Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 11

Chapter 113,610 wordsPublic domain

Jetzt kam die Reihe an ihn; der Sheriff mußte ihn zweimal rufen, ehe er nur die Aufforderung hörte, so vertieft war er in seinen Gedanken. Mr. Black brachte ihn aber bald wieder zu sich, indem er ihn einfach aufforderte, eine Unze (etwa 16 spanische Dollars) gewissermaßen als Entrée zu bezahlen, um seine Klage anhängig zu machen.

„Aber, Sir,“ sagte Hudson ganz verdutzt, „Sie wissen ja noch gar nicht einmal, ob die ganze Geschichte so viel werth ist.“

„Lieber Freund,“ erwiederte aber Mr. Black sehr ruhig, „unsere Zeit ist beschränkt, redet also keinen Unsinn. -- Ob die Klage _Euch_ eine Unze werth ist, weiß ich nicht, geht mich auch gar Nichts an -- _mir_ ist sie es aber, also zahlt oder geht Eurer Wege.“

Hudson lachte, denn das Verfahren war zu eigenthümlich; er zahlte aber die verlangten Sporteln und während er den Betrag auf den Tisch legte, sagte er kopfschüttelnd:

„Ihr müßt viel Geld verdienen, Richter, wenn Ihr Euch ein so hohes Eintrittsgeld bezahlen laßt.“

„Thu’ ich auch, Freund,“ nickte der Mann wohlgefällig, indem er das Geld einstrich, „und ist auch der Zweck, weshalb ich nach Californien gekommen bin -- eben so gut wie Ihr -- und was habt Ihr mir nun zu sagen?“

Es war in dem Augenblick, als ob alles Blut Hudson’s den Körper verlassen hätte und nach dem Herzen geströmt wäre. Er konnte kaum Athem holen und mußte nach Luft schnappen, wie ein Fisch auf dem Sand.

„Nun, Sir?“ wiederholte aber ungeduldig der Richter und sah dabei nach seiner Uhr -- „Sie _haben_ vielleicht schon zu Mittag gegessen, müssen aber bedenken, daß andere Leute ebenfalls Hunger spüren -- also was wollen Sie?“

Hudson hatte sich indessen wenigstens soweit gesammelt, um seine Klage vorbringen zu können. Mr. Black ließ sich dann Namen und Wohnort des Mexikaners angeben, und er wurde auf morgen früh neun Uhr wieder vor Gericht beschieden. Dann klappte Mr. Black das vor ihm aufgeschlagene Buch -- vielleicht ein Codex der Vereinigten Staaten, vielleicht irgend ein Roman, in dem er bis jetzt geblättert -- zu, steckte die Hände in die Taschen und verließ mit den Worten: „Kommt zum Essen, Sheriff,“ den Saal. Die noch wartenden Kläger wurden auf morgen früh wieder bestellt.

Hudson ging wie in einem Traum hinter ihm drein und verwandte keinen Blick von ihm, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Erst als er in dem nächsten Speisehaus verschwunden war, schien er selber seine volle Besinnung wieder zu erhalten und eilte jetzt, so rasch ihn seine Füße trugen, zu dem Zelt zurück, wo er wußte, daß Carman ihn erwartete.

„Nun?“ rief ihm dieser entgegen, -- „hast Du Deinen Mr. Black gefunden?“

„Meinen Mr. _Black_ nicht, John,“ sagte der junge Indianamann, indem er seinen Arm in den des Freundes schob, und ihn ein Stück von der Thür weg, auf den offenen Platz hinaus führte, „aber meinen Mr. _Brown_.“

„Was soll das heißen?“ frug der Illinoiser verwundert, „ich denke, der Richter nennt sich Black?“

„So _nennt_ er sich, ja, aber beim Himmel!“ rief der junge Mann, „das ist der nämliche Schuft, der sich damals in dem Rancho in Mexiko uns als Reisebegleiter anschloß und unsere vier Kameraden umbrachte.“

„Alle Teufel!“ rief Carman herumfahrend, „das ist aber nicht möglich -- _der_ kann doch hier nicht _Richter_ in Ludville sein?“

„Nicht möglich?“ lachte Hudson bitter vor sich hin -- „was ist hier in Californien nicht möglich, und wer weiß hier was von der Vergangenheit eines Menschen, wenn der es den Leuten nicht selber auf die Nase bindet.“

„Und hat er _Dich_ auch wieder erkannt?“

„Schwerlich, denn wir Beide haben uns seit der Zeit außerordentlich verändert -- aber in verschiedener Weise. Ich, der ich früher dicke, rothe Backen hatte, bin in der Krankheit und mit dem Hieb über den Kopf bleich und hohlwangig geworden und habe auch den, damals auf dem Bett stehen gelassenen Bart noch nicht wieder rasirt. Brown dagegen hat sich, wie es scheint absichtlich, vollkommen entstellt und im Gesicht allein würde ich ihn nie wieder erkannt haben. Erstlich trägt er nicht mehr die mexikanische Tracht, sondern Frack und Hut, dann hat er sich das schwarze lockige Haar kurz abgeschnitten und den Bart vollständig abrasirt; ein sehr zurückstehendes Kinn macht ihn dabei wirklich vollkommen anders aussehn.“

„Dann ist er’s auch wahrscheinlich gar nicht, und Du hast Dich geirrt.“

„Bei Gott nicht,“ rief aber Hudson. „Ehe ich vorkam, hatte ich übergenug Zeit, ihn zu betrachten, und ich fand im Augenblick etwas Bekanntes in dem Gesicht des Mannes, das aber eben durch das zurückstehende Kinn auch wieder so entstellt wurde, um mich vollständig im Dunkeln zu lassen, _wo_ ich das Gesicht schon einmal gesehen haben könnte. Wie er mich aber zu seinem Tisch rief und ich den großen Brillantring an seiner weißen Hand sah, ja schon wie ich ihn lachen hörte, war es mir plötzlich, als ob mir Jemand einen Stich in’s Herz gäbe. Auch die Narbe auf seiner linken Backe erkannte ich wieder, wenn sie jetzt auch, da der Bart fort ist, ihm bis zum Kinn hinunter läuft.“

„Und wo ist er jetzt?“ rief Carman plötzlich.

„Gleich dort drüben in dem Speisehaus -- mit dem Sheriff ißt er dort zu Mittag.“

„Komm, laß uns hin,“ sagte der Freund entschlossen -- „ich will ihn auch sehen und hast Du Recht, dann wollen wir überlegen, was wir thun, und wie wir den Burschen fassen können.“

„Und wenn er _uns_ auch erkennt? Bei dem Einzelnen war das nicht so leicht zu fürchten; er hat täglich mit so vielen Menschen zu thun, -- wenn er uns aber zusammensieht --“

„Du hast Recht -- so bleib Du da,“ erwiderte Carman -- „ich werde allein gehn und dort ebenfalls essen, mich auch anscheinend gar nicht um ihn kümmern.“

„Wenn Du nur sein Lachen hörst, erkennst Du ihn augenblicklich wieder; es ist beim ewigen Himmel der niederträchtige, blutige Schuft, der uns damals so schändlich verrathen und mißhandelt hat.“

„Gut -- erst müssen wir Gewißheit haben, und Zwei sehen mehr als Einer, nachher wollen wir den Burschen schon kriegen. Ich habe, während Du oben bei ihm warst, hier einen Schulkameraden von daheim getroffen. Er war früher Advokat, ist aber hier jetzt Händler, und einen bessern Hülfsmann können wir uns nicht wünschen. Bleib’ nur indessen im Zelt, daß wir nachher einander nicht verfehlen,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schritt er rasch dem bezeichneten Kosthaus zu, in dessen Thür er verschwand. Er blieb auch nicht übermäßig lange, und als ihm Hudson, der trotzdem schon ungeduldig war, rasch entgegentrat, faßte er ihn unter den Arm und flüsterte ihm, ihn mit fortziehend, zu:

„Du hast Recht, es ist beim ewigen Himmel jener Raubmörder, der hier ganz gemüthlich über ehrliche Menschen zu Gericht sitzt und sich mit einer Frechheit benimmt, die Nichts zu wünschen übrig läßt.“

„Aber wo willst Du jetzt hin?“

„Zu Collins, meinem Freund, dem Advokaten,“ rief Carman, „der muß uns jedenfalls in der Sache beistehn, denn ich glaube, daß wir den Burschen jetzt sicher haben -- der läuft uns nicht mehr fort.“

„Und hat er Dich nicht etwa erkannt?“

„Gott bewahre -- er saß mit einem anderen Mann oben am Tisch.“

„Das war der Sheriff --“

„Möglich -- jedenfalls ein gefährlicher Nachbar für ihn, denn der muß ihn selber hängen -- wenn noch Gerechtigkeit in Californien ist -- und sie tranken Wein und aßen und kümmerten sich den Henker um die anderen Gäste. Ich hatte Zeit genug ihn zu beobachten, ohne daß er irgend etwas merken konnte; ich brauchte aber auch nicht lange dazu. Das zurückstehende Kinn störte mich Anfangs auch, und ich glaubte schon, Du hättest Dich doch vielleicht geirrt; wie ich ihn aber lachen hörte, war ich meiner Sache ebenfalls sicher. -- Da -- hier wohnt Collins. Das ist sein Zelt.“

Sie fanden den jungen Amerikaner, der sich hier -- nachdem er das Goldwaschen eine Weile mit nur sehr mittelmäßigem Erfolg versucht, als Händler niedergelassen hatte. Er war selber allerdings ein wenig über die Entdeckung erstaunt, hörte aber vollkommen ruhig ihre Erzählung an, lächelte dabei nur still vor sich hin, und nickte manchmal mit dem Kopf dazu, unterbrach aber die Erzähler, die sich wechselsweise ergänzten, mit keiner Sylbe. Nur als Hudson ausrief, er wolle jetzt augenblicklich selber nach San Francisco, um einen Verhaftsbefehl für den mexikanischen Räuber und Mörder auszuwirken, sagte er ruhig:

„Und glauben Sie wirklich, Freund, daß Sie den dort bekommen würden?“

„Nicht bekommen?“ rief Hudson -- „amerikanische Gerichte werden doch bei Gott einen solchen Schurken nicht beschützen, der amerikanisches Blut vergossen hat?“

„Bah,“ sagte Collins ruhig, „Sie kennen Californien nicht, denn wir leben hier vor der Hand noch in einem vollständigen Ausnahmszustand. Was haben wir denn für Behörden? nicht etwa von den Vereinigten Staaten herüber gesandte, sondern lauter Leute, die hier hergekommen sind, um Gold zu graben -- wie ich selber auch -- und die, als das nicht ging, sich auf etwas Anderes warfen, um Geld zu verdienen. Den Beweis finden wir ja in San Francisco selber, wo Raub und Mord an der Tagesordnung sind, und die Verbrecher, wenn man sie wirklich einmal einfängt, doch immer ungestraft davon kommen. Es kocht und gährt auch schon in der Bevölkerung, und es wird fast offen davon gesprochen, das Gericht in eigene Hand zu nehmen und das Lynchgesetz gegen alle ertappten Diebe und Mörder anzuwenden. Wäre das jetzt wirklich der Fall, so hätten wir die Hoffnung, etwas auszurichten, denn wir könnten an das Volk appelliren. Wie die Sachen aber gegenwärtig stehn, so mögen Sie einen _Proceß_ gegen den Richter anstrengen, ja, und der dauert denn auch wahrscheinlich so lange, bis wir andere Zustände bekommen, aber weiter richten Sie Nichts aus.“

„Das ist ja ganz unmöglich!“

„Unmöglich ist hier gar Nichts,“ sagte der Advokat achselzuckend. „Ja, wäre der Ueberfall auf amerikanischem Grund und Boden geschehen, so könnte man doch vielleicht auf einen Erfolg rechnen -- aber in Mexiko -- beweisen Sie diesem, mit allen Hunden gehetzten Mr. Black oder Mr. Brown einmal, daß er überhaupt je in Mexiko war, und zehn gegen eins, er bringt Ihnen fünf, sechs Zeugen, die Ihnen Alle mit der größten Bereitwilligkeit vor Gericht schwören, daß sie ihn hier schon zwei volle Jahre in Californien gekannt haben, und daß er in der ganzen Zeit das Land mit keinem Fuß verlassen hat. Außerdem ist dieser Mr. Black, dem ich persönlich zutraue, was Sie mir von ihm erzählt, hier in Ludville eine renommirte Persönlichkeit und gerade mit allen Rowdies -- dem nichtswürdigsten Gesindel der Staaten, den Spielern, eng befreundet. Er spielt selber ziemlich stark und _soll_ -- doch das ist nicht verbürgt, wird aber hier erzählt, früher sogar ein professionirter Spieler gewesen sein und in San Francisco im Anfang Bank gelegt und einen Tisch gehalten haben. Der Sheriff steckt mit ihm ebenfalls unter einer Decke und wir würden da in ein Wespennest hineinstören, aus dem wir nicht wieder ungestochen zurückkämen.“

„Aber es ist doch nicht denkbar, daß _solche_ Zustände unter dem Sternenbanner stattfinden könnten!“ rief Hudson.

„Denkbar ist hier Alles,“ sagte der junge Händler achselzuckend. -- „Daß es mit der Zeit -- vielleicht sogar sehr bald -- besser werden wird, bezweifle ich keinen Augenblick, aber schon die Existenz der Spielhöllen, die in den Staaten bei Zuchthausstrafe verboten sind, beweist Ihnen, wie geringe Macht die oberste Behörde hier noch ausübt, denn sie darf nicht wagen, sie aufzuheben. Die Rowdies würden Sheriff und Constabler sonst massacriren, und besonders hier in Ludville hat diese Bande so überhand genommen, daß wir bald nicht einmal mehr unseres Lebens sicher sind. Da -- seht Ihr dort das Kugelloch in meiner Zeltwand, gerade über meinem Bett? das haben sie mir gestern Nacht bei einer Straßenrauferei hindurch geblasen, als ich dort lag und schlief. Wenn der Lump, der den Revolver abfeuerte, einen halben Fuß niedriger hielt, schoß er mich in meinem eigenen Bette todt.“

„Und nicht einmal einen wirklichen Raubmörder sollte man hier vor Gericht stellen können?“

„Oh, gewiß,“ lachte der Händler, „wenn’s ein Mexikaner oder ein anderer Fremder wäre -- und viele Umstände machten sie mit dem sicher nicht -- er hinge in der nächsten Viertelstunde; aber Mr. Black? ich möchte der wenigstens nicht sein, der ihn anklagte, denn nicht fünf Cent gäbe ich nachher für mein eigenes Leben in den Minen. Die Bande hängt zusammen wie ein Sack voll Nägel, und wenn Ihr _meinem_ Rath folgen wollt, so laßt ihn ruhig laufen.“

„Ich will verdammt sein, wenn ich’s thue,“ sagte Hudson, und des Freundes Arm ergreifend, führte er ihn hinaus vor das Zelt, um ihm einen anderen Plan mitzutheilen. Er traute dem Advokaten selber nicht. --

Am nächsten Morgen hatte Hudson wieder Termin bei Mr. Black, der gestohlenen Pferde wegen. Der Mexikaner war vorgeladen worden, und ob er den Arriero nicht nennen konnte, von dem er die Thiere gekauft haben wollte, oder wirklich der Hehler war, es blieb sich gleich. Hudson hatte einige alte Bekannte als Zeugen gebracht, welche die Thiere genau kannten, und der Mexikaner mußte sie nicht allein herausgeben, sondern auch noch außerdem sechs Unzen Strafe zahlen. Hudson kam diesmal mit der vorher eingelegten Unze Kosten ab.

Da trat Carman, der bis jetzt an der Seite gestanden hatte, vor und sagte ruhig:

„Ach, Richter Black, könnte ich mir bei Ihnen wohl eine Auskunft in einem Rechtsfall holen?“

„Ei gewiß, mein Freund,“ erwiederte lächelnd der Richter, „deshalb sitze ich ja hier.“

„Ach, dann wollte ich --“

„Bitte, Sir, ehe Sie beginnen,“ unterbrach ihn der Richter, „haben Sie wohl die Güte, die vorherige Taxe für Consultation zu bezahlen. Eine Unze, wenn ich Sie ersuchen darf.“

Der junge Amerikaner war durch die unverschämte Forderung allerdings überrascht, griff aber doch lächelnd in seine Tasche und holte den Geldbeutel heraus, aus dem er etwa eine Unze an Gewicht nahm und es dem Sheriff gab, der es abwog. Richter Black hatte ihn in der Zeit scharf und forschend angesehen, wie man wohl Jemanden beobachtet, von dem man noch nicht genau weiß, was er will, und Carman fuhr jetzt, nachdem das _Geschäft_ beseitigt worden war, fort:

„Ich wollte mir nur die Frage erlauben, ob ich hier in Californien Jemanden eines im Ausland verübten Verbrechens wegen vor Gericht ziehen kann?“

„Wenn der Fall in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat, gewiß,“ sagte Richter Black.

„Aber es war nicht dort, sondern in Panamá,“ berichtete der junge Amerikaner, „wo wir von einem Fremden arg bestohlen wurden. Den Burschen habe ich jetzt hier wieder gefunden.“

„So?“ sagte der Richter, und sein kleines dunkles Auge bohrte sich fest in den Sprechenden hinein -- „in der That? -- ein eigenthümlicher Zufall allerdings. Aber vor Gericht können Sie das sicher bringen, verehrter Herr, nur rathe ich Ihnen, um Weitläufigkeiten zu vermeiden, Ihre Zeugen herbei zu schaffen.“

„Meinen Zeugen habe ich bei mir, Sir,“ sagte Carman, indem er seinem Blick fest begegnete, „es ist mein Kamerad, der mit mir bestohlen wurde.“

„Der ist dann nicht Zeuge, der ist Mit-Kläger,“ sagte der Richter ruhig, „wir werden dann wohl noch andere wirkliche Zeugen nöthig haben.“

„Aber wie soll ich die von Panamá herüber schaffen?“

„Sicherlich per Schiff, verehrter Herr,“ erwiederte der Richter mit größter Höflichkeit, „denn der Landweg ist, soviel ich weiß, gar nicht passirbar.“

„In der That,“ sagte Carman ruhig, und ein eigenes trotziges Lächeln flog über seine Züge.

„Und steht noch sonst etwas Anderes mit Ihrer Frage in Beziehung?“

„Nein, Richter _Black_,“ sagte Carman zerstreut, indem er nach Hudson hinüber sah, und der Richter fing den Blick auf, aber er ließ dem Amerikaner auch keine Zeit zu weiterem Ueberlegen, und mit verbindlichem Lächeln fügte er hinzu:

„Dann erlauben Sie mir wohl jetzt, daß ich zu meinem Lunch hinübergehe -- nicht wahr, Sheriff, es ist Zeit?“

„Schon eine Viertelstunde darüber,“ brummte dieser.

„Schön!“ nickte Black, und ohne sich weiter um den Amerikaner zu kümmern, stand er von seinem Sitz auf und verließ das Zelt.

Hudson und Carman folgten ihm und schritten langsam die breite Straße hinab, die nach den Bergen zu führte. Sie waren auch dabei so in ihr Gespräch vertieft, daß sie gar nicht sahen, wie Mr. Black in einem der Spielzelte stand, dort sehr angelegentlich mit ein paar auf den Bänken umhergestreuten Burschen verhandelte und -- als sie den Platz passirten, hinter ihnen drein sah. Aber auch von ihrer Unterhaltung wurden sie abgelenkt, denn ein Yankee überholte sie unterwegs, der davon gehört hatte, daß sie die ihnen heute zugestandenen Pferde verkaufen wollten, und da sie einen nur sehr mäßigen Preis dafür forderten, wurden sie auch bald Handels einig. Mit dem Besehen der Thiere und dem Auszahlen des Geldes, bei dem natürlich ein Paar Glas Brandy getrunken wurden, waren aber doch einige Stunden vergangen und plötzlich entstand im Ort ein Höllenlärm, der jedenfalls die Stelle der Eßglocken vertreten sollte. Die Eigenthümer der betreffenden Zelte nämlich, in welchen Mittags öffentlich gegessen wurde, hatten sich Jeder ein besonderes Lärminstrument angeschafft, auf welchem sie so laut als möglich tobten, um ihre täglichen Gäste nicht allein von der Arbeit herbei zu rufen, sondern auch jeden Anderen, der Lust hatte theilzunehmen, darauf aufmerksam zu machen. Einige besaßen Trompeten, Andere einen chinesischen Gong; ein Paar schienen sich große Holzschnarren gemacht zu haben, die man weit hin hörte, und wer von alle dem Nichts auftreiben konnte, nahm eine große Blechkanne oder einen Kessel und schlug mit einem eisernen Löffel daran.

Die Diners in diesen Minenstädten waren aber entsetzlich einfach, und bestanden gewöhnlich nur aus trockenem Rindfleisch, Kartoffeln und Mixpicles -- und dafür zahlte man wöchentlich, oder für sieben Mahlzeiten, eine Unze. Ebenso wenig wurde dabei auf Toilette gesehen; gerade so wie die Leute draußen, als sie die verschiedenen Zeichen hörten, aus ihren nassen Erdgruben herausgesprungen und hierher gelaufen waren, so setzten sie sich an dem Tisch nieder, und war ihr Essen verzehrt, gingen sie gerade so wieder an die Arbeit, denn Tageslicht durfte nicht versäumt werden.

Hudson und Carman traten ebenfalls in das nächste Zelt, da sie selber keine Wirthschaft mehr zusammen führten, und doch wenigstens einmal am Tag warm essen mußten. Die Gesellschaft war auch ziemlich gemischt, denn Händler und Goldwäscher trafen dort zusammen, ja sogar ein Paar der professionirten Spieler nahmen den beiden Freunden gegenüber Platz, und Einer von diesen suchte auch ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen; keiner der beiden fühlte sich aber in der Stimmung darauf einzugehen, und überhaupt wurde bei diesen Mahlzeiten nur sehr wenig gesprochen. Jeder verzehrte seine Portion und wer zuerst fertig war, stand auf und ging ruhig seine Wege.

Auch Hudson und Carman blieben nicht länger bei Tisch sitzen, als unumgänglich nöthig war, ihren Hunger zu stillen, dann standen sie auf, verließen das Zelt wieder -- dicht hinter ihnen folgten die beiden Spieler -- und schlenderten langsam die Straße hinunter, um noch einmal mit Collins über die Verfolgung ihres Planes Rücksprache zu nehmen. Da sahen sie den Sheriff auf sich zukommen, der von sechs oder acht ziemlich verdächtigen Gestalten begleitet war. Einige derselben trugen mexikanische Serapen oder Ponchos, Andere die Minentracht, aber sie schienen Alle angelegentlich mit einander zu sprechen, und die beiden jungen Leute bogen eben nach der anderen Seite der Straße hinüber, um den Schwarm vorüber zu lassen, als der Sheriff scharf gegen sie abbog und vor ihnen stehen bleibend sagte:

„Mr. Carman und Mr. Hudson? nicht wahr, die Herren nennen sich doch so?“

„Zu dienen, Mr. Sheriff,“ sagte Hudson mürrisch -- „wünschen Sie etwas von uns?“

„Weiter Nichts,“ sagte der Sheriff, indem er beider Schultern mit der Hand berührte, „als daß Sie meine Gefangenen sind, im Namen des Gesetzes.“

„Im Namen von Höll’ und Verdammniß!“ fuhr Hudson auf, und griff im Nu unter seine Jacke nach dem dort steckenden Revolver, aber in demselben Moment auch sahen sich Beide von der Schaar umzingelt; überall drohten ihnen die Mündungen gespannter Feuerwaffen entgegen, und der Sheriff, der selber eine derartige Waffe bereit hatte, rief:

„Schützt das Gesetz, Ihr Männer von Californien! Schießt die Verbrecher über den Haufen, sobald sie den geringsten Widerstand leisten!“

Hudson warf einen wilden Blick im Kreis umher, aber er sah auch rasch, daß jede Widersetzlichkeit vergebens gewesen wäre, denn ob zufällig oder auf Verabredung, aber einige zwanzig entschlossene und bewaffnete Gestalten drängten schon um ihn her. Er hätte wohl seinen Revolver zwischen sie hinein feuern können, wäre dann aber auch selber _mit_ dem Freund verloren gewesen und möglich auch, daß Mr. Black, der Richter, auf einen solchen Ausgang der Verhaftung gerechnet hatte, der ihn dann jeder weiteren Unbequemlichkeit überhob. Carman selber aber ergriff Hudson’s Arme und rief:

„Stecke die Waffe ein, Kamerad, es ist das Gesetz der alten Union, dem wir uns fügen sollen, und wie wir dem gehorchen müssen, hoffe ich auch, daß es seine Macht über Andere bewähren soll. Könnt Ihr uns aber sagen, Sheriff, auf welche und auf _wessen_ Klage wir jetzt verhaftet sind?“

„Werdet Ihr zeitig genug erfahren, meine Burschen,“ brummte der Diener des Gesetzes, eine grobknochige derbe Gestalt, indem er die eigene Waffe wieder in den Gürtel schob, denn er sah jetzt, daß sich die Gefangenen gefügt hatten, „wären wohl Einige der _Gentlemen_ so freundlich mir zu helfen, diese beiden Vögel zu transportiren?“

Die Bande, die er mit „Gentlemen“ anredete, hätte wohl viel eher einen anderen Namen verdient, denn sie bestand nur aus dem Spielergesindel des Orts und dessen Anhang, aber sie nahm das Compliment hin, als wäre es ganz in der Ordnung gewesen, und mit dem lästerlichsten Fluchen erklärten sie, sie würden die Beiden an Ort und Stelle schaffen, und wenn es auch _stückweis_ sein müsse -- eine Drohung, die sie sicherlich den guten Willen besaßen, auszuführen.

Allerdings sammelten sich indessen noch eine Anzahl ruhiger Miner um die Gruppe und frugen auch wohl, was die Beiden, die man schon längere Zeit als friedliche Leute kannte, verbrochen hätten. Der Sheriff ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein. Es waren ein paar schwere Verbrecher, die man noch eben ertappt hatte, als sie Californien verlassen wollten. -- Das Uebrige würde die Untersuchung herausstellen, und damit führte er seine beiden Gefangenen zu einem kleinen, engen Blockhaus, das besonders als Gefängniß gebaut war und gar keine Fenster, ja auch eigentlich nicht einmal eine ordentliche Thür, sondern nur ein Loch hatte, durch welches sie hineinkriechen mußten, während draußen ein Balken vorgelegt und mit einer Kette befestigt wurde. Außerdem kamen noch zwei Mann, die der Sheriff schon bereit hatte, als Wache davor und erhielten den laut ertheilten Auftrag, bei einem Fluchtversuch der Gefangenen ohne Weiteres auf sie zu schießen.