Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 15
Damit mußte er sich begnügen, und nur seiner Frau erzählte er, als sie allein zusammen waren, was ihm Martin gesagt, und frug sie, was sie über das frühere Leben ihrer älteren Schwester, die selber hartnäckig bis jetzt darüber geschwiegen, wisse. Er erfuhr da aber nicht viel Beruhigendes und eigentlich nur Dinge, die Martins Aussage, wenn auch nicht wahrscheinlich, doch wenigstens möglich erscheinen ließen. Fanny war allerdings vor vier Jahren in Illinois verheirathet gewesen, und lebte jetzt von ihrem Mann getrennt. Derselbe hatte aber nicht Martin, sondern John Hendriks geheißen und war über die Felsengebirge nach Oregon gegangen, auch dort, wie sie später einmal gehört haben wollte, von irgend einer wilden Indianerhorde erschlagen worden. _Bestimmte_ Nachrichten kamen aber aus jener abgelegenen Gegend selten oder nie herüber; es _konnte_ wahr sein, blieb aber immer noch abzuwarten. Ob der Mann sie, oder sie ihn verlassen, hatte sie nie genau erzählen wollen, und überhaupt schien ihr die Erinnerung an jene Zeit so fatal, daß sie stets rasch davon absprang, sowie je das Gespräch zufällig einmal darauf fiel.
Willis schloß die ganze Nacht kein Auge, denn hätte jener unglückselige Mensch, den er selber schon stets verspottet und lächerlich gemacht, die Wahrheit gesprochen, so blieb _ihm_ kein anderer Ausweg, als nicht allein sein freundliches Besitzthum zu verlassen, sondern sogar augenblicklich in einen anderen Staat zu ziehen, ja förmlich zu flüchten, um nur all dem Hohn und der Schadenfreude zu entgehen, die er schon über sich hereinbrechen sah. Wie hätten sich die Nachbarn über ihn lustig gemacht -- und besonders der alte, überdies so spottlustige Warner, den er gestern noch in sein Vertrauen gezogen -- es war zum Verzweifeln, wenn er nur daran dachte.
So warf er sich, bis der Morgen graute, auf seinem Lager umher, und stand dann auf, nahm seine Büchse und lief in den Wald hinein -- aber er schoß Nichts. Zweimal stand ihm ein Hirsch breit und voll im Weg -- er sah ihn nicht eher, bis er mit langen Sätzen im Dickicht verschwand; ein alter Truthahn ~gobler~ kullerte gar nicht weit von ihm entfernt, hoch oben in einem dürren Kieferbaum, und schien ihn wie zum Schuß einzuladen -- er hörte ihn gar nicht, und schritt träumend selbst unter dem Baum hinweg, bis der Vogel mit schwerem Flügelschlag über ihm abstrich. Aber der Gang in der frischen Morgenluft that ihm wohl, und kühlte sein kochendes Blut ab, so daß er wenigstens besonnener nach Hause zurückkehrte, und jetzt beschloß, die Sache, wie sie auch ausfallen möge, ruhig mit seiner Schwägerin zu besprechen. Allerdings zweifelte er, nachdem er sich Alles hin und wieder überlegt, keinen Augenblick mehr daran, daß jener Mann -- Martin oder John Hendriks, wie er nun auch hieße, die Wahrheit gesprochen. Die wirkliche, unverstellte Ohnmacht, der sonst nichts weniger als nervenschwachen Frau, mit dem, was er nun von ihrem früheren Leben gehört, brachten die unangenehme Thatsache fast zur Gewißheit -- aber es ließ sich -- den Nachbarn gegenüber, auch noch drehen. Er konnte ja um das Ganze gewußt, und die Beiden absichtlich wieder zusammengeführt haben. War er es denn nicht auch gewesen, der zuerst erzählt, daß Martin seiner Frau in Illinois davongelaufen wäre? Nun gut; die Beiden vereinigten sich jetzt wieder und zogen dann von hier fort -- _hier_ durften sie natürlich nicht bleiben, und einmal aus Sicht erst, und die ganze Sache war vergessen.
Wenn er aber geglaubt hatte, ein _ernstes_ Wort mit seiner Schwägerin reden zu können, so sah er sich darin vollkommen getäuscht, denn die beiden Frauen, die er, als er das Haus betrat, schon beim Frühstück traf, empfingen ihn mit lautem Lachen, und „Mrs. Fanny“ rief ihm entgegen:
„George, Du bist göttlich! Betsy erzählt mir eben, daß Du mich im wirklichen Verdacht hättest, die Frau jenes kahlköpfigen Burschen zu sein. Was um Gotteswillen ist Dir denn nur eingefallen?“
Willis sah erst seine Schwägerin -- allerdings überrascht von der Anrede -- und dann seine Frau an, und wußte in der That nicht gleich, was er darauf erwiedern solle. Er erwiederte auch für den Augenblick gar Nichts, drehte sich um, legte seine Büchse auf die über der Thür angebrachten und dazu bestimmten Pflöcke, hing die Kugeltasche links an einen bestimmten Nagel, warf seinen Hut, ziemlich rücksichtslos, in die Ecke, nahm sich einen Stuhl zum Tisch, auf den er sich rittlings setzte und die Arme auf die Lehne stützte, und sagte dann vollkommen ruhig:
„So? -- und weßhalb sind Sie gestern in Ohnmacht gefallen, Mrs. Fanny, wenn ich fragen darf?“
„Weßhalb ich in Ohnmacht gefallen bin?“ rief die junge Frau, und sah ihre Schwester erstaunt an -- „nun bitt’ ich Dich um Gotteswillen, Betsy, haben wir das denn nicht gestern Morgen auf das Ausführlichste hier an der nämlichen Stelle besprochen? -- hast Du mich _nicht_ so lange selber darum gequält, George, bis ich meine Einwilligung dazu gab?“
„Und so _natürlich_ haben Sie Ihre Rolle gespielt, daß Sie ganz blaß dabei wurden.“
„Jetzt macht er mir Vorwürfe, daß ich zu natürlich gespielt habe,“ lachte die junge Frau, aber so heiter, so unbefangen, George wußte gar nicht mehr, was er davon denken sollte.
„Und was war das?“ frug er endlich, „worüber Sie heute Morgen mit mir reden wollten?“
„Ich?“ sagte Mrs. Fanny, nachdenkend -- „ach ja -- aber das hat Zeit. Mrs. Warner hat mir gestern eine Kuh zum Kauf angeboten, ein prächtiges Thier, und da ich doch beginnen möchte, mir einen kleinen Viehstand hier anzulegen --“
„Eine Kuh“ -- rief George verwundert.
„Ja, die hellbraune, große Kuh mit dem weißen Stern, die immer wieder hier nach uns herüber kommt, und alle Augenblicke zurückgetrieben werden muß.“
„Und jenen Martin haben Sie nie gekannt?“
„Jenen Kahlkopf?“ lachte die Wittwe -- „wo sollte ich dem schon begegnet sein, und wenn man _das_ Gesicht einmal in seinem Leben gesehen hat, vergißt man’s doch gewiß sobald nicht wieder.“
„Hm,“ sagte Willis nach einer ganzen Weile, in der er nachdenkend mit den Füßen auf den Boden getrommelt hatte -- „das thut’s am Ende auch“ -- stand auf, nahm seinen Hut und verließ, ohne weiter ein Wort, das Haus. Draußen sattelte er sich auch sein Pferd und trabte dann, ohne selbst einmal sein Frühstück zu verzehren, in die Ansiedlung hinüber, denn ihm lag jetzt vor allen Dingen daran, Martin selber zu sprechen, und zu hören, was dieser sagen würde. Von Martin fand er aber keine Spur mehr; da, wo er die letzten vierzehn Tage gearbeitet, war er noch in der Nacht verschwunden und hatte -- ein Zeichen, daß er nicht gedachte zurückzukehren -- seine sämmtlichen Kleider mitgenommen. Wohin er sich aber gewandt, konnte er natürlich nicht erfahren, denn der wunderliche Gesell pflegte bei solchen Gelegenheiten Niemanden in das Geheimniß zu ziehen. Er war aber fort, und bis er nicht an dem oder jenem Platz wieder auftauchte, erfuhr man nichts weiter von ihm.
Willis schien übrigens nicht böse darüber, und in der That dieses gewöhnliche Verschwinden des sonderbaren Kauzes erwartet zu haben, beruhigte sich aber noch immer nicht dabei, sondern setzte seine Nachforschungen, wenn auch mit nicht besserem Erfolg, den ganzen Tag fort. Er fand jedoch keinen Menschen, der ihn auch nur wieder gesehen hätte, und durfte jetzt mit der Beruhigung nach Hause zurückkehren, von _dieser_ Seite nicht weiter belästigt oder gestört zu werden.
Dort übrigens erwähnte er kein Wort von seiner Suche, wie ihn auch, weder seine Frau noch seine Schwägerin frugen, wo er den ganzen Tag gewesen sei. Die Sache war abgemacht, und es wurde keine Silbe mehr darüber gesprochen.
So verging reichlich ein halbes Jahr. Von Martin hatte man in der ganzen Nachbarschaft keinen Schatten wieder gesehen, auch Nichts von ihm gehört, als einmal ein alter Bekannter aus den Sümpfen dort hinüber kam und, als Merkwürdigkeit, erzählte, Martin sei dort bei ihnen gewesen und habe seine alten Schulden eingetrieben. Geld natürlich bekam er nicht, das hatte Niemand, und das brauchte er auch nicht, aber Kühe, Pferde, Schweine, etwas Bettzeug und Kochgeschirr, und dergleichen schleppte er aller Orten und Enden fort. Niemand wußte dabei zu sagen, wo er es hin schaffte, denn Allen, die ihn darnach frugen, nannte er einen anderen Platz -- und sicher nicht den rechten. Uebrigens mußte er, den Aussagen des Mannes nach, eine Menge von Gegenständen bekommen haben, denn es gab fast keine Niederlassung, wo er nicht gearbeitet und sich etwas verdient hatte, und sein Davonlaufen stellte sich jetzt als eine eigenthümliche Art von Sparsystem heraus.
Willis hörte ebenfalls davon, und dies geheimnißvolle Wesen gefiel ihm nicht. Er sattelte eines Tages sein Pferd, schnallte sich eine wollene Decke hinten auf, nahm seine Büchse und Kugeltasche, und ritt in den Wald hinein, blieb auch volle vierzehn Tage aus, und kehrte dann auf vollständig müdem Klepper nach Haus zurück, sagte aber Niemandem, wo er gewesen, und mußte auch keinen rechten Erfolg gehabt haben, denn er war die nächsten Tage mürrisch und verdrießlich.
Er hatte in der That Martin gesucht, um zuerst einmal seinen jetzigen Aufenthaltsort herauszubekommen, und dann zu erfahren, was er dort treibe, -- aber umsonst. Gesehen wollten ihn Einige haben, aber nur auf dem Durchzug; auch in ein Haus kam er, wo er übernachtet, dort aber erzählt habe, er wolle nach Texas auswandern und mit den dortigen Indianern Handel treiben, da er von ihnen Nichts zu fürchten brauchte. -- Scalpiren konnten sie ihn nämlich nicht; an seiner Glatze bekamen sie keinen Halt, und da ließen sie ihn jedenfalls zufrieden.
War er wirklich nach Texas gegangen? Willis glaubte es nicht, denn er kannte Martins Anhänglichkeit an Arkansas, und sah denn auch nicht ein, wie er im Stande gewesen wäre, all die verschiedenen eingesammelten Gegenstände in ein so fern gelegenes Land zu schaffen. Nein, irgend wo ganz in der Nähe mußte er versteckt liegen, aber was er da trieb -- was beabsichtigte, wer hätte es sagen können, und nur die Zeit mußte da Aufschluß bringen.
Und Woche nach Woche, Monat nach Monat verlief, ohne daß sich eine Spur von ihm gezeigt, ja in der Ansiedlung am Red-River, war er schon vollständig vergessen worden, als er eines schönen Morgens auf einem guten Pferd, wenn auch viel sorgfältiger als sonst gekleidet, aber ganz gemüthlich, als wäre er keinen Augenblick fort gewesen, anritt, und trotz aller Einladungen von verschiedenen kleinen Blockhütten, an denen er vorbeikam, sein Pferd nicht eher einzügelte, bis er Willis’ Hütte erreichte. Hier hielt er, stieg ohne Weiteres ab, schnallte seinen Sattelgurt auf, legte den Sattel über die Fenz und führte dann das Thier, da er vollkommen gut Bescheid wußte, ohne erst lange zu fragen, in die dafür bestimmte Umzäunung.
„Alle Teufel!“ schrie Willis, der gerade zufällig zu Hause war, und ihn hatte kommen hören, indem er von seinem Stuhl am Kamin empor sprang, und fast unwillkürlich einen Blick auf seine Schwägerin warf. Es konnte ihm auch kaum entgehen, daß sie der unwillkommene Besuch nicht ganz gleichgültig traf, denn im ersten Moment erbleichte sie augenscheinlich -- aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn noch lange ehe Martin das Haus betrat, hatte sie ihre volle Ruhe wieder erlangt, und nur ein leises, trotziges Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie unterbrach auch ihre Arbeit an dem Baumwollen-Spinnrad keinen Augenblick, ja als Martin gleich darauf in die offene Thür trat und sein gewöhnliches „~Good day to you~“ rief, war sie eigentlich die Einzige, die ihm laut und unbefangen antwortete und freundlich sagte:
„Ah Mr. Martin! Und wo haben _Sie_ so lange gesteckt? Wir glaubten schon, Sie wären unter die Indianer gegangen.“
„Bitt’ um Verzeihung, Madame,“ sagte aber Martin, indem er dabei zugleich Willis derb die Hand schüttelte, und dann zu den beiden Frauen ging, um sie in ähnlicher Weise zu begrüßen, „habe bei dem braunen Gesindel gar Nichts zu suchen, sondern befinde mich hier viel besser und angenehmer. Wie geht’s Willis, alter Junge? Die Damen doch alle wohl?“
„Danke Martin, so ziemlich,“ erwiederte Willis, der sich nicht im Stande fühlte, in den alten spöttischen Ton zu fallen, in dem er sonst gewöhnlich mit Martin sprach, aber er sah auch, daß dieser noch mit etwas hinter dem Berge hielt, und das beunruhigte ihn. -- Weßhalb kam er nicht gerade heraus? „Aber wo in aller Welt habt _Ihr_ denn die ganze Zeit gesteckt? Ihr waret ja ordentlich spurlos in dem Wald verschwunden!“
„Spurlos?“ lachte Martin, „habt Ihr mich etwa gesucht?“
„Ich? nein,“ erwiederte Willis, aber doch halb verlegen, „weßhalb sollte ich Euch gesucht haben?“
„Nun, man kann nicht wissen,“ meinte Martin, „aber Ihr durftet Euch doch wohl auch denken, daß ich schon von selber wieder käme -- hatte nur schmählich viel zu thun, und habe wirklich die ganze Zeit gearbeitet, wie ein Pferd.“
„Wo denn?“ frug Willis -- „bei wem?“
„Bei wem? bei mir selber,“ lachte der kleine Mann, „wird auch die höchste Zeit, daß ich einmal ordentlich für mich selber anfange, und hätte es eigentlich schon lange thun sollen, ist aber auch jetzt noch nicht zu spät.“
„In der That?“ nickte jetzt Willis, fest entschlossen, der einmal angeregten Sache auf den Grund zu gehen, denn diese Ungewißheit wurde peinlich -- „da wollt Ihr am Ende gar heirathen, Martin, und man darf vielleicht schon gratuliren.“
„Bitte -- schon lange besorgt,“ lachte Martin -- „nur meine Frau _abholen_ möcht’ ich -- Mrs. Fanny scheint aber nicht in besonderer Eile zu sein.“
„Wer? -- ich?“ sagte Mrs. Fanny, aber vollkommen ruhig, indem sie von ihrer Arbeit aufsah, „und was habe ich damit zu thun, wenn ich fragen darf?“
„Was Du damit zu thun hast, Fanny?“ wiederholte aber Martin erstaunt -- „das ist nicht übel. Bist Du nicht die Hauptperson, und haben wir jetzt nicht etwa lange genug getrennt gelebt? Aber nun ist’s nicht mehr nöthig, denn mein Haus ist fertig und Alles in schönster Ordnung, um es zu beziehen. So bitte, Schatz, pack Deine Sachen zusammen, daß wir bald fortkommen, denn ich möchte gern, daß wir heut Abend noch zu Hause wären.“
„_Wir?_“ rief Mrs. Fanny, und ließ erstaunt ihr Baumwollenrad ruhen -- „seid Ihr verrückt im Kopf geworden?“
„Sonderbar,“ lachte Willis, der aufzuathmen begann, als diese Sache endlich einmal zu einer Entscheidung kam, „_wenn_ die Leute verrückt werden, werden sie’s immer zuerst im Kopf. Martin, mein Junge, von was phantasirt Ihr eigentlich? Ihr seid wohl heute, am frühen Morgen, schon einmal eingekehrt und könnt den Whiskey nicht vertragen?“
Martin erwiederte direkt Keinem von Beiden, zog sich nur ruhig einen Stuhl zum Kamin, und hob den linken Fuß auf sein rechtes Knie, um den einzelnen Sporn, den er trug, etwas fester zu schnallen; endlich sagte er:
„Gefrühstückt habe ich heute auch noch nicht, Mrs. Willis, und wenn Sie vielleicht einen Bissen Maisbrod und ein Glas Milch bei der Hand hätten, wär’s mir gerade recht -- nöthigen ließ ich mich nicht. Aber bitte, machen Sie keine Umstände, Madame. Was gerade da ist, ich bin mit Allem zufrieden.“
Die Gastlichkeit der Hinterwäldler gestattet nicht, eine solche Bitte wiederholen zu lassen, und Martin hatte es in der That nur seiner Ueberraschung zu danken, daß er sie stellen mußte, sonst würde ihm die Hausfrau gewiß gleich von selbst den Tisch gedeckt haben. -- Jetzt that sie es mit allem Eifer, und Martin sah ihr eine Weile schweigend zu: dann nahm er das Gespräch wieder auf, während Mrs. Fanny schon lange und jetzt mit ungewöhnlichem Eifer ihre Arbeit fortgesetzt hatte.
„Woraus schließt Ihr, Willis, daß ich verrückt geworden wär?“ frug er, -- „etwa weil ich meine Frau wieder holen will? -- wäre wenig schmeichelhaft für Fanny. Heh Schatz?“
„Aber Mr. Martin,“ bat Mrs. Willis, immer noch mit dem Herbeitragen von Speisen beschäftigt, indem sie jetzt einen Becher Milch einschenkte, -- „reden Sie doch nicht so sonderbar, man muß sich ja sonst ordentlich fürchten. -- So Sir -- jetzt bitte rücken Sie sich Ihren Stuhl zum Tisch!“
„Danke, Madame,“ sagte Martin, indem er der Einladung Folge leistete und auch tüchtig zulangte -- „aber weßhalb sollten _Sie_ sich vor mir fürchten? Fragen Sie Fanny, ob ich ihr je Ursach dazu gegeben.“
„Sir,“ rief aber die junge Wittwe jetzt, indem das Rad wieder stehen blieb, um ihre Worte deutlicher zu machen, „ich muß Ihnen bemerken, daß ich für Sie Mrs. Fanny heiße -- ich verbitte mir den vertraulichen Namen. Sie haben mich doch verstanden?“
Martin schüttelte lächelnd mit dem Kopf, aß aber ruhig eine ganze Weile weiter, und bemerkte nur zwischen dem Kauen: „Sonderbare Geschichte, was doch manche Leute für ein kurzes Gedächtniß haben. Und ich soll verrückt sein -- wenn ich nicht so gesund im Kopfe wäre, könnt’ ich’s hier mit Bequemlichkeit werden.“
„Ihr leidet wohl an fixen Ideen, Martin?“ frug Willis jetzt, der ganz seine alte Ruhe und auch einen Theil seines Humors wieder gewonnen hatte -- „laßt Euch aber nicht irre machen, und eßt nur ruhig fort.“ --
„Dank Euch,“ nickte Martin, indem er seinen Teller zurückschob, „bin gerade fertig, und jetzt auch in der Stimmung, von Geschäften zu reden -- wenn Ihr mich nämlich anhören wollt.“
„Anhören? aber mit Vergnügen, alter Junge,“ lachte Willis -- „es erzählt kein Mensch in der ganzen ~range~ so gut wie Ihr -- oder lügt so prächtig.“
„Meint Ihr Willis? nun gut, dann will ich diesmal aber nicht lügen, und Euch eine wahre Geschichte erzählen.“
„Vor allen Dingen,“ begann er, indem er seinen linken Fuß wieder herauf nahm, um den vorher etwas zu scharf angezogenen Sporenriemen ein wenig zu lockern, „muß ich Euch erzählen, Willis, daß ich eigentlich nicht Martin, sondern _John_ heiße, mit Zunamen Hendriks -- Martin nannte ich mich nur der Kürze wegen und weil ich den Namen gern leiden mag.“
„John Hendriks?“
„In Illinois,“ fuhr Martin fort, „verheirathete ich mich mit einem jungen Mädchen, Miß Fanny Edgelong. -- Ihr kennt ja wohl den Namen, das liebenswürdigste Wesen -- gegenwärtige Gesellschaft immer ausgenommen -- das ich je gesehen.“ --
„Ihr lügt wie ein Leichenstein!“ schrie Mrs. Fanny, die bleich vor innerer Aufregung bis jetzt an ihrem Rad gestanden hatte, und nun nicht mehr zurückhalten konnte.
„Bitte Madame, geniren Sie sich nicht,“ sagte Martin ruhig, „Sie waren immer etwas heftiger Natur, aber sonst von Herzen gut -- eigentlich _zu_ gut.“
„Martin,“ sagte aber auch jetzt Willis mit ernstem Kopfschütteln -- „ich fürchte fast, Ihr bellt unter dem falschen Baum. Nehmt Euch in Acht, was Ihr thut, und um Gottes Willen keinen Namen an, der Euch nicht gehört. Es steht Zuchthausstrafe drauf.“
„Habt keine Angst um mich, Willis,“ meinte Martin, „ich bin alt genug, um auf mich selber Acht zu geben. Um aber in meiner Geschichte fortzufahren, so geht das, was nachher zwischen den beiden Eheleuten vorfiel, Niemandem etwas an, als sie selber; genug, eines Tages -- und wir wollen hier unerörtert lassen, ob sie Grund dazu hatte oder nicht, war Mrs. Hendriks verschwunden und Mr. Hendriks allein zu Haus.“
Martin schwieg eine Weile und sah still brütend vor sich nieder -- selbst Willis wagte nicht, ihn zu stören, endlich fuhr er leise fort:
„Was ich seitdem für ein Leben geführt habe, wißt Ihr hier am Besten, Willis -- ich konnte die Frau nicht wieder finden, denn ich wußte nicht, wohin ihre Verwandten gezogen waren, und trieb mich von da an allein in der Welt herum. Da -- wollte es ein glücklicher Zufall, daß ich ihr neulich wieder hier -- wo ich sie wahrhaftig am Wenigsten vermuthet hätte, begegnete, und der Gedanke machte mich fast rasend, jetzt hauslos und arm zu sein, und ihr keine Heimath bieten zu können. Aber ich hielt mich nicht mit langen Vorwürfen oder weitläufigem Ueberlegen auf, sondern ging scharf an die Arbeit, um das Versäumte so rasch als irgend möglich nachzuholen. Das ist jetzt geschehen: ich habe wieder ein freundliches Wohnhaus und Geräth darin, einen Viehstand und fünf Acker urbar gemachtes und bestelltes Land, also Alles, was ein Ansiedler hier im Walde braucht, um selbstständig aufzutreten. Auch sonst geht’s mir nicht knapp -- mein Rauchhaus ist gefüllt. Hühner und Enten treiben sich in Masse auf dem Hof herum. Die Gegend, wo meine Farm liegt, ist dabei gesund und freundlich, und -- was früher geschehen ist, habe ich vergessen. -- So, das ist das Lange und Kurze von der Geschichte, und nun Fanny, mein Herz, sag mir, wo Dein Sattel liegt, daß ich ihn aufschnallen kann, und dann reiten wir ohne Weiteres heim.“
Mrs. Fanny war eben im Begriff, wieder eine zornige Antwort zu geben, als Willis von seinem Stuhl aufsprang und rief:
„Bitte, Madame, lassen Sie mich vorher eine Frage thun, und erlauben Sie _mir_, dann dem Herrn zu antworten.“
„Und was geht _Euch_ die Geschichte an, Willis?“ frug Martin ruhig.
„Das werdet Ihr gleich erfahren, mein Junge,“ erwiederte dieser. „Also Mrs. Fanny, Sie haben eben gehört, was der Herr da erzählt hat. War das Wahrheit oder gelogen?“
„Gelogen, schändlich gelogen,“ rief die junge Frau in furchtbarer Aufregung -- „er muß wahnsinnig sein.“
„Und Sie kennen den Herrn gar nicht? haben ihn nie gesehen?“
„Nie in meinem Leben! und hoffe auch nicht, ihm je wieder zu begegnen.“
„Sehr schön,“ sagte Willis ruhig, „habt Ihr das gehört Martin?“
„Es war deutlich genug,“ erwiederte dieser, „aber zu der Sache gehören zwei -- sie und ich, und wie ich glaube, hat der Mann da die erste Stimme.“
„Was Ihr glaubt, ist verdammt gleichgültig,“ rief aber Willis, nicht gesonnen, eine weitere Erörterung zuzulassen. „Ihr habt gehört, was Mrs. Fanny gesagt hat, und habt Euch satt gegessen und Euer Pferd geruht; nun macht, daß Ihr fort kommt, und wenn ich Euch je wieder in Schußweite von dieser Hütte finde, dann will ich von Gott verlassen werden, wenn ich Euch nicht eine Kugel durch den Kopf jage. Habt Ihr _mich_ verstanden?“
„Und wollt Ihr Euch zwischen zwei Eheleute stellen?“ frug Martin, während sein Blick in Haß und Ingrimm auf dem jungen Mann ruhte.
„Zwischen zwei -- ich hätte bald was gesagt,“ rief Willis trotzig -- „meine Hand soll verdorren, wenn ich Euch nicht über den Haufen schieße wie einen tollen Hund, sobald ich Euch noch einmal zwischen meinen Fenzen finde.“
„Und Fanny?“ frug Martin ruhig.
„Fort! ich kenne Euch nicht,“ rief die Frau in Abscheu aus, „Ihr seid ein Betrüger!“
Martin stand auf und nahm seinen Hut; an der Thür zögerte er noch einen Moment, als ob er unschlüssig wäre, was zu thun, aber das dauerte nicht lange. Ohne weiteren Gruß verließ er das Haus, schritt hinüber zu seinem Pferd, legte ihm wieder den Sattel auf und trabte waldein.
In der Ansiedlung war indessen jenes Gespräch kein Geheimniß geblieben. Ein junges Mädchen, das Mrs. Willis als sogenannte „Hülfe“ im Haus hatte, war unbemerkter Zeuge der wunderlichen Unterredung gewesen, und konnte natürlich den Mund nicht halten. Die Ansiedler machten sich auch darüber ihre eigenen Gedanken, denn daß Mrs. Fanny an jenem Abend _wirklich_ in Ohnmacht gefallen sei, und nicht bloß so gethan habe, darüber schien nur eine Stimme. Aber die Sache ging auch Niemanden weiter etwas an, und man würde sie mit der Zeit total vergessen haben, wenn nicht ein blutiger Zwischenfall auf’s Neue jene Scenen in das Gedächtniß der Ansiedler zurückgerufen hätte.
Sechs Wochen waren nach den eben beschriebenen Vorfällen etwa verflossen und Martin seit der Zeit nicht mehr in der Ansiedlung gesehen worden, als Willis eines Morgens, mit Tagesgrauen, in die Thür seiner Hütte trat. Er war fertig angezogen und trug seine Büchse auf der Schulter, um hinaus pirschen zu gehen, als er plötzlich einen Ruf hörte, der ihm im Nu das Blut zum Herzen zurücktrieb.
„Halloh, Willis!“ rief eine Stimme, die er nur zu gut kannte, „erinnert Ihr Euch noch an Euer Versprechen?“ -- Es war Martin, der mit einer Büchse im Anschlag auf dem offenen Plan vor der Wohnung stand.