Höxter und Corvey: Erzählung

Part 8

Chapter 81,365 wordsPublic domain

Im großen Refektorium der berühmten Benediktiner-Abtei Corvey sah's um diese frühe Morgenzeit wunderlich aus. Nachdem der Vater Adelhardus von Bruch von seinem Bogenfenster aus den Feuerschein über Höxter zur Genüge beobachtet und glossiert hatte, täuschte er das Vertrauen des Subpriors Herrn Florentius von dem Felde nicht. Behaglich schaudernd hatte er an seine geistlichen Brüder in der rauhen Winternacht gedacht, und bei der Heimkehr hatte des Stiftes Armada wirklich ihr Warmbier in den dampfenden Krügen auf den langen Eichentafeln aufgetischt gefunden; dazu die Öfen in Glühhitze und den Cellarius item und bereit, jegliches Lob von Prior und Probst bescheidentlich, aber seines Wertes bewußt, entgegenzunehmen.

Nun lag die Abtei zum zweiten Male in den Federn, aber der Vater Adelhardus hatte sich noch größer erzeigt: er war nicht mit den andern zu Bett gestiegen; einsam und allein hatte er inmitten der Halle, gerade unter der großen Kupferlampe, Stand gehalten und auf seinen Sohn Heinrich gewartet.

»In ihrer Selbstsucht sind sie hingegangen, nach genossenem Guten; mich aber soll er finden, so er ^labente lingua^, mit lechzender Zunge, anlangt!« Und der Bruder Henricus hatte seinen geistlichen Vater auf seinem Posten gefunden, nachdem er mit seiner Schar den Pförtner zum zweiten Male herausgeschellt hatte; und jetzo wollten wir, wir hätten des weißen Papieres noch so viel vor uns als zu Anfang dieser echten und rechten Geschichte, denn mit dem Bruder Henricus kam nun doch der Bruder Studio gen Corvey, und sie schüttelten einander die Hände über dem Tisch, der Pater Kellermeister und Meister Lambert Tewes.

Erst um fünf Uhr morgens dann hatte der Cellarius geseufzt:

»^Molliter, molliter!^ sachte, o sachte, mein Kind!« und die Warnung war vonnöten gewesen, denn es war eben der Studente, der ihn zu Bette brachte; -- und an des Kellermeisters Tür küßten sie einander, und der Vater Adelhard schluchzte:

»Nach Wittenberg willt du, mein Junge? Junge, was willt du in Wittenberg? -- Bleibe bei mir -- eine Bi-bli-_ooo_-thek haben wir auch, -- ich will sie dir morgen zeigen; -- bleibe du in Corvey, mein braves Kind -- ich zeige dir auch den Keller.«

»Na, alter Bursch, dieses wollen wir beschlafen. Seht Ihr aber, Pater Henrice, so haben uns die Götter nach ihrem Ratschluß, dem Ihr schnöde ins Angesicht sprangt, doch diesen Hafen zubereitet!«

Der Bruder Heinrich von Herstelle aber hatte das Haupt geschüttelt, als er vor seiner Zellentür sein hussitisch Schwert gegen die Wand lehnte:

»Es ist nur eine gewesen, die den Hafen in dieser Nacht in Höxter oder in Corvey erreicht hat.«

Der gute alte Mönch trug noch immer den Handschuh Justs von Burlebecke an seiner linken Hand; jetzt zog er ihn ab und schlang ihn in den Griff der Hussitenwaffe; er nahm das alte Angedenken nicht mit in seine Zelle. Dem Studenten wies er ein Bett an, und zehn Minuten später sägte, sang und raspelte Lambert, wie im Wettkampf mit ganz Corvey, Horen und Metten zu gleicher Zeit. Da raschelte es im Abteihofe in einem Reisighaufen; fürsichtig schob sich ein scharfbeschnäbeltes, rotkämmig Haupt hervor, der eine Hahn, den der Gallier übriggelassen, das heißt, der dem Küchenmesser sich entzogen hatte, wagte sich halb verhungert zum ersten Mal aus seinem Versteck, schwang sich auf die Höhe des Reisigs und krähete: Da horchte der Vater Adelhardus im tiefen Schlafe auf, -- und es war [eine>>ein] neuer Tag geworden, gerade so grau und winterlich stürmisch wie der letztvergangene.

In Höxter hielt das hebräische Völklein der toten Leah die Leichenwacht, und die Weiber sangen den Trauergesang und sprachen der Simeath Trost zu. Der Meister Samuel aber hatte noch ein anderes zu schaffen. Er war mit Hammer, Säge und Axt beschäftigt, die Tür des Hauses der Kröppel-Leah wieder einzurichten. Der Herd war bereits notdürftig in Ordnung gebracht, und es flackerte auch schon ein Feuerchen darauf und sang das Wasser in einem Kesselchen. Durch die Fenster zog freilich noch immer der Wind; wenn jemand im siebenzehnten Jahrhundert in Deutschland schwer zu beschaffen war, so war das der Glaser.

Ehrn Helmrich Vollbort saß eingeschlossen in seinem Studierstüblein, welches nach dem Garten zu gelegen war und seine Scheiben noch unversehrt hatte. Wahrlich ein Mann, so saß der Pfarrherr von Sankt Kilian inmitten seines Rüstzeugs und spitzte scharfe Keile zum Eintreiben in die Paragraphen und Fugen des drohenden Gnaden- und Segen-Rezesses Christoph Bernhards von Galen, Bischofs zu Münster und Administrators von Corvey, der eben mit dem französischen Louis Krieg gegen Holland führte und gern das Seinige tat und riet, so beiläufig Kolmar französisch zu machen. -- Der Bürgermeister von Höxter aber hub eben an, die Gassen seiner Stadt nach dem französischen Abmarsch zu kehren: -- er, Herr Thönis Merz, hatte des guten Exempels halber selber einen Besen genommen und den zweiten Herrn Wigand Säuberlich höflich in die Hand genötigt.

Nach Mittag inspizierte der Corveysche Gubernator und bischöflich Münstersche Hauptmann Herr Meyer wieder einmal die Wacht am Brucktore und warf spähende, argwöhnische Blicke über den Fluß nach dem verdächtigen, nebeligen jenseitigen Ufer; er traute dem Oberstwachtmeister Noht immer noch nicht, und dieser heimtückische Nebel war ihm äußerst unbehaglich. Der alte Fluß rauschte und grollte wie gestern über die zertrümmerte Brücke fort; doch ein neuer Fährmann war bestellt worden und zwängte seinen Weg, keuchend, wie gestern Hans Vogedes den Wassern ab.

Der Fährkahn schwamm auf der Weser, und in ihm stand, mit einer Scholarenzehrung des Stifts Corvey in der Tasche und seinen Horaz unter dem Arm, der Student Lambert Tewes und schwang den Hut dem Bruder Henricus zu, der dem tollen Lateiner wohlwollend nachwinkte. Der Student ging doch nach Wittenberg, obgleich er den Keller des Vaters Adelhardus kennen gelernt hatte.

Nun trat eben der Hauptmann zu dem Bruder Heinrich von Herstelle, ihn zu begrüßen; und der Bruder wendete sich zu ihm und sagte:

»Über Sie ist noch geredet im Konvent, Herr Gubernator. Man wird Sie bei erster passender Gelegenheit Seiner fürstlichen Gnaden von Münster zur Promotion vorschlagen, zum Avancement.«

Da lächelte der Hauptmann gerührt und meinte:

»Ein Gnadengehalt, vielleicht mit dem Titul Major, wäre mir wohl das Annehmlichste. Ich bin und bleibe ein halber Mensch seit der verfluchten Trommelgeschichte.«

Der alte, tapfere Mönch zuckte die Achseln und blickte wieder seinem Freunde Herrn Lambert nach.

Zu dem sagte eben, als der Kahn drüben ans Ufer stieß, der Fährmann:

»Du willst also doch nochmalen in das gelehrte Wesen hinein, Tewes? Tu's nicht; laß dir raten, bleib in Höxter. Wir stehen alle zu dir und machen dich seinerzeit zum Burgemeister, du passest uns ganz und gar auf den Leib.«

Da lachte der Student und zitierte noch einmal den Flaccus, doch jetzt nicht in schlechten Reimen, sondern, wie er meinte, in guter poetischer Prosa, selber verwundert ob des klassisch-melodischen Tonfalls:

»Unsinn trieb ich lange genug und tappte im Irrsal; ging um die Kirche herum, ein Verächter der Götter und Menschen. Doch nun wend' ich das Segel und rückwärts steur' ich bedenklich.«

»Na, noch ist's Zeit,« brummte der Fährmann, »besinn dich, Lambert. Es ist nichts Kleines, Bürgermeister von Höxter!«

»Für heute lassen wir den alten Merz in Ruhe auf seinem kurulischen Lehnstuhl, Jochen,« rief der Student, dem Schiffer die Hand drückend, »dem Herrn Onkel und der Frau Tante möchte ich freilich schon das Vergnügen und die Überraschung gönnen. Weißt du was? -- Ich komme wieder!«

Damit sprang er ans Ufer und ging raschen Schrittes auf Lüchtringen zu.

Ich komme wieder! das wird oft und leicht gesagt. Dieser Helmstedter Studiosus der Rechtsgelahrtheit ist zwei Jahre nach der Krönung des ersten Königs in Preußen als Professor der Beredsamkeit zu Halle gestorben, und sein Horatius soll sich in den vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in der Bibliothek des ersten Professors der Ästhetik, Alexander Gottlieb Baumgarten, wiedergefunden haben.

Anmerkungen zur Transkription

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[S. 13]: ... Der Bruder Hinricus lächelte ein wenig. ... ... Der Bruder Henricus lächelte ein wenig. ...

[S. 60]: ... Bei allem diesen Getön entschlummerte nach den geistigen ... ... Bei allem diesem Getön entschlummerte nach den geistigen ...

[S. 143]: ... uns fandet. Helfet dem unschudigen Kinde, der kleinen ... ... uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen ...

[S. 154]: ... Der Pfarrherr von Sankt Kilan stand mit untergeschlagenen ... ... Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen ...