Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 13
„Und die beiden Leute dort,“ fuhr Mills fort, „so brave Amerikaner, wie je in Californien ein Loch gegraben, wollten diese Canaillen jetzt eben in den Wald führen und dort aus dem Weg schaffen, und weshalb? weil sie in diesem Mr. Black denselben Dieb erkannt haben, der sie in Mexiko mit einer Bande von ~greasers~[B] überfiel, plünderte und dabei vier Amerikaner todtschoß.“
„Wo ist Black? wo ist der Hund? holt ihn, sucht ihn!“ schrieen die Miner durcheinander.
„Boys!“ schrie Mills noch einmal, „Gentlemen!“ denn er war noch lange nicht fertig, aber sie hörten ihn nicht mehr. Sie hatten jetzt ein bestimmtes Ziel, und weiter brauchten sie nichts -- verlangten nicht mehr. Wie eine Sturmfluth wälzte sich auch der Haufen, der jetzt zu einigen Hunderten angewachsen sein mochte, dem Zelte zu, in welchem sich der Richter gewöhnlich um diese Tageszeit aufhielt. Aber wo war Richter Black?
Ein gegenüber wohnender Händler hatte gesehen, daß Einer der Spieler, jener junge Bursche, bleich wie der Tod, vor das Zelt des Richters galoppirt war und rasch einige Worte mit ihm gewechselt hatte, dann war er fortgesprengt die Straße hinab, während Black selber langsam zu seiner eigenen, gerade über Ludville gelegenen Wohnung, einer kleinen, aber festen Blockhütte hinaufstieg.
Dorthin stürmte jetzt die aufgeregte Schaar; was sie mit dem bis dahin so gefürchteten Richter wollten, wußten sie eigentlich selber nicht, aber er sollte ihnen Rede stehen -- er sollte sich gegen die wider ihn erhobene Anklage vertheidigen und dann? -- ja den Raub herausgeben, den er an ihnen verübt -- er und der Sheriff. -- Aber Richter Black hatte es für gerathen gehalten, einen solchen Ausbruch der entfesselten Volkswuth nicht abzuwarten.
Sein Haus stieß dicht an den Wald, und dort oben hatte er bis jetzt immer einen jungen Mexikaner gehalten, der ihm Morgens sein Frühstück bereitete und für die Reinlichkeit des Hauses sorgte, überhaupt auch als Wache desselben diente.
Beide waren jetzt verschwunden, auch Blacks Sattel und Zaum fehlte, aber der Vorsprung, den er gewonnen, konnte nur ein sehr geringer sein und der, jetzt nur noch mehr erbitterte Schwarm vertheilte sich im Wald, um ihn einzuholen; hatte er doch schon durch seine Flucht die ganze, ihm aufgehäufte Schuld eingestanden. Aber freilich war das Terrain um Ludville her sehr zerklüftet und rauh, und wer sich dort verborgen halten _wollte_, fand wohl Schlupfwinkel genug in der Nachbarschaft. Außerdem neigte sich der Tag seinem Ende und es blieb den Verfolgern nicht einmal lange Zeit, dem Flüchtigen nachzusetzen. Uebrigens hatten sie auch mehr in Ludville selber zu thun, und dort begann jetzt das Rachewerk zuerst an Blacks Wohnung, die sie vorher genau durchsuchten, ob sich nicht vielleicht versteckte Schätze fänden, die seine Schuld noch klarer machten. Black aber schien, _was_ er erbeutet, auch in Sicherheit gebracht zu haben, und wenn er es nicht mitgenommen, hatte er es vielleicht in der Nachbarschaft versteckt, wo er es einmal über Nacht abholen konnte.
Waffen fanden sie übrigens genug: noch eine geladene Büchse, drei Revolver und ein langes Messer, was er keinenfalls Alles auf seiner Flucht mit fortgebracht. Aber keiner der Männer rührte auch nur ein Stück der hier gefundenen Gegenstände an. Im Kamin brannten Kohlen.
„Steckt das Nest in Brand!“ rief Mills, der bei der Untersuchung besonders thätig war, „die Canaille scheint ja hier ein ganzes Waarenlager von Mordinstrumenten gehalten zu haben -- Feuer in die Bude, das ist das Beste.“
Dem Rath wurde auch rasch Folge geleistet. Ein paar junge Burschen kletterten auf das Dach, brachen dort die Schindeln auf und warfen sie hinunter, andere hatten indessen schon das trockene Moos der Matratze auf die Gluth geworfen, und ehe eine Viertelstunde verging, loderte die züngelnde Flammensäule hoch in die stille Luft hinein.
Jetzt erst sammelten sich die Männer wieder in Ludville, um dort einen festen Entschluß zu fassen und den Spielern anzukündigen, daß sie vor anbrechendem Tag den Platz zu verlassen hätten. Aber keiner von ihnen schien das Resultat der Verhandlung abgewartet zu haben, denn sie kannten Alle aus Erfahrung den Verlauf solcher Volksausbrüche, die noch dazu nicht einmal immer so unblutig abliefen wie hier. Das wenige Eigenthum, was sie besaßen -- ihr Gold und ihre Revolver, packten sie in ihre Satteltaschen, und fort stoben sie nach allen Seiten, um einen ruhigeren Aufenthalt für ihre Thätigkeit zu suchen.
Nur der Sheriff brachte die Leute in Verlegenheit; sie hatten ihn, als er mit der Büchse auf sie einsprang, gebunden, und sie wußten jetzt nicht recht, was sie eigentlich mit ihm anfangen sollten. Eine Klage lag auch weiter nicht gegen ihn vor, denn er war nur immer der treue Helfershelfer des Richters gewesen, da er von dessen Einkünften seine hohen Procente zog. Nach der Flucht des Richters aber konnten sie sich doch nicht gut nur an sein Werkzeug halten, und man beschloß endlich, ihn los zu binden und laufen zu lassen -- vorher aber mußte er freilich Alles das, was er Hudson und Carman bei ihrer Verhaftung abgenommen, herausgeben.
Allerdings wollte sich der Sheriff jetzt damit nicht begnügen und wüthete und tobte im Ort herum. Mills aber besaß eine wunderbare Ueberredungsgabe.
„Sheriff,“ sagte er, indem er zu ihm ging und ihm die Hand freundlich auf die Schulter legte, „wenn ich Euch in einer halben Stunde noch in Ludville treffe, schlage ich Euch eigenhändig den Schädel ein -- und nachher könnt Ihr mich verklagen.“ Dann drehte er sich ab und ging in das Zelt, wo jetzt eine Versammlung stattfand, um einen neuen Richter und Sheriff zu wählen.
Hudson und Carman durchsuchten allerdings noch den ganzen nächsten Tag den Wald, um den entflohenen Räuber aufzufinden, ja blieben sogar die ganze Nacht auf der Lauer liegen, weil sie vermutheten, er würde vielleicht versuchen, nach Dunkelwerden heimlich zu seiner Wohnung zurückzukehren, aber er ließ sich nicht mehr in der Gegend blicken und mußte jedenfalls andere Mittel und Wege gefunden haben, sein Gold jetzt -- oder wahrscheinlich auch schon früher, in Sicherheit zu bringen.
Aus Ludville aber blieben die Spieler von dem Tag an verbannt, und durften es nicht wieder wagen, ihren Poncho über einen der dortigen Tische zu decken und eine Bank zu eröffnen. Nach einigen Wochen, als sie glauben mochten, der Lärm habe ausgetobt, wollten es allerdings Einzelne wieder versuchen und schlugen zu dem Zweck ein Zelt vor der Stadt auf; aber Mills, den die Bewohner zum Sheriff gewählt, stattete ihnen schon am ersten Abend einen Besuch ab und erklärte ihnen in so überzeugender Weise, er würde Jedem von ihnen den Hals umdrehen, der auch nur eine einzige Karte aus seiner Tasche packte, daß sie es doch für gerathener hielten, wieder abzuziehen.
[A] So werden die Bewohner von Illinois in den Staaten genannt.
[B] Greaser, der Spottname für Mexikaner.
Martin.
Amerikanische Skizze.
Erstes Kapitel.
Im Wald.
Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, daß sich in Arkansas, dem damals noch ziemlich wilden „Territorium“ der Vereinigten Staaten von Nordamerika, ein gar sonderbarer Kauz herum trieb, über den seiner Zeit viel gesprochen wurde, vorzüglich, weil er seinen Aufenthaltsort so oft und meist immer heimlich wechselte. Weshalb das freilich geschah, wußte Niemand.
Der Mann, der zu jener Zeit etwa dreißig Jahre zählen mochte, hieß Martin -- gab wenigstens nie einen anderen Namen an, und war bald in sämmtlichen Ansiedlungen (oder der ~range~, wie man dort sagt) eine allbekannte Persönlichkeit. Er hatte auch etwas Auffallendes in seinem ganzen Wesen, das ihn leicht kenntlich machte. Erstlich besaß er eine für seine Jahre ungewöhnliche und vollkommene Glatze, so daß er nur hinten im Schopf und an den Schläfen spärliches rothes Haar zeigte; sonst war er mehr klein als groß von Statur, mit einem, eigentlich gutmüthigen Gesicht, dem nur der unstäte, rastlose Blick widersprach, so daß man leicht hätte glauben können, er trage irgend ein drückendes Gewicht auf seinem Gewissen, und habe deshalb auch vielleicht keine Ruhe. Trotzdem gab es keinen gutmüthigeren und fleißigeren Menschen im weiten Wald als ihn. Er war die Gefälligkeit selber, und besonders mit Kindern sorgsam und geduldig wie eine Mutter, was die backwoods Frauen vorzüglich zu würdigen und auch wohl zu benutzen verstanden. Dabei hatte ihn Jeder gern und die Jahre, die er sich in jenem wilden Theil des Landes aufhielt, konnte er mit Recht sagen, daß er in _jeder_ Hütte willkommen sei -- aber er kehrte nie auf einen Platz, auf dem er einmal gearbeitet hatte, zurück.
Suchte er einen neuen Aufenthaltsort, so blieb er, ohne etwas über seine Absichten zu sagen, als Gast im Haus, um sich, wie es schien, vor allen Dingen erst einmal das Terrain anzusehen, und die Bewohner der nächsten Nachbarschaft kennen zu lernen. Dann erbot er sich in Arbeit zu treten, was ihm willig zugestanden wurde, und er dingte dann auf das Genauste um den höchsten Lohn. Niemand aber konnte sich rühmen, ihm auch nur je einen einzigen Dollar für Monate lange Dienste gezahlt zu haben, denn wenn er sechs bis acht Wochen, oft auch ein Vierteljahr, anstrengend und treu gearbeitet hatte, war er plötzlich, wie in den Boden hinein, verschwunden, und tauchte erst nach längerer Zeit an einem anderen entlegenen Theil der ~range~ wieder auf, um dort dasselbe Spiel von Neuem zu beginnen.
Nun kamen allerdings die ~backwoodsmen~ dann und wann bei besonderen Gelegenheiten zusammen, und es konnte nicht fehlen, daß ein oder der Andere, bei welchem Martin gearbeitet, ihm da oder dort wieder begegnete. Sagte er ihm nachher: „Aber Martin, Ihr seid ja weggelaufen ohne Euren Lohn zu nehmen; so kommt doch herüber und holt ihn,“ so erwiderte er stets: „Ja wohl ~Mr.~ -- ich komme in der nächsten Zeit;“ aber man sah es ihm an, daß ihm selbst die Erwähnung der gethanen Arbeit unangenehm war, und er dachte außerdem gar nicht daran, den verlassenen Platz je wieder zu betreten.
So hatte er es mehrere Jahre getrieben und indessen an zahlreichen Stellen gearbeitet, ohne auch nur einen Cent Lohn dafür erhalten zu haben. Nur wenn er an Kleidern und Schuhwerk entschieden abgerissen war, ließ er sich einzelne nöthige Stücke auf Abschlag geben. Ohne Geld kam er übrigens zu jener Zeit und in jenem Distrikt vollkommen gut aus, denn wirkliche Münze besaß Niemand, und die meisten Verpflichtungen wurden nur durch Tausch erledigt. Nur Fremde, welche das Land durchzogen und an der großen ~County~-Straße übernachteten, brachten baar Geld mit.
Daß sich die Jäger und Ansiedler anfangs die wunderlichsten Gedanken über Martin’s so außergewöhnliches Betragen machten, ist natürlich, und man vermuthete sogar einmal eine Zeitlang, er müsse irgend ein schweres Verbrechen in irgend einem Staat begangen haben, und dann flüchtig geworden sein. Nach und nach aber, als sie vertrauter mit ihm wurden, sahen sie das Grundlose eines solchen Verdachts ein, und Martin machte auch nicht den geringsten Hehl aus den Orten, wo er sich früher aufgehalten, ja nannte besonders Illinois als sein Heimathland. Nur über seine eigene Familie gab er keine Auskunft, und es stellte sich auch bald heraus, daß „Martin“ eigentlich nur sein Vorname sei, bei dem er sich hier nennen ließ. So konnte es denn nicht fehlen, daß ihn die jungen Burschen bald anfingen zu necken, und da er nichts weniger als hübsch war, lachten sie oft zusammen und meinten, er sei nur aus seiner Heimath fortgelaufen, weil sich die jungen Mädchen so um ihn gerissen hätten, daß er seines Lebens nicht mehr froh geworden wäre.
Andere machten ihm wieder den Vorschlag, -- besonders wenn bei irgend einer Gelegenheit eine größere Zahl versammelt war, daß er doch heirathen und sich bei ihnen häuslich niederlassen sollte, und _das_ Kapitel schien für ihn das unangenehmste von allen, ja er konnte sogar, wenn sie es zu weit trieben, böse darüber werden.
In Arkansas hielt sich damals ein junger Bursch auf, ein Virginier von Geburt, mit Namen George Willis, der eigentlich diesen Staat besuchte, um sich einen Platz zur Uebersiedlung auszuwählen, und nur weit länger als es seine Absicht gewesen, bei uns in der Niederung -- den sogenannten Sümpfen blieb, weil wir da so vortreffliche Jagd hatten. Durch seinen Humor und oft schlagenden, wenn auch nicht selten boshaften Witz, war er dabei rasch der Liebling Aller geworden, und nur Martin konnte sich nicht recht mit ihm befreunden, und ging ihm am liebsten aus dem Weg, ja hatte sogar einmal eine Farm verlassen, weil er dort ebenfalls seinen Aufenthalt nahm. Willis war aber selber nicht lange dort geblieben, sondern auf einem seiner Streifzüge zu uns herübergekommen und traf da nun wieder mit Martin zusammen, dessen Eigenheiten er schon kannte und sich oft darüber amüsirte.
Wir hatten einen Jagdzug gemacht, um einen Bären aufzuspüren, der anfing, den Schweinen nachzugehn, denn die Eichelmast war in dem Jahr nicht besonders ausgefallen. Der alte Bursche schien aber ein anderes Revier aufgesucht zu haben oder gerade nicht zu Hause zu sein. Wir fanden wohl sein Bett und hetzten mit den Hunden, konnten ihn aber selber nirgends aufspüren, und lagerten endlich an einem kleinen Hügel, um unsere Pferde weiden zu lassen und uns selber ein wenig auszuruhen.
Martin schloß sich solchen Expeditionen nie an; er war selber kein Jäger und hatte uns oft versichert, er habe noch nie in seinem Leben eine Büchse abgedrückt. Sehr natürlich kam aber das Gespräch, als wir da so lagerten und mitsammen plauderten, auch auf ihn und sein wunderliches Benehmen in der Ansiedlung, und Willis rief plötzlich, als wir auf dies und jenes riethen, was ihn dazu bewogen haben könnte und sein ganzes Wesen vielleicht ziemlich richtig einer geistigen Störung zuschrieben:
„~Boys~, ich will Euch was sagen: hol’ mich dieser und jener, wenn ich nicht glaube, der ist daheim seiner _Frau_ ausgekniffen und zieht jetzt nur so in der Welt herum, weil er Angst hat, daß sie ihn wieder auffindet.“
Wir lachten; Willis aber, den Gedanken weiter verfolgend, fuhr auf: „Was ist denn auch natürlicher! Ihr wißt doch Alle, wie er es _hier_ macht; gut! das nämliche hat er zu Hause gethan. Wie er nun daheim geheirathet und wie ein Pferd gearbeitet hatte, um seinen Hausstand ordentlich einzurichten und seine Felder klar zu haben, lief er, sobald er damit fertig war, in der verrückten Idee davon, daß er dafür bezahlt werden sollte, denn vor Geld hat er eine Heidenangst und wird blaß, sowie man es nur erwähnt. Meinen Hals wollt’ ich deßhalb verwetten, daß er seiner Frau ebenso davon gerannt ist, wie allen denen hier, bei denen er sich eine Zeit lang eingeheimst.“
Es wurde jetzt viel darüber gelacht, und die Idee ausgearbeitet, und die Folge davon war, daß sich von der Zeit an das Gerücht in den Ansiedlungen verbreitete, Martin sei seiner Frau daheim fortgelaufen. Besonders die Frauen und jungen Mädchen faßten das auch mit Begierde auf, und wie das mit allen solchen Gerüchten geht, Jeder thut sein Theil dazu, so daß man nach einiger Zeit schon genau wußte, wie sie geheißen und wo sie gewohnt habe, und jetzt mit einem Kind, einem prächtigen kleinen Jungen, verlassen in Illinois sitze und den verlorenen oder abhanden gekommenen Gatten beweine.
Unter solchen Umständen konnte es auch nicht fehlen, daß die Sache selber Martin, als der Hauptperson, zu Ohren kam. Zuerst fielen einzelne Andeutungen, dann wurde er direkt von Einigen der am wenigsten Rücksichtsvollen offen damit geneckt, zeigte aber auf keine Weise, daß er sich dadurch getroffen fühle, sondern ging weit eher auf den Scherz ein und lachte darüber. Aber das Gerücht setzte sich fest. Bald gab es keine einzige Wohnung mehr im ganzen ~County~, wo man nicht auf das Bestimmteste wußte, daß Martin „seiner Frau durchgebrannt wäre,“ und sobald irgend ein Jäger zu einem Platz anritt, wo er sich befand und seiner ansichtig wurde, lautete auch die stete, unausweichliche Frage:
„Halloh Martin, wie gehts, alter Junge? Lange Nichts von Eurer Frau gehört, heh?“
Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß Martin, obgleich stark von Gliedern und sonst gesund, mit seinen geistigen Fähigkeiten weit hinter seinen Körperkräften zurückgeblieben war. Es mußte irgend wo in seinem Hirn „eine Schraube los sein,“ und er gehörte möglicher Weise zu jenen zahlreichen Individuen, die ruhig und ungestört an der unmittelbaren Grenze des Wahnsinns durch das Leben gehen, so lange der eigentliche Nerv nicht berührt wird, der ihre Tollheit zum Ausbruch bringt. Ihr Charakter zeigt sich allerdings in oft kleineren, oft größeren Excentricitäten, und man nennt sie „überspannt“ oder „Originale“. Die Meisten von ihnen leben auch so hin, bis sie der Tod abruft und ahnen vielleicht eben so wenig wie die, welche mit ihnen in nächster Nähe verkehrten, welcher Gefahr sie Beide ausgesetzt gewesen, und deren Ausbruch nur an einer Zufälligkeit, wie an einem seidenen Faden hing. Bei Anderen -- Wenigen, Gott sei Dank! -- bricht aber der Teufel, der in ihnen schläft, einmal plötzlich los und sie enden ihr Dasein in einer Zwangsjacke.
Ich selber hatte Martin immer in Verdacht, daß es mit ihm „nicht ganz richtig“ sei, und sein wunderliches Benehmen entschuldigte oder rechtfertigte auch wohl einen solchen Glauben, aber ich wurde auch wieder irre daran, wenn ich sah, wie verständig und ordentlich er sich in jeder anderen Hinsicht benahm. Nur dies Weglaufen aus der Arbeit konnte er nicht lassen, und er verschwand dann auch bald plötzlich wieder aus unserer Gegend, wobei ich Willis im Verdacht hatte, daß er diesmal die Ursache gewesen, da Jenem wohl die Neckerei zu arg geworden.
Auch Willis verließ bald darauf die ~range~, denn das Klima sagte ihm nicht zu, er bekam das kalte Fieber, jene fatale Plage der Sümpfe, und zog ab, um sich einen gesunderen Aufenthaltsort für seine künftige Heimath zu suchen. Wie er äußerte, wollte er einmal nach den Ozark-Gebirgen hinüber, welche Gegend auch bei uns oft, ihres Jagdreichthums wegen, war erwähnt worden.
Martin sollte in dieser Zeit, wie wir von einem Jäger erfuhren, an der andern Seite des Arkansas gesehen sein, schien sich aber dort nicht recht zu gefallen, denn seinem ewigen Weglaufen verdankte er einen unangenehmen Zwischenfall. In der Nachbarschaft war nämlich ein Mord verübt worden, und da unser unverbesserlicher Freund zufällig in der nächsten Nacht seinen bisherigen Arbeitsplatz in altgewohnter Weise heimlich verließ, fiel der Verdacht des Sheriffs auf ihn und er wurde verfolgt und eingebracht. Glücklicher Weise kannte man aber den wirklichen Mörder; seine Unschuld stellte sich deshalb gleich heraus und er kam frei, wollte nun aber auch nichts mehr von der dortigen Gegend wissen und verschwand wieder in der Wildniß.
Ich verließ Arkansas bald darauf, ging nach dem Norden und kehrte erst nach länger als einem Jahr in den alten Staat zurück; diesmal aber auch nicht in die Sümpfe, denn auch mich hatte das kalte Fieber tüchtig abgeschüttelt, sondern in die Gebirge, wo ich einen längeren Aufenthalt zu nehmen gedachte, und dort ausschließlich von der Jagd lebte. Zufällig hörte ich da, daß Willis ganz in der Nachbarschaft einen Platz gekauft habe, und mit seiner jungen Frau und deren älteren Schwester hierher gezogen sei, und säumte nicht, ihn aufzusuchen, wurde auch auf das Freundlichste von ihm begrüßt.
Er hatte sich ein prächtiges Weibchen mitgebracht, und seine Schwägerin, eine junge Wittwe von vielleicht sechs- oder achtundzwanzig Jahren, aber voller Leben und Muthwillen, schien sich schon die Herzen der ganzen Nachbarschaft gewonnen zu haben; man mochte, welche Hütte man wollte, betreten, so hörte man ihr Lob.
„Und wißt Ihr was Neues?“ rief mir Willis zu, als ich kaum meine Büchse in die Ecke gestellt und die „~ladies~“ begrüßt hatte, „Martin ist wieder in der Nachbarschaft und wir haben einen capitalen Spaß mit ihm vor.“
„Hört einmal Willis,“ sagte ich ihm, gar nicht etwa darüber erfreut, „wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, so laßt Ihr den armen Teufel zufrieden; er ist unglücklich genug durch sein rastloses Wesen, und viel zu harmlos, um ihn zur Zielscheibe Eures Spottes zu nehmen. Erinnert Euch nur, wie gutmüthig er damals den Scherz mit der böslich verlassenen Frau hinnahm.“
„Ja, das ist ja aber eben das Kostbare an der Geschichte,“ rief Willis, „daß er Alles, was wir ihm damals vorgeschwatzt, jetzt selber glaubt.“
„Daß er seine Frau verlassen hat?“
„Gewiß -- bei Roberts drüben hat er es selber erzählt und den Alten um Rath gefragt, und als der meinte, da bliebe ihm nichts Anderes übrig, als zurück zu gehn und für sie zu sorgen, versicherte er ihn mit der traurigsten Miene von der Welt, daß er gar nicht wisse, wo sie sei und wo er sie finden solle.“
„Er ist rein verrückt und Ihr werdet ihn noch verrückter machen.“
„Bah, ein Bischen mehr oder weniger schadet nicht,“ lachte Willis, „und hier Fanny (seine Schwägerin) hat versprochen uns zu helfen.“
„Thun Sie es nicht,“ bat ich.
„Es ist ja nur ein Scherz,“ lächelte die junge Witwe, „lieber Gott, was hat man denn in diesem entsetzlichen Land voller Bäume weiter für Unterhaltung, wenn man jedem Spaß aus dem Wege gehen will -- wir stürben ja vor reiner Langeweile!“
„Und was wollen Sie thun?“
„Es wird nicht vor der Zeit geplaudert,“ rief Willis dazwischen, „aber morgen ist großes Klötzerollfest bei Warners drüben und da dürft Ihr auch nicht fehlen. Nach der Arbeit wird dann getanzt.“
Mir war das Ganze, wie gesagt, nicht recht, denn Martin dauerte mich. Wo sollte er denn Ruhe finden, wenn er auch noch überall verspottet und geneckt wurde, aber es war eben Nichts zu machen, und die beiden jungen Frauen freuten sich besonders auf den „Scherz“, wie sie es nannten. Ich mußte ihnen auch fest versprechen, Martin, wenn ich ihn zufällig früher zu sehen bekäme, Nichts zu sagen, oder sie würden mir das nie im Leben verzeihen, und ich ließ eben geschehen, was ich doch nicht ändern konnte.
Uebrigens erhielt ich an demselben Abend noch eine besondere Einladung zu Warners, und beschloß also dort keinesfalls zu fehlen. Vielleicht konnte ich dem armen Teufel doch noch beistehen, wenn sie’s eben gar zu arg mit ihm trieben. Jedenfalls wollte ich wissen, was sie vor hatten.
Zweites Kapitel.
Das Klötzeroll-Fest.
In den wilden Urwäldern Nordamerikas herrscht, schon der ganzen Lage der vereinzelten Ansiedlungen nach, ein ziemlich einsames Leben. Die sogenannten „Nachbarn“ wohnen selbst soweit auseinander und sind stets durch Waldstrecken getrennt, daß besonders die Frauen nur in seltenen Fällen Gelegenheit bekommen, ihre Heimath zu verlassen und die nächsten Freunde zu besuchen. Um so freudiger wird daher eine jede ergriffen, wo sich das möglich machen läßt, und dann kann man sich fest darauf verlassen, daß auch Niemand fehlt.
Wird irgendwo ein neues Haus aufgerichtet, so schreibt der Eigenthümer ein „~cabin Raising frolic~“ oder Fest aus. Soll, wie in diesem Fall, ein Feld geräumt werden, so wird es ein ~log rolling frolic~. Ja sogar im Herbst, wenn der Mais ausgeschält wird, sucht man solche Zusammenkünfte zu arrangiren, und fehlt es an allem diesen, so greifen die Frauen selber zu einem verzweifelten Entschluß und künden einen ~Stepping frolic~ an, zu dem natürlich nur die ~ladies~ eingeladen werden, um der Hausmutter zu helfen eine Steppdecke fertig zu bringen. Daß sich dann aber Abends die jungen Leute einfinden, versteht sich von selbst, und ein richtiger Tanz mit ~Jigs~ und ~hornpipes~ beschließt alle diese Feste.
Bei allen arbeiten aber auch die Eingeladenen den ganzen Tag über mit wirklich amerikanischem Fleiß, und nur der Abend bringt erst Lust _und_ Vergnügen.