Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 14

Chapter 143,697 wordsPublic domain

Die Kost ist dabei einfach genug -- Kaffee mit Maisbrod und Speck, aber der Mann setzt einen Stolz darein, daß es bei solchen Gelegenheiten nicht an Wildpret fehlt, und saftige Stücke Hirsch- oder wohl gar Bärenfleisch mit ein paar fetten Truthühnern kompletiren das Mahl. Vor allen Dingen aber muß reichlich Whiskey da sein, den die Damen wenn auch nicht so viel, doch eben so gern und gesüßt trinken, und der Gastgeber hat dafür zu sorgen, daß wenigstens einer der eingeladenen Gäste -- wenn er es selber nicht im Stande ist -- die Violine spielen kann. Ja, ich habe schon solchen Festen beigewohnt, wo kein einziger Musikus aufzutreiben war, und dann einzelne junge Leute mitten in die Stube sprangen und den Takt des Tanzes mit den flachen Händen auf ihren Knieen klatschten, ja nicht eher aufhörten bis sie sich die betreffenden Körpertheile braun und blau geschlagen hatten.

Heute war also ein solcher ~log rolling frolic~, oder auf deutsch ein „Klötzeroll-Fest“, bei Nachbar Warner, der sein altes Wohnhaus durch einen neuen Anbau vergrößern wollte, und nun die ganze arbeitsfähige Nachbarschaft dazu eingeladen hatte.

Manche von ihnen kamen auch nicht leer, denn Niemand verläßt im Wald das Haus, ohne die getreue Büchse auf den Sattelknopf zu legen, und schon unterwegs hatte Der einen Truthahn, Jener einen Hirsch oder ein Wildkalb geschossen, so daß Wildpret genug zusammen kam, um die ganze Gesellschaft eine volle Woche „in Fleisch“ zu erhalten. Whiskey gab es ebenfalls in Ueberfluß -- zwei mächtige Steinkruken voll, und es läßt sich denken, daß die Geladenen bei Laune waren, und rüstig arbeiteten, um ihr Tagewerk schnell zu Ende zu bringen. Dies geschah in folgender Art:

Am dicksten Baum wurde das untere und schwerste Ende an Ort und Stelle gelassen, und das nächste Stück, mit Hebebäumen und Walzen nur herumgeschoben, daß es daneben zu liegen kam; dann hoben zwölf oder sechzehn kräftige Burschen das dritte auf darunter geschobene Stangen und warfen es auf die ersten beiden, und leichtes Holz wurde nachher darum her aufgeschichtet. So formte man so viele Haufen als Material vorhanden war, und während das junge Volk die abgebrochenen Zweige und Wipfel zusammenschleppte und über einander warf, wurden Feuer an den verschiedenen Haufen angezündet, und diese in Brand gebracht -- galt es ja doch nur das Holz aus dem Weg zu schaffen und je rascher und vollkommener das geschehen konnte, desto besser.

Martin war, auf besondere Einladung Warners, ebenfalls erschienen und zeigte sich nicht besonders erfreut, verschiedene alte Bekannte hier zu treffen. Mich selber behandelte er wenigstens sehr kühl, schüttelte dagegen Willis’ junger Frau auf das herzlichste die Hand und beantwortete alle ihre Fragen auf das bereitwilligste.

Sonderbar kam es mir vor, daß ich Willis’ Schwägerin, die muntere Mrs. Fanny, nicht unter den Gästen entdecken konnte, ich frug auch Warner deshalb. Er gab aber nur eine ausweichende Antwort und meinte: „sie würde gewiß noch kommen -- sie wäre, wie er glaubte, nicht so rasch mit ihren ‚Anzügen‘ fertig geworden.“

Es ist das nämlich noch eine Eigenthümlichkeit der ~Backwoods~-Damen, die ich hier ausdrücklich erwähnen muß, denn es betrifft eine höchst interessante Thatsache: Allbekannt ist es nämlich nicht allein in Deutschland, sondern in ganz Europa, daß Damen nicht gern -- oder eigentlich überhaupt nicht -- zweimal in ein und demselben Kleid auf verschiedenen Bällen erscheinen, und es bedarf deshalb in einer Familie, wo ein Subaltern-Beamter mit _sehr_ geringem Gehalt drei oder vier tanzfähige (und oft schon über tanzfähige) Töchter hat, keiner geringen Geschicklichkeit, die „Roben“ jedesmal so umzuändern, und mit den wenigsten Kosten neu zu gestalten, daß sie nicht wieder erkannt werden können, oder doch wenigstens Zweifel über ihre Identität zulassen.

Dasselbe Bedürfniß nun, sich nicht zu oft in _einem_ Kleid zu zeigen, fühlen merkwürdiger Weise die transatlantischen ~ladies~ der ~backwoods~ eben so stark, aber es zeigt sich dabei ein anderes Phänomen weiblicher Schlauheit: Wie selten geschieht es nämlich, daß sie wirklich zu einem solchen Fest und Tanz zusammen kommen -- im Jahr vielleicht zwei, höchstens drei Mal, und das wäre dann keine rechte Kunst, drei neue Kleider aufzubringen -- es sollen aber _viele_ gezeigt werden, und wo sich die Gelegenheit so selten bietet, muß sie deshalb beim Schopf ergriffen werden. Daher kommt es denn, daß man zu solchen Festen die jungen Damen nie anreiten sieht, ohne ein großes Bündel vorn am Sattelknopf hängen zu haben, und in dem Bündel steckt nichts Anderes als die Vorrathsgarderobe.

_Wie_ es die lieben jungen Geschöpfe machen, oft mitten im Tanz in einem neuen Kleid zu erscheinen, und so an jedem Tanzabend _wenigstens_ drei Mal ihre Garderobe zu wechseln, weiß ich nicht, aber Thatsache ist es, und unseren geplagten Haus- und Familienvätern fehlte weiter gar Nichts, als daß auch noch diese Mode bei uns eingeführt würde. Wer weiß freilich, was noch geschieht, denn der Luxus nimmt ja mehr und mehr überhand, und wird ordentlich raffinirt ausgebeutet.

Uebrigens kann ich nicht umhin zu bemerken, daß die Damen der ~backwoods~ vollkommen dazu berechtigt sind, an ein und demselben Abend so viele Kleider als möglich zu zeigen, denn sie fertigen sich dieselben selber an, und zwar nicht nur im Zuschnitt, Nähen und Besatz, sondern sie spinnen das Garn, färben und weben es, und machen sich ihr Kleid, und solcher öftere Wechsel an einem Abend ist demnach nicht leere Prunksucht, sondern ein viel eher zu rechtfertigender Stolz auf ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit.

Doch um wieder zu unserem Fest zurückzukehren, so hatten sich die Gäste schon lange alle versammelt, und nur Mrs. Fanny fehlte noch, nach der aber so viel gefragt wurde, daß selbst der ruhig von Einem zum Andern schlendernde Martin auf sie aufmerksam wurde, und sich erkundigte, wer es sei. Niemand konnte ihm aber eine andere Auskunft geben, als daß es eben Mrs. Fanny, eine junge, sehr liebenswürdige Witwe und Willis’ Schwägerin sei. Damit mußte er sich begnügen bis sie selber erschien.

Die Klötze waren indessen draußen schon alle zusammengerollt und in Brand gesteckt, und einige von Mrs. Warners intimsten Freundinnen hatten sich, ihr behilflich, des Kochgeschäfts unterzogen, damit der eigentliche Kern des Ganzen -- der Ball -- keine zu lange Verzögerung erlitt.

Im gewöhnlichen Leben der ~backwoodsmen~ herrscht nun allerdings die eben nicht sehr hübsche Sitte, daß sich beim gewöhnlichen Mittagsessen, da besonders nur stets sehr nothdürftig Teller in einem Hause sind, die Männer zuerst an den Tisch setzen. Haben sie geendet, so stehen sie auf, um den „Damen“ Platz zu machen, und diese essen dann, sehr unappetitlicher Weise, von den nämlichen, ungewaschenen Tellern. Bei solchen Festen dagegen zeigt sich der ~backwoodsman~ galant. Die Damen kommen zuerst, dann erst das stärkere Geschlecht, aber man würde die ~lady~, die vorher von dem Teller gegessen hat, sehr beleidigen, wollte man auch nur einen Versuch machen, ihn, vor erneutem Gebrauch, abzuwischen.

Es war schon fast Tischzeit, als plötzlich, auf einem kleinen muntern Ponny -- ihr Bündel vorn am Sattelknopf, wie die anderen Damen, Mrs. Fanny erschien, und von allen Bekannten auf das Herzlichste begrüßt wurde. Martin sah sie, als sie vorüber sprengte; sie selber schien ihn aber nicht zu bemerken, hielt vor dem Haus, glitt aus dem Sattel zur Erde nieder, und wurde dann gleich an das Heiligthum des Heerdes geführt, wo sie sich auch ohne Weiteres die Aermel aufstreifte und wacker mit zu helfen anfing. Ihr Pferd hatte indessen Einer der jungen Leute abgesattelt und in die dafür bestimmte Umzäunung geführt, wo die Thiere gefüttert wurden.

Willis kam an Martin vorbei, gerade als ihn die Dame passirt hatte, und sagte:

„Nun Martin, wie geht’s? wie habt Ihr’s die ganze lange Zeit getrieben: Nichts wieder von Eurer Frau gehört?“

Martin schüttelte mit dem Kopf -- „Nein,“ sagte er ruhig -- „_gehört_ hab’ ich Nichts von ihr, aber -- wer war denn die ~lady~, die da eben vorbei galoppirte?“

„Aha, hat Euch die gefallen? -- meine Schwägerin war’s, eine Witwe, deren Mann ihr ebenso abhanden gekommen ist, wie Euch Eure Frau; da sie aber nicht gewiß weiß, ob er noch lebt, darf sie nicht wieder heirathen, sonst hätte sie schon zwanzig vortreffliche Parthieen machen können.“

„Ein hübsches Weibchen,“ nickte Martin -- „wie heißt sie denn?“

„Mrs. Fanny nennen wir sie nur, weil sie den Namen ihres früheren Mannes nicht mehr führen will; aber sie wird Euch gefallen. Kommt, wir wollen einmal zu ihr hineingehen und ihr guten Tag sagen. Ihr müßt doch ihre Bekanntschaft machen, schon des Tanzes wegen.“

Martin schien gar nicht gehört zu haben, was er sagte, und sah nur still vor sich nieder; als aber Willis seinen Arm ergriff, ging er geduldig mit ihm dem kleinen, aus Stämmen aufgeführten Hintergebäude zu, in dem Mrs. Warner ihre Küche hatte, und jetzt mit rothem Kopf und feuchter Stirn wirthschaftete. Sie übrigens, wie ihr Mann, waren in Willis’ Geheimniß eingeweiht, und als dieser jetzt mit Martin die Schwelle betrat, rief sie ihm lachend entgegen:

„Hallo! Mr. Willis, soll ich mein Küchenrecht[C] gebrauchen? Gentlemen haben hier Nichts zu suchen.“

„Möchte mir nur erlauben, den Herrn hier jener Dame vorzustellen,“ sagte Willis, „da er die Absicht hat, sie nachher zu Tisch zu führen -- Mrs. Fanny, ein Freund von mir, Mr. Martin aus Illinois, der gewünscht hat, Sie kennen zu --.“

Er kam nicht weiter. Mrs. Fanny hatte sich, als er sie angeredet, umgedreht, kaum aber fiel ihr Blick auf Martin, als sie ihn starr ansah, einen Schrei ausstieß, und dann ohnmächtig zusammenbrach.

„Alle Wetter!“ rief Willis lachend aus, denn die Ohnmacht war, wie wir später erfuhren, mit verabredet worden -- „das sieht ja beinah so aus, wie eine Erkennungs-Scene -- Martin um Gottes Willen, das ist doch nicht am Ende Eure eigene Frau?“

Martin erwiederte kein Wort, aber er stand still und regungslos vor der Ohnmächtigen, die ihre Rolle meisterhaft spielen mußte, denn sie war todtenbleich geworden. Auf einmal nickte er, wie überzeugt von etwas, vor sich hin mit dem Kopf, drehte sich um, trat aus der Küche, und war wenige Sekunden später in dem dicht hinter dem Haus beginnenden Wald verschwunden.

Willis wollte ihn aufhalten, denn es war nicht seine Absicht gewesen, daß der Scherz so rasch zu Ende gehen sollte. Aber weshalb sprang denn seine muthwillige Schwägerin nicht, wie verabredet, empor und hielt den „entflohenen Gatten“ fest? Darauf war ja der ganze Spaß berechnet gewesen. -- Und wie blaß sie aussah -- ordentlich kreideweiß.

Die Frauen waren indeß herzugesprungen, rieben ihr die Schläfe mit Essig, legten ihr nasse Tücher um die Stirn, und thaten Alles, um sie in’s Leben zurückzurufen. Endlich schlug sie die Augen wieder auf, warf aber einen verstörten Blick umher und schien auf ihren Schwager, der sie erstaunt frug, was ihr denn so plötzlich angekommen sei, gar nicht zu achten. Das dauerte jedoch nicht lange, denn ihr starker Geist hatte sich bald erholt, und mit einem, freilich nur erzwungenen Lächeln, und noch immer ohne Farbe im Gesicht, sagte sie:

„Das ist doch sonderbar -- die Hitze hier in der Küche und -- mein Pferd war so unruhig unterwegs, daß ich es kaum im Zaum halten konnte, und mich so anstrengen mußte. Ich bin wohl ohnmächtig geworden?“

„~Damm it~,“ brummte Willis leise vor sich hin, während er die Küche verließ, um sich nach Martin umzusehen, „die Geschichte gefällt mir nicht und ich muß herausbekommen, was dahinter steckt.“

Martin war aber nirgends zu finden und nur gesehen worden, wie er eben in den Busch eintauchte. Wer aber konnte wissen, wohin er sich dort gewandt, denn auf dem, in der Nachbarschaft des Hauses gelegenen und vollständig hart getretenen Grund ließ sich natürlich keine Spur verfolgen.

Die Frauen wollten indeß Mrs. Willis in das Haus bringen, und bestanden darauf, daß sie sich wenigstens eine Stunde auf ein Bett legen solle, um ein wenig auszuruhen. Davon wollte die junge Frau aber gar Nichts hören. Sie behauptete, solche Ohnmachten schon drei- oder viermal in ihrem Leben, ohne weitere Folgen als eine augenblickliche Schwäche, gehabt zu haben. Das kam plötzlich, ging aber auch eben so rasch wieder, und hatte gar Nichts zu bedeuten. Auf alle weiteren Fragen -- denn ein Verdacht war in der weiblichen Umgebung doch rege geworden, und so leicht beruhigte sich der nicht wieder -- gab sie aber nur ausweichende Antworten, und drängte sogar jetzt selber, um mit dem Essen zu Stande zu kommen, da sie die Ursache gewesen, es so viel länger zu verzögern.

Willis kehrte zurück -- er hatte Martin nirgends mehr gefunden, und suchte jetzt nur ein paar Worte mit seiner Schwägerin allein zu reden. Aber das ging nicht; es waren zu viele Damen in der Küche, und einen leisen Wink, den er ihr gab, doch einen Augenblick herauszukommen, verstand sie nicht, oder wollte ihn nicht verstehen. Er mußte es bis zu einer gelegeneren Zeit aufschieben.

Indessen hatte sich das Gerücht -- Mrs. Fanny sei bei dem Anblick Martins ohnmächtig geworden -- wie ein Lauffeuer unter den ~backwoodsmen~ verbreitet, denn etwas derartiges war natürlich von viel zu großem Interesse, um lange verschwiegen zu bleiben. Keiner von Allen konnte sich aber denken, welcher Zusammenhang zwischen den Beiden bestand, und vergebens suchte man Aufklärung bei den ~ladies~; diese wußten so wenig davon wie sie selber, und Martin, der vielleicht allein Auskunft geben konnte -- wenn er _wollte_ -- fehlte.

Jetzt endlich wurde zu Tisch gerufen -- der Tisch war natürlich bei dem herrlichen Wetter draußen im Freien gedeckt worden, da die zahlreichen Gäste auch nicht einmal in dem Haus Platz gefunden hätten. Das Essen nahm aber nun auch die Aufmerksamkeit Aller vollständig in Anspruch, denn die Damen saßen am Tisch, und die jungen Leute, mußten sie indeß bedienen und die Speisen herumreichen. Es fehlte auch wahrlich nicht an Lebensmitteln, und als Getränk wurde süße und sauere Milch herumgereicht und von den Damen leidenschaftlich getrunken.

Jetzt hatten diese geendet und besonders den zarten Rippen eines jungen Bären, den Warner selber erlegt, und den süßen Kartoffeln und Bohnen alle Ehre angethan. Sie erhoben sich von ihren Plätzen, um den Männern Raum zu geben, und als sich diese niedersetzten, befand sich plötzlich Martin, ohne daß ihn ein Einziger hätte kommen sehen, mitten unter ihnen.

Willis, der ihm gerade gegenüber saß, sah ihn starr an, Martin aber that gar nicht, als ob das geringste Außergewöhnliche stattgefunden habe, und fiel nur mit einem Appetit über die Speisen her, der nichts zu wünschen übrig ließ -- er brauchte wahrhaftig nicht genöthigt zu werden.

Auch Mrs. Fanny hatte ihn bemerkt, und obgleich es Mrs. Warner, die sie scharf beobachtete, vorkam, als ob sie im ersten Moment um einen Schatten bleicher geworden wäre, so konnte das auch recht gut Täuschung gewesen sein, denn das Sonnenlicht fiel schräg in Streif-Lichtern durch das Laub der Bäume nieder und wechselte dadurch rasch bald da bald dort hinüber den unsicheren Wiederschein der durch das Grüne doch gedämpften Strahlen. Soviel war gewiß, stand Mrs. Fanny mit jenem wunderlichen Menschen in irgend einer näheren Beziehung, so wußte sie das jetzt vortrefflich zu verbergen, denn sie zeigte sich vollkommen unbefangen, und lachte und scherzte wieder wie nur je; Martin dagegen nahm nicht die geringste Notiz weder von ihr noch Jemand Anderem, sondern schien nur Augen für die fettesten Bärenrippen oder die saftigsten Truthahnknochen zu haben, so daß er bald einen ganzen Rücken dieses höchst vortrefflichen Vogels auf seinem Teller mit den überfetten Fingern bearbeitete. Die Uebrigen hatten auch schon lange geendet, als Martin noch immer vor einer nicht unbeträchtlichen Quantität von Wildpret saß und einen frischen Becher Milch forderte, und mit einem aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer verließ er endlich die noch immer reichlich besetzte Tafel -- er konnte aber nicht mehr, und der Platz wurde auch gebraucht, da das junge Volk hier vor dem Haus im Freien tanzen wollte.

Willis gab sich jetzt die größte Mühe, einmal an Martin hinan zu kommen, um ein paar Worte allein mit ihm zu sprechen. Ob ihm dieser aber absichtlich auswich, oder nur aus geselligen Gründen die dichteste Gesellschaft suchte, ist ungewiß, kurz er kam nicht an ihn hinan, und jetzt verschlangen die munteren Töne der Violine bald alles Andere. Ja Martin sogar, den noch Niemand bei einem Tanze wirklich thätig gesehen -- das Mittagessen abgerechnet -- krempelte sich seine etwas langen Aermel in die Höh’ und sprang in eine lebendige „~hornpipe~“ mitten hinein.

Auch Mrs. Fanny tanzte, trotz einem jungen Mädchen, und mehr als einmal geschah es, daß sie mit Martin im „Ring“ zusammen kam, wobei dieser dann seine ganze Kunstfertigkeit entwickelte. Der Beifall, den er aber dabei erntete, war auch wirklich grenzenlos, denn je weniger die ~backwoodsmen~ bis jetzt geglaubt hatten, daß der kleine wunderliche Bursch überhaupt mit seinen „Hinterläufen“ arbeiten könne, desto mehr überraschte er sie durch seine wahrhafte Geschicklichkeit, mit denen er die raschen Tänze der Jigs und Hornpipes abklapperte. Der Jubel über diese Entdeckung brach sich denn auch in lauten Beifallbezeigungen Bahn, ohne daß Martin selber nur eine Miene dabei verzogen hätte. Er tanzte nicht allein als ob sich die Sache von selbst verstände, sondern behandelte das Ganze sogar mit einem Ernst und Eifer, wie eine übernommene Verpflichtung.

Aber er traf dabei doch auch seine Wahl, und zeichnete vor den übrigen Tänzerinnen besonders Mrs. Fanny aus, die sich kaum zeigen konnte, als er ihr auch gegenüberstand. Nun paßten die übrigen Gäste allerdings bei einer solchen Begegnung besonders auf, und Willis vor Allem beobachtete seine Schwägerin auf das Schärfste -- aber er konnte weder bei dem Einen noch bei der Andern eine außergewöhnliche Bewegung oder Aufregung entdecken. -- Es waren, allem Anschein nach, zwei Fremde, die sich hier zufällig getroffen und -- Beides flinke Tänzer -- der Lustbarkeit mit aller Leidenschaftlichkeit, aber sonst auch völlig unberührt davon, folgten.

Aber die _wirkliche_ Ohnmacht vorher -- und was war aus seinem beabsichtigten Scherz, von dem er sich so viel versprach, geworden? Er wagte jetzt nicht einmal ihn zu erneuern, seit er schon einen Moment gefürchtet, daß Ernst daraus werden könne. Aber das war nicht möglich -- die beiden Leute konnten sich nie vorher im Leben gesehen haben, sie hätten sonst nie so gleichgültig, und nach allen Regeln der Kunst mit einander getanzt. Und was für eine steife, komisch förmliche Verbeugung machte Martin jedesmal seiner Dame, wenn der Tanz zu Ende war, und wie artig -- aber auch wie fremd, erwiederte sie dieselbe. Darüber war er auch mit sich im Reinen, nur das wunderte ihn, daß seine, sonst so ausgelassene Schwägerin heute Abend _jeden_ Muthwillen bei Seite gelassen hatte, und selbst nie über die oft grotesken und komischen Bewegungen ihres Tänzers lachte -- ja nur lächelte. -- Sie blieb ernst, aber auch artig gegen ihn, und Alles, was er sich früher dahin ausgedacht, war total in den Brunnen gefallen.

„Was war denn das eigentlich für ein Spaß, Willis, den Ihr Euch mit Martin machen wolltet?“ frug ich ihn, als er einmal an mir vorüber schritt, und ich lang gemerkt hatte, daß ihm etwas in die Quere gekommen sein mußte.

„Oh,“ erwiederte er verlegen, -- „jetzt noch nicht -- -- später,“ und drückte sich dann wieder um die Tänzer herum, um Martin nur ein einziges Mal unter vier Augen zu sprechen.

Ein fröhlicheres Klötzerollfest hatte es aber noch nicht gegeben, so lange ein Baum in diesen Wäldern gefällt worden war, denn es dauerte gar nicht lange, so schien Mrs. Fanny ihren ganzen Humor wiedergewonnen zu haben. Aber auch Martin ging heute aus sich heraus und erzählte -- wenn einmal der Tanz eine Pause machte -- so drollige Dinge, daß oft sämmtliche Zuhörer in schallendes Gelächter ausbrachen. Jedes von Beiden bildete sich so einen kleinen Kreis -- Mrs. Fanny mit den ~ladies~, Martin mit den Männern; wenn sich aber beide Gruppen auch dann und wann vereinigten, _die_ Beiden hielten sich getrennt, und traten nur einander wieder gegenüber, wenn der Tanz von Neuem begann.

So wurde es spät -- viel später, als es noch je bei einem derartigen Fest geworden, und selbst als der Whisky ausgetrunken -- sonst das gewöhnliche Zeichen für den Schluß des Vergnügens -- wollte das junge Volk noch nicht vom Platz.

Endlich -- es mußte schon Mitternacht vorüber sein, drängten Einzelne, die einen besonders weiten Weg hatten, zum Aufbruch, Andere schlossen sich ihnen an, und die Damen eilten jetzt, um ihre verschiedenen Kleider, die sie gewissenhaft heute Abend sämmtlich angezogen und gezeigt, in ihr Bündel zu schnüren, während die jungen Leute, bei dem Licht von rasch hergerichteten Kienfackeln, die verschiedenen Pferde aufsuchten und sattelten.

Das ging sehr rasch von Statten, und die Damen besonders waren bald beritten, wonach die alte Mrs. Warner noch einmal zwischen den Pferden herumging und den Freundinnen die Hand zum Abschied drückte.

Willis hatte sein Thier am Zügel und wollte es eben hinaus auf den Plan führen, als Martin vorbeiglitt und er, rasch und erfreut, ihn endlich einmal fest zu bekommen, dessen Arm ergriff.

„Hallo, Martin -- eine Frage -- man konnte Eurer ja heute gar nicht habhaft werden. Kanntet Ihr denn die Mrs. Fanny schon von früher?“

„Ich?“ sagte Martin, während ein eigenes Lächeln um seine Lippen zuckte. „Nun natürlich -- gewiß kannt’ ich sie!“

„Aber wo habt Ihr sie gesehen?“

„Nun in Illinois, wo wir uns verheiratheten.“

„Den Teufel auch,“ schrie Willis und ließ seinen Arm erschreckt los -- „Ihr seid rein verrückt, Martin.“

„Bin ich? -- na denn sagt ihr nur, ich hätte jetzt noch kein eigenes Haus, aber es sollte nicht lange dauern, und nachher holte ich sie ab,“ und damit war er, ohne Willis weiter Rede zu stehen, im dunklen Busch verschwunden.

[C] Das Küchenrecht der Amerikanerinnen besteht darin, daß sie, wenn Jemand die Küche betritt, den sie nicht darin haben wollen, einen Schöpflöffel siedenden Wassers an die Decke werfen, und der Eindringling dann machen muß, den heißen Tropfen aus dem Weg zu kommen.

Drittes Kapitel.

Die Folgen eines Scherzes.

Wenn Willis, der sonst so übermüthige und spottlustige Gesell, beabsichtigt hatte, den einfachen Martin heute Abend aufzuziehen und zu necken, so schien dieser den Spieß vollständig umgedreht zu haben, und als Martin ihn schon eine ganze Weile verlassen, stand er noch immer, wie betäubt, von dem eben Gehörten und überlegte sich die Möglichkeit. Die beiden Damen mußten verschiedene Male nach ihm rufen, ehe er sich zusammenraffte, und dann warf er sich in den Sattel und sprengte wie besessen mit ihnen davon. Der scharfe Ritt brachte ihn aber auch wieder zu sich selber -- überdieß kamen sie bald in den Hochwald, wo sie, der Finsterniß wegen, schon langsam reiten mußten. Eine Strecke lang hatten sie noch Begleitung von einer in der Nachbarschaft wohnenden Familie -- endlich bogen diese ab, und Willis lenkte sein Pferd nun neben das der Schwägerin und wollte von ihr Auskunft über ihr sonderbares Betragen. So ausgelassen lustig Mrs. Fanny aber heute den ganzen Abend gewesen, so schweigend und rückhaltend zeigte sie sich jetzt. Der Kopf that ihr weh, wie sie sagte, Willis solle sie jetzt zufrieden lassen -- morgen früh wolle sie über Verschiedenes mit ihm sprechen -- heute Abend fühle sie sich zu aufgeregt.