auf die wenigen Stunden könne es jetzt nicht ankommen, denn liege der geringste Verdacht gegen sie überhaupt vor, so würde man sie wahrlich nicht so lange unbelästigt gelassen haben, sie wären schon jetzt verhaftet worden. Brendel hatte indeß keine Ruhe; er drang mit seiner Meinung zuletzt durch, denn Paul Jochus selber fühlte sich von einer unsagbaren Angst überkommen, die ihm keine Ruhe ließ. Es wurde deshalb besprochen, gleich nach der Ruine aufzubrechen, und Jochus selbst sollte voranschreiten, während die beiden Compagnons indessen im Hause selbst Alles vernichteten, was bei einer Durchsuchung auch nur den geringsten Verdacht gegen sie erwecken oder einen solchen bestätigen könnte. Besonders hatten sie noch einige Probestiche verschiedener Noten im Besitz, die, als jetzt völlig werthlos, augenblicklich im Ofen verbrannt wurden. Ebenso vernichteten sie alle Papierproben, die zu Banknoten hätten benutzt werden können, und legten andere harmlose Arbeiten, die theils ganz, theils halb vollendet waren, absichtlich auf ihren Tischen aus, um einer etwaigen Untersuchung zu zeigen, womit sie beschäftigt wären.

Erst als sie das Alles beendet und sich genau überzeugt hatten, daß nicht das Geringste zurückgeblieben sei, was ihnen hätte gefährlich werden können, verließen sie das Haus, um dem vorangegangenen Wirth auf einem anderen Wege zu folgen, der durch die jetzt verlassenen Weinberge führte. Sie nahmen sich dabei Zeit. Jedenfalls würden sie sich mehr beeilt haben, wenn sie die Thätigkeit gesehen hätten, die sich heute Morgen im Criminalamt entwickelte.

Noch gestern Abend hatte man bei dem in Haft genommenen Menschen, der durch des jungen Actuars Umsicht aufgespürt worden, Haussuchung gehalten und in einem Winkel seiner Schlafkammer, unter einem Haufen alter Zeitungen und Papiere, ein kleines, fest zusammengebundenes Packet neuer preußischer Fünfundzwanzigthaler-Scheine gefunden, die augenblicklich durch einen reitenden Boten nach Hellenhof hinübergeschickt wurden. Die Banknoten waren aber so täuschend nachgeahmt, daß sie der Untersuchungsrichter nicht für gefälscht, sondern für gestohlen hielt und die Sache bis zur Geschäftsstunde ruhen ließ, weil um neun Uhr schon ein Verhör für den Inhaftirten angesetzt worden. Da Actuar von der Haide den Menschen, einen Wollhändler aus dem Nassauischen, zu verhören hatte, so ließ ihn sein Vorgesetzter ersuchen, um acht Uhr zu ihm zu kommen, um ihm das jedenfalls gestohlene Gut einzuhändigen.

Der junge Mann erschien und nahm die Banknoten in Empfang; jedoch seinerseits mit dem Verdacht, daß sie es weit eher mit einem Fälscher als einem gemeinen Dieb zu thun hätten, ging er, noch vor dem Verhör, mit einer der Noten zu einem ihm befreundeten Kupferstecher, um dessen Meinung darüber zu hören.

Dieser erklärte beim ersten Anblick die Banknote ebenfalls für ächt, holte aber doch eine alte Fünfundzwanzigthaler-Note, die er gerade besaß, hervor und verglich beide mit der Loupe, wonach er bald auf kleine, sonst fast nicht zu bemerkende Mängel aufmerksam wurde. Nach wenigen Minuten schon erklärte er, daß hier ein allerdings meisterhaft gearbeitetes Falsificat vorliege: die Note sei falsch.

Das Verhör sollte nicht lange dauern. Der Wollhändler, der sich in solcher Art durch die bei ihm gefundenen Noten überführt sah, gab nach kurzen Kreuzfragen die Wahrheit der Anklage zu und suchte jetzt nur alle Schuld von sich selber abzuwälzen. Er habe die Noten von einem Freund bekommen, um sie auszugeben, sagte er.

Und wie hieß der Freund, von dem er sie bekommen?

Der Mann zögerte mit der Antwort: er suchte Ausflüchte und nannte zuerst ein paar fremde Namen, aber es half ihm nichts. Er hatte sich schon zu weit verfahren, um noch zurück zu können, und gab endlich eine Person an, bei der das Herz des Untersuchenden stockte -- Paul Jochus in Wellheim!

„Paul Jochus?“ rief der junge Actuar entsetzt aus.

„Der Wirth vom Burgverließ,“ bestätigte leise der Gefangene, und der Protokollant eilte, die wichtige Thatsache zu Papier zu bringen.

Einen Augenblick herrschte Todtenstille in dem weiten Verhörzimmer, und nur das Kritzeln der Feder zischelte, wie das Flüstern böser Geister in der Luft. Jetzt hatte der Protokollführer die Aussage niedergeschrieben und sah den Actuar an. Warum zögerte dieser, mit seinen Fragen fortzufahren? Warum schmiedete er das Eisen nicht, so lange es heiß war? Der junge Mann konnte nicht -- die Zunge klebte ihm fast am Gaumen, und in wirren, wirbelnden Bildern jagten ihm die Ereignisse des vergangenen Tages an der Seele vorbei.

Deshalb hatte Rosel seine Hand ausgeschlagen, seine Werbung zurückgewiesen! Das war das entsetzliche Geheimniß, das sich zwischen sie gelegt, und seit jener Nacht -- ja -- seit jener Nacht erst, in der sie auf der Ruine gewesen, und dort -- dort mußte sie es erfahren haben!

Endlich ermannte sich der Actuar wieder -- er fühlte nur das Eine, daß er seine Pflicht thun müsse, was auch immer die Folgen davon sein mochten; er konnte und wollte sich derselben nicht entziehen. Und Rosel? -- sie mochte um das Verbrechen gewußt haben, aber nie hatte sie Theil daran genommen, das fühlte er in jeder Faser seines Herzens; wie unglücklich sie dadurch geworden, davon war er ja selber Zeuge gewesen. Aber andere Gedanken jagten zugleich durch sein Hirn. Wer waren die Helfershelfer, die der Wirth gehabt haben mußte, denn der alte Jochus hatte dies Papier nie selber fabricirt -- wer konnten sie anders sein als sein Sohn, der hier in Hellenhof ansässige Graveur und jener eingewanderte Künstler -- der Mensch, der es gewagt hatte, sein Auge zu Rosel zu erheben? Er war von seinem Stuhl aufgestanden und ein paar Mal im Zimmer auf- und abgegangen, dann klingelte er. Einer der Gerichtsdiener kam herein und er flüsterte ihm leise einige Worte zu, worauf der Mann das Zimmer wieder verließ. Jetzt erst setzte der Actuar das Verhör wieder fort, das aber nicht mehr viel Wichtiges ergab, denn der Gefangene schien es für gerathener zu halten, sich so wenig als möglich an der Schuld betheiligt darzustellen, und wollte von keinen weiteren Noten wissen, die er je empfangen und verbreitet habe. Auch ob Paul Jochus, der Wirth, mit irgend wem in Verbindung stehe, wollte er nicht wissen. Er war in Wellheim gewesen, und der Wirth hatte ihm hier das Anerbieten gemacht. Wo der die Noten her habe, könne er nicht sagen. Er wollte oder konnte nichts weiter gestehen und mußte in seine Zelle zurückgeführt werden.

Es war zehn Uhr geworden, als der ausgesandte Bote zurückkehrte und dem Herrn Actuar meldete, die beiden Graveure Franz Jochus und Wilhelm Brendel seien nicht in ihrer Behausung, wohl aber wollte ein Weinbauer vor kaum einer halben Stunde gesehen haben, wie sie draußen von dem Weg nach Wellheim abgebogen und der Wildenfels-Ruine zugeschritten wären.

Jetzt durfte er seinen Verdacht nicht länger zurückhalten und ließ sich bei seinem Vorgesetzten melden, dem er die einzelnen Thatsachen mittheilte, ja selbst seine Neigung zu der Tochter des Paul Jochus nicht verschwieg und seine Befürchtung aussprach, daß jener nächtliche Besuch der Ruine ihr irgend etwas verrathen haben müsse, das sie unglücklich und elend gemacht, denn sie sei von der Zeit an wie umgewandelt gewesen.

Der alte Criminalrichter hörte ihm aufmerksam zu und nickte nur manchmal leise mit dem Kopfe.

„Und was gedenken Sie jetzt zu thun?“ frug er, als der junge Mann schwieg.

„Ich wollte Sie bitten, einen Anderen mit der augenblicklichen Untersuchung der Ruine zu beauftragen; in wenigen Stunden könnte es zu spät sein.“

„Aber es ist nicht möglich, daß die Herren schon irgend welchen Verdacht geschöpft haben; sie können nicht einmal wissen, daß ihr Bundesgenosse eingebracht ist.“

Der Actuar zögerte mit der Antwort, denn er mußte sich selber dadurch anklagen; er dachte dessen, was er gestern Abend mit Rosel gesprochen. Erst nachträglich war ihm aufgefallen, welchen Antheil sie gerade in dem Augenblick an einer Sache genommen, die ihr doch eigentlich so fern liegen mußte. Wer hätte es der Tochter verdenken wollen, wenn sie den Vater gewarnt; und wenn er jetzt dem Vorgesetzten seine Befürchtung verheimlichte, machte er sich dann nicht zum Mitschuldigen an dem Verbrechen?

Es war ein augenblicklicher Kampf zwischen Liebe und Pflicht, aber die Pflicht siegte, noch dazu, da er nur dadurch hoffen durfte, das ihm theure Mädchen von all’ jenen entsetzlichen Verbindungen zu befreien und dennoch für sich zu gewinnen.

Er erzählte dem Untersuchungsrichter sein gestriges Gespräch mit dem armen Mädchen und verschwieg nichts. Kaum aber hatte er geendet, als der alte Herr sich von seinem Stuhle erhob und rief:

„Sie haben Recht, Herr Actuar, und hier meine Hand, ich verstehe, welche Ueberwindung Ihnen das Geständniß gekostet haben mag, und verspreche Ihnen auch, daß Sie mit der Sache nichts weiter zu thun haben sollen. Ueberlassen Sie das Andere mir und senden Sie mir nur augenblicklich den Herrn Assessor Schüler herüber. Mit dem werde ich das Weitere besprechen.“

Jetzt entwickelte sich in dem alten Gebäude eine ganz merkwürdige Thätigkeit und es dauerte keine Viertelstunde, so wurden Leute nach allen Seiten ausgeschickt.

Drei berittene Gensd’armen trabten, so rasch ihre Pferde sie bringen konnten, den Weg nach Wellheim; ihnen folgten etwas langsamer drei andere in Begleitung einer kleinen Abtheilung Militär und mehrerer Polizeidiener. Assessor Schüler selber mit einem jungen Prakticanten fuhr in einem Einspänner den nämlichen Weg.

Zu gleicher Zeit wurde Polizei nach dem Hause der beiden Graveure Jochus und Brendel gesandt, sie trafen aber noch Niemanden daheim und postirten sich dann, ohne Lärm zu machen, in der Nachbarschaft. Die Gensd’armen waren direct vor das Wirthshaus zum Burgverließ geritten. Rosel stand gerade in der Thür, als sie hielten, und jeder Blutstropfen mußte ihr Antlitz verlassen haben, denn sie sah blaß aus wie eine Leiche. Aber jede Schwäche war auch von ihr gewichen, denn seit heute Morgen wußte sie, was kommen mußte. Daß es etwas früher kam, als sie erwartet haben mochte, konnte sie nicht überraschen. Sie beantwortete die Fragen nach ihrem Vater ruhig und gefaßt: er habe heute Morgen das Haus verlassen und sei noch nicht zurückgekehrt; wo er sich aufhalte könne sie nicht sagen, vielleicht drüben in Hellenhof, bei ihrem Bruder.