Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 9
Damit rückte er sich seine Büchse wieder auf die Schulter und schritt langsam voran, Bernhard folgte ihm, und Beide gingen auch die ganze Strecke lang schweigend neben einander hin; nur unterwegs brach sich der Förster ebenfalls einen Bruch ab und steckte ihn sich, alter Sitte folgend, auf den Hut -- war doch ein jagdbarer Hirsch erlegt, und dabei durfte keine althergebrachte Form versäumt werden.
So erreichten sie nach einer Weile das bestimmte Rendezvous, eine kleine offene Waldblöße, an deren Rand ein Pirschhaus gebaut war, um den Kreisern, wenn sie hier in der Nähe Dienst hatten, ein Obdach zu bieten. Der Förster trug allerdings den Schlüssel dazu in der Tasche, aber bei dem prachtvollen Wetter dachten die beiden Jäger nicht daran, sich in das dumpfige Haus zu setzen, und Buschmann, mit seinem Hirschfänger, einen Zweig von einem dort stehenden breitästigen Weißdorn schlagend, hing seine Büchse an den Zacken und warf sich dann auf das Moos im Schatten des Baumes nieder, welchem Beispiel sein junger Forstgehülfe folgte.
„Wenn wir jetzt eine Flasche Bier hätten,“ sagte dieser, indem er sich, in Ermangelung eines andern Labsals, wenigstens seine kurze Pfeife stopfte und in Brand setzte -- „das müßte jetzt schmecken.“
„Die Kreiser bringen ein paar Flaschen mit,“ nickte der Förster, „denn ich wußte ja nicht, was wir noch für Arbeit mit dem Hirsch bekamen.“
„Das ist gescheidt -- und die müssen bald kommen.“
„Etwa in einer halben Stunde spätestens,“ sagte der Förster und qualmte stärker -- „aber -- was ich gleich sagen wollte, Raischbach -- Sie -- Sie meinten vorher da drüben am Bau -- am Fuchsbau meine ich -- an der wunderlichen Stelle, die rings von steilen Sandsteinfelsen wie eingedämmt ist, daß sie fast so aussähe, als ob der Platz eingesunken wäre.“
„Ja wohl, Herr Förster, es hat merkwürdige Aehnlichkeit, und drin im Tyrol wüßt’ ich genau so eine Stelle, wo sich auch die Leute erzählen, daß dort vor uralten Zeiten eine Alm gestanden hätte -- und jetzt ist’s ein See, kein Mensch weiß wie tief.“
„Es kommt Alles vor in der Welt, Raischbach,“ nickte der Alte still vor sich hin -- „Alles -- wir sehen’s nur manchmal nicht, oder wollen’s eben nicht sehen.“
„Und hat der Platz irgend eine Bedeutung?“
„Dort an Ort und Stelle,“ sagte der alte Mann, „mochte ich Ihnen nicht gern Red’ und Antwort stehen; man spricht nicht gern davon, wo die Worte bis hinunter in den Grund schallen können, und wenn Sie die Kreiser frügen, würde Ihnen wohl Keiner Auskunft geben; aber das ist Thorheit, denn einem frommen Christen kann der Spuk nichts anhaben.“
„Aber welcher Spuk, Herr Förster?“
„Der im Bau drunten.“
„Im Fuchsbau? also ist es wirklich ein eingesunkener Platz?“
„Das sieht ein Kind ein,“ nickte der alte Forstmann, der hier wieder vollständig auf seinem Steckenpferd saß. „Da hat vor alten Zeiten eine große und reiche Stadt gestanden, mit einem Kirchthurm, dessen Kuppel sie so dick vergoldet hatten, daß man Abends bei Sonnenuntergang das Blitzen bis drüben in die fernen Berge sehen konnte. -- Aber auf einmal war’s aus -- was sie getrieben, der Herr nur weiß es, aber übermüthig sind die Leute jedenfalls geworden, und eines Tages, als Jemand vom nächsten Dorf hinein zur Ortsbehörde wollte, trifft er an der Stelle, wo sonst die stolze Stadt gelegen, einen See mitten im Walde an. Erst glaubte er auch, er hätte den Weg verfehlt, und versucht’s dann mit einem andern, aber es war dasselbe. Alle die breiten Fahrwege, die sonst hinein in den Ort führten, liefen jetzt bis an den Rand der blanken Steinwand und grad in’s Wasser hinein, und der See muß lange an der Stelle gestanden haben, denn mein Großvater wollte sich noch erinnern, ihn gesehen zu haben. Seichter war er aber mit den Jahren geworden, zuletzt sickerte er ganz weg, und heutzutage ist nur noch der moorige Grund geblieben, den aber kein Mensch, nicht einmal ein Stück Wild betritt. -- Nur die Füchse hausen da drin und finden da allerdings gar vortrefflichen Schutz.“
„Aber haben Sie mir nicht selber gesagt, Sie hätten schon einen Hund da drin verloren?“
„Allerdings -- aber der Hund ist allein hineingelaufen, ich war selber nie drin und hab’ auch nie nachgeschaut, wo er geblieben sein kann. Jedenfalls ist er in eine der Spalten gestürzt. Was hat der Jäger auch dort unten zu suchen? Wild steht dort nicht -- und sei’s nur aus dem Grunde, daß sie nirgends wieder auskönnen, wenn ihnen der einzige hineinführende Wechsel verstellt wird. Das ganze Terrain ist wie eine große Art Falle, und vor solchen Plätzen scheuen sie sich; außerdem mag aber auch die Aesung auf dem feuchten Boden sauer schmecken, denn von oben hinab sieht man eigentlich nichts als Haidekraut und eine Art schilfiges Gras und Schachtelhalm.“
„Aber was für ein Spuk war der, Förster, von dem Sie sprachen?“ sagte der junge Mann, durch das Alles neugierig gemacht -- „der Spuk, der einem frommen Christen nichts anhaben könne?“
„Hm,“ brummte der Alte, doch nicht ganz sicher, wie seine Erzählung aufgenommen werden könne. „In neuerer Zeit hat man lange nichts mehr davon gehört --“
„Aber in früheren Jahren?“
„Da soll das alte Nest da drin ein Hauptplatz für Derlei gewesen sein,“ nickte der Alte, „man darf freilich nicht Alles glauben, was die Leute erzählen,“ setzte er gewissermaßen entschuldigend hinzu, „aber wenn nur die Hälfte von dem wahr wäre, reichte es aus. Daß der wilde Jäger hier im Spessart seinen Hauptsitz hatte, ist allbekannt. Von hier ging er aus -- hierher kam er zurück, wenn er vor der Morgendämmerung seine tolle Meute wieder eintrieb, und die Kreiser, bei denen sich die Erzählung von Vater auf Sohn vererbt hat, viele Geschlechter durch, behaupten, daß er dort in dem versunkenen Bau eingefahren sei wie ein Fuchs, und es nachher noch stundenlang da drinnen getobt und gelärmt habe, als ob ein unterirdischer Donner durch den Wald führe. Irrwische sind da drunten genug gesehen worden, und nirgends hat’s mehr Erd- und Waldweible gegeben, als in der Gegend. Manchem Förster -- vor meiner Zeit, denn ich müßte lügen, wenn ich was Derartiges behaupten wollte -- sind auch Bewohner des weggesunkenen Ortes erschienen -- einmal einem Jäger -- einem fürstlichen Herrn -- ein bildhübsches Mädchen in fremdartiger Tracht, die aber kein Wort gesprochen, sondern nur gewinkt hat, bis er ihr gefolgt ist. Der ist er nachgestiegen in den Kessel hinein -- der Jägerbursche, den er bei sich gehabt und der ihm nicht folgen durfte, hat’s erzählt, und am Abend haben sie ihn da drin gefunden, todtenbleich -- und er war tiefsinnig geworden und hat nie im Leben wieder gelacht oder auch nur verkündet, was er dort unten gesehen. Er durft’s wohl nicht.“
„Hm, das sind ja wunderbare Geschichten von dem alten Bau,“ sagte der junge Forstgehülfe kopfschüttelnd, „und ist nur merkwürdig, daß ich noch kein Wort davon gehört.“
„Bei uns wär’ wohl schon oft davon gesprochen,“ sagte der Alte, „aber wir thun’s nicht gern, wenn die alte Lisei dabei ist.“
„Die Lisei?“ sagte Raischbach erstaunt.
„Ahem,“ nickte der Förster. „Wenn sie den Ort nur nennen hört, steht sie jedesmal auf, geht hinaus und setzt sich in eine dunkle Ecke und weint. Es muß ihr da in ihrer Jugend was Liebes abhanden gekommen sein. Die Leute versichern wenigstens, ihr Schatz habe sich in ein Erdweible von da drunten her, das es ihm angethan, verguckt und Niemand wieder etwas von ihm gehört.“
„Aber kann der nicht auf andere Art verunglückt sein?“
„Möglich; doch wahrhaftig, da kommen die Kreiser -- das ist gescheidt, mir ist die Zunge schon ordentlich am Gaumen angetrocknet, und ein Schluck Bier wird uns jetzt nicht schlecht munden. Also erst frühstücken und dann mit unserem Hirsch zu Thal, daß er zur rechten Zeit an Ort und Stelle eintrifft.“
Die Kreiser hatten ihre Zeit richtig eingehalten, ja waren eher noch eine Viertelstunde früher angekommen und sahen auch gleich an den grünen Brüchen auf den Hüten der beiden Forstleute, daß die Pirsche keine vergebene gewesen. Vor allen Dingen lagerten sich aber die Leute, denen sich auch die drei Mann Forstschutz beigesellten, im Schatten, um sich von ihrem mühseligen Marsch auszuruhen und einen Bissen zu essen. Dabei mußte Raischbach erzählen, wo er den Hirsch gefunden und wie er an ihn angekommen sei, was sie natürlich außerordentlich interessirte.
Nach beendetem Frühstück brachen dann Alle der Stelle zu auf, wo der verendete Hirsch lag, der dort aufgeladen und dem Ort seiner Bestimmung zugeschafft wurde. Die beiden Forstleute schlenderten aber auf einem näheren Weg, von einem der Kreiser begleitet, der ihr „Jägerrecht“[A] in einem Sack auf der Schulter mittrug, langsam nach der Forstei zurück.
[A] Jägerrecht, einzelne bestimmte Theile eines erlegten Stückes Hoch- oder Rehwild.
Zweites Kapitel.
Die fremde Maid.
Auf dem Heimweg an dem Nachmittag fuhr den beiden Forstleuten ein merkwürdig starker Rehbock über den Weg, aber so rasch und plötzlich, daß Keiner von Beiden im Stande war, auch nur die Büchse von der Schulter zu reißen. Wie ein Schatten sprang er über die schmale Schneuße und war auch im nächsten Moment schon in der dichten Tannendickung -- einer jungen, aber schon ziemlich hohen und fast undurchdringlichen Anpflanzung -- verschwunden.
„Alle Wetter!“ rief der Forstgehülfe ordentlich erschreckt aus; „hatte der aber auf. Das Gehörn allein wäre ja ein paar Karolin werth gewesen.“
„Ja,“ nickte der Alte, „es giebt hier oben ein paar Staatsböcke, ist ihnen aber verwünscht schwer beizukommen, denn so ein alter Racker ist schlau wie ein Fuchs und auf’s Blatt kommt er gar nicht oder doch so scheu und vorsichtig, daß man ihn nie ordentlich zum Schuß kriegt. -- Und den besonders, der uns da über die Schneuße setzte, den kenne ich ganz genau und bin ihm schon manchen schönen Morgen zu Gefallen gegangen. Freilich immer umsonst. Sie haben hier in den Dickungen drin zu gute Aesung, und treten selten bei Tageslicht auf offene Schläge hinaus.“
Dem jungen Forstgehülfen ging aber der Bock den ganzen Abend im Kopfe herum, er konnte das Gehörn nicht vergessen, denn solche Stangen hatte er an einem Rehbock noch gar nicht gesehen oder nur für möglich gehalten. Er beschloß auch deßhalb, gleich am nächsten Tag einen Versuch zu machen, ob er den alten Burschen nicht vielleicht überlisten könne. Der war jedenfalls ein paar Gänge werth und er durfte sich keine Mühe verdrießen lassen.
Es war nicht so spät im Jahr, daß die Böcke nicht noch auf’s Blatt[B] gekommen wären, und gerade dort, wo er ihn gestern gesehen, begann er seinen Versuch, denn solche alte Böcke halten gewöhnlich ihr Revier und gehen selten weit von da fort, wo sie einmal ihren Aesungsplatz genommen. Aber er blattete vergeblich vier-, fünfmal an den verschiedensten Stellen. Der alte Bursche war entweder nicht in Hörweite, oder auch zu gescheidt und ließ sich nicht überlisten. Um aber nichts zu versäumen, blieb er nach jedesmaligem Blatten wohl noch eine Viertelstunde regungslos liegen und horchte, denn manchmal kommen sie angeschlichen wie ein Fuchs, und wenn der Jäger dann, in der irrigen Meinung, daß die Jagd vorbei sei, aufsteht und Geräusch macht, so hört er plötzlich das so heiß ersehnte Wild schrecken und in voller Flucht in das Dickicht hineinsetzen, wonach er sich dann die Jagd auf lange Zeit verdorben hat.
Mit dem Blatten war’s nichts, das sah er endlich ein; der alte Bursche ließ sich nicht irre führen, und er versuchte es jetzt mit der Pirsche, wozu sich der Tag ganz besonders gut eignete. Es hatte die Nacht gewittert, und das Laub und Moos war noch feucht, so daß man den schleichenden Schritt des Jägers, wenn dieser nur vermied, auf trockenes Reisig zu treten, gar nicht hören konnte. -- Aber es blieb Alles vergebens -- zwei geringe Böcke hätte er allerdings schießen können, wollte sich indeß die Jagd auf seinen Bock nicht durch einen Schuß verderben und ließ sie laufen, was sie auch redlich thaten.
So war er allmälig und ohne daß er es selbst recht wußte wieder ganz in die Nähe der Stelle gekommen, wo er gestern den Hirsch geschossen hatte, und plötzlich stand er an der Steinwand des „Fuchsbaues“ und sah sich auf’s Neue dem geheimnißvollen Platz gegenüber, von dem ihm der alte Förster gestern so viel erzählt.
Eigentlich war’s ihm recht -- nach dem langen Pirschgang that ihm ein wenig Ruhe wohl, und der Platz lag hier so kühl, heimlich und versteckt, daß er da recht gut eine halbe Stunde rasten konnte. Er warf sich auch, die Büchse neben sich, auf das schwellende Moos nieder, nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche, zündete sich dann die kurze Pfeife an und schaute, in dem behaglichen Gefühl ungestörten Alleinseins, in die wunderliche Schlucht vor sich hinab, die sich zu seinen Füßen ausdehnte.
Also dort hatte einmal ein volkreicher Ort gestanden, der mit Mann und Maus, und ohne eine Spur zu hinterlassen, in die Tiefe gesunken sein sollte, und wie tief eigentlich, daß nicht einmal die vergoldete Kuppel des Kirchthurms mehr aus dem Moor hervorragte. -- Und wenn man dort nun einmal nachgrübe nach der alten Herrlichkeit, was für wunderbare Alterthümer müßten da zum Vorschein kommen, und lohnen würd’ es gewiß. Aber wer sollte graben? -- das wäre jedenfalls eine Heidenarbeit gewesen, und stand dann nicht das Wasser an der selbst oben nassen Stelle? man würde nur gewiß einen neuen See gebildet haben und hätte schon ein Dampfpumpwerk anlegen müssen, um nur des nassen Elementes Herr zu werden, und was kostete das?
Und dort drunten sollte der wilde Jäger seinen Herd gehabt und Nachts seine Schaaren gesammelt haben und ausgefahren sein mit Hallo und Hussa und Rüdengebell! -- Wer das einmal, so aus einem stillen Versteck, hätte mitansehen können!
„Hol’s der Henker!“ brummte Raischbach vor sich hin, indem er sich mit seinem rechten Ellbogen etwas tiefer in das Moos hineinbohrte, um bequemer zu liegen, „daß das nur Alles lauter Sagen sind und bloß die Großväter und Urgroßväter etwas Derartiges mit erlebt haben! Wenn das doch Unsereinem auch einmal begegnen könnte, daß man später im Stande wäre, seinen Kindern etwas davon zu erzählen. -- Ja, seinen Kindern,“ setzte er in den Bart brummend hinzu -- „damit hat’s auch noch Zeit -- ein Forstgehülfe und heirathen. Ja, wenn einmal so ein hübsches Erdweible käm’, wie vor alten Zeiten manchmal -- und Einem eine Schürze voll goldener Tannenzapfen brächte!“
Unwillkürlich griff seine Hand, ohne daß er mit dem Körper auch nur die geringste Bewegung gemacht hätte, nach der neben ihm liegenden Büchse, denn nicht weit von ihm knackte ein dürrer Zweig, als ob irgend ein schwerer Körper darauf getreten hätte. Herr Gott, wenn das „sein“ Bock gewesen wäre, der hier oben am Rand der Schlucht vielleicht spazieren ging und ihm derart von selber in’s Rohr lief. Der wäre jetzt recht gewesen, und im Nu hatte er alle anderen Gedanken vom wilden Jäger und Erdweible total vergessen und dachte nur an seine Jagd.
Jetzt knackte es wieder -- das konnte ein Stück Wild, aber auch recht gut der Bock sein, und leise und vorsichtig drehte er den Kopf zur Seite, um nur erst einmal einen Schimmer von dem Nahenden zu bekommen.
„Alle Wetter!“ brummte er aber im nächsten Augenblick, als er etwas Buntes durch die Zweige schillern sah und jetzt enttäuscht erkannte, daß das auf keinen Fall sein Bock sein konnte, denn der trug kein buntfarbiges Tuch um sein Gehörn, -- ob Einem die verwünschten Beerensucher und Holzleser nicht jeden Pirschgang verderben!
Unwillig richtete er sich in die Höhe, um die Nahenden mit einem Wetter anzufahren, was sie hier zu suchen hätten, brachte aber keinen Laut über die Lippen, als plötzlich ein reizendes Mädchen von kaum siebenzehn Jahren aus dem Gebüsch trat und bei seinem Anblick halb erschreckt halten blieb.
Merkwürdig! sie war in eine ganz fremdartige Tracht gekleidet, wie er ihr wenigstens hier in den Bergen noch nie begegnet, und sah dabei so blaß und wachsähnlich aus. Aber was für wundervolle Augen sie hatte, und wie groß und erstaunt sie ihn dabei ansah. Fürchtete sie sich vor ihm?
„Grüß Gott, Mädel!“ sagte der junge Forstmann, halb verdutzt ordentlich von der lieblichen Erscheinung, und sein Blick flog über sie hin -- aber das war keine Beerensucherin oder Reisigsammlerin; sie trug keinen Korb, weder am Arm noch auf dem Rücken, sondern ging sogar, mitten in der Woche, in ihren Sonntagsstaat gekleidet.
„Grüß Gott!“ sagte die Jungfrau leise, und ihr Blick flog dabei nach dem Grund hinab, als ob sie sich einen Weg zur Flucht suche -- „wo -- wo kommt Ihr da auf einmal her?“
„Ja, das möcht’ ich Dich fragen, Kind!“ erwiederte der Jäger; „ich gehöre hierher -- aber fürcht’ Dich nicht, ich thu’ Dir nichts.“
„Ich fürcht’ mich auch nicht,“ sagte die Maid, aber mit einem ganz eigenen, fremdartigen Dialekt; „ich steh’ überall in Gottes Hand; aber ich hatte den Weg im Wald verloren, und jetzt weiß ich erst wieder, wo ich daheim bin.“
„Wo Du daheim bist?“ rief Bernhard -- „aber wo bist Du daheim, Schatz, darf ich’s nicht wissen?“
„Und warum nicht! -- im Bau bin ich daheim.“
„Im Bau?“ rief der junge Forstgehülfe erschreckt aus, indem er einen scheuen Blick nach dem Grund hinunter warf, „aus dem Bau kommst Du, Mädel, und dort ist Deine Heimat?“
„Ei gewiß,“ nickte die Maid, „und wer seid Ihr?“
„Der Forstgehülfe Raischbach vom Revier -- aber es ist ja doch nicht möglich, daß Du im Bau wohnst -- und wohin willst Du jetzt?“
„Wieder heim, da hinab -- jetzt ist’s nimmer weit,“ sagte sie und deutete mit der Hand den schmalen Pfad hinab, der in den Grund hinunter führte.
„Du hast mich nur zum Besten, Mädel!“ rief Raischbach, der gar nicht wußte, was er von dem Allen denken sollte -- „unten im Bau --“
Er schrak zusammen, denn kaum hundert Schritt von dort, im Dickicht drin, fiel ein Schuß -- war das ein Wilderer?
„Grüß Gott -- ich muß heim!“ rief das Mädchen und schlüpfte wie ein Reh am Abgrund hin.
„Bleib’, Kind, nur einen Augenblick!“ bat der junge Mann und drehte unwillkürlich den Kopf nach der Richtung zu, in der er den verdächtigen Schuß gehört; als er ihn aber wieder wandte, war die Maid verschwunden, und wie er ein paar Schritte den Pfad hinab ihr nachsprang, konnte er ihr buntes Tuch nirgends mehr in den Büschen erkennen. -- Wie in den Boden hinein war sie weg.
Ein paar Sekunden stand der junge Mann unschlüssig auf der Stelle. Sollte er ihr nach? -- ihr folgen? -- Aber der Schuß -- seine Pflicht rief ihn dorthin, den Moment durfte er nicht versäumen, und seine Büchse aufgreifend sprang er so leise, aber auch so rasch als möglich einen schmalen Wildpfad entlang, der ihn in das Dickicht brachte. Dort dauerte es auch nicht lange, daß er das Aufstoßen eines Ladestocks hörte, und durch das Gebüsch schlüpfend, fand er sich im nächsten Augenblick -- einem ihrer Kreiser gegenüber.
„Hallo, Metzler, und nach was habt Ihr hier geschossen?“ sagte er enttäuscht, indem er sich aufrichtete und auf ihn zutrat.
„Hallo, Herr Raischbach, wo kommen Sie denn auf einmal her? -- kriegt ich doch jetzt einen ordentlichen Schreck. -- Den Habicht da hab’ ich geschossen, der einen Hasen gekrallt hatte und scharf dabei war, ihn anzuschneiden. Wie er mich merkte, brauchte er eine ganze Weile, um loszukommen, und ich behielt reichlich Zeit, ihm eins auf den Pelz zu brennen. Waren Sie auf der Pirsche?“
Gerade wo er stand lag in der That der eben geschossene Raubvogel und gar nicht weit davon entfernt der arme Hase, auf den er, wahrscheinlich von einem Zweig herab, niedergestoßen war, als ihn der Kreiser bei seiner Mahlzeit überraschte.
„Hm,“ sagte Raischbach, „ich bin dem starken Bock zu Gefallen gegangen, den wir gestern gesehen haben.“
„Ja,“ lachte der Kreiser, „da können Sie noch manchmal früh aufstehen, ehe Sie den kriegen -- der ist schlau.“
„Ich habe da drüben eine Fährte gefunden und wollte eben nachgehen, als ich den Schuß hörte -- ich wußte nicht, wer geschossen haben konnte.“
„Wenn’s ein Wilderer gewesen wäre,“ lachte der Mann, „hätten Sie ihn verdammt rasch beim Kragen gehabt. Sie sind auf dem Zeug, das muß wahr sein; ich habe Sie gar nicht kommen hören.“
„Ich geh’ jetzt wieder zurück, Metzler,“ sagte der Forstgehülfe; „nehmt den Hasen mit nach Haus und sagt dem Förster, wenn ich etwa nicht zur rechten Zeit zum Nachtessen daheim sein sollte, möchten sie nicht auf mich warten. -- Ich will noch gern auf dem Anstand bleiben.“
„Na, Waidmann’s Heil, Herr Forstgehülfe!“ nickte der Kreiser, während Raischbach schon wieder in das Dickicht eintauchte und jetzt, so rasch er konnte, zu der Stelle zurücksprang, wo er das fremde Mädchen zuletzt gesehen -- aber er fand sie nicht wieder. Er stieg den Pfad hinab, und als er weiter unten an eine sandige Stelle kam, suchte er genau nach, ob er keine Fußspur entdecken könne, denn oben in dem moosigen Weg ließ sich nichts unterscheiden; aber es blieb vergebens. Bis zu dem Eingang in den Grund kletterte er, in den nur ein kaum zehn Schritte breiter Paß hineinführte; dort aber lag gerade viel felsiges Gestein und eine Fährte hätte sich schwer nachweisen lassen.
Wie heimlich das da drin in dem düstern Grund aussah, und wie sonderbar kahl und phantastisch die hohen Sandsteinwände auf allen Seiten starr und mächtig emporragten -- und wie dunkel der Boden war, obgleich oben auf dem Walde noch das volle Sonnenlicht lag! Sollte es denn möglich sein, daß hier drinnen wirklich ein so geisterhaftes Wesen hause, wie ihm der alte Förster erzählte, daß die Bewohner der Tiefe -- daß jenes wunderbar schöne Mädchen, das so fremd und doch so lieb aussah... -- „Bah, Unsinn!“ brummte er vor sich hin in den Bart -- „der Alte steckt voll von Aberglauben und seine Frau und die alte Lisei noch mehr; kein Wunder wär’s, wenn man zuletzt selber anfinge, solche Geschichten wirklich zu glauben, wenn man sie alle Abend in der halbdunkeln Stube und halb dabei im Schlaf erzählen hört. -- Nachher weiß man am Ende kaum mehr, was man noch gehört oder selber geträumt hat. -- Jetzt bin ich aber doch einmal hier unten,“ setzte er leise hinzu, „und kann mir den Platz gleich ordentlich ansehen; komme doch vielleicht so bald nicht wieder hierher und muß die Gelegenheit benützen.“
Damit stieg er über die Zacken hinweg und drängte sich durch das Erlengestrüpp, das hier lustig emporwucherte. -- Er erschrak aber fast, als plötzlich dicht vor ihm eine Schnepfe herausstrich. Unwillkürlich fuhr er freilich mit der Pirschbüchse in die Höhe, setzte aber eben so rasch wieder ab, denn jetzt war erstens keine Jagdzeit für Schnepfen, die hier jedenfalls brüteten -- und dann hatte er ja auch bloß eine Kugel und groben Schrot geladen. Die Schnepfe stieß aber in den Wald hinein, und Raischbach, ihr nachsehend, murmelte leise: „Na, hier kann das vertrackte Mädel doch auch nicht gut herum sein, denn sonst hätte sie die Schnepfe ebensogut aufgestört wie ich -- und was hätte sie auch hier drin zu suchen,“ setzte er halb lachend hinzu -- „ich glaube bei Gott, ich fange ebenso an zu träumen, wie unser alter Buschmann. -- Aber hat sie mir nicht selber gesagt, daß sie hier unten ‚im Bau‘ wohne?“ frug er sich plötzlich und blieb, seine Büchse auf den Boden stützend, stehen; „bah, das kecke, bildhübsche Ding hat mir nur ihren eigentlichen Wohnort nicht nennen wollen und mich zum Besten gehabt. Die mag schön bei sich gelacht haben, als ich so ein verdutztes Gesicht machte. -- Wenn ich ihr nur noch einmal wieder begegnete oder wüßte, wo ich sie suchen könnte -- Blitzmädel das.“
Und wieder nahm er seine Waffe auf und arbeitete sich jetzt nach der rechten Wand hinüber, um den ganzen Platz einmal zu umgehen und das noch unbekannte Terrain genau zu erforschen.