Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 9

Chapter 93,640 wordsPublic domain

Die Kunde über diese, schnell einander folgenden Verbrechen drang auch bald nach Californien hinauf, und Viele, die sich mit schwerer Arbeit ein Vermögen erworben, oder doch eine hübsche Summe von Gold zusammengebracht, scheuten sich jetzt der Gefahr entgegen zu gehen, das Alles -- noch vielleicht mit dem Leben -- auf einer mexikanischen Landreise wieder einzubüßen. Wo sie deshalb nur Schiffsgelegenheit um Cap Horn erhalten konnten, zogen sie den allerdings viel weiteren aber auch sicheren Weg vor, und das Geschäft in Mexiko wurde dadurch flauer.

Alle konnten aber freilich nicht auf Schiffen befördert werden, denn gerade in damaliger Zeit verließen noch sehr wenige Fahrzeuge die Häfen wieder, da ihnen meistens die Matrosen in die Minen desertirten und neue Mannschaften nicht so rasch aufzutreiben waren. Wer allerdings seine Zeit abwarten wollte, durfte auch darauf rechnen Gelegenheit zu finden, aber die heimkehrenden Leute besaßen selten so viel Geduld, und so fanden sich denn auch selbst jetzt noch kleine Trupps zu den abenteuerlichsten Zügen zusammen, die bald durch Neu-Mexiko, bald auch über Acapulco das atlantische Meer zu erreichen suchten, und, bis an die Zähne bewaffnet, einem feindlichen oder räuberischen Angriff Trotz boten.

Im Herbst des Jahres 1849 hatten sich solcher Art ebenfalls sechs junge Amerikaner mit einem kleinen Küstenfahrzeug nach Acapulco eingeschifft, und obgleich sie dort gewarnt wurden, ihre Reise nicht gleich fortzusetzen, da gerade in letzterer Zeit wieder viele Raubmorde stattgefunden, während in den nächsten Tagen eine Militärpatrouille eintreffen mußte, die ihnen dann völlige Sicherheit bot, wollten sie doch nicht hören, sondern mietheten sich Maulthiere und einen Führer und traten ihren Marsch dann ohne Weiteres an.

An der Küste selber war der Weg außerordentlich belebt. Ueberall dicht an der Straße oder in kurzer Entfernung davon lagen bald größere, bald kleinere Ranchos, und Maulthier- und Eselzüge, welche ihre Lasten in die Hafenstadt brachten, begegneten ihnen fast ununterbrochen; ein klarer, sonniger Himmel spannte sich dabei über sie aus, und die Seebrise kühlte die Luft so herrlich ab, daß sie ihre Thiere ganz tüchtig konnten austraben lassen. Sie waren auch vortrefflicher Laune, denn Californien hatte -- was in der That nur wenige weiter von sich sagen konnten -- ihre Erwartungen fast übertroffen, indem ihr gutes Glück sie gleich von allem Anfang an so reichhaltige Stellen finden ließ, daß sie schon, nach kaum sechsmonatlicher Arbeit, an den Heimweg denken konnten. Und die Gefahren der Reise? Bah! sie waren ihrer Sechs, Alle gut mit Revolvern und Messern bewaffnet, dabei kräftig, jung und gewandt. Da hätte schon ein starker Trupp Räuber dazu gehört, um sie mit Erfolg angreifen zu können und nicht mehr Blei als Gold zu bekommen. Sie würden auch wahrlich gar nicht mehr an die in Acapulco so zahlreich gehörten Räuber- und Mordgeschichten gedacht haben, hätte sie ihr Führer nicht immer und immer wieder auf’s Neue daran erinnert.

So schwer es im Anfang gewesen war, ihn zu dem Transport ihrer selbst und ihrer Sachen zu bewegen, so unsicher schien er sich jetzt zu fühlen, da sie weiter in das Land hineinrückten und die Straße einsamer und öder wurde. Eine Schreckensgeschichte nach der anderen erzählte er dabei von verübten Gräuelthaten, bis sich ihm selber die Haare auf dem Kopfe sträubten, und er würde die jungen Amerikaner vielleicht ebenfalls zu fürchten gemacht haben, hätten sie nur die Hälfte von dem, was er ihnen vorjammerte, verstanden. So aber, des Spanischen wenig mächtig, kümmerte sie die Schilderung dieser ungesetzlichen Handlungen nur sehr wenig, und erst als sie etwas weiter in die öde genug aussehenden Küstenberge hineinrückten, fingen sie an stiller zu werden und etwas mehr auf den Weg zu passen.

Die Scenerie war hier nichts weniger als freundlich und die Höhen der Kuppen lagen ziemlich kahl, nur mit einer Unmasse der verschiedenartigsten Kaktus- und aloëartigen Pflanzen bedeckt. Neigte sich der Weg aber in ein Thal hinab, so daß er in die Nähe irgend eines Baches kam, so zeigte sich niederes Gebüsch mit Weiden und lorbeerartigen Bäumen, das oft feste Dickichte bildete. Unangenehm blieb dabei, daß man nie eine längere Wegstrecke übersehen konnte, da die Straße fortwährend Biegungen machte, und allerdings bot eine derartige Gegend einem gesetzlosen Treiben den größten Vorschub.

Stieg man auf eine Höhe hinauf, so öffneten sich freilich die Büsche und der Blick konnte frei nach rechts und links hinüberstreifen, aber derartige Strecken dauerten nie lange, und enge Schluchten folgten dann wieder, in die man hinabsteigen, oder darin aufklettern mußte.

Hier begegneten sie nur selten einem Trupp Arrieros, die ihre beladenen Thiere der Hafenstadt zutrieben, und machten endlich in einem einzelnen Rancho Halt, wo sie aber schon einen Fremden einquartirt fanden.

Es war allem Anscheine nach ein Mexikaner, mit sonngebranntem Gesicht, schwarzem krausem Haar und Bart und dunklen, lebendigen Augen, aber dann auch jedenfalls der _reicheren_ Klasse angehörend, denn er trug eine der feinsten, dort gebräuchlichen Serapes (der Poncho der Süd-Amerikaner) mit Goldfäden durchwirkt und von prachtvoller Weberei, die an den Seiten offenen Sammethosen mit silbernen Knöpfen besetzt, und eben solche Knöpfe an den Aermeln seiner kurzen Jacke, die manchmal sichtbar wurde, wenn er mit dem Arm unter dem Ueberwurf heraus kam, um das vor ihm stehende Glas mit Wein an die Lippen zu heben. Ein Panamá-Hut vom feinsten Geflecht lag neben ihm auf dem Tisch und seine gestickten Unterbeinkleider, die durch den Schlitz der oberen Hosen sichtbar waren, zeigten, daß er nicht allein den besten Stoff dazu gewählt, sondern auch auf Sauberkeit hielt. Selbst der kleine, zierliche, in Glanzlederstiefeln steckende Fuß paßte zu dem Allem und die nicht sehr großen, hübsch geformten Sporen von dunkler Bronce, die er dazu trug, hatten kleine Kugeln am Radträger befestigt, daß sie bei jeder Bewegung des Beins ein klingendes Getön gaben.

Sein Antlitz sah eher ernst als freundlich aus und um die Lippen spielte sogar, so weit es der Bart erkennen ließ, ein etwas spöttischer Zug, was aber auch wohl von einer schmalen Narbe herrühren konnte, die sich dort in den Bart, nach dem Mundwinkel zu, hineinzog.

Als die Fremden den offenen Rancho, in welchem sie übernachten wollten, betraten und mit einem ~buenos Dias~ grüßten, neigte er leicht und freundlich das Haupt, ohne ein Wort zu sagen, strich sich dann mit der feinen weißen Hand, an der ein großer Brillantring funkelte, den Bart bei Seite, und leerte das vor ihm stehende Glas.

Der Mexikaner indessen brachte den neuen Gästen ebenfalls Wein, mit dem besonders Peru und Chile die Westküste versehen, und versprach ihnen ein Abendbrod nach besten Kräften herzurichten. Viel gäbe es freilich nicht, wie er meinte, da die Passage auf der Straße im letzten Monat so stark gewesen und besonders erst gestern eine Abtheilung von Polizeisoldaten seinen Rancho verlassen habe, die hier acht Tage auf der Lauer gelegen, um ein paar berüchtigte Straßenräuber abzufassen. Uebrigens wolle er sehen, was er noch zusammenbringe, die Señores sollten schon zufrieden sein.

Die jungen Amerikaner machten in der That keine großen Ansprüche, und von dem warmen Ritt heute erschöpft verlangten sie viel eher nach einem kühlen Trunk, als nach anderen Lebensmitteln. Der Wein war aber vortrefflich und mundete ihnen ausgezeichnet, und die jungen Leute fühlten sich bald von dem ungewohnten Genuß erregt, und lachten und plauderten zusammen, ohne sich viel um den fremden „Señor“ zu bekümmern; verstand er ja doch ihre Sprache nicht, und sie die seine nur so unvollkommen, um eine wirkliche Unterhaltung unmöglich zu machen.

Natürlich interessirte sie aber dabei das besonders, was sie von der Polizeimacht gehört, denn es stand mit ihrer ferneren Reise in Verbindung und schien allerdings die Unsicherheit des Weges zu bestätigen. Sie erkundigten sich auch genau nach der Richtung, welche die Patrouille genommen, da _sie_ ihr auf dem Wege nicht begegnet waren, und ob man in letzter Zeit etwas von neuen Raubanfällen auf der Straße gehört habe.

„~Quien sabe, Señores~,“ sagte der Wirth achselzuckend und mit einem vorsichtigen Blick auf seine bewaffneten Gäste, denn die Mexikaner waren unter sich schon lange darüber einig, daß die meisten dieser Raubanfälle jedenfalls von den Fremden selber ausgingen, und wer bürgte ihm dafür, daß er es hier nicht gerade mit einer solchen Gesellschaft zu thun hatte -- weshalb erkundigten sie sich auch so eifrig nach der Polizei. -- „Manche von den erzählten Geschichten ist wohl übertrieben und Caballeros, die so gut bewaffnet sind wie Sie selber, haben gewiß nicht das Geringste unterwegs zu fürchten.“

„Fürchten? Ach, wir fürchten auch nichts,“ lachte Einer der jungen Burschen, „und was wir sauer verdient haben, werden wir auch schon vertheidigen. Die Polizei muß aber den nämlichen Weg eingeschlagen haben, den _wir_ gehen, sonst wären wir ihr doch unterwegs begegnet.“

„~Quien sabe~,“ erwiderte der Wirth auf’s Neue -- „manchmal reiten die Herren auch nur eine Strecke in die Chaparal hinein, um bald an dieser, bald an jener Seite wieder aufzutauchen. Sie wollen natürlich nicht, daß man gewisse Kunde von ihnen erhält, wo sie sich befinden.“

Der Señor in der bunten Serape hatte dem Gespräch anscheinend vollkommen theilnahmlos zugehört, und dabei eine der kleinen Papiercigarren geraucht, die er sich selber drehte; jetzt warf er den Stumpf weg, hob noch einmal das wieder gefüllte Glas an seine Lippen und sagte dann, aber im reinsten Amerikanisch, daß sich die Reisenden überrascht nach ihm umsahen:

„Die Straßen hier in Mexiko, Landsleute, sind eben so sicher, wie bei uns daheim, und die Wenigen, die darauf beraubt wurden, hatten es sich gewiß in den meisten Fällen selber zuzuschreiben.“

„Alle Teufel, Ihr seid ein Amerikaner? Ich hielt Euch für einen der Señores aus dem Land hier,“ rief ein junger Illinoiser.

„Ich gehöre auch zu denen,“ lächelte der Fremde, „wenn ich freilich in Amerika geboren bin. Ich habe, eine Estancia in der Nähe von Puebla, wo ich mich nach dem Krieg niederließ und eine Landestochter heirathete. Deshalb darf ich mich auch wohl jetzt als Mexikaner betrachten.“

„Und wo geht Ihr jetzt hin, Fremder?“ fragte ein Anderer, „nach Acapulco?“

„Nein, ich komme von daher, und bin gerade im Begriff, nach Hause zurückzukehren.“

„Dann haben wir ja einen Weg, wie? und können zusammenreiten?“

„Gewiß, die Gesellschaft wäre mir allerdings willkommen,“ lächelte der mexikanisirte Amerikaner, „denn allein ist immer ein einsames und monotones Reisen.“

„Hurrah!“ lachte ein Anderer, „dann hat unsere kleine Truppe auch wieder Unterstützung bekommen, und Ihr könnt uns unterwegs auch dolmetschen, denn das verdammte Gibberich bricht mir bald die Zunge ab.“

„Mit dem größten Vergnügen,“ lächelte der Fremde, „wenn die Gentlemen mit meiner Gesellschaft zufrieden sind.“

„Zufrieden? ~caracho!~“ lachte ein langer Hoosier aus Indiana, und es war dies das einzige und jedenfalls auch gleich das schlechteste Wort, das er aus der ganzen spanischen Sprache gelernt hatte; „sehr vergnügt sind wir darüber, Mate. Aber weshalb sitzt Ihr da noch an Eurem Tisch so allein? Rückt doch mit Eurem Wein zu uns herüber es ist gemüthlicher.“

Der fremde Landsmann ließ sich nicht lange bitten; mit großer Höflichkeit aber, die er sich jedenfalls unter den „Spaniolen“ angewöhnt haben mußte, denn den jungen Amerikanern war das förmliche Wesen vollkommen fremd, nahm er Flasche und Glas zu den Uebrigen hinüber und setzte sich mit den Worten „mit Eurer Erlaubniß, Señores,“ zu ihnen an den Tisch.

Das Gespräch wurde jetzt allgemein und erstreckte sich besonders auf das Land selber, das sie eben durchreisen wollten, und das ihr neu gewonnener Freund natürlich genau kennen mußte; gab er ihnen doch auch in der That jede nur gewünschte Auskunft.

„Und war er selber noch nicht in Californien gewesen?“

„Lieber Gott,“ schmunzelte er, „die Verführung ist allerdings groß genug, denn wenn man fast alle Tage arme Teufel dort hinüberpilgern, und dann mit goldgefüllten Beuteln zurückkehren sieht, prickelt’s Einem ordentlich in den Füßen und man möchte wohl selber einmal das fabelhafte Eldorado besuchen, aber -- wer kann wider sein Schicksal ankämpfen. Wenn man erst selber Frau und Kinder hat, verbieten sich solche Reisen schon allein. Sollten Sie übrigens den kleinen Abstecher nicht scheuen und mir die Freude machen, mich auf meiner kleinen Hacienda zu besuchen, so würden Sie mir selber zugestehen müssen, daß ich nicht gut thun würde, ein solches Paradies zu verlassen, um in einem fremden, unwirthlichen Lande nach Gold zu graben.“ Er hatte, wie er hinzusetzte, sein Gold hier in Mexiko gefunden, und gäbe es nicht um alle Minen der ganzen Welt.

Es war indessen spät geworden, und die Leute suchten endlich ihr Lager, von dem sie aber schon mit Tagesanbruch ihr neu gefundener Reisegefährte weckte, da er ihnen die Morgenkühle als die beste und bequemste Zeit zu einem langen Ritte anrieth.

Es dauerte auch nicht lange, so waren die jungen Leute wieder im Sattel und bemerkten jetzt, daß ihr neu gefundener Landsmann einen prachtvollen schwarzen Rappen ritt, dessen Zaum und Sattelzeug mit Silber ordentlich bedeckt war. Es mußte jedenfalls ein sehr reicher und hier in Mexiko auch wohl vornehmer Herr sein; der Wirth war wenigstens außerordentlich devot gegen ihn, und sprang, als er in den Sattel steigen wollte, selber hinaus an sein Thier, um ihm den Steigbügel zu halten.

Und wie verstand er das feurige Pferd zu bändigen und zu regieren; es war eine ordentliche Freude, ihn da oben, auf dem ungeduldig tanzenden und courbettirenden Thier sitzen zu sehen. Es kostete ihm auch Mühe, das rastlose Roß der weit ruhigeren Gangart der Maulthiere anzupassen, und anfangs mußte er ihm in der That ein paar Mal den Zügel lassen, daß es wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil mit ihm über die Straße dahin flog und das silberne Gebiß, wenn wieder eingezügelt, mit Schaum bedeckte. Endlich aber hatte es doch ausgetobt, oder der Reiter ließ ihm vielmehr nicht länger seinen freien Willen, daß es sich jetzt, geduldig wie ein Lamm, ihm fügte. Aber auch die Maulthiere waren durch die Gesellschaft des lebendigen Kameraden angeregt, und trabten weit rascher aus, als sie es gestern gethan, so daß sie ziemlich schnell von der Stelle rückten.

Der Fremde schien sich dabei aber, während er ihnen am vorigen Abend Alles bereitwillig erzählt, was er selber von Mexiko wußte, heute so viel mehr für Californien zu interessiren, und ließ sich ununterbrochen von dort erzählen. Besonders neugierig war er auf die Art der Minenarbeiten und was wohl ein Mann dort verdienen könne -- was sie z. B. dort verdient hätten, und ob es denn wirklich so harte und schwere Arbeit wäre.

Die jungen Burschen plauderten auch von der Leber weg. Ihr Landsmann in seinem prachtvollen fremdländischen Aufzug hatte ihnen imponirt; seine cordiale und doch so höfliche Weise, mit ihnen umzugehen, bestach sie noch mehr, und kaum zwei Stunden mochten sie unterwegs sein, als sie ihm Alles anvertraut hatten, was sie selber wußten, ja ihn sogar um Rath für ihr künftiges Leben fragten: Was sie nämlich mit dem gewonnenen Golde anfangen sollten, und ob er es nicht am Ende für rathsam hielt, daß sie gar nicht gleich nach den Staaten zurückkehren, sondern lieber hier in Mexiko irgend etwas beginnen sollten.

Er hielt das allerdings einer weiteren Ueberlegung werth, mußte aber freilich dazu wissen, was ihre eigentlichen Beschäftigungen waren; und wie viel Mittel sie in Händen hielten. Das auch theilten sie ihm aufrichtig mit, und er lud sie jetzt nochmals ein, sämmtlich einmal ein paar Tage auf seiner Hacienda zuzubringen, und sich das Farmerleben Mexiko’s erst ordentlich anzusehen; nachher könnten sie ja so viel leichter einen allerdings wichtigen Entschluß über ihre künftigen Pläne fassen.

Das war eine neue Aussicht für das junge Volk, denn wenn ihnen auch die bisher gesehene Scenerie nicht besonders gefiel, so gab ihnen doch der Fremde, der sich kurzweg Brown nannte, eine so glühende Schilderung von dem inneren Land und seinen Schönheiten, von der Leichtigkeit, mit der man hier sein Fortkommen finden und Geld verdienen könne, von den liebenswürdigen Eigenschaften der spanischen Race und von den reizenden Mädchen, die sie überall treffen würden, und die eine besondere Vorliebe für estrangeros hätten, daß sie schon halb und halb mit sich einig waren, ehe sie nur einmal den Hauptplatz gesehen, dies Land auch nicht so rasch wieder zu verlassen, als es Anfangs ihre Absicht gewesen.

So mochten sie etwa vier Stunden mitsammen geritten sein, und die Sonne fing schon an ziemlich scharf auf ihre Köpfe niederzubrennen, als sie eine kleine schattige Thalschlucht erreichten, durch welche ein klarer, murmelnder Quell rieselte. Ein einladenderer Platz zu einem Haltepunkt hatte sich noch nicht auf der ganzen Reise geboten, und Browns Vorschlag, hier von den mitgenommenen Provisionen zu frühstücken, wurde mit Jubel begrüßt.

Die Stelle selber schien auch eine gewöhnliche Station für des Weges kommende Wanderer zu sein, denn an verschiedenen Orten bemerkten sie die Feuerplätze anderer Caravanen, die sich bald da, bald dort im Grünen niedergelassen und im Schatten der dichten Lorbeerbüsche die heiße Mittagszeit verträumt haben mochten. Es wurde deshalb augenblicklich Halt gemacht, und während die Amerikaner ihre Reise- oder Satteltaschen, in welchen sich die erworbenen Schätze befanden, zusammentrugen und auf einen Haufen legten, entzündete der Eigenthümer der Maulthiere, der auch für diese unterwegs zu sorgen hatte, rasch ein Feuer und nahm dann seinen Thieren Sattel und Gebiß ab, damit sie selber in dem saftigen Gras weiden konnten.

Dort, auf dem weichen Rasen, wurde nun ausgepackt, was Jeder mitgebracht hatte, und Brown selber holte aus seinen Satteltaschen ein paar Flaschen alten Brandy hervor, den die jungen Leute mit Jubel begrüßten. Sie sprachen auch dem Brandy wacker zu, und achteten gar nicht darauf, daß ihr neuer Bekannter, der seinen eigenen silbernen Becher bei sich führte, sich selber nur zum Schein einschenkte und so that, als ob er tränke; wie hätten sie ihn auch irgend einer tückischen Handlung für fähig halten sollen.

Während sie noch so lagen und lachten und erzählten, kam ein Reiter vorübergesprengt -- ein Mexikaner -- zügelte einen Augenblick sein Pferd ein und nickte lachend, als Brown ihm einen Schluck „~agua ardiente~“ bot. Der Amerikaner ging auch selber zu ihm hinüber und reichte es ihm auf’s Pferd und der Bursche hob es dankend an die Lippen.

„Alle bereit?“ flüsterte er ihm aber dabei mit leiser Stimme zu.

„Alle, Señor,“ sagte der Mexikaner, indem er den Becher zurückgab, und dann, als ob er selber keine Zeit habe, sich aufzuhalten, setzte er seinem Pferde wieder die Sporen ein und verfolgte seinen Weg nach Acapulco zu.

Den Amerikanern wurden die Augen schwer; die Sonne brannte gar so sehr; der Brandy war so stark gewesen -- die ungewohnte Anstrengung, auch das monotone Rauschen des kleinen Bergwassers: -- sie fingen an einzuschlafen. -- Der Arriero war drinnen im Busch bei seinen Maulthieren, da sich die Thiere mehr und mehr in das Dickicht gezogen hatten. -- Nur das Pferd des Fremden stand gleich unterhalb der Stelle, an der sie lagerten, den Zügel übergehangen, unmittelbar am Bach, um dort das süße Gras abzuweiden.

Durch die Büsche schlichen eine Anzahl dunkler Gestalten -- vorsichtig und leise, und jedes Geräusch, jedes Knacken eines dürren Zweiges ängstlich vermeidend. Der Amerikaner Brown stand, seine Serape jetzt über die rechte Schulter zurückgeschlagen, einen gespannten sechsläufigen Revolver in der Hand, mitten zwischen den Schläfern. Die unheimlichen Gestalten krochen in’s Freie -- es waren meist dunkle, mexikanische Gesichter, aber Einzelne auch von lichterer Farbe, und vielleicht einem andern Land angehörend -- zwischen ihnen der nämliche Bursche, der vorher den Platz passirt hatte. Wie Geister glitten sie aus dem Dickicht hervor -- es waren acht Männer -- Brown winkte sie zu den vier Amerikanern hin, die etwas abseit lagen, und sagte dann mit ruhiger, fast tonloser Stimme:

„An die Arbeit, meine Burschen!“

Zu gleicher Zeit bog er sich zu den beiden, ihm nächsten Schläfern nieder, und rasch nach einander krachten zwei kurze, scharfe Revolverschüsse durch den stillen Wald, jede Kugel das Hirn eines der Unglücklichen zerschmetternd -- der Dritte sprang erschreckt empor -- Brown feuerte auch auf ihn, aber fehlte. Der arme Teufel, das Entsetzliche seiner Lage ahnend, aber noch immer nicht begreifend, suchte nach der eigenen Waffe, da trafen ihn rasch hinter einander zwei Kugeln, und er brach stöhnend in seine Kniee.

Indessen hatten sich die Räuber auf die anderen drei geworfen, die sie aber kaum im Stande waren zu bezwingen, bis der Fremde auch mit seiner letzten Kugel den Schädel des Einen zerschmetterte. Die anderen Beiden warfen sie, in ihrer Uebermacht, zurück auf den Boden und hielten sie dort.

„Jetzt fort mit den Satteltaschen, zwei von Euch,“ sagte Brown, indem er kaltblütig daran ging, seinen Revolver wieder zu laden, „schafft sie in den Busch, wenn wir etwa gestört werden sollten. Sind Eure Thiere bereit?“

„~Si, Señor~ -- Alles in Ordnung,“ lachten die Burschen.

„Mörderische Bestie!“ schrie da der lange Indiana-Mann, indem er sich unter dem Griff der Mexikaner wand -- „nichtswürdiger Hund von einem Dieb! war das Deine Freundschaft? bist Du ein Amerikaner?“

„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Gentleman,“ sagte der Mörder mit furchtbarer Ruhe, „ich habe gleich wieder geladen und werde Sie dann ebenfalls bedienen. -- Fort mit den Taschen, ihr Burschen, haut den Gesellen indeß ein paar über den Kopf, damit sie ruhig liegen -- ich fertige sie nachher ab.“

Diesem Befehl wurde blitzschnell gehorcht und ein paar Säbelhiebe trafen die so schon Wehrlosen, daß sie betäubt zusammen brachen. Im Nu hatten die Räuber dann die werthvollen Taschen aufgegriffen und sonst auch noch die Erschlagenen bis auf das Letzte geplündert, als plötzlich Hufgeklapper auf der Straße laut wurde.

„Alle Teufel!“ brummte der Amerikaner vor sich hin, „sollten wir Besuch bekommen? Fort mit Euch in Euer Versteck -- und verpaßt nicht, den Pfad zu decken -- fort.“

Scheu und erschreckt glitten die Räuber in das Dickicht, um den Raub zu bergen, und Brown, von seinen Opfern forttretend, ging ein paar Schritt auf der Straße hinaus, um die nächste Biegung derselben besser übersehen und hinaushorchen zu können. Aber sein scharfes Ohr hatte ihn nicht getäuscht -- in voller Carriere sprengte ein Trupp mexikanischer Uhlanen die Straße entlang -- gerade auf die Stelle zu.

„Teufel!“ rief Brown ingrimmig, zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, aber es blieb ihm auch keine Secunde zum Ueberlegen. Mit zwei Sätzen war er neben seinem Pferde und hatte dort wahrlich kaum Zeit, ihm nur die Zügel überzuwerfen. Die Hufe donnerten heran -- die am besten berittenen Cavalleristen hatten schon fast den Platz erreicht, als er, im Sattel, auf die Lichtung sprengte. Wie unwillkürlich hob er dabei den Revolver, um ihn auf die Feinde abzufeuern, aber das Nutzlose eines solchen Angriffs im Nu fühlend, warf er sein wackeres Thier herum, und wie es nur die Sporen fühlte, flog es auch wie ein Pfeil die Straße hinab.