Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 1

Chapter 13,570 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

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gesperrt: _Unterstriche_ Antiqua: ~Tilden~

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Hüben und Drüben.

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Zweiter Band.

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1868.

Leipzig,

Druck von Giesecke & Devrient.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

1. Der verheirathete Doktor 1

2. Ruine Wildenfels 70

3. Herr Müller 220

4. Ein freundlicher Empfang 311

Der verheirathete Doktor.

Erstes Kapitel.

Zum Lindenbaum.

Schon im Jahre 39 war Pittsburg, im Staat Pennsylvanien, eine größere Stadt, die sich besonders durch ihre Fabriken, Eisenwerke, wie überhaupt eine außerordentliche Gewerbsthätigkeit auszeichnete, und in der That seitdem so an Einwohnerzahl und Reichthum gewonnen hat, daß sie jetzt zu den Hauptplätzen der Union gerechnet werden darf.

Von allem Anfang an hatten sich eine Menge Deutsche dorthin gezogen, wie denn ja auch ganz Pennsylvanien vorzugsweise von unseren Landsleuten bevölkert ist. Haben sie sich doch sogar in ihrem Uebergang zur englischen Redeweise eine ganz eigene und merkwürdige Sprache gebildet: das sogenannte Pennsylvanisch-Deutsch, das sie freilich nur unter einander reden können, denn Amerikanern, wie der englischen Sprache nicht mächtigen Deutschen bleibt sie gleich unverständlich.

Ursprünglich ließ sich auch in diesem Staat eine große Zahl jener armen Teufel nieder, die im Befreiungskrieg der Union von deutschen Fürsten an die Engländer verkauft wurden, aber in der Mehrzahl viel zu klug waren, irgend welchen Heldenmuth gegen das für seine Unabhängkeit kämpfende Volk zu entwickeln. Sie desertirten oder ließen sich gefangen nehmen, wonach sie dann mit Vergnügen das Versprechen abgaben: in diesem Kriege nicht mehr gegen die Amerikaner zu dienen, und bald im Walde drin ihre kleine, freundliche Heimath gründeten. Abkömmlinge von ihnen findet man noch überall, besonders in Pennsylvanien, und sie sind sogar stolz darauf zu erzählen, daß ihre Vorväter zu den Freiheitskämpfern übergingen.

So leicht nun auch die Deutschen in den vereinigten Staaten die englische Sprache erlernen und mit den Amerikanern selber auf freundschaftlichem Fuße leben, so finden sie es doch -- mit wenigen Ausnahmen -- stets gemüthlicher, für ihre Geselligkeit die eigene Landsmannschaft aufzusuchen, und besonders ihre Abende unter Deutschen zuzubringen.

Das amerikanische und deutsche Leben läßt sich in der That nicht gut vereinigen, denn Beider Neigungen liegen zu weit aus einander, und schon die entsprechenden Wirthshäuser kennzeichnen Beide auf das Entschiedenste.

Der Amerikaner ist rastlos in seinen Genüssen wie in seinem Geschäft, und kennt in beiden keine Ruhe. Er arbeitet rasch, aber ebenso ißt er auch, und verschlingt Mittags die Speisen weit eher, als daß er sie ordentlich verzehrt. Eben so wenig hält er sich beim Trinken auf, und so oft er auch über Tag einen Schenkstand besuchen mag, _er setzt sich nie dazu_, läßt sich sein Glas einschenken, stürzt es hinab und geht weiter.

Das verträgt der Deutsche nicht, weder daheim noch in Amerika, denn er will seinen Stuhl und seinen Tisch haben, um, _was_ er genießt, auch in aller Ruhe und Gemüthlichkeit zu verzehren, und sich dabei gehörig auszusprechen. Sehr natürlich fühlt er sich -- mit _diesen_ Neigungen -- in amerikanischen Wirthshäusern, in denen er auch meistens sein gewohntes Bier vermißt, nie recht wohl, und nur die ächt amerikanisirten Deutschen (beiläufig gesagt der widerlichste Menschenschlag von Renegaten, der sich auf der Welt nur denken läßt) affektiren die amerikanische Sitte und halten es für unter ihrer Würde, sich in ein deutsches Bierhaus zu setzen, in dem sie sich doch sonst wohl genug fühlten.

In Pittsburg gab es nun schon damals verschiedene derartige deutsche Lokale; den besten Ruf hatte aber jedenfalls der „Lindenbaum“, und verdiente ihn auch, obgleich er von keinem _Wirth_, sondern nur von einer _Wirthin_ gehalten wurde.

Die „Wittwe _Reuter_“ war nämlich eine Frau noch in ihren besten Jahren, und verstand vollkommen einer solchen Wirthschaft vorzustehen. Vor einem halben Jahrzehnt nach Amerika, eben verheirathet, ausgewandert, hatte sie ihren Mann, wie sie kaum den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, an einem hitzigen Fieber verloren. Sie war damals erst 22 Jahre alt, aber von festem, entschlossenem Charakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zu legen. Sie verzagte auch deßhalb in dieser schweren Lebenssorge nicht, sondern griff rüstig zu, um sich ihren Unterhalt selber und allein zu erwerben. Anfangs wusch und nähte sie für fremde Leute, dann trat sie als Wirthschafterin in ein sogenanntes Kost- oder Boardinghaus, und verdiente sich, mit rastlosem Fleiß und eiserner Sparsamkeit, endlich so viel, um selber ein ähnliches kleines Hotel, das gerade zum Verkauf ausgeboten wurde, übernehmen zu können.

Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihr gekocht würde, verbreitete sich bald in Pittsburg, und da sie außerdem die besten Getränke zu verhältnißmäßig billigen Preisen ausschenkte, so konnte es nicht fehlen, daß sich ihr Geschäft hob und sie hübsches Geld dabei verdiente.

Besonders hatte sie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildeten Landsleuten zu Gästen, die hier, aus sich selbst heraus und ohne Statuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jeden fremden Landsmann ebenfalls dorthin zogen. _Gemischt_ war die Gesellschaft übrigens, das ließ sich nicht leugnen, aber nur in der Art, wie es in Amerika „gemischte Gesellschaften“ gibt. An Bildung, Sitte und Intelligenz paßten sie _Alle_ zusammen, nur in ihren Beschäftigungen unterschieden sie sich allerdings bedeutender. So bestand denn auch die kleine Zahl von Stammgästen, die sich allabendlich dort zusammenfand, aus ein paar Aerzten, einem Apotheker, einem Advokaten, einem Bankbeamten und einem Geistlichen, auch ein Baron war dabei, der aber freilich das bescheidene Amt eines Zeitungsträgers bekleidete. Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu -- daheim waren sie ~Dr. philosophiae~ gewesen, dann ein Schmied -- der frühere Stallmeister eines Herzogs von --, der Redakteur des Pittsburger Beobachters mit zwei Setzern, wie noch ein paar junge Kaufleute -- und der Klub wurde noch außerdem durch zeitweilige Fremde verstärkt.

So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pittsburg anlief, zwei Feuerleute eines der Ohio-Dampfer in den Klub, die ihr saures Brod zwischen Negern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und in ihren blauen Matrosenhemden und schottischen Mützen -- was wenigstens das Aeußere betraf -- kaum recht in die Gesellschaft zu passen schienen. Aber es waren prächtige junge Leute -- der Eine aus einer altadeligen deutschen Familie stammend, der Andere ein junger Advokat, und der englischen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier schon zu plaidiren. -- Und was that es dabei, daß sie in der schwersten und niedrigsten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf gesucht? Sie verdienten sich ihr Brod _ehrlich_, und waren hier willkommener, als es mancher befrackte Herr mit Stern und Ordensband gewesen wäre.

Und lustige Abende wurden da verlebt, das ist gewiß, denn keine Etikette galt, kein steif gezwungener Ton konnte aufkommen, und doch herrschte Anstand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen gewesen, die zu verletzen -- die Thüre des „Lindenbaumes“ würde sich ihm nie wieder geöffnet haben.

Zu den fleißigsten und ältesten Besuchern dieses wackeren deutschen Wirthshauses gehörte übrigens ~Dr.~ Peters, und die übrigen Gäste behaupteten auch, die Wittwe Reuter habe ihn mit als Inventar von dem früheren Eigenthümer überliefert bekommen. Peters war überhaupt in Pittsburg eine sehr bekannte Persönlichkeit, und seines trockenen Humors wegen überall gern gesehen -- nur als Arzt schien er nicht besonders zu reussiren -- er war nie sehr glücklich in seinen Kuren und hatte dabei eine etwas rauhe Manier mit seinen Kranken umzugehen, so daß ihm in der That _sehr_ viele freie Zeit blieb, und seine Bekannten behaupten wollten, er habe die „Nachtklingel“ an seiner Thür nur für eigenen Bedarf anbringen lassen, um nicht ausgeschlossen zu werden, wenn er Abends spät aus seinem Wirthshaus käme.

Er lachte übrigens selber darüber, und konnte es auch recht gut mit ansehen, denn wenn ihm seine Praxis wenig einbrachte, so besaß er doch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, sondern auch noch außerdem einen sehr vortheilhaften Antheil an verschiedenen benachbarten Kohlenminen. Das setzte ihn in den Stand, sorgenfrei zu leben, und er lebte auch in der That so, und daß er das Wirthshaus zum Lindenbaum so oft besuchte, war außerdem kein Zeichen einer Neigung zur Unmäßigkeit, oder zur Schwelgerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlich mäßig, und nur in fröhlicher Gesellschaft ließ er sich manchmal so weit hinreißen, mit einem kleinen „Spitz“ nach Hause zu gehen. Eigentlich betrunken hatte ihn noch Niemand gesehen.

Der Doktor war dabei ein seelenguter Mensch, und wer ihn näher kennen lernte, gewann ihn auch lieb; außerdem ging er gern und immer auf einen Scherz ein, selbst wenn er auf _seine_ Kosten ausgeführt wurde, und konnte dann auf das Herzlichste mitlachen.

Uebrigens hatte er manche Eigenheiten -- keine aber, die einem seiner Freunde je lästig werden durfte. So war er z. B. entsetzlich abergläubisch, und ließ manchen Spott deßhalb über sich ergehen, änderte sich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mit dem Kopf, als ob er es doch besser wisse, als alle die Anderen. So hätte er sich nie zu dreizehn an einen Tisch gesetzt, nie an einem Freitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er stieg gewissenhaft jeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerst aus seinem Bette, und was alte würdige Frauen mit Nägelabschneiden, Salat essen an gewissen Tagen, Eierschaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorschrieben, beobachtete er auf das Peinlichste.

Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und seine Freunde besonders, die bald herausfühlten, daß er den „Lindenbaum“ nicht allein seiner guten Getränke, sondern mehr noch der hübschen Wirthin wegen frequentire, hegten die stille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztliche Beschäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den „Lindenbaum“ _mit_ der Frau Reuter übernehmen werde.

Grund genug hatten sie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gast im Hause -- ja mehr als das, er verplauderte auch manche müßige Stunde mit der jungen Wittwe, und wurde zuletzt sogar zu einer Art von Factotum im Hause. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, welche Noth sie mit ihren Büchern und besonders mit dem Einkauf ihrer verschiedenen Provisionen habe -- wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt -- und er nahm sich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht allein brachte er ihre Bücher in Ordnung und machte fast täglich die laufenden Einträge, sondern er zeigte ihr auch noch manche Verbesserung in ihrer Wirthschaft und gab ihr überdies durch seine große Bekanntschaft gute Quellen an, von wo sie ihre Provisionen und Getränke in bester Qualität und zu billigen Preisen bekommen konnte, ja verschaffte ihr sogar in mehreren Häusern einen neuen und höchst vortheilhaften Kredit. Er schien überhaupt -- wie die böse Welt wissen wollte -- viel mehr Talent zu einer culinarischen wie medicinischen Thätigkeit zu haben, und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthin prophezeihten, war wohl natürlich -- und trotzdem fand sie nicht statt.

Aber weßhalb nicht? Er hatte sie gern; das leugnete er nicht einmal, und seinen ärztlichen Beruf aufgeben und eine Wirthschaft übernehmen? lieber Gott, da waren ganz andere Veränderungen in Situationen hier in Amerika vorgekommen, und kamen noch jeden Tag vor. Die Frau Reuter war ihm außerdem von Herzen gut, das konnte ein Kind sehen, und der Doktor -- als rechtschaffener Mann in der ganzen Stadt bekannt -- eine Parthie, wie sie sich dieselbe nicht besser wünschen konnte und wahrscheinlich auch nicht besser haben wollte, und trotzdem machte ihr der Doktor keinen Antrag und Jahr nach Jahr verging.

~Dr.~ Peters schien sich aber selber nicht behaglich in dieser Lage zu fühlen; er gab allerdings den Besuch des Lindenbaums nicht auf und besorgte nach wie vor die Geschäfte der Wittwe auf das Pünktlichste, so daß er jetzt schon als regelmäßiger Buchhalter und Korrespondent derselben angesehen werden konnte, aber in seiner sonstigen Stellung zu ihr hatte sich nichts verändert, und nur sein eigenes Aussehen war nicht mehr so gut wie früher.

Sonst der behäbigste Mann in ganz Pittsburg, wurde er jetzt, ohne daß er es hätte an leiblicher Nahrung fehlen lassen, auffallend magerer, und das Schlimmste von Allem war, daß ihn auch seine frühere Jovialität -- eine eigene Fertigkeit, sich über sich selber lustig zu machen -- verließ. Er fing an melancholisch zu werden, und da er als Norddeutscher am allerliebsten plattdeutsch sprach, so paßte das gar nicht zu seinem ganzen übrigen Wesen.

Etwas _lag_ ihm auf dem Herzen, und die übrigen Gäste, denen er anfing langweilig zu werden, begannen schon gemeinsam zu berathen, wie sie ihm seine alte fröhliche Laune zurückgeben könnten.

Zweites Kapitel.

Des Doktors Bekenntniß.

Die Seele der Gesellschaft war der Apotheker, ein noch ziemlich junger, aber gewandter Deutscher, der es in wenig Jahren möglich gemacht, hier ein ganz bedeutendes Geschäft zu etabliren. Er stak voller Witz und Laune, und hatte dabei bis jetzt den Doktor Peters zum treuen Verbündeten gehabt. Der aber schien ihm vollständig abhanden zu kommen, und den mußte er wiedergewinnen, koste es was es wolle.

Lange schon hatte er auch versucht, den Doktor zu einem Geständniß zu bringen. So sehr dieser aber das Herz sonst immer auf der Zunge trug, in dieser Angelegenheit hielt er es verschlossen, und Ohlers brachte trotz allen Anspielungen, ja selbst direkten Fragen nichts aus ihm heraus. Da kam eines Morgens Peters zu ihm in die Apotheke, wo er ausnahmsweise einmal ein Rezept verschreiben mußte, grüßte, trat an den Pult, rezeptirte, nahm dann seinen Hut und wollte die Apotheke wieder verlassen. -- Es war Zeit geworden, daß er nach dem Lindenbaum hinüber ging.

„Hör einmal, Doktor,“ sagte der Ohlers, der ihn schweigend beobachtet hatte, und einen anderen, als den bisherigen Weg mit ihm einzuschlagen beschloß, „Du kannst mir einen Gefallen thun.“

„So? was ist es?“ sagte der Doktor ruhig.

„Du verstehst doch was vom Wein?“

„Nur ein Bischen -- willst Du Wein kaufen?“

„Ich habe da eine Probe von Ungarwein geschickt bekommen,“ sagte Ohlers, „und möchte Deine Meinung darüber hören. Hast Du einen Augenblick Zeit?“

Der Doktor sah nach der Uhr.

„Eine Viertelstunde vielleicht -- wo ist er?“

„Oh gleich bei der Hand -- Du Carl, bring doch einmal eine Flasche von dem Rothwein herauf, den ich gestern bekommen habe -- kannst auch gleich den Limburger Käse mitbringen, er steht vorn links im Keller -- Du riechst ihn schon.“

„Donnerwetter, Ohlers, hast Du Limburger Käse?“

„Und was für welchen,“ sagte der Apotheker -- „direkt von Deutschland importirt -- ich sage Dir, er stinkt durch’s Blech durch.“

„Kannst Du nichts davon ablassen?“

„Für die Wittwe? -- hm, ich denke wohl; für mich allein ist’s doch zu viel -- nun wir wollen einmal sehen, komm’ jetzt herein, Dein Rezept wird indessen gemacht.“

Der Doktor folgte, und Ohlers führte ihn in sein kleines Privatzimmer, das er sich sehr bequem und nett hergerichtet hatte. Ein Sopha stand darin mit zwei Lehnstühlen, ein kleines Regal mit verschiedenen feinen Liqueuren befand sich in der Ecke, und auf einem Seitentisch fehlte auch nicht eine Kiste mit guten Cigarren, auf die Ohlers überhaupt etwas hielt. Der Doktor kannte das Plätzchen auch gut genug, und hatte in früheren Zeiten manche Stunde hier mit dem Apotheker verplaudert -- aber jetzt schon lange nicht mehr, denn seine Morgenstunden waren ausschließlich dem Lindenbaum gewidmet gewesen.

Trotzdem heimelte es ihn an, als er hinein trat, und wie er nun gar behaglich in der Sophaecke lehnte, mit dem ächten Limburger und einem Glas delikaten funkelndem Ungarwein vor sich, überkam ihn ein Gefühl so wie Heimweh, und er wurde ganz wehmüthig gestimmt. -- Aber der Wein brachte ihn wieder zu sich.

„Junge, Junge,“ rief er, als er ihn erst vorsichtig und dann schon dreister gekostet hatte, „das ist ja ein ganz delikater Wein -- wo hast Du den her?“

„Direkt von Pesth verschrieben, kostet auch ein schönes Geld, bis er hierher kommt -- aber nicht wahr, der schmeckt?“

Der Doktor antwortete nicht -- er that einen langen Zug und schob das Glas dem Freunde nur mit dem einen Worte wieder zu: „famos!“

Und jetzt der Limburger Käse -- der Doktor thaute auf, und war lange nicht so heiter gewesen. Den Augenblick mußte der Apotheker benützen. Wie sein Freund nur eben ein paar Gläser getrunken hatte und das Feuer in den Adern spürte, sagte er treuherzig:

„Nun höre einmal Peters -- jetzt beträgst Du Dich wieder wie ein anderer vernünftiger Mensch auch, _was_ aber hat Dir die ganze Zeit über in den Knochen gesteckt, daß Du herum gegangen bist, als ob Dir die Petersilie verhagelt wäre.“

„Ach mein Junge,“ stöhnte der Doktor, und machte seinem Herzen durch einen schweren Seufzer Luft.

„Nanu?“ sagte Ohlers, „Du schneidst ja ein Gesicht wie ein Laubfrosch, wenn’s blitzt.“

„Ach Ohlers,“ seufzte der Doktor wieder, „laß uns von was Anderem reden -- ich möchte gern auch einmal vergnügt sein.“

„Ja, das ist ja gerade die Sache,“ rief Ohlers, „weil ich Dich gern wieder vergnügt haben _möchte_, muß ich mit Dir reden, und Dir die Geschichte wie einen Zahn herausholen. Dir liegt was auf dem Herzen! herunter damit! wir sind jetzt allein, und daß ich es gut mit Dir meine, weißt Du.“

Der Doktor antwortete nicht -- er trank und seufzte nur, aber Ohlers ließ ihn still zufrieden. Er war „angebohrt“ und die Dosis mußte jetzt erst arbeiten, ehe sie wirken konnte. Peters schien indessen nicht in gesprächiger Laune, der Limburger Käse mit dem kräftigen Schwarzbrod nahm seine Kinnladen außerdem in Anspruch. Ohlers mußte einen neuen Anlauf nehmen und beschloß dieses Mal gleich mitten hinein zu springen.

„Warum heirathest Du nicht“, sagte er plötzlich, und der Doktor sah ihn starr an, ja brachte das schon gehobene Glas Wein nicht einmal zum Munde.

„Ja, Du heirathest ja auch nicht,“ sagte er endlich.

„Das ist was Anderes,“ rief Ohlers entschieden -- „ich bin achtundzwanzig, Du bist achtunddreißig Jahre alt -- ich habe eine bestimmte Beschäftigung -- Du hast keine --“

„Danke Dir, bin ich nicht Arzt?“

„Bah, so viel für Deine ganze Praxis,“ sagte Ohlers mit dem Kopfe schüttelnd, „Du hast ja nicht einmal Freude daran.“

„Das weiß Gott,“ stöhnte der Doktor wieder.

„Na, dann sei auch vernünftig,“ nickte ihm Ohlers zu und schenkte ihm sein Glas wieder voll, „und mache der Geschichte einmal ein Ende. Du bist bis über die Ohren in die Wittwe Reuter verschossen; sie ist Dir ebenfalls gut und wartet schon seit ein paar Jahren darauf, daß Du um sie anhalten sollst, weßhalb also nicht zugreifen? Du gäbest einen famosen Wirth und Ihr würdet Geld Hand über Hand verdienen.“

Wieder seufzte der Doktor, aber er trank doch diesmal wenigstens dazu, und sah dann eine ganze Weile stier vor sich nieder, so daß Ohlers endlich unruhig wurde.

„Hör einmal,“ sagte er nach einer Weile, „die Sache kommt mir bald bedenklich vor, und ich fange an zu glauben, daß doch am Ende etwas an dem Gerücht ist, von dem man in der Stadt hier munkelt.“

„An dem Gerücht? an welchem Gerücht?“ frug Peters.

„Daß Du nur deßhalb nicht um die Wittwe anhieltest, weil Du -- schon verheirathet wärst.“

„Unsinn,“ brummte der Doktor, mit dem Kopf schüttelnd, „wer sagt denn das?“

„Wer sagt es nicht,“ meinte Ohlers, „denn sonst könnte man sich keinen Grund denken, der Dich abhielte, der Quälerei ein Ende zu machen. Wenn Du aber in Deutschland drüben schon eine Frau sitzen hättest, wäre das freilich was Anderes.“

„Ihr seid Alle mit einander nicht recht bei Trost,“ rief der Doktor, sich ganz in Gedanken selber wieder einschenkend, während er dabei die dichten Rauchwolken von sich blies, „ich verheirathet -- ich wollte ich wär’s, dann führte ich nicht mehr so ein Hundeleben wie jetzt -- aber’s geht nicht -- es geht wahrhaftig nicht.“

„_Was_ geht nicht? Mensch, so rück endlich einmal heraus,“ drängte aber jetzt Ohlers. „Dir liegt was auf dem Herzen, das ist gewiß, und je eher Du’s herunter schüttelst, desto besser. Ist Dir dann zu helfen, so --“

„Mir ist _nicht_ zu helfen,“ sagte der Doktor finster, „aber -- wenn ich’s Dir auch erzählen wollte -- Du lachtest mich einfach aus.“

„Ich lache Dich aus? Ist es denn so was Komisches?“ frug Ohlers gespannt.

„Komisch? Nein,“ sagte der Doktor, „aber -- es ist etwas, was ihr nicht Alle begreift, was auch ein Zweiter und Dritter eigentlich begreifen _kann_, denn es steht mit jenem unbekannten Etwas in Verbindung, das uns umgibt, und das wir trotzdem mit unseren groben Sinnen nicht im Stande sind zu erfassen.“

„Ich verstehe kein Wort davon,“ sagte der Apotheker kopfschüttelnd.

„Na gut, Ohlers, Du sollst es wissen,“ nickte Peters endlich, zum Aeußersten entschlossen, „aber thu’ mir die einzige Liebe und lach nicht, denn die Sache ist wirklich nicht komisch, da sie mich elend und unglücklich macht mein ganzes Leben lang -- glaubst Du an Ahnungen?“

„Ne,“ sagte Ohlers, entschieden mit dem Kopf schüttelnd, „nur an Congestionen nach dem Kopf. Glaubst Du dran?“

„Ja, Ohlers,“ sagte der Doktor feierlich, „und -- ich habe alle Ursache dazu. Mein Großvater war ein Sonntagskind und verkehrte mit jener Welt, die uns anderen armen Sterblichen meist immer verschlossen bleibt. Du weißt aber, daß in der Natur nur zu oft Eigenschaften vom Großvater auf den Enkel theilweise übererben, und einen _kleinen_ Theil der ihm verliehenen Gaben scheine auch ich von ihm bekommen zu haben.“

Ohlers wollte etwas erwiedern. Es lag ihm schon auf der Zunge, aber der Doktor war einmal im Gang -- er durfte ihn jetzt nicht böse machen oder auch nur stören, und trommelte nur, um doch irgend eine Beschäftigung zu haben, mit den Fingern auf den Tisch.

„Nun siehst Du, Ohlers,“ fuhr Peters zutraulich fort, „so hat er den schwächsten Theil seiner Kraft auch auf mich vererbt -- das Ahnungsvermögen. -- Ich sehe nichts wirklich, wie er es gethan hat; ich kann mit jenen überirdischen Wesen und Kräften nicht selber in Verbindung treten, aber ich _ahne_ sie, und ohne daß ich selber weiß, woher es kommt, erhalte ich oft Verkündigungen kommender Dinge, die in mein eigenes Leben eingreifen, und mich entweder vor einem Unglück warnen, oder mir auch im anderen Fall ein Glück erschließen.“

„Aber guter Peters.“