Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 5
Der Gefängnißwärter schüttelte mit dem Kopf. Er hatte in seinem langen Leben manche Erfahrung gesammelt und die Charaktere seiner zahllosen Gefangenen nicht ohne Erfolg studirt. Diese hier kam ihm aber nicht wie eine bösartige Verbrecherin vor, und trotzdem schien sie ganz in einander gebrochen und sah auch so merkwürdig bleich und elend aus. Aber was ging’s _ihn_ an; er that nur seine Pflicht, und sein Schlüsselbund aufgreifend, öffnete er der Gefangenen die schmale Thür und führte sie die Treppe hinab durch den Corridor zu dem Zimmer des schon seiner harrenden Assessors.
In dem Corridor saß des Schulzen Frau in all ihrem Staat, und neben ihr stand der Knecht vom Hof, der ebenfalls mit als Zeuge einberufen war, und als Valerie an ihr vorüber ging, rief sie aus:
„Oh, das schlechte, miserabliche Ding! -- sollte man es denn für möglich halten!“
„Wenn _Sie_ das Maul nicht halten“, sagte aber der alte Gefängnißwärter, der sich nach ihr umdrehte, „so werden Sie ebenfalls eingesteckt und kommen auf Numero Sicher. Hier hat Niemand zu reden, der nicht gefragt wird“.
Die Frau schwieg verdutzt still, denn so hatte noch Niemand mit ihr, der Schulzin aus Osterhagen, gesprochen. Valerie aber hörte entweder die Worte gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf. Sie schritt still an ihrer früheren Herrin, ohne auch nur den Blick vom Boden zu nehmen, vorüber und verschwand gleich darauf in der nächsten breiten Thür, die sich gleich darauf wieder hinter ihr schloß. Der Gefangenenwärter hatte nur hinein gerufen: „Die Edmund, Herr Assessor.“
Das regelrechte Verhör begann jetzt mit all seinen gewöhnlichen Formeln, und die erste Frage des Untersuchungsrichters lautete:
„Wie heißt Du?“
„Valerie Edmund.“
„Wie alt?“
„Bald sechzehn Jahre.“
„Wo bist Du geboren?“
„Ich weiß es nicht“, sagte leise Valerie.
„Du weißt es nicht?“
„Nein.“
„Wer waren Deine Aeltern?“
„Ich weiß es nicht“, wiederholte das Kind noch leiser als vorher, und man sah es ihr an, welchen Kampf es ihr kostete, diese Fragen ruhig zu beantworten.
„Das weißt Du auch nicht?“ wiederholte der alte Assessor erstaunt. „Hm, Kind, das ist doch wunderbar. Hast Du denn Deinen Vater und Deine Mutter nicht gekannt?“
„Meine Mutter, ja; sie starb vor langen Jahren in Osterhagen -- auch meinen Vater habe ich wohl gesehen, aber ich war damals noch ein kleines Kind, und später sagte meine Mutter, daß er todt und begraben wäre in einem weiten fernen Land -- weit von Osterhagen.“
„Und als sie starb?“
„Dann kam ich in das Gemeinde-Armenhaus im Dorf, und nachher in Dienst.“
„Und Du leugnest, etwas von der Ursache des gestrigen Brandes zu wissen?“
„Nein“, sagte das junge Mädchen, mit kaum hörbarer Stimme aber doch deutlich und bestimmt -- „ich leugne es nicht mehr; ich habe es gethan!“
„Du hast es gethan, Unglückliche!“ rief der alte Assessor ordentlich erschreckt -- „und was brachte Dich zu der furchtbaren That?“
„Fragen Sie mich nichts weiter“, sagte das arme Mädchen -- „ich habe das Feuer angelegt, und wie ich höre, sind zwei Menschen dabei umgekommen, deshalb muß ich auch das Leben verlieren.“
„Und woher weißt Du, daß zwei Menschen dabei umgekommen sind?“
„Heute Morgen sprachen sie auf dem Gang vor meiner Kammer davon. Irgend Jemand erzählte es einem Andern, und ich hörte es -- ich muß jetzt auch sterben und dann komme ich wieder zu meiner Mutter.“
„Aber weshalb hast Du es gethan? Du mußt doch eine Ursache dafür gehabt, Du mußt doch auch gewußt haben, welche furchtbaren Folgen es haben konnte.“
„Der alte Mann im Gemeinde-Hause, der alte Brenner“, flüsterte das Mädchen, „hat mir einmal gesagt, daß man nicht alle Fragen zu beantworten brauche, die Einem das Gericht stellt. Der weiß das, denn sie haben ihn auch schon gefangen gehabt.“
„So? Ei sieh mal an, und wer ist das?“
„Nun der alte Brenner; er zog früher mit einem Leierkasten herum -- jetzt ist er alt und schwach und kann nichts mehr verdienen.“
„Und Der hat Dir solche Rathschläge gegeben!“ nickte der Assessor; „da bist Du freilich in einer guten Schule gewesen.“
Valerie schwieg.
„Und Du weigerst dich, mir zu antworten, wenn ich Dich frage, was Dich dazu gebracht hat, das Feuer anzulegen?“
„Ja.“
Der Assessor sah eine Weile still vor sich nieder, dann klingelte er, und als der Gerichtsdiener eintrat, befahl er ihm, die Gefangene wieder in ihre Zelle abzuführen.
Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, rief sie der Assessor noch einmal und fragte:
„Woher hast Du denn die blutunterlaufenen Stellen im Gesicht? Bist Du gefallen?“
„Nein“, sagte Valerie, „die Schulzin hat mich geschlagen, weil sie behauptete, ich hätte ihr eine silberne Schnalle gestohlen.“
„Und hast Du das _nicht_ gethan?“
„Nein“, sagte das Mädchen, drehte sich ab und schritt zur Thür hinaus.
Das Verhör mit der Schulzin und ihrem Knecht dauerte nicht lange. Die Frau brachte allerdings eine Masse von Anklagen vor, aber der Untersuchungsrichter hatte zu viel mit derartigen Leuten zu thun gehabt, um nicht das Wahre daran ziemlich richtig herauszufühlen. Die Hauptsache war ja auch erledigt; die Verbrecherin hatte ihre Schuld gestanden, und der alte Beamte glaubte, die Ursache leicht in der rauhen Behandlung der vor ihm stehenden, bösartig genug aussehenden Bauersfrau zu finden. Das Mädchen hatte in deren Haus gewiß keine guten Tage gehabt, und in der Rachsucht für erlittene Mishandlung ließ sich das Motiv der That -- wenn diese darin auch keine Entschuldigung fand -- wohl erklären.
Uebrigens schlug die Schulzin vergnügt in die Hände, als ihr der Criminalbeamte mittheilte, daß die Gefangene ihre Schuld eingestanden habe, und schrie:
„Ich wußt’ es, ich wußt’ es -- kein Mensch weiter _konnte_ es gewesen sein wie der Balg, und wenn ich jetzt nur noch erlebe, daß sie die Brandstifterin an den Galgen hängen, denn das hat sie hundert Mal verdient!“
Die Untersuchung war aber damit nicht etwa geschlossen, denn der alte Assessor citirte nach und nach das ganze Hauspersonal der Schulzin, wie auch das von Baumstetter’s Hof vor Gericht, und deren Aussagen bestätigten allerdings seine schon früher gefaßte Vermuthung, daß die Waise nämlich kein ursprünglich böses, wenn auch sehr vernachlässigtes Kind gewesen und wohl nur durch rauhe Behandlung zu der verbrecherischen That, die nicht einmal eine vorbedachte genannt werden konnte, getrieben worden. Auch ihre Jugend kam dazu, um Milderungsgründe zur Geltung zu bringen.
In der nämlichen Zeit gab sich der Assessor die größte Mühe, um etwas Näheres über die Mutter der Gefangenen zu erfahren, aber alle darauf gewandte Mühe blieb umsonst, denn die unruhige Zeit, in welcher sie damals das Dorf aufgesucht, verwischte jede Spur. Er fuhr selbst nach Osterhagen hinüber und zog bei dem Schulzen genaue Erkundigungen ein, und hörte wohl, daß damals ein Leintuch mit dem Zeichen einer adelichen Herrschaft gefunden sei, wo es aber geblieben, wußte Niemand zu sagen. Es war damals mit verauctionirt worden, und auch auf die Buchstaben konnte sich Keiner mehr erinnern. Selbst der Schmuck, den Valerie noch von ihrer Mutter trug, und den er später untersuchte, gab keinen Anhaltepunkt; es war ein einfaches goldenes Kreuz mit dem Buchstaben ~V.~ darin, und der Trauring trug nur ein Datum und eine Jahreszahl.
In Osterhagen hatte es der Assessor aber auch nicht versäumt, das Gemeinde-Haus zu besuchen, wo er Brenner noch auf seinem Lager traf und sich natürlich mit ihm in ein längeres Gespräch einließ. Der alte Bursche aber, der bald genug den Polizeimann und Criminalbeamten in ihm erkannte -- denn er hatte mit derlei Herren wohl mehr Erfahrung gesammelt, als er gewöhnlich gern eingestand -- war anfangs ungemein scheu und zurückhaltend und beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen außerordentlich vorsichtig. Erst als der Assessor -- denn von Valerie’s Herkunft wußte er natürlich gar nichts -- das Gespräch auf den Schulzen und die Behandlung der Gefangenen dort im Hause brachte, wurde er warm, und entwarf jetzt eine so düstere Schilderung von den Leuten, daß der Beamte wohl merken mußte, es lauere auch viel eigener Haß in dem Bericht. Brenner behauptete auch dabei mit der größten Bestimmtheit, daß die „Falleri“ unschuldig an dem Brande sei -- sie wäre noch den Abend spät auf dem Gottesacker und dann bei ihm im Hause gewesen und nachher schnurstracks in die Stadt hinüber gegangen.
„Und woher wißt _Ihr_ das, Mann?“ frug der Assessor.
„Woher _ich_ das weiß?“ rief Brenner; „weil’s die Falleri gesagt hat, und die hat noch nie in ihrem Leben gelogen; eher bisse sie sich die Zunge ab.“
„So“, nickte der Beamte, „wenn Ihr das also selber bestätigt, so werdet Ihr auch wohl glauben müssen, daß die Edmund das Haus angezündet, denn sie hat es selber vor Gericht gestanden.“
„Den Teufel hat sie!“ schrie der alte Bänkelsänger und fuhr erschreckt in seinem Bett empor -- „aber das ist nicht möglich!“
„Nicht möglich? -- und weshalb nicht?“
„Hm“, knurrte der Alte, „möglich ist _Alles_ auf der Welt, selbst, daß ich noch einmal hunderttausend Thaler in der Lotterie gewönne, aber -- die Falleri hätte selber freiwillig gestanden, daß sie den Schulzenhof angezündet?“
„Das hat sie -- frei und unaufgefordert im ersten ordentlichen Verhör; denn nur als sie zuerst eingebracht wurde, wollte sie nichts davon hören. Aber das ist die alte Geschichte, und soviel werdet Ihr auch selber wissen, daß man, wenn eben aufgegriffen, nicht gleich in’s Blinde hinein gesteht. Man muß doch erst erfahren, wie der Hase läuft.“
Der Alte warf dem Assessor einen halb pfiffigen, halb lauernden Blick zu, aber die wirkliche Sorge um das junge Mädchen verdrängte doch rasch alle anderen Gedanken.
„Es ist nicht denkbar“, sagte er dann, mehr zu sich selber als zu dem Fremden redend und immer dabei mit dem Kopf schüttelnd, „gar nicht denkbar. Ja, Ursache genug hätte sie dazu gehabt, um auch zuletzt einen Hasen auf den Mann zu treiben, Ursache die langen Jahre hindurch, die sie’s ertragen und keinen Mucks dabei gethan, -- aber, -- es wäre doch _zu_ merkwürdig und -- ich glaub’s nicht.“ --
„Was wäre merkwürdig?“ frug der Assessor.
„Was merkwürdig wäre?“ wiederholte der alte Bänkelsänger, „nun, daß das Kind die Courage dazu gefaßt hätte, und dann noch dazu gleich von ihrer Mutter Grab weg, an der sie mit allen Gedanken hängt. Ich glaub’s nicht, und wenn der liebe Herrgott vom Himmel herunter käme und sagt’ es.“
„Aber habt Ihr denn irgend einen Verdacht auf Jemand Anderen?“
„_Ich?_“ frug der Alte erstaunt, „auf wen soll ich Verdacht haben? Ich liege hier seit acht Tagen krumm und kann keinen Fuß vor den andern setzen, was erfahre _ich_ von der Welt? Aber Feinde hat die Schulzin genug, und er auch -- hochnäsiges Bauernvolk, die vor Uebermuth nicht wissen, was sie treiben sollen. Alle Augenblicke wechseln sie auch das Gesinde; es hält’s Niemand lange bei ihnen aus, und warum kann’s nicht Einer von denen gethan haben? Warum muß es das Kind gewesen sein?“
„Aber sie würde es doch nicht selber eingestehen, wenn es nicht wahr wäre.“
„Merkwürdig, merkwürdig!“ wiederholte der alte Bursche wieder -- aber er schien müde zu werden. Ob ihm die Glieder weh thaten, oder ob er blos die Unterhaltung abbrechen wollte: aber er warf sich auf sein Kissen zurück und schloß die Augen, und da der Assessor ebenfalls kein weiteres Interesse hatte, in dem öden unbehaglichen Raum zu verweilen, stand er auf und verließ mit einem kurzen Gruß das Haus. Er wußte, daß er hier doch nichts weiter erfahren würde.
Drei Tage später war der alte Bänkelsänger wieder auf den Füßen und so weit hergestellt, daß er sogar den Gang in die Stadt zu Fuß antreten konnte, wenn er sich dazu auch noch eines Stockes bediente. Eigenthümlich blieb nur dabei, wie rüstig er ausschreiten konnte, wenn er sich streckenweise allein auf der Landstraße sah, und wie es ihm plötzlich wieder in den Gliedern zog, wenn ihm ein Wagen begegnete oder ihn überholte. Das hielt ihn auch sehr auf, denn er kam dann nur immer langsam von der Stelle, aber zuletzt erreichte er die Stadt doch und ließ sich dann ohne Weiteres bei dem Assessor melden, den er um eine Unterredung mit der „Falleri“ bat.
Der Assessor schien keine rechte Lust zu haben, ihm die zu gestatten, aber er war auch neugierig geworden, zu erfahren, welchen Einfluß der alte Bursche auf das Mädchen ausüben würde, und hatte ihn zugleich dabei im Verdacht, mehr von dem Brande selber zu wissen, als er für gut fand zu gestehen. Schaden konnte er überdies nicht mehr bringen; die That war von der jungen Verbrecherin ohne Zwang, ohne Zureden offen eingestanden und später wiederholt auf das Entschiedenste bestätigt worden -- möglich, daß gerade durch ihn mehr Licht in die immer noch dunkle Sache kam.
Der Alte humpelte mit einem ihn begleitenden Polizeidiener die Treppe hinauf, und der Gang schien ihm sauer zu werden. Auf einem Absatz blieb er halten, um sich zu verschnaufen, und schmunzelte dann leise vor sich hin:
„Es sieht ordentlich natürlich aus, daß ich hier in so anständiger Begleitung abgeführt werde.“
„Ist Euch auch wohl schon manchmal passirt, wie?“ lachte der Gerichtsdiener.
„Lieber Gott“, sagte der Alte, „menschliche Schicksale wechseln; einmal sind wir oben, einmal unten. Ich war auch schon einmal unten.“
„Dachte mir’s doch“, nickte der Mann, „Ihr seht mir auch gerade danach aus.“
„Sie scheinen mir Menschenkenner“, meinte der Bänkelsänger trocken; „aber ich denke, wir können jetzt eine Station weiter fahren. Wie geht’s denn der Falleri?“
„Wem?“
„Nun der Nummer so und so; ich weiß ja noch nicht, unter welcher Firma sie hier logirt.“
„Oh, der Edmund, Nummer elf -- gut geht’s ihr; es fehlt ihr nichts.“
„Freut mich zu hören“, nickte der Alte, „wäre aber das erste Mal in ihrem Leben, daß es ihr gut ginge -- und ein curioser Platz dazu. Aber da sind wir wohl -- Nummer elf. Wollen Sie mich dem Herrn Gefängnißwärter vorstellen?“
„Wird wohl nicht nöthig sein“, lachte der Mann über die Förmlichkeit des Alten; „hier, Brummer, der Mann da hat Erlaubniß, Nummer elf zu sprechen -- eine Viertelstunde.“
„Brummer heißt der Herr? Merkwürdig!“ nickte Brenner; „paßt aber gar nicht. _Er_ läßt ja gerade die Andern brummen und brummt nie mit.“
„Thut er nicht, du alter Schlaukopf?“ lächelte der Gefängnißwärter, der die Worte gehört hatte, „und brumme ich nicht etwa hier in dem verdammten Nest das ganze Jahr, Sonn- und Feiertage, während die Vögel ein- und wieder ausfliegen. Wer ist da eigentlich der Brummer, he?“
„Können Recht haben, verehrter Herr“, nickte der Alte, „habe eigentlich nie so tief darüber nachgedacht. Wenn Sie jetzt vielleicht so gefällig wären --“
„Mit Vergnügen“, nickte der Mann, „und auch wohl für längere Zeit, wenn’s sein müßte. Platz genug ist da.“
„Möchte Ihnen doch nicht gern beschwerlich fallen“, sagte der Bänkelsänger, während Herr Brummer die Riegel zurückschob und die Thür dann aufschloß.
„Hier Edmunden, da kommt Besuch“, sagte er dann, ließ Brenner eintreten und verriegelte die Thür wieder hinter ihm, ohne sie jetzt aber abzuschließen.
Valerie saß auf ihrer Pritsche, ein kleines Gebetbuch in der Hand, das man ihr auf ihre Bitten gegeben hatte -- es waren Witschel’s Morgen- und Abendopfer -- und ihre großen dunklen Augen hafteten auf den Zeilen, als sie das erste Klirren der Riegel hörte. Sie veränderte auch ihre Stellung nicht, als sich die Thür öffnete; der Schließer kam manchmal herein, um ihr Wasser oder Brot zu bringen, aber er sprach selten oder nie mit ihr. Sie erschrak jedoch, als sie das Wort _Besuch_ vernahm. Wer konnte _sie_ besuchen? Trotzdem färbten sich einen Augenblick ihre Wangen, als sie den alten Brenner erkannte, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:
„Wie mich das freut, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben.“
„Hm“, brummte der Alte in augenscheinlicher Verlegenheit, indem er einen scheuen flüchtigen Blick in dem Gemach umherwarf -- „vergessen, Falleri? Ich habe immer an Dich gedacht, Kind, Tag und Nacht, und hier -- kommt’s mir auch beinahe wieder so vor, als ob wir zusammen im Gemeinde-Haus säßen; die “Stube„ hier sieht genau so aus, wie die leeren Wände da drüben. Aber wir dürfen die Zeit nicht mit Redensarten vergeuden, denn ich habe nur eine Viertelstunde Erlaubniß und -- möchte eine Frage an Dich richten, Falleri.“
„Ja, Herr Brenner?“
„Du hast gestanden, daß Du das Feuer an jenem Abend angelegt?“
„Ja, Herr Brenner“, sagte Valerie leise.
„Aber Du hast’s nicht gethan, Mädel.“
„Doch, Herr Brenner“, lautete die bestimmte Antwort, „ich hab’s gethan und hab’s gestanden.“
„Es ist nicht wahr, Mädel“, fuhr der Alte aber jetzt mit unterdrückter Stimme fort, „Du _kannst’s_ nicht gethan haben, denn erstens liegt es nicht in Deiner Natur und dann -- bist Du’s auch nicht gewesen.“
„Doch, Herr Brenner, ich war’s“, wiederholte Valerie, jetzt wieder mit denselben bleichen Wangen wie vorher; „ich _habe_ es gethan und werde dafür meine Strafe erhalten. Hoffentlich lassen sie mich nicht lange warten“, setzte sie noch leiser hinzu.
„Aber Du bist doch erst bei uns draußen gewesen“, fuhr der Mann fort, der jetzt Beweisgründe gegen sie zu sammeln suchte, „Du warst vorher auf dem Kirchhof bei Deiner Mutter selig.“
„Ja, Herr Brenner, und nachher bin ich durch’s Dorf gegangen und habe das Feuer in die Scheune geworfen.“
„Aber zwei Stunden nachher ist’s erst ausgekommen.“
„Das ist möglich, es hat vielleicht so lange geglimmt, bis der Wind zu wehen anfing. Sie haben’s auch wohl nicht gleich gesehen.“
„Das ist gerade, um Einen verrückt zu machen“, brummte der Alte und schüttelte dabei immer, wie erstaunt, mit dem Kopf; „aber wenn’s wirklich wahr wäre“, fuhr er nach einer Weile wieder fort, „und ich glaub’s nicht und würd’ es selbst nicht glauben, wenn Dich Jemand dabei erwischt hätte -- weshalb hast Du’s da den Eseln auf die Nase gebunden? Wer hätt’ es Dir je beweisen wollen?“
„Und was sollt’ ich’s leugnen?“ sagte Valerie ruhig; „den Dienst bekam ich nicht mehr, nach Osterhagen konnt’ ich nicht zurück, fremd und allein steh’ ich in der Welt und habe ich immer gestanden, ich wäre doch zuletzt zu Grunde gegangen. Da ist’s besser, ich sprach gleich die Wahrheit und leide jetzt meine Strafe.“
Der alte Bänkelsänger hatte sich neben sie auf die Pritsche gesetzt und schüttelte in einem fort mit dem Kopfe.
„Ein merkwürdiges Zusammentreffen wär’s doch“, sagte er endlich, „ein heillos merkwürdiges.“
„Was, Herr Brenner?“
„Was? -- hm -- daß sie das Feuer nicht gleich entdeckt haben sollten, aber der Holzklotz von Nachtwächter schläft immer unter der Linde, und dahinten an die Scheune kommt auch eigentlich Niemand hin.“
„An welche Scheune.“
„Nun, hinter des Schulzen Haus, wo das Feuer auskam.“
„Ja“, nickte Valerie, deren Gedanken wo anders geweilt zu haben schienen, „ja, da kommt Niemand hin, es ist abgelegen.“
„Recht hätt’st Du gehabt, Mädel“, nickte der Alte noch einmal mit dem Kopf; „verdenken könnt’ es Dir Niemand, denn schlecht genug behandelt haben sie Dich, niederträchtig behandelt, und schlimmer als einen Hund, und der Wurm krümmt sich zuletzt, wenn er getreten wird -- aber das Maul hätt’st Du halten sollen, denn wer hätt’s Dir zuletzt beweisen wollen, he? Kein Mensch. Die Gerichtsbeamten thun allerdings immer schrecklich klug, gerade so, als ob sie Alles schon wüßten und nur aus lauter Plaisir noch weiter frügen, und dabei muß man sie lassen, nachher fahren sie selber den Karren in den Dreck, denn sie wissen gar nichts. Läßt man sich aber verblüffen dann haben sie Einen, wo sie ihn hin haben wollen, und man sitzt fest.“
„Ich habe Alles freiwillig gestanden, Herr Brenner.“
„Desto dümmer“, nickte der alte Mann, „denn dazu war gar keine Veranlassung; aber“, setzte er leise hinzu, „es läßt sich vielleicht noch gut machen. Wenn Du in’s nächste Verhör kommst, Falleri -- und am besten läßt Du Dich gleich morgen früh beim Assessor melden -- so sagst Du ihm nur, die ganze Geschichte sei nicht wahr.“
„Was ich schon gestanden habe?“
„Versteht sich, das macht nichts, das geschieht oft genug und gilt. Sag’ ihm nur, Du hättest den ersten Tag eine solche Heidenangst, so einen Respect vor dem Gericht und den Eisengittern gehabt, daß Du selber nicht mehr wüßtest, was Du Alles geschwatzt; Du sei’st es aber gar nicht gewesen und wärest keine Brandstifterin.“
„Und da sollten sie mir glauben?“ frug Valerie kopfschüttelnd.
„Ob sie Dir’s glauben oder nicht, bleibt sich ganz gleich“, sagte der Alte, „aber in’s Protokoll müssen sie’s schreiben, und dann kommt’s oben auf’s andere Gericht und stößt die ganze Geschichte um, was Du früher gesagt hast. Willst Du’s thun, Falleri?“
„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen ruhig, „was ich gesagt habe, hab’ ich gesagt; es ist geschehen und aufgeschrieben, und Gott wird weiter helfen.“
„Wenn ich nur so was nicht hören müßte“, brummte der Alte ärgerlich. „Wer sich selber hilft, dem hilft Gott, muß es heißen; selber mit anfassen muß man und nachher -- geht’s auch nicht immer, aber man versucht’s doch wenigstens. Versprich mir’s, Falleri; ich hätte sonst keine Ruhe und -- machte am Ende noch einen dummen Streich.“
Das junge Mädchen schüttelte ernst mit dem Kopfe, aber es blieb ihr keine Zeit zu einer weiteren Erwiederung, denn der Riegel wurde in diesem Augenblick wieder zurückgeschoben, der Gefängnißwärter sah herein und sagte:
„Nun, alter Schwede, Deine Zeit ist um; mach’ Dich auf die Socken.“
Der Bänkelsänger warf einen unschlüssigen Blick auf Valerie, aber er wußte recht gut, daß gegen _den_ Befehl keine Einrede half; der Mann that nur seine Pflicht, und wich auch von der nicht ab -- außer, er hätte vielleicht die Mittel besessen, ihn zu veranlassen, seine Uhr um zehn Minuten zurück zu stellen. Brenner befand sich aber gerade nicht bei Kasse, und deshalb seinen alten Hut aufgreifend, sagte er trocken:
„Was sein muß, muß sein, aber Falleri, überleg’ Dir die Sache und thu’s _mir_ zu Liebe.“
„Wer war’s denn, der bei dem Brand verunglückt ist?“ frug Valerie, während sie ihm die Hand zum Abschied reichte.
„Oh, weiter Niemand,“ sagte Brenner, obgleich ihm die Frage nicht angenehm zu sein schien, „als der Hans von Baumstetter’s und der Peter von des Schulzen Hof.“
„Die beiden Einzigen, die manchmal freundlich mit mir waren,“ nickte das junge Mädchen; „arme Menschen!“
„Wer kann’s ändern,“ rief der Alte, „heute mir, morgen Dir; es hat so sein sollen, und Du brauchst Dir deshalb keine Gewissensbisse zu machen.“
„Na wird’s bald?“ rief Brummer, in der Thür stehend; „glaubt Ihr, daß ich weiter nichts zu thun habe, als auf Euch zu passen?“
„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Brummer,“ lachte Brenner, „wenn Sie auf _mich_ passen müßten, hätten Sie gerade genug zu thun. Aber leb wohl, Falleri -- vergiß nicht, was ich Dir -- erzählt habe -- Du verstehst mich -- wenn ich die Erlaubniß kriege, komme ich noch einmal her zu Dir,“ und ihr kräftig die Hand schüttelnd, verließ er die Zelle wieder und humpelte die Treppe hinunter, an den verschiedenen Schildwachen vorüber, aus dem Haus.
Siebentes Kapitel.
Auf dem Kirchhofe.
Indessen schleppte sich, nach dem gewöhnlichen Geschäftsgang, die Untersuchung noch einige Monate hin, und das Urtheil gegen die junge Verbrecherin lautete endlich, unter Annahme mildernder Umstände, auf zehn Jahre Zuchthaus und weitere zwei Jahre polizeiliche Aufsicht.
Das Urtheil wurde bald in der Nachbarschaft bekannt, und die Leute schienen es meistentheils zu billigen. Nur des Schulzen Frau in Osterhagen war wüthend darüber und erklärte: es sei keine Gerechtigkeit mehr im Lande, wenn eine solche Verbrecherin, die zwei Todtschläge begangen, mit ein Paar Jahren Zuchthausstrafe abkäme; die müßte doch wenigstens gehangen werden. Das Gericht zog aber des Schulzen Frau zu Osterhagen nicht zu Rath, und da die Verurtheilte gegen die über sie verhängte Strafe nicht appellirte, wurde sie einige Tage später in die dafür bestimmte Anstalt abgeführt und auch weiter nicht mehr von der Sache gesprochen.