Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 14
Raischbach sah sie Alle der Reihe nach erstaunt an und würde es nicht um eine Idee wunderbarer gefunden haben, wenn in dem Moment die Thür aufgegangen und Graf Hackelnberg, der wilde Jäger, ebenfalls hereingetreten wäre und gesagt hätte: „Guten Abend, Herr Förster, wie befinden Sie sich?“ Ueberhaupt waren ihm in der letzten Zeit so wirre und wilde Bilder durch den Sinn gegangen, daß er Traum und Wachen kaum von einander unterscheiden konnte, und er mochte auch wohl bei der Anrede ein ganz verzweifelt verdutztes Gesicht gemacht haben, denn der alte Förster lachte laut auf und rief: „Nun, mein lieber Herr Förster, Sie sehen ja gerade so verdutzt aus wie ein Hirsch, der gegen das Zeug anrennt und nicht daraus klug werden kann, was ihm da auf einmal im Weg steht. Sie glauben’s am Ende gar nicht?“
„Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch glauben soll,“ sagte Raischbach endlich, -- „aber warum nennen Sie mich denn alle ‚Herr Förster‘, als ob ich im Wald draußen umgewechselt wäre?“
„Sind Sie auch,“ lachte der Alte, „sind Sie auch, mein lieber Herr Förster -- rein umgewechselt oder aus der Puppe gekrochen, denn aus dem Forstgehülfen ist plötzlich, mit Hülfe dieses kleinen Stückes Papier, ein stattlicher Förster ausgekrochen, den ich von jetzt an ‚Herr Kollege‘ nennen kann.“ Und damit hielt der alte Jäger Raischbach einen großgesiegelten Brief vor, auf dem mit klaren deutlichen Worten stand:
Sr. Wohlgeboren dem Herrn Förster Bernhard Raischbach.
Jetzt ließ sich aber die Frau Försterin nicht mehr länger halten, sondern gratulirte mit herzlichen Worten dem jungen Manne zu seiner so wohlverdienten Beförderung. Auch Buschmann selber holte ein erhaltenes Schreiben vor -- denn der Brief an den neuen Förster war in dieses eingeschlossen gewesen -- und las ihm daraus eine Stelle des Oberforstamts vor, in welchem sich die Herren sehr günstig über die von Raischbach bewiesene Thätigkeit und dessen persönlichen Muth den Wilderern gegenüber aussprachen und ihm deßhalb, in Anerkennung seiner Verdienste, die Beförderung zusandten.
Aber die alte Lisei mahnte, daß der Kaffee ganz kalt würde, wenn sich die „Leutchen“ nun nicht bald zu Tisch setzten, und die Frau Försterin fuhr auch gleich geschäftig in der Stube herum, rückte die Stühle zurecht, klirrte mit den Tassen und schenkte ein, so daß an ein längeres Zögern nicht zu denken war.
Allerdings that es den alten Leuten wohl leid, daß sie den jungen wackern Mann jetzt bald verlieren sollten, denn mit dem neuen Rang verstand es sich auch von selbst, daß er eine eigene Forstei bekam, aber das war ja doch nicht zu ändern, und seinem Glück mochten sie nicht einmal mit einem Wunsche im Wege stehen.
Wohin er nun versetzt werden würde, wußten sie freilich nicht; im Brief stand, daß er darüber in den nächsten Tagen eine Anordnung bekommen sollte, aber weit weg war’s gewiß, denn so nahe lagen die Forsteien nicht neben einander in dem wilden Waldland. Daran ließ sich auch nichts ändern, und das mußte eben abgewartet werden -- besuchen konnte man sich ja doch wohl dann und wann einmal, und Raischbach versprach schon heilig, daß er herüber kommen wolle, und wenn sie ihn an’s andere Ende des Staates brächten -- den Spessart vergäße er im ganzen Leben nicht.
„Apropos, Raischbach,“ sagte der Förster Buschmann -- „beinah hätt’ ich’s vergessen. Kennen Sie denn den Oberförster Böckler im Hessischen drüben? Das hab’ ich ja gar nicht gewußt.“
„Ich? -- nein!“ sagte Raischbach kopfschüttelnd -- „seit ich hierher versetzt wurde, bin ich erst ein einziges Mal über die Grenze gekommen, und das war damals, wie wir Nachts den angeschossenen und drüben verendeten Hirsch herüberholten -- hab’ mich aber dabei wohl gehütet, den Oberförster aufzusuchen.“
„Ja, ich weiß wohl,“ lachte der Alte. „Die Geschichte hätte Ihnen auch bös bekommen können -- na, es ist gut abgelaufen und vorbei -- aber der Oberförster -- ein alter Freund von mir, wenn wir uns auch über Jahr und Tag nicht gesehen haben, kennt Sie doch.“
„Mich?“ sagte Raischbach mit dem Kopf schüttelnd; „das ist wohl kaum möglich -- woher sollte er mich kennen?“
„Ja, das weiß ich auch nicht,“ meinte Buschmann, während er den Kuchenteller zurückschob und die Pfeife wieder vorholte -- „aber morgen hält seine einzige Tochter Marie Hochzeit, und da hat er heute einen expressen Boten herübergeschickt, um mich und meine Alte und den ‚Forstgehülfen Raischbach‘ dazu einzuladen -- da liegt der Brief, die Braut muß ihn selber geschrieben haben, denn Böckler hat seinen Kindern eine gute Erziehung gegeben, und die Buchstaben sehen ordentlich wie gedrechselt aus.“
Dabei reichte er dem jungen Mann den Brief, den jedenfalls eine Frauenhand geschrieben, und dieser las in der That zu seinem Erstaunen den eigenen Namen, wie es schien, absichtlich mit großer Deutlichkeit ausgeführt und noch außerdem besonders -- wenn auch nur ganz fein -- unterstrichen.
„Das ist ja doch merkwürdig!“ sagte er; „und wo wohnen denn die Leute? -- weit von hier?“
„Gar nicht so weit,“ sagte Buschmann, „vielleicht eine halbe Stunde Wegs über der Grenze drüben bei Hettenbach im sogenannten Bau.“
„Im Bau?“ rief Raischbach, erschreckt emporfahrend.
„Das Thal heißt so,“ nickte der Alte, „wo die Forstei liegt, weil es von beiden Seiten eng eingeschlossen ist und das Haus selber, besonders wenn man in die Nähe kommt, so aussieht, als ob es in einem grünen Gewölbe stäke. Es ist wirklich ein reizender Platz und schon der Mühe werth, daß man ihn einmal besucht.“
„Im Bau!“ wiederholte Raischbach noch einmal, aber mehr zu sich selber als dem Alten redend: „das ist doch sonderbar -- und seine Tochter heißt Marie und macht morgen Hochzeit?“
„Da steht ja die ganze Geschichte im Brief. Sie heirathet aber aus dem Wald hinaus, einen Doktor, und mir wär’ das nicht recht, wenn ich Töchter hätte. Mich wundert’s, daß es der alte Böckler gelitten hat.“
„Er wird’s nicht haben hindern können, Vater,“ nickte freundlich die alte Frau. „Wenn sich ein paar junge Leute erst einmal lieb und ihr Brod haben, wer kann sie da auseinander halten? -- Aber nicht noch eine Tasse, Herr Förster? -- Sie haben ja beinah gar nichts getrunken.“
„Ich danke wirklich, Frau Försterin!“
„Oder wenigstens noch ein Stückchen Kuchen.“
Der junge Mann hatte sein Aeußerstes an Essen und Trinken gethan -- es war auch spät geworden, und nachdem er seine Pfeife ebenfalls in Brand gebracht, zog er sich bald darauf, unter dem Vorgeben, heute Abend besonders müde zu sein, auf sein Zimmer zurück. Die Frau Försterin rief ihm aber noch nach, sich morgen früh ja um zehn Uhr etwa bereit zu halten, daß sie dann zusammen nach Böckler’s hinübergingen, weil er allein gar nicht den Weg gefunden hätte. Länger durften sie auf keinen Fall warten, sonst kamen sie zu spät, denn um zwölf Uhr sollte die Trauung sein und anderthalb gute Stunden hatten sie zu gehen.
[D] Abwurf ist das Geweih, was Hirsch oder Rehbock im Winter verliert, um im Frühjahr wieder neue Stangen anzusetzen.
Achtes Kapitel.
Der Bock.
Raischbach konnte an dem Abend fast gar nicht einschlafen, so gingen ihm die heute gehörten Neuigkeiten im Kopf herum. Daß er selber Förster und dadurch selbstständig geworden, beschäftigte ihn aber wunderbarer Weise am Wenigsten; mehr als Alles dagegen, daß es ganz in der Nähe einen Ort gäbe, der „im Bau“ heiße. -- Und hatte ihm jenes fremde, wunderliebe Mädchen, das er damals im Wald getroffen, nicht gesagt, daß sie „im Bau“ wohne, und er darunter thörichter Weise nur den einen derartigen Platz verstanden, den er kannte? Und sie hieß also wirklich Marie, wie er sie damals in seinem Traum oder Wachen -- er wußte es selber nicht -- genannt, und morgen um zwölf Uhr feierte sie ihre Hochzeit und hatte ihn selber dazu eingeladen, damit er Zeuge der Trauung sein solle.
Er fiel endlich in einen unruhigen Schlaf, aber der Traum spielte fort. Wieder traf er die Jungfrau, die jetzt mit dem Grafen von Hackelnberg Arm in Arm spazieren ging, und hinterher hinkte die alte Urschel und schüttelte immer mit dem Kopf, und die schöne Berchta sauste auf ihrem milchweißen Renner daher. Jetzt hatte sie ihn erblickt, und mit einem Hussah und Halloh hetzte sie ihre mageren Rüden auf ihn, die mit Gebell und Geheul heranstürmten. Jetzt waren sie dicht an ihn heran; da riß sich Marie von des wilden Jägers Arm los und wollte sich ihnen entgegenwerfen. Umsonst! was vermochte ihre schwache Kraft gegen die teuflischen Bestien; sie wurde zu Boden gerissen, und wie er selber in wilder Wuth nach seinem Hirschfänger griff, um sie zu retten, brachte er ihn nicht aus der Scheide. Wie festgeleimt stak er darin, und heran brachen die Hunde mit offenen, gifthauchenden Rachen -- die Tut-Osel flog herbei mit ihren glühenden Augen und breiten Schwingen -- schon fühlte er das scharfe Gebiß der Rüden an seiner Kehle, als er mit einem Schrei in seinem Bett emporfuhr und wild verstört umherblickte.
Das Fenster hatte er am Abend vorher und in der warmen Nacht offen gelassen und er hörte draußen im Busch den Ruf der Nachtschwalbe -- das erste Zeichen des anbrechenden Tages. Es war noch sehr früh, aber er fühlte sich auch so aufgeregt, daß er doch nicht mehr schlafen konnte oder wollte. Er stand auf, wusch sich und zog sich an und schlich sich dann, um Niemanden im Haus zu stören, die Treppe hinunter, nahm seine Büchse vom Nagel und wanderte in den Wald hinaus.
Es war ein ganz wundervoller Morgen, und noch prangten die Sterne in voller Pracht am Himmel, aber schon zeigte sich im Osten der erste lichte Streif und hie und da begannen einzelne kleine Vögel ihr leises Zwitschern und Zirpen, fast wie selber noch im Traum und aufgeblustert auf ihren Zweigen.
Es mußte die Nacht ein wenig geregnet haben, denn der Boden war feucht -- man hörte keinen Schritt, und still und sinnend wanderte der junge Forstmann durch den schweigenden, wundervollen Wald in die jetzt mehr und mehr erwachende Natur hinein.
Da sang ein Finke schon sein munteres Lied hell und klar der erwarteten Sonne entgegen -- da drüben am Bergeshang schrie der Kukuk seinen monotonen Ruf. -- Ueber den Pfad hinüber glitt ein Fuchs, der wohl nach seinem Bau zurückkehrte, aber so rasch und einer Erscheinung gleich, daß Raischbach nicht einmal die Büchse an den Backen heben, viel weniger zielen konnte. Es lag ihm auch nicht viel daran, die stille, fast heilige Ruhe des Waldes jetzt durch einen Schuß auf einen in dieser Jahreszeit doch werthlosen Fuchs zu stören, und langsam schritt er weiter. Aber das Begegnen des schlauen Hühnerdiebes hatte ihn doch ein wenig aus seiner Träumerei aufgerüttelt und aufmerksamer gemacht. Er behielt die Büchse, die er bis dahin auf der Schulter getragen, unter dem Arm und fing jetzt an, da es auch hell genug geworden war, zu pirschen.
Eine Weile ging das auch. Er paßte nach allen Seiten auf, und wenn er einen Bergkamm oder eine Erhöhung erreichte, blieb er eine Zeitlang ruhig halten, um erst zu beobachten, ob er nichts Lebendiges erkennen könne. Aber der Wald schien heute -- die lustigen Sänger in den Zweigen abgerechnet -- wie ausgestorben, und nach und nach gewannen die Gedanken in ihm wieder die Oberhand. Fast unwillkürlich, ohne sich dessen wenigstens klar bewußt zu sein, hatte er dabei die Richtung nach dem „Fuchsbau“ genommen und wie oft -- wie unzählige Male war er schon den Weg gegangen, daß er fast jeden Baum und Strauch dahin kannte. Was er da immer und immer wieder wollte, mochte er sich freilich nicht einmal selber eingestehen -- aber es war kein Feisthirsch und kein Rehbock, und dort angekommen suchte sein umherschweifender Blick -- es ließ sich nicht gut ableugnen -- immer nur ein buntes Tuch zwischen den grünen Büschen.
Und „im Bau“ hatte sie gesagt, daß sie wohne, und heute sollte ihre Hochzeit sein -- war er da nicht thöricht, gerade an dem heutigen Tag den Fuchsbau abzusuchen? -- an ihrem Ehrentag fand er sie dort doch sicher nicht.
Mißmuthig warf er sich am Fuß einer hochstämmigen Tanne nieder, legte die Büchse neben sich und stützte den vom Denken und Grübeln fast schmerzenden Kopf in die Hand.
Er mochte eine halbe Stunde so gelegen haben, und all’ die alten, oft mit Gewalt verdrängten Bilder jener Stunden, die er damals nach seinem Sturz im Fuchsbau zugebracht, zogen mit ihren gaukelnden Gestalten an seiner inneren Seele vorüber, als er plötzlich dicht hinter sich Schritte zu hören glaubte. Er fuhr allerdings nicht rasch empor, um zu sehen, was sich in seiner Nähe rege, denn das thut schon aus alter Gewohnheit kein Jäger, aber fast unwillkürlich glitt seine rechte Hand nach dem Schloß der Büchsflinte und suchte den Bügel, während er langsam und vorsichtig, ohne seine Stellung auch nur im Geringsten zu verändern, den Kopf der Richtung zudrehte, in der er das Geräusch vernommen. Aber einen ordentlichen Stich gab es ihm durch’s Herz, als er dort plötzlich auf kaum dreißig Schritt Entfernung den Bock -- seinen Bock erkannte, der, mit dem riesigen Gehörn auf, ganz ruhig und vertraut aus einer Fichtendickung herausgetreten war und sich dort sorglos zu äsen anfing.
Allerdings lag er selber durch den Stamm und die Wurzel der Weißtanne großentheils verdeckt, aber die geringste Bewegung mußte auch den Blick des scheuen Wildes dahin lenken, und gut genug wußte er, daß der Bock dann auch wieder -- lange vorher, ehe er schußfertig werden konnte, mit zwei Sprüngen im Dickicht und vollständig in Sicherheit war. Langsam ließ er sich deßhalb zurückgleiten, bis er lang ausgestreckt am Boden lag; dann erst versuchte er sich umzudrehen und auf das Gesicht zu kommen -- auf dem noch feuchten Moos und den dürren Nadeln konnte er das auch ohne Geräusch bewerkstelligen, und jetzt erst zeigte sich eine andere Schwierigkeit, daß er die Büchse nämlich an der linken Seite liegen hatte.
Vorsichtig hob er wieder den Kopf -- der Bock hatte sich von ihm abgedreht; er konnte keine Ahnung von seiner Nähe haben, und nun erst wagte er es, seine Waffe herumzubringen. Wie ihm aber das Herz dabei pochte -- er konnte es ordentlich hören, und wenn er jetzt schoß, fehlte er ihn heilig -- erst mußte er ruhig werden, und mit geöffnetem Mund, dicht hinter den Stamm gepreßt, die Büchse aber schußfertig in der Hand, kniete er auf seinem Stand und athmete ein paar Mal hoch auf.
Und der Bock äste sich weiter; er konnte ihn in dieser Stellung nicht sehen, aber hörte deutlich, wie er das dort in der Dickung üppig wachsende Gras abriß -- jetzt durfte er nicht länger säumen. Er hob sich leise empor, bis er aufrecht stand, trat einen Schritt zurück, hob die Büchse an den Backen und bog sich nach rechts über. Die Bewegung war ohne Geräusch geschehen, aber das Auge des Bocks mußte gerade die Tanne gestreift haben, an der es rasch die fremdartigen Umrisse erkannte. Dort stand er, breit, den schönen Kopf mit dem kräftigen Gehörn erhoben, aber schon mißtrauisch und zur Flucht bereit, herübersichernd -- noch ein Moment -- aber der Lauf der Büchse hatte sein Ziel gesucht und gefunden, der Finger des Jägers berührte den Stecher, und mit dem Knall des Rohres zugleich sprang das zum Tod getroffene Thier mit allen vier Läufen zumal vom Boden empor, fuhr herum und war im nächsten Augenblick in der Dickung verschwunden.
Raischbach aber, während ein triumphirendes Lächeln über seine Züge flog, rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte den Sprung des Bocks gesehen und wußte, daß er ihn nicht gefehlt haben konnte -- alles Uebrige durfte jetzt ruhig abgemacht werden. Vor allen Dingen lud er auch deßhalb den abgeschossenen Kugellauf frisch auf den Brand, setzte ein Zündhütchen auf und den Hahn in Ruh, und schritt dann langsam auf den Anschuß.
Er brauchte nicht weit zu gehen, schon von weitem erkannte er an den reichlich mit rothem Schweiß bespritzten Büschen die Stelle, wo der Bock in das Dickicht gebrochen -- er lag auch schon, kaum zwanzig Schritt von da entfernt, verendet, und Raischbach hätte laut aufjubeln mögen, als er das prachtvolle Gehörn, dem er so lange schon vergebens nachgestrebt, als sein Eigenthum in Händen hielt. Aber viel Zeit durfte er auch nicht versäumen; es war schon spät geworden, und wenn er noch zur rechten Stunde in der Forstei sein wollte, um sich umzukleiden, mußte er rasch an’s Werk gehen. Und wie gern that er das -- in wenigen Minuten war der stattliche Bock aufgebrochen und allerdings eine Last, um ihn auf den Schultern nach Haus zu tragen, denn er wog sicher seine fünfundvierzig Pfund; aber mit dem Gefühl seines Triumphes spürte er ihn kaum und schritt rüstig vorwärts.
„Alle Wetter!“ rief aber der alte Förster aus, als er den jungen Mann mit dem Staatsbock ankommen sah; „heute sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach, denn daß Sie _dem_ Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist. Das Gehörn wäre unter Brüdern seine sechs Louisd’or werth.“
Aber es blieb keine Zeit zu weiteren Betrachtungen, es war in der That spät geworden, und da sich Raischbach auch noch vollständig umkleiden mußte, durfte er keinen Augenblick mehr verlieren. Er brauchte indes nicht lange zu seiner Toilette, und kaum eine halbe Stunde später schritten die beiden Forstleute mit der Frau Försterin, den Nachtrab bildend, die Büchsen heute zu Hause gelassen und nur den Stock in der Hand, den moosigen Waldpfad entlang, der, nördlich auslaufend, hinüber in das hessische Revier führte.
Raischbach war es dabei ganz wunderlich zu Muthe -- einmal mußte er an den Prachtbock denken, den er heute Morgen erlegt hatte -- und ihr Pfad führte sie ziemlich dicht an der nämlichen Stelle vorbei -- dann aber wieder fiel ihm auch jenes wunderliebliche Mädchen ein, die ihm gesagt, daß sie „im Bau“ wohne und zu deren Hochzeit er heute eingeladen worden. Eigentlich wäre er am Liebsten gar nicht hingegangen, denn was Anderes sollte er dort thun, als sie noch einmal sehen, um sie auf immer zu verlieren. -- Aber war sie’s denn auch wirklich? -- Blieb er zurück, so würde er die quälenden Zweifel sein ganzes Leben lang nicht los geworden sein, und schon um sich Gewißheit zu verschaffen, mußte er der fatalen Wirklichkeit die Stirn bieten.
Neuntes Kapitel.
Schluß.
Der alte Förster plauderte dabei den ganzen Weg, aber Raischbach hörte kaum, was er sagte, denn immer und immer wieder flogen seine Gedanken hinüber zu der Maid. -- -- Daß er auch nie früher von dem Ort gehört hatte -- wie bald wäre er einmal hinübergegangen, um sich dort umzusehen und die Nachbarschaft zu begrüßen -- und wenn sie es wirklich war, wie gut hatte sie seinen Namen behalten -- und wie hübsch sie ihn geschrieben. Wenn sie ihn aber nicht vergessen hätte, weßhalb hielt sie sich da so lange verborgen, bis sie des Priesters Wort auf ewig von ihm trennte? War sie mit ihrem jetzigen Bräutigam vielleicht schon damals verlobt gewesen? -- oder sollte es gar eine Strafe für ihn sein, daß er selber sie nicht früher aufgesucht? Welch’ ein Thor er auch gewesen, das blühende Geschöpf nur eine Sekunde lang für ein gespenstiges Wesen zu halten und der Stelle, die sie ihm genannt, nicht anders nachzuforschen, als in dem wilden und wüsten Grund!
Der alte Förster hatte ihn um etwas gefragt, mußte es aber dreimal wiederholen, ehe Raischbach nur hörte, daß er mit ihm sprach, und Buschmann schüttelte erstaunt mit dem Kopf; denn so zerstreut war der junge Mann noch nie gewesen -- aber gewiß dachte er nur an den glücklichen Schuß von heute Morgen; ja, ja, der alte Bock ging ihm durch den Sinn, und verdenken konnt’ er’s ihm gerade nicht, denn solch’ ein Gehörn gab es nicht wieder, weit und breit.
So stiegen sie zuletzt, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, den Hang hinab und zu dem Grenzbach nieder, der die beiden Reviere und Staaten von einander trennte, und von da ab mußte Förster Buschmann die Leitung übernehmen, denn Raischbach hatte diese Gegend ja noch nie betreten.
„Eigentlich,“ meinte er, als sie die Grenze überschritten, „wären wir hier schon ziemlich nahe bei dem Forsthaus, denn der Fußsteig da führt gerad’ drauf zu, und es kann über den Berg von hier ab kaum eine Viertelstunde sein. Dort oben hat’s aber einen häßlichen Platz über Geröll und Klippgestein und meine Alte möchte da nicht so gut fortkommen -- der Weg hier dagegen ist breit und bequem und nur vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten weiter, wozu wir noch übrig Zeit haben -- es ist gerade ein Viertel nach Elf, und in einem halben Stündchen sind wir in aller Bequemlichkeit drüben.“
Raischbach hatte den Blick zu dem bezeichneten, ziemlich steil auflaufenden Fußsteig hinaufgeworfen, als er plötzlich Buschmann’s Arm ergriff und dort hinandeutend rief: „Förster, sehen Sie dort oben nicht ein buntes Tuch schimmern?“
Der alte Mann sah hinauf und sagte dann lachend: „Ja, warum soll denn da kein buntes Tuch zu sehen sein -- gleich rechts von der Höhe liegt ein Dorf, und Mädels mit bunten Tüchern wird’s wohl genug da drinnen geben.“
„Aber dort steht Jemand -- Wollen wir denn nicht lieber den Fußsteig gehen -- vielleicht ist er bequemer gemacht, denn Frauen begehen ihn doch jedenfalls.“
„Ja,“ nickte Buschmann, „solches junges Wetterzeug, aber meine Alte brächten wir da nicht fort und hielten uns jedenfalls länger dabei auf, als wir hier herum brauchen. -- Kommen Sie nur den geraden Weg mit, mein junger Herr Förster, und brechen Sie mir nicht gleich seitwärts in die Büsche, wenn Sie dort irgendwo ein buntes Tuch schimmern und leuchten sehen!“ und damit schritt er rüstig und lachend den Weg voran.
Raischbach warf noch einen sehnsüchtigen Blick nach rechts hinauf, aber es ließ sich jetzt nichts mehr erkennen, und bald tauchten sie auch wieder so vollständig in den Wald ein, daß sie von Büschen und hochstämmigen Eichen rings umgeben waren. Da öffnete sich plötzlich, gerade nach einer scharfen Biegung des Weges, der sich nach rechts ab um den Fuß des Hügels schlängelte, das Thal, und Raischbach blieb erstaunt stehen, als er die freundliche Scenerie gewahrte, die sich ihnen bot.
Sie standen am Rand des Waldes, der sich vor ihnen zu einem nicht gerade breiten, aber mit freundlichen Wiesen und Feldern bedeckten Thal öffnete, während rechts hinein eine nicht sehr hohe, aber dicht und vollbelaubte Doppelreihe von Linden in eine ziemlich enge Schlucht einführte. Raum zu einem breiten Weg war auch hier nicht gewesen, und nur mit Vorsicht hätten sich zwei Wagen darin ausweichen können. Dadurch waren aber die sich begegnenden Wipfel der Bäume so ineinander gewachsen, daß sie ein festes Gewölbe bildeten, unter dem man nur, so hoch die kurzen kräftigen Stämme reichten, durchsehen konnte. In der Allee selber war es auch dadurch fast vollkommen dunkel, aber hinten, wo sie auslief, stand, vom hellen Sonnenlicht übergossen, ein freundliches Schweizerhaus: „die Forstei im Bau“, und bot, von hier aus gesehen, einen ganz reizenden, überraschenden Anblick.
Dieser röhrenartigen Allee verdankte die Forstei ihren Namen „im Bau“, und Raischbach besonders erfaßte ein ganz wunderbares eigenthümliches Gefühl, als er jetzt darin hinschritt und sich fast wieder dabei in seinen Traum zurückversetzt fühlte. War er nicht auch damals mit seiner holden Führerin durch jenen langen, von flimmernden Lichtern erhellten Gang geschritten und hatte in der Ferne die geheimnißvolle Stadt herausleuchten gesehen, gerade so fast, wie jetzt da die Forstei vor ihnen lag? -- aber die Führerin eben fehlte heute, die ihn sonst geleitet, und die alte Frau Försterin konnte sie ihm, trotz ihres gutmüthigen Gesichts, doch nicht ersetzen.
Und sollte er sie dort in dem kleinen Forsthaus finden? -- finden als Braut? -- als das Weib eines andern Mannes? Es wurde ihm recht weh, recht bitter weh zu Sinn, als er vorwärts schritt, und er hatte schon lange die freundliche Gegenwart um sich her im Brüten über das Vergangene, Erlebte -- Erträumte nur vielleicht -- vergessen, als er sich plötzlich den Laubgang öffnen sah und den eigentlichen Forsthof mit seinem reizenden rosengefüllten Garten und dem im tyroler Styl erbauten Jägerhaus betrat, und nun allerdings keine Zeit zu weiterem Grübeln und Denken behielt.