Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 6

Chapter 63,516 wordsPublic domain

Dem alten Brenner schien das Resultat freilich nicht recht, und er ging von der Zeit an noch viel mürrischer im Dorf umher als vorher. Auch daß der Schulze seinen Hof noch viel schöner aufbaute als früher, ärgerte ihn, und es zuckte ihm stets in Fingern und Armen, wenn er der hochnasigen Schulzin begegnete, die ihn noch dazu nicht einmal eines Blicks würdigte. Aber was half _ihm_ sein Ingrimm? Er mußte ihn eben hinunterschlucken, und durfte sich noch nicht einmal etwas merken lassen.

Die „Falleri“ war verschollen und im Zuchthaus begraben.

So mochten fast zwei Jahre vergangen sein, als eines Tages eine stattliche Equipage in Osterhagen vor dem Wirthshaus hielt und ein junger Offizier aus dem Wagen sprang. Er hielt sich aber gar nicht im Wirthshaus auf, sondern befahl seinem Kutscher, nur auszuspannen, erkundigte sich dann bei einem der Knechte, in welcher Richtung etwa der Kirchhof liege, und schritt dann, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, der bezeichneten Gegend zu.

Allerdings interessirte sich die Dorfjugend außerordentlich für ihn, und eine Anzahl der Jungen folgte dem schmucken Husaren auch in achtvoller Entfernung bis zur Kirchhofsthür, da er aber dort gar kein Ende machte und immer nur hin und her wanderte, bekamen sie es zuletzt auch satt. Es war überhaupt Mittagszeit geworden, und sie mußten nach Hause. Sie bekamen den fremden Husaren auch schon wieder zu sehen, wenn er zu seinem Wagen zurückkehrte.

Der kam aber lange nicht; wohl zwei volle Stunden stieg er zwischen den arg verwilderten Gräbern herum, und es war augenscheinlich, daß er irgend ein bestimmtes Grab suchte, aber nicht finden konnte. Endlich gab er es auf und wandte sich dem nächsten Hause zu, um dort jedenfalls Erkundigungen einzuziehen.

Das war das Gemeinde-Haus, und Brenner saß gerade unter einem vor drei Jahren dort selber angepflanzten Hollunderbusch vor der Thür und rauchte aus einem entsetzlich schmutzigen und abgegriffenen Maserkopf seinen „Knaster“. Er sah auch den Offizier auf sich zukommen und wunderte sich, was den in aller Welt hierhergeführt haben könne, rührte sich aber nicht von seiner Stelle und qualmte nur in Gedanken stärker als vorher.

Der junge Mann kam heran, und als er den Bänkelsänger erblickte, redete er ihn an:

„Sagen Sie einmal, lieber Freund, sind Sie hier im Ort seit längerer Zeit bekannt?“

„Sollte denken,“ nickte der Alte, „ich bin hier geboren und jetzt schon eine hübsche Reihe von Jahren in dem Palast da einquartiert.“

„Wohnt der Todtengräber weit von hier?“ frug der Soldat hierauf.

„Weit? Lieber Gott, weit ist hier eigentlich gar nichts,“ lachte Brenner, „denn wenn Sie weit gehen, kommen Sie aus Sicht vom Dorf. Gleich dort neben der Kirche, wo Sie den stumpfen Thurm sehen -- er ist auch zugleich Küster, Nachtwächter und Büttel. Aber was wollen Sie von ihm?“

„Es ist mir ein Grab bezeichnet worden,“ erwiderte der junge Offizier, „das ich gern auffinden möchte, aber ich habe mir vergebene Mühe gemacht, danach zu suchen. Wie alt ist Ihr Todtengräber?“

„Oh, nicht alt, noch ein junger Bursche von einigen dreißig Jahren,“ sagte Brenner, „auch erst seit ein paar Jahren hier im Dienste, und sein erstes Geschäft war, den alten einzuscharren.“

„Dann wird er mir auch keine Auskunft geben können,“ seufzte der Offizier, „denn das Grab, das ich suche, muß schon weit über vierzig Jahre gegraben sein.“

„Das ist freilich lange her -- und welche Inschrift trägt es? Wenn Sie nur den Namen wissen, finden wir es doch vielleicht noch nach dem Kirchenbuch.“

„Es trägt gar keinen Namen,“ lautete die Antwort, „und das einzige Erkennungszeichen, das mir angegeben wurde, sollte sein, daß zu Häupten desselben ein kleiner spitzer Stein stände, mit einem bestimmten Zeichen eingemeißelt.“

„Hm,“ nickte der Alte, „da brauchen Sie am Ende den Todtengräber und das Kirchenbuch nicht, denn einen solchen Stein weiß ich und hab’ mich schon manchmal gewundert, wer den wohl zum Leichenstein gesetzt haben könnte.“

„Und wo steht der?“ rief der Fremde rasch; „ich würde Ihnen _sehr_ dankbar sein, wenn Sie mich begleiten wollten.“

„Ja, wenn Sie nicht zu rasch laufen,“ sagte Brenner, sich mühsam von seinem Sitz erhebend, „so humple ich mit Ihnen hinüber, aber schnell geht’s freilich nicht mehr. Die Knochen werden alt.“

„Ich habe reichlich Zeit; wir können so langsam gehen, wie Sie wollen.“

„Na, denn man zu,“ nickte Brenner, „weit haben wir ja überdies nicht, denn wir sind hier im Gemeinde-Haus hübsch bequem neben dem Kirchhof einquartiert, damit wir später nicht zu viel Fuhrlohn kosten.“

„Dies ist das Gemeinde-Armenhaus?“

„Ja, und hier sehen Sie einen seiner glücklichen Bewohner.“

„Sie haben auch früher gedient?“

„Sollte denken,“ nickte der Alte, während er neben dem Offizier herhinkte, „auch anno 13 und 15 mitgemacht -- aber jetzt geht’s zu Ende. Na Du lieber Gott, ich darf mich nicht beklagen; ich habe schon manchen Jüngeren hier vorbeifahren sehen, und bin doch noch immer die ganze Zeit über Wasser geblieben. Lange wird’s freilich nicht mehr dauern, daß ich da drüben mein Quartier beziehe.“

Die Beiden schritten von da an schweigend und Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt die kurze Strecke hinüber, die sie noch vom Kirchhof trennte, und als sie diesen jetzt erreichten, sah sich Brenner erst eine Weile um, als ob er selber nicht mehr ganz sicher sei, wo er das bezeichnete Grab suchen solle, und stieg dann vorsichtig und mit augenscheinlicher Beschwerde über die Gräber weg, quer durch den Gottesacker hin, bis fast zur anderen Ecke.

Dort war lange Niemand mehr beerdigt worden, und der Platz lag arg verwildert und von hohem Gras und Buschwerk überwachsen; es wurde auch selbst dem alten Manne schwer, sich hier zu orientiren, und er bedurfte einiger Zeit, bis er nur genau die Gegend angeben konnte. Dann aber unterstützte ihn der junge Fremde in seinem Suchen, und den Säbel aus der Scheide ziehend, schob er damit das lange Gras zurück, bis plötzlich der alte Bänkelsänger rief:

„Halt! da ist er -- Sie stehen gerade davor. Wie das Unkraut hier in den letzten Jahren aufgeschossen ist! Früher führte ein ordentlicher Weg zu der Stelle.“

„Welcher Platz?“ fragte der junge Offizier, sich vergebens nach dem bezeichneten Stein umsehend.

„Da, dicht vor Ihnen, Sie treten ja fast auf den Stein.“

„Der? Ja mein Gott, den hätte ich im Leben nicht allein gefunden, denn ich hatte ihn mir nach der Beschreibung viel größer gedacht. Aber ist das auch der rechte?“

„Einen anderen spitzen Stein giebt’s auf dem ganzen Kirchhofe nicht mehr,“ erwiderte Brenner; „nicht einmal viel viereckige, denn die Bauern setzen immer nur ein hölzernes Kreuz mit einem Regendach darauf, daß der liebe Gott die Inschrift von oben gar nicht lesen kann.“

„Das muß wirklich der Stein sein,“ rief aber auch jetzt der junge Fremde, der indessen mit dem Säbel das darüber gewachsene Moos abgekratzt hatte, so daß er die eingegrabenen Zeichen erkennen konnte. „Er soll früher zu einer Sonnenuhr gedient haben, und wurde nur damals, nach der Schlacht, als man den Erschossenen hier eingegraben, als vorläufiges Zeichen auf das Grab gesetzt. Die Familie zog aber fort aus Deutschland, und ich habe erst jetzt den Auftrag bekommen, das Grab aufzusuchen und später die Ueberreste des Verstorbenen in unsere Familiengruft zu schaffen.“

„Hm, so?“ sagte der Alte nachdenkend, „und leben noch Anverwandte von dem Todten in dieser Gegend?“

„Nein, außer unserer Familie keine mehr; sie zogen damals weit weg, und wir haben nie wieder von ihnen gehört. -- Weshalb?“

„Oh, ich meinte nur,“ nickte Brenner; „aber eine arme Frau, die jedoch einmal weit bessere Tage gesehen haben mußte, und jetzt dort drüben in der Ecke begraben liegt, hat, als sie noch lebte, oft Stunden lang bei diesem nämlichen Stein gesessen.“

„Eine Frau?“

„Ja, die mit zwei Kindern hierher zog, einem Knaben und einem Mädchen -- der Knabe starb bald und die Frau nachher auch.“

„Und wie hieß sie?“

„Sie nannte sich hier die Edmunden.“

„Der Name ist mir völlig fremd. Seit wann ist sie todt?“

„Oh, schon eine Reihe von Jahren; wir können nachher einmal an ihrem Grab vorbeigehen.“

„Und die besuchte _dieses_ Grab?“

„Es war ihr einziger Spaziergang viele Jahre lang.“

„Das ist sonderbar; vielleicht eine alte Dienerin des Hauses.“

„Na, so alt war sie gerade noch nicht, aber so was muß es jedenfalls gewesen sein, denn sie starb in großer Armuth, und das Mädchen kam nachher in’s Gemeinde-Haus.“

„Und steht ihr voller Name auf dem Grab?“

„Sicher; sie hat ein Kreuz bekommen so gut wie die Anderen. Was sie hinterließ, reichte gerade aus, um das zu bezahlen.“

„Es war jedenfalls eine der Dienerinnen, die mit seltener Treue an ihrer alten Herrschaft hing. Bitte, zeigt mir einmal das Grab, Freund, damit ich mir den Namen aufschreibe. Ich habe jetzt hier gefunden, was ich suchte, und werde nach einiger Zeit zurückkehren, um meinen Auftrag auszuführen. Kann man jetzt den Schulzen wohl im Ort treffen?“

„Wenn er gerade zu sprechen ist,“ meinte Brenner, „aber in letzter Zeit scheint er selten nüchtern zu werden; er säuft.“

„Das ist ja ein hübsches Orts-Oberhaupt,“ lachte der Offizier.

„Das weiß Gott,“ nickte Brenner, „und mir gefällt er ebenfalls, -- aber das hier ist das Grab, schon ein bischen eingesunken und verwachsen, aber lieber Himmel, wer sieht hier danach!“

Der Fremde mußte wieder seine Waffe zu Hülfe nehmen, um ein wahres Strauchwerk von aufgeschossenen Brennesseln zu entfernen, damit er nur den Namen lesen konnte. Aber es stand auch weiter nichts darauf, als: „Valerie Edmund, gestorben den .... .... 185.“ und als Nachsatz: „Sie ruhe in Gott.“

Der junge Offizier schüttelte mit dem Kopf; der Name war ihm fremd, und da nicht einmal ein Geburtsjahr oder ein Ort der Abstammung angegeben war, konnte er ihm auch weiter nichts helfen. Er schob die schon herausgeholte Brieftafel in die Tasche zurück und fragte:

„Leben denn noch Verwandte der Frau hier?“

„Nein,“ erwiderte Brenner, mit dem Kopf schüttelnd, denn die Frage war ihm unangenehm, „nicht hier; die Tochter ist -- fortgezogen.“

„Dann helfen mir auch meine Nachforschungen nichts -- also herzlichen Dank, lieber Freund, für die gegebene Auskunft; Sie wissen nicht, welchen großen Dienst Sie mir damit geleistet haben. Diese Kleinigkeit bitte ich Sie auch, für Ihre Mühe von mir anzunehmen. Wenn ich in einiger Zeit hierher zurückkehre, hoffe ich Sie wiederzusehen.“

Damit drückte er dem darüber auf’s äußerste Erstaunten zwei harte Thaler in die Hand und schritt dann rasch dem Dorf wieder zu, um dort den Schulzen aufzusuchen. Aber Brenner hatte Recht gehabt; den Schulzen fand er wohl, aber in einem vollkommen unzurechnungsfähigen Zustand. Er taumelte, mit den Knechten, der eigenen Frau und selbst dem Kettenhund zankend, auf dem Hof herum und schwatzte lauter Unsinn, so daß ihn der Fremde mußte stehen lassen und weggehen. Allerdings wollte die Schulzin gerne aus ihm herausbekommen, was ihn hergeführt; er hielt es aber nicht für der Mühe werth, ihr das weitläufig auseinander zu setzen, sondern ließ sie, von der wüsten Wirthschaft angeekelt, stehen und verließ, kaum eine Viertelstunde später, wieder mit seinem Wagen das Dorf.

Achtes Kapitel.

Das Bekenntniß.

Wieder mochten vier Monate nach den im letzten Kapitel beschriebenen Vorgängen verflossen sein, und wenn die Welt auch indessen ihren ruhigen ungestörten Gang fortzurollen schien, so hatte sich doch in Osterhagen Manches in der Zeit verändert, namentlich in des Schulzen Haus.

Der Schulze selber war nämlich plötzlich gestorben -- man sagte, an einem Herzschlag vom vielen Trinken, mit dem er die Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse betäuben wollte. Auch Anderes erzählte man sich im Dorfe; der Großknecht sollte es schon in letzter Zeit mit der Frau gehalten haben, und ein paar gute Freundinnen schüttelten immer sehr bedenklich mit dem Kopf, wenn die Rede auf den schnellen Tod des Mannes kam, und meinten auch wohl, man würde schon noch was erleben, und zwar die Heirath des früheren Knechtes mit der Wittwe -- aber der Knecht war eines Morgens spurlos verschwunden und kam nicht wieder, und die Frau wüthete so im Haus herum, daß es kein Mensch bei ihr aushalten konnte und neue Mägde keine Woche in der Wirthschaft bleiben wollten.

Wer sich nun wohl am meisten über den Verfall des ihm verhaßten Hauses gefreut haben würde, wäre der alte Bänkelsänger gewesen; aber mit dem ging es ebenfalls auf die Neige. Seine Gliederschmerzen hatte er allerdings seit jener Zeit nicht wieder bekommen, aber dafür peinigte ihn ein anderes Leiden, das einen viel ernsteren Charakter zu haben schien und ihn jetzt unbarmherzig an sein Lager fesselte. _Was_ es war, konnte der Bader allerdings nicht herausbekommen, aber Brenner behauptete, er sei ein Esel und wisse nicht einmal den Unterschied zwischen Leibschneiden und Wassersucht; er solle ihn nur ruhig sterben lassen, wenn seine Zeit gekommen wäre, weiter verlange er nichts. Verschriebene Blutegel und Schröpfköpfe wies er auch mit Entrüstung von sich und schwur, er bräche dem Bader den Hals, wenn er ihm mit einem seiner Blutmittel zu nahe käme.

Uebrigens hatte ihn sein früherer guter Humor ganz verlassen; dumpf vor sich hinbrütend lag er Tage lang auf seinem Bette, und es war sogar einmal, wo von der Kunzen der Name der „Falleri“ erwähnt worden, geschehen, daß er nach dem Geistlichen verlangte, weil er ihm etwas mitzutheilen hätte. Als dieser aber kam, mußte er seinen Entschluß geändert haben, denn er that, als ob er schliefe, und es war nichts aus ihm heraus zu bekommen.

Am andern Morgen war er noch unruhiger geworden. „Wenn ich die Falleri nur noch einmal sprechen könnte“, sagte er in einem fort, „nur noch einmal eine Viertelstunde, und der Herr Assessor würde es erlauben -- aber es geht nicht mehr, es geht nicht. Ich fühl’s, die alten Knochen wollen keinen Dienst mehr thun, und nicht einmal eins von meinen Liedern fällt mir mehr bei. Blos das eine -- das eine, und das bring’ ich nimmer aus dem Sinn.“

Er klagte über heftige Schmerzen im Magen und genoß auch nur sehr wenig, schien aber von einer merkwürdigen Unruhe geplagt zu sein, und machte oft den freilich immer vergeblichen Versuch, aufzustehen -- er brachte es nicht fertig.

In dieser Zeit kehrte der junge Offizier zurück, aber diesmal nicht allein, sondern in Begleitung einer älteren, sehr vornehm aussehenden Dame, die er Tante nannte. Beide zogen aber bei Niemandem Erkundigungen ein, sondern, wie nur der junge Mann die ältere Dame aus dem Wagen gehoben hatte, befahl er dem Kutscher, auszuspannen, reichte ihr dann seinen Arm und führte sie durch das Dorf direct dem Kirchhof zu.

Dort blieben sie eine ziemliche Weile. Eine Partie Dorfjungen war ihnen nachgelaufen, um sich die bunte Uniform des Husaren in der Nähe zu besehen, getraute sich aber nicht auf den Kirchhof selber, sondern blieb draußen an dem hölzernen Gitter stehen. Dort sahen sie, wie die Beiden zuerst nach der rechten Seite des Kirchhofs zwischen die alten Gräber gingen und die Dame mitten in das Gras und Unkraut hineinkniete. Dann stand sie wieder auf, und sie stiegen nach der anderen Seite hinüber, wo sie erst eine kleine Weile umhersuchten, und dann neben einem Grab eine ganze Zeit lang verweilten. Jetzt schritten sie wieder dem Eingang zu, und die Jugend lief, was sie laufen konnte, in das Dorf zurück, damit sie der Offizier nicht an der Kirchhofsthür erwischte.

Die beiden Fremden folgten ihnen aber nicht dorthin, sondern bogen gleich vor dem Kirchhof nach dem Gemeinde-Hause zu ab, das aber der Offizier allein betrat und nach dem alten Manne frug, der ihn damals auf den Kirchhof geführt. Die Dame verfolgte indessen langsam und allein den Weg in’s Dorf.

Die alte Frau Kunze, die aber auch, seit wir sie zum letzten Mal gesehen, ordentlich eingeschrumpft und vertrocknet schien, stand gerade in der Thür, als der Fremde das Haus betrat.

„Ja du lieber Gott“, sagte sie, auf seine Frage nach dem alten Mann, „da ist er, soviel steht fest, und fort kann er nicht mehr, aber schlecht ist’s ihm auch -- hundeschlecht, und reden thut er auch nicht mehr, schon die letzten zwei Tage. Er kann’s nicht mehr lange machen, und es wird wohl bald wieder eine Stube hier im Quartier frei werden.“

„Und kann ich ihn sehen?“

„Ja, warum nicht, aber es ist nicht mehr viel an ihm zu sehen; ein Häufchen Unglück, weiter nichts; wenn Sie herein kommen wollen, ich will’s ihm sagen, daß Jemand da ist, der ihn sprechen möchte?“

Brenner war nicht so eigen; er fühlte sich allerdings entsetzlich elend, aber er nahm trotzdem Besuche an, unterbrach es doch die furchtbare Monotonie seines Lebens und brachte ihn vielleicht für kurze Zeit auf andere Gedanken.

Der junge Offizier betrat übrigens kaum das Gemach, als er auch rasch den sehr verschlimmerten Zustand des Alten in seinen eingefallenen Wangen und hohlen Augen erkannte.

„Lieber Freund“, sagte er theilnehmend, „es thut mir wahrhaft leid, Sie so krank und matt zu finden, und ich will Sie nicht lange stören. Aber ich weiß auch Niemand weiter hier im Ort, um eine bestimmte Auskunft zu erlangen, und um die wollte ich Sie bitten.“

„Des Grabes wegen?“ sagte der Alte.

„Nein, der Tochter jener Frau wegen, die von hier fortgezogen sein soll“, lautete die Antwort. „Können Sie mir ihren genauen Namen und jetzigen Wohnort angeben?“

„Und weshalb?“ frug Brenner scheu und zurückhaltend.

„Es ist eine weitläufige Geschichte“, fuhr der Offizier fort, „die Sie wohl ermüden würde anzuhören; aber so viel kann ich Sie versichern, daß es dem jungen Mädchen keinenfalls zum Schaden gereichen soll; ja es ist möglich, daß wir durch sie auf die Spur eines lange verlorenen Theils unserer Familie kommen.“

„Durch die Falleri?“

„_Wie_ heißt sie?“

„Wie ihre Mutter -- Valerie, aber hier im Haus und im Dorf nannten sie sie nur die Falleri.“

„Und wo hält sie sich jetzt auf? -- wie geht es ihr?“

Der Alte war todtenbleich geworden, seine Lippen zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und er fiel auf sein Kissen zurück, wo er mehrere Minuten regungslos liegen blieb. Der junge Mann hatte ihn indeß besorgt betrachtet, wenn er sich auch die Aufregung des Kranken, bei der einfachen Frage, nicht erklären konnte. Dessen sonst so kräftige Natur siegte aber bald wieder, über die augenblickliche Schwäche des Körpers wenigstens; und sich mühsam aufrichtend sah er den jungen Fremden zuerst wie erstaunt an, als ob er sich nicht gleich besinnen könne, was ihn hierher geführt; doch kehrte die Erinnerung bald zurück und mit ihr das Gefühl seiner Schwäche, seines Leidens.

„Es geht mit mir zu Ende“, sagte er leise, „ich merk’ es wohl, es kann nicht mehr lange dauern, und vielleicht ist’s gut, daß Sie hierher gekommen sind. Ich habe den Geistlichen schon einmal rufen lassen, aber -- ich mag die Pfaffen nicht leiden; sie stecken voller Redensarten und Sprüche und beweisen Einem aus der Bibel, daß schwarz roth und roth gelb ist.“

„Aber Sie haben wahrscheinlich meine Frage nicht verstanden“, unterbrach ihn der Offizier, der natürlich glauben mußte, das Gefühl seiner Krankheit habe ihn alles Andere vergessen lassen; „ich wollte gern wissen, wo jenes junge Mädchen --“

„Ich weiß, was Sie fragen wollen“, winkte ihm der Alte mit der Hand, „und Sie sollen Antwort haben. Sie sitzt im Zuchthaus.“

„Im Zuchthaus?“ rief der Fremde, erschreckt von dem Kasten emporspringend, auf dem er neben dem Bett des Kranken gesessen -- „was um Gottes willen ist da vorgefallen?“

„Bleiben Sie auf Ihrem Platz“, winkte der alte Mann; „ich kann nicht laut reden -- Sie sollen Alles erfahren -- ich _muß_ Jemanden haben, dem ich es erzählen, dem ich mein Herz ausschütten kann, ehe ich sterbe, und ich glaube, es -- ist die höchste Zeit dazu.“

„Aber was, um Gottes willen, hat die Unglückliche verbrochen?“ rief der junge Offizier.

„Hören Sie zu -- Sie erfahren Alles zusammen“, sagte der Alte, „vielleicht -- läßt sich auch noch Alles wieder gut machen -- Vieles wenigstens, denn Alles doch nicht mehr. -- Also um mit dem Kind, der Falleri, zu beginnen: ihre Mutter, die eigentlich nicht recht hierher paßte und jedenfalls einmal früher vornehm und reich gewesen sein mußte, aber herunter gekommen und wahrscheinlich zu stolz war, das die vornehme Sippe merken zu lassen, zog hier ins Dorf und lebte von ihrer Hände Arbeit. Weshalb sie so oft auf den Kirchhof ging und das Grab mit dem spitzen Stein besuchte, weiß ich nicht; sie hat’s Niemandem erzählt, auch nichts über sich und ihre frühere Zeit. Da starb ihr Knabe, und von der Stunde an war sie ebenfalls reif. Sie starb und hinterließ nichts als ein paar Sachen, die verkauft werden mußten, um die Begräbnißkosten zu decken -- ein Leinentuch war darunter mit ein paar Buchstaben und einer Krone darüber.“

„Was für Buchstaben?“ rief der junge Mann rasch.

„Wer hat sich darum gekümmert“, seufzte der Alte -- „ich dächte, ich hätte einmal gehört, es wäre ein ~F.~ dabei gewesen, aber ich weiß es nicht mehr. Das einzige Erinnerungszeichen an die Zeit trägt die Falleri noch um den Hals -- ein Kreuzchen und den Trauring ihrer Mutter selig.“

„Ist das gewiß?“

„Wenn sie ihn ihr nicht im Zuchthaus weggenommen haben“, nickte Brenner -- „aber lassen Sie mich reden, oder ich komme nicht zu Ende. Die Falleri kam ins Gemeinde-Armenhaus. Armes Kind! Sie war hier wie verrathen und verkauft, und hat eine böse Zeit mit durchgemacht -- aber nachher wurd’s noch schlimmer. Wie sie confirmirt worden, mußte sie natürlich in Dienst, und wie sie erst zu der Schulzin kam, hatte sie die Hölle auf Erden --“

„Armes, armes Kind!“

„Ja wohl, armes Kind! Ich mochte sie leiden und half ihr einmal aus der Verlegenheit, als sie ihr den Schmuck wegnehmen wollten, um ihr eine lappige Fahne zur Firmelung zu kaufen -- und wie dankbar war sie mir dafür!“

Er schwieg eine Weile still, um wieder Athem zu schöpfen, denn das Reden griff ihn an, und fuhr endlich, leiser als vorher, fort: