Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 17

Chapter 173,709 wordsPublic domain

„Ich hoffe Sie einmal unten bei uns zu sehen -- die Damen wünschen es ebenfalls.“ Damit reichte er Beiden seinen Arm und schritt mit ihnen langsam nach Ems hinab.

Florian Heldenstern blieb in einem wahren Taumel von Entzücken zurück, denn die junge Dame hatte die Einladung, die Bekanntschaft fortzusetzen, mit einem so freundlichen Blicke begleitet, daß er kaum daran zweifeln konnte, willkommen zu sein. Jetzt aber mußte er vor allen Dingen Näheres über die Fremden erfahren, und ließ sich deßhalb augenblicklich die Kurliste bringen, die sich ja in jedem Gasthause oder ~Café~ findet.

Den Anhaltepunct hatte er ja auch, Namen und Wohnort und das Uebrige mußte die Kurliste angeben.

Panorama -- da stand es -- alle Wetter, dort logirten lauter vornehme Leute -- meist russische Fürsten und Würdenträger mit vollkommen unaussprechlichen Namen -- aber da stand Olaf -- er schüttelte enttäuscht mit dem Kopfe, denn _daraus_ erfuhr er auch nichts Näheres:

„~Olaf, Hr., m. Familie u. Bed. a. America~“

das war Alles. Aber wozu brauchte er auch die Kurliste; das nähere Familienverhältniß konnte er sich doch selbst recht gut aus der äußeren Erscheinung der Fremden zusammenreimen. Die ältere Dame -- obgleich noch in sehr jugendlichem Alter, war jedenfalls die Gemahlin des ältlichen Herrn -- vielleicht seine zweite Frau, und die jüngere dann möglicherweise ihre Schwester? -- Nein, das konnte nicht gut sein, denn die beiden Damen schienen auch nicht die geringste Aehnlichkeit miteinander zu haben. Die Aeltere hatte rabenschwarzes, die Jüngere goldblondes Haar, die erste dunkle, die andere blaue, seelenvolle Augen. Ebenso wenig konnte er in den Zügen Beider auch nur das Geringste finden, was selbst nur auf eine nahe Verwandtschaft schließen ließ. Die Jüngste war deßhalb jedenfalls die Tochter des ältlichen Herrn aus erster Ehe und Elise hieß sie -- den Namen hatte er im Gespräche gehört -- Elise -- was für ein reizender Name, für den er schon einmal in früherer Zeit und unter anderen Umständen geschwärmt, ja sogar einige seiner gelungensten Sonette auf den Namen gedichtet. Er hätte ihr keinen anderen Namen wünschen mögen, wenn sich auch schmerzhafte Erinnerungen daran knüpften.

Und er durfte sie besuchen; am Liebsten wäre er freilich gleich herunter gegangen, aber das würde sich nicht geschickt haben -- heute auf keinen Fall -- er durfte nicht zudringlich erscheinen -- morgen -- morgen Nachmittag -- und morgen früh traf er sie gewiß auf der Promenade. -- Aber an dem Hause konnte er wenigstens vorübergehen -- vielleicht sah er sie dann, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment, am Fenster.

Florian befand sich wirklich in einem ganz gefährlichen Grad von Aufregung, die sich mit dem dämmernden Abend nur steigerte. Er fing auch an schon allerlei Pläne zu machen und Luftschlösser zu bauen, und lief noch lange nach zehn Uhr zwischen dem Hôtel de Paris und dem berliner Hof immer vor dem Panorama auf und ab, um hinter den hie und da erleuchteten Vorhängen die Gestalt der Geliebten zu träumen. Aber nicht einmal einen Schatten von ihr konnte er entdecken, und die Füße thaten ihm zuletzt so weh, daß er nach Hause mußte, um sich auszuruhen.

Er warf sich auch in der seligen Hoffnung auf sein Bett, jetzt nur von _ihr_ zu träumen -- und was Anderes erfüllte denn auch seine ganze Seele? Aber Gott bewahre! Es war ordentlich, als ob ihn der neckische Traumgott verhöhnen wolle; denn statt mit dem Bilde der holden Lahnnixe, wie er sie noch immer nannte, beschäftigte er ihn die ganze Nacht mit einer dicken, unangenehmen Polin, die er an demselben Mittage vor dem Kurhause in einem mit Spitzen bedeckten, aber schmuzigen weißen Kleide, auf zwei Stühlen hingeräkelt und mit einer Cigarre zwischen den dicken Lippen gesehen und sich darüber geärgert hatte. Mit _der_ unterhielt er sich im Traume die ganze Nacht -- mußte ihr Feuer zu einer Cigarre geben, ging mit ihr an die Spieltische, ließ sich von ihr verleiten, zu setzen, verlor sein ganzes Reisegeld, was er bei sich führte und wachte endlich, vor Angst in Schweiß gebadet und mit den heftigsten Kopfschmerzen, wieder auf, als die Sonne schon hell auf sein Lager schien.

Florian Heldenstern führte eine Kaffeemaschine bei sich und kochte sich selber Morgens seinen Kaffee, und rauchte dazu eine leichte Cigarre, weil er keine schweren vertragen konnte. Aber sein Blut war in der Nacht, trotz des häßlichen Traumes, abgekühlt und er überdachte die Vorgänge des letzten Tages ruhiger.

Allerdings war er darüber keinen Augenblick mit sich in Zweifel, daß er heute _seine_ Elise aufsuchen und sie wiedersehen würde, aber er fing doch auch an, die Folgen eines solchen Zusammenlebens zu überlegen, an die er gestern mit keiner Sylbe gedacht hatte.

Was sollte daraus werden? -- Er liebte Elisen, so viel war sicher, und wenn auch nicht mit der ersten, doch mit der zweiten Gluth seiner Leidenschaft -- aber liebte Elise ihn wieder und würde er im Stande gewesen sein, die jedenfalls nicht fehlenden Vorurtheile ihres Vaters zu besiegen? -- Was _konnte_ er ihr bieten? Ich will gewiß nicht behaupten, daß Florian Heldenstern sein ganzes Selbstgefühl verleugnet und sich gar so gering geschätzt hätte; aber er besaß trotzdem zu viel gesunden Menschenverstand, um sich über seine eigenen Verhältnisse so gründlich zu täuschen, daß er nicht auch den möglichen Widerstand älterer und deshalb vernünftiger Verwandter in Anschlag bringen sollte.

In den Morgenstunden fließt außerdem das Blut des Menschen langsam durch die Adern, und er fühlte sich im Stande, das ~pro~ und ~contra~ der ganzen Sache ruhig zu überdenken.

Vermögen besaß er gar keines -- schnödes wenigstens, das „Motten und Rost“ verzehren können -- geistiges dagegen in Hülle und Fülle, aber damit bezahlte man allerdings keine Miethe und kein Wirthschaftsgeld, wie alle die tausend anderen entsetzlichen Bedürfnisse, die nun einmal zum bürgerlichen Leben gehören und das alte Sprüchwort: „Eine Hütte und ihr Herz“ lange außer Cours gesetzt haben. Er war auch viel zu practischer Natur, um das Alles zu ignoriren, und da konnte er sich denn freilich nicht der Ueberzeugung verschließen -- Morgens beim Kaffee wenigstens -- daß er der Geliebten nicht im Stande sei, etwas Weiteres zu bieten, als eben sein Herz. Es blieb nur die Frage, ob sie oder ihr Vater sich damit begnügen würden.

Allerdings philosophirte er ganz richtig: „Was ist eigentlich todter Mammon? -- Eine eingebildete Größe, die nur allein durch die Habgier der Menschen ihren Werth erhält“ -- aber die Sache blieb trotzdem dieselbe, und war er erst verheirathet, so verlangte der Bäcker diesen todten Mammon für Brod und der Metzger für Fleisch, wie die Modenwaarenhandlung noch für viele andere Nebenbedürfnisse.

Was hatte er dagegen in die Schaale zu werfen? -- Seine Honorare? -- Du lieber Himmel, er wußte selber am besten, wie schwer es ihm geworden, sich mit denen in den bescheidensten Verhältnissen durchzubringen. Er hatte keine Schulden, ja -- aber das war weniger seine, als der Leute Schuld, die ihm Nichts borgen wollten, und er hätte nie hoffen dürfen, sich und Elisen mit dem, was _er_ verdiente, „standesgemäß“ (wer nur das entsetzliche Wort erfunden hat!) durchzubringen.

Ihr Vater besaß jedenfalls Vermögen -- er mußte reich sein, wenn er hier einen Monat lang „mit Familie und Bedienung“ im Panorama logiren konnte, wo sie die unverschämtesten Preise für Miethe allein forderten; aber würde der gerade geneigt gewesen sein, ihn, den armen Schriftsteller, damit zu unterstützen?

Sein Herz sank ihm, während er sich die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer abschlägigen Antwort überdachte, und er blies den Rauch seiner hellgelben pfälzer Cigarre in matten, kräuselnden Wolken vor sich aus. --

Nur eine Hoffnung -- nur ein Trost beseelte ihn noch: Elise liebte _ihn_ -- dessen fühlte er sich gewiß, und _mit_ dieser Liebe hoffte er auch alle weiteren Schwierigkeiten zu überwinden, zu besiegen.

Freilich war das immer nur ein schwacher -- aber doch ein Trost, und wenn es auch noch galt, wahre Gebirge von Hindernissen zu beseitigen, so glaubte er das doch mit Hülfe der Geliebten in’s Werk zu setzen. Vorläufig beschloß er aber, ihr zu entsagen -- d. h. nur in einem Gedichte, das sich ihm auf die Lippen drängte und das er im Uebermaße seiner Gefühle niederschrieb:

Du sollst es nun und nimmer wissen, Wie lieb und theuer Du mir bist Und wie Dein hold unschuldig Wesen Gerade mein Verderben ist.

Ich will das Herz im Busen halten, Daß mich sein Klopfen nicht verräth -- Ich will den Blick nicht zu Dir heben, In dem’s mit heißen Worten steht.

Doch bann’ mich nicht aus Deiner Nähe, Laß mir den Gram, der mich verzehrt -- Und wenn er Gift -- es ist das Einz’ge, Von dem sich meine Seele nährt.

Wie er damit zu Ende war, beschloß er, Toilette zu machen, die Promenade zu besuchen, um die Geliebte dort vielleicht zu treffen und seine tägliche Portion „Gift“ zu sich zu nehmen -- aber er kam zu spät. Die Brunnengäste hatten ihr „Krähnchen“ schon getrunken und die Musici den Platz geräumt -- nur die schreckliche Polin in ihrem _noch_ nicht gewaschenen weißen, spitzenbedeckten Kleide fegte den Staub der Promenade und etwa herumliegende Cigarrenstummel mit ihrer Schleppe zusammen und ein Paar hustende alte Herren stritten sich an einem der Tische über Politik.

Mittags aß er im Guttenberg und gerirte sich als Kurgast, weil er dadurch billiger wegkam, denn er trank keinen Wein, und Nachmittags um drei Uhr erst wagte er es, von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu machen und Herrn Olaf „m. Fam. u. Bed.“ im Panorama aufzusuchen.

Er fand den alten Herrn auch gerade beim Kaffee und in bester Stimmung; die beiden Damen erschienen ebenfalls bald nachher, und da sich Florian heute viel weniger befangen als gestern fühlte, wurde das Gespräch bald animirt und man scherzte und lachte zusammen. Nachher, als die ersten Töne des Musikcorps laut wurden, begab sich die ganze kleine Gesellschaft hinüber auf die Promenade, und als Florian an dem Abende von ihnen Abschied nahm, glaubte er nie einen glücklicheren Tag verlebt zu haben.

Armer Florian -- er glich der um das Licht flatternden Motte, die immer nur nach dem strahlenden Glanze geblendet schaut, bis sie der Flamme zu nahe mit ihren dünnen Flügeln kommt, und dann gelähmt, zerstört zu Boden sinkt.

Und doch fühlte sich Florian in dem Gefühle einer unglücklichen, oder wenigstens ungewissen Liebe wohl. Es hatte ihm bis jetzt jener größere Schmerz gefehlt, den alle lyrischen Dichter nothwendig zu ihrer Arbeit brauchen, wenn sie nicht matt und fade werden sollen. In den nächsten Tagen floß ihm die poetische Ader wie eine Sturzfluth. Er besang den -- schon allerdings früher besungenen -- Mond, den Abendstern, die heiße Quelle von Ems, die er, ziemlich glücklich, mit seinem kochenden Blute verglich -- ja sogar das Schweizerhaus, wo er zum ersten Male mit ihr Kaffee getrunken, und verschiedene andere lebendige und leblose Gegenstände.

Aber noch größere Seligkeit stand ihm bevor, denn einige Male traf er es so glücklich, die Geliebte allein zu Hause zu finden, und er benutzte diese Gelegenheit auch augenblicklich -- nicht etwa ihr seine Liebe zu gestehen -- nein, das hätte er noch nicht gewagt, aber ihr doch einen Theil seiner Gedichte vorzulesen, und ordentlich rührend war die Geduld, mit welcher Elise den begeisterten Klängen des Barden lauschte.

Elise interessirte sich überhaupt sehr für Literatur; sie las viel und meistens deutsche oder englische Romane, wobei sie den letzteren aber den Vorzug gab. Sie behauptete, der Deutsche vermöchte nicht die tiefe Empfindung in sein Werk zu legen, wie der Engländer, und fragte ihren jungen Bekannten wiederholt, ob er noch nie versucht habe, einen wirklichen Roman zu schreiben.

Florian mußte es verneinen. Einzelne Novellen oder kleinere Erzählungen hatte er allerdings schon verfaßt und zum Abdrucke gebracht, aber ein größeres Werk noch nie. Sein Ehrgeiz war jedoch dadurch geweckt worden, und wo und unter welchen Umständen hätte er eine derartige, den Geist vollbeschäftigende Arbeit auch wohl besser beginnen können, als gerade jetzt und hier, unter dem unmittelbaren Einflusse und Zauber dieses holden Wesens, das seine ganze Seele wie in eisernen Banden hielt?

Schon an dem nämlichen Abende, ja die ganze Nacht hindurch arbeitend, entwarf er einen, für jetzt freilich noch ziemlich unbestimmten Plan, auf dem er aber weiter zu bauen hoffte, und nahm sich auch vor, der Geliebten noch für jetzt Nichts davon zu sagen -- sie sollte mit den ersten Capiteln, die sie recht gut als _ihr_ Werk betrachten konnte, da sie ja die erste Anregung dazu gegeben, überrascht werden. Die Sache schien nur nicht so leicht, als er sie sich Anfangs gedacht, denn eine derartige Arbeit verlangte Sammlung, und durch unseres jungen Dichters Hirn preßten eine solche Masse von Gedanken und Empfindungen, daß er Tage gebrauchte, um sie nur zu sichten und in ihre Grenzen zu bannen.

Indessen war er im Panorama nicht allein ein täglicher Gast geworden, sondern begleitete die Familie auch auf ihren Spaziergängen, manchmal bis weit hinauf in die Berge, wohin die Damen dann auf Eseln ritten, während die Herren plaudernd nebenher gingen. In solchen Fällen war Herr Olaf, wie Florian jetzt den ältlichen Herrn nannte, auch weit gesprächiger als in den Zeiten, wo die Damen mit in die Unterhaltung gezogen wurden, und erschloß in der Erzählung gar nicht so selten dem aufmerksam zuhörenden jungen Dichter die Wunder jener mächtigen amerikanischen Scenerie, die sich in den endlosen Prairien und himmelansteigenden Felsengebirgen des inneren Landes dem Wanderer zeigt. Von seinen Jagden berichtete er, von seinen einsamen Wanderungen und Entdeckungszügen in den wilden, von feindlichen Indianern noch außerdem bedrohten Felsenkämmen, und beschrieb ihm dann mit glühenden Farben die stillen heimlichen See’n in der Wildniß, den brausenden Wassersturz und die blumengeschmückte Prairie, so daß es Florian manchmal ordentlich war, als habe sich ein Märchen-Erzähler seiner Sinne bemeistert und trage ihn auf breiten Schwingen in sein Zauberreich.

Der ältliche und sonst sehr ruhige Herr schien bei solchen Gelegenheiten auch -- wie von seinen Erinnerungen übermannt, ein ganz anderes Wesen geworden. Seine Gestalt hob sich, sein Auge strahlte ordentlich; seine Stimme zitterte in der Erregung des Augenblicks und wie begeistert stand er vor dem jungen Dichter und starrte in die Ferne. Solche Momente waren es auch, in welchen dieser selber eine unbestimmte Sehnsucht nach fremden Scenen in sich erwachen fühlte, und wenn er sich dann noch dachte, daß er einst Alles das, was dieser merkwürdige Fremde mit solchem Entzücken ihm beschrieb, selber an der Seite der Geliebten sehen und genießen sollte, so wollte es ihm bald das Herz vor Lust zersprengen.

Aber die nüchterne Wirklichkeit machte dann doch auch wieder ihre Anrechte geltend, denn wovon und womit sollte er eine solche Reise machen; und sich allein von seinem Schwiegervater unterhalten zu lassen, dagegen sträubte sich sein Ehrgefühl. -- Außerdem: liebte ihn denn Elise wirklich? -- Er glaubte und hoffte es, war aber weit entfernt, sich vollkommen sicher darin zu fühlen. Sie hatte sich immer lieb und freundlich gegen ihn gezeigt, ja, und er selber noch nie das holde Lächeln auf ihrem Antlitz vermißt, wenn er einmal unerwartet das Zimmer betrat. Mit einer wahren Engelsgeduld saß sie auch stundenlang neben ihm und ließ sich vorlesen, und das war das Einzige, womit er sich stets ein Alleinsein mit ihr sichern konnte. Sobald er nämlich nur sein Buch herauszog, verließ der ältliche Herr das Zimmer, und seine Frau -- es _mußte_ seine Frau sein, denn er ging immer Arm in Arm mit ihr -- machte sich dann auch sehr bald etwas zu schaffen, oder hatte nach der Kranken zu sehen. Aber er wagte es trotzdem nie, diesen günstigen Zeitpunkt zu benutzen; denn wenn er es sich auch oft und oft vorgenommen, Gewißheit über sein Schicksal zu erhalten: im entscheidenden Momente verließ ihn jedes Mal der Muth und es war ihm dann ordentlich, als ob ihm Jemand die Kehle zusammenschnüre.

* * * * *

So flog unserem Liebenden die Zeit dahin; er wußte kaum selber, wohin sie kam, und nur an seiner mehr und mehr ebbenden Casse merkte er die Spuren ihres Zahns.

Da traf ihn eines Tages, wie ein Donnerschlag -- ich könnte sagen „aus heiterem Himmel“ -- die Kunde, daß die Stunden seines Glückes gezählt seien, denn Herr Olaf, den er mit Elisen im Zimmer allein fand, rief ihm schon entgegen:

„Das ist glücklich, daß Sie noch einmal kommen, lieber Heldenstern, denn ein Paar Stunden später würden Sie uns nicht mehr angetroffen haben.“

„Nicht mehr angetroffen haben?“ rief Florian, von Schreck wirklich wie erstarrt -- „Sie wollen doch nicht --“

„Abreisen, in der That, bester Freund, denn unsere Zeit ist um und die Kranke soweit wieder hergestellt, daß wir uns jetzt auf die Nachkur der Seereise vertrösten müssen; -- außerdem zwingt mich ein eben erhaltener Brief zum schleunigsten Aufbruch.“

Florian faßte krampfhaft nach seinem Herzen; ob aber der ältliche Herr glaubte, daß er wieder nach seinem Buche griffe, oder wirklich noch Einiges zu besorgen hatte, kurz, er nahm seinen Hut vom Tische und sagte:

„Ich lasse Sie einen Augenblick mit Elisen allein, da ich noch einen Weg zu gehen habe; Bertha wird wohl auch gleich herüber kommen, denn unsere Koffer sind alle gepackt. -- Ich nehme auch noch nicht Abschied; wir sehen uns jedenfalls, wann ich zurückkomme.“

Die Thüre schloß sich hinter ihm und Florian fühlte, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, aber seine Courage nicht mit, und er stand, seinen Hut in eine unbestimmte Form hineindrückend, dem jungen lieblichen Wesen gegenüber, ohne im Stande zu sein, ein Wort über die Lippen zu bringen.

„Das ist recht rasch gekommen,“ brach da Elise endlich das Schweigen und wie es Florian vorkam, mit zitternder Stimme -- „ich hatte gehofft, daß wir noch wenigstens acht Tage hier bleiben würden, aber Olaf drängt so zur Abreise.“

„Ich kann es noch gar nicht fassen,“ stammelte Florian.

„Wir werden Sie auch sehr vermissen,“ lächelte das junge Wesen wehmüthig -- „wir hatten uns so an Sie gewöhnt und in unserer fernen Heimath hört man so wenig von der Welt da draußen.“

„Sie mich vermissen,“ sagte Florian bitter, „Du lieber Gott, und was soll _ich_ da sagen -- und wie hatte ich mich darauf gefreut, gerade jetzt noch mit Ihnen zu verkehren.“

„Gerade _jetzt_?“ frug Elise etwas erstaunt.

„Ich bin Ihrem Wunsche nachgekommen,“ fuhr Florian, zu ihr aufblickend, fort -- „ich habe einen größeren Roman begonnen. Ich fühlte mich die ganze Zeit in einer so gehobenen -- so seligen Stimmung, daß die Feder kaum der entfesselten Phantasie zu folgen vermochte, und jetzt -- da ich Ihren Rath -- Ihren Beifall brauche -- wollen Sie fort -- fort vielleicht auf immer.“

„Meinen _Rath_?“ sagte Elise kopfschüttelnd, „und wie könnte _ich_ Ihnen bei einer solchen Arbeit einen Rath geben?“

Florian sah sie mit einem forschenden Blicke an. Ein plötzlicher Gedanke zuckte durch sein Hirn. Sollte er das Geständniß der ihn fast verzehrenden Liebe in seinem Herzen verschließen? Hätte sie ihn nicht selber für verzagt halten müssen und kam sie ihm nicht schon durch die Frage auf halbem Wege entgegen?

„Ich befinde mich gerade in einem sehr schwierigen Capitel,“ erwiderte Florian, jetzt plötzlich zum Aeußersten entschlossen -- „ich habe die schüchterne Liebe eines jungen Mannes zu der Auserwählten geschildert -- seinen Kampf mit sich -- seine Furcht, es ihr zu gestehen.“

„O, das muß _so_ interessant sein,“ sagte Elise.

„Sein Schwanken, ob er sie fliehen,“ fuhr Florian fort -- „und unsagbar elend werden oder sich ihr zu Füßen werfen solle und ihr die ihn verzehrende Leidenschaft bekennen.“

„Das muß er doch unbedingt thun,“ rief die junge Dame rasch.

„Ja,“ sagte Florian mit gepreßter Stimme -- „auch ich fühle, wie nothwendig das ist. Denn diese Ungewißheit würde er auf die Länge der Zeit nicht ertragen können, aber -- ich befinde mich dabei in einer schwierigen Situation, denn -- ich kann mich recht gut in die Lage und Gefühle des Jünglings versetzen, aber -- nicht in die der Jungfrau. Ich weiß nicht genau, wie sie sich in einem solchen Moment benehmen -- was sie denken, was sie sagen würde.“

„Und da soll ich Ihnen helfen?“ lächelte Elise.

„O, wenn Sie das wollten,“ bat Florian leidenschaftlich, „noch bleibt uns vielleicht eine Stunde Zeit.“

„Haben Sie Ihr Manuscript bei sich?“

„Die Gedanken sind noch nicht aufgeschrieben,“ erwiderte Florian, dem jetzt ungefähr so zu Muthe war, als ob er auf einem durchgehenden Pferde säße, und es eben laufen lassen müsse -- „nur im Kopf trage ich sie herum, noch ohne Form und Gestalt, und Ihr Rath sollte ihnen eben Leben verleihen.“

„Das verstehe ich nicht ganz,“ sagte die junge Dame erröthend, „wie kann ich Ihnen einen Rath geben oder mir denken, was jene andere Dame geantwortet haben würde, wenn ich nicht vorher lesen kann, was ihr Geliebter gesagt?“

„Und wenn wir es nun dramatisch aufführten,“ fragte Florian, und es war, als ob ihm bei dem scharfen Ritt seines Durchgängers der Athem versetzt würde.

„Dramatisch?“

„Wir spielen die Scene durch,“ sagte Florian und mußte sich Mühe geben, die Worte über die Lippen zu bringen.

„Und liebt sie ihn denn auch?“ lächelte Elise.

„Ja das weiß er ja noch gar nicht,“ erwiderte Florian, „gerade diese Ungewißheit und -- der drängende Augenblick -- denn die Geliebte soll ihm gerade durch einen harten Vormund entrissen werden -- treibt ihn zu der Erklärung und eben von der Antwort derselben hängt das ganze weitere Schicksal seines -- des Romans eben ab.“

„Also dann beginnen Sie,“ nickte Elise, still vor sich hin lächelnd; „schade nur, daß Bertha nicht da ist, die könnte mich unterstützen.“

Florian war darin anderer Ansicht, aber in diesem Augenblick wirbelte es ihm auch durch Kopf und Herz; er wechselte in dem Ansturm seiner Gefühle mehrmals die Farbe, und wieder kam ihm die schon frühere Empfindung des Erstickens, bis er endlich entschlossen die Zähne aufeinander setzte. Es _mußte_ sein, und mit dem Bewußtsein griff er den abgelegten Hut wieder auf, that als ob er eben erst in die Thüre träte und sagte:

„Mein Fräulein, der Drang des Augenblicks mag mein plötzliches Erscheinen entschuldigen. Aber die furchtbare Nachricht hat mich ereilt, daß Sie uns verlassen wollen, und nicht vermochte ich in dem Bewußtsein der Leere, die fortan mein ganzes Leben ausfüllen würde --“

„Aber bester Herr Heldenstern,“ unterbrach ihn lächelnd Elise -- „ich bin allerdings der deutschen Sprache nicht so vollkommen mächtig, aber -- kann man denn mit _Leere_ etwas ausfüllen?“

Florian war durch die Zwischenfrage ganz aus seinem Concept gekommen. Was lag jetzt an einem Worte, an einer Redensart, wo sein ganzes Lebensglück auf dem Spiele stand, und Elise saß ihm dabei so ruhig gegenüber. Sollte er sich getäuscht haben? sollte sie nicht ahnen, was in seinem Herzen vorging, und wie das Geständniß seiner „unsagbaren“ Liebe eben im Begriffe sei, über seine Lippen zu quellen?

„Sie haben Recht, mein Fräulein,“ stammelte er, „aber entschuldigen Sie den falschen Ausdruck mit der Erregung des Augenblicks -- ich wußte nicht, was ich sagte -- ich weiß es noch nicht -- aber nur Eines -- Eines auf dem ganzen Erdenrunde weiß ich,“ rief er -- und jetzt ging der Renner wieder ordentlich mit ihm durch, denn er warf sich leidenschaftlich dem verführerischen Wesen zu Füßen -- „Eins nur, daß ich Sie liebe und anbete -- daß ich nicht leben kann ohne Sie, daß ich verzweifeln müßte, wenn Sie sich jetzt in diesem Augenblicke von mir abwenden und mich in mein leeres Nichts zurückstoßen würden.“