Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 13

Chapter 133,880 wordsPublic domain

Der alte Mann versäumte auch keine Zeit. Mit fast Jugendfrische kroch er zurück und eilte dann selbst mit den Holzmachern in den Wald hinaus, um die nöthigen Hölzer in der gehörigen Länge abzuschneiden. Zusammengebunden mußten sie freilich erst in der Höhle selber werden, da man sie sonst nicht hineingebracht hätte; aber das ging ja auch leicht an, da der Raum da drinnen gar nicht so beschränkt war, so daß man sich ziemlich frei bewegen konnte.

Der Förster hatte allerdings, schon wie er das erste Mal in der Höhle war, wieder und wieder hinabgerufen, um zu hören, ob der Forstgehülfe noch am Leben sei; aber er horchte vergebens. Ein paar Mal war es ihm, als ob er da unten ein dumpfes Brausen höre, und einmal hätte er darauf schwören mögen, daß er Hundegebell vernommen. Jagte der Dachs noch? -- aber dann klang es auch wieder wie das ferne Heulen des Windes, und zuletzt summte es ihm vor den Ohren, daß er gar nicht mehr im Stande war, etwas Bestimmtes zu unterscheiden.

Müller und Metzler mußten jetzt mit in die Spalte kriechen, und während ihnen der Förster mit der Fackel leuchtete, schnürten sie unter seiner Leitung eine Art Gestell zusammen, das fest genug war, drei Mann mit Leichtigkeit zu tragen, und jetzt erst begann die nähere Untersuchung der Felsspalte, in welche der unvorsichtige Forstgehülfe jedenfalls hinabgestürzt sein mußte.

Zu diesem Zweck mußte die Laterne herbeigeschafft werden, die Buschmann an ein Seil band und dann selber vorsichtig über den hier ziemlich schlüpfrigen Boden hinaus auf das Gestell rutschte, um von dort aus die Laterne hinabzulassen.

Die Spalte war aber tiefer als er selber geglaubt -- es ging ein ganz verwünschtes Stück hinunter, und das trüb brennende Talglicht verbreitete dort unten lange nicht genug Helle, um irgend etwas deutlich zu unterscheiden.

„Es kann nichts helfen, Müller,“ sagte da der Förster, „Ihr seid von uns der Leichteste und müßt einmal hinunter -- bindet Euch das Seil um den Leib und laßt dann die Anderen draußen mit hereinkommen und anfassen, dann rutscht in Gottes Namen. Hier an der einen Seite scheint auch feuchter Lehmboden zu sein, und Ihr findet vielleicht unterwegs einen Fußhalt.“

Es wurde weiter kein Wort gesprochen. Metzler, ein durchaus praktischer Kopf, hatte das rasch geordnet; die Holzmacher und Forstschutzleute wurden nacheinander durch die Felsspalte postirt, so daß Jeder einen festen Halt an dem Seil bekam. Müller knotete sich dasselbe dann fest unter den Schultern durch, und sich auf den Boden setzend gab er Befehl, langsam nach und nach ihn hinunter zu lassen. Der Förster saß dabei noch immer auf dem Gestell und ließ jetzt die Laterne langsam mit dem Niedergleitenden sinken, so daß dieser doch immer etwas Licht um sich hatte und sehen konnte, wo er sich befand.

Es war ein Augenblick peinlicher Erwartung, als der junge Kreiser endlich Boden unter sich fühlte und „Halt!“ rief, damit die Leute oben nicht zu viel Seil nachließen und er dann vielleicht noch tiefer abrutschte. Der Förster hielt ihm dabei die Laterne so, daß er sie mit der Hand erreichen konnte, und der Mann nahm sie, um umher zu leuchten. Es dauerte aber nur wenige Sekunden, als er schon ausrief: „Hier liegt er.“

„Du großer Gott!“ stöhnte der alte Förster; „ist er todt?“

„Ja, ich weiß nicht,“ sagte der Mann, und seine Stimme klang von unten herauf dumpf und hohl -- „er fühlt sich aber noch warm an -- und da liegt auch der Dachshund und der Fuchs -- er ist mit dem Kopf gerad auf seinen Dachs gestürzt. Das sieht gut hier unten aus.“

„Und wie kriegen wir ihn herauf, Müller?“

„Ja, ich weiß nicht -- das wird ein bös Stück Arbeit werden.“

„Könnt Ihr nicht Stufen in die Lehmwand hauen?“

„Das ginge vielleicht,“ sagte der Mann nach einer Weile. „Jedenfalls muß aber von oben nachgeholfen werden, und dazu ist am Ende das Gestell nicht stark genug.“

„Wir legen noch ein paar stärkere Stangen hinüber. Wollt Ihr die Spitzhacke haben?“

„Ja -- aber Sie müssen sie langsam herunterlassen, sonst fällt sie Einem von uns auf den Kopf. Das Seil können Sie locker lassen -- es geht hier nicht weiter ab -- nur in den Berg hinein zieht sich noch eine Spalte.“

Die nöthigen Vorkehrungen nahmen jetzt wieder eine gute Weile in Anspruch -- es mußten noch ein paar starke Stangen draußen abgehauen und herbeigeschafft werden, was immer eine längere Zeit dauerte. Müller hatte sich indessen bemüht, den Forstgehülfen zum Bewußtsein zu bringen, aber vergebens. Der Förster ließ ihm seine Flasche Branntwein hinab, daß er ihm damit die Schläfe waschen sollte, aber es half nichts -- er blieb still und regungslos liegen und schien nicht zu fühlen, was um ihm her vorging.

Müller bekam auch jetzt die Spitzhacke hinab, aber das Einhauen ging nicht so leicht, als er gedacht, da er nicht ordentlich ausholen konnte. Trotzdem aber hackte er doch in etwa vier Fuß vom Boden der Höhle einen Platz ein, wo ein Mann fest stehen konnte, und bis dahin Stufen hinauf, und wie er das erst fertig hatte, gelang es ihm auch weiter oben noch einen Stand zu Wege zu bringen, von dem aus er wenigstens nachhelfen konnte.

Jetzt begann das Aufwinden des Verunglückten. Müller hatte ihm so vorsichtig als irgend möglich sein Seil unter den Armen durchgezogen, stützte ihm dann den Kopf und gab das Zeichen zum Anziehen. Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit, aber dadurch, daß Müller unten einen festen Halt bekommen hatte und höher steigen und nachhelfen konnte, ging es doch, wenn auch freilich nur sehr langsam. Die Höhe oder vielmehr Tiefe der ganzen Spalte mochte etwa zwanzig Fuß betragen, und nur dadurch, daß der Förster oben einen starken Pflock in den Boden hatte einschlagen lassen, um den sie das Seil manchmal schlagen und dann rasten konnten, gelang es in verhältnißmäßig kurzer Zeit, den schweren Körper des bewußtlosen Mannes nach und nach so weit in die Höhe zu bekommen, daß sie ihn endlich oben an den Kleidern fassen und auf den Rand der Spalte bringen konnten. An’s Freie schafften sie ihn dann schnell. Wo es ging, wurde er dann getragen, wo es zu eng wurde, gezogen, und draußen rieben sie ihm Stirn und Schläfe mit Schnee, und suchten ihn durch alle erdenklichen Mittel wieder zum Leben zurückzubringen. Aber es blieb Alles vergeblich und ihnen zuletzt nichts weiter übrig, als eine Tragbahre herzustellen und ihn damit zur Forstei zu schaffen. Von dort sollte dann augenblicklich ein Bote in den nächsten Ort gesandt werden, um einen Wundarzt herbeizuholen.

Der Förster wollte übrigens auch den so theuer erkauften Fuchs mitnehmen, den Müller unten mit dem todten Dachshund und der Spitzhacke zusammenbinden mußte, und erst als sie das Alles oben hatten, ließ sich der junge Kreiser das Seil wieder herunter geben, schnürte sich selber daran fest, kletterte dann, so weit er eingehauen hatte, nach und wurde die letzte Strecke in die Höhe gewunden. Das Gestell blieb noch vor der Hand in der Höhle, da man keinen Augenblick Zeit versäumen wollte, um den Bewußtlosen fortzuschaffen und ihm ärztliche Hülfe zu bringen. Er kam auch nicht auf dem Weg zu sich; Leben war noch in ihm und eigentliche böse Verletzungen ließen sich nirgends an ihm entdecken. Möglich, daß auch der Sturz auf seinen Hund, der freilich dem armen Dachs das Rückgrat knickte, seinen Fall in etwas gebrochen hatte, denn wie Müller aussagte, lagen dort unten eine Menge scharfer Steine. Das Alles aber mußte der Arzt entscheiden, wenn er kam, und bis dahin konnten sie nichts für den Armen thun, als ihn eben so sorgsam als möglich nach Haus und auf sein Bett schaffen, wo er ja jede nöthige Pflege hatte.

Siebentes Kapitel.

Die Einladung.

Der Tag war damit vollständig auf die Neige gegangen und es wurde sehr spät, ehe der nächstwohnende Chirurg herbeigeholt werden konnte. Raischbach gab auch jetzt noch kein Lebenszeichen von sich, und nach geraumer Untersuchung zeigte sich denn, daß allerdings kein Knochenbruch vorhanden sei -- wenigstens keiner, der sich jetzt erkennen ließ, jedenfalls aber eine Gehirnerschütterung stattgefunden habe, deren Erfolg und Entwickelung man eben abwarten müsse, denn es ließ sich darin nichts weiter thun.

Am Kopf zeigten sich allerdings einige leichte Schrammen, auch die rechte Hand war etwas verletzt, aber das Alles heilte bald wieder, sowie nur das Hauptübel gehoben worden. Für jetzt verordnete der Arzt deßhalb nur Ruhe und Schneeumschläge um den Kopf, um das Wundfieber so viel als möglich fern zu halten.

Bernhard Raischbach lag so zwei volle Tage und Nächte ohne Besinnung, und die alte Lisei wich indessen nicht von seinem Lager und pflegte ihn mit wirklich rührender Aufopferung. Sie hatte aber den jungen Mann, der immer so freundlich gegen sie war und sie nie über einer Erzählung auslachte, lieb gewonnen und nur sehr selten ließ sie sich von der Frau Försterin oder einem der Kreiser ablösen, um selber einmal ein paar Stunden zu schlafen. Sie behauptete immer, sie wäre gar nicht müde.

Am dritten Tag endlich, nachdem der Chirurg zweimal wieder da gewesen war und immer bedenklicher mit dem Kopf geschüttelt hatte, schlug der Kranke die Augen auf und schien seine Umgebung zu kennen.

„Ja, Lisei,“ sagte er erstaunt, „wie kommst Du denn hierher?“

„Ich, Herr Forstgehülfe?“ rief die alte Person; „aber dem Himmel sei Dank, daß Sie nur wieder reden können. Nun wird ja auch Alles bald gut sein. Wir haben recht Angst um Sie gehabt.“

„Um mich, Lisei?“ lächelte Raischbach und schüttelte mit dem Kopf. „Ja, wenn die Marie nicht gewesen wäre, die Anderen waren freilich verrätherisches Volk, der Hackelnberg und der Hans Jagenteufel -- hol’ sie der Böse -- und die Berchta hatte vor Allem den Teufel im Leib. Herr Gott, ist das ein wildes Frauenzimmer!“

Die alte Lisei schlug vor Entsetzen die Hände zusammen; Bernhard aber hatte die Augen schon wieder geschlossen und lag still und ruhig, als der Förster auf den Zehen eintrat und flüsterte: „Holla, Lisei -- hat denn der Raischbach nicht eben gesprochen?“

„Ach ja wohl, Herr Förster!“ stöhnte die Alte; „aber, Jesus Maria und Joseph, lauter tolles Zeug! Er ist hier nicht richtig“ -- und sie deutete sich mit einer äußerst bestürzten Miene auf den Kopf.

„Phantasirt er?“ frug der Forstmann, indem er leise näher kam.

„Er pappelt irre!“ sagte die Alte -- „immer vom wilden Jäger und solchen Geschichten und dann auch wieder von der Jungfrau Maria dazwischen.“

Der alte Förster winkte ihr nur beruhigend mit der Hand und wollte eben das Zimmer wieder verlassen, als Raischbach zum zweiten Mal die Augen aufschlug, sich jetzt aber gar nicht nach den in der Stube Befindlichen umsah, sondern nur im Bett herumfühlte, als ob er etwas suche.

„Heda, Raischbach!“ rief da Buschmann freundlich, indem er zu seinem Bette trat und seine Hand faßte; „das ist recht, daß Sie die Geschichte abgeschüttelt haben; nun halten Sie sich nur noch ein oder zwei Tage ruhig, und es wird Alles wieder gut sein.“

„Guten Tag, lieber Herr Förster,“ sagte der Kranke mit allerdings etwas matter Stimme, fühlte aber immer noch mit der andern Hand neben sich herum.

„Suchen Sie etwas?“ frug ihn Buschmann.

„Ja,“ sagte Raischbach leise -- „ich -- ich hatte da drunten ein Gehörn gefunden -- ein prachtvolles Rehbocksgehörn.“

„Unten im Fuchsbau?“

Der Forstgehülfe nickte -- „ach, Lisei, habt Ihr es weggethan?“

„Ich habe nichts gesehen, Herr Raischbach,“ sagte die Alte kopfschüttelnd; „aber beruhigen Sie sich jetzt nur -- wenn es da war, wird es sich auch schon wieder finden, der Doktor hat aber gesagt, daß Sie sich nicht so viel bewegen dürfen. Hübsch still müssen Sie liegen.“

Der Kranke fühlte in der That, wie ihn die Bewegung schmerzte, und sank auf sein Kissen zurück, lag auch wieder eine lange Zeit still und regungslos und schaute nur wie träumend an die Decke, that aber keine Frage und verlangte nichts. So verging der ganze Tag, und die Nacht schlief er fest und ruhig, fühlte sich auch am nächsten Morgen bedeutend besser und bat jetzt selber die Lisei, daß sie den Förster heraufrufen möge, um von diesem alles Nähere über seinen Zustand zu erfahren. Dieser zögerte auch nicht, da er den Kranken völlig ruhig und seiner selbst bewußt fand, ihm Alles zu erzählen, wie es sich an jenem Tag begeben: wie Metzler seine Spur im Schnee gefunden und sie zur Hülfe herbeigerufen habe, und was sie für eine nichtswürdige Arbeit gehabt hätten, ihn aus der engen Spalte wieder herauf an’s Tageslicht zu bekommen.

Raischbach hörte, ohne ein Wort hineinzureden, Alles ruhig an, bis er erfuhr, daß der Kreiser Müller unten bei ihm gewesen wäre und also den Platz genau gesehen habe. Er bat jetzt den Förster, ihm den nachher einmal heraufzuschicken, damit er ihn über Manches fragen könne. Müller war freilich jetzt draußen im Wald, als er aber zurückkehrte, wurde er augenblicklich zu dem Kranken beordert, der schon in seinem Bett saß und nur noch den Kopf in die Hand stützte. Es summte und hämmerte ihm doch noch ein wenig von dem Sturz im Hirn.

Der junge Bursche mußte dem Kranken jetzt eine genaue Beschreibung des Platzes selber geben, und Raischbach horchte besonders hoch auf, als er ihm erzählte, daß von da unten aus noch eine Seitenspalte in den Berg hineinführe.

„Ob er dort drinnen gewesen?“

„Nein, wahrhaftig nicht; sie hatten gerade genug mit ihm selber zu thun gehabt, um in den dunklen Ritzen und Höhlen herum zu kriechen. Keinesfalls ging die auch weit hinein, und das Gestein war da wohl nur auseinander gerissen.“

„Und ein Rehbocksgehörn hatte er dort unten nicht gesehen, ein starkes Gehörn?“ frug Raischbach.

„Da unten? nein!“ sagte der Kreiser erstaunt. „Wie sollte das auch dahin kommen? Haben Sie etwa den Abwurf[D] von dem alten Bock gefunden? -- Aber das ist ja nicht möglich, es liegt ja Schnee.“

Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf, und der Kreiser mußte jetzt erzählen, wie er gelegen hatte. „Armer Dachs!“ sagte er dabei, als er hörte, daß er mit dem Kopf gerade auf seinen eigenen Hund gestürzt sein mußte, was freilich den Fall gebrochen hatte.

„Und das Gestell, das sie gebaut, war noch in der Höhle?“

„Gewiß -- was lag an den paar Stangen Holz, und es arbeitete sich verwünscht schlecht in dem engen Loch.“

Der Kranke legte sich auf sein Kissen zurück, und da Müller glaubte, daß er vielleicht schlafen wolle, verließ er leise das Zimmer.

Von dem Tag an erholte sich Raischbach außerordentlich rasch. Schon am nächsten Morgen konnte er aufstehen und im Zimmer herumgehen, und wenn ihn auch die Glieder noch schmerzten, denn er sah am ganzen Körper braun und blau aus, war er doch im Stande, sich frei zu bewegen, und hatte die gewisse Ueberzeugung, daß er keine böse Verletzung, besonders keinen Knochenbruch, davon getragen. -- Acht Tage später war er wieder im Wald, und langsam, mit der Büchse unter dem Arm, schlug er unwillkürlich die Richtung nach der Stelle ein, an welcher er damals verunglückt. Aber er durfte jetzt noch nicht wagen die eigentliche Höhle selber zu betreten, dazu waren ihm die Glieder noch nicht wieder gelenk genug -- nur den Platz wollte er sehen und -- wieder einmal in der Nähe sein, und als er sich dort umgeschaut, kehrte er nach Haus zurück. Wie er aber den Hang hinaufstieg, was ihm noch immer ein wenig schwer wurde, so daß er sich oft hinsetzen und ausruhen mußte, raschelte plötzlich etwas im Laub, und als er unwillkürlich seine Büchse in die Höhe nahm, stand der alte Bock, dem er so oft nachgegangen, auf kaum dreißig Schritt ruhig und breit vor ihm und sicherte nach einer ganz andern Richtung hinüber; er hatte ihn gar nicht bemerkt.

Raischbach lachte still vor sich hin; wie manchen Pirschgang hatte er dem Bock zu Liebe gemacht, und wie genau kannte er ihn an dem breiten Kopf und kurzen Hals -- und immer und immer vergebens; und jetzt, da er ihn nicht brauchen konnte, denn er hatte ja in dieser Zeit sein prachtvolles Gehörn abgeworfen und ging kahl umher, stellte er sich breit vor ihn hin und schien so vertraut, wie nur möglich. -- In dieser Jahreszeit war nichts mit ihm anzufangen, und der Forstgehülfe hob die Hand und winkte ihn ab. -- Im Nu bemerkte auch der Bock die Bewegung, warf scheu den Kopf herum, sah den gefürchteten Feind dicht vor sich, schreckte mit lauter tiefer Stimme und war dann mit einem Satz im Dickicht verschwunden, wo ihn der Forstgehülfe noch konnte weitab durch die Büsche brechen hören.

So mochten vierzehn Tage vergangen sein -- es war bitterkalt geworden, lag aber nur wenig Schnee -- als Raischbach den Kreiser Müller eines Morgens bat, ihn zu begleiten und -- das Seil mitzunehmen, dem Förster aber nichts davon zu sagen. Er wolle sich, wie er meinte, nur einmal den Platz selber ansehen, in den er damals hinabgestürzt. Müller machte allerdings Einwendungen, da er ihn aber versicherte, daß gerade die Holzmacher da unten arbeiteten und sie jede Vorsicht gebrauchen würden, um ein Unglück zu vermeiden, ließ er sich endlich überreden, und die Beiden traten ihren Marsch an.

An Ort und Stelle angekommen, wurde in der That jede nur mögliche Vorsicht gebraucht, und Raischbach ließ sich nun selber, mit einer wieder hergestellten Kienfackel, in den Spalt hinunter. Der Platz lag aber öde und kahl. Nur die alten Blutspuren fand er noch vor, wo der Fuchs gelegen, und vergebens leuchtete er nach etwas Anderem darin umher. Aber er begnügte sich damit noch nicht, sondern wollte auch in die in den Berg führende Felsspalte eindringen, mußte das aber bald wieder aufgeben, denn kaum zwei Schritt darinnen wurde dieselbe so eng, daß er sich gar nicht mehr hindurchpressen konnte -- dort ging auch wieder eine tiefe Kluft hinunter und er mußte zuletzt den Versuch aufgeben. Ein Mensch konnte dort nicht einpassiren.

*

So verging der Winter; der Schnee schmolz, das Frühjahr brach mit seinen tausend Knospen aus -- der Auerhahn balzte, die Schnepfe strich, die Rehböcke hatten wieder frisch aufgesetzt und die Zeit rückte heran, wo schon ein Grashirsch geschossen werden konnte. Es war Juni geworden und im Walde klang und jubelte es von der munteren Vogelwelt.

Raischbach sah das Alles an sich vorübergehen, ohne Theil daran zu nehmen. Er war seit jenem Sturz nicht mehr der lustige, fröhliche Waidmann wie vordem, sondern still und einsilbig geworden und schien es am Liebsten zu haben, wenn man ihn ruhig in irgend einer Ecke sitzen und seinen Gedanken nachhängen ließ. Anfangs glaubte der alte Förster auch, es sei das noch alles eine Folge des Sturzes, der ihm doch vielleicht das Gehirn mehr, als man früher geglaubt, erschüttert haben mochte. Dies schien aber nicht der Fall; er klagte auch nie über Kopfschmerzen oder Schwindel und befand sich körperlich vollständig wohl. Was ihm aber auf dem Herzen lag, darüber sprach er mit Niemanden, ging jedoch dabei seiner Pflicht auf das Eifrigste nach und versäumte oder vergaß nie etwas.

Sein liebster Pirschgang, wenn es ihm nur immer seine Beschäftigung erlaubte, blieb aber nach jenem Revier, in welchem der Fuchsbau lag, und der Förster neckte ihn oft darüber, daß er den alten Bock noch nicht vergessen könne -- aber Raischbach dachte an Anderes als den Bock -- er wollte dem Mädchen wieder begegnen, das er damals an jener Stelle getroffen, und mußte -- immer und immer wieder in seiner Hoffnung getäuscht -- den Heimweg antreten.

Hatte er denn jenes Begegnen auch nur geträumt? Es wurde ihm manchmal ganz wirr im Kopfe und er saß dann oft stundenlang still und regungslos im Wald, stützte die heiße Stirn mit beiden Händen und sann und sann.

So war er auch eines Tages wieder draußen gewesen -- gerade an einem solchen Tag wie damals, als er das wunderliebliche Mädchen im Wald getroffen, und hatte stundenlang oben am Rand des Grundes gesessen und hinabgesehen, als ob er sie gerade dort an der unheimlichen Stelle erwarte. Umsonst, kein lebendes Wesen regte sich, einen Geier ausgenommen, der über ihm in der Luft kreiste und dann und wann seinen scharfen Schrei ausstieß. Er bekam es endlich satt -- der Mond war auch schon lange aufgegangen, und er mußte an den Heimweg denken.

Es war völlig Nacht, ehe er das Forsthaus erreichte, und er wunderte sich, die untere Stube so hell erleuchtet zu sehen, denn sonst brannte Abends immer nur die ziemlich trübe Lampe, bei der die Frau Försterin und die alte Lisei spannen und der Förster noch seine Dampfwolken dazwischen blies.

„Merkwürdig,“ dachte er bei sich, „was die nur heute da drinnen haben -- ob Besuch angekommen ist? Aber woher -- wer soll uns hier im Wald besuchen? Wenn ich’s nur wüßte, so machte ich gleich, daß ich oben in meine Kammer käme und ließe mich vor keinem Menschen mehr heut Abend sehen. Hunger hab’ ich doch nicht, und meine Suppe kann mir die alte Lisei auch später heraufbringen.“

Er glitt vorsichtig dem Hause zu, aber der alte Schweißhund, der im Sommer vor der Thür lag, hatte ihn schon gewittert und schlug an, und gleich darauf öffnete sich eines der unteren Fenster und des Försters Stimme rief heraus; „Raischbach, sind Sie das?“

„Ja, Herr Förster,“ erwiederte der junge Mann.

„Aber Donnerwetter! wo haben Sie heute so lange gesteckt? Wir glaubten schon, daß Ihnen wieder ein Unglück zugestoßen wäre -- na, machen Sie nur, daß Sie hereinkommen.“

„Aber ich werde mich erst umziehen müssen, Herr Förster! ist denn Besuch da?“

„Besuch? -- wo soll denn der herkommen?“ rief Buschmann. „Keine Seele ist da, als meine Alte und ich und die Lisei.“

„Weil es so hell im Zimmer war.“

„Ach so -- na, kommen Sie nur; die Frau hat gerade heißen Kaffee, und der wird Ihnen gut thun.“

Raischbach schüttelte mit dem Kopf; der alte Förster kam ihm so ausgelassen lustig vor; hatte er vielleicht einen Schluck über den Durst gethan? Aber das geschah doch eigentlich nie, und heute, mitten in der Woche, wäre er gewiß nicht draußen gewesen. Aber er trat in’s Haus, hing dort sein Gewehr an einen der dafür bestimmten eisernen Haken und ging dann wie gewöhnlich in’s untere Zimmer.

Dort sah es aber in der That festlich aus, und wenn auch kein Besuch da war, schien es doch, als ob welcher erwartet würde -- was aber, zu so später Stunde und hier oben im Wald, unmöglich gewesen wäre. Förster Buschmann trug seine Sonntagsjoppe mit den neuen großen Hirschhornknöpfen, und die Frau Försterin die große Haube mit den beiden langen weißen Zipfeln, von denen der Alte früher behauptet, sie sehe damit aus, als ob sie sich „verlappt“ hätte. Selbst die alte Lisei hatte eine reine weiße Schürze vorgebunden und ihren „Geh zur Kirche Rock“ angezogen, und auf den Tisch war ein weißes Tuch gedeckt und die Kaffeekanne dampfte dort, während neben ihr ein frischgebackener und dicht mit Zucker überstreuter Kuchen zwischen ein paar großen Blumenbouquets stand.

War denn dem „Alten“ sein Geburtstag? Gott bewahre, der fiel ja in den Februar und der der Frau Försterin war im März, und wann die alte Lisei geboren sei, wußte Niemand, da sie den Tag vergessen hatte, und er selber war in der Neujahrsnacht zur Welt gekommen.

Und wie förmlich sich die Frau Försterin vor ihm verneigte, als er in’s Zimmer trat; es wurde ihm ordentlich unheimlich zu Muthe. Irgend etwas mußte vorgefallen sein, aber er fühlte sich gerade nicht in der Stimmung, einen „festlichen Abend“ zu verleben, und wollte sich eben still in seine Ecke hinter dem Ofen drücken, als ihm Buschmann den Weg vertrat, seine Hand ergriff und mit feierlicher Stimme sagte: „Herr Förster Raischbach, es freut mich unmenschlich, daß Sie überhaupt heute Abend noch nach Hause gekommen sind.“

„Guten Abend, Herr Förster!“ sagte jetzt auch die alte Frau mit tausend freundlichen Runzeln über ihr gutes Gesicht und reichte ihm die Hand, und „guten Abend, Herr Förster!“ wiederholte die alte Lisei und machte einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix.