Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 7
„Ich hab’ _auch_ ein Hundeleben geführt, so lange ich denken kann -- ich weiß gar nicht, wie einem Menschen zu Muthe ist, den Jemand lieb hat, und herumgestoßen und getreten haben sie mich aus einer Ecke in die andere, bis ich endlich das wurde, was ich auch geblieben bin bis zur heutigen Stunde -- ein Lump. Das Kind machte zuerst einen anderen Menschen aus mir, denn es hatte mich lieb, und von da an war’s, wenn ich sie nur mit Augen sah, als ob es immer und ewig dunkel um mich her gewesen wäre, und nun auf einmal hell würde. -- Und weshalb war sie dankbar gegen mich? Lieber Gott, was hatte ich denn gethan? -- weiter nichts als ein paar geräucherte Schinken gestohlen und von dem Ertrag ihren Confirmationsrock bezahlt! -- Von da an wachte ich über sie, und das Herz drehte mir’s im Leib herum, wenn ich sah, wie sie behandelt wurde, wie sie von Tag zu Tag mehr abmagerte und elender und jammervoller aussah, und ich ihr doch nicht helfen konnte. Da kam das Aergste. Die Falleri hielt’s selber nicht mehr aus, wenn auch sonst kein Mucks, keine Klage über ihre Lippen kam. Sie lachte nie, wie andere Kinder, aber sie weinte auch nie, und was sie trug, trug sie still mit sich herum. Sie kündigte den Dienst beim Schulzen, und ich war schon lange mit mir einig, wie ich alles Das, was sie dort ausgestanden, wett machen wollte. Ich legte mich ins Bett und that, als ob ich sterbenskrank wäre, und wollte so etwa eine Woche liegen bleiben. Da kam eines Abends die Falleri herüber, um Abschied zu nehmen, das Gesicht zerschlagen, das arme schwache Kind mißhandelt und als Diebin aus dem Haus gejagt. So wanderte sie allein in die Nacht hinaus in die Stadt, um einen neuen Dienst zu suchen, und nun kocht’s auch bei mir über. Wie ich Alles im Bett wußte -- denn der Nachtwächter schlief regelmäßig, bei schönem Wetter, unter der Linde -- kroch ich leise aus meinem Fenster, ein paar Päckchen Schwefelhölzer hatte ich mir schon verschafft, schlich durch’s Dorf, machte dem Schulzen hinten in seiner Scheune ein hübsches Feuer an, und war richtig wieder in meinem Bett, ehe sie die Flamme spürten und Lärm machen konnten. Natürlich konnte kein Mensch glauben, _ich_ wär’s gewesen, denn ich war ja nicht einmal im Stande aufzustehen, viel weniger ins Dorf zu laufen.“
„Und da fiel der Verdacht auf die Unglückliche“, rief der Offizier erschreckt.
„Hören Sie weiter“, sagte der Mann. „Des Schulzen Hof brannte nieder und noch ein paar andere Buden -- wenn der Teufel erst einmal die Hand im Spiele hat, läßt er sich auch sein Vergnügen nicht so bald wieder stören. Wer war’s gewesen? Ich lachte schon ins Fäustchen. Da plötzlich brachten sie mir die Nachricht, sie hätten die Falleri, als des Brandes verdächtig, aufgegriffen. -- Bah, dacht’ ich, die müssen sie auch wieder loslassen, denn beweisen konnten sie ihr nichts -- wie ich aber nach einiger Zeit höre, sie hätt’s eingestanden, da litt’s mich nicht länger im Bett. -- Ich wurde wieder gesund und machte mich hinüber, um selber mit ihr zu sprechen, denn meinetwegen sollte die Falleri wahrhaftig nicht ins Zuchthaus. Aber was war’s? Sie blieb dabei, sie _hätt’s_ gethan. Wie sie von hier fort wäre, hätt’ sie das Feuer angelegt, und wolle nun ihre Strafe leiden. Was sollt’ ich jetzt thun? -- Möglich war’s -- gereizt hatten sie das arme Ding genug, um ein ganzes Dorf nieder zu brennen, und wenn ich es ihr auch bis dahin nicht zugetraut, sie _konnt’s_ gethan und fast an derselben Stelle Feuer angelegt haben wie ich selber, hatt’ ich mich doch auch nicht dort aufgehalten, und war wie ein Donnerwetter wieder in meinen Bau gerutscht. Was sollt’ ich jetzt thun? Ich rieth ihr, die Aussage zu widerrufen, aber sie wollt’s nicht -- sollt’ ich mich jetzt auch angeben, was hätt’s _ihr_ genutzt? -- dann hätten sie uns nur Beide zusammen eingespunnt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war’s, aber doch immer möglich, und da ich ihr nicht helfen konnte, ließ ich die Sache eben gehen.“
„Und nun?“
„Damals war ich noch gesund“, fuhr der Alte fort, „und dachte auch, die Falleri hätt’s eigentlich im Zuchthaus noch besser als draußen, wo sie von aller Welt herumgestoßen und mißhandelt wurde. Jetzt aber, wo’s zu Ende geht, und ich die elende Zeit hatte, zu grübeln und immer nur zu grübeln, da sind mir andere Gedanken gekommen. Die Falleri _hat’s nicht_ gethan -- sie _kann’s_ nicht gethan haben, und wegen meiner sitzt sie jetzt hinter den eisernen Gittern und spinnt Wolle.“
„Und wenn sie es nun doch mit gewesen wäre?“
„Nein, -- es ist nicht möglich, sag’ ich“, rief der Alte, „gleich auf frischer That ja, aber nicht mehr, wo sie erst bei ihrer Mutter selig auf dem Kirchhof gewesen -- und dann hätten zwei Stunden darüber vergehen müssen, ehe es angebrannt wäre, und das thut’s nicht draußen in der Luft -- entweder es geht an oder aus. Sie _kann’s_ versucht haben, aber ihres ist nicht angegangen, und der Brandstifter liegt hier und härmt sich die Seele aus dem Leibe. -- So -- jetzt ist’s heraus -- jetzt machen Sie, daß Sie in die Stadt zum Assessor Buntenfeld kommen -- Dem erzählen Sie die Geschichte -- Der bringt’s wieder in Ordnung, damit ich ruhig sterben kann. Wenn sie mich dann auch noch vorher ins Zuchthaus transportiren, was thut’s -- dort hab’ ich jedenfalls bessere Pflege als hier in dem öden Nest, und jetzt ist mir auch das Herz wieder leicht, da ich’s ausschütten konnte, was mir darauf gelegen die langen Jahre.“
„Und habt Ihr einen Arzt hier?“
„Ja -- einen, wovor Einen Gott bewahren soll -- einen Blutegel, der Alles mit Schröpfköpfen und Aderlassen curirt, und wenn sich Einer über Halsschmerzen beklagt, zieht er ihm einen Zahn aus und sagt: das hilft.“
„Und seid Ihr bereit, das, was Ihr mir gesagt, in Gegenwart des Assessors zu wiederholen?“ frug der junge Mann, von seinem Sitz aufspringend. Der Alte zögerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich aber sagte er:
„Wenn’s die Falleri frei macht, und wenn’s sein muß -- ja in Gottes Namen -- den Hals können sie mir nicht abschneiden, und ich muß mit _der_ Geschichte ins Reine kommen; die andern will ich schon selber vor’m lieben Gott verantworten, denn ich bin eigentlich nie ein böser Mensch gewesen, wenn sie mich auch manchmal gern dazu gemacht hätten.“
Der Soldat hatte schon lange seine Mütze aufgegriffen, aber sich noch einmal in dem wirklich trostlos öden Gemach umschauend, sagte er:
„Wie ich sehe, fehlt es Euch hier an jeder Bequemlichkeit -- es ist möglich, daß Ihr uns einen großen Dienst geleistet habt; daß wir dadurch auf die Spur einer bis dahin verloren Geglaubten kommen, und ich -- möchte nicht, daß es Euch bis dahin an etwas fehle. Ich werde mit dem Assessor heraus kommen, aber auch einen ordentlichen Arzt bringen, und hier -- ist indessen Geld, damit Ihr Euch anschaffen könnt, was ihr gerade nothwendig braucht.“
„Du lieber Gott“, sagte Brenner ordentlich erschreckt, als ihm der Fremde zwei Goldstücke auf das Bett warf -- „das ist zu viel, das -- das kann ich gar nicht mehr durchbringen.“ -- Ehe er ihm aber nur ordentlich danken konnte, war der junge Mann schon zum Zimmer hinaus und auf seinem Weg zum Gasthof, wo er die indessen langsam vorangegangene alte Dame noch einholte und mit ihr im eifrigen Gespräch auf- und abschritt, bis der Kutscher wieder eingespannt hatte, und jetzt im scharfen Trab der Stadt zufuhr.
Neuntes Kapitel.
Der Besuch im Zuchthaus.
Der junge Offizier schien auch wirklich nicht viel Zeit versäumt zu haben, denn noch am nämlichen Abend, lange vor Dunkelwerden, rasselte eine Extrapost durch Osterhagen durch, hielt sich aber gar nicht am Gasthof auf, obgleich der Postillon einen sehnsüchtigen Blick hinüber warf, sondern passirte im scharfen Trabe das Dorf und hielt erst vor dem Gemeinde-Armenhaus, sehr zum Erstaunen der Dorfbewohner und Insassen des Hauses selber -- nur nicht des alten Brenner, der recht gut wußte, was das zu bedeuten habe.
In dem Fond des Wagens saß der Medizinalrath aus der Stadt mit dem alten Assessor Buntenfeld, auf dem Rücksitz ein junger Beamter mit einem Stoß Papier und seinem Schreibzeug in der Tasche, und der Offizier.
Wie der Wagen hielt, wollte die alte Frau Kunze die Honneurs machen, wurde aber gleich bei Seite geschoben und beordert, die Herren nicht zu stören, die sich dann auch ohne Weiteres in das Zimmer des Kranken begaben.
Der Arzt, der ihn vor allen Dingen untersuchte, schüttelte allerdings mit dem Kopf und meinte: der Kranke sei falsch behandelt worden, denn Schröpfköpfe würden ihm allerdings wenig helfen, da er an einem schon sehr vorgeschrittenen Magenkrebs leide. Brenner aber lachte bitter vor sich hin und sagte:
„Falsch bin ich nicht behandelt worden, Herr Doctor, mein ganzes Leben lang, aber _schlecht_; das war der Fehler -- Den Taschenkrebs habe ich schon von Jugend auf gehabt, und daß sich der endlich in den Magen gefressen hat, ist eben kein großes Wunder -- das Quartier stand gewöhnlich leer. Aber desto besser, wenn’s zu Ende geht, so hört die Schinderei doch einmal auf, denn ich hab’s gerade lange genug ertragen.“
„Und Ihr habt mir etwas mitzutheilen, Brenner?“ frug der Assessor, der die Zeit nicht gern versäumen wollte. „Können wir damit beginnen?“
„Setzen Sie sich dahin, Herr Assessor“, sagte der Alte; „einen Tisch haben wir hier freilich nicht -- in der Küche steht nur einer, doch den bringen wir nicht durch die Thür -- der Herr Aktuar muß auf den Knien schreiben -- ich werde auch nicht weitläufig sein, denn was mein früheres Leben betrifft, so geht das Niemanden mehr etwas an.“
„Und Ihr wollt die Wahrheit sprechen?“
„Mir ist jetzt nicht mehr wie Lügen zu Muthe, Herr Assessor -- setzen Sie sich nur, Sie sollen die ganze Geschichte hören, und der Herr Doctor mag als Zeuge dabei bleiben, damit Sie’s genau wissen und die arme Falleri wieder frei kommt.“
Der Actuar hatte sich bald einen Platz zum Schreiben hergerichtet, und das eigentliche Verhör begann jetzt. Der Assessor brauchte aber kaum eine Frage zu thun, denn der Alte, der schon genau zu wissen schien, welche Punkte er hervorheben mußte, hielt sich nur eine Weile bei der Art und Weise auf, _wie_ das Kind hier in Osterhagen behandelt sei -- gewissermaßen um sich selber zu rechtfertigen, daß er es eine Zeit lang für möglich gehalten, sie _könne_ es gethan haben, und ging dann auf die Umstände jenes Abends über, die er mit klaren einfachen Worten schilderte und nur zum Schluß hervorhob, daß, _wenn_ die Falleri wirklich dieselbe Absicht gehabt habe -- was er aber vor Gott nicht glaube -- so könne _ihr_ Feuer gar nicht angegangen, sondern müsse wieder verlöscht sein. _Er_ aber sei seiner Sache gewiß -- er wäre nicht eher fortgegangen, bis er im Stroh die helle Flamme gesehen habe, und die hätte denn auch nicht lange auf sich warten lassen, weiter zu fressen, denn er sei kaum wieder in sein Fenster geklettert und habe sich aufs Bett geworfen, als der Lärm schon losgegangen wäre.
Der alte Assessor sprach wenig hinein -- unterwegs schon hatte ihm der Fremde die Vermuthungen mitgetheilt, die er über die früheren Schicksale von Valerie’s Mutter und deren Abstammung hege, und die erst zur Gewißheit werden konnten, wenn man das unglückliche, junge Mädchen selber sprach und den Schmuck sehen konnte, den sie noch von ihrer Mutter bewahrte. Noch hatte man allerdings keine Gewißheit, wenn auch starke Gründe zu der Vermuthung, denn Valerie war allerdings der Name der Verschollenen gewesen, und Edmund der Vorname ihres Gatten; der aber dort unter dem spitzen Stein begraben lag, wäre der Vater der Verstorbenen gewesen, an dessen Grabe diese so oft gesessen.
Der Kranke hatte durch die lange Erzählung aber seine Kräfte vollständig erschöpft, und der Arzt rieth ihm jetzt Ruhe an, versprach ihm auch, da der Fremde für alle Kosten einstand, sowie sie nach der Stadt zurückgekehrt wären, die nöthigen Arzneien und Stärkungen wie auch eine zuverlässige Person heraus zu senden, die ihn pflegen solle. Transportirt konnte er natürlich in dem Zustand nicht werden, und man mußte abwarten, wie sich die Krankheit entwickelte.
In Osterhagen steckten die Leute allerdings die Köpfe zusammen, was da vorgefallen sein könne, und weshalb eine Extrapost vor dem Gemeinde-Armenhause und nicht vor der Thür des neuen Schulzen oder wenigstens vor dem „Gasthof“ gehalten habe. Die Frau Kunzen wurde auch von verschiedenen Nachbarinnen auf das Schärfste inquirirt, wußte aber leider gar nichts anzugeben, als daß die fremden Herren bei dem Brenner drin gewesen und lange mit ihm gesprochen hätten. Allerdings gestand sie den Versuch ein, „etwas Bestimmteres“ zu erhorchen; so oft sie aber der Thüre nur nahe kam, öffnete der Offizier dieselbe und sah heraus, und sie mußte dann jedesmal wieder in die Küche fahren.
Uebrigens wurde die Aufmerksamkeit der Bewohner von Osterhagen an dem Tage sehr getheilt, denn noch spät gegen Abend traf ein anderer Fremder ein, der von der Frau des verstorbenen Schulzen eine ziemlich bedeutende Summe forderte und fällige Wechsel dafür in Händen hielt. Natürlich hatte sie nicht bezahlen können und der Fremde dann erklärt, daß er sie verklagen und das Gut verkaufen lassen würde. Wie ein Lauffeuer ging auch das Gerücht durch das Dorf: „der Schulzenhof,“ wie das Gut immer noch hieß, „käme unter den Hammer“ -- aber bedauert wurde die Frau deshalb von Niemand. Sie hatte sich zu wenig Freunde dafür gemacht.
Indessen bereitete sich aber in der Stadt eine andere Scene vor, denn vor Aufregung zitternd, hatte die alte Dame, die in Begleitung des Offiziers den Kirchhof zu Osterhagen besucht, die Rückkehr der kleinen Expedition erwartet. Für diesen Abend war freilich nichts weiter zu thun, denn wenn auch das Zuchthaus selber unmittelbar an der Stadt lag, war der Tag doch schon zu weit vorgerückt, um heute noch Schritte zu einer weiteren Untersuchung thun zu können. Der nächste Morgen mußte abgewartet werden; dann aber versprach auch der alte Assessor, der jetzt selber anfing sich für die Sache zu interessiren, mit ihr hinauf zu fahren und die Erledigung der Angelegenheit so viel als irgend möglich zu beeilen -- es verstand sich von selbst, daß sie dann noch immer langsam genug vorwärts ging.
Vor allen Dingen war es dort nöthig, als sie etwa um zehn Uhr das unheimliche Gebäude erreichten, das goldene Kreuz und den Ring zu sehen, den die Gefangene trug, oder wenigstens getragen hatte, denn des Assessors Vermuthung bestätigte sich: er war ihr, als sie eingekleidet wurde, abgenommen worden.
Hier aber ward die Vermuthung zur Gewißheit. Ein ganz ähnliches Kreuz trug die Dame selber an ihrem Hals, denn für drei Geschwister waren damals solche Kreuze angefertigt worden, und zwar eines mit dem Buchstaben ~V.~, eines mit ~M.~ und eines mit ~L.~ Die verlorene oder spurlos verschwundene Schwester hieß Valerie, und der Trauring trug außerdem das Datum und die Jahreszahl ihrer Verheirathung mit dem Gatten.
„Und was hat die Gefangene gesagt, als ihr die beiden Dinge abgenommen wurden?“ frug der alte Assessor, den diese Sache besonders zu interessiren schien.
„Lieber Gott, was wollte sie machen,“ erwiderte achselzuckend der Schließer, der die Gegenstände gerade vom Herrn Director heruntergeholt hatte, „widersetzen durfte sie sich doch nicht, und anfangs war es freilich, als ob sie sie nicht hergeben wollte; aber auf einmal stand sie ganz still, nahm das schwarze Band ab, das ihr um den Hals hing, küßte das Kreuzchen und den Ring, und legte beides dann, ohne ein Wort weiter zu sagen, oder eine Thräne darum zu vergießen, auf den Tisch. -- Derlei Leute machen sich aus so was nicht viel.“
„Und wie hat sich die Gefangene bis jetzt betragen?“
„Gegen ihr Betragen läßt sich nichts einwenden,“ meinte der Mann, „sie ist die Beste von Allen, und die Stillste und Fleißigste -- der Herr Director sind auch sehr mit ihr zufrieden.“
Der „Herr Director“ kam jetzt selber und schien es nicht besonders gerne zu sehen, daß man eine von „seinen“ Gefangenen sprechen wolle, konnte es aber auch nicht gut einem Criminalbeamten, der noch dazu im speciellen Auftrag der obersten Justizbehörde in --* kam, abschlagen, und gab den Befehl, die Gefangene von ihrer Arbeit abzurufen und hierher zu bringen.
In dem kleinen Empfangszimmer, das aber ebenfalls mit starken, eisernen Stäben versehen war, saß die alte Dame, neben ihr und sie unterstützend stand der Offizier, und vor ihnen, um die ganze Verhandlung zu leiten, der alte Assessor.
Als das junge Mädchen das Zimmer betrat, blieb sie, wahrscheinlich einen weiteren Befehl erwartend, mit niedergeschlagenen Augen an der Thür stehen. Sie sah nicht allein bleich aus, sondern hatte besonders jene ungesunde, fahle Gesichtsfarbe, die, von der dumpfen Kerkerluft herrührend, den Gefangenen eigen ist.
Der Director hatte sein Buch neben sich liegen, in dem er den Namen nachsah, den die Gefangene früher geführt hatte.
„Edmunden,“ sagte er, „komm näher; hier ist ein Herr, der ein paar Fragen an Dich richten will.“
Das Mädchen gehorchte dem Befehl, ohne aber noch aufzusehen; fast wie mechanisch bewegte sie sich einige Schritte vor und blieb dann wieder stehen, um das Weitere zu erwarten.
„Kennst Du mich noch, Valerie?“ sagte da der alte Assessor freundlich.
Das junge Mädchen, das den Beamten jedenfalls an der Stimme erkannt haben mußte, denn sie hob den Blick nicht, sagte leise:
„Ja.“
„Ich habe Dir einen Auftrag auszurichten,“ fuhr der Assessor fort, „einen Gruß von einem alten Bekannten, vom alten Brenner aus dem Gemeinde-Armenhaus zu Osterhagen.“
Eine leichte Röthe zuckte über Valerie’s Gesicht, das aber weiter keine Bewegung verrieth; auch diese etwas dunklere Färbung verschwand bald wieder und sie erwiderte nur leise:
„Ich danke Ihnen vielmals.“
„Hm,“ meinte der Assessor, der erwartet haben mochte, daß sie ihn nach dem Alten weiter fragen würde; „Du scheinst Dich für Osterhagen nicht mehr besonders zu interessiren. Der Alte ist aber recht krank -- er liegt am Sterben und hat mich neulich rufen lassen und mir etwas vertraut.“
Die Gefangene hörte jedenfalls die Worte, schien aber nicht den geringsten Antheil daran zu nehmen. Sie nickte nur schweigend mit dem Kopf und erwartete, was ihr weiter gesagt werden würde. Was lag auch daran, wenn ein Mensch krank wurde und starb -- Der hatte es überstanden und wurde in die stille Erde gelegt. Wie oft hatte sie sich selber schon danach gesehnt! Der Assessor kam aber dadurch, während die alte Dame das junge Mädchen mit steigender Spannung betrachtete, etwas außer Fassung und mußte wieder ganz von vorn anfangen.
„Ja, mein Kind, dem alten Brenner geht’s recht schlecht,“ sagte er, „und, wie er glaubt, auch wohl mit ihm zu Ende. Da hat er denn vor seinem Tode noch ein Bekenntniß abgelegt, das Dich auch mit betrifft und nahe angeht.“
„Mich?“ sagte Valerie und hob zum ersten Mal das große, schwarze Auge empor. Als aber ihr Blick zugleich dabei auf die Dame fiel, senkte sie ihn wieder zu Boden, und glühende Röthe flog für einen Moment über ihre Züge. War es doch das erste Mal wieder seit ihrer Verhaftung, daß sie sich in Gegenwart einer Frau befand, die sie an das Bild ihrer eigenen Mutter aus früherer Zeit erinnerte. Warum führte man sie nur hierher? weshalb ließ man sie nicht in ihrer Zelle? Sie vergaß ganz, daß der Assessor zu ihr gesprochen und ihr gesagt hatte, der alte Brenner habe ein Geständniß gemacht, welches auch sie angehe und betreffe. Der Assessor aber, der wohl merkte, wie theilnahmlos die Gefangene seinen Bericht anhöre, fuhr fort:
„Er hat nämlich gestanden, daß nicht _Du_, sondern _er_ das Feuer in Osterhagen angelegt habe, und ich frage Dich jetzt, weshalb Du Dich damals als Thäterin eines Verbrechens angeklagt, das Du gar nicht begangen zu haben scheinst?“
„Der alte Brenner?“ frug aber plötzlich Valerie, und in dem Moment war jedes andere Bild aus ihrem Herzen verschwunden, und nur die Erinnerung an jenen Abend tauchte hell und klar darin auf. -- „Der alte Brenner hat den Schulzenhof angezündet? Der war ja krank und lag in seinem Bett.“
„Krank gestellt hat er sich, ja, aber er war vollkommen gesund und munter, und weil die Leute nicht wußten, daß er sich regen könnte, fiel auch kein Verdacht auf ihn. Man glaubte auch deshalb damals, daß Du die That begangen hättest, weil Du von des Schulzen Frau so schlecht behandelt worden.“
Der Assessor schwieg, weil er meinte, daß die Gefangene jetzt etwas darauf erwidern würde; aber er hatte sich abermals geirrt. Valerie entgegnete keine Silbe und nahm auch die Augen nicht mehr vom Boden empor.
„Beantworte mir die Frage, Kind,“ sagte da der Assessor endlich; „wie kommst Du dazu, daß Du Dich damals zu der That bekanntest? Ist es denn nicht besser, frei zu sein, als in einer solchen Anstalt eingesperrt zu bleiben?“
„Ich hab’ es gethan,“ flüsterte da Valerie leise -- „lassen Sie mich wieder fort zu meiner Arbeit -- der alte Brenner war es nicht.“
„Valerie!“ rief da plötzlich die Dame, die sich nicht mehr halten konnte, indem sie ihre Arme ausbreitete, auf das erschreckt zu ihr emporschauende Mädchen zuflog und sie mit wilder Heftigkeit umschlang -- „unglückliches Kind meiner verlorenen, armen Schwester -- o, sprich die Wahrheit -- sprich die Wahrheit -- _hast_ Du es gethan?“
Valerie duldete schweigend die Umarmung; sie war womöglich noch bleicher geworden als vorher, und stand wie in einem halben Traum. Seit ihrer Mutter Tode, die langen langen Jahre hindurch, hatte sie Niemand an das Herz gedrückt und geküßt -- Niemand sie liebend umfangen -- wachte sie denn oder träumte sie -- die fremde Frau hatte gesagt: Kind meiner verlorenen Schwester! War denn das -- --?
Leise wand sie sich aus ihrem Arme, drückte sie langsam von sich, und sie mit den großen, dunklen Augen anschauend, flüsterte sie:
„Sind Sie denn -- sind Sie denn die Schwester -- meiner Mutter?“
„Ja, Valerie -- ich bin es,“ rief die Fremde -- „ich bin Marie, Deiner seligen Mutter Schwester, Deine Tante. Oh sprich zu mir, Kind -- denke, daß mich die Angst um Dich verzehrt -- bist Du es gewesen?“
Valerie hatte, während die Frau sprach, die Augen von ihr gewendet und lauschte dabei wie auf ein fernes Geräusch. Ihr Antlitz verrieth dabei keine Bewegung als das des Staunens, der Ueberraschung. Da plötzlich, als jene schwieg, rief sie, alles Andere um sich her vergessend, aus:
„Das waren die nämlichen Laute, das war die Stimme meiner Mutter -- oh meine Mutter!“ und mit wilder Heftigkeit zu den Füßen ihrer Tante niederfallend, umschlang sie deren Knie, und _Thränen_ -- lindernde Thränen zum ersten Mal wieder seit langen, trostlosen Jahren entstürzten ihren Augen.
„Meine Valerie! Mein Kind,“ rief die Fremde bewegt, indem sie sich zu ihr niederbog. „Und _so_ muß ich Dich wieder finden -- oh sage mir nur, ob Du das Schreckliche gethan.“
„Nein, nein, nein, nein!“ schluchzte aber das Kind, noch immer ihr Antlitz in ihrem Kleid bergend; „nie, nie habe ich ein Unrecht gethan -- es war die erste Lüge, die über meine Lippen kam -- aber wo wollte ich hin? -- Alles stieß mich fort von sich -- Niemand, Niemand auf der weiten Erde hatte mich lieb, und ich -- wollte sterben.“
„Oh, Gott sei ewig Lob und Dank!“ rief da unter Freudenthränen die fremde Dame, und neben Valerie zu Boden kniend, umschlang sie das zitternde Mädchen mit ihren Armen und küßte wieder und wieder ihr Haupt. Der alte Assessor aber nahm, ganz in Gedanken, eine Priese nach der anderen, und der Director sagte:
„Hm, das ist ja eine ganz wunderbare, höchst merkwürdige Geschichte und bedarf doch wohl noch einiger Aufklärung.“ Assessor Buntenfeld aber ging auf ihn zu, nahm ihn unter dem Arm und führte ihn ans Fenster, wo er lange und angelegentlich mit ihm sprach, so daß der alte Herr fortwährend vor Verwunderung dazu mit dem Kopf schüttelte. Eigentlich hatte der Assessor aber nur den Beiden Zeit geben wollen, sich wieder zu sammeln, und als er sich auf’s Neue nach ihnen umdrehte, saß die alte Dame auf dem Stuhl, den ihr der Neffe hingerückt, und hielt die neben ihr knieende Valerie fest und innig an sich gepreßt.