Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 15
„Halloh! die Spessartleute!“ schrie ihnen eine tiefe Baßstimme jubelnd entgegen -- „das ist gescheidt und gerade noch zur rechten Zeit. Hurrah! wie geht’s, alter Buschläufer -- was treibt Ihr da drüben in Eurem Waldwinkel?“ -- Und ein großer stattlicher Mann mit einem sonngebräunten Gesicht, aber dem freundlichsten Lächeln in den guten Zügen, kam ihnen entgegen und streckte beide Hände nach den alten Leuten aus.
Es war der Oberförster Böckler selber, der seine nur etwas entfernten Nachbarn auf das Herzlichste begrüßte und mit Handschütteln fast gar nicht wieder aufhören wollte, bis sein Blick auf den etwas hinter ihnen stehenden Raischbach fiel und er sich rasch an diesen wandte.
„Alle Wetter!“ rief er, „da ist ja auch unser Wilddiebsschütze, unser Forstgehülfe von drüben -- Herr Raischbach oder wie er heißt. Herzlich willkommen, junger Freund, freut mich aufrichtig, Ihnen einmal die Hand zu schütteln, denn Sie haben sich nicht allein das Diebsgesindel selber vom Leib gehalten, sondern uns auch hier unten Luft damit gemacht.“
„Bitte um Verzeihung, Herr Oberförster!“ fiel aber hier die alte Dame ein. „Nichts mehr mit Forstgehülfe, wenn’s gefällig ist. Habe die Ehre, Ihnen den seit gestern wohlehrbaren Herrn Förster Raischbach vorzustellen!“
„Förster geworden, hah? na das ist recht!“ rief Böckler vergnügt; „da gratulir’ ich von Herzen, und das hat er sich auch wahrhaftig ehrlich und sauer genug verdient. Aber jetzt dürfen wir uns hier nicht länger mit Redensarten aufhalten, denn die jungen Leute da drin werden mir sonst ungeduldig und meine Alte zappelt sich schon seit einer Stunde ab, um fertig zu werden und zum Aufbruch zu blasen. Erst trinken wir aber noch ein Glas Wein und dann kann die Geschichte meinetwegen losgehen.“
Er führte auch seine Gäste jetzt ohne Weiteres ins Haus, und Raischbach schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust, als er die Schwelle überschritt, auf welcher er sein Traumbild jetzt mehr zu finden fürchtete als hoffte. Zuerst mußten sie aber noch die Begrüßung der Frau Oberförsterin mit durchmachen, die, während ihr Mann in seine gewöhnliche Sonntagsjoppe gekleidet ging, den höchstmöglichen Staat angelegt hatte und mit Bändern und Schleifen fast bedeckt schien -- war es doch auch der Ehrentag ihres einzigen Kindes.
Und jetzt betrat das Brautpaar das Zimmer, und der Alte stellte sie mit launiger Förmlichkeit vor. --
„Herr Doktor Westphal aus Kassel als Bräutigam und Fräulein Marie Böckler aus dem Bau als Braut -- und hier Herr Förster Buschmann, direkt aus dem Urwald, mit Gemahlin, eben so wie der neue Herr Förster Raischbach von ebendaselbst.“
Die Braut war ein liebes holdes Kind von kaum achtzehn Jahren, eigentlich fast zu zart für eine Försterstochter, aber mit treuen lichtblauen Augen und blonden Haaren, auf denen jetzt der Myrtenkranz ruhte, während ein schneeweißes, duftiges Kleid ihre schlanke Gestalt umschloß -- aber Raischbach sah ein vollkommen fremdes Gesicht vor sich. _Dem_ Mädchen war er nie im Wald begegnet -- das war nicht „seine Maid aus dem Bau“, und so verlegen stand er ihr in dieser plötzlichen Enttäuschung gegenüber, daß er kaum im Stande war, die freundlich nach ihm ausgestreckte kleine Hand zu nehmen, um die Begrüßung zu erwiedern.
Also doch nur ein Traum das Ganze -- und jene Begegnung im Wald? -- damals konnte er ja doch nicht geträumt haben, wo er, Morgens auf dem Pirschgang, bei vollkommen kaltem Blut, das junge fremde Mädchen draußen angetroffen.
„Aber wo steckt denn nur eigentlich die Margareth?“ sagte da die Frau Oberförsterin fast ärgerlich -- „schon seit einer vollen Stunde habe ich sie mit keinem Auge gesehen.“
„Die wird sich in ihren Staat werfen,“ lachte der Oberförster. „Hast Du doch selber heute Morgen drei volle Stunden zu dem Deinigen gebraucht, Alte.“
„Fehlgeschossen, Herr Onkel!“ rief da plötzlich eine lachende Mädchenstimme, und als sich Raischbach blitzschnell darnach umdrehte, hätte er laut aufjubeln mögen vor Lust und Seligkeit, denn vor ihm, das Gesicht aber jetzt wie mit Purpur übergossen, stand sein „Waldweible“, die er monatelang vergebens gesucht, mit einem frischen Waldblumenkranz im Haar, und sah in ihrer halben Verlegenheit so frisch, so lieblich aus, daß er hätte auf sie zuspringen und sie vor allen Leuten an’s Herz drücken mögen -- ein ganz natürliches Gefühl übrigens, das andere Menschen wohl ebenfalls dann und wann überkommt, wenn sie einem so lieben Mädchengesicht begegnen -- selbst wenn sie noch nicht so viel und oft davon geträumt haben wie der junge Forstmann.
„Hoho!“ rief da der alte Oberförster, „unsere wilde Hummel, die, wie mir scheint, den ganzen Wald geplündert hat, um sich einen Kranz daraus zu flechten.“
„Ja, und Bergnelken auch,“ sagte die Frau Oberförsterin, „und da bist Du wieder an dem steilen Hang hinaufgeklettert, was Dir der Onkel schon so oft verboten hat, denn das ist der einzige Platz, an dem sie hier in der Nähe wachsen.“
„Aber heute, an Mariens Ehrentag, durften sie doch nicht fehlen!“ lächelte das junge Mädchen.
„Ist das eine Nichte von Dir, Böckler?“ frug ihn Buschmann.
„Fräulein Margareth Böckler, meines Bruders, des Försters Böckler in Schmalkalden, ehrsame, aber etwas sehr wilde Tochter,“ stellte sie der Alte vor, „die uns schon einmal vor etwa einem Jahr besucht hat und jetzt zur Trauung meiner Marie wieder herübergekommen ist. -- Hier, Grethel, Herr Förster Buschmann mit Frau, und den neugebackenen Förster Raischbach kennst Du ja wohl schon, denn Du wußtest wenigstens seinen Namen.“
War das junge Mädchen schon vorher etwas verlegen gewesen, so goß sich ihr jetzt plötzlich tiefe Röthe über Wangen und Nacken, aber trotzdem lächelte sie und sagte schelmisch: „Der Herr Förster hat sich mir einmal selber im Walde vorgestellt, als ich mich verirrt hatte und nicht mehr wußte, wohin ich mich wenden sollte.“
„Da bist Du an den Rechten gekommen,“ lachte der Oberförster, „der spürt alles Fremde auf, was in sein Revier kommt, und daß er Dich damals nicht gepfändet hat, ist ein reines Wunder.“
Raischbach konnte kein Wort erwiedern, es war, als ob ihm Jemand die Kehle zuschnüre; aber die alte Dame kam ihm zu Hülfe, denn die Gäste konnten unmöglich den wohl viertelstündigen Weg in die Dorfkirche antreten, ohne vorher, nach ihrem langen Marsch, einen Imbiß genommen zu haben. Stand doch auch Alles schon seit frühem Morgen dazu bereit, und dem Nöthigen zum Essen und Trinken mußte jetzt jede andere Unterhaltung weichen.
Dann ordnete sich der Zug zur Kirche, nach altem Gebrauch. Voran der Bräutigam mit der Braut. Hinter diesen der Oberförster und Margareth als Brautführer, dann die Uebrigen, wie sie sich eben zusammenfanden, mit jungen Mädchen aus dem Dorf, die herübergekommen waren, um Marie abzuholen. Die Trauung selber dauerte allerdings etwas lang, da es der Dorfgeistliche für seine Pflicht hielt, ehe er zu der wirklichen feierlichen Handlung überging, den beiden Brautleuten einen kurzen Ueberblick von der Erschaffung der Welt und der ganzen biblischen Geschichte zu geben; aber sie nahm doch auch ein Ende, und nun begann der fröhliche Heimzug und das Hochzeitsmahl im Försterhause, bei dem der große eichene Tisch unter der Last der aufgetragenen Speisen ordentlich ächzte.
Also deßhalb hatte Raischbach das Mädchen in der ganzen Zeit nicht gesehen -- nur zum Besuch war sie damals da gewesen, und jetzt erst in den „Bau“ zurückgekehrt? Und wie freundlich sie gegen ihn war -- aber auch wie scheu, denn sie wich ihm aus, wo sie immer konnte, und doch gestand sie ihm noch an demselben Nachmittag, daß sie am Morgen auf dem Fußpfad oben am Hügel gewesen wäre und gesehen hätte, wie sie „von drüben herüber“ kamen. -- Hatte sie ihn wirklich erwartet? -- o, wie glücklich wäre er gewesen, wenn er das hätte glauben dürfen.
Das Mittagessen war vorüber, und Abends wurde natürlich ein kleiner Ball arrangirt, wenn man auch nur einen Geiger und einen Flötenbläser zum Musikkorps hatte. Raischbach tanzte fast nur mit Margarethen -- wie lieb er schon den Namen hatte -- und als sie den Heimweg endlich antraten, da Buschmann nicht bewogen werden konnte, im „Bau“ über Nacht zu bleiben, gingen ihm so viele Dinge im Kopf herum, daß er fast wie ein Trunkener durch den Wald schwankte und von seinem alten Förster weidlich ausgelacht wurde, da er, statt den Pfad zu der Forstei einzuschlagen, in den schmalen Weg bog, der nach dem Fuchsbau hinüberführte.
Innerhalb drei Tagen, so lautete das Schreiben, das ihm seine Beförderung angekündigt hatte, sollte er sich bei dem Oberforstamt melden, um dort seine definitive Anstellung als Förster entgegen zu nehmen -- wie kurz war die Zeit, die er da auf seine eigenen Angelegenheiten verwenden konnte, denn fast zu der nämlichen Frist mußte Margareth, wie sie ihm an dem Abend gesagt, nach Hause zurückkehren. Aber Raischbach war nicht der Mann, der sich eine einmal aufgespürte Beute so leicht hätte entgehen lassen.
Schon am nächsten Tag, da ihn sein Dienst jetzt nicht mehr an die Forstei band, wanderte er wieder nach dem „Bau“ hinüber, und es war erst spät Abends, als er von dort zurückkehrte -- so spät, daß er Buschmann nicht einmal mehr sprechen konnte.
Am nächsten Tag mußte Margareth heimwärts reisen und Raischbach ebenfalls seinen Marsch antreten, um zur rechten Zeit beim Oberforstamt einzutreffen. Hier wurde er sehr freundlich begrüßt, und da erst vor kurzer Zeit eine recht gute Forstei erledigt worden, rückte er mit einem Gehalt, der seine kühnsten Hoffnungen noch überstieg, in dieselbe ein.
Buschmann’s hörten von da ab, da sein neuer Wohnplatz sehr entfernt von ihnen lag, lange nichts mehr von ihm, und nicht einmal geschrieben hatte er, obgleich er ihnen das fest versprochen; aber du lieber Gott, Buschmann war ihm deßhalb nicht böse, denn er wußte gut genug aus eigener Erfahrung, wie ungern Jäger -- wenn nicht dazu gezwungen -- eine Feder in die Hand nehmen und einen Brief fertig bringen. Es ist etwas Unnatürliches und wird eben so lang als irgend möglich hinausgeschoben.
So war fast ein volles Jahr vergangen, als eines Tages, es war ein Sonntag, und der alte Förster deßhalb sicher zu Hause, ein kleiner, leichter Einspänner, dessen Kutscher ganz entsetzlich mit der Peitsche knallte, den Waldweg herauffuhr.
Wenn es nun etwas in der Welt gab, was Förster Buschmann nicht leiden konnte, so war es Peitschenknallen oder überhaupt irgend ein Lärm im Wald, der, wie er manchmal äußerte, sein feierliches Schweigen bewahren müsse, oder es sei eben kein Wald mehr, sondern nur ein Bauernholz. Seinen Holzfuhrleuten war es deßhalb auch auf das Strengste verboten, und er litt es überhaupt von keinem durchziehenden Kärrner, ohne wenigstens entsetzlich grob zu werden und ihnen auch gar nicht selten zu drohen, daß er ihnen „die Peitsche aus der Hand schießen würde“. -- Das half gewöhnlich, denn da die Leute nicht glaubten, daß er den dünnen Peitschenstiel treffen würde, so war es nachher vollkommen unsicher, wohin die Kugel schlagen könne, und sie unterließen es wenigstens in seiner Nähe.
Buschmann saß gerade vor dem Haus unter der alten Linde und trank mit seiner Frau Kaffee, denn der neue Forstgehülfe, den er hatte und den das Leben auf der einsamen Forstei langweilte, war in den nächsten Ort zu Bier gegangen. Da hörte er das ganz unsinnige Peitschenknallen des Einspänners, der sich jedenfalls nur hierher verfahren hatte und nun den lästerlichen Skandal machte, um Jemanden herbeizurufen und auf den rechten Weg gebracht zu werden. Der kam dem Alten aber gerade recht, denn er war just nicht in besonderer Laune und hatte sich schon irgend etwas gewünscht, an dem er seinen Grimm auslassen konnte. Zuerst fuhr er empor und horchte; wie er sich aber über den Laut nicht mehr täuschen konnte und der Einspänner auch bald darauf in Sicht kam, sprang er auf, rannte ihm entgegen und überschüttete nun den Kutscher mit einer solchen Fluth von Verwünschungen und Flüchen, daß das Pferd fast scheu wurde und der arme Teufel bestürzt auf seinem schmalen Bock saß. Es sah auch in der That so aus, als ob der alte Mann jeden Augenblick über ihn herfallen werde, und kräftig genug schien er, um das ganze Gefährt in den Busch zu werfen.
„Hurrah!“ jubelte da plötzlich in den Ingrimm hinein eine laute lachende Stimme, „hab’ ich’s mir doch gedacht, daß er beim Peitschenknallen wie der Bock auf’s Blatt anläuft -- Hurrah, Vater Buschmann, kennen Sie mich nicht mehr?“
Und heraus aus dem Wagen sprang Raischbach und schüttelte dem erstaunten alten Mann herzlich die Hand. Dieser aber, so sehr er sich freute, seinen alten Forstgehülfen wieder begrüßen zu können, sagte ihm kaum ein Wort, denn er bemerkte jetzt erst, daß er nicht allein in dem Einspänner gesessen habe. Eine jugendliche schlanke Frauengestalt sprang hinter ihm her aus dem kleinen Wagen und mit einem Freudenruf auf ihn ein: „Herr Förster Buschmann!“
„Soll mich der Teufel holen, die Margareth!“ rief der Alte ganz verdutzt aus.
„Frau Försterin Raischbach,“ stellte sie aber der junge Mann jetzt förmlich vor, als nun auch die Frau Försterin und die alte Lisei, die eben das Kaffeezeug abräumen wollte, herankamen um zu sehen, was es da gäbe. Gehörte doch ein Fremder auf der Forstei ohnedies zu den größten Seltenheiten, und die Frauen bekamen jetzt die schönste Gelegenheit, um die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. -- Aber das war nun auch ein Gratuliren und Wünschen und Küssen und Drücken und Erzählen, und die Lisei stürzte vor allen Dingen in die Küche, um wieder einen frischen Topf mit Kaffee anzusetzen.
Raischbach mußte indeß erzählen, wie es so rasch mit seiner Heirath gekommen sei, und da erfuhren sie denn, daß er, als er sich von Margareth wieder getrennt sah, kurzen Prozeß gemacht habe und selber nach Schmalkalden hinübergefahren sei, um bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Vor vierzehn Tagen sei nun Trauung gewesen und sie selber noch auf der Hochzeitsreise, und jetzt wollten sie, ehe sie nach Hause zurückkehrten, erst ihre Freunde im Spessart und -- den alten Platz besuchen, wo sie sich zum ersten Mal gesehen.
„Und was für ein hübsches Frauchen haben Sie sich ausgesucht, Herr Förster,“ sagte die alte Lisei, die mit gefalteten Händen vor dem jungen Paar stand und es mit ordentlich mütterlicher Liebe betrachtete.
„Ja, Lisei,“ lachte Raischbach, „das ist aber auch kein gewöhnliches Menschenkind, sondern ein echtes Waldweible, das ich mir aus dem Fuchsbau geholt und zu meiner Frau gewonnen habe, und die kennt den wilden Jäger, den Grafen Hackelnberg, den Hans Jagenteufel, die schöne Berchta und die alte Urschel ganz genau, von Jugend auf.“
„Gott sei uns gnädig!“ sagte die alte Frau erschreckt, denn sie hielt etwas Derartiges gar nicht etwa für unmöglich. Margareth aber ging zu ihr, reichte ihr lächelnd die kleine Hand und sagte herzlich: „Glauben Sie dem wilden Menschen kein Wort. Fühl’ ich mich an wie eines von den Gespenstern, die er in seinem Fiebertraum gesehen? Aber am Fuchsbau, wie der Platz ja wohl heißt, hat er mich allerdings im Wald gefunden, und eines Försters Kind und Frau bin ich auch, also ein Waldweible, wenn wir’s so nennen wollen.“
„Und erinnern Sie sich noch, Herr Förster,“ rief da Raischbach, „was Sie mir an dem Morgen, wo ich den Prachtbock geschossen hatte, sagten? -- ich habe die Worte bis auf den heutigen Tag nicht vergessen: ‚Heute sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach,‘ meinten Sie, ‚denn daß Sie dem Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist.‘ -- Nun, das hab’ ich an dem nämlichen Tag gethan, und wie Sie sehen, hier das große Loos gewonnen.“
Es bleibt kaum noch etwas zu erzählen. Daß Raischbach und seine junge Frau „im Bau“, wohin er mit ihr am nächsten Morgen zu Fuß hinüberging und ihr dabei auch unterwegs die Stelle zeigte, wo er damals in den Fels gekrochen -- mit Jubel empfangen wurde, versteht sich von selbst. Drei volle Tage blieb er auch dort und bei Buschmann’s, und erst als sein Urlaub abgelaufen war, fuhr das junge Paar durch den schönen rauschenden Wald, und jetzt nur Glück und Liebe im Herzen, der Heimath -- dem „eigenen Herd“ entgegen.
Der ältliche Herr.
Eine Badeskizze.
In Bad Ems stand die Saison in voller Blüthe und der Platz war seit langer Zeit nicht so besucht gewesen, wie in diesem Jahre. Dazu begünstigte das außerordentlich freundliche Wetter nicht allein die Kur, sondern verstattete auch den Patienten, oder besser gesagt Badegästen, die weitesten Ausflüge in die Nachbarschaft, in der sich reizende Partieen nach allen Seiten machen ließen.
Früh Morgens wogte dann auch -- während die nassauische Militairmusik unermüdlich, von ihrem Dirigenten selbst componirte Potpourris spielte -- die Schaar der Lustwandelnden auf der Promenade auf und ab, während Mittags und Nachmittags -- bis das Abendconcert wieder begann, der Hauptplatz wie ausgestorben schien.
Das war dann die Zeit, wo die geputzten Menschen -- auf Eseln oder zu Fuß -- in die schattigen Berge hinaufkletterten, um auf den Höhen zu lagern und von dort den sonnigen Badeplatz aus der Vogelperspective zu betrachten.
Nur im Spielsaale wurde es nicht leer. Die Gier nach dem dort roulirenden Gold regte die Leidenschaften auf, und was das heilkräftige Wasser am Morgen genützt, zerstörte Mittags wieder der grüne Tisch. -- Was kam auch eigentlich darauf an, ob die Kranken das Bad _geheilt_ verließen -- die Actien der Spielbank stiegen von Jahr zu Jahr, und daß Schweiß und Blut an dem Gelde klebte, machte dem französischen Gesindel und seinen vornehmen Beschützern wenig Sorgen.
Wol muß einmal die Zeit kommen, wo dieser Fluch unserer Civilisation ausgerottet und jene Bande von Croupiers aus dem Lande und über ihre Grenze gejagt wird, und dann werden wir nicht begreifen können, wie es möglich war, sie so lange zu dulden. Jetzt aber grünt und blüht sie noch in unseren reichsten Gauen, und wenn sie im Herbste ihre geldgefüllten Koffer nach Frankreich hineinschleppt, lacht sie der Thoren, die sie auf der Leimruthe gefangen und gerupft.
Gott bessere es!
In Ems, wie im ganzen nassauischen Lande blühte ihr Geschäft aber noch flott, und während draußen der helle Sonnenschein auf den Bergen lag, und die Vögel zwitscherten und sangen und der blaue Himmel sich über die Erde spannte, drängte sich ein dichter Schwarm von Spielern um den grünen Tisch im reich geschmückten Saale, um mit lautlosem, peinlichem Schweigen den Urtheilssprüchen zu lauschen, die ihnen Glück oder Unglück kündeten.
Aus dem Saale trat ein junger Mann -- er sah bleich und erregt aus und der stiere Blick flog unstät über den freien Raum. Grade in der Thüre begegnete er einer Gruppe von Herren und Damen, die eben die Spielhölle betreten wollten. Er sah sie aber gar nicht und drängte sich, die glanzlosen Augen am Leeren haftend, zwischen ihnen durch auf die Promenade.
Die Gesellschaft blieb stehen und sah ihm nach.
„Der hat verloren,“ lächelte ein Elegant mit einem spitzen Schnurr- und Knebelbarte -- „aber er scheint noch ein Neuling zu sein, denn einem alten Spieler würde man es nicht ansehen dürfen.“
„Armer junger Mensch,“ flüsterte die eine Dame mitleidsvoll.
„Bah -- weshalb spielt er,“ sagte der Erste wieder; „aber lassen Sie uns eintreten, meine Damen, wir bekommen sonst keinen Platz am Tische.“
Die Gesellschaft verschwand im Saale und der junge Spieler -- so wenig seiner selbst bewußt, daß er nicht einmal den Hut draußen aufsetzte, sondern ihn noch immer in der Hand behielt, schnitt quer durch die Stühle und Tische am Promenadenplatze hin, rechts an den Kurgebäuden vorüber, der kleinen eisernen Brücke zu, die über die Lahn nach dem anderen Ufer hinüberführte.
Dicht vor der Brücke überholte er einen ältlichen Herrn mit zwei Damen, aber er sah oder beachtete sie gar nicht. Mit raschen Schritten eilte er über die Brücke, bis er etwa die Mitte derselben erreicht harte, warf dort zuerst einen Blick über das Geländer in die Fluth hinab, dann sah er sich wie scheu um, ließ plötzlich seinen Hut fallen, ergriff das Geländer mit beiden Händen, schwang sich hinauf und verschwand im nächsten Augenblicke in der über ihm zusammenschlagenden Fluth.
Die beiden Damen, welche indessen mit ihrem Begleiter ebenfalls die Brücke betreten hatten und unmittelbare Zeugen des Ganzen gewesen waren, stießen einen lauten Schrei aus, und sahen nur noch, wie vom anderen Ende der Brücke ein junger Mann, der den Vorgang ebenfalls bemerkt haben mußte, im flüchtigen Laufe herbeiflog, an der Stelle angelangt ohne Weiteres seinen Strohhut zu Boden warf, seinen Rock abstreifte, und sich dann, ohne auch nur einen Moment zu zögern, ebenfalls von der Brücke hinab in die Lahn warf.
Die beiden jungen Damen eilten jetzt der Stelle zu, um zu sehen, ob das Rettungswerk des wackeren Helfers gelingen würde; der ältere Herr dagegen, der die Sache viel kaltblütiger zu nehmen schien, folgte ihnen weit langsamer und blieb endlich am unteren Geländer stehen, um den Verfolg des kleinen Abenteuers von dort, wo er sich gerade befand, zu beobachten.
Uebrigens schien die verzweifelte That des Unglücklichen von beiden Ufern des kleinen Stromes aus gleichzeitig bemerkt zu sein, denn von beiden Seiten eilten Leute herbei und aus dem dicht am Ufer stehenden Polizeigebäude sprangen ein Paar Polizeidiener hinab und in ein dort befestigtes Boot, um wo möglich den Selbstmord zu vereiteln. Sie wären aber doch vielleicht zu spät gekommen, hätte der junge Fremde, der ein rüstiger Schwimmer schien, nicht den Unglücklichen schon gefaßt und, trotz seines Sträubens, über Wasser gehalten. Vergebens aber suchte er mit ihm das dort außerdem hoch ummauerte Ufer zu erreichen, und dabei kam ihm denn endlich das Boot zu Hülfe. Rasch erfaßte er dessen Rand und hielt jetzt den Unglücklichen so lange, bis ihn die beiden Diener der öffentlichen Sicherheit ebenfalls ergreifen und in das Boot ziehen konnten. Der Fremde folgte dann nach, und etwas weiter unterhalb landeten sie, um jetzt den jungen verzweifelten Menschen, der aber nicht den geringsten Widerstand mehr leistete, auf die Polizei abzuführen, damit er sich dort verantworte.
Wenn ihm die Sicherheitsbehörde auch das volle Recht eingeräumt oder doch wenigstens in der Spielhölle die Gelegenheit geboten hatte, über sein eigenes oder anvertrautes Geld zu verfügen, so schien sie ihn vollständig mit der Gewalt über sein eigenes Leben beschränken zu wollen. Er hatte zu einem Selbstmorde in Nassau keine polizeiliche Erlaubniß.
Indessen breitete sich die Nachricht über das beabsichtigte Vergehen blitzschnell in der Nachbarschaft aus. In einem Badeorte hat, die Kellner und Köche ausgenommen, Alles Zeit, und selbst das unbedeutendste Außergewöhnliche ist willkommen, um für einen Moment die Monotonie des Badelebens zu unterbrechen.
An beiden Ufern sammelten sich die Neugierigen, und als der wieder auf’s Trockene gebrachte arme Teufel abgeführt wurde, drängten die auf der anderen Seite Befindlichen rasch über die Brücke, um den interessant gewordenen jungen Mann auch einmal in der Nähe zu betrachten und nachher genau erzählen zu können, wie er ausgesehen habe.
Die beiden jungen Damen hatten indessen neben dem abgeworfenen Rocke und Hute des Fremden gestanden, was Beides noch auf dem Boden lag. Die Jüngste von ihnen bemerkte aber in der aufgekehrten Brusttasche des Rocks eine grünsaffiane Brieftasche, und als die vielen Leute vorüber eilten und Einige sogar auf den Rock traten, bückte sie sich unwillkürlich und hob ihn und den Hut auf. Der edle junge Mann, der so rücksichtslos sein Eigenthum von sich geworfen hatte, nur um einem anderen, jedenfalls fremden Menschen zu helfen und ihn zu retten, durfte doch nicht auch noch, als Dank für seine wackere Gesinnung, zu Schaden kommen. Es war das Wenigste, was sie für ihn thun konnten, daß sie Acht auf das Verlassene hatten.
Ihr älterer Begleiter kam jetzt ebenfalls heran und lächelte spöttisch, als er die junge Dame mit dem Rock und Hut des Fremden auf der Brücke stehen sah.
„Du siehst wirklich gut aus, Elise,“ sagte er, „und trägst Deine Last mit Würde.“