Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen

Part 10

Chapter 103,705 wordsPublic domain

„Halt! Caracho!“ hörte er die Schreie hinter sich, und die Uhlanen, in dem Flüchtigen mit Recht einen der gesuchten Räuber vermuthend, trieben ihre Thiere in wildem, jubelndem Ingrimm hinter ihm drein -- wie hätte ihnen Jemand zu Pferd entgehen können. -- Aber dem Rappen waren sie trotzdem nicht gewachsen. Anfangs schien es zwar, als ob sie gleiche Distance mit ihm hielten, ja an ihr gewönnen, denn Brown hatte sein Thier absichtlich eingezügelt, um sie in dieser Meinung zu halten, und seinen Helfershelfern so viel mehr Zeit zu gönnen, sich aus dem Bereich jeder Entdeckung zu bringen. Wie er aber nur erst einmal die Entfernung für groß genug hielt, ließ er dem Rappen den Zügel, und mit Gedankenschnelle trug ihn das flüchtige Roß aus dem Bereich der Feinde.

Damit freilich erreichte er, was er gewollt. Die größte Zahl des aus zwanzig Mann bestehenden Uhlanentrupps hatte der Versuchung nicht widerstehen können, den gebotenen Wettlauf anzunehmen, und erst als sie das völlig Nutzlose einer weiteren Verfolgung sahen, warfen sie fluchend ihre erschöpften Thiere herum und galoppirten langsam den eben so rasch verfolgten Weg zurück, um sich den Kameraden wieder anzuschließen. Der Offizier der Truppe zügelte aber, mit fünf und sechs der Seinen, als er den Schauplatz des Blutbades erreichte, sein Pferd ein und war aus dem Sattel gesprungen, um die Ermordeten zu besichtigen und zu sehen, ob sich von da keine weiteren Spuren fänden.

Er ließ auch seine Leute, ohne sich erst lange bei den Todten aufzuhalten, augenblicklich absitzen und den Busch nach allen Seiten durchstreifen, und dort entdeckten sie allerdings bald einen betretenen Pfad, der in den Wald hineinführte, gerade aber wo er in das Dickicht mündete, war ein riesiger Kaktusstamm -- allerdings frisch abgehauen, mitten hineingeworfen, und bis sie den zerhacken und aus dem Weg ziehen konnten, da sie nicht wagen durften, mit den Händen in die langen Stacheln zu greifen, verging viel Zeit.

Die zurückkehrenden Uhlanen wurden nun freilich beordert, den aufgefundenen Fährten ohne Weiteres zu folgen, um doch wenigstens Einen oder den Anderen der Bande zu fassen und ihn nachher zu einem Geständniß zu bringen, aber alle ihre Mühe war umsonst. Gar nicht weit von dort zweigte der Pfad wieder, einen Hügel hinanlaufend, in die dichte Chaparal aus; dabei war der Boden dort zu hart und steinig, um noch eine Spur erkennen zu können, und als sich auch die Sonne mehr und mehr dem Horizont neigte, mußten sie endlich die Verfolgung der Verbrecher aufgeben.

Der Offizier hatte indessen die blutenden Körper aufheben und untersuchen lassen, auch von dem nun herbeikommenden Arriero das Nähere über die Unglücklichen erfahren und eine genaue Beschreibung des Fremden erhalten, der sich ihnen zugesellte. Und _dem_ gerade war er auf der Spur gewesen, denn von einem Streifzug mit den Seinen zu dem Rancho zurückkehrend, wo die Amerikaner übernachtet, hörte er schon von dem Wirth dort, der ihn wahrscheinlich genauer kannte, als er eingestehen mochte, welchen gefährlichen Reisebegleiter die Fremden gefunden, und war ihnen dann mit den Seinen, so rasch sie die Pferde trugen -- gefolgt -- leider aber auch zu spät eingetroffen, um die Unthat und den Raub zu verhindern.

Uebrigens zeigten sich noch bei Zweien der Armen Spuren einer Lebensthätigkeit. Vier waren rettungslos verloren; drei hatten die Schußwunde gerade durch das Hirn erhalten, und der Vierte eine Kugel durch die Lunge, eine andere durch die Kehle. Er röchelte allerdings noch, als der Offizier zu ihm trat, aber es war auch das letzte Lebenszeichen gewesen, das er gab. Im nächsten Augenblick streckte er sich aus -- ein Zittern flog über seinen Körper -- er war todt.

Zwei aber hatten nur Säbelhiebe über den Kopf bekommen, und wenn auch die Wunden bös genug aussahen, war doch Hoffnung da, sie vielleicht wieder herzustellen. Der Offizier sorgte auch wirklich auf das Wackerste für sie. Acht von seinen Uhlanen mußten absitzen und zwei Tragbahren herrichten, zwischen deren Stangen ein bequemes Lager durch die Satteldecken hergerichtet wurde. So trug man sie dem nächsten Rancho zu. Bei den Leichen sollte der Arriero zurückbleiben, bis Leute mit Werkzeug hingesandt werden konnten, um sie an Ort und Stelle zu beerdigen. Was hätte es genützt, die Cadaver noch zu transportiren.

Lange lagen die beiden armen Teufel -- der Indiana-Mann und sein Freund, der Illinoiser -- auch zwischen Leben und Sterben, auf das Sorglichste aber von den gutmüthigen Mexikanern gepflegt. Besonders der Erstere, Hudson, ein junger, kräftiger Gesell, phantasirte Wochen hindurch im heftigsten Wundfieber und es mußte Hülfe vom nächsten Rancho herbeigeholt werden, um ihn nur auf seinem Lager zu halten. Endlich brach sich die Krankheit auch bei ihm, während sein Kamerad schon lange wieder aufsitzen konnte und auf dem Weg der Besserung war.

Es war jetzt möglich, sie nach Acapulco zu transportiren, und schon an Ort und Stelle, wie später in der Hafenstadt, mußten sie ihre Aussagen des Ueberfalls wie der vorhergehenden Stunden machen. Aber wenn sie auch den Mörder, den das Gericht übrigens zu kennen schien, auf das Genaueste beschrieben, waren sie doch nicht im Stande, Näheres über den Anfall selber auszusagen. Durch die Revolverschüsse aus dem, einer Betäubung ähnlichen Schlaf geweckt, denn jedenfalls war der getrunkene Brandy mit irgend einem schädlichen Stoff gemischt gewesen, fanden sie sich in den Händen der Räuber, sahen nur, wie jener Mann, der sich Brown genannt, noch einen ihrer Kameraden niederschoß, und wurden dann selber, ebenfalls auf seinen Befehl, von den übrigen Mördern niedergehauen.

Daß man sie dabei all ihres Goldes beraubt hatte, verstand sich von selbst, und es wäre verlorene Mühe gewesen, danach zu suchen. Die Behörden dachten ebensowenig daran, sie zu entschädigen, noch dazu da gar kein Zweifel blieb, daß sogar ein Landsmann, also ein Fremder, sie beraubt hatte. Nach allen Seiten wurden allerdings Patrouillen ausgesandt, um den sehr kenntlichen Burschen einzufangen, oder wenigstens seinen jetzigen Aufenthalt zu erspähen, und hunderte von Polizeispionen waren nach jeder Richtung hin thätig. Umsonst; er schien nach dieser letzten Unthat, bei der ihn die Vergeltung auch fast ereilt hätte, den Schauplatz seiner bisherigen Verbrechen verlassen zu haben -- hatte er hier doch auch lange genug ungestraft gesündigt, und alle ausgesandten Boten kehrten mit der nämlichen Nachricht zurück, daß er in keinem Theile des weiten Reiches mehr gesehen worden.

Die armen Teufel von Amerikanern befanden sich indessen in einer keineswegs beneidenswerthen Lage, denn was sollten sie nun, ihres ganzen Eigenthums beraubt, anfangen? Nach den Staaten zurückkehren, wie es Anfangs ihre Absicht gewesen -- ohne einen Cent in der Tasche, und dort das mühselige Leben schwerer Arbeit von Neuem beginnen? Ja sie hatten nicht einmal Geld genug, die Reise dorthin zu bestreiten, wenn auch die Regierung hier in Acapulco wenigstens für ihren Unterhalt sorgte, und sie keine Noth leiden ließ.

Da legte zufällig ein amerikanisches und nach San Francisco bestimmtes Fahrzeug dort an, das von New-York kam und wegen Wassermangel genöthigt gewesen war, einen Hafen zu suchen. Der Capitain hörte ihre Leidensgeschichte und erbot sich freundlich, sie kostenfrei zurück nach Californien mitzunehmen. Dort konnten sie dann schon eher, wenn sie wirklich heimkehren wollten, ein amerikanisches Schiff finden, oder auch noch vielleicht eine Weile in den Minen arbeiten, um wenigstens einen Theil des Verlorenen zu ersetzen.

Den Vorschlag nahmen sie auch mit Freuden an und hatten nun die Aussicht, da wieder von vorn beginnen zu müssen, wo sie sich schon am Ziel ihrer Wünsche gesehen. Aber Californien war ja auch das Land der Hoffnungen, und doch lieber noch einmal arbeiten, als mit leeren Händen nach den Staaten zurückzukehren. Außerdem that ihnen die kurze Seereise körperlich wohl; ihre, doch sehr angegriffenen Nerven kräftigten sich wieder, und als sie endlich in San Francisco an’s Land sprangen, war ihnen von den erhaltenen Wunden nur noch die Erinnerung -- und die Narbe geblieben.

Jetzt aber blieb es vor allen Dingen die Frage, in welchen Minen sie ihr Glück auf’s Neue versuchen sollten. In den Stanislaus-Gruben hatten sie früher ihr Gold gefunden und dort lag auch noch mancher unbearbeitete Platz: aber sollten sie zu den alten Kameraden und Bekannten zurückkehren, von denen sie jedenfalls ausgelacht und verspottet wurden? -- es war ihnen das ein gar so fatales und unbehagliches Gefühl und sie konnten sich auch nicht dazu entschließen. Ja um nur Niemandem mehr zu begegnen, der wissen konnte, daß sie Californien schon einmal verlassen, um nach Hause zurückzukehren, beschlossen sie, die „südlichen“ Minen ganz zu vermeiden und hoch in den Norden hinauf, an den Featherriver zu gehen. Dort sollte auch viel Gold gefunden sein, und wenn sie Glück hatten, wurde es ihnen eben so gut da, wie weiter südlich bescheert.

So gingen sie denn rüstig wieder daran, um das Verlorene, oder vielmehr Geraubte wieder einzubringen; aber lange nicht mehr mit dem frischen Muth, mit welchem sie das erste Mal begonnen. Es lag fortwährend das drückende Gefühl auf ihnen, eine schon gethane Arbeit noch einmal über zu arbeiten, und da sich die Ausbeute auch an den von ihnen versuchten Stellen lange nicht so reichhaltig erwies, als sie gehofft und es früher auch gewohnt gewesen, so schafften sie wohl fleißig, ja, aber nicht mit der rechten Lust. Wenn sie nur wieder nach dem Süden gegangen wären -- so dachten Beide bei sich, ohne es aber gegen einander auszusprechen. Dort kannten sie die Berge, und das Gold war dort auch viel grobkörniger und reichhaltiger -- wie sie glaubten.

Hudson brach zuerst das Schweigen:

„Hol’s der Teufel!“ rief er, und warf die Pfanne, mit der er gewaschen, ärgerlich auf den Boden. „Das ist ja hier eine wahre Schinderei um gar nichts, und wir waschen den ganzen Gottes-Erdboden durch, ohne mehr als unser „tägliches Brod“ darin zu finden. Deshalb sind wir aber nicht nach Californien gekommen, das hätten wir zu Hause bequemer haben können.“

„Wenn der blutige Schuft, jener Brown, nur bei lebendigem Leibe verfaulen müßte,“ fluchte Carman, der Andere der Beiden, indem er seinen Spaten ingrimmig in den Boden rannte -- „ich kann den Hund nicht aus den Gedanken bringen.“

„Das hilft Nichts mehr,“ sagte Hudson kopfschüttelnd, „der sitzt jetzt irgend wo drüben in den Staaten an irgend einer behaglichen Stelle und verzehrt unser Geld.“

„Daß er daran ersticke.“

„Mein Wunsch ebenfalls, Kamerad, aber das bringt _uns_ hier nicht weiter, und wir müssen uns schon selber helfen. Wie wär’s, wenn wir in unsere alten Arbeitsplätze zurückkehrten? Ich habe hier keine rechte Freude mehr am Waschen.“

„Ja, bei Jimmy!“ rief der Andere, „_ich_ wäre ja schon längst nach dem Stanislaus gegangen, wenn ich nicht geglaubt hätte, _Du_ möchtest nicht.“

Eine Verständigung wurde jetzt bald erzielt, und schon am nächsten Morgen wanderten die Beiden, ihr Geschirr auf einen dort oben gekauften Esel geladen, dem Featherriver zu Thal folgend, nach Sacramento zurück und schritten von dort, da in der gerade trockenen Jahreszeit die Niederungen passirbar waren, zu den Wassern des San Joaquin, nach Stockton hinüber. Von den alten Kameraden, die sie noch hie und da trafen, wurden sie freilich mit Jubel begrüßt, aber Alle lachten auch und erklärten die Geschichte mit den Räubern in Mexiko für leeren Schwindel. Nach San Francisco seien sie gekommen, so behaupteten sie, und weiter nicht, und dort hätten sie ihr Geld in den Spielhöllen verspielt -- das sei die ganze Raub- und Mordgeschichte. Erst wenn sie die erhaltenen und noch deutlich sichtbaren Narben zeigten, konnten sie die Wahrheit des Gesagten den Anderen aufnöthigen, und man ließ sie zuletzt zufrieden. Solche Raubanfälle waren ja auch in der letzten Zeit etwas so Gewöhnliches geworden, daß die davon Betroffenen nur noch Gott danken konnten, wenn sie mit dem Leben davon kamen.

Die beiden Freunde gingen jetzt hier oben wieder an die Arbeit, und wenn sie das Gold auch nicht mehr so rasch und leicht fanden, als bei ihrem ersten Versuch in den Minen, trafen sie doch wenigstens reichere Stellen, als in den nördlichen Bergwassern, und fingen an, mehr zu verdienen, als sie brauchten.

Das Goldwaschen ist dabei allerdings eine entsetzlich schwere Arbeit, denn unaufhörlich müssen tiefe Löcher gegraben werden und Wasserausschöpfen, Hacken und Schaufeln hört nicht auf; aber es hat auch wieder einen ganz eigenen Reiz, denn wie man nur ein neues und tiefes Loch gegraben hat, und dann die Erde auszuwaschen beginnt, so ist es beinah, als ob man sich bei der Ziehung einer Lotterie befindet, bei der man den Einsatz aber _mit_ seiner Arbeit bezahlt hat. Es _kann_ ein sehr hoher Gewinn herauskommen -- vielleicht auch nur der Einsatz -- Tagelohn. -- Möglich auch, daß man eine Niete findet, aber die _Hoffnung_ geht nie aus, und wieder und wieder getäuscht, oder doch wenigstens nicht vollständig befriedigt, gräbt der Goldwäscher weiter, bis er endlich einmal Ersatz für seine Quälerei erhält oder auch -- freilich in den meisten Fällen -- zu der Ueberzeugung kommt, daß er mit anderer, viel leichterer Arbeit jedenfalls eben so viel, wenn nicht mehr, verdienen könne.

Gerade dieser Reiz des Ungewissen aber hält die Leute am Längsten in den Bergen, und da doch auch manche Glückliche zuweilen einen reichen Fund thun, so wird zehn und zwanzig Mal getäuschte Hoffnung immer wieder von Neuem belebt.

Unsere beiden jungen Amerikaner aber, an harte Arbeit ihre ganze Lebenszeit gewöhnt, dabei mit dem Bewußtsein, schon einmal einen Erfolg gehabt zu haben, sahen freilich, daß es diesmal nicht so rasch ging, als früher, ließen sich aber auch nicht irre machen, hackten und schaufelten ruhig fort und fanden bald, daß sie sich wieder eine hübsche Summe einbrächten. Nach sechs Monaten harter Mühe hatten sie denn auch wieder ein paar tausend Dollars beisammen und beschlossen jetzt, in Stockton einen großen Wagen und ein paar Pferde zu kaufen, um damit Waaren in die Minen zu transportiren, was damals noch außerordentlich gut bezahlt wurde. Da sie selber dabei speculirten, mehrte sich ihr Gewinn, und nach noch fünf Monaten hatten sie so viel, daß sie auf’s Neue nach den Staaten zurückzukehren beschlossen.

Bis dahin waren aber auch die Verhältnisse in Californien geregelter geworden, und es hatten sich große Geschäftshäuser in San Francisco etablirt, die gute Geschäfte dabei machten, für Goldwäscher und Händler -- gegen gewisse sehr hohe Procente natürlich -- das gewonnene Gold in die Heimath zu schicken. Dadurch entgingen diese jedenfalls der Gefahr, es unterwegs zu verlieren, ja es war sogar gegen Schiffbruch versichert. Carman selber fuhr deshalb mit ihrem kleinen Schatz nach San Francisco, um die Summe dort in einem solchen Hause zu deponiren, während sein Kamerad Hudson indessen in Ludville, einer nicht unbedeutenden Minenstadt, blieb, um Wagen und Pferde, wie noch einen kleinen dort lagernden Waarenvorrath zu verkaufen. Der Ertrag desselben reichte dann auch vollständig aus, um ihre Passage nach New-York, selbst Cajütspassage auf einer der indeß etablirten Dampferlinien zu decken. Carman sollte sich dann gleich in San Francisco nach der nächsten Schiffsgelegenheit umsehen, denn jetzt, den Entschluß zur Abreise aus Californien erst einmal gefaßt, fing ihnen auch der Boden an unter den Füßen zu brennen.

Carman besorgte, was er zu besorgen hatte, rasch und pünktlich, und Hudson, der, um eine Schuld einzukassiren, noch einmal an den Macalome mußte, übergab die Pflege der Pferde indessen einem Mexikaner, den sie die letzten drei Monate als Wagenführer in Diensten gehabt. Dieser hielt übrigens die Gelegenheit für passend, mit den beiden Thieren zu verschwinden. Die Amerikanos hatten, seiner Ansicht nach, Gold genug, und doch im Begriff, abzureisen, würden sie sich kaum noch länger in Californien zurückhalten lassen, nur um ein paar, überdies nicht sehr werthvollen Pferden nachzuforschen.

Hudson schien aber sein Geschäft, wider Erwarten, sehr schnell beendet zu haben. Er kehrte rascher nach Ludville zurück, als er Anfangs selber geglaubt, und zwar an dem nämlichen Tag, an welchem sich sein betrügerischer Wagenführer mit den Pferden aus dem Staub gemacht. Nicht gesonnen aber, den Burschen so leichten Kaufs davon zu lassen, folgte er seinen Spuren und es dauerte auch nicht lange, so traf er seine beiden Thiere, aber nicht mehr im Besitz des Diebes, sondern in dem Rancho eines anderen Mexikaners oder Californiers, der aber erklärte, die Pferde von einem durchreisenden Arriero gekauft zu haben, und sie nicht wieder herausgeben wollte.

Hudson würde nun zu einer anderen Zeit wohl wenig genug Umstände mit dem wahrscheinlichen Hehler des Diebes gemacht und die Pferde ihm einfach weggenommen haben, aber er wollte nicht noch in den letzten Tagen Streit anfangen. Dort gerade anwesende Mexikaner standen auch ihrem Landsmann bei, und er eilte deshalb zurück nach Ludville, um den Burschen zu verklagen. Die Sache war so einfach, und der jetzige Besitzer der gestohlenen Sachen auch dort seßhaft, daß sie jedenfalls rasch entschieden werden konnte.

In jener Zeit aber lagen die Rechtsverhältnisse der jungen, noch fast nur aus Zelten bestehenden Stadt sehr im Argen, und besonders erzählte man sich von dem, seit drei Monaten dort eingesetzten Richter, einem Mr. Black, die wunderlichsten Dinge. Er war dabei erste und letzte Instanz in Ludville, und an eine Appellation bei Kleinigkeiten gar nicht zu denken. _Wie_ er einmal entschied, so blieb die Sache, und man konnte allerdings größere Kosten, aber nie einen anderen Erfolg bei einem Weitertreiben derselben erwarten.

Uebrigens schien dieser Richter Black ein durchaus gescheuter Advokat, der sich nicht leicht in dem Recht oder Unrecht der vorgetragenen Fälle täuschen ließ, und wo sein eigenes Interesse nicht mit in’s Spiel kam, fielen seine Urtheile meistens richtig aus. Er machte auch nie lange Umstände; an einem einzigen Morgen wurden manchmal zwanzig verschiedene Prozesse oder Klagen vorgebracht, untersucht und erledigt, die Strafen aber, die er dictirte, fielen nur in „Unzen“ aus, und da das Meiste davon Sporteln für ihn und den Sheriff bildete, so wollte man ihm nachgerechnet haben, daß er sich schon in der kurzen Zeit ein bedeutendes Vermögen zusammengescharrt haben müsse.

Hudson erkundigte sich jetzt bei seinen Bekannten, in welcher Art eine Anklage gestellt werden müsse. _Alle_ aber, die er sprach, riethen ihm ab, Richter Black, oder auch ~Dr.~ Black, wie er genannt wurde, zu belästigen, denn es sei allerdings kein Zweifel, daß der jetzige Besitzer der Pferde diese herausgeben und möglicher Weise auch noch Strafe dazu zahlen werde, er selber könne sich aber ebenfalls darauf verlassen, daß er nur Umstände und Lauferei davon habe, und seine Thiere, ehe er sie in die Hände bekomme, jedenfalls noch einmal vorher bezahlen müsse.

Hudson beschloß deshalb, da die Sache überhaupt nicht von einem Tag abhing, Carmans Rückkehr zu erwarten, der auch schon am nächsten Morgen eintraf. Dieser aber ärgerte sich so über den Diebstahl, daß er unbedingt für eine Klage stimmte. Mußten sie den Werth der Pferde denn auch selber noch einmal bezahlen, was schadete das, der Mexikaner sollte sich wenigstens nicht rühmen können, sie betrogen zu haben. Ueberdies hatten sie noch fast vierzehn Tage Zeit, bis der nächste Dampfer nach Panamá abging, also auch in dieser Hinsicht Nichts zu versäumen.

Hudson wurde also mit der Klage beauftragt und ging in das Zelt hinüber, das gegenwärtig zum Gerichtszimmer benutzt wurde. Dort traf er auch zeitig genug ein, um noch Zeuge von ein paar sehr drastischen Rechtssprüchen zu sein.

Der Doctor, ein sehr elegant gekleideter Herr in schwarzem Frack und weißer Halsbinde -- Figuren, wie man sie sonst in den Minen eigentlich nie zu sehen bekommt, saß, mit dem Hut auf dem Kopf, hinter seinem etwas erhöhten Tisch; neben ihm räkelte sich der Sheriff auf einem anderen daneben stehenden Sessel, und zerschnitzte denselben aus Mangel an besserer Beschäftigung mit dem Federmesser.

Der erste Fall betraf einen Franzosen, gegen den ein Californier klagbar war, ihm bei einer Zahlung zwischen dem Waschgold etwa anderthalb Unzen Bronzestücken von einer alten zerdrehten und unächten Uhrkette mit hineingemischt zu haben. Der Franzose leugnete, der Californier aber brachte Zeugen und Doctor Black entschied ohne Weiteres, daß der Betrüger dem Betrogenen den doppelten Werth der eingeschwärzten Stücke und als Strafe für das Gericht zwei Unzen bezahlen müsse.

Der Franzose wußte, daß kein Sträuben half, und holte das Gold heraus, wie er aber zum Tisch trat und die bei Seite geschobenen Bronzestücke betrachtete, erklärte er: _Die_ Stücke habe er gar nicht eingemischt. Er gab zu, einen Betrug versucht zu haben, weil er geglaubt hätte, daß hier in Californien doch Alles „für Gold ginge“ -- da wäre aber auch ein Stück von einer alten Hutschnalle und ein Knopf dabei, die er in seinem ganzen Leben nicht gesehen hätte, und die müßte der Californier jedenfalls noch dazu gethan haben, um das Gewicht zu vergrößern.

„Er wäre ein Esel, wenn er’s _nicht_ gethan hätte, Sir,“ entschied aber Richter Black ganz ruhig, -- „hätte _ich_ Euch verklagt, so könntet Ihr Euch darauf verlassen, daß Ihr ein _Dutzend_ Knöpfe darunter finden solltet.“

Der zweite Fall betraf einen gemeinen Diebstahl, den sich ein Amerikaner hatte zu Schulden kommen lassen. Ein Italiener, den er bestohlen, klagte wider ihn, und der Missethäter, ein armer Teufel und erst seit kurzer Zeit in den Minen, gestand denn auch endlich nach kurzem Kreuzverhör seine Sünde ein, und producirte sogar das Gestohlene -- eine goldene Taschenuhr, die er die ganze Zeit bei sich getragen. Richter Black war aber so entrüstet über diese Thatsache, daß er in vollem Zorn ausrief:

„Schämst Du Dich nicht, Du Lumpenkerl, der Du Dich einen Amerikaner nennst, hier in Californien, wo Jeder sein Brod verdienen kann, auf so gemeine Art zu stehlen? -- Fort mit Dir, Du Canaille, Du bist ein so erbärmlicher Charakter, daß ich mich gar nicht weiter mit Dir einlassen mag. Schmeißt ihn hinaus, Sheriff.“

Dem Burschen geschah in der That, und wahrscheinlich zu seiner sehr freudigen Ueberraschung, gar Nichts weiter, als daß er die gestohlene Uhr abliefern mußte und hinausgeworfen wurde. Der Kläger aber, von dem man wußte, daß er Geld hatte, sah sich genöthigt, die Kosten zu bezahlen -- zwei Unzen, wie gewöhnlich für derartige Bagatellsachen -- erhielt dann seine, vielleicht anderthalb Unzen werthe Uhr, und durfte den Gerichtshof verlassen.

Hudson, um den sich Niemand kümmerte, hatte sich in der Zeit damit beschäftigt, das Wesen der beiden Amtspersonen, Richter und Sheriff, wie diese selber genauer zu beobachten, und wie es manchmal im Leben geschieht, daß uns durch irgend ein Wort, einen Ton, oder irgend einen anderen, noch so geringfügigen Umstand irgend ein Moment unseres Lebens in’s Gedächtniß gerufen wird, so starrte er plötzlich den Richter an -- gerade als dieser einmal laut auflachte, und war von dem Augenblick an so zerstreut, daß er gar nicht mehr wußte, was um ihn her vorging und nur den Mann fortwährend im Auge behielt.

Wo um Gottes Willen hatte er denn diesen Mr. oder ~Dr.~ Black schon gesehen -- das Gesicht kam ihm _so_ bekannt vor und war ihm doch dabei wieder so fremd. Der Mann trug ächt amerikanische Züge -- eine etwas lange gerade Nase, einen kleinen scharfgeschnittenen Mund. Auffällig an ihm war das dunkle, ganz kurz geschnittene Haar und ein entschieden und sogar außergewöhnlich zurückstehendes Kinn, das er sich nicht erinnerte je gesehen zu haben, und doch schienen ihm die Züge so bekannt, daß er hätte darauf schwören mögen, schon mit ihnen zusammengetroffen zu sein.