Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 2

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Dießmal brauchte sich auch der Vater wahrlich nicht zu beklagen, daß die Damen zu lange Vorbereitung zu ihren Toiletten gebraucht hätten -- schon seit Monaten lag Alles fix und fertig, des Aufbruchs gewärtig, und Elisabeth und Käthchen -- ihre Mutter hatten beide Mädchen vor längeren Jahren verloren und führten seitdem dem Vater das Hauswesen -- jauchzten laut auf, als endlich der lang und heiß ersehnte Morgen nahte, der sie den dumpfen Stadtmauern entführen sollte. Seit jenem furchtbaren Mord war ihnen ja nicht einmal die eigene Heimath mehr lieb gewesen, und mit doppelter Freude begrüßten sie diese Reise, die ihnen nicht allein einen langgehegten Wunsch erfüllen, sondern sie auch dem Schauplatz der letztverlebten trüben Monde entreißen sollte. Kehrten sie dann zurück, so hatten freundlichere Eindrücke die häßlichen Bilder dieser Zeit verwischt, und der Winter brachte ihnen überhaupt wieder andere Vergnügen und Zerstreuungen.

Drittes Kapitel.

Eine Rheinfahrt.

„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein, Mein Sohn -- ich rathe Dir gut, Dort geht Dir das Leben zu wonniglich ein, Dort fließt Dir zu fröhlich das Blut.“

So lautet ja wohl das alte Volkslied, das mit seinen paar Strophen ganze Bände zum Lob des Altvater Rheines spricht. -- Aber weßhalb sollten wir nicht an den Rhein ziehen? -- weil es uns dort zu gut ergeht? Du lieber Gott, wie lange währt denn eigentlich dieß Leben, und wohl dem, der im Stande ist, es zu genießen, so lange er darf. Der Gefahr, daß es uns zu wonniglich eingehe, können wir mit kecker Stirn begegnen.

Der Justizrath selber schien auch nicht die geringste Furcht davor und mit dem Aktenstaube und dem Dunst der dumpfigen und engen Gerichtsstuben alle Sorgen und kleinlichen Befangenheiten des Lebens abgeschüttelt zu haben. Er war, wie er nur hinaus in die frische freie Luft kam, ein ganz anderer Mensch geworden, und glich in seinem weißen leinenen Rocke, dem Strohhut und offenen Hemdkragen eher jedem anderen irdischen Individuum, als eben einem Justizrath.

So tüchtig er aber auch in seinem Fach sein mochte, und mit klarem Verstand und geistiger Schärfe er dort Alles sichtete und durch ein richtiges Gefühl geleitet wurde, so vollkommen befand er sich von dem Augenblick an außer seiner Sphäre, wo er in das praktische Leben selbsthandelnd eintreten sollte.

Gleich auf der ersten Station der Eisenbahn hatte er sein Billet verloren, ließ auf der zweiten, als er ein anderes lösen mußte, seinen Regenschirm am Schalter stehen und wäre, als er danach zurücklaufen wollte, während die Locomotive schon pfiff, heilig sitzen geblieben, wenn ihn der Conducteur nicht mit zwei Pferdekraft gewaltsam in den Wagen geschoben hätte. Dort setzte er sich dann, als der Zug plötzlich anrückte, auf den Hut seiner Nachbarin und die eigene Brille und ruinirte beide gründlich.

Auf der vierten Station hatte er ein anderes Malheur. Sie passirten ein ihm befreundetes Städtchen, in dem er eigentlich seine juristische Laufbahn begonnen und er bog sich aus dem Wagen, um es besser sehen zu können. Da brauste der Zug plötzlich unter einer Brücke durch und rasch zurückfahrend blieb er mit dem Strohhut außen hängen, der im Nu über die Bahn hinauswehte; kurz er hatte sich in Zeit von anderthalb Stunden mehr Schaden zugefügt, wie daheim in einem ganzen Jahr. Es half auch Nichts, Elisabeth mußte Billete, Gepäckschein, Hutschachtel und Reisesack -- d. h. die Ueberbleibsel des noch vorhandenen Eigenthums übernehmen und von da an verwalten, eher kam ihr Vater, der sich in eine außerordentliche Aufregung hineingearbeitet hatte, nicht zu Ruhe.

Ihr nächstes Ziel war Bonn. Dort hatte der Vater lange gelebt, ein alter Universitätsfreund von ihm, Professor Perler, besaß unfern der Stadt und unmittelbar am Rhein eine kleine reizende Villa, und die Einladung für den Justizrath und seine beiden Töchter, in dessen Familie eine Zeitlang zuzubringen, datirte schon seit Jahren und war, wie das gewöhnlich mit derartigen Plänen geht, immer und immer wieder aufgeschoben, aber endlich doch zur Wahrheit geworden, und besonders der Mädchen Freude überstieg alle Grenzen.

Schon der erste Aufenthalt im Gasthof in Frankfurt war ein Genuß für sie -- wie wir es denn überhaupt sehr häufig finden, daß Damen leidenschaftlich ein Wohnen und Essen im Hotel lieben -- vielleicht auch schon deßhalb, weil es sie für eine Zeit wenigstens aller häuslichen Pflichten gründlich überhebt. Und nun erst am anderen Morgen diese Seligkeit, als sie durch das sonnige, herrliche Land, durch Weingärten und freundliche Villen dem Rhein entgegen brausten, und kaum eine Stunde später, mit den geheimnißvollen rothen Thürmen, der Bundesstadt Mainz gegenüber, auf einem wirklichen Dampfboot fahren durften.

Vergessen waren da all’ die trüben Stunden, die sie durchlebt, vergessen Alles, was außer dem engen Kreis lag, der sie umgab, und mit Lust und Wonne genossen sie, wie wahrhaft glückliche Menschen, nur den Augenblick.

Welch’ eigenes Leben das am Bord eines solchen Dampfers war und wie das an Leben und Bewegung wuchs, je weiter sie fuhren. In Castel befanden sich nur erst wenige Passagiere an Bord, und die wenigen, da der Morgenwind ziemlich frisch über den Strom wehte, tranken heißen Kaffee und gingen, in ihre Plaids gehüllt, an Deck auf und ab -- aber jede Station brachte neue Zufuhr. Schon in Biberich trafen eine Anzahl Passagiere ein und immer mehr in Geisenheim, Rüdesheim, Asmannshausen und wie die Namen alle hießen, die ihnen schon so bekannt aus Vaters Keller tönten. -- Und dazwischen die prächtigen alten Ritterburgen mit ihren zerfallenen Mauern und hohläugigen Fenstern, mit ihren Erinnerungen und Sagen.

Elisabeth besonders schweifte mit ihren Gedanken weit, weit zurück zu jener Zeit. -- Was würde solch’ ein alter Ritter, den wir uns daheim statt im Schlafrock nur im Harnisch mit dem Helm neben und einem tüchtigen Humpen Rüdesheimer Ausbruch vor sich denken können, wohl gesagt haben, wenn ihm der auf jenem verfallenen Wartthurm stationirte Lugaus plötzlich gemeldet hätte, ein Dampfboot käme den Strom herabgefahren? Hei, wie wäre er in seiner Rüstung emporgerasselt und mit klirrenden Sporen die steinerne Treppe hinabgeeilt, um sich unten auf das stets bereit stehende Schlachtroß zu schwingen.

Und die zarten Burgfräulein aus jener Zeit! -- An dem Fenster dort oben, das jetzt nur noch zur Hälfte in der heruntergebrochenen Mauer hängt, hatte gewiß oft und oft die züchtige Maid, den Schlüsselbund an der Seite, die Spindel in der Hand, gestanden und nach jener anderen Ruine hinübergeschmachtet, in deren hellen Fenstern damals noch -- wenn auch jetzt Eulen und Raben darin nisten -- die Sonnenstrahlen blitzten, und wo jedenfalls der Auserkorene wohnte, mit dem ihr unerbittlicher Vater leider in bitterer Fehde begriffen war.

Und dort drüben Falkenburg. -- Ihr kleines Handbuch sagte:

„Diese Burg wurde schon im Jahr 1252 vom Städtebund zerstört, 1261 von Philipp von Hohenfels wieder erbaut, der sie zum zweiten Mal zu einem Raubschloß machte. Kaiser Rudolph von Habsburg eroberte sie wieder und ließ den Raubritter mit seinen Spießgesellen hinrichten, 1282 die Burg aber zerstören.“

Wundervoll! in jenem Steinhaufen lag ein ganzer Roman, und Elisabeth sah im Geist, wie die hellen Heerhaufen des Kaisers mit schmetternden Hörnern und fliegenden Bannern gegen das trotzige Raubnest anstürmten -- wie Steine und siedendes Pech von den Wällen gegossen wurde, wie die Donnerbüchsen krachten, und der rothe Hahn endlich vom Dach der Burg emporloderte. Und jetzt fiel die Zugbrücke -- jetzt stürmten die Angreifer über den schmalen Gang oder kletterten an den zertrümmerten Wällen empor, und wie die Harnische da im Einzelkampf rasselten und die Morgensterne niederschmetterten, was sie mit ihrer furchtbaren Stachelwucht erreichten. Hu! Elisabeth barg schaudernd ihr Antlitz in den Händen, als sie die heraufbeschworenen Greuel so lebhaft vor ihren Augen schaute.

„Speisen Sie mit an der ~table d’hôte~?“ -- Die Frage des höflichen Kellners, der, eine Serviette unter dem Arm, ein Notizbuch in der Hand und einen gespitzten Bleistift schon im Voraus mit den Lippen feuchtend vor ihr stand, rief sie aus dem Gemetzel der wilden geharnischten Schaaren rasch in die befrackte nüchterne Wirklichkeit zurück, und unwillkürlich lächelnd -- denn das Bild des vor ihr stehenden Jünglings mit den sorgfältig gescheitelten Haaren inmitten seines Hauptes stach doch zu sehr gegen die kernhaften Eisenmänner ab, die sie eben noch im Geist geschaut -- wies sie ihn an ihren Vater.

„Die Lorelei“, tönte es da von vielen Lippen, als der alte mächtige Felsen jetzt vor dem Bug des Dampfers auftauchte, und die Salonpassagiere bewegten sich langsam nach vorn, da die Sonnenzelte an den Seiten, der gedeckten Tische wegen, niedergelassen waren und vom Quarterdeck ab die Aussicht versperrten.

Auf dem Vorderdeck standen jetzt die Passagiere dicht gedrängt und Alle schauten schweigend zu dem kahlen Felskegel auf, dem eine unserer schönsten deutschen Sagen Leben, Heinrich Heine diesem Leben Worte und Schubert und Silcher ihnen einen Klang verliehen hat, der so lange bestehen wird, wie der Felsen selber.

Da erheben sich plötzlich zwei Männerstimmen zu dem Loreleyliede und möglich, daß in diesem Augenblick die ganze Zahl der Passagiere andachtsvoll in die Melodie eingefallen wäre -- denn sie schwebte ohnedieß auf jeder Lippe, hätten die Persönlichkeiten selber nur ein klein wenig zu dem Sang und seinen duftigen Worten gepaßt. Als sich aber Aller Blicke der Richtung zuwandten, sahen sie, daß der solcher Art improvisirte Gesang von einem katholischen Geistlichen in einem etwas sehr abgetragenen schwarzen langen Rock und einem anderen in Laientracht gekleideten Individuum herrührten, das seinen Bart jedenfalls noch vom vorigen Sonntag her trug -- und sein Hemd ebenfalls. Diese beiden Männer sangen, der Loreley in die Zähne, das Heine’sche Lied -- aber nur die ersten Strophen

„Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein“ --

Damit brach der Gesang plötzlich ab, und eine etwas boshafte Stimme frug ziemlich laut:

„Nu? wo bleibt die schönste Jungfrau?“

Die Umstehenden lachten.

Elisabeth hatte sich der Stimme, von der die letzten Worte gesprochen, zugedreht. Es war ein kleiner ältlicher Mann mit unverkennbar jüdischer Physiognomie, aber hoher Stirn und ein paar großen, klugen Augen, sehr anständig, wenn auch einfach gekleidet. Der katholische Geistliche blieb ihm aber die Antwort schuldig, und der kleine alte Mann, dessen schneeweiße Haare ihm etwas Ehrwürdiges gaben, trat jetzt zum Rand des Bootes, dicht neben Elisabeth, um von da aus besser den Lurleifelsen betrachten zu können, an welchem das Boot vorüberglitt.

Gerade in diesem Moment schoß ein Dampfzug durch den Tunnel, der durch den Berg gebrochen worden, heraus in’s Freie, und der weiße Rauch wirbelte und quoll an dem Hang empor, während der schrille Pfiff der Lokomotive über den Strom herübertönte.

„Wunderbar! wunderbar!“ sagte der alte Mann leise vor sich hin und nickte dabei mit dem grauen Kopf -- „aber ’s ist jammerschade.“

„Nicht wahr?“ sagte Elisabeth freundlich -- „daß man den Tunnel durch den Fels gebrochen. Es zerstört die ganze Poesie.“

„Und das ganze Geschäft,“ lächelte der kleine Mann zu dem jungen Mädchen auf, das ihn wohl um einen halben Kopf überragte.

„Das Geschäft?“ frug Elisabeth erstaunt; „ich sollte doch denken, daß der Handel gerade durch diese Bahnen vermehrt würde, wenn sie auch nicht eben an den Rhein und seine Ufer passen.“

„Das Geschäft von die Lorelei mein ich,“ sagte aber der alte Mann lächelnd. „Gott der Gerechte, wo soll sie noch ein Geschäft mit Konzertgeben machen, wenn die jungen verliebten Ritter, die sie sonst anlockte, ganz bequem im Waggon unter ihrem Stuhl wegfahren mit die Eisenbahn? Und wie die Lokomotive pfeift -- gerad wie zu Spott und Hohn über die Lorelei, die sich jetzt muß ansingen lassen von die Passagiere auf den Dampfschiffen, wo sie früher allein gesungen hat, -- Poesie -- wie heißt Poesie -- Dampf regiert jetzt die Welt, und wenn ich überhaupt je wettete, möchte ich einen vollwichtigen Dukaten gegen einen nassauer Sechser wetten, daß die Mamsell Lorelei lange ausgezogen ist aus ihrem Felsenlogis und vielleicht jetzt mit berliner Tyrolern die Messen bezieht und um Honorar singt. -- Was will sie da oben außer Kurs sitzen?“

Elisabeth amüsirte sich Über den kleinen komischen Mann, aber in diesem Augenblick ertönte vom Hinterdeck aus die Eßglocke, und der Justizrath, der indessen drei Plätze belegt hatte, kam nach vorn, um seine älteste Tochter zu suchen und zum Speisen abzurufen. Hatte er sich doch lange schon auf den Moment gefreut, wo er ein Glas guten, ächten Rheinwein auf dem Rhein selber trinken könne.

Armer Justizrath -- die Flaschen waren von der Kompagnie selber versiegelt und auf der Etikette stand, daß sie nur in Gegenwart der Reisenden geöffnet werden dürfen -- aber er bekam sie offen und statt des erhofften rothen Aßmannshäuser ein dunkelrothes, trübes Fabrikat, das weit eher nach Magdeburg als dem Rhein schmeckte. Er wollte dagegen protestiren, aber der Kellner hatte leider keine Zeit, sich mit ihm abzugeben, und der Niersteiner, den er hier noch versuchte, war so sauer, daß er nicht einmal die Lippen mehr zu einer Klage auseinander bringen konnte.

Nur die Preise entsprachen den Etiketten, und der Justizrath ärgerte sich über sich selber, daß er sich über den schlechten Wein an Bord der Dampfschiffe ärgern konnte.

Und das Diner dauerte ewig, so daß man dabei den schönsten Theil des Rheins versäumte, bis zuletzt noch kalter Kaffee und warmes Eis herumgereicht wurde --, aber die jungen Damen waren schon lange wieder aufgestanden und kamen gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie das Dampfboot bei Koblenz einen wahren Menschenschwarm an Bord nahm und dann wieder keuchend in den Strom hinaus hielt.

Die Neugekommenen hatten natürlich schon dinirt und zerstreuten sich aus dem Verdeck, und Elisabeth amüsirte sich damit, die verschiedenen Gruppen zu mustern, die jedes noch freie Plätzchen besetzten. Aber es waren doch nur lauter fremde Gesichter, denen sie hier begegnete: geputzte Leute, die entweder eine kurze Vergnügungsfahrt in der Nachbarschaft machten, oder auch nur den bequemeren Dampfer der Eisenbahn vorgezogen hatten, um eine Strecke den Rhein hinab zu gehen. Aber plötzlich sah sie überrascht auf, denn sie entdeckte eine Gestalt, die ihr bekannt vorkam, wenn sie sich auch um’s Leben nicht besinnen konnte, wo sie dieselbe je gesehen.

Es war ein junger sehr elegant gekleideter Mann, der jedenfalls den bevorzugten Ständen angehören mußte. Sein Gesicht war etwas bleich, aber edel und ausdrucksvoll, mit einem unverkennbaren Zug von Schwermuth um die feingeschnittenen Lippen, und sein dunkles Auge schweifte forschend an Deck umher, als ob er Jemanden suche. -- Sie mußte dieß Gesicht schon gesehen haben. Der Fremde indessen, -- mit den Blicken überall, nur nicht vor sich, kam gerade auf Elisabeth zu -- so nah, daß er sie fast berührte -- bestürzt wich er aber zurück, und höflich den Hut lüftend entschuldigte er sich, indem er vorüberging. -- Keine Miene verrieth jedoch, daß er sie kenne oder nur etwas Bekanntes in ihren Zügen gefunden hätte. Vollkommen fremd wich er ihr aus -- es mußte nur eine Aehnlichkeit mit irgend einem Anderen sein -- und in dem Gewirr von Menschen verlor sie ihn auch bald wieder aus den Augen.

Die Fahrt auf dem Dampfer war durch die vielen hinzugekommenen Passagiere keine Vergnügungstour mehr. Wer einen Moment aufstand, fand seinen Sitz wohl wieder, aber einen langen Engländer oder kurzen Deutschen behaglich darauf eingerichtet, und Reisetaschen, Regenschirme und Plaids versperrten selbst jede Passage so vollkommen, daß man sich wohl oder übel nicht mehr von der Stelle bewegen konnte.

Sehr viele Passagiere gingen aber in Rolandseck von Bord, und es gab ein wenig mehr Luft. Das Gepäck für Bonn wurde jetzt an Deck geschafft, und Elisabeth, die dem Vater in der Besorgung desselben nicht recht vertraute, ging selber nach vorn, um danach zu sehen.

Dort stand auch der junge Fremde wieder und zwar im eifrigen Gespräch mit dem alten Mann, mit dem sie sich vorhin unterhalten. Der kannte ihn also -- wenn sie ihn nur hätte fragen können -- aber das ging nicht. Sie verhandelten angelegentlich über einen Gegenstand, den der alte Mann in der Hand hielt und aufmerksam betrachtete. -- Was es war, konnte sie freilich nicht erkennen, aber er schüttelte langsam mit dem Kopfe, als ob er nicht recht einverstanden wäre.

In diesem Augenblick kam ihr Koffer nach oben, und den einen Reisesack, der darauf lag, wollte ein Fremder an sich nehmen. Der Bootsmann frug nach der Nummer, und Elisabeth trat hinzu, um den Irrthum zu vermeiden. Das Boot glitt indessen rasch am Ufer hin, und plötzlich läutete die Glocke schon wieder zur nächsten Landung in Bonn.

Jetzt hatte nun Jeder freilich für sich zu sorgen, und während Käthchen emsig bemüht war, den Regenschirm des Justizraths zu suchen, den dieser irgendwo -- er konnte sich nicht mehr besinnen wo -- hingestellt hatte, hörte die Maschine auf zu arbeiten und das schlanke Boot glitt an die Landung, wo die Brückenleute draußen die bonner Passagiere vor der Hand noch durch eine Barrière abgesperrt hielten, um vorher den Aussteigenden Gelegenheit zu geben fortzukommen und Platz zu machen.

Elisabeth durfte aber das Boot nicht verlassen; Käthchen hatte den Schirm noch nicht und der Justizrath suchte jetzt in allen Taschen seine Brille, um selber mit nachzusehen, denn er mochte doch den erst in Frankfurt wieder gekauften neuen Schirm nicht nochmals einbüßen.

Elisabeth erkannte indessen am Ufer schon das gutmüthig lächelnde Gesicht des Professors Perler und neben ihm ihre Freundin Rosa, die auch sie erkannt hatte und ihr fröhlich mit dem Tuche winkte.

Jetzt verließ der junge Fremde ebenfalls das Boot -- auch er mußte den Professor kennen, denn er grüßte Vater und Tochter, als er vorüberging, und es schien fast, als ob er sie anreden wolle; aber die Menschenmenge von Bord drängte zu sehr durch die schmale, ihr verstattete Gasse des Ausgangs -- er konnte nicht stehen bleiben und wurde vorbei geschoben. Am Land aber sah Elisabeth, wie er seine kleine Reisetasche einem der Packträger übergab und mit diesem in die Stadt hinein schritt.

Jetzt kamen auch Vater und Schwester heran. Der Regenschirm, auf dem indessen eine englische Familie in aller Ruhe Platz genommen, war glücklicherweise durch den noch verrätherisch vorschauenden Knopf entdeckt und gerettet worden, und schon mußten sie sich dem eindrängenden Strom der neuen Passagiere entgegenwerfen, die nach fortgeschobener Barrière das Boot im Sturm zu nehmen suchten. Aber auch das wurde überstanden, und jetzt am Ufer küßten sich die beiden alten Herren und herzten sich die jungen Mädchen in der Freude des Wiedersehens.

Eine Droschke stand bereit, aber Alle zogen es vor, lieber zu Fuß zu gehen, und des Professors Diener wurde nur mit dem indeß aufgeladenen Gepäck allein vorausgeschickt, während die fröhlichen und sich aneinander freuenden Menschen plaudernd und erzählend langsam nachfolgten.

„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth, die sich noch immer nicht über den jungen Fremden beruhigen konnte, denn es giebt nichts Peinlicheres, als sich in Gedanken mit einem bekannten Bild abzuquälen, „wer war denn der junge Herr, der euch vorhin grüßte?“ --

„Uns? hier an Land?“ --

„Ja, er kam vom Boot.“

„O, der junge Baron Berger?“ --

„Er trug einen vollen Bart.“

„Ganz recht, der Bräutigam von Klara Paßwitz.“ --

„Berger?“ sagte Elisabeth, nachdenklich mit dem Kopf schüttelnd, „den Namen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört.“ --

„Er stammt, wie er sagt, aus einer englischen Familie,“ fuhr Rosa fort; „aber er selber muß ein Landsmann sein, denn er versteht sehr gut deutsch.“ --

„Wie meinst Du das?“ frug Elisabeth, der die Worte mit einer gewissen Betonung gesprochen schienen. --

„Gutes Herz,“ sagte aber Rosa, „wenn Dich der junge Herr so interessirt, so erzähl’ ich Dir viel von ihm. Wir haben überhaupt so viel zu plaudern und zu besprechen, Kinder, daß ich noch gar nicht sehe, wie wir fertig werden wollen.“

Viertes Kapitel.

Der Besuch.

Die Frau Professorin Perler hatte Mann und Tochter nicht an das Boot begleiten können, um ihre lieben Gäste zu empfangen; denn die telegraphische Depesche, die ihr Eintreffen anzeigte, war erst an dem Morgen angelangt und da natürlich noch so viel im Haus zu thun und zu ordnen, daß sie nicht daran denken konnte, es zu verlassen. Behielt sie doch auch wirklich -- nachdem Alles endlich in den gehörigen Stand gesetzt -- kaum nur so viel Zeit übrig, um sich in ihren Staat zu werfen, als der Wagen mit dem Gepäck schon vor die Thür rasselte und bald darauf auch die Erwarteten eintrafen.

Das war jetzt ein Fragen und Erzählen unter den fröhlichen guten Menschen, und die Frau Professorin führte dann den Herrn Justizrath in sein Zimmer hinauf, das sie ihm eingerichtet hatte, als ob er sich dort für Lebenszeit einquartieren solle, und Rosa nahm Käthchen und Elisabeth unter den Arm und sprang mit ihnen nach deren Gemach, das eher einem Puppenstübchen aus dem Feenreiche, als einem Wohnort für irdische Wesen glich. Dann sollten sie begreiflich noch einmal zu Mittag speisen, was aber natürlich entschieden abgelehnt werden mußte, denn es war kaum vier Uhr vorbei und nur dem Kaffee konnte und wollte der Justizrath nicht ausweichen, der hinunter in die mit schon reifen Trauben behangene Weinlaube getragen und dort mit einer guten Cigarre genossen wurde.

Aber die Mädchen hatten keine Ruhe dort und einander so unendlich viel zu erzählen -- eigentlich merkwürdig, da sie sich fast wöchentlich bogenlange Briefe schrieben -- daß es ihnen in der Laube keine Ruhe ließ und sie jetzt Arm in Arm durch den Garten wanderten, um sich endlich einmal ordentlich auszusprechen. Wir Menschen fühlen ja oftmals das Bedürfniß, besonders junge Damen, die auch an dem Geringsten und Unbedeutendsten ein warmes Interesse nehmen.

„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth endlich, die bis jetzt die Stillste gewesen war, denn immer noch suchte sie in ihrem Gedächtniß nach dem Bild des Fremden, und ärgerte sich dabei eigentlich über sich selber, daß ein vollkommen gleichgültiger und fremder Mann ihre Gedanken so in Anspruch nehmen konnte -- „was ist das für eine Klara Paßwitz, von der Du vorhin sprachst?“

„Klara? ei die Tochter des Medizinalraths, der auch mit Deinem Vater sehr befreundet ist!“ rief Rosa, „und ein liebes gutes Mädchen -- aber ja so, das wollte ich Dir ja noch erzählen, weil Du mich vorhin nach ihrem Bräutigam frugst, der uns an der Landung grüßte.“

„Kennst Du ihn denn, Lily?“ frug Käthchen erstaunt.

„Nein,“ lächelte die Schwester; „aber sein Gesicht muß ich schon irgendwo einmal gesehen haben, kann mich aber nicht besinnen wo, so viel ich mich auch schon deßhalb abgequält habe.“

„Nun, das müßte bei uns in Hoßburg gewesen sein,“ meinte die Schwester. „Vielleicht war er einmal dort zum Besuch.“

„Ich glaube kaum,“ sagte Rosa; „denn so viel ich weiß, ist er erst vor ganz kurzer Zeit von Paris zurückgekehrt, wo er sich durch Spekulation ein bedeutendes Vermögen erworben und sich jetzt hier in der Nachbarschaft -- wenigstens nicht so weit entfernt angekauft hat.“

„Und er wird Klara Paßwitz heirathen?“

„Ja, das ist eine wunderliche Geschichte,“ meinte Rosa geheimnißvoll. „Klara kannte ihn fast noch gar nicht, er war nur ein paar Mal, von irgend Jemand -- ich weiß nicht von wem -- an ihren Vater empfohlen, in ihrem Hause gewesen, hatte aber viel mit dem Vater verkehrt und diesen auch einmal bewogen, ihn mit der Tochter auf seinem Gut zu besuchen -- es liegt ein Stück den Rhein hinauf, irgendwo da hinter Godesberg -- und von dem Augenblick an schien die Sache zwischen ihm und Klara’s Papa abgemacht zu sein, ohne daß Klara -- doch als die Hauptperson -- nur besonders darum gefragt worden wäre.“