Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 8
Der alte Assessor war übrigens ein praktischer Mann und wußte außerdem, daß Gefühlsäußerungen nirgends mehr am unrechten Platze sein konnten als in diesen Räumen. Es mußte etwas geschehen, denn eine Wiedererkennungsscene und einfache Betheuerung der Unschuld einer schon Verurtheilten konnte diese nicht so ohne Weiteres befreien.
Außerdem hatte die Scene jetzt auch lange genug gedauert, und der Director, ein reiner Formenmensch, wäre ihm am Ende ungeduldig geworden. Er rückte sich deshalb einen Stuhl zum Tisch, nahm von dem dort liegenden Papier und forderte dann Valerie auf, ihm jetzt mit klaren Worten die Erlebnisse jenes Abends zu schildern und dabei auf das Bestimmteste auszusprechen, ob sie sich noch jetzt des früher eingestandenen Verbrechens für schuldig bekenne, oder, wenn nicht, weshalb sie früher eine falsche Aussage gemacht. Er litt auch nicht, daß Valeriens Tante ein Wort hineinsprach -- er wollte nichts als die einfache Erzählung der Verurtheilten, und die gab ihm auch Valerie mit so schlichten, einfachen Worten, aber so herzerschütternd zugleich in der schmucklosen Schilderung ihr früheren Lebens, ihres trostlosen Verlassenseins, aus welchem sie nur durch den Tod befreit zu werden hoffte, daß die Dame vor Schluchzen kaum dem Gang derselben folgen konnte, und selbst der Assessor wieder ein paar Mal nach der Dose greifen mußte.
Vor der Hand ließ sich nun allerdings weiter nichts in der Sache thun, denn der Director konnte natürlich keinen der Sträflinge, was auch immer seine eigene Ueberzeugung gewesen wäre, entlassen -- aber sie war trotzdem in guten Händen, denn der alte Assessor versprach ihnen schon am nächsten Morgen alle nöthigen Papiere, und wenn er die ganze Nacht arbeiten sollte, mit denen sie dann in der Residenz die Freilassung der jedenfalls schuldlos gefangen Gehaltenen erwirken konnten.
Der Director war allerdings für seine Person noch nicht ganz überzeugt, und er meinte gegen den Assessor, es seien ihm in seiner Praxis schon ganz wunderbare Dinge vorgekommen, die er selber nicht glauben würde, wenn er sie nicht selber erlebt hätte. Aber der Justizminister oder das Ober-Appellationsgericht möchte entscheiden, und er wolle bis dahin dem jungen Mädchen ein besonderes Zimmer und bessere Kost geben, als die übrigen Gefangenen bekämen. Auch sollte sie die Zeit über von der Arbeit frei bleiben. Einen weiteren Verkehr mit ihren Verwandten, bis er genaue Instructionen habe, weigerte er sich aber zu gestatten. Das erlaubte ihm sein Dienst und seine Pflicht nicht, und nur die erst erwähnte Vergünstigung glaubte er, unter den bestehenden Verhältnissen verantworten zu können.
Dabei mußte es natürlich vor der Hand bleiben, und wie schwer sich auch die Fremde jetzt gerade von dem kaum wiedergefundenen Kinde trennte, so geschah es doch in der frohen Hoffnung, die Unglückliche bald, recht bald wieder dem Leben, der Freiheit zurückgegeben zu sehen. Immerhin vergingen indeß noch volle drei Wochen, bis alle nöthigen Wege eingeschlagen, alle nöthigen Formen beobachtet waren. Aber die Aussagen des alten, bis dahin gestorbenen Bänkelsängers waren zu klar gewesen, der Assessor versäumte außerdem nichts, die bedauernswerthen Schicksale des armen Mädchens hervor zu heben, und nach Ablauf der Zeit hielt ein geschlossener Wagen vor der Anstalt und rollte bald darauf, ein paar glückliche Herzen bergend, der Residenz wieder zu.
Zehntes Kapitel.
Schluß.
Fünf Jahre waren verflossen, als eine offene, sehr elegante Reisekalesche eines Tages wieder langsam durch Osterhagen fuhr. Wie damals, saß auch ein Husarenoffizier und eine Dame im Fond des Wagens, aber die Dame sah jung und blühend aus, und auf dem Rücksitz befand sich noch ein junges kräftiges Bauermädchen, mit einem prächtigen kleinen Burschen von etwa anderthalb Jahren auf dem Schooß.
Der Wagen fuhr aber nicht nach dem Kirchhof, der keine lieben Todten mehr barg, denn schon im vorigen Jahr waren unter Oberaufsicht des alten Assessors Buntenfeld drei Särge von dort ausgehoben, in dazu hergeschaffte bleierne Uebersärge gelegt, diese dann verlöthet und fortgefahren worden. Die Kalesche rollte nur geraden Weges zu dem Gemeinde-Armenhaus hinaus und hielt dort.
Eine in zerrissene Lumpen gekleidete Frau, mit verwilderten Haaren, das Gesicht aber aufgedunsen und roth, als ob die widerliche Gestalt dem Trunk ergeben wäre, saß davor und starrte die fremden Besucher mit ihren gläsernen Augen an.
Die junge Dame schrak zurück und schauderte zusammen.
„Um Gott, Edmund“, flüsterte sie dem Gatten zu, „das ist des Schulzen Frau -- oh wie entsetzlich sie aussieht!“
„Das also ist die Dame“, nickte der Offizier; „die scheint denn allerdings schon auf Erden die Strafe für Alles erhalten zu haben, was sie an Dir, Du armes Herz, verübt: aber mit dieser Person wollen wir uns nicht aufhalten. Wie hieß die Frau, nach der Du fragen wolltest.“
„Kunze“, flüsterte seine Begleiterin.
„Lebt hier im Hause noch eine alte Frau Kunze?“ wandte sich jetzt der Fremde an die auf der Schwelle kauernde Gestalt.
„Hier im Haus?“ knurrte diese, mit einem tückischen Blick nach dem Frager -- „hier im Haus lebt Niemand als ich -- Alles ist todt, Alles begraben aus dem öden Nest, und wenn Sie _mich_ besuchen wollen, so müssen Sie Nachmittags zum Kaffee kommen.“
„Aber die Frau mit den beiden Kindern“, rief Valerie erschreckt, „die kann doch nicht gestorben sein.“
„Nein“, lachte die Alte -- „die ist blos verrückt geworden, und die Kinder sind in die Ziehe gegeben.“
„Großer allmächtiger Gott!“
„Ja, was hat der liebe Gott damit zu thun,“ höhnte die Halbtrunkene. „Wer hier im Hause wohnt, _muß_ verrückt werden, und ich werde mich auch nächstens anmelden -- reif bin ich schon.“
„Und wer hat die Kinder aufgenommen?“
„Wer? -- nun die alte Deckern war albern genug dazu. Die quält sich jetzt mit den Bälgern herum, und hat selber kaum das liebe Brod.“
„Oh, laß uns hinfahren, Edmund“, bat die junge Frau -- „nur fort von hier, denn mir schnürt es bei dem Anblick die Seele zu.“
„Gern, mein Herz, aber weißt Du, wo jene Frau wohnt?“
„Gleich dort hinüber -- sie war die nächste Nachbarin meiner armen Mutter und immer lieb und freundlich gegen mich.“
„Was war sie?“ schrie die Frau an der Thür, bei den Worten aufmerksam werdend -- „die Nachbarin Deiner Mutter -- wie ist mir denn? -- das Gesicht! Jesus, die Falleri!“
„Fort -- fort!“ drängte die junge Frau, und der Postillon berührte die Pferde mit der Peitsche, daß sie rasch anzogen und der Wagen die Straßen hinabrollte. Hinter ihnen her aber fluchte die Halbtrunkene, raufte sich die Haare und warf sich dann in Wuth und Haß und Ingrimm auf den Boden nieder.
Der Postillon sah sich manchmal um, die Richtung angegeben zu bekommen, die er zu nehmen hatte, aber der Weg war nicht zu fehlen; er führte um das Dorf herum, der Stelle zu, wo zwei kleine Häuser nahe beisammen lagen.
Die alte Nachbarin wohnte aber nicht mehr in ihrem früheren, jetzt baufälligen Quartier, sondern war zur Miethe in die nämliche Wohnung gezogen, die früher Valeriens Mutter inne gehabt. Wie staunte freilich die arme, alte Frau, als die elegant gekleidete, jugendfrische Dame aus dem Wagen stieg, auf die in der Thür Stehende zuging, ihr weinend um den Hals fiel und sie küßte.
„Die Falleri!“ rief sie da plötzlich aus und schlug die Hände zusammen, „oh Du grundgütiger Gott, die Falleri! -- und wie hübsch und groß Du geworden bist, Kind! -- ach, wenn Dich Deine Mutter selig jetzt so sehen könnte, die würde eine Freude haben -- und hat so so wenig auf der Welt gehabt!“ Die großen hellen Thränen liefen dabei der Frau über das gute alte Gesicht.
Auch Valerie weinte, als sie das Haus betrat und jetzt die Stätte sah, auf der sie mit ihrer guten Mutter so trübe -- und doch auch wieder so frohe Tage verlebt. Dort hat ihr Stuhl -- dort das Bett gestanden, in dem sie gestorben, und ihr armes Kind allein gelassen in der Welt -- aber der Schmerz hatte das Bittere verloren, denn er löste sich ja in Thränen auf, und bald konnte sie wieder lächeln, als sie, ihren Knaben auf dem Arm, mit ihm durch die alten lieben Räume schritt.
Es sah hier freilich noch so ärmlich aus als früher, wenn auch lebendiger, denn die beiden Waisenzwillinge, die sie oft selber hatte pflegen helfen, sprangen munter hinter ihr drein, und jubelten über die Kleinigkeiten, die sie ihnen mitgebracht.
Aber Valerie hatte auch gelernt, wie weh Armuth thut, und wollte wenigstens in etwas an der alten Frau, die immer gut mit ihr und ihrer Mutter gewesen, den Dank abtragen, den sie ihrem neuen Leben schuldete. Die Frau bekam allerdings von der Gemeinde die nothwendigsten Auslagen für die ihrer Pflege übergebenen Kinder, die man jetzt nicht im Gemeindehaus lassen konnte, bezahlt, aber sie war selber zu arm, um Weiteres für sie zu thun, und Valerie versprach deshalb, für sie zu sorgen. Auch das Häuschen sollte der alten Nachbarin eigenthümlich gehören, und Assessor Buntenfeld, den sie nicht vergessen, bekam noch an dem nämlichen Tage Auftrag, es für sie anzukaufen.
Blitzesschnell hatte sich indeß im Dorf das Gerücht verbreitet, die Falleri, die Gemeinde-Waise, sei wieder zurückgekommen und eine vornehme Dame geworden. Daß sie unschuldig eingesperrt gewesen und der alte Brenner eigentlich das Feuer angelegt, wußte man schon lange. Aber es getraute sich Niemand hinaus zu ihr, denn Niemand im ganzen Dorfe wußte sich von Schuld rein, das arme hülflose Wesen damals nicht mit unterdrückt -- nicht mit verachtet zu haben. Ja, als der Wagen endlich wieder durch das Dorf fuhr, und vor dem Hause des Schulzen hielt, in dessen Hände Valeriens Gatte jetzt eine Summe Geld legen wollte, die das vergüten solle, was das Dorf damals an Auslage für die Waise gehabt, weigerte sich der neue Schulze auf das Bestimmteste, das Geld zu nehmen -- er sagte, er könne es vor seinem Gewissen nicht verantworten. Auch aus den benachbarten Häusern kam kein Mensch heraus, und nur scheu hinter den Fenstern lugten sie vor, um die „Falleri“ noch einmal in ihrem Staat zu sehen.
Erst als der Offizier das Geld als Geschenk für das Armenhaus deponirte, durfte und konnte es der Schulze nicht zurückweisen. Er lud auch jetzt die beiden Gatten ein, doch auszusteigen und in seinem Hause einen Imbiß einzunehmen, aber Valerie fühlte sich von dem scheuen, schuldbewußten Benehmen der Dorfbewohner so beengt, daß es sie drängte, wieder hinaus ins Freie -- fort von den nur zu gut gekannten Häusern zu kommen.
Die Pferde zogen an; der leichte Wagen rollte durch das Dorf, und nur noch wie ein Schleier lag die Erinnerung an Osterhagen auf der Seele der schwer geprüften jungen Frau.
Der Fuchsbau.
Erstes Kapitel.
Die Forstei im Spessart.
Oben im Spessart, an der nördlichen Abdachung desselben und ziemlich versteckt in einem wilden hochstämmigen Nadelholzwalde, lag eine alte Forstei, deren Insasse, der alte Förster Buschmann, schon lange um einen Gehülfen petitionirt hatte, weil ihm die Wilddieberei zu arg wurde und er’s in dem weiten und wilden Revier nicht mehr allein „ermachen“ konnte.
Ja petitioniren -- das sollte Alles „kein Geld kosten“, wie er meinte, und dabei wurde das Gesindel immer dreister und stahl zuletzt an Wild mehr weg, als es gekostet haben würde, zwei Gehülfen anzustellen. Es kam und kam eben keiner, bis er zuletzt wild wurde und das Gesetz in seine eigene Hand nahm.
Alle Schliche und Wege kannte er, aus dem über Nacht draußen im Holz liegen machte er sich auch nichts, und Streusucher fanden bald nacheinander zwei übelberüchtigte junge Bursche aus dem nächsten Dorf erschossen auf einem der Waldpfade liegen und trugen sie zu Thal.
Jetzt kamen freilich die Gerichte auf die Beine; eine Untersuchung jagte die andere, und Buschmann wurde alle Augenblicke vorgefordert, um Auskunft über die Erschossenen zu geben -- aber was wußte er davon? Er stak allein da auf seiner Forstei im Walde, überall konnte er natürlich nicht sein, und wenn sich das Wilderergesindel unter einander selber todtschoß -- ei, dann wohl bekomm’s: er hatte nichts dagegen. Wissen thue er übrigens nichts von der ganzen Geschichte, und da er vergebens und immer wieder vergebens Hülfe von der oberen Forstverwaltung erbeten, aber nie auch nur einmal eine Antwort erhalten habe, so müssen sie es sich eben jetzt gefallen lassen, wenn es Mord und Todtschlag auf dem Revier gäbe.
Das half. Schon in nächster Woche wurde nicht allein ein aus drei Schützen bestehender Forstschutz in das Revier gelegt, sondern eines Sonnabend Abends traf auch ein junger kräftiger Forstgehülfe auf der Forstei ein, gab sein Einführungsschreiben ab und wurde von dem alten Förster auf das Herzlichste empfangen.
Bis jetzt hatte Buschmann mit seiner „Alten“, da ihre Ehe kinderlos geblieben, hier allein die langen Jahre gewirthschaftet. Nur eine alte Magd war noch im Hause, die die Küche und ein paar Kühe besorgte, und zwei Kreiser oder Forstläufer schliefen ebenfalls dort oben, wenn sie ihre Pflicht nicht zwang, auf irgend einem andern Punkt des Reviers zu übernachten. Daß das ein einsames Leben im Walde gewesen, läßt sich denken, besonders wenn draußen der Schnee seine weiße Decke über das Land breitete. Die beiden alten Leute hatten dann mit der Magd im Zimmer gesessen, der Förster seinen kurzen Pfeifenstummel im Mund, die Frauen am Spinnrocken, während oft stundenlang kein Laut, als das Schnurren der Räder, die Stille unterbrach.
Jetzt kam junges Leben dahinein, und der neue Forstgehülfe Bernhard Raischbach, der schon in Aschaffenburg, Würzburg und selbst in München gewesen, ja gar in den Alpen seine Lehrzeit bestanden, und sonst auch ein manierlicher Bursche und guter Leute Kind war, konnte von allem Möglichen erzählen und erzählte auch, und die alten Leute trugen ihn dafür auf Händen. Was ihm die alte Frau an den Augen absehen konnte, that sie ihm, und besserer Kaffee war noch nicht in der Forstei gebraut, so lange sie stand, als seit der junge Raischbach dort eingezogen. Ja sogar ein Fäßchen Bier wurde angeschrotet -- und zwar Lagerbier, kein einfaches -- damit er nicht versucht werden sollte, Abends in das allerdings immer noch gut anderthalb Stunden entfernte Wirthshaus hinabzusteigen -- was er freilich auch nur sehr selten that. Der Hinweg ging noch -- aber der Rückweg durch den stockdunklen Wald und über die rauhen Wege war nichts weniger als angenehm.
Auch draußen im Wald erwies sich der junge Forstgehülfe bald außerordentlich brauchbar und kannte seine Pflicht so genau, daß der alte Förster eigentlich nichts zu thun hatte, als ihm nur die verschiedenen Schläge und Pflanzorte, wie auch besonders die Grenzen zu zeigen, damit er nicht einmal aus Versehen in das Hessische hinübergeriethe. Allerdings war Förster Buschmann, wie er seinem Gehülfen sagte, mit dem nächsten hessischen Förster befreundet, aber sie kamen doch nur sehr selten zusammen, und besser ist immer besser.
Erzählen that übrigens der Alte ungemein gern, und an Stoff dazu fehlte es wahrlich nicht, denn es gibt wohl kein ergiebigeres Sagengebiet -- den Rhein vielleicht ausgenommen -- in ganz Deutschland als eben den Spessartwald mit seinen dunklen, nadelholzbewachsenen Höhen. Wenn er ihm dann die verschiedenen Namen der Plätze, die theils auf eine solche Sage, theils auf früher hier heimische wilde Thiere Bezug hatten, angab, wußte er ihm dabei allerlei wunderliche Dinge zu berichten, was noch dadurch viel geheimnißvoller klang, daß er es nur immer mit leiser flüsternder Stimme that. Nicht um die Welt hätte er im Wald laut gesprochen, war er doch von Jugend auf daran gewöhnt, sich immer so zu benehmen, als ob er auf der Pirsche sei.
Gelegenheit zu solchen Geschichten fand er also genug, denn der Wald wimmelte von derartigen Plätzen. Da gab es einen Teufelsfelsen und einen Eckardtsstein; da lief der Elfenbach durch’s grüne Moos; Luchssteig, Wolfsschlucht, Bäreneck und Auerhorn hießen einzelne vorragende Plätze im Wald, und die Phantasie des Alten bevölkerte sie nicht allein mit dem wilden Jäger und dem bösen Feind, mit Alraunen und überirdischen Geschöpfen, sondern er berief sich dabei auch noch auf das Zeugniß seines jetzt leider verstorbenen Vaters, der in stürmischen Nächten den wilden Jäger selber oft und oft gehört haben sollte, wie er, besonders im Frühjahr und Herbst, mit Hussah! und Halloh! über den Forst gebraust.
Solche Gespräche spannen sich übrigens auch noch, wenn sie Abends nach Hause kamen, aus, denn von derartigen Erzählungen wußte die Frau Försterin fast noch mehr als ihr Mann, ja selbst die Lisei, wie die alte Magd hieß, nickte nur immer bestätigend mit dem Kopfe, wenn sie auch selber entsetzlich schwer zum Reden zu bringen war, denn sie stieß ein wenig mit der Zunge an und war von anderen jungen Leuten, denen sie früher manchmal derlei erzählt, wohl nur ausgelacht und verspottet worden.
Der junge Raischbach lachte sie aber nicht aus. Selber etwas romantischer Natur, wenn auch nichts weniger als was man abergläubisch nennt, wirkte die ganze Umgebung doch nach und nach auf ihn ein, und er fing an, sich nirgends wohler zu fühlen als Abends, nach einem tüchtigen Rundmarsch in der stillen, schweigenden Waldung, in seiner Ecke neben seinem Krug Bier und mit der kurzen Jagdpfeife im Munde.
Er wußte selber auch Manches zu erzählen: von dem Bergstutzel in den Alpen, von der Gemsmaid, von den weißen Fräulein und dann aus anderen Forsten von einer Freikugel, die ein Jäger gehabt, mit der er nachher, wider Willen, seinen eigenen Vater erschossen; von einem andern Frevler, der sein Feuerrohr auf einen gekreuzigten Jesus abgebrannt hätte und von Stund an blind geworden wäre, und manche andere Dinge, wie sie sich die Jäger wohl an langen Winterabenden erzählen.
Deßhalb scheute er sich aber doch nicht, bei Nacht und Nebel draußen im Wald herumzusteigen, und wenn er einmal irgendwo in einer Richtung einen Schuß gehört, von dem man sich keine Rechenschaft geben konnte, so ruhte und rastete er auch nicht, bis er die richtige Fährte ausspürte, und wenn er drei Nächte hinter einander hätte draußen lagern sollen.
Daß so ein flinker kräftiger Bursche -- und außerdem noch ein vortrefflicher rascher Schütze, wie er sich bald erwies -- dem Wilderergesindel unbequem werden mußte, läßt sich denken. In ganz kurzer Zeit hatte er auch drei von der Gesellschaft auf frischer That ertappt und sie nach und nach ganz allein eingebracht, und die Wilddiebe mußten anfangen, sich nach einem andern Revier umzusehen, denn auf dem Buschmann’schen schien’s für sie nicht mehr geheuer.
Eines Tages -- es war im August -- hatte der Förster einen Feisthirsch zum Abschuß bekommen, der noch an dem nämlichen Abend eingeliefert werden sollte, und Bernhard wie der Alte waren mit Tagesgrauen hinausgegangen, um ihr Glück auf der Pirsche zu versuchen. Nach vorher genommener Verabredung sollte aber Keiner mehr schießen, wenn er vom Andern einen Schuß fallen höre, damit sie nicht etwa bei dem heißen Wetter zwei Stück statt eines auf die Decke brächten, und sie nahmen nun, Einer den linken, der Andere den rechten Flügel, um an einer bezeichneten Stelle wieder zusammen zu treffen. Hatte dann Keiner von ihnen Etwas geschossen, so waren die Kreiser und der Forstschutz schon auf einen gewissen Punkt im Wald bestellt, um nachher ein paar Dickungen durchzutreiben, wobei sie gewiß ihr Ziel erreichten, denn Hirsche gab es damals noch genug in jenen Forsten.
Das Letzte schien aber nicht nöthig zu werden, denn schon um neun Uhr Morgens hörte Förster Buschmann den scharfen Krach einer Büchse, und als er nun, die eigene Waffe über die Schulter gehangen, direkt der Richtung zuhielt, traf er auch bald darauf mit seinem Forstgehülfen zusammen, der einen kapitalen Achter auf der Decke hatte.
Bernhard schwenkte ihm auch lustig seinen mit dem „Bruch“ schon besteckten Hut entgegen, und der Alte nickte vergnügt vor sich hin, als er den braven Hirsch, mit dem Eichenzweig im Geäß und die Kugel wie abgezirkelt mitten auf dem Blatt, verendet im Schatten eines alten Eichenbaums, nahe einer zu Thal rieselnden Quelle liegen sah.
„Bravo, mein Junge!“ rief er aus, „das war gerade das rechte Stück und ein tüchtiger Schuß, mit dem wir Ehre einlegen können; er spart uns auch eine Masse Schererei, und wenn die Kreiser jetzt kommen, können sie ihn gleich auf ihren Wagen packen und fortschaffen. -- Der scheint auch nicht mehr weit gegangen. Kam er flüchtig?“
„Gleich dort am Rand von den Felsen äste er sich,“ erzählte der junge Forstmann, „und ich war mit gutem Wind und Deckung bis auf fast achtzig Schritte angepirscht, denn ich konnte nur manchmal die Stangen zu sehen bekommen, wenn er den Kopf hob, um zu sichern. Weiß aber der liebe Gott, was ihn verscheucht haben mag, denn meinen Schritt auf dem weichen Moos konnte er wahrlich nicht hören, äugte auch nicht einmal der Richtung zu, wo ich mich befand. Wie ich aber daneben hinter den Büschen vorkrieche, höre ich, daß er flüchtig wird, und jetzt war ich mit einem Satz auch draußen im Freien. Rechts ab konnte er nicht, der Kluft wegen, so mußte er hier über die Lichtung, und wie er die Kugel kriegte, machte er einen Satz so hoch.“
„Das ist ein famoses Zeichen“, schmunzelte der Alte.
„Er ging auch nicht mehr weit. Dort drüben, bei der jungen Weißtanne, ist der Anschuß und hier unter der Eiche hielt er plötzlich, that sich nieder und verendete auch gleich darauf, da ich versteckt blieb und ihn nicht weiter störte.“
Der alte Förster nickte leise und zustimmend mit dem Kopf, und trat indessen, während sein junger Gehülfe den kurzen Bericht abstattete, an den Rand der hier ziemlich steil abfallenden Felsen, um das da unten ausgebreitete Terrain zu überblicken.
Es war ein wilder eigenthümlicher Platz hier mitten in den Bergen, und Bernhard selber auf all’ seinen Streifzügen noch nie in die Nähe desselben gekommen.
Gerade zu ihren Füßen fielen die Sandsteinfelsen wohl achtzig oder neunzig Fuß steil ab, und nach rechts und links, wohin er sah, schien eine ganz ähnliche Mauer eine unten liegende flache und moorige Ebene, auf der auch wenig mehr als Haidekraut und kleines niederes Gestrüpp wuchs, einzuschließen. Der ganze innere Raum mochte übrigens ein paar Morgen umschließen, und sah genau so aus, als ob er in früheren Jahrhunderten -- oder vielleicht Jahrtausenden -- die ganze offene Stelle ausgefüllt hätte und nur einmal, bei einer inneren Erderschütterung vielleicht, weggesunken wäre.
„Sind Sie schon an dem Platz hier gewesen, Raischbach?“ sagte der Alte nach einer längeren Pause, in der er schweigend über die wüste Stelle hinausgeschaut.
„Nein, Herr Förster,“ sagte der junge Mann; „das ist ein wildes wunderliches Terrain; bin aber noch nie hierher gekommen -- heute zum ersten Mal. Es kann hier gar nicht so weit von der Grenze sein.“
„Ist es auch nicht,“ nickte der Förster; „die Schlucht, die von dort herüberkommt, wo Sie neulich die wilde Katze geschossen haben, bildet die Grenze, und die Stelle hier heißt ‚der Fuchsbau‘ -- gibt auch schmählich viel Füchse hier, denn da drinnen sind sie ungestört, und man darf nicht einmal einen Hund hineinlassen, weil die Wand voller Risse und Spalten steckt, die oft Gott weiß wie tief hinuntergehen. Gleich im ersten Jahr, als ich herkam, habe ich dort drüben in dem einen Loch meinen besten Dachshund verloren, und mich nachher wohl gehütet, wieder einen in die Nähe zu bringen.“
„Sonderbar,“ sagte Raischbach, „ob der Platz nicht wie eingesunken aussieht --“
„Hm,“ brummte der Alte und sah sich vorsichtig dabei um -- „wir wollen hinüber nach dem Rendezvous gehen, wohin wir die Kreiser bestellt haben -- ’s ist gar nicht so weit von hier, und wenn wir der Schneuße folgen, kommen wir ganz in die Nähe.“