Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 18
Er hatte dabei ihre Hand gefaßt, die er mit seinen Küssen bedeckte. Er sah und hörte auch nicht, wie in diesem Moment gerade die Thüre sich öffnete und der ältliche Herr, allerdings mit einem unverkennbaren Ausdrucke des Erstaunens, sonst aber vollkommen ruhig und leidenschaftslos auf der Schwelle stand und die Gruppe betrachtete.
„Allerliebst,“ sagte er jetzt, als Florian schwieg; „ist das etwa eine Abschiedsscene?“
„Nur eine Probe, Olaf,“ lächelte die junge Fremde, aber eben so unbefangen und ruhig, als sie bis jetzt das Ganze hingenommen. „Herr Heldenstern probirt eine Scene seines neuen Romans.“
„Nein -- nein,“ rief aber dieser jetzt, nicht mehr im Stande, die einmal losgebrochenen Gefühle in ihr altes Bett zurückzudämmen, denn selbst die Erscheinung des Fremden dämpfte nicht die Gluth. „Wahrheit ist’s, furchtbare beseligende Wahrheit, und Glück oder Elend meines ganzen Lebens hängt an dieser Stunde. Herr Olaf,“ fuhr er fort, indem er in die Höhe sprang und sich an diesen wandte, „nicht vermögend, die Scheu zu bewältigen, die mich in der Nähe dieses Engels erfaßte, trieb es mich, zu schnöder List meine Zuflucht zu nehmen und ihr unter der Maske eines fingirten Romans meine Liebe zu gestehen. Der Roman war Erdichtung, aber nicht die Liebe selber. Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter.“
Scheu streifte sein Blick, während er diese Worte in leidenschaftlicher Heftigkeit sprach, die schlanke Gestalt Elisens, die, wie von Purpur übergossen, neben ihm stand, und schaute dann fragend und flehend zu dem ältlichen Herrn empor, der immer noch, langsam dazu mit dem Kopf schüttelnd, seine Stelle behauptete.
„Meine _Tochter_, Herr Heldenstern?“ sagte aber Olaf endlich; „ich verstehe Sie nicht -- ich habe gar keine Tochter.“
„So ist Elise nicht Ihre Tochter?“ rief Florian rasch.
„Allerdings nicht,“ erwiderte Herr Olaf mit derselben lächelnden Ruhe -- „aber ich kann doch nicht gut glauben, daß Sie mich um die Hand meiner eigenen Frau bitten?“
„Ihrer _Frau_?“ schrie Florian und sprang wie von einer Natter gestochen zurück -- „heiliger Gott! und ich glaubte, die andere Dame, Frau Bertha, sei Ihre Gemahlin.“
„Das ist _auch_ meine Frau,“ erwiderte mit unzerstörbarer eiserner Ruhe der Entsetzliche.
„Aber ich bitte Sie um des Himmels willen.“
„Und die kranke Dame, derethalben wir Ems besucht haben, ebenfalls,“ nickte der ältliche Herr.
Florian faßte seinen Kopf mit beiden Händen -- er wußte nicht, ob er wache oder träume und sein fragender Blick flog nach Elisen hinüber -- war es ihm doch als ob ein leiser Zug von Mitleiden über ihr liebes Antlitz zuckte. Aber nur bestätigend nickte sie mit dem Kopf und der junge Dichter rief verzweifelnd aus:
„Wollen Sie mich wahnsinnig machen? -- Es ist ja gar nicht möglich, denn Sie stammen doch aus Norwegen und nicht aus der Türkei.“
„Nein,“ erwiderte der ältliche Herr lächelnd -- „ein Türke bin ich allerdings nicht, sondern ein Christ.“
„Mit drei Frauen?“
„Wir gehören zur Secte der Mormonen,“ nickte Herr Olaf, „und kommen vom Salzsee, wohin wir gerade im Begriffe sind, wieder zurückzukehren. Liebe Elise, der Wagen hält schon vor der Thüre und das Gepäck ist sämmtlich unten.“
„Mormonen!“ stöhnte Florian vollkommen vernichtet.
„Daß uns hier Nichts daran lag, als solche gekannt zu sein, können Sie sich denken,“ fuhr der ältliche Herr fort, „und ich hatte nicht das Geringste dagegen, daß meine jüngste Frau für meine Tochter galt. Uebrigens kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß es mich und uns Alle herzlich gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Sollten Sie jemals unsere Ansiedlung am Salzsee, an der anderen Seite der Cordilleren, besuchen, so werden wir Ihnen beweisen können, wie willkommen Sie uns sind.“
„Gnädiger Herr, der Zug ist schon signalisirt,“ meldete in diesem Augenblicke der eintretende Diener, „die Damen warten unten.“
„Leben Sie wohl, lieber Freund,“ sagte Olaf, ihm die Hand entgegenstreckend und Elisens Arm nehmend, „und bewahren Sie uns ein freundliches Andenken.“
„Leben Sie wohl, Herr Heldenstern,“ flüsterte auch Elise und reichte ihm ihre kleine Hand.
Er nahm sie wie in einem Traum und drückte sie an seine Lippen, dann sah er, wie die Personen verschwanden und hörte, wie unten der Wagen fortrollte. Er wollte ihnen nach, aber er vermochte keinen Fuß zu regen und stand da, willenlos und wie gebannt, allein mitten im „Panorama.“
Doch nicht lange dauerte dieser Zauber, den er endlich gewaltsam von sich abschüttelte. Jetzt stürmte er die Treppe hinab und dem Bahnhof zu -- was er dort wollte, wußte er freilich selber nicht, denn welche Gewalt stand ihm über die Frau eines Anderen zu. Aber er kam auch zu spät; wie er flüchtigen Laufes der nahen Station zueilte, pfiff die Locomotive und der Zug brauste davon. Nur aus einem Coupé erster Classe erkannte er noch ein weißes wehendes Taschentuch.
Florian verließ an dem nämlichen Abend Ems. Die Erinnerung an das Durchlebte war ihm zu furchtbar. Vorher aber schrieb er noch in sein eigenes Stammbuch:
„Aus dem Salzsee stieg die Nixe, zauberschön, ein Bild der Minne, Und sie stahl mein Herz; ich dachte Nichts, als wie ich sie gewinne, Aber Täuschung nur und Trug war’s; sie entschwand trotz meinem Sehnen Und mir blieb allein der Salzsee, den ich schuf mit meinen Thränen.“