Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 10

Chapter 103,890 wordsPublic domain

Aber, alle Wetter, der Förster hatte allerdings recht gehabt: hier gab’s Füchse genug -- überall fand er die Losung, und zahlreiche Spalten in der Wand waren augenscheinlich so begangen, daß wirkliche kleine Pfade hineinführten. Der Platz hier konnte ihnen freilich auch passen, denn abgelegen schien er genug, und Schlupfwinkel für die schlauen Bestien gab’s wie Sand am Meer. Das Gestein sah genau so aus, als ob es mit Gewalt von einander gerissen und überall geborsten wäre. Da konnten sie einfahren, wo sie eben Lust hatten, und wenn man sich auch oben ansetzen wollte, um ihnen aufzupassen, blieb es immer von dort herunter ein weiter und ungewisser Schuß -- und hier drin selber? -- Ei, wenn die Füchse ihren Winterbalg anhatten und die Pelze was galten, mußte er doch einmal den Versuch machen, das gab vielleicht eine ganz vortreffliche Jagd und einen guten Spaß, ihnen so unerwartet eins auf die Jacke zu brennen. Macht doch die Erlegung eines Fuchses oder überhaupt jedes Raubthieres dem Jäger mehr Freude, als ob er sonst Gott weiß was erlegt, denn es gilt dabei einen schlauen und gewandten Räuber zu überlisten.

Der junge Forstgehülfe beging langsam pirschend das ganze innere Terrain, fand aber die Aussage des Försters bestätigt, und nicht eine einzige Fährte von Roth- oder Rehwild in dem ganzen Grund, dafür jedoch eine Masse niedergebrochenes und vertrocknetes Reisig -- ein Beweis, daß selbst die Holzsucher, die doch sonst gewiß nicht eigen sind, den öden Platz mieden. Von einem hindurchführenden Pfad war ebensowenig eine Spur zu erkennen und das Brombeergesträuch an manchen Stellen so dicht, daß er sich kaum hindurch arbeiten konnte. Es war auch spät geworden, als er den hinausführenden Paß wieder erreichte, und hier unten dämmerte es schon, während die Wipfel der Bäume oben am Felsenrand noch im Licht der untergehenden Sonne glühten.

Jetzt war übrigens noch gute Zeit für einen Pirschgang heimwärts -- vielleicht begegnete er dem Bock doch noch unterwegs, und nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß kein begangener Weg von unten ab weiter zu Thal führte, stieg er wieder von außen an dem Steindamm hinauf und trat den Heimweg an.

Den Bock traf er allerdings nicht, und es war recht spät geworden, als er die Forstei endlich wieder erreichte. Daheim erzählte er aber auch nichts von dem fremden Mädchen, das er heute am Fuchsbau getroffen. Wer wußte denn, was sie sich nachher wieder für Geschichten daraus zusammengebaut hätten, von Erdweible oder Moorjungfern oder sonstigem Spuk. Vielleicht traf er sie einmal wieder in der nächsten Zeit, und dann sollte sie ihm nicht so leicht entschlüpfen wie dießmal, wo ihn der alberne Kreiser mit seinem Schuß so zur unrechten Stunde gestört und abgelenkt hatte. War ihm doch nicht einmal Zeit geblieben, sie nur zu fragen, wie sie hieß.

Und würde sie ihm das gesagt haben, wo sie ihm, auf seine Frage nach ihrer Heimat, die schnippische Antwort gab „im Bau“? Sonderbar -- er brachte das Mädel nicht aus dem Kopf und war den ganzen Abend still und einsylbig. Der alte Förster aber lachte, denn er glaubte, der verfehlte Bock ärgerte ihn, meinte auch, da würde er sich noch manchen Abend Gedanken drüber machen können, denn das sei ein alter schlauer Patron und nicht sogleich auf den ersten Pirschgang abzufassen. Sie wollten sich in vier Wochen einmal wieder sprechen, ob er ihn vielleicht bis dahin erlauert hätte -- _er_ glaube es aber nicht.

[B] Das Blatt, der nachgeahmte Lockruf des Rehs.

Drittes Kapitel.

Der Fuchs.

Der Forstgehülfe Raischbach bekam übrigens in den nächsten Tagen keine Zeit, viel an den Bock oder selbst an die fremde Maid zu denken, denn noch in der nämlichen Nacht hatte der Kreiser Metzler, der in einer der im Wald zerstreut gebauten Pirschhütten geschlafen, einen Schuß gehört und am nächsten Morgen erst, obgleich er, wie er sagte, augenblicklich der Richtung zugeeilt sei und Alles abgesucht habe, den Aufbruch und Kopf eines Altthiers gefunden, das ein paar Wilderer dort in der Nacht erlegt und dann fortgeschleppt haben mußten. Im Anfang hätte er auch noch eine Strecke auf dem Schweiß (Blut) nachgehen können, dann aber waren die Wilddiebe an die große Straße gekommen, die durch den Wald lief, und keine Spur weiter von ihnen zu finden. Ein paar frische Wagengleise führten allerdings vorbei, eines aber nach Norden, eines nach Süden, und welches von diesen sie wahrscheinlich benützt hatten, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen, wer konnte es sagen?

Nachforschungen wurden allerdings gehalten, aber ohne Erfolg. Die Bursche mußten gute Helfershelfer haben, denn das Stück Wild blieb verschwunden, und wenn man auch ein paar Leute aus dem nächsten Dorf in starkem Verdacht hatte und bei ihnen sogar Haussuchung hielt, fand sich doch nichts Verdächtiges gegen sie vor. Die Beamten und Forstleute mußten, noch dazu von dem spöttischen Lächeln der Bauern begleitet, unverrichteter Sache wieder abziehen.

Förster Buschmann war außer sich. Jetzt hatte er nun den erbetenen Forstschutz erhalten und auch einen jungen Forstgehülfen, und trotzdem holten sie ihm das Wild fast unter der Nase weg. Und was würde die oberste Forstbehörde, an die er doch jedenfalls Bericht erstatten mußte, dazu sagen -- natürlich bekam er eine furchtbare Nase.

Auch dem Forstgehülfen war das gar nicht recht, denn allem Anschein nach hatten sie es hier nicht mit einem einzelnen Wilderer, sondern mit einer ganzen Bande derselben zu thun, die einander in die Hände arbeitete, und wo er schon geglaubt, daß sie ihnen das Handwerk gründlich gelegt, trieben sie es ärger als je zuvor und trotzten der ganzen Försterei.

Von da ab war er fast keine Nacht mehr zu Hause, ja selbst der alte Förster ließ sich nicht mehr halten und begleitete ihn manchmal, oder nahm auch zu Zeiten einen Strich allein und dann nur einen Kreiser oder einen Forstschutz mit sich, denn es war eben nicht gerathen, sich unter solchen Umständen ganz allein in den Wald zu wagen, wo man nicht wissen konnte, was passirte.

Die nächsten Tage blieb übrigens Alles ruhig, denn die Wilderer konnten sich wohl denken, daß die Forstleute jetzt wachsam sein würden. Nach vier oder fünf Tagen aber, wo sie glauben mochten, daß sie in ihrem Aufpassen etwas nachgelassen hätten, und gerade bei recht hellem Mondschein knallte es wieder, und dießmal hatten sie sich einen unglücklichen Fleck dazu ausersehen. Raischbach nämlich befand sich selber mit einem der Kreiser ganz in der Nähe und ertappte sie auf frischer That.

Allerdings gaben sie sich nicht gutwillig, und der eine Bursche feuerte und traf den Forstgehülfen mit der Kugel in den Oberschenkel; der aber schoß ihn, wie er noch die Büchse am Backen hatte, in seinen Fährten nieder und jagte auch noch einem der Anderen, mit dem zweiten Lauf seiner Büchsflinte, eine Ladung Schrot nach, die ihn in die Beine traf. Hinter dem Dritten feuerte der Kreiser her, auch mit Schrot. Der entkam aber, für den Augenblick wenigstens. Der Eine dagegen war, als sie zu ihm traten, todt, und der Andere hatte sich nur noch eine Strecke in den Busch hineingeschleppt, wo er lag und nicht weiter konnte.

Der Kreiser, da Raischbach mit seinem Bein nicht recht vorwärts konnte, mußte jetzt nach dem Forsthaus zurück und Hülfe holen. Dicht daneben war eine Anzahl Holzhauer beschäftigt, die Nachts in der einen Scheuer schliefen, und diese eilten jetzt herbei, um die Verwundeten und den Todten zum Haus zu schaffen. Ein Bote mußte augenblicklich zur nächsten Stadt, und schon am Nachmittag waren die Gerichte da, um den Thatbestand zu untersuchen.

Förster Buschmann hatte indessen in der Nähe des gestrigen Kampfes ein angeschossenes Stück Wild gefunden, das nicht weit von der Stelle verendet lag, und es dauerte auch nicht lange, so spürten die Gendarmen den dritten Wilderer heraus, der, die Haut voller Schrote, im Dorf krank lag und sich erst gar nicht wollte untersuchen lassen.

Jetzt begann ein langes Verhör, aber die beiden ertappten Wilderer fanden bald, daß ihnen Leugnen nichts mehr half, ja der Eine von ihnen gab sogar seine übrigen Helfershelfer an, wonach sich dann herausstellte, daß die ganze Bande aus sieben Mann bestanden hatte, die den Wilddiebstahl, von den großen Dickungen begünstigt, schon lange geschäftsmäßig betrieben haben mußten. Sie wurden Alle zu ziemlich schwerer Strafe verurtheilt und der Wald bekam jetzt Ruhe. Wenn auch vielleicht noch manch’ Einer in der Nachbarschaft lebte, der seiner Zeit ebenfalls kein Kostverächter gewesen, so schien ihm doch die Sache, im Verhältniß zu dem Nutzen, den sie brachte, ein wenig zu gefährlich geworden zu sein, um gleich Hals und Kragen daran zu setzen, und sie ließen’s lieber bis auf ruhigere Zeiten.

Raischbach hatte übrigens in der Nacht einen tüchtigen Denkzettel bekommen, der ihn für ein paar Wochen an sein Lager fesselte; denn wenn die Kugel auch glücklicher Weise keinen Knochen getroffen, war es doch ein häßlicher Fleischriß, der seine Zeit zum Heilen verlangte.

Indessen pflegte ihn die Frau Försterin und die alte Lisei nach besten Kräften, und die Letztere besonders wachte in der ersten Zeit, wo er ein tüchtiges Wundfieber bekam, ganze Nächte bei ihm. Seine kräftige Natur erholte sich aber doch bald wieder und es heilte rasch; nur schonen mußte er das Bein noch und durfte nicht hinaus in den Wald, bis die Wunde vollständig verharrscht war, und das kümmerte ihn dabei am Meisten.

Ein Jäger im Bett -- es gibt nichts Trostloseres -- und das noch dazu in der besten Jagdzeit; aber es half nichts, er mußte aushalten, und die Frau Försterin litt schon selber gar nicht, daß er sich vor der Zeit wieder anstrengte.

Und was für Muße hatte er jetzt wieder, über alte Geschichten nachzugrübeln -- er wollte zuletzt gar nichts mehr denken, und wenn dann die alte Lisei kam, forderte er sie auf, ihm Etwas zu erzählen -- und selten umsonst. Die Alte hatte schon lange den Mann lieb gewonnen, weil er ganz anders war als das übrige junge Volk, und nie über ihre Erzählungen lachte oder gar darüber spottete. Sie erfüllte deßhalb auch gern seinen Wunsch; aber das Einzige, über was sie sprechen konnte, war eben das, was sie nicht begriff -- das Uebernatürliche, Uebersinnliche, und darin besaß sie entweder eine reiche Phantasie oder ein vortreffliches Gedächtniß, denn sie konnte ihm stundenlang von all’ dem Geisterhaften berichten, was den Wald belebte, und Bernhard lag dann mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Bett, hörte ihr zu und dachte an seine fremde Maid, die er selber da draußen getroffen.

Endlich war die Wunde geheilt, und der Dorfchirurg, der ihn manchmal besuchte, gestattete ihm, daß er wieder hinaus dürfe, wenn er sich auch noch tüchtig schonen müsse. Vor allen Dingen verbot er ihm anstrengende Touren und gestattete nur einen ruhigen Pirschgang vielleicht, bei dem er sich manchmal eine Stunde ansetzen oder rasten konnte.

Das war dem jungen Jäger gerade recht -- weiter verlangte er nichts, und schon der nächste Morgen sah ihn wieder mit seiner Büchse im Wald; denn jetzt hatte er die beste Zeit, um sich auf den alten Bock anzusetzen und ihm seinen Wechsel abzulauschen -- aber es war nichts und der Bursche viel zu schlau für ihn, um ihm irgendwo in den Weg zu laufen.

So wurde es Herbst, und Raischbach hatte sich einen ganz vorzüglichen Dachshund von einem benachbarten Förster gekauft, den er, wie sich bald auswies, auch vortrefflich als Schweißhund benützen konnte. Der Hund war jedenfalls ausgezeichnet und von da an des jungen Forstgehülfen steter Begleiter; ja selbst auf den Anstand konnte er ihn mitnehmen, denn „Dachs“, wie er ihn genannt, rührte sich nicht und lag stundenlang, ohne auch nur den Kopf zu heben, an seiner Seite.

Der junge Forstgehülfe war aber so oft dem Bock jetzt zu Gefallen gegangen und immer vergeblich, daß er es zuletzt satt bekam. Förster Buschmann hatte ganz recht, wenn er behauptete, es sei ihm eben nicht beizukommen und er müsse seine Zeit abwarten -- vielleicht glücke es doch einmal. Mit desto größerem Eifer legte er sich aber dafür auf die Fuchsjagd, und wie der erste Schnee fiel und die Bälge brauchbar wurden, leistete er darin Außerordentliches. Bis Mitte Dezember hatte er allein schon sieben geschossen, und Förster Buschmann, dem die Bälge als Jagdrecht gehörten, hätte sich allerdings keinen besseren Forstgehülfen wünschen können.

Es war Mitte Dezember und wieder in der Nacht ein Neues[C] gefallen, als Raischbach auch schon, noch Morgens vor Tag, seinen Dachs fütterte, selber seinen Kaffee trank, ein Stück Brod und einen Schnaps in seine Jagdtasche schob und hinausging, um abzuspüren.

Oft und oft war er im Spätsommer und Herbst den alten Weg gegangen, und wie hatte er sich dann bald die Augen aus dem Kopfe geschaut, um das bunte Tuch wieder durch die Büsche scheinen zu sehen und dem lieben Mädchen noch einmal zu begegnen. Sie kam nicht -- es blieb immer vergebens, und wenn er auch jetzt im Schnee nicht daran denken durfte, sie draußen im Wald zu treffen, flogen doch trotzdem die Gedanken, als er sich wieder dem Fuchsbau näherte, zu ihr zurück, und leise vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd, sagte er halblaut:

„Es bleibt doch eigentlich merkwürdig, daß ich das Blitzmädel nie wieder treffen konnte, und daß sie gerade damals hier am Bau wie in den Boden hinein verschwand. Wenn sie nur wenigstens den kleinen Pfad gehalten hätte, so mußte ich sie drunten noch einmal sehen, und was hat sie in der Tannendickung zu suchen, denn die Felsenwand kann sie ja doch nicht hinunter sein.“

Noch während er sprach, hatte er die nämliche Stelle erreicht, wo er sie damals getroffen, und schritt fast unwillkürlich an dem hier etwas offenen Holzrand hin, dem das Mädchen damals, die ersten Schritte wenigstens, gefolgt. Wie er aber zu dem Punkt kam, wo er sie aus den Augen verloren, blieb er überrascht stehen, denn da lief eine frische Fuchsspur, wie eben erst eingedrückt, quer über den Pfad und gerade nach der Wand zu, an der sie damals verschwand. Also gab es hier wirklich einen möglichen Pfad dort hinab -- denn wo ein Fuchs fortkommt, weßhalb soll da nicht auch ein Mensch gehen können?

Der Forstgehülfe schritt vorsichtig und geräuschlos, und mit dem Fuß vorher sorgfältig sondirend, damit ihm der Schnee nicht darunter wegrutschte und er vielleicht die Klippe hinabstürzte, bis zum äußersten Rand und bog sich dort über, brauchte auch nicht lange, um die da hinabführenden Fährten zu erkennen. Meister Reinecke war wirklich ganz behaglich hinabgestiegen, und zwar an einer Stelle, die er selber bis dahin für ungangbar gehalten. -- Und wo stak er jetzt? Der Forstgehülfe stand mit gespanntem Gewehr oben auf dem Rand des Felsens und bog sich so weit als möglich vor, und hinter ihm schnüffelte sein Dachs die frische Spur. Da plötzlich sah er dort unten, etwa in der Mitte der Wand, sich etwas Dunkles regen -- das waren die spitzen Lauscher eines Fuchses. Unwillkürlich hob er das Gewehr an den Backen -- wenn er nur noch ein klein wenig vorkam, daß er wenigstens den vollen Kopf erkennen konnte. Jetzt war er wieder verschwunden, oder wenigstens durch vorhängendes, mit Schnee bedecktes Gesträuch verdeckt -- Raischbach blieb aber, ohne sich zu regen, in seiner Stellung, und es dauerte auch in der That keine halbe Minute, bis der Fuchs plötzlich wieder, etwas weiter unten zwar, aber nun vollständig zum Vorschein kam. In dem Moment krachte auch der Schuß, und Reinecke, seinen Halt verlierend, stürzte, entweder todt oder doch schwer angeschossen, den letzten Absatz hinunter in die Büsche hinein. Von da oben aus war allerdings Nichts mehr zu machen, denn in dem schlüpfrigen Schnee durfte er nicht wagen an dem steilen Hang hinab zu klettern. Er besann sich aber auch keinen Moment -- den Fuchs mußte er haben, und seine Büchsflinte erst wieder frisch ladend, eilte er dann, so rasch ihn seine Füße trugen, den Pfad hinab und in den eigentlichen „Grund“ selber hinein.

Jetzt galt es, die Stelle wieder zu finden, auf der sein Fuchs liegen mußte. Diese war auch nicht gut zu fehlen, denn wie er nur in die Nähe kam, erkannte er schon an einzelnen an der Wand haftenden Schneeklumpen den rothen Schweiß, den der angeschossene Fuchs beim Abstürzen dort hinterlassen, und erreichte gleich darauf den Platz, wo er zu Boden geschlagen war -- eine förmliche Schweißlache zeichnete den Ort an -- aber der Fuchs lag nicht dabei. Freilich hatte er nicht fortgekonnt, ohne in dem Schnee eine vollkommen deutliche Spur zu hinterlassen -- auch nicht mehr springen konnte er -- nur durch den Schnee sich fortschleifend zog sich die rothe Spur gegen die Wand hin, und dort stand Raischbach gleich darauf vor einer Felsspalte so hoch, daß ein Mann hätte gebückt hineinkriechen können -- und dort drinnen stak er jetzt.

„Ist der sappermentische Bursche doch noch zu Bau gekrochen!“ murmelte der junge Forstgehülfe vor sich hin; „na, Dachs, dann wirst Du jetzt Deine Schuldigkeit thun müssen und ihn herausholen. Weit kann er nicht mehr hinein sein, und vielleicht liegt er gleich verendet vorn dran.“

Damit löste er, ohne an die Warnung des Försters zu denken, den Hund von der Leine, der sich vor Ungeduld kaum lassen konnte. In dem Moment aber, wo er sich frei fühlte, sprang er schon winselnd auf der breiten Schweißspur fort und war im nächsten Augenblick in der Felsspalte verschwunden. Dort aber gab er augenblicklich Laut, der Fuchs mußte wirklich unmittelbar am Eingang gesessen haben und mit dem kleinen muthigen Hund sogleich handgemein geworden sein. Der Kampf zog sich aber etwas weiter in die Höhle, indeß nicht so weit, daß nicht Raischbach, der vergnügt lauschend davor stand, jeden Ton, jedes Knurren hätte hören können. -- Jetzt plötzlich war Alles ruhig. Der junge Forstmann horchte -- nichts regte sich mehr. Der Dachshund mußte den Fuchs todt gebissen haben und dann zerzauste er ihn erst eine Weile.

„Dachs!“ rief Raischbach hinein, „komm’ heraus, mein Hund -- hier, Dachs! so schön, mein Hündchen!“

Er horchte wieder, und es war ihm fast, als ob er ein leises Winseln höre. Er pfiff jetzt, aber keine Antwort -- er pfiff stärker -- Alles vergebens, weder von Fuchs noch Hund mehr ein Laut, und der Jäger stand kopfschüttelnd vor dem Bau und wußte nicht, was er daraus machen sollte. In solchen Fällen dauert es aber manchmal eine lange Weile, bis der Hund wieder zum Vorschein kommt, und Raischbach wartete deßhalb auch wohl eine volle Stunde geduldig, aber immer umsonst, und das wurde ihm zuletzt langweilig.

„Ei zum Wetter,“ brummte er endlich zwischen den Zähnen durch, „ich kann doch hier wahrhaftig nicht den ganzen Tag im Schnee hocken bleiben, und der Hund kommt nicht -- wenn ich nun selber einmal dort hinein krieche? breit und hoch genug ist die Spalte, aber auch stockdunkel drin. Wart, da draußen, gar nicht weit, stehen ein paar Klafter Kiefern, Scheit und Stöcke, an denen ist eine Masse Kien, wie ich neulich gesehen habe, und da wollen wir bald eine Fackel zurecht machen. Es geht Alles in der Welt, wenn man es nur gescheidt anfaßt -- vielleicht kommt auch bis dahin der Dachs von selber heraus und bringt den Fuchs mit; denn drin läßt er ihn nicht, wenn er todt ist, das weiß ich gewiß.“

Mit dem Entschluß drehte er sich auch schon um und schritt in seinen Fährten zurück wieder dem Eingang zu, ging von dort querüber der Stelle zu, wo er das geschlagene Holz wußte, und hatte auch bald gefunden, was er suchte. Einige der Scheiter, von denen er natürlich erst den Schnee abschütteln mußte, waren außerordentlich fett und kienhaltig, und mit seinem Hirschfänger hieb er sich rasch und leicht eine ganze Partie Spähne herunter, mit denen er eine vortreffliche Fackel herstellen konnte. Damit eilte er denn, so rasch er konnte, wieder zu dem Bau zurück, legte draußen Gewehr und Jagdtasche ab, was er beides da drinnen nicht gut brauchen konnte, nahm erst noch einen tüchtigen Schluck Branntwein aus der Flasche, entzündete dann seine rasch zusammengebundene Fackel, während er ein paar andere starke Spähne noch in der linken Hand hielt, und kroch dann, als er erst laut, aber wieder vergebens, seinem Hund gepfiffen, ohne Zögern in den Bau hinein.

Zuerst überkam ihn in dem dunklen Loch, in dem die Fackel ihr rothes Licht verbreitete, ein merkwürdiges Gefühl, und lachend dachte er bei sich: „Wenn jetzt mein alter Förster und besonders die Lisei wüßte, daß ich in dem Fuchsbau umherkröche, um dem wilden Jäger und den Erdweiblen einen Besuch abzustatten, wie die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden! -- Erdweible, hem: na hier wohnt das hübsche Mädchen wahrhaftig nicht, das ich damals da oben getroffen -- wo nur der verdammte Dachs steckt!“

Wieder pfiff er leise, um eine Antwort von seinem Hund zu hören, und hob die Fackel so hoch das gehen wollte empor, damit sie den düsteren Raum etwas besser beleuchtete -- aber nichts war zu hören noch zu sehen, und kopfschüttelnd kroch er weiter in die Nacht hinein.

Die Felsspalte lief hier schräg in die Wand, als er aber auf den Boden leuchtete, erkannte er deutlich die Schweißspur des angeschossenen Fuchses. In der richtigen Bahn war er jedenfalls; hier erweiterte sich auch die Höhle etwas, und er hob wieder seine Kienfackel in die Höhe und that noch einen Schritt vor. Da rutschte plötzlich der Boden unter seinen Füßen weg, er griff schnell mit beiden Händen aus, konnte sich aber an der schlüpfrigen Wand nicht halten und stürzte im nächsten Momente schon in eine, wie er glaubte, bodenlose Tiefe hinab.

[C] Ein „Neues“, ein frischer Schnee in der Jagdsprache.

Viertes Kapitel.

Im Fuchsbau.

Das war ein Sturz! Dem jungen Forstmann knackten alle Knochen, als er unten ankam, und im ersten Moment schien es ihm, als ob das ganze Gewölbe von Myriaden Sternen und Leuchtkugeln brillant erhellt wäre. Dann schwanden ihm die Sinne und er wußte gar nicht, wie lange er mochte so gelegen haben, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte und eine leise freundliche Stimme hörte, die sagte: „Schau’, schau’, das ist wahrlich der junge Jäger aus dem Wald da droben. Aber wie kommt der hier herunter zu uns, und wie bleich er aussieht und wie blutend -- armer Mensch“ -- und Raischbach war es, als ob sich eine leichte weiche Hand auf seine Stirne gelegt hätte. Ueberrascht schlug er auch jetzt die Augen auf und schaute verwundert um sich her, denn er befand sich in einer hohen, geräumigen, aber auch hell erleuchteten Halle, aus deren Felsspalten zahllose kleine Flammen in regelmäßigen Zwischenräumen hervorbrachen. Ueber ihn gebeugt aber, das liebe, herzige Gesicht von Mitleiden erfüllt, erkannte er die fremde Maid im Walde -- genau so wie er sie damals im Sonnenlicht gesehen, nur daß sie ihm jetzt noch tausendmal lieber und schöner vorkam, und sich auch nicht im Mindesten vor ihm zu fürchten schien.

„Ja aber wie ist mir denn?“ rief er und richtete sich erstaunt auf seinem Ellbogen empor -- „wo bin ich denn hingerathen und wer bist denn Du, Du liebes Kind, mit Deinen großen guten Augen, das ich die langen Monate da oben immer und immer umsonst gesucht habe und nirgends finden konnte?“

„Schau’ wie Du lügst!“ lachte das junge Wesen schelmisch -- „mich hättest Du gesucht? so? aber ich weiß es besser, dem alten starken Bock bist Du zu Gefallen gegangen, dem mit dem starken Gehörn auf, aber nicht mir. Gelt ich hab’ recht? -- Den aber erwischst Du schon nicht -- wär’ auch schad drum, denn er ist der schönste im ganzen Gebirg.“

„Und wohnst Du denn hier unten im Berg?“ frug der junge Mann, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte.

„Nun?“ meinte das Mädchen, „hab’ ich’s Dir denn nicht damals gesagt, daß ich im Bau wohne? Du hast’s wohl nicht geglaubt. Aber willst Du da auf der feuchten Erde liegen bleiben? Warum stehst Du denn nicht auf und kommst mit?“

„Mit? wohin?“

„Nun, in unsere Stadt -- wie Du sonderbar fragst. Du glaubst wohl, wir hausen hier unten in Höhlen und Erdlöchern wie die Füchse?“