Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des jeweiligen Kapitels der betreffenden Erzählung verschoben. Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden in ihrer Umschreibung dargestellt (Ae, Oe, Ue).
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: _Unterstriche_ Antiqua: ~Tilden~
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Hüben und Drüben.
Neue gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.
Dritter Band.
Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1868.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
1. Das Loch in der Hose 1
2. Richter Black 163
3. Martin 253
4. Hasenjagd bei Gotha 310
Das Loch in der Hose.
Erstes Kapitel.
Auf der Promenade.
Der warme Sonnenschein des ersten wirklichen Frühlingstages hatte eine Menge von Menschen hinaus in’s Freie gelockt, und der sogenannte „Promenadenweg“ in der Stadt Hoßburg zeigte Schwärme von fröhlichen Stadtbewohnern. Verließen sie doch jetzt den langen Winter hindurch in ihren Häusern eingeengt, wie die Bienen ihren Bau, um sich an dem blauen Himmel und der milden, balsamischen Luft zu erfreuen.
Ein Frühling in Deutschland! -- Man mag unser nordisches Klima mit Recht verlästern und sich zehn Monate im Jahr fragen, wie es möglich ist, daß vernunftbegabte Menschen es in einem solchen Himmelsstrich aushalten, und im Winter der Kälte, im Sommer der Hitze und im Herbst den rasenden Nordweststürmen wieder und wieder trotzen. Ein einziger Frühlingstag giebt die Antwort, und wie ein immer gesunder Mensch eigentlich nie weiß, daß er gesund ist, und sich deßhalb seines vortrefflichen Zustandes auch gar nicht recht erfreuen kann, ebenso weiß kein Bewohner der Tropen, wo ewiger Frühling herrscht, das zauberschöne Wort Frühling zu schätzen -- ja, er hat es nicht einmal in seiner Sprache und keine Ahnung davon, welches Entzücken uns durchströmt, wenn nach dem langen Winterschlaf die Natur endlich doch wieder erwacht und der Frühling mit schmetternden Lerchenfanfaren seinen fröhlichen Einzug hält.
Es giebt keine wonnigere Zeit in der Welt als einen deutschen Frühling, und nicht allein in das kleine Herz des Wandervogels zieht die Luft ein, hinaus in’s Freie, fort fortzustreben, immer fort, in die weite herrliche Welt; nein, der Mensch empfindet das Nämliche, und welches Geschäft er auch treibe, welches Amt, welche Pflicht ihn an die Scholle fesselt, in _der_ Zeit wird es ihm am schwersten, derselben zu folgen, und er benutzt wenigstens jeden freien Moment, um auszufliegen, soweit ihn seine Kette läßt. Leider ist diese Kette nur bei den meisten Leuten entsetzlich kurz, und beschränkt ihre „Wanderlust“ auf das dürftigste Maß -- einen Spaziergang um die Stadt herum, aber -- „sie schöpfen doch wenigstens frische Luft“, und auch in Hoßburg hatten sie sich das heute zu Nutz gemacht.
Wie das herüber und hinüber wogte, von fröhlichen lachenden Gruppen, und wie zahlreich eigentlich das schöne Geschlecht vertreten war, das heute, am ersten Mai, auch zuerst die langersehnte Gelegenheit bekommen hatte, schon längst bereit liegende Frühlingskleider in Glanz und Licht hinauszutragen! Wie an einem Sonn- und Feiertag war das junge Volk geputzt; und wie das dabei mit einander kicherte, lachte und plauderte, und wie sorgfältig es einander musterte und prüfte!
Wenn sich weit draußen in See zwei Schiffe begegnen, so stehen die beiden Kapitäne jeder an seinem Bord mit dem Fernrohr in der Hand, um erst einmal die Flagge zu erkennen, und wenn die nicht gezeigt wird, nach der Takelage und dem ganzen Schnitt der „~rigging~“ das fremde Fahrzeug „auszumachen“. Alles wird dabei auf das Genaueste beobachtet, der Stand der Masten, der Schnitt der Segel, der Bau des Rumpfes vom Bug zum Heck, selbst die Malerei an Bord, und erst völlig außer Gesichtsweite schiebt der Seemann sein Teleskop wieder zusammen und tauscht mit dem Steuermann seine Bemerkungen über das fremde Segel.
Dieselbe Beobachtung können wir an Land machen, wenn sich zwei fremde Damen auf der Straße begegnen und ihre Flagge nicht zeigen -- d. h. einander nicht grüßen. Keine verwendet, während sie aneinander vorbeisegeln, einen Blick von der „~rigging~“ oder Takelage der Anderen; jedes Band wird gemustert, jede Blume auf dem Hut oder im Haar, Besatz und Schnitt des Kleides oder Ueberwurfs abgeurtheilt. Mit einem langen Blick, „vom Bug zum Heck“, fliegt das prüfende mitleidlose Auge und übersieht Nichts, sei es noch so klein und unbedeutend, keine falsche Locke, keinen gefärbten Besatz, keine unächte Spitze, keinen altmodigen Schnitt irgend eines Theils -- bis das fremde Fahrzeug vorüber gesegelt ist, und selbst dann noch wendet sich der hübsche Kopf prüfend zurück und erröthet leicht und dreht sich rasch wieder ab, wenn er die nämliche beobachtende Bewegung am Gegenpart bemerkt.
Und welche prachtvolle Gelegenheit, solch’ praktische Erfahrung in fremder Toilette zu erwerben, bietet ein solcher erster Frühlingstag, wo nicht allein die Blumen und Blüthen draußen in Wiese und Wald anzukommen anfangen, sondern in vollem Farbenschmuck schon auf den Hüten und Wangen der jungen Mädchen strahlen -- wer hätte sie versäumen mögen!
Ganze Trupps junger Schönen wanderten auf und ab, lachend und plaudernd, wenn sie sich begegneten, und ehrbar und züchtig wieder grüßend, wenn junge Leute ihrer Bekanntschaft vorüber gingen, nach denen sie aber um’s Leben nicht den Kopf hätten drehen dürfen -- wie schwer ihnen das oft auch wurde.
Die munterste von Allen war die sonst eigentlich weit mehr ernste und sinnige Tochter des Justizraths von Hochweiler, Elisabeth, eine reizende Brünette von vielleicht neunzehn Jahren, und sie vor allen Anderen musterte die ihr Begegnenden. So still und ehrbar sie aber auch an ihnen vorüber schritt, nicht eine falschgelegte Falte entging ihrem Blick, und mit viel Geist und einem trefflichen Humor wußte sie immer, sobald sie vorbei waren, so treffende und oft komische Bemerkungen zu machen, daß ihre Begleiterinnen manchmal kaum ein lautes und jedenfalls unschickliches Lachen unterdrücken konnten.
Auch die Herren entgingen der scharfen Geißel ihres unerbittlichen Witzes nicht. Je freundlicher und ehrerbietiger sie grüßten, desto schärfer wurden sie durchgenommen und reichen Stoff boten sie ja. -- Der trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wie ein Oberkellner, Jener einen Zwicker im Auge, wie ein Lieutenant -- dieser war geschnürt, der Andere hatte Sporen angeschnallt und wußte nicht einmal, von welcher Seite man „gewöhnlich“ auf ein Pferd hinaufsteigt; kurz, es kam Keiner ohne einen kleinen Seitenhieb vorbei, und je harmloser diese auch im Ganzen waren, desto besser amüsirten sich die jungen Damen dabei.
So waren sie schon fast um die ganze Promenade herumgeschritten und wieder in der Nähe ihrer eigenen Wohnung angelangt, als ihnen ein junger Mann begegnete, der durch seine äußere Erscheinung ihre Aufmerksamkeit plötzlich fesselte.
Er ging allerdings sehr anständig, ja, elegant gekleidet, aber in dem etwas steifen Hoßburg war das Auge in der Tracht an eine gewisse Adrettheit -- ja, man hätte sagen können Pedanterie gewöhnt -- wie das meist immer in Handelsstädten der Fall ist, und davon wich der ihnen Begegnende allerdings auffällig ab. Das konnte keinenfalls ein Kaufmann sein -- darin waren die jungen Damen augenblicklich einig, denn schon die unverkennbare Nonchalance, mit der er sich bewegte, harmonirte nun und nimmer mit dem regelmäßigen Geschäftsgang der Stadt.
Er trug einen vollen, nur etwas kurz gehaltenen, doch sorgfältig gepflegten Bart -- aber -- an der Weste war nur der zweite und dritte Knopf zugehakt und das schwarzseidene Halstuch hielt locker den, allerdings schneeweißen Hemdkragen zusammen. Ebensowenig saß ihm der Hut vorschriftsmäßig und nach Geschäftsbegriffen steif auf dem Scheitel, sondern neigte, wenn auch nicht übermäßig viel -- doch etwas nach der rechten Seite über. Außerdem trug er ein kleines, in Papier geschlagenes Paket unter dem Arm -- lauter Dinge, die nicht recht nach Hoßburg paßten.
Elisabeth’s Blicke flogen aber unwillkürlich nach seinem Knie hinab, denn dort zog eine auffallende Unregelmäßigkeit ihr Auge auf sich. Das Beinkleid war nämlich an jener Stelle zerrissen und zwar nicht etwa wieder ausgebessert, sondern ein Stück des leichten, hellgestreiften Tuchs hing offen herab, als ob der Eigenthümer vielleicht eben erst an einem Nagel hängen geblieben wäre, und den Schaden nicht einmal bemerkt hätte -- er würde sich doch sonst sicher nicht in dem Zustand auf offener Promenade gezeigt haben.
Jetzt passirte er sie, wie fragend hob sich ihr Auge zu ihm auf und ihre Blicke begegneten sich, ja, die junge Dame hatte ihn unwillkürlich so fest angeschaut, daß er, als er an ihr vorüberging, unwillkürlich den Hut zog, und ihr damit das Blut in Wangen und Schläfe jagte.
„Kanntest Du den Herrn mit den zerrissenen Unaussprechlichen, Lily?“ kicherte ihr die noch jugendliche Schwester in lachendem Uebermuth zu, als der Fremde kaum weit genug entfernt sein konnte, selbst die Worte zu verstehen, denn ihren Klang mußte er jedenfalls gehört haben.
„Aber Käthchen,“ rief Elisabeth erschreckt, „das schickt sich ja gar nicht.“
„So in der Stadt herumzulaufen, nicht wahr?“ lächelte das junge muthwillige Mädchen, indem sie den Kopf zur Seite wandte, aber jetzt selber bestürzt wieder herumfuhr, „wahrhaftig er sieht sich nach uns um.“
„Du bist auch gar zu ausgelassen, Käthchen,“ ermahnte sie die ältere Elisabeth, „wer dreht den Kopf nach einem Herrn, wenn er vorübergeht.“
„Als ob Du das nicht vorher selber gethan hättest,“ spottete das junge Mädchen, „als der Marineoffizier an uns vorüberging.“
„Weil ich die Uniform sehen wollte,“ sagte Elisabeth.
„Wie sie saß, nicht wahr?“ lachte Käthchen. „Aber wer das nur gewesen sein mag; sicher kein hiesiger Kaufmann, vielleicht ein Fremder, der eben erst von Australien oder Ostindien angekommen ist. Und wie wird er sich ärgern, wenn er merkt, daß er hier mit zerrissenen Kleidern promenirt hat.“
„Laß uns umkehren,“ sagte Elisabeth plötzlich.
„Ja,“ rief Käthchen rasch, „vielleicht begegnen wir ihm noch einmal.“
„Aber deßhalb doch nicht,“ sagte Elisabeth und fühlte trotzdem, daß sie wieder roth wurde, „es wird auch schon spät und wir müssen nach Hause zurück.“
„Und den Marineoffizier treffen wir gewiß wieder am Rothenthor. -- Er wohnt im Hotel Belvedere.“
„Und woher weißt Du das, mein Schatz?“
„Weil ich ihn ein paar Mal gesehen habe, wie er sich vor dem Hotel nach Tisch die Zähne stocherte,“ lachte Käthchen. „Du wirst mir also zugestehen müssen, daß es ohne Zauberei zugegangen ist.“
Noch während sie sprachen, fuhr eine offene Droschke vorüber, und der Herr mit dem zerrissenen Beinkleid saß darin. Er mußte seinen Schaden bemerkt haben, denn sein Taschentuch in der Hand haltend, ließ er es über das linke Knie fallen. Die Damen schien er aber nicht wieder zu bemerken, sondern sah still und theilnahmlos hinaus in’s Leere.
Die jungen Mädchen sprachen noch eine Weile über das Zusammentreffen, aber andere ihnen Begegnende verwischten bald wieder die nur flüchtig aufgenommenen Bilder, und schon ehe sie nach Hause zurückgekehrt waren, dachte wenigstens Käthchen an keinen der Herren mehr, die sie unterwegs getroffen hatten, und plauderten nur unaufhörlich von den prachtvollen Toiletten, die sie heute gesehen, von den „süßen“ Roben und Blumen und dem wundervollen Wetter, wie dem herrlichen Spaziergang.
Zweites Kapitel.
Der Mord.
Auf den sonnigsten Tag folgt oft ein trüber Abend. Plaudernd und lachend kehrten die jungen Mädchen in ihre eigene Wohnung zurück und fanden dort das ganze Haus in Aufruhr und Schrecken und die Menschen herüber und hinüber laufend.
Ein Mord war verübt -- am hellen lichten Tag, in einem großen, bewohnten Gebäude, wo fast keine Minute verging, in der nicht Menschen die Treppe auf und abstiegen, und das Unmittelbare des Ereignisses traf Alle bis in’s innerste Mark.
Der Justizrath von Hochweiler bewohnte die erste Etage des Wiesenwegs -- einer der ersten, belebtesten Straßen der Stadt. Rechts im unteren Stock befand sich ein Modewaarengeschäft, in welchem einige zwanzig junge Mädchen beschäftigt waren und ihren Eingang über die Flur hatten, links in dem beschränkteren, aber immer noch sehr bequemen Quartier logirte eine alte Dame -- ein Stiftsfräulein, schon seit vielleicht fünfzehn Jahren, und obgleich sie sehr wenig mit ihren Hausgenossen verkehrte, hatten sie doch Alle ihres stillen, freundlichen Benehmens wegen gerne. Sie machte übrigens keine Besuche und empfing keine; eine alte Magd, die so lange bei ihrer Herrschaft war, daß sie selber die Zahl der Jahre vergessen hatte, besorgte die kleine Wirthschaft, und ein Kanarienvogel, wie ein Wachtelhündchen, waren die einzigen Gesellschafter, die sie um sich hatte -- mit Ausnahme des kleinen Töchterchens der Modistin, das manchmal zu ihr hinüber kam und ihr mit seinem ungeschickten Mäulchen -- das kleine Ding war kaum drei Jahr alt -- vorplaudern mußte. Von der Welt wollte die alte Dame Nichts wissen, sie hatte davon -- wie sie manchmal äußerte -- mehr gesehen und mehr darin erlebt, als ihr lieb war. Das Stammeln des Kindes, das Zwitschern des Vogels und das Bellen ihres Hündchens waren ihr da die liebste Unterhaltung.
In der Stadt hieß es allerdings, die Dame sei sehr reich, aber wenn das wirklich der Fall gewesen wäre, so ließ sie ihre Umgebung Nichts davon merken. Sie lebte sehr einfach, fast ärmlich, und vermied es sorgfältig, über ihre Verhältnisse je zu sprechen. Uebrigens fiel sie Niemandem zur Last und für arme Leute hatte sie immer noch eine Gabe übrig.
Unerklärlich war es deßhalb, wer -- ganz abgesehen von dem Wagniß, bei der Ausführung eines solchen Verbrechens augenblicklicher Entdeckung preisgegeben zu sein, -- die Hand an die arme alte Frau gelegt haben konnte, und so spurlos schien der Thäter verschwunden, daß kein Inwohner des ganzen Hauses sich erinnerte, eine irgend auffällige Gestalt bemerkt, oder überhaupt gesehen zu haben, daß Jemand bei der „Stiftsdame“ eingelassen worden, oder ihre fast immer verschlossene Wohnung wieder verlassen hätte.
Gegen sechs Uhr Nachmittags erst hatte die Modistin ihr kleines Mädchen von drüben abholen wollen, weil sie ihr über die Zeit ausblieb und auf ihr Klingeln keine Antwort bekommen. Sie war ängstlich geworden, und als die, jetzt aus der Stadt zurückkehrende alte Magd sich das Schweigen im Innern der Wohnung auch nicht zu erklären wußte, hatte man endlich Polizei und einen Schlosser geholt, und dann freilich rasch genug die furchtbare Ursache entdeckt.
Leise weinend und in Todesangst kauerte das arme dreijährige Kind unter dem Schreibtisch und wagte sich nicht einmal vor, als die Mutter in Schreck und Entsetzen auf es zustürzte, um zu sehen, ob ihrem Liebling ein Leid geschehen. In ihrem Lehnstuhl aber lag die alte Dame, todt -- mit keinem Zeichen äußerer Gewalt, als einem blutigen Fleck an ihrem rechten Schlaf. Aber das nicht allein verrieth die hier verübte Gewaltthat, sondern mitten im Zimmer lag auch noch das kleine zierliche Wachtelhündchen der Erschlagenen. Es lebte allerdings noch, aber sein Rückgrat war gebrochen, und es winselte nur, als Menschen eintraten, von denen es vielleicht eine mögliche Hülfe erhoffen mochte.
Und wild und wüst sah es in dem sonst so freundlichen und ordentlichen Gemach aus. Die Schubladen des Sekretärs und der Kommode waren aufgerissen und Sachen daraus auf dem Boden wirr umhergestreut. Die Räuber hatten dort ihre Beute gesucht und sich nicht die Zeit genommen, die Spuren ihrer Missethat soviel als möglich wenigstens wieder zu verwischen. Nur nach beendigtem Raub schienen sie den sonst im Innern steckenden Schlüssel abgezogen und von außen zugeschlossen zu haben. Der Schlüssel selber fehlte aber und umsonst bemühte sich die Polizei, jetzt irgend eine noch so unbedeutende Spur der Thäter zu finden.
Es blieb Alles vergebens. Nicht das Geringste hatten sie zurückgelassen, als das blutige Zeichen an der Stirn der armen, unglücklichen alten Frau. Der Justizrath, der augenblicklich herunter gerufen war, ließ das Zimmer absperren, und untersuchte Alles selber, er fand Nichts, und jetzt wurden die Hausleute examinirt, um durch sie eine mögliche Spur zu erhalten.
Gerade als das geschah, kamen die jungen Damen von ihrem heiteren Spaziergang zurück, und Tod und Blut grüßte sie an der Schwelle.
Zwei fremde Menschen waren an dem Nachmittag durch verschiedene Personen im Haus gesehen worden. Der eine von diesen sollte ein Schreinergesell gewesen sein, der eine Arbeit gebracht hatte; ein kleines, ganz neues Seitentischchen stand auch, nur bei Seite geschoben und nicht an seinem bestimmten Platz, in der Stube.
Der Andere war ein Handwerksbursche. Des Justizraths eigenes Dienstmädchen hatte ihn an der Thür des „Stiftsfräuleins“ klingeln sehen, und sein Kamerad wahrscheinlich (ein Anderer mit einem Ranzen auf dem Rücken) indessen in der Hausthür, den Ersten erwartend, gestanden.
Der Schreinergesell wurde augenblicklich citirt, aber mußte auch ebenso rasch wieder entlassen werden, da nicht der Schatten eines Verdachts auf ihn fallen konnte. Er hatte nur den Tisch abgeliefert und selber in das Zimmer getragen und war dann ungesäumt zu seiner Arbeit zurückgekehrt. Das Mädchen sollte jetzt eine genauere Beschreibung der beiden Handwerksburschen geben, hatte aber nicht weiter auf sie geachtet. Gerade als sie das Haus verließ, seien sie hinein getreten -- weiter wisse sie Nichts von ihnen -- nur daß der Eine an der Thür geklingelt, habe sie noch gesehen.
„Und wie sahen sie aus?“
„Ja lieber Gott, wie Handwerksburschen aussehen, ein Bischen abgerissen und verwildert.“ Der Eine habe geschielt, das erinnere sie sich noch.
Das war wenigstens ein Anhalt, und die ganze Polizei wurde jetzt in Bewegung gesetzt, um auf einen schielenden Handwerksburschen zu fahnden.
Der Justizrath hatte indessen auch das kleine Mädchen befragen wollen, das jedenfalls Zeuge der ganzen furchtbaren Scene gewesen, aber das Kind war so eingeschüchtert und geängstigt, daß es in einemfort schrie und weinte und sich an seine Mutter anklammerte. Die einzigen Worte, die man aus ihm herausbrachte, waren: „Böse Mann Jeanette todtschlagen.“ Die Kleine fürchtete sich dabei vor allen Menschen, die ihr nahe kamen, und es blieb nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand ganz in Ruhe zu lassen. Mit der Zeit brachte dann vielleicht die Mutter Näheres aus ihr heraus, was möglicher Weise einen Anhaltspunkt geben konnte.
Im Hause des Justizraths war es indessen recht unheimlich geworden, denn der Mord, da er des Justizraths ganze Thätigkeit in Anspruch nahm, bildete fast das Hauptgespräch eines wie aller Tage, und die Mädchen fürchteten sich schon, wenn sie nach Dunkelwerden den Hausflur passiren mußten. Die Töchter drängten auch den Vater, er möge mit ihnen, da der Sommer außerdem mit Macht hereinbrach, einen lang be- und versprochenen Plan ausführen, und auf einen oder zwei Monate an den Rhein gehen, aber er konnte jetzt nicht fort, denn immer verwickelter gestaltete sich die Untersuchung, die aber trotzdem nichts Bestimmtes ergab, so viel Verdachtsgründe auch nach der und jener Seite auftauchen mochten.
Aus dem Kind war Nichts herauszubringen gewesen, die Mutter hatte es selber übernommen, es allmälig zu befragen. So rasch sich die Kleine aber in der freundlichen Umgebung der eigenen Wohnung beruhigte, so fing sie doch den Augenblick wieder an zu weinen und klammerte sich an die Mutter fest, sobald diese jener Scene auch nur Erwähnung that. Es war ein „Böser Mann“ gewesen, weiter wußte sie Nichts -- hatte sich um weiter Nichts bekümmert, und hörte erst auf zu weinen, wenn ihr die Mutter ein Spielzeug gab und ihre Gedanken in eine andere Bahn lenkte.
Allerdings waren nicht weniger als acht Handwerksburschen aufgespürt und eingeliefert worden, und Einer von diesen, der wirklich schielte -- gestand, daß er an jenem Tage -- in Begleitung eines anderen, den er aber nicht weiter kannte, und der auch nicht aufgetrieben werden konnte -- in der Stadt fechten gegangen sei. In welchen Häusern er aber gewesen, konnte er nicht mehr angeben, und da man auch nicht das geringste Verdächtige, sondern nur ein paar Groschen Kupfergeld und zerrissene Wäsche und Stiefeln bei ihm fand, ließ sich ebenfalls kein Beweis darauf stützen. Man hielt ihn allerdings noch einige Tage in Haft, mußte ihn aber zuletzt wieder frei lassen.
Indessen war der Nachlaß der alten Dame untersucht worden, und man hatte bei ihr wohl ziemlich viel schweres Silberzeug, aber sehr wenig baares Geld und gar keine Werthpapiere gefunden, während doch konstatirt wurde, daß sie zahlreiche Coupons allmonatlich bei einem bestimmten Bankier eingelöst. Auch viele Juwelen sollte sie gehabt haben, wie einer der Juweliere in der Stadt beim Kriminalamt anmeldete, und dabei erklärte, daß er selber verschiedene Male zu der alten Dame gerufen sei, um dieselben abzuschätzen.
Spuren hatten der oder die Verbrecher, wie schon erwähnt, gar keine zurückgelassen, im Ofen fand man aber eine Menge verbrannter Papierasche, wo es freilich zweifelhaft blieb, ob die alte Dame nicht selber vielleicht kurz vorher Briefe verbrannt habe, denn welches Interesse konnten die Diebe daran nehmen. Nur wenige Briefe lagen in einem kleinen oberen Gefach, und bei diesen auch ein, freilich von keinem Notar unterzeichneter „letzter Wille“, der ihr Vermögen an baarem Geld und Werthpapieren auf sechzigtausend Thaler angab, und dasselbe der Stadt zur Gründung eines Waisenhauses vermachte.
Man ließ allerdings noch einen Kunsttischler die verschiedenen Möbel genau untersuchen, um vielleicht ein verborgenes Fach zu entdecken, aber umsonst; der Mörder schien Alles -- bis auf wenige hundert Thaler, die in einem Kommodenfach lagen, gefunden und mitgeführt zu haben, und der Verdacht lag nahe, daß Jemand die That verübt haben müsse, der gewußt habe, wo er das Geld zu suchen hatte, da er nur so kurze Zeit zu dem Ueberfall gebraucht. Man überwachte deßhalb die Bewohner des Hauses selber auf das Sorgfältigste, doch auch hier ohne den geringsten Erfolg, und die Akten mußten endlich, da sich nicht einmal eine Liste der vermutheten Werthpapiere fand, nach denen man vielleicht den Nummern hätte nachforschen können, geschlossen werden. Ein Schleier lag auf der dunklen That, und der Verbrecher hatte sich dem strafenden Arme der Gerechtigkeit entzogen.
In den Zeitungen waren indessen die Erben der Ermordeten aufgefordert worden, ihre Ansprüche zu erheben, aber es meldete sich Niemand, der solche auch hätte begründen können. Die Hinterlassenschaft der Ermordeten wurde deßhalb in öffentlicher Auktion versteigert und der Ertrag dem Fiskus überwiesen, um mit der Summe, die sich doch noch auf etwa sechstausend Thaler belief, im Sinne des aufgefundenen Testaments zu verfahren und sie dem Fond zuzuwenden, der schon für den nämlichen Zweck gesammelt worden.
Anfang September war das Alles erledigt, und den Justizrath drängte es jetzt selber, die lang aufgeschobene Reise anzutreten -- war ja doch auch dieß die günstigste Zeit, um den Rhein zu besuchen, und die Töchter jubelten.