Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 12

Chapter 123,660 wordsPublic domain

Daß man den Beiden vorher ihre Waffen und was sie sonst an Geld und Papieren bei sich trugen, abgenommen hatte, versteht sich von selbst. Der Sheriff that Nichts halb. Uebrigens lag es gar nicht in seiner Absicht, ein Geheimniß aus der Sache zu machen, und wie er nur die beiden Gefangenen erst einmal sicher hatte, erzählte er auch Jedem, der es wissen wollte, daß es ein paar gefährliche Verbrecher und wahrscheinlich zwei von der nämlichen Bande wären, die seit einiger Zeit die benachbarte Gegend unsicher machten, und erst ganz kürzlich den Postboten erschlagen und beraubt hätten. Klage sollten aber zwei amerikanische Bürger erhoben haben, die neulich, in der Gegend der Calaveres-Minen, von ihnen angefallen, verwundet und beraubt wären. Sogar unter dem Gold, das der Eine von ihnen heute dem Richter bezahlt, hätten sich, wie der Sheriff betheuerte, ein paar leicht kenntliche Stücken gefunden, auf die Jene bereit wären zu schwören, daß sie früher ihr Eigenthum gewesen und ihnen an jenem Tage abgenommen wären. Geschah das aber wirklich, so stand es mit den Beiden schlimm. Ludville hatte allerdings keine Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, aber wohl der benachbarte Platz Eltonville, und dort wurden, wie die letzte Zeit gelehrt, verwünscht wenig Umstände gemacht. Es war dort kein Eingeständniß der Verbrecher nöthig, sondern nur sogenannte ~circumstantial proofs~, oder überzeugende Beweise.

Nun kannte man allerdings in Ludville die beiden Verhafteten oberflächlich, denn sie hatten früher oft mit ihren Wagen Fracht in die Minen gebracht, sich aber nie lange da aufgehalten und auch mit wenig Menschen verkehrt. Außerdem wechselte die Bevölkerung solcher Minenstädte ununterbrochen, denn während ein Theil der dorthin Gezogenen seine Hoffnungen nicht realisirt fand und weiter wanderte, trafen Andere wieder ein, die, durch glänzende Berichte der dabei interessirten Händler angelockt, ihr Glück dort versuchen wollten. Außerdem waren in der That in letzter Zeit verschiedene Mordthaten vorgefallen, und die Leute erbittert genug auf das heimliche Raubgesindel, der Verdacht hatte nur bis jetzt vor anderer Thür gelegen, und war meistens auf Mexikaner und sogenannte „~Sydney coves~“ oder aus Australien eingewanderte Verbrecher gefallen. Daß sich Amerikaner dabei betheiligt haben sollten, gefiel den Leuten nicht: war es aber wirklich der Fall, ei, dann mußten sie auch ihre Strafe leiden, so gut als Fremde, man konnte sich ja sonst nicht einmal seines eigenen Lebens sicher fühlen.

Unter den Goldwäschern befand sich übrigens Einer, ein Kentuckier, der früher einmal mit Carman gearbeitet und ihn die ganze Zeit nicht wieder getroffen hatte, bis er Zeuge der Verhaftung wurde und nun kopfschüttelnd, die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderte, um sich bei Collins, wo er gewöhnlich seinen Bedarf holte, frischen Kautaback zu kaufen.

„Hol’ mich dieser und Jener, Collins,“ sagte er dabei, während der junge Mann ihm das verlangte Stück abwog -- „man weiß jetzt bei Gott nicht mehr, wem man trauen soll; es giebt doch _zu_ viel schlechte Menschen in der Welt, und hier in dem verbrannten Californien werden nachher auch noch die Besten schlecht. Das Gold hat den reinen Teufel im Leibe.“

„Werdet Ihr heute Morgen moralisch, Mills,“ lachte Collins, der diese Eigenschaft an dem sonst ziemlich rohen Gesellen noch gar nicht kannte.

„Ach was, hol’s der Teufel,“ brummte der Kentuckier, indem er sich ein gewaltiges Stück Kautaback abschnitt und in den Mund schob, „da haben sie eben wieder einen Burschen verhaftet, mit dem ich drei Monat zusammen am Stanislaus gearbeitet, und er war immer ein braver, ordentlicher Kerl. Nachher ging ich nach dem Jackaßgulch hinüber und er fing mit Anderen an, und nun höre ich eben, daß er und sein Kamerad drüben an der Fork einen Amerikaner im Wald angefallen und beraubt haben.“

„Alle Wetter, wen denn?“

„Ach, auch einen Kerl, von dem ich lieber wollte, daß er ein Indianer als ein Amerikaner wäre; einen von den verdammten Spielern, denselben Hund, der meinem Bruder einmal sein ganzes ausgegrabenes Gold abgenommen hat -- aber doch bei Beleuchtung und mit Karten, und nicht im Wald mit der Pistole. Wahrscheinlich haben die’s an ihn auch verloren, und sich’s auf die Art wieder holen wollen; aber von Carman hätt’ ich das in meinem Leben nicht geglaubt.“

„Von Carman?“ schrie Collins, der von der ganzen Verhaftung noch gar kein Wort wußte, und war mit _einem_ Satz über seinen Ladentisch hinüber -- „Carman haben sie verhaftet?“

„Na, gewiß,“ sagte Mills, der Kentuckier, über die Aufregung des sonst so ruhigen Händlers erstaunt -- „ihn und noch einen Anderen, aber ich kenne ihn nicht. ’S ist, glaub’ ich, auch ein ~corncracker~.“[A]

„Ganz recht, versteht sich von selber,“ lachte Collins auf, „alle Beide, und auf Raub, vielleicht gar Raubmord angeklagt, von einem der Spieler.“

„Na ja,“ sagte Mills, „ich hab’s Euch ja eben erst erzählt.“

„Und wißt Ihr, Mills, daß die beiden Leute gerade so unschuldig daran sind, als Ihr und ich?“

Mills machte ein etwas dummes Gesicht, denn er begriff nicht gleich, woher der Händler das wissen wollte; Collins aber, der im Nu den ganzen Plan des Richters durchschaute, ein paar Menschen aus dem Weg zu schaffen, die ihm, wenn nicht gefährlich, doch unbequem werden konnten, faßte den langen Kentuckier jetzt bei einem Knopf und erzählte ihm in kurzen, gedrängten Worten die Vorgänge in Mexiko und hier, wie den Verdacht, den er habe, daß da mit einem paar braver, rechtlicher Leute ein nichtswürdiges Spiel getrieben werden sollte.

Mills war ein guter, ehrlicher Kerl, aber etwas langsam von Begriffen, und es dauerte eine gute Weile, bis ihm Collins Alles so erklärt hatte, daß er es verstand. Als das aber wirklich erst einmal der Fall war, gerieth der Bursche fast außer sich, und Collins hatte jetzt die größte Mühe, ihn nur zurückzuhalten, daß er nicht augenblicklich zu Richter Black hinüber lief, Skandal anfing, und dann selber festgesetzt wurde, ohne den Gefangenen auch nur das Mindeste zu nützen.

Vor allen Dingen galt es, zu erfahren, wann das Verhör sein solle, und daß ~Dr.~ Black nicht lange damit zögern würde, ließ sich denken; Mills beschloß indessen, in die sogenannte _Flat_ hinauszugehen, wo eine Anzahl seiner Bekannten und Landsleute arbeitete, um mit diesen Rücksprache zu nehmen. Abends ließ sich dann das Weitere in der Stadt besprechen, und morgen war überhaupt Sonntag, wo nirgends in den Minen gearbeitet wurde.

Collins selber legte sich indessen auf die Lauer, um vielleicht hie und da etwas darüber zu hören, was man mit den beiden Gefangenen vorhabe, aber Richter Black ließ ihn gar nicht lange in Zweifel und schien in der That das Eisen zu schmieden, so lange es warm war. Der morgende Sonntag mochte ihm nämlich nicht besonders für diesen Gerichtsfall passen, da die Leute an dem Tage zu viel Zeit hatten, Sonntags kamen auch noch viele Goldwäscher aus der Nachbarschaft nach Ludville, um hier ihre nöthigen Provisionen für die nächste Woche einzukaufen, und den Tag dann unter Bekannten und Freunden zu verbringen; dem mußte vorgebeugt werden. Gleich nach Tisch war natürlich Alles wieder an die Arbeit gegangen, und das Städtchen lag wie leer und verödet. Nur die Spieler, die an den Waschplätzen nichts zu suchen hatten, und die Händler und Wirthe waren zurückgeblieben, und eine günstigere Zeit, um das Verhör der beiden Gefangenen vorzunehmen, kam sicher nicht wieder. Richter Black war dabei nicht der Mann, eine solche Gelegenheit unbenutzt verstreichen zu lassen. Er glaubte allerdings nicht, daß die beiden Angeklagten besondere Freunde hier im Ort hatten, aber selbst die Möglichkeit eines Einspruchs konnte durch rasches Verfahren vermieden werden, und daß _seine_ Freunde dann zu ihm standen, wußte er gewiß.

Die Spieler selber wurden auch in der That hier nur durch ihn allein gehalten, denn oft schon hatten die Einwohner von Ludville bei dem Richter darum nachgesucht, die sämmtlichen Spielhöllen aufzuheben. Dem Gesindel wäre dadurch aber einer der vortheilhaftesten Plätze in den Minen genommen worden, und Richter Black hielt seine Hand darüber, ja erklärte, den verschiedenen Anforderungen gegenüber: _er_ für seine Person könne keine besonderen Gesetze für Ludville geben, wo die obersten Behörden selbst in San Francisco und unter ihren Augen das Spiel gestatteten. Dabei blieb es, ja es wurde noch ärger, als in benachbarten Minenplätzen die Goldwäscher, dieser nichtsnutzigen Bande überdrüssig, sie zum Tempel hinaus jagten. Welchen besseren Platz hätten sie da aufsuchen können, als das, in einem der goldhaltigsten Thäler liegende Ludville, so daß jetzt einige dreißig Mann dieses Gelichters hier ihren stehenden Wohnsitz genommen hatten und nur dann und wann einen Abstecher machten, um an neu entdeckten Waschplätzen die Arbeiter um ihr Gold zu betrügen und nachher hierher zurückzukehren.

Es mochte etwa Mittags um zwei Uhr und die beiden Gefangenen kaum eine Stunde in ihrem Gewahrsam sein, als sich der Sheriff schon einige Hülfsleute nahm, um sie zum Verhör abzuholen, das dann auch auf sehr summarische Weise betrieben wurde. Collins erfuhr kaum, und in der That nur zufällig, daß es statt fand, und band rasch seinen Zeltladen zu, um wenigstens Zeuge zu sein.

Die Anklage war von einem der Spieler erhoben, der eine merkwürdige Geschichte erzählte, wie er, _unbewaffnet_ -- und Keiner der Burschen ging je ohne seine zwei Revolver im Gürtel -- mit noch einem Kameraden unterwegs im Walde gerade gefrühstückt habe, als die beiden Angeklagten über sie hergefallen wären, sie zu Boden geschlagen und beraubt hätten. Ein Anderer der anwesenden Spieler war dann als Zeuge dazu gekommen. Zufällig des Weges reitend, feuerte er seine Pistolen auf die Räuber ab, und wenn er sie auch wohl nicht traf, so verjagte er sie doch, oder sie hätten ihre Opfer sonst am Ende vielleicht gar noch todtgeschlagen.

Hier waren drei Menschen, die gegen sie auftraten und bereit schienen, ihre Aussage zu beschwören, ja der Zeuge hatte vorher schon den Schwur aussprechen müssen, nach welchem er bei dem Namen Gottes betheuern mußte, die Wahrheit -- und nur die Wahrheit zu sagen.

Auch das Gold, das Carman erst heute Morgen dem Richter bezahlt und in welchem sich ein paar wunderlich geformte Stücke befanden, wurde von den Beraubten als das erkannt, das ihnen damals von den Räubern abgenommen worden, und ein Zweifel konnte deshalb gar nicht mehr stattfinden. Lautes Hohngelächter schallte aber durch das Zelt, als Hudson jetzt, wüthend über die frechen Beschuldigungen, auffuhr und dem Richter selber vor allen Versammelten seine Anklage in die Zähne warf. Ja, als er seine und seines Gefährten erhaltenen und jetzt vernarbten Kopfwunden zeigte, rief der Sheriff höhnisch:

„Daß Ihr bei _Eurer_ Beschäftigung manchmal eins über den Schädel gekriegt habt, meine Burschen, glaub’ ich Euch auf’s Wort, es wäre wenigstens wunderbar, wenn Ihr immer ungerupft davon gekommen sein solltet. Komisch ist nur, daß Ihr das als Beweis Eurer Unschuld vorbringen wollt, und dabei noch die Unverschämtheit habt, den Richter selber zu beschuldigen. Was Tolleres habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.“

„Gentlemen,“ sagte Black ruhig, sich an die versammelte Bande wendend, „ich glaube die Aburtheilung dieser beiden Menschen wird über unsere Befugniß gehen, denn nach unseren Minengesetzen verdienen sie den Strick.“

„So hängt sie,“ rief ein junger verlebter Bursche, der kaum einundzwanzig Jahr zählen mochte, aber schon wie ein alter Mann aussah.

„Das geht nicht,“ erwiederte Mr. Black, „denn der Gerichtshof über Leben und Tod ist in Eltonville. Da wir aber hier keinen passenden Ort haben, wo wir solch gefährliche Verbrecher sicher aufheben können, so gedenke ich sie noch heute Nachmittag dahin abzusenden. Sheriff, Ihr werdet die Güte haben, den Transport zu besorgen, und unter den Herren hier finden sich vielleicht Freiwillige, welche die Begleitung übernehmen, wie ich Kläger und Zeugen ebenfalls ersuchen muß, sich dorthin zu verfügen. Die Entfernung ist ja nur gering, denn in drei Stunden reiten Sie es bequem.“

„Ja wohl, ja wohl, Richter,“ riefen vielleicht zwanzig aus dem Schwarm, „gewiß, gehen wir.“

„Gentlemen!“ rief da Collins, der recht gut die Gründe einer so raschen Gerichtspflege durchschauete, und sich von dem Richter in Eltonville nicht viel mehr versprach, als von diesem Mr. Black, wenn sie ihn überhaupt dorthin ablieferten, „gestatten Sie mir eine Frage.“

„Und was wünschen Sie, Sir?“ fragte der Richter und sah ihn rasch und mißtrauisch an.

„Ich erlaube mir,“ sagte da Collins mit lauter und ruhiger Stimme, „gegen ein solches Verfahren zu protestiren.“

„Hallo? so? was will denn der Kerl?“ tönte es von den verschiedensten Seiten, „hat der hier was zu sagen?“

„Ich bin selber Advokat,“ fuhr aber Collins unbekümmert fort, „und weiß deshalb, daß diese Leute nicht dem Obergericht übergeben werden können, ehe nicht eine Jury über sie gesessen hat, die von ihnen anerkannt wurde. Die Bewohner von Ludville haben aber ein Recht, über das gehört und befragt zu werden, was so in ihrer Mitte geschieht, und ich möchte deshalb --“

„Werft ihn hinaus,“ kreischte der junge Bursch, der vorher den freundlichen Antrag des Hängens gestellt hatte, „was hat der hier zu thun?“

„~Well, my little fellow~,“ sagte Collins, dessen Blut auch jetzt zu kochen anfing, „wenn Dir’s Spaß machen sollte, so versuch’ es doch einmal, mich hinauszuwerfen. Uebrigens muß ich dem Gerichtshof erklären, daß dies hier ein ganz unwürdiges Verfahren ist. Kläger und Zeugen gegen diese beiden amerikanischen Bürger sind Menschen, die ihren Erwerb vom Spiel haben, und wenn --“

Ein so furchtbares Toben und Zischen und auf die Tischeschlagen unterbrach ihn hier, daß es nicht möglich war, weiter zu reden, und Black selber mußte die Versammlung bitten, Ruhe zu halten. Von jetzt ab fand aber gar keine Verhandlung mehr statt, sondern es wurden nur Beschlüsse gefaßt, und ein Theil der Spieler zerstreute sich auch schon, um ihre Pferde herbeizuholen, und die Gefangenen augenblicklich zu transportiren.

Wurden sie nun wirklich nach Eltonville geschafft, so zweifelte Collins keinen Augenblick daran, daß er einen Aufschub des Gerichtsverfahrens dort erlangt hätte, bis er die nöthigen Beweise für die Unschuld der Gefangenen beibringen konnte. Aber das wußte Black eben so gut, und er selber zweifelte deshalb keinen Moment daran, daß ein ganz anderes Verfahren beabsichtigt, und das Leben der beiden Amerikaner auf’s Aeußerste bedroht sei, sobald sie, gebunden wie sie waren, _dieser_ Bande übergeben und von ihr durch den Wald geführt wurden. Was hätten sich _diese_ Menschen daraus gemacht, die Gefangenen, die -- wenn sie doch vielleicht frei kamen -- gerade nicht so aussahen, als ob sie alles Erlittene ruhig hinnehmen würden, gleich selber unterwegs abzuurtheilen und irgend wo im Dickicht an einen Baum zu hängen. Schlimmere Dinge _waren_ schon in Californien geschehen, und wer hätte nachher einen Beweis über die That führen wollen.

Collins fühlte auch, daß er hier _handeln_ mußte, und noch dazu keinen Augenblick versäumen durfte, denn bis die Goldwäscher von ihren verschiedenen Arbeitsplätzen zurückkehrten, darüber vergingen heute noch mehrere Stunden, und längere Zeit brauchten die Buben gar nicht, um Alles auszuführen, was sie beabsichtigten: sollte er aber selber hinauslaufen und die Arbeiter zusammenrufen? selbst dies hätte nichts genützt, denn rings um Ludville zerstreut steckten sie in ihren Gruben und er brauchte über eine Stunde, nur um rings die nächsten Plätze anzurufen, -- da gab es aber ein besseres Mittel.

Dicht neben seinem Zelt wohnte ein Kentuckier, der eine der gewöhnlichen Speisewirthschaften hielt und einen großen Gong oder Tamtam benutzte, um seine Gäste Mittags zu Tisch zu rufen. Diese Gongs, große Metallplatten von eigenthümlicher Composition, mit einem scharfeingebogenen Ring darum, machen aber einen ganz merkwürdigen Lärm, und er erinnerte sich selber, den Ton bis weit hinein in die Hügel gehört zu haben. Zu dem Kentuckier sprang er jetzt, er sah, daß schon Einige der Burschen ihre Pferde herbeiführten, daß also an einen Aufschub nicht zu denken war, und diesem mit flüchtigen Worten erzählend, was draußen im Werke sei, griff er den Gong und dessen Klöppel auf, sprang auf einen hinter dem Hause befindlichen Hügel und begann das Instrument aus allen Kräften zu bearbeiten.

Es war ein furchtbarer Lärm, den die Platte machte, aber er erreichte vollkommen seinen Zweck. Aus allen Zelten eilten die Bewohner hinaus in’s Freie, um zu sehen, was der Sturmruf zu so ungewohnter Stunde bedeute, und selbst aus den Niederungen kamen schon einzelne Goldwäscher angesetzt, denn daß etwas Außerordentliches vorgegangen sein müsse, wußten Alle. Hatten die Mexikaner den Ort gestürmt? Feindseligkeiten zwischen ihnen und den Amerikanern waren verschiedene Male vorgekommen, und erst kürzlich verbreitete sich das Gerücht, daß sie in Sonora, einer anderen Minenstadt, versucht hätten, den Amerikanern Trotz zu bieten. Oder sollten sich die Franzosen empört haben? in Murphy’s Diggings war Aehnliches geschehen. Jedenfalls mußten sie sehen, was dort passirte, und das war Alles, was Collins wollte.

Aus der Flat selber aber kam der Kentuckier mit etwa zwanzig Freunden und Bekannten herangestürmt, denen er schon draußen erzählt hatte, was in Ludville im Werke sei. Hatte wirklich Collins das Zeichen gegeben? Schon von Weitem erkannte er ihn oben auf dem Hügel, und Spaten und Brechstangen, was sie unterwegs fanden, aufgreifend, eilten die handfesten Burschen zum Succurs herbei.

Mr. Black hatte den Lärm ebenfalls gehört, und augenblicklich seinen Sheriff hinaus gesandt, um eine Fortsetzung desselben zu verhindern. Collins aber, um den sich schon eine Anzahl von Amerikanern, Deutschen und Franzosen gesammelt, ließ sich nicht irre machen, und als der Sheriff Gewalt brauchen wollte, ja sogar seinen Revolver zog, stellten sich ihm plötzlich soviel drohende Gestalten entgegen, daß er ziemlich scheu den Rückweg suchte, um erst dem Richter über diese eben nicht viel versprechenden Anzeichen Bericht abzustatten.

Indessen hatte sich die Escorte der beiden Gefangenen, denen das Herbeiströmen der Männer nicht entgangen war, nur noch mehr beeilt, fortzukommen. Acht von ihnen saßen schon zu Pferde, die beiden Gebundenen in der Mitte und hielten es jetzt für rathsam, lieber den Platz zu verlassen, die Anderen mochten ihnen dann, so rasch sie konnten, folgen. Diesen entgegen warf sich aber jetzt der Kentuckier mit seinen Leuten, und dadurch vollkommen die Straße sperrend frug er sie, wohin sie mit den beiden Amerikanern wollten.

„Nach Eltonville, zum Obergericht, im Namen des Gesetzes gebt Raum!“

„Oh, Mills!“ rief Carman, der seinen früheren Kameraden erkannt hatte, „sei doch so gut, und schlag einmal dem Halunken eins über den Kopf, bis ich selber die Hände freibekomme.“

„Es sind Verbrecher,“ rief ein Anderer wieder, „die dem ordentlichen Richter überliefert werden sollen, Ihr werdet keine Raubmörder beschützen wollen.“

„Lügenhund, nichtswürdiger!“ schrie jetzt Hudson, dem nun auch die Galle überlief, „laß mich die Hände frei bekommen.“

„Und dazu braucht es Euch Spielergesindel?“ rief ein baumlanger Texaner, der eine große eiserne Brechstange in der Hand hielt, „um einen Gefangenen zu transportiren? waren dazu keine achtbaren Männer aufzutreiben? Laßt die Leute frei!“

„Zurück! Gentlemen!“ schrie da ein breitschultriger Yankee-Spieler mit einer bunten Serape und in mexikanischen Hosen, indem er einen Revolver hinaushielt -- „wir sind jetzt geschworene Constabler und der Erste, der es wagt --“

„Schurken seid Ihr!“ schrie der Texaner, die drohende Waffe nicht weiter achtend, als ob es ein todtes Stück Holz gewesen wäre; und in demselben Moment hieb er auch mit seinem schweren Eisen das Pferd des Spielers dermaßen vor den Kopf, daß es wie todt zusammenbrach und den Reiter weit ab über seinen Hals sandte. Dieser feuerte allerdings noch im Sturz seinen Revolver ab und die Kugel schlug einem der Leute durch den Arm. Das war aber auch nur das Signal zu einem förmlichen Angriff gewesen, denn im Nu warfen sich die Goldwäscher auf das überhaupt verhaßte Spieler-Gesindel, die auch nicht mehr wagten, ihre Waffen abzuschießen. Von allen Seiten sprangen neue Verstärkungen herbei und sie wußten recht gut, daß sie nicht zu ihren Freunden zählten. Ein paar von ihnen wurden von den Pferden gerissen und eben nicht sanft dabei angefaßt -- Andere sprengten mit ihren Pferden seitwärts durch die Zelte, und wenige Augenblicke später fühlten Hudson und Carman ihre Arme frei und griffen jetzt ebenfalls das erste beste Geräth auf, um sich zu vertheidigen.

Mehr und mehr Goldwäscher füllten indeß die Straße, wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht einer Revolution durch die benachbarten Arbeitsplätze verbreitet, und so große Scheu bis zu diesem Augenblick ein Jeder gehabt, auch nur das geringste Außerordentliche zu thun, so daß sie sich sogar die schrankenlosen Willkürlichkeiten des Richters gefallen ließen, so wie mit einem Schlage schien jetzt ein jedes solches Gefühl abgeschüttelt und vergessen.

Mills, der lange Kentuckier, fühlte dabei das Bedürfniß, eine Rede zu halten. Vor einem der Zelte stand ein frischangefahrenes Faß mit gepökeltem Schweinefleisch; auf das sprang er mit einem Satz hinauf und schrie mit dröhnender Stimme:

„Boys! Gentlemen wollte ich sagen, thut mir den einzigen Gefallen und haltet einen Augenblick die Mäuler, damit wir nicht blind und toll in’s Zeug hineinstürmen, denn die Hälfte von Euch weiß in diesem Augenblick noch nicht einmal, was eigentlich los ist und was wir wollen.“

„Bravo, Mills, bravo!“ jubelte die Schaar -- „das ist recht, sag’s den Burschen derb!“

„Geht zu Gras,“ brummte Mills, „ich weiß selber, was ich zu thun habe -- soviel ist aber sicher, daß wir bis jetzt hier einen Räuber und Mörder zum Richter gehabt haben, und ist _Einer_ unter Euch, den er noch nicht geplündert hätte?“

„Hallo, Boys! was geht hier vor!“ schrie der Sheriff, der in diesem Augenblick, eine Büchse in der Hand, aus seinem Zelt sprang, „verdammt will ich sein --“

Er sagte nichts weiter -- Hudson, der keine fünf Schritt von ihm stand, warf ihm eine kurze, eiserne Brechstange, die er in der Hand hielt, dermaßen zwischen die Knie, daß er mit einem Schmerzensschrei zusammenbrach, und im Nu hatte man ihm die Büchse weggenommen und ihn gebunden.

„Der und sein Helfershelfer da, die Carricatur von einem Sheriff, der nicht mehr Idee von einer Gerichtsperson hat, wie eine Kuh,“ fuhr aber Mills, ohne sich im Geringsten irre machen zu lassen, fort, „haben hier in Ludville dem Teufel sein Spiel getrieben, und wer hat regiert? Nur das nichtsnutzige Gesindel, das mit falschen Karten und Revolvern im Land umherzieht. Wenn ein Stück Vieh oder ein Pferd gefallen ist, so sind in zehn Minuten die Aasgeier da und machen sich breit -- wo irgend eine neue Mine, ein reicher Platz gefunden wird, wer hockt da zuerst in den Zelten und lauert darauf, den fleißigen Arbeitern das mühsam ausgewaschene Gold wieder abzujagen? diese Spieler. Am Rich Gulch haben sie die Bande zum Teufel gejagt, am Bee River machten sie’s noch besser, da hingen sie die eine Hälfte und ließen die Anderen laufen. Wollen wir zurückbleiben?“

„Nein! fort mit der Bande!“ schrieen die Goldwäscher fast wie aus einem Munde, „fort mit den Schuften; es giebt keine Ruhe im Ort, bis wir sie nicht hinausgejagt haben.“

„Wenn die Gerichte in San Franzisco keine Macht haben,“ schrie der Texaner, „den Gaunern das Handwerk zu legen, so haben _wir_ sie hier und wollen sie brauchen.“