Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 3
„So?“ lachte der Bänkelsänger, „also mit alten Sachen wollen Sie die Falleri _neu_ kleiden. Na meinetwegen, wenn’s der Gemeinde recht ist, ich habe nichts dawider. Und bis wann muß das Geld da sein?“
„Spätestens bis morgen Abend, denn heute über acht Tage ist schon Grüner Donnerstag.“
„Alle Wetter“, lachte der Alte, „das ist kurzer Kredit; aber es kann nichts helfen; die Zeit ist wirklich nicht mehr lang, und die Tage fliegen nur so, wenn man alt wird.“
„Habt Ihr mich aber zum Besten gehabt, Brenner“, sagte der Schulze finster, „so nehmt Euch in Acht. Ihr steht so auf der Kreide, das kann ich Euch versichern. -- Und was wolltet Ihr denn eigentlich mit dem Stocke da, he?“
„Mit dem Stück Holz?“ frug der alte Bänkelsänger mit der unschuldigsten Miene von der Welt. „Du lieber Gott, was kann man mit einem Stück Holz anders wollen als Feuer machen. Es wird Essenszeit, Herr Schulze, und die paar Kartoffeln kann man doch nicht roh essen.“
Der Schulze warf ihm einen mürrischen Blick zu, und es war, als ob er das Mädchen noch einmal anreden wolle; aber er mußte sich anders besonnen haben, denn er drehte sich plötzlich kurz auf seinem Absatze herum und verließ das Haus. Valerie aber, die noch immer gefürchtet, daß der finstere Mann seinen ersten Versuch, ihr die Kleinodien zu entreißen, wiederholen könne, stand regungslos in ihrer alten Stellung, das goldene Kreuzchen und den Ring fest mit ihren kleinen Händen haltend, in der Ecke und verwandte kein Auge von dem Schulzen, bis er die Thür hinter sich ins Schloß geworfen. Der alte Bänkelsänger aber, sich auf den Knüppel stützend, den er noch immer in der Hand hielt, rief mit seinem heiseren Lachen:
„Hab’ keine Bange mehr, Falleri, _Der_ kommt nicht wieder, da kannst Du sicher sein, denn er traut nicht, und so alt diese Knochen auch sein mögen, so viel Kräfte hätten sie doch noch gehabt, um dem Schuft den Schädel breit zu klopfen.“
„Oh, wie dank ich Euch, daß Ihr mir das Andenken meiner armen Mutter bewahrt habt“, rief das Kind -- „wäret Ihr nicht dazu gekommen, er hätte es mir sicher weggenommen, und ich wäre dann elend mein ganzes Leben lang gewesen.“
„Der Lump, der“, brummte der Alte zwischen den Zähnen durch; „im Stande wär’ er’s gewesen. Man kann’s ihm aber an den Augen ablesen; sieht der Kerl nicht aus, als ob er mit seinem Gesicht auf einem Rohrstuhl gesessen hätte! Komm _Du_ mir nur!“
„Aber er wird jetzt böse auf _Euch_ sein“, sagte schüchtern Valerie.
„Bah, böse! -- als ob der _gut_ auf einen Menschen wäre, außer auf sich selber. Laß Dir das keine Sorgen machen, Kind, denn das kauf’ ich billig, wie Der auf mich zu sprechen ist. Was wir hier nicht kriegen _müssen_, kriegen wir doch nicht, und da kann er, Gott sei Dank, allein nichts d’ran thun, denn das ist Gemeindesache.“
„Aber wo wollt Ihr nur das viele Geld für mich hernehmen?“ frug jetzt das Mädchen schüchtern, „und wie soll ich’s Euch je wieder zahlen?“
„Papperlapapp, das ist _meine_ Sorge“, lachte der Alte; „der Schulze hätt’s freilich gern gewußt, aber Dem werd’ ich’s bei Gott nicht auf die Nase binden. Wenn ich’s nur schaffe, Kind, wo’s nachher herkömmt, ist ganz gleichgültig; Du aber kriegst Deine Montirung und damit Basta!“ -- und damit warf er den Buchenknüppel in die Ecke nach dem Ofen und schlenderte in seine eigene Stube hinüber.
Zwei Stunden nachher verließ er das Dorf und wanderte in der Richtung nach der Stadt zu, kam auch die Nacht nicht zurück und selbst bis zum nächsten Mittag nicht. Erst gegen Abend hörte Valerie seine heisere Stimme, wie er draußen, an dem Haus vorbei, eines seiner alten Lieder sang, und sprang in die Thür. Aber er kam nicht herein, nur triumphirend hob er einen kleinen schmuzigen Lederbeutel in die Höhe und schwenkte dabei seinen Knotenstock um den Kopf. Er hatte jedenfalls das Geld, ging auch damit stracks auf des Schulzen Wohnung zu. Dort aber blieb er nicht lange, sondern kam jetzt, in bester Laune von der Welt, zum Gemeindehaus zurück, wo er vor allen Dingen der „Falleri“ auftrug, einen Kessel mit Wasser auf’s Feuer zu setzen, denn sie wollten heute hoch leben. Dabei holte er eine Flasche mit Branntwein und ein Packet mit Zucker aus der Tasche, was er aber vorsichtig hinter dem Ofen versteckte und ein paar Stücken Holz davor stellte, und brachte dann sogar ein Stück Kuchen zum Vorschein, das er, wie er sagte, für die „Falleri“ eingekauft, damit sie auch einmal wieder erführe, wie Kuchen schmecke.
Der Mann war aber schon etwas angetrunken, wie er das Haus betrat, und als er den Grog erst fertig hatte, zu dem die Frauen und Valerie natürlich eingeladen wurden, verbesserte sich sein Zustand nicht. Er wurde immer lauter, fing an zu singen und fiel endlich von seinem Stuhl herunter, wo er regungslos auf der Erde liegen blieb und einschlief.
Valerie hätte ihn gern auf sein Bett geschafft, aber die beiden Frauen wollten nicht mit angreifen, weil er, wie sie meinten, zu schwer sei. Er könne überdies auch gleich da seinen Rausch ausschlafen, denn ob er auf den Steinen oder in einem Bett läge, sei ihm doch einerlei.
Das kleine Mädchen holte ihm endlich sein Kopfkissen herüber und seine wollene Decke, die sie ihm, so gut es eben gehen wollte, unterschob, und ihn mit dem andern Ende zudeckte. Weiter _konnte_ sie für ihn nichts thun und mußte ihn da die Nacht verbringen lassen.
Es war ein alter, roher, widerlicher Mensch, aber der Einzige auf der weiten Gottes-Welt, der ihr, seit sie ihre liebe Mutter verloren, Gutes gethan hatte, und wie dankbar fühlte sie sich ihm dafür!
Wie der alte Bänkelsänger am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich erst etwas erstaunt um, denn er schien nicht gleich zu wissen, wo er sich befand. Valerie stand am Herd und kochte ihre Morgensuppe. Er sah sie an und seine Decke und sein Kopfkissen, und sagte endlich:
„Falleri -- hast Du mir das hierher geschleppt?“
„Ihr lagt da so schlecht und hart gestern Abend“, sagte das Kind.
Der Alte erwiderte nichts; er stand auf, raffte sein Bettzeug zusammen und wandte sich, um die Küche zu verlassen. Ehe er aber ging, sagte er, viel freundlicher als er noch je gesprochen:
„Du bist ein gutes Kind, Falleri; ich dank Dir auch vielmals“, und damit schritt er in seine Stube hinüber. --
Die Tage vor der Confirmation Valeriens gingen jetzt rasch vorüber; sie bekam auch zur rechten Zeit ihren Anzug, den ihr des Schulzen Frau von dem Gelde des Bänkelsängers geschafft hatte, und sie bestand ihre Prüfung gerade nicht besser, aber auch nicht schlechter als die übrigen Kinder. Sie wußte alle die aufgegebenen Sprüche auswendig und antwortete auf die an sie gerichteten Fragen in der richtigen, vorgeschriebenen Form, ohne sich -- wie die meisten übrigen Kinder auch -- etwas Besonderes dabei zu denken. Die schöne Lehre des Christenthums war ja in so viele unverständliche oder schwülstige Phrasen eingehüllt, daß ein klarerer Kopf dazu gehörte, als ihn ein vierzehnjähriges Kind besaß, um den edlen Kern aus der wulstigen Schale heraus zu finden. Sie gab sich dazu auch keine Mühe und war nur froh, als sie das Ganze überstanden hatte.
Daß sie dabei als Letzte der Confirmantinnen stand und, als es vorbei war, auch von Niemanden -- wie doch alle die übrigen Kinder -- eingeladen wurde, verstand sich von selbst und that ihr nicht besonders weh. Sie war ja die Gemeinde-Waise und daran gewöhnt, zurückgesetzt zu werden. Eines nur gab ihr einen Stich in ihr junges Herz, und auch weniger der Worte und Bedeutung als der Art wegen, mit der es zu ihr gesagt wurde. Gerade nämlich, als sie aus der Kirche trat, wo die übrigen Kinder von ihren auf sie stolzen Aeltern empfangen wurden, trat der Schulze auf sie zu und sagte, einen Glückwunsch weiter nicht für nöthig haltend:
„Na, Falleri, heute hast Du noch frei, morgen früh aber nimmst Du Deine Sachen und ziehst zu Baumstetter’s hinüber, die Dich vorläufig in Dienst nehmen wollen. Bist Du erst einmal ein Vierteljahr dort, dann kannst Du Deinen Miethcontract mit ihnen selber machen, denn Du wirst jetzt alt genug dazu“, und ehe die Confirmantin ihm etwas darauf erwidern konnte, drehte er sich ab, um seine eigene Tochter aufzusuchen und zu begrüßen.
Viertes Kapitel.
Im Dienst.
Am nächsten Morgen zog Valerie an, wie man es dort in der Gegend nannte, d. h. sie nahm ihr dürftiges Bündel unter den Arm und meldete sich bei ihrer neuen Dienstherrschaft.
Vorher verabschiedete sie sich von den Bewohnern des Gemeindehauses, mit denen sie so lange Leid und Armuth getheilt, und viel Freundlichkeit ließ sie da nicht zurück. Die neu hinzugekommene Frau mit den beiden Kindern, obgleich sie die Kleinen oft und oft gepflegt, hatte sich nie um sie bekümmert, und eigentlich nur mit ihr gesprochen, wenn sie etwas von ihr verlangte; sie reichte ihr auch jetzt nur die Hand und sagte gleichgültig „Adjes“. Die Alte aber kauerte in ihrer Ecke und schien viel mehr beleidigt als betrübt über den Abschied des jungen Mädchens, das sie halb und halb sogar der Undankbarkeit beschuldigte.
„Na ja“, knurrte sie, „jetzt hat man sich die Jahre über mit der Krabbe gequält und sie ein Bischen vorwärts gebracht, und nun sie Einem was nützen könnte und größer und stärker geworden ist, läuft sie Einem davon -- aber wo findet man jetzt noch Dankbarkeit!“
„Aber Frau Kunzen“, sagte Valerie betrübt, „kann _ich_ denn etwas dazu? ist es mein freier Wille? Der Schulze hat mich ja vermiethet, und ich darf gar nicht mehr in dem Haus bleiben -- wenn ich selbst wollte.“
„So mach’, daß Du fortkommst“, brummte die alte Schullehrers-Wittwe, „wir können auch ohne Dich fertig werden.“
Das war der ganze Abschied, den sie von der Frau erhielt, für die sie Jahre lang gearbeitet hatte und ihr gefällig gewesen war, wo sie ihr etwas an den Augen absehen konnte.
Traurig schlich sich Valerie nach der Kammer des alten Bänkelsängers; sie fürchtete fast, daß er sie ebenfalls ohne ein freundliches Wort entlassen würde. Darin hatte sie sich aber gewaltig geirrt. Der alte Bursche war roh und wüst genug, aber doch nicht ohne Gemüth, und sonderbarer Weise hatte er einmal zu dem Kind eine besondere Vorliebe gefaßt, die vielleicht auch nur darin wurzelte, daß sie das einzige lebende Wesen war, das er protegiren konnte.
Der Alte war mit einer wunderlichen Arbeit beschäftigt. Er hatte sich ein Stück weißes Wachstuch mit aus der Stadt gebracht sowie ein paar Pinsel und ordinäre Farben, und saß jetzt vor dem aufgehangenen und in Felder abgetheilten Tuch und malte eine seiner alten Mordgeschichten aus. Die rothe Farbe spielte dabei auch eine große Rolle -- die Männer trugen sämmtlich rothe Hosen und die Frauen rothe Tücher und blaue Kleider, und Blut floß schon auf der dritten Abtheilung, auf der eine ganze Familie abgeschlachtet wurde, in Strömen.
Valerie öffnete schüchtern die Thür, der alte Bänkelsänger sah sie aber kaum, als er auf die Füße sprang und, seinen Pinsel fortwerfend, ihr die Hand entgegenstreckte.
„Hallo, Falleri“, rief er dabei, „schon reisefertig! Na, Abschied brauchen wir nicht von einander zu nehmen, und Du gehst nicht aus der Welt -- wir werden uns auch oft genug zu sehen kriegen -- vielleicht öfter als Dir lieb ist.“
„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen leise; „Sie sind immer gut gegen mich gewesen, und ich bin gewiß nicht undankbar, wie die alte Frau Kunzen meint.“
„Der alte Drachen soll zum Teufel gehen!“ brummte Brenner. „_Die_ hat von Undankbarkeit zu reden -- daß Du ersticktest -- wenn ich nur so was nicht hören müßte. Aber laß sie schwatzen -- Du ziehst jetzt zu Baumstetter’s hinüber?“
„Ja, Herr Brenner.“
„Na, da brauchst Du auch nicht zu sagen: Gott straf’ mich, denn da bist Du gestraft genug.“
„Sind die Leute so bös?“
„Nein, bös nicht, Kind“, sagte der Alte, „sie könnten schlimmer sein und sollen ihre Leute nicht schlecht behandeln, aber die Alte ist so krank, daß es niemand lange bei ihr aushält. In den letzten sechs Monaten haben sie sieben verschiedene Wärterinnen gehabt -- sie mochten Lohn über Lohn bieten, es half nichts. Apropos, wie viel kriegst Du denn?“
„Im ersten Vierteljahr noch nichts. Ich soll auf Probe dienen.“
„Daß der Teufel den verdammten Schulzen hole!“ rief der Bänkelsänger, seine rechte Faust in die linke Hand schlagend, „umsonst sind Die nicht verschwägert zusammen, und in solch einen Hundedienst ohne Lohn schicken sie das Kind!“
„Aber kann ich’s ändern?“ sagte Valerie traurig.
„Nein, Herz“, knurrte der Alte, „wir Beide nicht, oder, Gott straf mich, ich -- na ja, das Fluchen hilft auch eben nichts, und die Menschen thun deshalb doch was sie wollen. Na, geh hin; ich würde Dir, wie sie es auf dem Theater machen, meinen Segen geben, aber ich fürchte beinah’, er möchte Dir nicht besonders viel helfen. Uebrigens werd’ ich von Zeit zu Zeit einmal hinüber kommen und nachsehen und vielleicht -- holt ja der Teufel auch die Alte bald, daß Du von Deiner Plackerei frei kommst.“
„Aber Herr Brenner --“
„Du hast recht, Schatz“, sagte der Alte mürrisch, „sie hat mir noch nie was zu Leide gethan -- na geh, Kind -- ich möchte mein “Gemälde„ noch heute fertig bringen, und da muß ich mich dazu halten, sonst werden mir die Klexe trocken“, damit schüttelte er Valerie die Hand, drehte sich um und fiel plötzlich mit so lauter Stimme in eines seiner alten Lieder ein, daß das Kind ordentlich zusammenschrak. Sie wäre auch gleich gegangen, aber sie mußte dem Manne doch noch etwas über ihre Schuld gegen ihn sagen, damit er nicht etwa glaube, daß sie die, mit dem Weggange aus dem Gemeindehause, ebenfalls abschütteln wolle.
„Lieber Herr Brenner“, sagte sie schüchtern -- aber der Mann hörte nicht; er sang ruhig weiter.
„Lieber Herr Brenner“, wiederholte sie noch einmal und berührte seinen Arm.
„Ja Kind? -- so, Du bist noch da? Willst Du was?“
„Ich wollte Ihnen nur sagen“, flüsterte Valerie schüchtern, „daß ich, wenn ich auch das erste Vierteljahr keinen Lohn bekomme, doch ganz gewiß gleich nachher jeden Pfennig sparen werde, um Ihnen --“
„Und der Mörder mit der Leiche Auf der Schulter ward gesehn, Wie er über eine Bleiche That beim Mondenscheine gehn.“
sang Brenner plötzlich und mit so lauter Stimme und ließ sich nun auch in seinem schauerlichen Lied nicht wieder unterbrechen, daß Valerie jeden Versuch dazu aufgeben mußte. Er drehte sich auch gar nicht mehr nach ihr um, und das Kind schlich jetzt, mit seinem Bündelchen in der Hand, in das Dorf hinein und zu dem Bauern Baumstetter hinüber, wo sie die Frau desselben, da er selber auf dem Feld draußen war, gleich in Empfang nahm.
Die erste Anrede war auch keine besonders freundliche.
„Mädel, wie siehst Du aus! -- geh erst einmal an die Pumpe und wasche Dich und mach’ Dir Dein Haar -- und das jeden Morgen, verstehst Du? Denn so mag ich Dich nicht im Haus herumlaufen haben.“
Die Frau hatte nicht Unrecht; Valerie war in der wüsten Umgebung des Gemeindehauses wirklich verwildert, dabei wohl in die Höhe geschossen, aber entsetzlich mager geblieben, so daß die großen dunkeln Augen fast unheimlich in ihren Höhlen lagen. Aber sie kam jetzt unter bessere, weil strenge Hände, und die Frau steppte ihr selber noch an dem nämlichen Tag aus ihren alten Röcken einen zurecht, daß sie wenigstens unzerlumpt und reinlich im Haus herumgehen konnte; den alten Kittel mußte sie augenblicklich ausziehen und wegwerfen; er war nicht einmal mehr zum Flicken zu gebrauchen. Dann erst überkam sie die Pflege der alten Bäuerin und fand bald die Wahrheit alles dessen bestätigt, was ihr Brenner über die aufgebürdete Last gesagt.
Die alte Frau lag schon über Jahr und Tag in der Auflösung begriffen, sie war am ganzen Körper wund, und Monate lang hatte der Bader schon ihren Tod als stündlich bevorstehend verkündet -- aber sie starb nicht. Der zähe Körper hielt die Seele fest, und der Aufenthalt bei der Leidenden war so unerträglich geworden, daß die eigene Tochter nur auf Minuten zu ihr ins Zimmer kam.
_Diese_ Pflege überließ man dem kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchen, und nur dem Leben im Gemeindehaus vielleicht verdankte es Valerie, daß sie im Stande war, da auszuharren, und nicht körperlich zu Grunde ging.
Zwei volle Monate pflegte sie die Kranke unermüdlich. Sie kam in der ganzen Zeit fast in kein Bett, und nur, wenn sie das gebrauchte Geschirr aufwaschen mußte, an die freie Luft. Endlich erlöste der Tod der alten Frau diese und Valerie, ja das ganze Haus von der entsetzlichen Qual, und Valerie wurde ihres Dienstes quitt. Die Frau Baumstetter würde sie aber doch vielleicht im Haus behalten haben, denn sie sah, daß sie fortwährend still und willig ihre Arbeit that, und nicht eine Klage war in der ganzen Zeit über ihre Lippen gekommen -- aber das verschlossene, scheue Wesen des Mädchens gefiel ihr nicht. -- „Die hat’s hinter den Ohren“, pflegte sie oft zu sagen, „aber sie gibt’s nicht aus, bis einmal ihre Zeit kommt.“ Uebrigens hatte sie auch keine weitere Beschäftigung für sie, denn im Stall war sie ihr nicht stark und kräftig genug, und sie verabredete deshalb mit des Schulzen Frau, die gerade ein Hausmädchen brauchte, daß diese sie von da an in Dienst nehmen sollte, denn untergebracht mußte sie nun einmal werden.
Valerie erschrak, als sie hörte, daß sie in des Schulzen Dienst kommen sollte, denn erstlich war des Schulzen Frau als bös und zänkisch im ganzen Ort verschrieen, und dann fürchtete sie den Schulzen selber seit jenem Morgen mit allen Fasern ihres jungen Herzens. Aber was half es? Einen freien Willen hatte sie ja doch nicht; sie mußte hingehen, wohin man sie schickte -- und sie ging.
Die Frau Baumstetter hatte ihr noch, ehe sie das Haus verließ, aus „Erkenntlichkeit“ ein paar alte Kleider geschenkt, denn Lohn bekam sie ja noch nicht -- die durfte sie sich jetzt selber zurecht machen, denn mit der Nadel wußte sie ziemlich geschickt umzugehen, und die Frau des Schulzen sah darauf, daß ihre Dienstboten anständig aussahen, war sie ja doch die „erste Frau im Dorf.“ Sie sollte auch hauptsächlich für Nähereien im Haus verwandt werden, denn dadurch sparte man die überdieß theuern Näherinnen, die so unverschämt waren, einen ganzen Tagelohn für ihr „Flickwerk“ zu verlangen.
Valerie hatte es jetzt, was ihre Arbeit betraf, besser als im vorigen Haus, denn wenn sie auch Morgens schon um vier Uhr heraus mußte, um überall mit zu helfen und dann Abends, bei einer trüben Oellampe bis um zehn Uhr regelmäßig beim Spinnrad, oder auch manchmal sogar bei einer Näherei saß, obgleich sie die Stiche in der Dunkelheit kaum erkennen konnte, brauchte sie doch nicht mehr die Sterbende in ihrer furchtbaren Krankheit zu pflegen, und konnte wenigstens von zehn bis vier Uhr ruhig schlafen. -- Aber sonst bekam sie es viel schlechter im Haus, denn wenn ihr bei Baumstetter’s kaum je ein unfreundliches Wort gesagt wurde, hörte beim Schulzen und seiner Frau das Zanken gar nicht auf, und daß sie nie eine Sylbe darauf erwiderte, wurde ihr für Störrigkeit und Verstocktheit ausgelegt. Ja, die Frau war so heftig, daß sie das arme Mädchen oft bei Seite stieß oder auch schlug, wenn sie ihr einmal im Weg stand oder etwas nicht recht anfaßte; was brauchte man auch mit der „hergelaufenen Range“ viel Umstände zu machen!
Auch unter den übrigen Knechten und Mägden hatte sie keine Freunde, denn sie lachte nie oder ging auf irgend einen der rohen Scherze ein, sondern war immer nur still und verschlossen bei ihrer Arbeit, sodaß man kaum eine Antwort aus ihr heraus bekommen konnte. Sonntag Nachmittags, wenn sie die Erlaubniß einmal bekam, auszugehen, wanderte sie dann allein auf den Kirchhof hinaus und besuchte das Grab ihrer Mutter, und dort konnte sie Stunden lang mit gefalteten Händen sitzen und den kleinen Hügel anschauen. -- Aber sie weinte nie, und nur manchmal sang sie, mit einer glockenhellen Stimme, kleine, schwermüthige Lieder, die man aber im Dorf nicht kannte und die sie noch von ihrer Mutter gelernt haben mußte. Sobald sie aber nur merkte oder selbst Verdacht schöpfte, daß sie belauscht wurde, schwieg sie augenblicklich still.
Die einzige Freundin, die sie im Dorfe hatte, war die alte Nachbarin ihrer Mutter, die sie jedesmal, sobald sie vom Kirchhof kam, besuchte; auch beim Gemeindehaus ging sie manchmal vorüber, um ihrem alten Beschützer guten Tag zu sagen. So viel sie dieser aber auch ausfrug, wie es ihr ginge und wie sie behandelt würde, so klagte sie ihm nie ihre Noth und behauptete immer: gut. Aber der Alte wußte es besser; erstlich kann so etwas nicht geheim gehalten werden, denn ein paar Mägde, die mit der Schulzin Streit gehabt und den Hof verließen, erzählten es im Dorfe weiter, wie hart sie mit dem armen Kinde umgehe, und dann zeigte es auch schon ihr ganzes abgehärmtes Aussehen deutlich genug.
„Und was Du für rothe Ränder um die Augen hast, Kind“, sagte der Alte kopfschüttelnd. „Gott straf’ mich, ich glaube, die hoffärtige Hexe läßt Dich sich noch blind bei ihrer magern Oelfunzel nähen.“
„Es ist nur eine Erkältung, Herr Brenner.“
„Von -- ich hätte bald was gesagt“, knurrte der Alte, „mach’ Du mir was weiß, willst Du? Herr Gott, was ich für eine Wuth auf den Lump, den Schulzen, habe! -- umbringen könnt’ ich den Schuft. Weißt Du denn, daß er neulich in der Gemeinde den Vorschlag gemacht hat, mich aus dem Gemeindehause zu stoßen, weil ich immer Geld hätte und mich selbst ernähren könnte? Die andern Bauern wollten nur nicht, aber der nichtsnutzige Hallunke hätte mich mit Vergnügen auf die Straße gesetzt.“
„Er ist Ihnen nur böse wegen mir, Herr Brenner“, sagte Valerie scheu; „o, wie mir das leid thut!“
„Wegen Dir, nein wahrhaftig nicht“, beruhigte sie der Bänkelsänger, „das ist eine ganz andere alte Geschichte, und unsere Freundschaft schreibt sich aus weit früherer Zeit, aber -- er kennt mich, und spricht nicht gern davon -- was auch das Beste ist, denn solche alte Dinge aufzurühren, thut selten gut.“
Valerie ging dann nach solcher Unterredung still nach Hause. Brenner aber ließ sein Ingrimm keine Ruhe, und er verfiel auf eine andere, ihm ganz eigenthümliche Art, den Schulzen zu ärgern.
Seine Mordgeschichte hatte er nämlich fertig, und die Leinwand war auf beiden Seiten, zwei verschiedene Schreckensfälle behandelnd, angemalt. Diese spannte er kunstgerecht auf, holte sich eine lange Stange aus dem nahen Walde und stellte sich nun damit vor des Schulzen Haus auf, um sie abzusingen.
Natürlich liefen die Knechte und Mägde in allem Jubel heraus und hörten zu, und als der Schulze nach Hause kam, war kein Mensch bei der Arbeit. In allem Grimm wollte er den „Künstler“ auch fortjagen, aber dieser behauptete, er bettele nicht oder singe nicht für Geld, er treibe die Sache nur zu seinem Vergnügen, aus alter Anhänglichkeit an sein Geschäft -- er müsse auch eine Beschäftigung haben, wenn er hier in dem elenden Nest nicht wahnsinnig werden solle, und das könne ihm kein Mensch verwehren.
Die übrigen Bauern, von denen natürlich auch manche den Schulzen nicht leiden mochten, gaben ihm Recht oder sahen wenigstens keinen Grund, weshalb man dem Manne verwehren sollte, auf der Straße zu singen oder sein Bild zu zeigen -- verlangte er doch nicht einmal etwas dafür, und der Schulze mußte sich, ob er wollte oder nicht, der Majorität fügen.
So verging ein volles Jahr, und Valerie hatte jetzt zum ersten Mal, wenn auch nur geringen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Was sie aber konnte -- denn sie hielt jetzt etwas auf wenigstens reinliche und unzerrissene Kleidung -- sparte sie zusammen, bis sie dem Bänkelsänger ihre Schuld abtragen konnte, und wenn es dieser auch nicht nehmen wollte, weil er behauptete, daß er es doch vertränke, ließ sie nicht nach, bis sie die Schuld von ihrem Herzen wußte.
Die Verhältnisse im Hause des Schulzen wurden aber mit jedem Tag schlimmer; der Mann war selber in Schulden gerathen und dadurch mürrisch und verdrießlich, die Frau natürlich nicht besserer Laune, und wer das Alles entgelten mußte, war Niemand Anderes als die unglückliche Waise.