Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 12

Chapter 123,824 wordsPublic domain

„Na natürlich, weil er die dumme Gewohnheit hat, ihn unter dem Arm zu tragen. Wenn er ihn dann einmal ablegt, vergißt er immer, wo?“

„Das ist recht gut,“ sagte eine alte würdige Frau, die jetzt auch auf Raischbach zukam und ihm freundlich zunickte, „daß Ihr einmal um Euer häßliches Spiel kommt und Euch der Gesellschaft widmen könnt; es giebt so nur immer Zank und Streit dabei.“

„Bah, Gesellschaft widmen!“ knurrte ein anderer baumlanger Gesell, auch in Jägertracht, aber mit wirrem Haar und Bart und tückisch blitzenden Augen; „das ewige Schwatzen und Klatschen bekommt man auch am Ende satt -- Eckardt, schafft wenigstens Wein her, daß wir die Gurgeln nässen können.“

„Aber vorher muß ich unserem jungen Gast doch wenigstens die Gesellschaft vorstellen,“ sagte Fräulein Berchta, „damit er weiß, bei wem er sich befindet.“

„Wir wissen ja selber noch nicht einmal, wie er heißt,“ knurrte der Alte wieder.

„Bernhard Raischbach, Forstgehülfe aus dem Spessart,“ sagte der junge Jäger, sich selbst vorstellend.

„Allen Respekt,“ lachte der wilde Jäger -- „nun denn, ich bin Graf Hackelnberg, um mich gleich zu beseitigen, das da Fräulein Berchta, Frau Holle hier -- das hier der wilde Ebersberger, ein getreuer Jagdgenosse.“

„O, werdet nicht langweilig, oder ich geh’ meiner Wege,“ knurrte dieser. „He, da kommt Wein! Eingeschenkt, Eckardt! So recht -- hier, Herr Forstgehülfe, nehmt einmal den Humpen da und thut Bescheid. Könnt Ihr trinken?“

„Sollt’ es denken,“ lächelte dieser, den riesigen Römer in die Hand nehmend. „Also Ihr Wohl, meine Damen und Herren!“ und da ihm die Zunge ordentlich am Gaumen klebte, leerte er das ganze Gefäß auf einen tüchtigen Zug.

Der Graf Hackelnberg hatte ihn scharf im Auge behalten, aber sein Gesicht heiterte sich sichtlich auf, als er den Zug sah, und wie der junge Forstmann das Glas umdrehte, zum Zeichen, daß er dem Trunk Ehre angethan, schrie er mit lauter donnernder Stimme: „Bravo, mein Junge, das hätte der Ebersberger nicht besser machen können, und der hat ebenfalls eine famose Saugkraft. Hier ein Wohl auf das edle Waidwerk und daß die Aasjäger der Teufel hole!“ und damit stürzte er seinen Humpen ebenfalls hinab.

Der alte Eckardt hatte jetzt kaum Hände genug, um nach allen Seiten einzuschenken, und auch das Gespräch wurde allgemein. Eben war auch die alte Urschel mit ihren jungen Damen eingetreten, ohne freilich selber Theil daran zu nehmen, denn sie schien nicht geselliger Natur, sondern setzte sich still und mürrisch in eine Ecke und holte sich ein großes Spinnrad vor, während eines der jungen Mädchen ihr eine große Tasse mit Kaffee brachte. Die drei jungen Nachtfräulein aber, -- denn seine Begleiterin Marie hatte ihm ja gesagt, daß es solche wären, -- schienen ihr scheues verschlossenes Wesen ganz abgelegt zu haben, und plauderten jetzt so auf Raischbach ein und wollten wissen, wie es „da oben“ aussähe und was die Menschen dort trieben, daß er ihnen kaum alle Fragen beantworten konnte. Und wie hübsch -- wie wunderhübsch sie waren und was für tiefblaue, treue Augen sie hatten -- aber so hübsch wie seine Marie schienen sie doch nicht, wenn sie auch viel edler und vornehmer auftraten und weiße, außerordentlich feine Gewänder trugen.

Auch Fräulein Berchta plauderte viel mit ihm und frug ihn besonders nach dem jetzigen Wildstand da oben, nach den Hirschen und was sie „auf“ hätten, nach den Bären, Luchsen und Wölfen, und wollte es gar nicht glauben, als er ihr sagte, daß von den letztern Raubthieren gar nichts mehr droben im Wald zu finden wäre und sich nur dann und wann einmal ein einzelner Wolf in ihr Revier verlöre.

Aber die drei jungen Nachtfräulein kamen immer wieder auf die Moden an der Oberwelt zurück, und der junge Forstgehülfe, der sich darin vollkommen außer seinem Fahrwasser befand, sollte ihnen bald über Das, bald über Jenes Auskunft geben, wovon er nicht das Geringste wußte.

Da kam ihm der Hackelnberger zu Hülfe, der auch indessen die Geduld verloren hatte, weil sich der Hans Jagenteufel noch immer nicht zu seiner L’hombrepartie einstellte, und mit der Faust auf den Tisch schlagend rief er aus:

„Nun hört, zum Donnerwetter, einmal mit eurem Geklatsch auf; was weiß denn der Jägersmann von euren Falbeln und Stößen und Krinolinen und wie der Unsinn alle heißt. Komm’, mein Herr Forstgehülfe, ich will Dir einmal meine Kneipe zeigen, da wirst Du Dich besser amüsiren -- ich habe eine famose Sammlung drüben und ein paar Rehbocksgehörne dabei, gegen die der alte Bock da oben wie ein Spießer aussieht.“

„Wirklich?“ rief Raischbach, während Fräulein Berchta höhnisch lachte; aber der Ebersberger rief:

„Das ist recht, da geh’ ich auch mit -- ich habe neulich mit dem Hans Jagenteufel gewettet, daß der eine Sechsundzwanzig-Ender mit der Schaufel auf der linken Stange ein Ungerader wäre, und kann mich da gleich selber überzeugen.“

„Die hast Du verloren,“ lachte der Hackelnberger, indem er sein Hüfthorn umwarf, seinen Hut aufsetzte und seine Handschuhe anzog. „Das ist ein voller, sogar noch mit einem Auswuchs an der rechten Stange, den man recht gut hätte einfeilen und einen ungeraden Achtundzwanziger daraus machen können.“

Raischbach hatte auch seinen Hut aufgegriffen; denn daß ihn der wilde Jäger einlud, mit in sein Haus hinüber zu kommen, war ihm ganz recht. Wie er ihm aber eben folgen wollte, sah er, daß der alte Eckardt an der Thür stand und ihm heimlich zuwinkte, nicht mitzugehen. Erstaunt blickte er ihn an, der Hackelnberg aber, der die Bewegung ebenfalls bemerkt haben mußte, warf ihm einen zornigen Blick zu und rief: „Na, jetzt lass’ die albernen alten Geschichten; ich werd’ ihn nicht beißen, und wenn er Furcht hat, kann er ja ruhig da bleiben.“

„Furcht?“ lachte Raischbach, „wovor soll ich Furcht haben? Ich will Niemanden hier schädigen und hoffe ebenso freundlich behandelt zu werden.“

„Es ist eine alte Angewohnheit von ihm,“ lachte der Hackelnberg, „daß er immer mit dem Kopf schüttelt und ein bedenkliches Gesicht schneidet. Kommt, es wird sonst zu spät -- und wenn der Hans Jagenteufel noch eintreffen sollte, so laßt mich’s wissen, Eckardt.“

„Ach, heute giebt’s doch keine Partie mehr,“ brummte der Ebersberger, -- „ich gehe auch mit! Vorwärts marsch!“

Der Hackelnberg, von dem Ebersberger dicht gefolgt, verließ das Zimmer und Raischbach schloß sich ihnen an. Unten im Vorsaal aber, ehe sie die Thür verließen, sah er Marie stehen, die ihm verstohlen, aber ängstlich mit der Hand winkte, nicht zu gehen. Raischbach zögerte jetzt wirklich unschlüssig einen Moment, aber der wilde Jäger mußte das auch bemerkt haben, denn rasch und zornig wandte er sich gegen das junge Mädchen, das sich scheu vor den funkelnden Augen des Wilden in eine Kammer zurückzog und nicht wieder zum Vorschein kam.

Im nächsten Moment befanden sie sich draußen auf der Straße und sahen sich auch schon dem mit Geweihen und Jagdschmuck gezierten Hause Hackelnberg’s gegenüber.

Raischbach blickte allerdings erstaunt umher, denn vorher war es ihm so vorgekommen, als ob das Haus viel weiter abseits gelegen habe, aber lange Zeit zum Ueberlegen blieb ihm doch nicht. Graf Hackelnberg schritt rasch über die Straße hinüber und stieß einen kleinen Gartenzaun auf, der von kläffenden, heulenden Rüden wimmelte. Das war auch ein Springen und Bellen und Winseln, als sie ihren Herrn kommen sahen, und nur gegen den Fremden wollten sie anknurren und ihn nicht vorüberlassen; aber ein Pfiff des wilden Jägers trieb sie alle scheu zurück, und jetzt öffnete sich ihnen die niedere Thür des kleinen Gebäudes und der junge Forstgehülfe betrat hier eine vollkommen neue Welt.

Schon der Hausflur zeigte die Jägerwohnung. Da hingen Seite an Seite die riesigsten herrlichsten Geweihe von Hirschen, wie sie Raischbach bis jetzt kaum für möglich gehalten hatte, dann ausgestopfte Eber- und Bärenköpfe, und die ganze in den oberen Stock hinaufführende Treppe war mit Wolfs- und Luchspelzen statt Teppichen dicht belegt. Und jetzt erst oben die abnormen Geweihe und Gehörne, eine Sammlung, von denen jedes einzelne Stück an der Oberwelt mit Gold aufgewogen worden wäre.

„He, Raischbach!“ lachte da der Hackelnberg, indem er sich nach seinem Begleiter umwandte und auf die eine Wand deutete, an der nur Rehbocksgehörne hingen, „das sind andere Kerle gewesen, als euer Bock oben im Wald, wie? -- Seht Euch einmal die Drei da an.“

„Aber das sind doch keine Rehbocksgehörne!“ rief der Jäger fast erschreckt aus, als er die riesigen Stangen sah.

„Waren es nicht?“ lachte Hackelnberg -- „ich habe sie aber alle zu meiner Zeit selber geschossen. Nehmt Euch eins zum Andenken mit.“

„Von den Gehörnen?“

„Gewiß; da könnt Ihr Staat mit machen, und ein besseres hat Niemand bei Euch da droben; kommt auch nicht mehr vor. Da drinnen hängen noch die Armbrüste, die wir damals geführt, denn da waren noch nicht die Knallgewehre erfunden, mit denen man jetzt einen Lärm im Walde macht, daß man es meilenweit hören kann. Nehmt Euch nur das Gehörn, wenn’s Euch Spaß macht, zum Andenken an den Hackelnberg.“

„Tausend Dank denn!“ rief Raischbach erfreut, und es wurde ihm die Wahl zwischen den drei prachtvollen Geweihen schwer. Aber er zögerte doch nicht lange, nahm das ihm nächste von der Wand und folgte dem Grafen dann in das Nachbarzimmer, in seine „Gewehrkammer“, wie er es nannte, wo malerisch geordnet Unmassen von Armbrüsten, Saufedern, Hirschfängern, Bärenspießen und allen möglichen anderen alten Waffen an den Wänden geordnet waren.

Da plötzlich schlug eine Glocke an -- zwölf dumpfe, schauerliche Schläge, und der Ebersberger griff seinen Hut auf und stürmte die Treppe hinunter.

„Hallo!“ rief der Hackelnberg, „ist’s schon Zeit? also bis nachher, Raischbach -- aber kommt lieber mit, daß Euch die Hunde kein Leides thun, denn wenn ich nicht bei ihnen bin, sind die Bestien rein des Teufels. -- Macht schnell, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren, und nehmt das Gehörn in Acht.“

Mit langen Sätzen flog er die Treppe hinab und aus dem Haus, und Raischbach ließ sich die Warnung nicht umsonst gesagt sein, sondern blieb ihm dicht auf den Hacken.

Unten umtobten die Hunde aber schon ein paar gesattelte Pferde, auf die sich der Hackelnberg und der Ebersberger warfen. Fräulein Berchta kam ebenfalls in voller Carrière die Straße herunter, und fort ging die Hetze, daß die Funken aus den Steinen herausschlugen.

Raischbach sah ihnen noch verwundert nach, als plötzlich Jemand seine Hand ergriff und unverhofft wieder Marie neben ihm stand und ängstlich rief: „Fort! fort! es ist die höchste Zeit -- komm’ mit mir -- o ich bat Dich doch, nicht mit dem wilden Jäger zu gehen.“

„Aber, Schatz!“ sagte Raischbach -- „er hat mir ja nichts zu Leide gethan.“

„Komm’ nur mit!“ bat die Maid; „mir darfst Du folgen, ich meine es gut mit Dir.“

„Und wohin?“

„Wieder hinaus zu den Deinen -- wenn sie zurückkehren, bist Du verloren.“

„Aber er war so freundlich und hat mir auch --“

„Du kennst sie nicht,“ drängte aber das Mädchen, indem sie ihn die Straße entlang zog, daß er ihr kaum folgen konnte -- „wenn sie dazu aufgelegt sind, ist ihnen Alles Wild, was vorkommt. Aber ich denke, wir erreichen die Grotte noch, ehe sie zurückkehren können.“

„Wo will der hin?“ fragte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine wilde Gestalt, auch in altem Jagdkostüm, aber einen Bärenspieß in der Hand und zu Fuß stand vor ihnen, und zwar gerade an der Stelle, wo der Weg wieder in den schmalen Gang hinein führte.

„Nun wieder nach Haus, Kamerad!“ erwiederte dießmal Raischbach selber, während Marie ihn ängstlich am Rock zupfte -- „ich war zum Besuch hier unten.“

„So, mein Bursche!“ sagte der wilde Gesell, indem er sich seinen etwas schief sitzenden Kopf wieder zurecht rückte, „und darfst Du denn das?“

„Ja, Herr von Jagenteufel!“ erwiederte da Marie -- „er darf; er nimmt ja nichts mit fort.“

„Wirklich?“ rief der fremde Jäger, „und wo hat er das Rehbocksgehörne her? Hol’ mich der Teufel, das ist ja aus der Sammlung des Hackelnbergers!“

„Und von dem habe ich es auch geschenkt bekommen,“ sagte Raischbach trotzig.

„O, wirf es fort, wirf es fort!“ flüsterte ihm das Mädchen bittend zu -- „Du darfst nichts mitnehmen.“

„Das wollen wir doch bald erfahren, ob er es Dir wirklich geschenkt hat, mein Bursche!“ lachte da der Fremde, indem er ein kleines Horn an die Lippen setzte und einen schrillen Ton darauf blies.

„Fort! fort!“ rief aber das Mädchen, indem sie Bernhard am Arm faßte und mit sich in den Gang hineinriß. „Das ist das Signal für die wilde Jagd -- wenn sie uns einholen, sind wir Beide verloren!“

Im nächsten Moment flohen sie durch den jetzt vollkommen dunklen Gang, und Raischbach schien es, als ob er gar kein Ende nehmen wollte. Da hörte er plötzlich ein fernes, wunderliches Geräusch.

„Horch!“ rief das junge Mädchen in Todesangst „sie kommen! -- o, kannst Du denn nicht schneller laufen?“

„Ich weiß nicht!“ erwiederte der junge Forstgehülfe, „sonst bin ich flüchtig wie ein Reh, aber jetzt ist es mir, als ob ich die Füße gar nicht vom Boden bringen könnte -- sie sind mir so schwer wie Blei.“

„O wirf das Gehörn fort! Du darfst nichts mitnehmen.“

„Bah, der Hackelnberg hat mir’s geschenkt -- haben wir denn noch weit?“

„Da kommen sie! Da kommen sie!“ rief das Mädchen, und plötzlich erschallte das Gewölbe von einem grausigen, furchtbaren Lärm -- Hörnerschall, Peitschenknall, Rüdengebell und Geheul, das Hussah der Jäger, und nun flog ein rother, glühender Feuerschein durch die Dunkelheit.

„Das ist die Tut-Osel!“ schrie Marie, und Bernhard sah, wie die Eule mit feuersprühenden Schwingen sie eingeholt hatte und mit den Flügeln nach ihnen schlug. Jetzt donnerte das Gestampf der Hufen heran -- jetzt hörten sie das Geklatsch und Geheul der Meute dicht hinter sich, um sich her. „Hussah!“ hörte er Fräulein Berchta’s Stimme -- „Hussah! faßt den Burschen da vorn! reißt ihn nieder -- er trägt Beute hinweg! Hussah -- hussah!“

Raischbach wandte sich und riß den Hirschfänger aus der Scheide, um sich gegen die Wüthenden zu vertheidigen -- umsonst -- wie Glas knickte er beim ersten geführten Schlag dicht am Hefte ab, und über ihn hin in wilder, stürmender Flucht ging die Jagd.

Sechstes Kapitel.

Der Verunglückte.

In der nämlichen Zeit, in welcher der Forstgehülfe Raischbach mit den Kienspähnen in den Grund zurückgekehrt war, um seinen Hund zu suchen, kam der Kreiser Metzler von der andern Seite des „Fuchsbaues“ -- wo er das Revier abgekreist hatte -- heran und wollte den nächsten Weg nach der Forstei einschlagen, denn er hatte eine Menge Füchse gespürt, und wenn sie ein paar Kleppertreiben machten, konnten sie vielleicht vier oder fünf davon schießen. Da kreuzte er auf einmal Raischbach’s Fährte im Schnee und blieb erstaunt stehen, um sie näher zu betrachten.

„Alle Wetter!“ brummte er vor sich hin, „zweimal hinein, und einmal heraus, da muß er doch noch drin stecken -- und dem Schuhwerk nach ist das unser Forstgehülfe; was hat der aber hier im Grund zu suchen?“

Langsam und unwillkürlich ging er eine kurze Strecke der Fährte nach, als er etwas dicht daneben auf dem Schnee liegen sah, und sich danach bückend einen kleinen Kienspahn aufhob.

„Na nu?“ sagte der Kreiser kopfschüttelnd, „er wird sich doch da drin kein Feuer anmachen wollen. Was kann der nur vorhaben?“

Er blieb einen Augenblick stehen und horchte, es wurde aber nichts laut, als er plötzlich einen Pfiff zu hören glaubte, der aber ganz dumpf und weitab klang. Antworten mochte er nicht gleich, weil er fürchtete, dem Jäger da drin vielleicht die Jagd zu verderben; aber was hatte er nur? etwa seinen Hund in einen Bau gelassen? Na ja, da kam er schön an, denn der Platz war dafür berüchtigt; wer einen guten Dachshund hatte, führte ihn dort gewiß nicht hinein, und das wußte der Forstgehülfe ja auch gut genug. Er blieb eine ganze Weile im Schnee stehen, aber es ließ sich nichts weiter vernehmen, und er beschloß endlich, lieber einmal langsam und vorsichtig auf der Spur nachzugehen.

Das that er, und bald entging dem geübten Auge des Waldläufers auch die Stelle nicht, wo der angeschossene Fuchs abgestürzt war -- den Schuß hatte er überdieß gehört, wenn er auch nicht genau gewußt, von welcher Seite der Schall kam. Im Schnee klingt aber ein Schuß überhaupt dumpf, und dadurch, daß Raischbach in den Grund hineingefeuert hatte, mochte sich der Schall wohl noch mehr gebrochen haben.

„Alle Teufel!“ rief er aber plötzlich, als er zu der Felsspalte kam und dort wohl Raischbach’s Gewehr lehnen und den Jagdranzen liegen sah, sonst aber keine Spur von dem Forstgehülfen entdecken konnte.

Wohin er sich gewandt, zeigte allerdings deutlich genug der Schnee: in die Wand hinein -- und dazu etwa der Kien? Wahrhaftig, da lag ein abgebrannter kleiner Spahn und etwas Asche. Der Mann schüttelte den Kopf, denn er kannte die bösen Spalten und Klüfte in der Wand hier schon seit langen, langen Jahren. -- Aber wenn er da drinnen stak, mußte er wenigstens Antwort geben, und dort konnte er auch durch ein Bischen Lärm nichts verderben. Er stellte also seine alte Flinte ebenfalls draußen ab, drängte sich ein Stück in die Spalte hinein und rief den Forstgehülfen bei Namen -- keine Antwort folgte; er pfiff auf dem Finger -- mit dem nämlichen Erfolg. Er wartete eine Weile und rief nochmals -- immer dasselbe. Da drinnen herrschte Todtenstille, und kein Laut ließ sich hören, kein Hundewinseln oder Bellen, wenn der Dachs vielleicht noch hinter seiner Beute hergewesen wäre.

„Herr Raischbach!“ schrie der Kreiser noch einmal, denn diese Stille wurde ihm unheimlich. Sollte dem jungen Mann ein Unglück zugestoßen sein? „Herr Raischbach!“ er schrie so laut er konnte; er hätte ihn da drin hören müssen, denn der Schall der Stimme donnerte an den Wänden hin. -- Keine Antwort erfolgte, und dem Mann wurde es jetzt selber unbehaglich in dem dunkeln Loch. Allein konnte er auch gar nichts ausrichten, denn passirte ihm ebenfalls etwas, so waren sie Beide verloren, und Niemand hätte gewußt, besonders wenn der Schnee wieder wegging, wo sie geblieben wären.

Vorsichtig glitt er zurück, nahm draußen seine Flinte wieder, ließ aber natürlich die des Forstgehülfen stehen, und eilte jetzt, so rasch er konnte, in den Wald hinauf und der Forstei zu. Unterwegs traf er ein paar Holzmacher, die er augenblicklich mitnahm, denn er wußte nicht, wie man sie gebrauchen konnte, und war nur froh, daß er den ebenfalls gerade von einer Pirsche zurückgekehrten Förster zu Hause fand.

Der alte Buschmann erschrak, als ihm Metzler Bericht abstattete, und lief, ohne ein Wort zu sprechen, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab und kratzte sich das weiße Haar. Er war aber kein Mann, der sich lange mit Ueberlegen abgegeben hätte, denn er wußte recht gut, wie er hier zu handeln hatte.

„Metzler,“ sagte er plötzlich vor diesem stehen bleibend, „Euch hat der liebe Gott vielleicht zur rechten Zeit an den verdammten Platz geführt. Wie viel Holzhauer habt Ihr bei Euch?“

„Zwei, Herr Förster.“

„Gut; zwei andere arbeiten gleich drüben am schwarzen Bach. Die Lisei soll augenblicklich hinlaufen und sie abrufen. Den Müller habe ich zu der neuen Pirschhütte geschickt, den finden wir unterwegs, und von den Forstschutzleuten liegen zwei, die gerade die Nacht draußen waren, oben und schlafen. Die müssen auch mit, dann sind wir Leute genug.“

„Und brauchen wir sonst was, Herr Förster?“

„Gewiß -- meine Frau soll Euch gleich einmal die Laterne mit ein paar Lichtern geben -- oben auf dem Boden habe ich auch noch zwei Pechfackeln, die holt ebenfalls. Dann nehmt das starke neue Heuseil mit -- und eine Schaufel und Spitzhack ebenfalls, der liebe Gott weiß, was wir brauchen. Die Holzmacher sollen auch ihre Aexte nicht vergessen und noch ein paar kurze Seile -- weiter wird wohl nichts nöthig sein. -- Und meine Frau soll mir die Schnapsflasche füllen. -- Es war reiner Wahnsinn von dem Menschen, dort hinein zu kriechen.“

„Schön, Herr Förster.“

„Vergeßt mir nur nichts, Metzler -- zwei Lichter wollen wir mitnehmen und Feuerzeug -- na, das nehme ich selber, und ein Bischen rasch, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Der alte Mann befand sich in großer Aufregung, dachte aber dabei an Alles, und kaum eine halbe Stunde später war die kleine Kolonne vollständig gerüstet auf ihrem Weg nach dem Fuchsbau, um den, wie man allen Grund zu vermuthen hatte, Verunglückten aufzusuchen und zu retten. In kaum einer Stunde hatten sie auch den Platz erreicht, stiegen an den Felsen hinab und sahen hier augenblicklich, daß Raischbach den Grund noch nicht verlassen haben konnte -- die Fährten waren noch, wie sie Metzler gelassen, und als sie dorthin einbogen, lehnte auch noch das Gewehr draußen an der Felsspalte.

Der Förster selber schrie jetzt ein paar Male in den Bau hinein, erhielt aber eben so wenig Antwort, wie vorher sein Kreiser, und sie verloren nun auch nicht viel Zeit, um ihr Rettungswerk vorzubereiten.

Vor allen Dingen wurde eine der Pechfackeln angezündet und der Kreiser Müller, den sie abgerufen hatten, ein junger, gewandter Bursche, damit voran hineingeschickt, um zuerst einmal das Terrain genau zu rekognosziren. Buschmann warnte ihn aber, auch nur einen voreiligen Schritt zu thun, und rieth ihm an, Zoll für Zoll weiter zu rücken und mit der Fackel immer vor sich auf den Boden zu leuchten, damit er das Uebel nicht noch schlimmer mache und ebenfalls zu Schaden käme.

Müller war auch der richtige Mann dazu und kroch unerschrocken in die Spalte hinein, während seine Begleiter indessen in ziemlicher Ungeduld seine Rückkehr erwarteten. Er blieb aber nicht lange; bald sahen sie den Schein der Fackel wieder; aber sein Bericht lautete nichts weniger als tröstlich.

Kaum zwanzig Schritt drin, wo die Höhle indessen so geräumig sein sollte, daß vier Mann, und vielleicht noch mehr, bequem neben einander stehen konnten, machte sie eine kleine Biegung, und dort ging eine tiefe Spalte hinab. Da hinein war auch der Forstgehülfe gefallen, denn er hatte seine Fährten in dem weichen Boden gesehen und auch einen angebrannten Kienspahn am Rand gefunden.

„Und war nichts von ihm zu sehen gewesen?“

Zu weit hatte er sich, wie er sagte, nicht hineingetraut, um nicht ebenfalls auszurutschen. Dort hinab schien es aber tief und dabei stockdunkel -- es ließ sich nicht das Mindeste erkennen.

Und was konnte man jetzt thun?

Müller machte einen Vorschlag. Ihre Aexte hatten sie mit; wenn sie ein paar starke Stangen abhieben und quer über die Spalte legten, so war es vielleicht möglich, sich hinauszuwagen, um nur erst einmal zu erfahren, wie tief es wäre. Nachher könne man sich auch vielleicht an einem Seil hinablassen.

Der alte Förster schüttelte mit dem Kopf; es war ihm nicht recht, daß seine Kreiser über eine Sache eine Disposition treffen sollten, wo er daneben stand und gar nichts davon wußte.

„Ich will Euch was sagen, Müller,“ meinte er, „ich werde erst selber einmal hineingucken, um zu sehen wie der Hase läuft.“

„Aber, Herr Förster!“ rief Metzler erschreckt, „ich bitte Sie um Gottes willen -- wenn Ihnen dann auch --“

„Seid kein Esel, Metzler,“ sagte der Förster, „ich werde mich schon in Acht nehmen, habt keine Sorge.“ Und damit warf der alte Mann richtig seine Sachen ab, zog sogar seinen Rock aus, nahm die Pechfackel und trat getrost seine Wanderung an. Er wußte ja auch jetzt, wo die Gefahr eigentlich begann, und es dauerte gar nicht lange, so hatte er den Platz erreicht und übersah jetzt leicht, was hier zu thun sei, um dem jedenfalls Verunglückten Hülfe zu bringen. Müller hatte ganz recht, ein paar Stangen konnten leicht quer übergelegt werden, denn die Spalte mochte kaum vier Fuß breit sein; aber es mußten dann auch Querhölzer daran geschnürt werden, damit man einen festen Halt darauf bekam. Das war also vor allen Dingen fertig zu machen, alles Weitere mußte verschoben werden, bis man von dort aus rekognosziren konnte.