Part 7
Die Kröppel-Leah fiel wieder zurück auf das Stroh, der Student hielt dem Benediktiner sein Buch noch einmal hin:
»Was meint Ihr, Reverendissime, jetzt werfe ich's zum übrigen, und wir fangen das Trödlergeschäft in Kompagnie an. Was leget Ihr aber in den Handel ein?«
Der greise Mönch stieß ihn nunmehr wirklich von sich; er kniete schon und suchte auf dem Boden. Mit unsicherer Hand warf er die Lumpen und Lappen hin und wider und ließ das Küchengeschirr und die erbärmlichen Raritäten und Kostbarkeiten untereinander erklingen.
»Beim heiligen Vitus,« rief er plötzlich, »das ist meiner seligen Mutter Werk! Sie gab die Handschuh ihm, als er vor mir auszog. Sie war im Herzen für die neue Lehre; ich ging für meinen Vater zu den Kaiserlichen! Das ist Justs Handschuh mit meiner Mutter Spruch: Geh grad! -- O Frau, o Leah, meine Mutter hat mit ihrer guten Hand die Goldfäden gezogen!«
Der Bruder Henricus hielt einen Reiterhandschuh, der mit verblaßtem Golde gestickt war, und nahm hastig, doch gerührt, von neuem die fieberhafte Hand der alten Jüdin:
»Das hat er Euch gegeben, Leah?«
Die Greisin strich die weißen, durch das Ringen mit dem Räuber gelösten Haare aus der Stirn und sagte:
»Ich verstehe den gnädigen Herrn Abt nicht.«
Sie war noch immer nicht ganz bei sich, oder die Betäubung trat doch immer noch von neuem ein.
»Des tollen Herzogs toller Reiter, Just von Burlebecke!« rief der Bruder Heinrich, sich wieder an den Studenten und die kleine Simeath wendend. »Er hat noch ein gut und lustig Jahr gehabt; dann ist er bei Stadtloo im Ernst erschossen, und niemand hat sein blutend Haupt mitleidig in den Schoß genommen, Leah!«
»Wie war denn das?« murmelte die Alte. »Es ist soviel nachher gekommen -- der Herr Feldmarschall von Tilly und im Jahre Neunundzwanzig der Herr Schwede Baudissin -- nein, Neunundzwanzig war's der Tilly wieder und der Herr von Pappenheim. Der General Graf Baudissin erstürmte Zweiunddreißig die Stadt. -- -- Dann war der blutige Gründonnerstag -- Vierunddreißig. Anno Vierzig berannten Seine Exzellenz der Feldzeugmeister Piccolomini Höxter. Die kamen mit Akkord herein, aber Sechsundvierzig stürmte wieder der Herr Feldzeugmeister Wrangel; -- wer redete da von dem Herzog Christian und Just von Burlebecke? Welch ein Jahr schreiben wir heut, Simeath?«
Das junge Mädchen nannte leise die Zahl, und die fiebernde Greisin flüsterte mit geschlossenen Augen:
»Gott Abrahams! der Herr ist der Herr der Heeresscharen; Zebaoth ist sein furchtbarer Name.«
»Das sagte mein Oheim vorhin auch,« meinte der Student, im schaudernden Unbehagen die Schultern in die Höhe ziehend.
Der Bruder Henricus hatte den Schemel an das traurige Bett der Kröppel-Leah gerückt und saß nun da nieder, sein rostiges Schwert zu seinen Füßen.
»Ja, ja,« sagte die Greisin, in ihrem verwirrten Sinn sich zurückdenkend, »ich erinnere mich wohl. Wir waren jung, und der Krieg kam eben erst aus dem Böhmerlande zu uns herüber. Mein Vater war der einzige Jüd, der in Höxter wohnen durfte, und ich ein jung Mädchen, Simeath. Wir freuten uns noch des Sommers, und der junge Kavalier ritt mit Lachen in das Stummerigentor. Was trieb mich aus dem Haus? Es ist einerlei -- ich trocknete ihm mit meinem Sacktüchlein das Blut von der Stirn. Seine Kriegsgesellen schlugen sich noch mit der Bürgerschaft; er aber sah mich an und sagte: ^Merci, mademoiselle!^ er wußte ja nicht, daß ich ein jüdisch Mädchen war. Dann kam der Herr Bürgermeister, und mich zog mein Vater ins Haus, und meine Mutter schlug mich. Sie hörten in der Stadt, mit wie großer Macht der Herzog Christian im Anzuge sei, und da pokulierten sie zusammen auf dem Rathause. Ja, ja, und am Abend, ehe sie ihn vors Tor geleiteten, kam er auf dem edlen Pferd, das ihm die Stadt gegeben hatte, vor meines Vaters Haus, und ich saß am Fenster, und er warf mir seinen Handschuh zu und eine Kußhand und rief: >Denkt an Just von Burlebecke, Fräulein; er wird Eurer immer lieb gedenken!< Und doch wußte er da schon, daß ich eine Jüdin sei -- er war aber ein guter Ritter, und ich habe seiner wirklich oft gedacht. Meine Mutter schlug mich noch einmal am Abend und mein Vater dazu: denn der Rat hatte die Reiterzehrung, die er dem guten Ritter verehrte, auf den jüdischen Mann gelegt. Den Handschuh hab' ich heimlich versteckt, sonst hätten sie ihn mir mit einem Fluche vor der Nase verbrannt. Dann haben meine Kinder damit gespielt; es ist ein Wunder, daß er noch da ist; -- meine Kinder sind tot, dreimal hat mein Haus im Schutt gelegen. Ja, ich hab' des tapfern Ritters Handschuh von Gronau mitgebracht, o ehrwürdiger Herr, nehmet ihn und lasset es die Simeath nicht entgelten, daß Ihr ihn bei uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen Simeath, durch diese Nacht!« --
Das alles war mehr geröchelt als gesprochen worden. Die Greisin schwieg jetzt und atmete im Halbschlaf schwer weiter. Der Greis sprach:
»So ist es, Mutter; wir beide denken noch zurück an die Zeiten des Friedens. Als meine Mutter diesen Handschuh dem Just aufs Pferd reichte, da vermeinte freilich noch niemand, daß länger denn ein Menschenalter durch das deutsche Volk durch einen See von Blut waten werde unter einem Himmel rot und qualmig von den brennenden Städten!«
»Was kümmert's mich?« schrie die Kröppel-Leah scharf und schrill aus ihrem Traum heraus. »Meine Väter haben nie Frieden gehabt seit dem Kaiser Titus. Was kümmert's uns, was ihr gemacht habt aus eurem Lande? Ich ängste mich um Luft; der Schubjack hat mir die Brust zerschlagen, doch ich wollte singen in dieser Nacht, wenn die Simeath nicht wäre.«
»Die Großmutter hat recht mit dem guten Kaiser Titus,« flüsterte der Student dem Kinde zu. »Nun bin ich auch ein Römer -- ^civis Romanus sum^, und kenne mein Latein, Jungfräulein; aber für uns beide soll das kein Grund sein, uns die Gesichter zu zerkratzen.«
»O, freundlicher Herr, scherzet jetzt nicht!« rief Simeath, die der Greisin eben wieder den Wasserkrug an die Lippen setzte.
Leah trank gierig und lange; dann stieß sie den Krug zurück und setzte sich wieder kräftig auf. Sie wachte nunmehr vollständig und sah hell umher.
»Laß ihn, Kind! Er tut wohl, daß er sich lachend in die Welt schickt. Die Zeit schwingt und schwingt; -- auch seine Stunde wird kommen, wo er mit gerunzelter Stirn auf den schweren Pendul sieht. Ehrwürdiger Herr Mönch, Sie waren ein Reiter, nun sind Sie ein Bruder zu Corvey -- Ihr seid auch ein alter Mann; habt Ihr den Frieden gefunden in den Mauern der großen Abtei?«
Der Bruder Heinrich von Herstelle hatte, die Stirn mit der Hand stützend, in tiefen Gedanken gesessen, auf die Frage fuhr er auf und wiederholte sie:
»Den Frieden?«
Er zog wie im Spiel den Handschuh Justs von Burlebecke an; dann sprach er:
»Den Frieden? -- Geh grad! -- Den Frieden? Weshalb sollt' ich auch den Frieden zu finden wünschen? Ich bin kein gelehrter Mann, wie hier der Herr Student, der den heidnischen Philosophum, den Horatius, auswendig weiß; ich kann's nicht sagen, wie's mir zumute ist. In meiner Jugend habe ich Freude gehabt am bunten Leben; -- hab' ich denn den Frieden suchen wollen, als ich ein Mönch wurde? Ja, ja, -- denn bei Sankt Veit, es wird wohl so sein! Ei ja, dann hab' ich ihn gefunden. Ich bin freilich ein alter Gesell, und da hab' ich mein Genügen zu Corvey; aber -- geh grad! -- die Zeiten haben mich gelassen, wie ich war, als ich anfing, mich zu besinnen in der Welt. Was Blut und Feuer?! Da das uns vom Herrgott bestimmt war, so mag auch Er -- sein Name sei gepriesen -- die Rechnung beschließen. Sie wird wohl stimmen, sowohl für ihn als für uns.«
Die Alte lachte rauh:
»Da seid Ihr also auch auf dem Trost, der uns gesungen wird seit den Tagen des Königs Nebukadnezar. Die Stolzen beugen sich, und der Herr lacht über sie -- -- -- --«
»Und dieses alles, weil gestern der Lump, der Monsieur Fougerais, von Höxter abmarschiert ist!« rief jetzt der Student ungeduldig dazwischen. »Zum Teufel, den Frieden haben wir erst dann, wenn niemand mehr sofort nach dem Prügel im Winkel greift, wenn er sich darauf gespitzt hat zu hören: Vivat Doktor Luther! und es ihm vom andern Tisch herkrächzt: Vivat Clemens der Zehnte -- oder umgekehrt! Der Fougerais ist fort -- --
^Nunc est bibendum, nunc pede libero^ ^Pulsanda tellus^ --
das Lied vom Trinken und Tanzen ist zwar schon nach der Schlacht bei Aktium gesungen und auf den Niederfall der Königin Kleopatra von Ägypten gemünzt; aber ich münze es häufig auf was anderes, und tausend Jahre nach mir wird man's auch so halten. Item, man hat Jerusalem mehr als einmal wieder aufgebaut, Mutter Leah.«
»Doch die Fremden hausen auf der Wohnstätte des Samen Abrahams, junger Herr. Die Kinder von Juda und Israel irren als ein Spott und Spuk zerstreut; sie haben keinen Ort mehr, da sie Herren ihres Hauses und Leibes sind. Auch für Euch ist noch keine Zeit, den Siegestanz zu tanzen, junger Herr. Wollt Ihr wirklich dem Herrn von Fougerais und dem großen Marschall Turenne nachsingen und tanzen? Sie haben Höxter leer genug gemacht.«
»Meines hochwürdigsten Herrn zu Münster glorreiche Verbündete!« murmelte der Bruder Henricus. »Lasset das Tanzen noch eine Weile, Herr Studente.«
In diesem Augenblicke erfüllte von neuem ein heftiges Getöse die Gasse und näherte sich dem Hause der Kröppel-Leah.
Vierzehntes Kapitel.
Wann die Hochwasser sich verlaufen haben, dann hängt der Schlamm noch für lange Zeit an den Büschen und überdeckt Wiesen und Felder, und es bedarf mehr als eines klaren Regens und heitern Sonnenscheins, um das Land der Wüstenei wieder zu entledigen. Und wenn die Flut gar in die Städte und Stuben der Menschen drang, dann ist das, was sie hineintrug und zurückließ, gleichfalls nicht so bald ausgekehrt und vor die Tore abgefahren.
In diesen schlechten und stinkenden Tagen sieht aber der Herr mit Vorliebe auf solche leichte, unverwüstliche Gesellen, die lachend über den Schmutz weghüpfen und ihre Hand zur Hülfeleistung gern und lachend da anbieten, wo sich mancher Ehrbare, Wohlweise und Hochansehnliche mit Ekel und Unlust abwendet und die Sache sich selber überläßt. Der Herr der Heerscharen hatte nach dem französischen Abzug in Höxter seine Freude an dem relegierten Helmstedter, Herrn Lambert Tewes.
»Inkommodieren sich Euere exzellenten Liebden nicht,« rief der Student. »Redet das Beste hinter meinem Rücken von mir; ich werde mich erkundigen, was für einen neuen Unfug da die alte Bosheit, Meister Beelzebub, in Huxar ausgebrütet hat. Hab' ich es nicht ein Dutzend Mal gesagt: -- ^neque tectum neque lectum^, das ist die einzig stichhaltige Devise für diese Nacht!«
Er sprang hinaus, doch die diesmaligen Hausfriedensbrecher kamen ihm bereits an der offenen Pforte entgegen, an ihrer Spitze sein Oheim Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr bei St. Kilian.
Der, Ehrn Helmrich, hatte, während am Bett der Kröppel-Leah über den Handschuh Justs von Burlebecke gehandelt wurde, in der Stummerigenstraße sein Zwiegespräch mit dem Bürgermeister Thönis Merz eifrig fortgesetzt und willige Horcher im erbosten gemeinen Wesen von Huxar gefunden.
»So haben sie wiederum der Stadt Negotien nach ihrem Willen geordnet, die Herren von Corvey,« hatte er zornig gesprochen. »Wird sich lutherische Bürgerschaft auch diesmal wieder den Maulkorb selber überhängen? Lutherisches Kirchenamt wird reden und sich nicht den Mund verbieten lassen!«
»Wir haben doch auch geredet, Ehrwürden; -- aber was hilft's?« meinte der Bürgermeister.
»Was es hilft? O ihr närrischen Leute, klingt es euch denn noch nicht genug in die Ohren von dem Gnaden- und Segen-Rezeß, den euch der von Galen, so sich Bischof von Münster und euer Landesherr nennt, über dieselbigen gleich einer Schlafhaube ziehen wird? Behaltet nur das Wort in der Kehle und die Faust im Sack nach eurer faulen Art und wartet das nächste Jahr ab. Den Hechtsfang und sonstige schnöde Nichtigkeiten wird man euch wohl lassen; aber eure Kirchen und Schulen wird man euch vor den Nasen schließen; dann sehet, ob ihr die Schlüssel mit euren Netzen wieder auffischen werdet aus dem Fluß.«
»Was sollen wir tun?« rief der Bürgermeister, und -- »Was sollen wir tun, Ehrwürden?« klang es im Haufen zornig und weinerlich nach.
»Der Herzog --« wollte Herr Thönis Merz schwachmütig von neuem beginnen, doch der alte eifrige Prediger unterbrach ihn sogleich:
»Redet mir nicht von dem Braunschweiger. Der rückt euch nicht mehr über die Weser zur Hülfe. Ihr krochet vor ihm, wie ihr vor dem Münsterer krochet, und sie lachten hinter eurem Rücken über euch. Greifet selber an und zu, wie und wo ihr könnt, weichet nur zollbreit, rücket immer wieder zu, Artikul für Artikul; lasset euch das Geringste als das Höchste sein. Was wollt ihr noch viel verlieren?«
»Das weiß der liebe Gott!« ächzte die lutherische Bürgerschaft von Höxter.
»Der weiß es und hilft denen, die sich selber helfen wollen,« sprach Ehrn Helmrich Vollbort feierlich. »Lasset diese Nacht nicht vergehen, ohne daß ihr euch rührt gegen Corvey. Sie sind heimgezogen und zu Bett, wir aber sind wachgeblieben. Werfet Panier auf gegen das Stift; fordert mit heller Stimme, sei es, was es sei; lasset den Kampf nicht schlafen gehen, wie die Mönche schlafen gegangen sind. Bei Sankt Veit schwören sie, wir aber rufen den allmächtigen Gott, -- voran gegen Corvey!«
»Sie haben uns der Jüden Geleit genommen; wir aber haben es auf dem Papier,« meinte zaghaft der Bürgermeister.
»Lasset den Tag nicht dämmern, ohne daß die Abtei sich einem neuen ^Factum, Actum et Gestum^ gegenüber finde; wir sind in dem Kriege, den sie wollen, und den letzten Frieden wird Gott der Herr machen.«
»Die Jüden aus der Stadt!« schrie gell eine Stimme aus dem Haufen, und hundertstimmig folgte der Ruf: »Fort mit den Jüden aus Höxter! Unser Recht! unser Recht! unser Recht!«
Schon drängten sich wütend die Weiber vor:
»Sie standen mit den Franzosen auf du und du! Sehet ihre Häuser, -- sie blieben unversehrt, während in unseren kein Stuhl und keine Bank heil blieb! -- Sie zahlten dem Turenne! sie zahlten dem Schandkerl, dem Fougerais -- sie konnten sich loskaufen, und die hohen Offiziere lagen bei ihnen und ließen bei uns ihr wüstes Volk nach Belieben hausen. Die Jüden, die Jüden aus der Stadt! Weg mit den Jüden aus Höxter!«
Nun stehen auch wir abermals einem Faktum gegenüber: das Wort, das in der lutherischen Bürgerschaft fiel, fand seinen vollen Widerhall in der katholischen. Zum zweiten Mal in dieser Nacht stürzte sich ganz Höxter auf seine Juden, und selbst der Gubernator, der Herr Hauptmann Meyer, ging mit, -- widerwillig freilich; aber sie zogen ihn freundlich, an jedem Arm einer -- rechts die katholische, links die evangelische Kirche.
Den Meister Samuel samt seiner Familie nahmen sie von der Gasse vor seinem brennenden Hause, die zwei oder drei anderen Familien holten sie zusammen, und so kamen sie im greulichen Gedränge, das elende jammernde Häuflein halbnackter Menschen in ihrer Mitte, und hielten mit ohrzerreißendem Lärmen vor dem Hause der Kröppel-Leah, um auch die mit ihrem Enkelkinde abzurufen und mit den übrigen, Corvey zum Trutz, vor das Tor zu führen.
Der Mönch war aufgestanden von seinem Schemel und hatte auch das hussitische Schwert vom Boden wieder aufgegriffen; der Student aber trat den eindringenden Höxterschen Würdenträgern im Vorgemach entgegen, kümmerte sich um den Bürgermeister und den Hauptmann gar nicht, nahm dafür jedoch den Pfarrherrn von Sankt Kilian mit zärtlicher Unverschämtheit in die Arme und rief:
»^Mon Dieu^, der Herr Onkel -- nach zwei Uhr morgens noch in der schädlichen Winterluft! Was verschafft mir die Ehre in _meinem_ schlechten Quartier?«
»Fort, Narrenspiel!« sagte der Alte, mit kräftiger Faust den Neffen vor die Brust schlagend und ihn von sich stoßend.
»Was wünschen die Herren?« fragte der Bruder Henricus von der Schwelle der Kammer des Sergeanten; und der Gubernator Meyer trat geduckt vor, mit dem Federhute in der Hand, und stotterte:
»Ehrwürdiger Pater, das Haus und die Gasse ist voll von ihnen -- von den Unsrigen und Ihrigen. Sie kommen und fordern alle dasselbige. Sie kommen Arm in Arm gegen die Jüden und wollen sie in dieser Nacht noch vor die Mauer setzen.«
»Und wir nehmen nur unser Recht, ehrwürdigster Herr Pater,« rief der Bürgermeister. »Wir haben der Juden Geleit gehabt vor und nach dem Jahre Vierundzwanzig und sind durch den Frieden auch ^in specie^ dieses Punktes ganz und gar restituieret. Das weiß man zu Münster wie zu Corvey, und zu Höxter ist da kein Unterschied des Glaubens. Wir kommen alle um unser Recht.«
Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen Armen und sah finster auf den Mönch; der Bruder Henricus aber sah einzig und allein auf ihn.
»Sie stehen in einem schlimmen Schein, Herr Pastore,« sprach der Mönch. »Die Flamme des Brandes züngelt noch hinter Ihrem Rücken; hatte dieses nicht Zeit, bis die Asche und der Schutt dieser Nacht kalt geworden waren?«
»Ich komme mit den Leuten, die mir in dieser selbigen Nacht das friedliche Haus stürmten und mit Steinen auf mich und mein Weib warfen. Ändert es, Herr; -- das ist Höxter und Corvey!«
Es hatte sich während dieses Gesprächs immer mehr des Volkes in das Gemach eingeschoben. Schrill rief eine Weiberstimme den Namen Leahs und auf der Straße schrien Hunderte ihn nach. Der Bruder Henricus hatte den Stadthauptmann zornig am Arm gepackt und schüttelte ihn: »Wo sind Eure Leute -- sendet einen Boten nach Corvey -- o Sankt Veit und -- Kreuz Element, bei meiner Reiterehre, der erste, der einen Schritt voran tut, liegt mit blutiger Platte am Boden! Hier für Corvey! Münster und Corvey!«
»Höxter und Corvey! Her mit den Jüden! Weg mit den Jüden! Höxter und Corvey!« schallte es zurück; und nun tat der Student einen Satz fast bis an die schwarze Decke des Zimmers:
»Höxter und Corvey! Kann ich den Ozean still brüllen und sollte Huxar nicht stillen?! Bei meiner Burschenehre, wer im Tummel kennt mich als guten Kameraden und den einzigen Höxteraner mit Grütze im Hirnkasten? Wollt ihr nun Vernunft annehmen oder nicht? He Wigand -- Wigand Säuberlich, tu's mir zuliebe und bring mir die Zeter-Liese da vor dir zur Räson und nach Hause. An die Kröppel-Leah wollt ihr? ^Et tu Brute^, mein Sohn Hans Rehkop?! Donner und Teufel, seid ihr für Höxter und Corvey, so bin ich, Lambert Tewes, diesmal für Juda und Israel. Helmstedt gab mir ^consilium abeundi^, -- Höxter ^relegatio in perpetuum^, nicht wahr, Herr Onkel? Aber Jerusalem hat mich seit Jahren ernähret, getränket und gekleidet; -- hier für Juda und Israel, und wer's gut meint mit Höxter und Corvey, der schreie mit: ^Vivat Hierosolyma!^«
Nun hatte er die Lacher auf seiner Seite und damit ein Großes gewonnen. Schon aber hatte er sich im engeren Kreise umher gewandt, und da schlug er den Bruder Henricus auf die Schulter:
»Wissen Sie noch ein und aus in Höxter, Herr Pater?«
»Sankt Veit!« rief der Mönch, ratlos nach der Decke aufschauend.
»Ihr, Herr Burgemeister?«
»O je, o gütiger Himmel!« ächzte Herr Thönis Merz.
»Ihr, Herr Gubernator?«
»Du hast mich gekannt, ehe mir der braunschweigische Algierer, der Noht, die Trommel abnahm, Lambert; das ist mein Trost und meine Reputation. Jetzo gehe ich nur, wie man mich schiebt.«
»So gehet Euren Weg, Herr Oheim,« sprach der Student zu dem Prediger bei Sankt Kilian, und --
»Ja!« antwortete Ehrn Helmrich Vollbort und trat über die Schwelle in das Kämmerchen der alten Jüdin.
Vernunft? Wer ist eine Stunde nach der Sündflut imstande, Vernunft anzunehmen?!
Fünfzehntes Kapitel.
Auf das »Ja« des Predigers hatte der Bruder Henricus die Achseln gezuckt, aber er war zur Seite getreten und hatte ihm weiter kein Hindernis in den Weg gelegt. Der Student sagte:
»Nicht einmal ein Citatum aus dem Flacco fällt einem ein.«
Am Bette der Großmutter saß Simeath und blickte angstvoll zu dem finstern Mann im schwarzen Chorrock auf:
»Großmutter ist eingeschlafen!«
Ehrn Helmrich Vollbort beugte sich über das Stroh und das kümmerliche Kleiderbündel darauf; dann nahm er die Lampe des Meisters Samuel vom Tische und ließ den Schein auf das Bett fallen:
»Erhebe dich, Weib. Willst du in dieser elenden Stadt die einzige sein, die da schläft in dieser Nacht?«
Wahrlich, das war so: die Kröppel-Leah schlief! Da hielt der Bruder Heinrich von Herstelle die übrigen nicht mehr; -- sie drangen in das Gemach, so viel ihrer es halten wollte. Lambert Tewes schlug den Arm um die zitternde Simeath:
»Fürchte dich nicht, Juda hat seit der Makkabäer Zeit keinen bessern Kavalier gehabt als mich. Das Stift ist zu Bett; treiben sie es noch weiter, so können auch noch andere Leute als der luthersche und päpstliche Küster Sturm in Höxter läuten. Machen sie es allzu bunt, so steht der Besen immer in der Ecke, und wir kehren und fegen mit den Juden auch Höxter wie Corvey doch noch in die Weser!«
Das war ein freches Wort; aber es war Wahrheit dahinter. Es wurde gelacht im Haufen, und eine haarige Faust hob einen ansehnlichen Knotenstock gegen die Decke:
»Immer mit dem Zaunpfahl, Bruder Lambert! Gib du das Feldgeschrei, du Sakermenter. Es sind genug vorhanden, die endlich Ruhe in der Wirtschaft haben wollen. Höxter und Corvey in die Weser, und -- Vivat der heilige Veit am Corveytor! Nimm du das Kommando, Lambert!«
Vernunft!? -- --
Sie machten ein großes Geschrei und schüttelten das schlafende alte Judenweib an der Schulter. Sie hob noch einmal den Arm, als wolle sie das Gesicht gegen einen Schlag schützen; aber dann fiel der Kopf schwer zurück und auch der Arm wieder herab, der Leib streckte sich, und der, welcher sie an der Schulter gerüttelt hatte, trat betroffen zurück und rief:
»Zum Donner, die weckt keiner mehr in Höxter und Corvey!«
Da stieß das Kind einen Jammerruf aus und warf sich über die Großmutter, doch die Großmutter konnte auch auf die arme Simeath nicht mehr achten.
»Sie hat nun freilich die Stadt verlassen, und es war nicht nötig, daß wir mit Stangen und Schießgewehr kamen, sie zu holen,« sagte der Bruder Henricus gegen Herrn Helmrich Vollbort gewendet. »Es sind nur Minuten, da fragte sie mich, ob ich den Frieden gefunden habe.«
Der Pfarrherr von Sankt Kilian antwortete nichts, aber der Bürgermeister murmelte:
»Selbst Herr Christoph von Galen müßte sie jetzo liegen lassen, wie sie liegt. Herr Pastore, lasset uns zu den Bürgern sprechen und morgen auf dem Rathause ein weiteres bereden. Ihr Leute, wer von euch will diese Leiche vor die Mauer schaffen?«
Da ging ein Murren durch die rohe Gesellschaft in der Schlafkammer des Sergeanten vom Regiment Fougerais, und es kam die verdrossene Entgegnung:
»Dazu ruft die Gildemeister auf oder ladet sie Euch selber auf den Buckel.«
Es wurde Raum im Gemach und Platz auf der Treppe; vergeblich hatte sich schon seit einiger Zeit der Bruder Heinrich von Herstelle nach seinem Studenten umgesehen. Im richtigen Augenblicke erschien dieser wieder auf der Schwelle, des Meisters Samuel zitterndes Weib, die Siphra, vor sich herschiebend:
»Jetzt laßt das Heulen, Mutter. Die Kinder schaffe ich Euch auch, und wenn's den Trost vollkommen macht, den Alten gleichfalls. Da, hebt das arme Mädchen auf und sprecht zu ihr. Euer Haus liegt nieder, also nehmt hier Quartier und richtet Euch ein; es wird Euch niemand mehr stören. Höxter geht zuletzt doch auch zu Bett, also haltet Eure Totenwacht.«
Vernunft! -- Wenn einer in dieser Nacht in Höxter an der Weser Vernunft gesprochen hatte, so war das der Tod gewesen.
Die gute Munizipalstadt Huxar benutzte in dieser Nacht nicht mehr ihre Judenschaft, um einen politischen Widerhaken in das Fleisch des Stiftes Corvey und des Bistums Münster zu schlagen. Wir wären vollkommen zu Ende, wenn wir nicht aus vielfacher Erfahrung wüßten, daß der hochgünstige Leser deutschen Geblütes sich so leicht nicht zufrieden gibt.