Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 5
„Nu, der Eine war ein Geistlicher,“ nickte der Alte, „und bittet immer von der Kanzel um gut Wetter für die Ernte, und der Andere war ein Getraidehändler, der immer um schlechtes betet, daß die Kornpreise steigen. -- Es geht wunderbar auf der Welt zu, und wem soll’s der liebe Gott nun recht machen?“
Elisabeth lachte unter den Thränen vor, die ihr noch in den Augen funkelten, aber die Zeit drängte auch; sie durfte nicht länger säumen, denn ihr Vater wußte sonst nicht, wo sie blieb. Sie reichte Klara die Hand zum Abschied.
„Ich will nicht stören, meine jungen Damens,“ sagte aber der Alte, „wollte mir nur eine Frage erlauben nach einem jungen Herrn, der bekannt ist hier im Haus.“
„Nach einem jungen Herrn?“ frug Elisabeth, der in diesem Augenblick wieder einfiel, daß Berger gerade an Bord viel mit dem Alten verhandelt hatte. Dieser ließ sie auch nicht lange im Zweifel.
„Den Herrn Baron von Berger,“ sagte er, „ist ein reeller, braver Herr, und wir haben manchmal kleine Geschäftcher mit einander.“
„Und was wollen Sie von ihm?“ frug Klara, -- der ein schlimmer Verdacht durch die Seele zuckte. -- Hatte Ferdinand gespielt und verloren, und vielleicht von dem Manne Geld geborgt? „Ist er Ihnen schuldig?“ setzte sie rasch und bestürzt hinzu.
„Gott soll’s behüten,“ schüttelte der Fremde mit dem Kopf, „ist ein anständiger Herr und macht keine Schulden -- nein, nur mit Steincher haben wir ein klein Geschäft, gute, echte Steincher, und hat er mir zum Verkauf eine kleine Partie gegeben, wo sind darunter zwei nachgemachte, -- aber so täuschend nachgemacht, daß ich sie selber hab nicht gleich gekannt, und das will viel sagen, -- ist jedenfalls damit angeführt, und wie ich ihn wollte sprechen darum, war er nicht da auf seinem Gut, und bin ich gekommen nach Bonn, um ihn hier zu suchen.“
„Er ist im Augenblick in Paris,“ erwiederte Klara, der sich bei der Erklärung des alten Mannes eine Last von der Seele wälzte, -- „wir erwarten ihn aber bald zurück. Er wird kaum noch länger als acht Tage ausbleiben; kommen Sie dann wieder hierher.“
Der alte Mann blieb stehen, als ob er noch etwas sagen wollte, ja er drehte sich sogar einmal halb nach der Treppe um, wenn das aber der Fall gewesen, besann er sich eines Besseren, nickte leise vor sich hin und sagte dann freundlich: „So leben Sie denn wohl, meine schönen Dämchen, -- werde also die Zeit abwarten, wo der Herr Baron zurückkommen, und wünsche Ihnen bis dahin alles Liebe und Gute, -- Blumen auf den Weg und einen blauen Himmel, -- Gott beschütze Sie.“
Damit verließ er das Haus und schlug eine Seitenstraße ein, während Elisabeth nun auch rasch Abschied nehmen mußte. Noch einmal umfaßten sich die beiden Freundinnen, küßten sich herzlich, versprachen einander recht bald zu schreiben und viel -- viel an einander zu denken, und dann eilte Elisabeth mit flüchtigen Schritten die Straße hinab, die nach des Professors Garten zu führte.
Es war auch die höchste Zeit gewesen; der Justizrath -- überhaupt etwas ängstlicher Natur, wo es die pünktliche Einhaltung einer bestimmten Stunde betraf, hatte schon eben wieder nach ihr schicken wollen, -- das Gepäck war schon fort und von des Professors Familie begleitet, brauchten sie in der That auch nur kurze Zeit zu warten, bis das „zu Thal“ gehende Boot heranschäumte und sie mit fort, den breiten, prächtigen Strom hinabnahm.
Ihre übrige Reise verlief, wie derartige Reisen bei günstiger Witterung immer verlaufen. Sie amüsirten sich vortrefflich, bewunderten den herrlichen Dom in Köln und die übrigen ehrwürdigen Bauten, ärgerten sich über den geraden Strich, den die kölner Brücke dort quer über den Rhein zieht, durchwanderten Amsterdam mit seinen stummen, langen, reinlichen, wassergefüllten Straßen und hatten nachher eine ungewöhnlich ruhige und schöne Seereise über die ausnahmsweise ganz spiegelglatte Nordsee bis Hamburg, wo sie sich auch noch etwa acht Tage aufhielten, und dann, da jetzt zuerst schlecht Wetter einsetzte, mit der Bahn nach ihrer Heimat zurückkehrten.
Elisabeth hatte indessen die Reise über recht viel an Bonn und ihre Freundin gedacht, -- was sie treibe, -- wie es ihr gehe, und ob sie jetzt wohl, nachdem ihr Bräutigam zurückgekehrt, die trüben Gedanken abgeschüttelt habe. -- Wunderlich, daß ihr die Gestalt des jungen Mannes nicht aus dem Gedächtniß wollte, und daß sie sich für einen doch eigentlich fremden Menschen so interessiren konnte. -- Interessiren? -- ja; es war ihr in der That leid gewesen, daß ihn seine Geschäfte so rasch abgerufen und sie keine Gelegenheit bekommen hatte, ihn noch einmal zu sehen, -- also mußte sie Theil an ihm nehmen, weßhalb sonst konnte sie ihn herbeigewünscht haben? -- Ob sie wohl daheim Briefe von Klara fand? -- Sie konnte wirklich kaum die Zeit erwarten, bis sie in ihrer eigenen Wohnung eintrafen.
Weit ruhiger nahm es der Justizrath.
„Na,“ sagte er seufzend, als er schon von Weitem die Thürme der Stadt vor sich liegen sah, „jetzt sind die schönen Tage auch wieder vorüber; und die Akten, die auf mich warten werden! -- Lieber Gott, es ist wirklich ein Elend, daß man seines Lebens nie auf eine kurze Zeit froh werden kann, ohne nachher auch wieder mit sauerem Schweiß dafür büßen zu müssen -- das wird eine schöne Nachkur werden!“
Der Justizrath hatte sich in der That darin nicht geirrt; die Wirklichkeit übertraf noch seine schlimmsten Befürchtungen, und er fand als „Nachkur“ einen solchen Wust von zu erledigenden Arbeiten, daß er davor im Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlug.
Siebentes Kapitel.
Jeanette.
Ebenso beschäftigt wie der Vater -- wenn auch in angenehmerer Weise -- waren die jungen Damen in den ersten Tagen, denn was für zahllose Besuche hatten sie zu machen, um nur den ersten Pflichten geselligen Anstandes zu genügen -- und wie viel dabei zu erzählen! Den Vater bekamen sie aber nur während des Essens zu sehen, denn bis Nachts um zwölf, ja noch später, saß er in seiner Stube, in einem Tabaksrauch, der seine Gestalt nur in nebelhaften Umrissen erkennen ließ, und seufzte und stöhnte, wenn er an das weite herrliche Meer, an den schönen freien Rhein dachte, und hier in lauter blau gehefteten Aktenstößen fast zu ersticken drohte.
Es war der dritte Tag nach ihrer Rückkunft, daß Elisabeth Nachmittags um vier Uhr etwa allein wieder nach Hause kam, da Käthchen noch ein paar Schulfreundinnen besuchen wollte. Auf der Treppe traf sie die kleine Jeanette, das Töchterchen der Putzmacherin, die sie noch nicht einmal wieder gesehen.
„Aber Jeanette, wie geht es, mein Kind? kennst Du mich noch,“ rief sie und sprang auf die Kleine zu, die ihr die Aermchen entgegenstreckte, „was machst Du, Herz?“
„Gut, Tante Lily,“ rief die Kleine mit ihrem komischen gebrochenen Dialekt, „sehr gut -- Lily lange weggeblieben.“
„Recht lange, Schatz -- entsetzlich lange, aber nun freut sich Lily auch, daß sie wieder zu Hause ist und mit Jeanette spielen kann -- und eine so schöne Zuckerdüte hat sie ihr mitgebracht. Will Jeanette einmal mit hinaufkommen und sie sich holen?“
„Jeanette will mitgehen,“ erklärte die Kleine, und dem Mädchen, das sie unter Aufsicht hatte, sagend, sie nehme das Kind mit auf ihr Zimmer, damit sich die Mutter nicht etwa ängstigen möchte, faßte sie Jeanetten bei der Hand und stieg mit ihr die Treppe hinauf.
Jeanette war ein kleines, liebes, herziges Ding, etwas über drei Jahr alt, kugelrund, mit rothen Backen und Zähnchen wie frisch aufgereihte Perlen; drollig dabei zum Aeußersten und eine solche kleine Plappertasche, daß sie der Liebling des ganzen Hauses geworden. Die und jene Part holte sie auch bald da bald dorthin, und ihre Mutter, überhaupt am Tag von ihrem sehr lebhaften Geschäft stets in Anspruch genommen, hatte manchmal Mühe, sie nur am Abend wieder zu bekommen.
Elisabeth setzte sich mit dem Kind an’s Fenster, und dieses mußte ihr jetzt erzählen, wie es ihm die lange Zeit gegangen und was es gelernt und mit wem es Alles gespielt habe, und die Kleine plauderte auch eine ganze Weile lustig fort. Plötzlich mochte ihr aber doch wohl einfallen, weßhalb sie eigentlich heraufgeführt worden, und zu Elisabeth mit ihren klugen Augen aufsehend sagte sie:
„Aber Tante Lily -- meine Zuckerdüte.“
„Ja so, mein liebes Herz,“ lachte Elisabeth, „da hätte ich ja beinahe die Hauptsache vergessen -- warte, gleich sollst Du sie haben,“ und sie sprang dabei von ihrem Sitz auf und der Kommode zu, wo sie das Mitgebrachte bewahrte, während ihr Jeanette erwartungsvoll folgte.
Der Reisekoffer, aus dem nicht Alles hatte ausgekramt werden können, stand noch im Zimmer; als aber Elisabeth die Düte aus der Kommode genommen und sich rasch damit umdrehen wollte, blieb ihr leichtes Kleid an dem Schloß hängen und riß ein Loch hinein.
„Da haben wir’s,“ rief sie halb lachend, halb ärgerlich, „jetzt ist ein großes Loch in meinem schönen Kleid -- nun wird mich der Papa einmal tüchtig auszanken, Jeanette.“
„Gerad’ Loch, wie Pello böse Mann gebissen,“ sagte die Kleine, indem sie sich scheu im Zimmer umsah.
„Böse Mann?“ rief Lily erstaunt, denn sie wußte, daß die Kleine nur jenen unbekannten Mörder so genannt und früher jedesmal geweint hatte, sowie sie den Namen aussprach, „Pello hat ihn gebissen?“
„Ja -- großes Loch, bösen Mann -- wollte Jeanette todt machen und Pello wollt’s nicht leiden -- arme Pello ist selber todt, weil er bösen Mann gebissen.“
Pello war der kleine Hund jener armen, unglücklichen Frau, die ein so schreckliches Ende genommen.
„Und wie sah der böse Mann aus, Herz?“ frug Elisabeth, der plötzlich eine Masse wirrer Gedanken durch’s Hirn schossen.
„Zuckerdüte,“ erwiederte aber Jeanette, und langte nach der bunten Düte, die Elisabeth noch in der Hand hielt.
„Ja, Herz,“ sagte diese, sich zu ihr niederkauernd und die Düte öffnend, „hier, mein Schatz, da sind schöne große Chokoladenplätzchen -- und hier Rosenbonbons -- und sieh’ einmal die vielen kleinen bunten Eierchen, rothe, blaue, weiße, gelbe, braune; das gehört Alles Dein, und das nimmst Du Deiner guten Mama mit hinunter und läßt Dir davon geben, alle Tage etwas, damit Du nicht zu viel ißt und krank wirst -- nicht wahr?“
„Ja,“ sagte die Kleine altklug, „daß Jeanette nicht krank wird -- aber etwas darf ich doch jetzt essen?“
„Gewiß, mein Herz -- siehst Du das Stück Chokolade und den großen Bonbon und ein ganzes Händchen voll kleine bunte Eier, das darfst Du Alles jetzt essen -- so, und nun setz’ Dich einmal hier her zu mir -- da hier auf die Fußbank, da schütt’ ich es Dir in die Schürze, und dann plaudern wir hübsch zusammen und Du erzählst mir von dem bösen Mann.“
„Nein, Lily -- Jeanette nicht von dem bösen Mann erzählen,“ rief aber die Kleine, ängstlich mit dem Kopf schüttelnd, „kommt wieder und thut Jeanette weh wie arme Pello.“
„Aber, Herz, ich bin ja bei Dir -- hier thut Dir Niemand was.“
„Nein -- nicht böse Mann,“ bat aber Jeanette -- „Tante Lily soll Jeanette was erzählen.“
„Gut, Herz -- also will ich Dir etwas erzählen,“ ging Elisabeth auf den Wunsch der Kleinen ein, „eine recht, recht hübsche Geschichte von einem Prinzen und einer Prinzessin und einem großen Schloß, in dem sie wohnten, und einem bösen, bösen Riesen, der das Schloß stürmen und den Prinzen todtmachen wollte.“
„Böse Mann,“ sagte die Kleine leise und nestelte sich auf der Fußbank neben Elisabeth nieder.
„Ja, mein Kindchen,“ nickte das junge Mädchen, „das war wohl ein böser Mann. Der Prinz und die Prinzessin aber waren sehr gut und lebten so glücklich mit einander. Sie wohnten in einem schönen großen Schloß aus lauter Gold und Elfenbein gebaut, und hatten einen Garten rings darum her, in dem die wundervollsten und herrlichsten Blumen blühten und die delikatesten Früchte hingen.“
„Aepfel,“ sagte Jeanette, die indessen an ihrem Bonbon knusperte, aber aufmerksam zuhörte.
„Aepfel und Birnen,“ erzählte Elisabeth weiter, „goldene Nüsse, Trauben, Aprikosen und Gott weiß was Alles. Kinder hatten sie nicht, aber ein kleines braunes kluges Hündchen, das ihnen überall nachfolgte und die hübschesten Kunststücke machen konnte.“
„Pello,“ sagte Jeanette.
„Und das hatten sie so lieb,“ erzählte Elisabeth weiter, „wie man es gar nicht beschreiben kann. Es lief auch immer hinter ihnen drein und verließ sie keinen Augenblick. Der böse Riese wäre auch gern schon heimlich in das Schloß eingebrochen, aber das Hündchen paßte vortrefflich auf, und jedes Mal, wenn er nur in die Nähe kam, bellte es so laut und machte einen solchen Spektakel, daß die Leute alle herbeiliefen, und dann mußte der alte böse Riese laufen, was er nur konnte, damit sie ihn nicht erwischten. -- Eines Tages nun da war das kleine kluge Hündchen gar viel herumgelaufen und recht müde geworden, so müde, daß es sich auf sein Bettchen legte und fest schlief und sich um gar Nichts kümmerte, was draußen vorging.“
„Aber da kömmt ja nachher der böse Mann,“ rief die Kleine ängstlich und vergaß selbst die Zuckersachen, die sie in der Schürze hielt.
„Da kam der alte häßliche Riese,“ erzählte Elisabeth weiter, „und schlich sich vorsichtig herum --“
„Und wie er die Thür aufmachte, klingelte es,“ rief Jeanette.
„Da klingelte es,“ bestätigte Elisabeth, „und das hörte das kleine Hündchen und sprang schnell in die Höhe und bellte. -- Wie aber der Riese in’s Zimmer kam, wollte er die Prinzessin auffassen und forttragen, und da fuhr das Hündchen auf ihn zu --“
„Und biß ihn groß Loch in’s Bein -- so groß wie bei Lily.“
„Ja und biß ihn,“ rief Elisabeth, deren eigenes Herz in fast fieberhafter Erwartung bei der Erzählung schlug, „und dann sah er sich nach der Prinzessin um, und die kannte ihn gar nicht, denn er trug einen großen grauen Bart -- nicht wahr Jeanette?“
Jeanette barg ihr kleines Gesicht in den Händen und fürchtete sich; aber sie erwiederte Nichts.
„Trug der Riese einen Bart, Jeanette?“ frug Elisabeth leise -- „weißt Du nicht, mein Kind?“
„Böse Mann -- böse Mann!“ stöhnte die Kleine. „Jeanette will zu Mama -- hat armen Pello todt gemacht.“
„Aber weißt Du gar nicht, wie er aussah, liebe Jeanette?“ bat das junge Mädchen, kauerte sich nieder zu ihr und schlang ihren Arm um sie. „Jetzt brauchst Du Dich doch nicht zu fürchten, Tante Lily ist ja bei Dir -- komm, sag’ mir, mein Herz.“
„Jeanette will zu Mama,“ bat aber die Kleine, der Elisabeth’s Erzählung wahrscheinlich wieder die alten furchtbaren Eindrücke jenes Tages zu lebhaft vor die Seele heraufbeschworen hatte. Sie fürchtete sich ernstlich und wollte sogar ihre Zuckerdüte im Stich lassen. Elisabeth bekam ihre Noth, sie nur wieder so weit zu beruhigen, daß sie noch oben blieb, und erzählte ihr jetzt von den großen Dampfbooten und den vielen geputzten Menschen, von dem herrlichen Obst und dem blitzenden Wasser, bis das Kind das alte Schreckbild vergessen hatte, und wieder lachte und zuhörte.
Da ging plötzlich die Thür auf, und der Justizrath trat in’s Zimmer, Jeanette aber, noch immer nicht ganz beruhigt, erschrak so darüber, daß sie auf’s Neue zu weinen anfing und sich ängstlich an Elisabeth anklammerte. Diese war froh, als das Mädchen gerade von unten heraufkam, um Jeanetten abzuholen.
„Was hatte denn nur die kleine Lily?“ frug der Justizrath, als sie fort waren. „Sie ist doch sonst immer so munter und hat sich noch nie vor mir gefürchtet.“
„Ach, die alte Geschichte, Papa,“ sagte Elisabeth, „ich frug sie nach dem ‚bösen Mann‘, und das scheint sie noch immer zu erschrecken. Hat man denn in der ganzen langen Zeit unserer Abwesenheit keine Spur von dem Mörder gefunden?“
Der Justizrath schüttelte mit dem Kopf.
„Nicht die Spur,“ sagte er, „drei Menschen haben sie allerdings wieder indessen verhaftet, mußten sie aber wegen Mangel an Beweisen auch eben so bald freigeben; ich habe drüben einen ganzen Stoß von Akten über die Sache; das einzige Unglück ist, daß die alte gute Dame kein Buch geführt, nicht einmal ein Verzeichniß ihrer Werthpapiere und deren Nummern hinterlassen hat. Wie soll man ihnen jetzt auf die Spur kommen? Der jetzige Besitzer darf sie anbieten, wem er will, ja sie hier im Ort selber verkaufen; es kann ihm Niemand beweisen, daß sie früher im Besitz der Ermordeten gewesen.“
„Und die Juwelen?“
„Ja, mein liebes Kind, das ist eben so unsicher,“ sagte der Vater. „Ein hiesiger Juwelier hat allerdings einmal einen Theil derselben in Händen gehabt, wenn der Dieb aber nur die Vorsicht braucht, sie aus ihrer alten, doch werthlosen Fassung zu nehmen, welcher Mensch könnte nachher, selbst wenn sie aufgefunden würden, darauf schwören, daß es dieselben wären? Nein, das ist einer jener Fälle, die uns Justizbeamten zur Verzweiflung bringen, weil sie nicht den geringsten Halt an etwas Wesentlichem bieten, und möglich, daß es mit der Zeit einmal durch einen Zufall an den Tag kommt -- wir haben ja viele solche Beispiele, aber unser Scharfsinn und unsere Ausdauer helfen uns Nichts dabei; sie sind geradezu weggeworfen. Doch was ich Dich fragen wollte -- wo ist Käthchen?“
„Sie macht noch ein paar Besuche -- doch ich hätte eine Bitte an Dich, über die Du mich vielleicht auslachst.“
„Auslachst? ist sie so sonderbarer Art? was willst Du denn?“
„Darf ich die Akten über jenen unglücklichen Fall einmal durchsehen?“
„Du?“ lachte der Vater in der That gerade hinaus, „Du willst die Akten studiren? Liebes Herz, das ist keine Unterhaltungslektüre für Dich, und nach dem ersten Bogen wärst Du sanft darüber eingeschlafen.“
„Sie sind doch kein Amtsgeheimniß?“
„Geheimniß, nein -- leider nicht, denn es steht weiter nicht viel darin, als was die ganze Stadt schon weiß und zum Ueberdruß besprochen hat; das wäre kein Hinderniß, Du fändest Dich aber nicht einmal hinein, wenn ich sie Dir wirklich gäbe.“
„Und doch bitte ich Dich darum, Papa,“ beharrte das junge Mädchen, „Du glaubst nicht, wie ich mich für den Fall interessire -- vielleicht nur dadurch, daß die kleine Jeanette so geheimnißvoll bei ihrem ‚bösen Mann‘ bleibt. Nenne es auch meinetwegen Neugierde, aber ich sehne mich ordentlich danach, diese Aktenstücke zu lesen, und gebe Dir dabei das feste Versprechen, mit keinem Menschen weiter darüber zu reden, als mit Dir selber.“
„Meinetwegen,“ lächelte der Vater, „wenn Du denn gar so versessen auf die trostlose Geschichte bist, so sollst Du sie haben, Du mußt sie mir aber morgen, oder spätestens übermorgen zurückgeben, denn sie liegen schon zu lange bei mir im Haus.“
„Nur bis morgen früh Papa.“
„Bis dahin wirst Du sie auch herzlich satt bekommen.“
„Und darf ich sie mir gleich holen?“
„Wenn ihr Mädchen euch einmal etwas in den Kopf gesetzt habt, so laßt ihr auch nicht locker,“ meinte der Vater kopfschüttelnd, „ich habe aber bis jetzt immer gedacht, es sei nur da der Fall, wo es sich um irgend ein Vergnügen oder um einen Putz handelt. Eine Sache aber, die Dich so wenig interessiren kann, wie trockene Akten --“
„Und bin ich nicht die Tochter eines Justizraths?“ lächelte Elisabeth, „wie magst Du also glauben, daß mich ein derartiger räthselhafter Fall, der Deine ganze Arbeitskraft für lange Zeit in Anspruch genommen, nicht interessiren würde.“
„Ihr seid selber Räthsel,“ sagte der Justizrath kopfschüttelnd, „und der Henker mag aus Euch klug werden -- wenn nur Käthchen zu Hause wäre -- die wird Dich übrigens bei Deiner Lektüre nicht unterstützen.“
„Nein, Käthchen schwerlich,“ sagte Elisabeth, „darf ich mit auf Dein Zimmer, Papa?“
„Na, so komm’, Du kleiner Quälgeist,“ lachte der Vater, „denn eher giebst Du doch keine Ruh; das sag’ ich Dir aber, Du mußt mir morgen ein Referat über das Gelesene geben, damit ich sehe, ob ich Dir wieder Akten zur Durchsicht anvertrauen darf --“ und damit küßte er Elisabeth auf die Stirn und ging mit ihr in sein Studirzimmer, um ihr dort die verlangten Hefte auszuhändigen.
Achtes Kapitel.
Der Verdacht.
Der Justizrath stand gewöhnlich im Sommer, ja selbst bis spät in den Herbst um fünf Uhr auf und arbeitete, damit er, wie er sagte, seine Abende frei hatte, und nicht mehr bis spät in die Nacht hinein gedrängt würde. Er ging auch dafür ziemlich früh, und fast regelmäßig um zehn Uhr zu Bett, wie er denn überhaupt ein sehr geordnetes, fast etwas pedantisches Leben führte. Er hatte sich aber an diesem Morgen kaum seine heutige Arbeit zurecht gelegt und eben erst die Morgenpfeife gestopft und angezündet, als Elisabeth, die Akten unter dem Arm, zu ihm in’s Zimmer trat.
„Aber Kind!“ rief der Vater erstaunt, „schon auf? Du hast früh ausgeschlafen.“
„Ich habe gar nicht geschlafen, Papa,“ sagte Elisabeth ruhig und legte die Akten auf den Tisch.
„Gar nicht geschlafen?“ rief der Justizrath, „beim Himmel, Kind, wie siehst Du aus? Bleich und übernächtig -- ich glaube wahrhaftig, Du hast seit gestern nicht einmal Deinen Anzug gewechselt.“
„Nein, Papa,“ sagte die Tochter, „ich bin die ganze Nacht aufgeblieben.“
„Die ganze Nacht? -- über den Akten? -- es ist unglaublich -- und Du wirst krank werden. Sieh’ Dich einmal im Spiegel.“
Elisabeth sah wirklich sehr angegriffen aus -- ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihre Wangen waren bleich und ihre Glieder selbst schien ein Zittern zu überfliegen.
„Mach’ Dir keine Sorgen, Papa,“ sagte sie aber ruhig, „ich bin nicht krank -- nur vielleicht etwas aufgeregt, denn ich habe die ganze Nacht gelesen.“
„Die ganze Nacht?“
„Allerdings, und zwar die Akten zweimal durch, von Anfang bis Ende.“
„Kind, das nimm mir nicht übel,“ sagte aber der Vater, „das wäre recht hübsch und lobenswerth von einem angehenden Praktikanten, aber daß Du das --“
„Hast Du einen Augenblick Zeit, mich anzuhören?“
„Dich anzuhören -- Du weißt, mein Schatz, daß jetzt meine Arbeitsstunde ist. Können wir nicht, was Du mir zu sagen hast, beim Frühstück besprechen?“
„Was ich Dir zu sagen habe, ist kein Frühstücksgespräch, Papa -- es betrifft den vorliegenden Fall.“
„Ich verstehe Dich nicht,“ sagte der Justizrath, mit dem Kopf schüttelnd.
„Erinnerst Du Dich, daß Du gestern äußertest, es gebe Beispiele, wo lang verheimlichte Verbrechen nur durch einen Zufall an den Tag kämen?“
„Allerdings,“ nickte der Vater, „aber was hat das hiemit zu thun?“,
„Willst Du mich ruhig anhören?“
„Setz’ Dich, Kind, setz’ Dich, Du bist so ernst und feierlich, daß ich selber neugierig auf Das werde, was Du mir mitzutheilen hast. Also was ist es? Bitte, sprich.“
„Beantworte mir erst eine Frage, Papa,“ bat Elisabeth. „Ist es Sünde, auf einen vollkommen fremden Menschen den Verdacht irgend eines Verbrechens zu werfen, ohne ganz bestimmte Beweise dafür in Händen zu haben?“
„Mein liebes Herz,“ sagte der Vater, „wenn wir einmal ganz bestimmte Beweise in unseren verschiedenen Rechtsfällen hätten, so brauchten wir fast gar keine Untersuchung. Erst diese ergiebt sie, und ein ausgesprochener Verdacht braucht den Betreffenden -- wenn er wirklich unschuldig ist -- noch immer nicht zu schädigen -- ja im Gegentheil ist es viel besser, er wird laut, um entweder widerlegt oder bestätigt zu werden. Aber gegen wen hast Du Verdacht -- denn etwas Derartiges scheint doch aus Deinen Reden hervorzugehen -- und wie, in des Himmels Namen, kannst Du einen Blick in diese furchtbare Sache gethan haben, der Du doch bis jetzt vollkommen fern standest?“
„Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll, Papa,“ sagte Elisabeth, während ein schwerer Seufzer ihre Brust hob, als ob es ihr am Athem fehle, „aber ich habe in der That einen Verdacht, doch so wild und unbestimmt, daß ich fast fürchte, Dir ihn mitztheilen.“
„Gut,“ sagte der Justizrath, „dann wollen wir den Beamten jetzt einmal bei Seite lassen -- ich bin überdieß noch im Schlafrocke, Schatz -- und dem Vater kannst Du Alles offen sagen, was Dich drückt. Auf wem also liegt Dein Verdacht?“
„Auf Herrn von Berger,“ sagte Elisabeth mit leiser, fast tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme.
„Alle Wetter!“ rief der Justizrath und fuhr in seinem Stuhl empor, „Du bist kühn, Mädel, und greifst mitten hinein in die Masse, um Dir Deinen Mann herauszuholen. Was um Gottes Willen bringt Dich auf den, und wie steht er in der geringsten Verbindung zu dem Mord in Hoßburg?“