Höxter und Corvey: Erzählung

Part 6

Chapter 63,785 wordsPublic domain

»Großmutter, Großmutter,« jammerte das junge Mädchen. »Besinne dich -- wach auf, laß mich deinen Sack tragen! Laß ihnen den Sack, laß uns nur laufen -- Barmherzigkeit, sie kommen -- da sind sie!«

Nun kreischte die alte Jüdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie polterten die Treppe herauf -- sie waren da -- nur drei Mann, aber die Bösesten in Höxter -- Hans Vogedes, der Fährmann, mit einer Axt den beiden anderen vorauf. In dem Augenblick, als das Stift anrückte und Lambert Tewes seinen Freund Wigand Säuberlich zu Boden schlug, hatten sie sich aus dem Getümmel vor dem Hause des Meisters Samuel weggeschlichen, und sie machten von vornherein gar kein Hehl daraus, daß sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft nachgegangen seien.

Fünf Minuten später, nachdem sie die zertrümmerte Schwelle überschritten hatten, durchschnitt von dem Hause der Kröppel-Leah her ein so fürchterliches und schrilles Jammergeschrei die Nacht, daß es allen sonstigen Lärm in der Stummerigenstraße übertönte und jedermann den Kopf aufwarf und mit jähem Schrecken horchte.

An der Brandstätte hatte die Szenerie sich aber bereits verschoben. Im Ornate war Ehrn Helmrich Vollbort unter den Mönchen und städtischen Beamten aufgetreten und hatte scharf geredet, sowohl gegen den dunkeln Nachthimmel, wie gegen den Herrn Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und gegen den Münsterschen Gubernator und Stadthauptmann Herrn Meyer.

Er hatte um Rache für sein beleidigt Haus und seinen geprügelten Küster geschrien, und über die Schulter des Bruders Henricus hatte der Neffe seine rechte Freude an dem Oheim gehabt.

»Sie haben ja unseren Küster bei Sankt Niklas gleicherweise windelweich und blitzblau geschlagen, ehrwürdiger Herr,« hatte der Prior eingeworfen. »Da ist doch wahrlich die vollkommene Parität vorhanden gewesen -- was sollen wir in dieser Nacht bei solchen Umständen Ihnen noch zugute tun?«

»Stift und Fürstliche Gnaden von Münster haben immer nach Vernunft mit sich reden lassen,« hatte Herr Florentius von dem Felde begütigend hinzugesetzt, »und --«

»Schlagt ihm vor, daß Ihr mich vor seiner Tür hängen lassen wollt,« hatte der tolle Helmstedter dem Bruder Heinrich von Herstelle ins Ohr geflüstert.

Der Bruder Heinrich hatte das nicht vorgeschlagen, denn nunmehr hatte Herr Ferdinandus von Metternich, der Propst von Corvey, Vernunft gesprochen und wirklich verständige Dinge gesagt.

Es sei eine üble Nacht, hatte er gemeint. Niemand wisse, wie er daran sei. Morgen sei wieder ein Tag -- totgeschlagen sei gottlob und mit Hülfe des heiligen Veit bis jetzt keiner; -- die Übeltäter habe man auf dem Stroh im Prison, und selbst die Juden seien noch mit dem Leben davongekommen, soviel man wisse. Wer am meisten bei der greulichen Unruhe gelitten habe, das sei doch wohl das Stift Corvey, das nun auch noch zu allem übrigen den schlimmen Marsch nach Hause vor sich habe. Er -- der Propst -- hatte zum Schluß seiner Rede geraten, jetzt vor allen Dingen wieder zu Bett zu gehen und für alle Fälle vielleicht eine Salveguardia, gemischt aus Corveyscher Mannschaft und Bürgerwachten, in der Stummerigenstraße zurückzulassen.

»So soll es sein!« hatte der Prior geschlossen, und zehn Minuten nach seiner Ankunft vor dem Hause des Meisters Samuel befand sich das Stift bereits wieder im eiligen Rückmarsche nach den warmen Betten.

»Hoffentlich hat uns der Vater Adelhardus, während wir die Philister schlugen, ein gutes Warmbier zugerichtet,« flüsterte der Subprior dem Propst unter dem Corveytor zu.

Dem mochte nun sein, wie ihm wolle; zornigen Herzens schritt doch noch der Pfarrherr von Sankt Kilian im eifrigen Gespräch mit dem Bürgermeister Thönis Merz auf und ab und warf finstere Blicke auf den guten Bruder Henricus. Diesen letzteren nebst einigen handfesten Klosterknechten hatte die Abtei zurückgelassen, um sich von ihnen bei möglichen ferneren Ereignissen kriegstüchtig vertreten zu lassen; und während der lutherische Pastor aufgeregt hin- und widerschritt, stand der greise Mönch in dieser Stummerigenstraße im Lichte der Feuersbrunst nachdenklich auf sein hussitisch Schlachtschwert gestützt und gedachte früherer Tage. Der Student hielt sich zu ihm und zog ihn jetzt am Ärmel seiner Kutte.

»In so tiefen Gedanken auf der heiligen Straße, mein Pater? Ich hab' Ihnen vorhin den Lauriger angeboten, um einen Sitz am warmen Herde; nun hat uns das Fatum einen noch wärmeren Ofen geheizt. Was, mit Erlaubnis zu fragen, lassen Sie die Ohren hängen, mein Pater?«

Der alte Mönch blickte auf und murmelte:

»O, Just von Burlebecke!«

»Sie sollten ein Wort zu mir sprechen, Ehrwürdiger« meinte der Student zutunlich. »Sie gefallen mir, und es wäre mir lieb, wenn auch ich Ihnen gefiele. Haben Sie mich am Abend schnöd abfahren lassen, so haben wir doch jetzo Schulter an Schulter gefochten, und -- schon den grimmigen Blicken meines Herrn Onkels da drüben zu Liebe solltet Ihr meinen Arm nehmen und die Wacht ^suaviter^ mit mir verschwatzen. Mit dem Morgen bin ich auf dem Wege nach Wittenberg, allwo sie schon längst mit Herzspann sich nach mir sehnen, und Ihr bekommt mich nimmer wieder zu Gesicht, alter Hahn.«

»Sie sind ein Narr, mein Herr Studente,« sagte der Bruder Henricus, wider Willen über den Schelmen lachend. »Wäre Just von Burlebecke nicht, ich brächte dich auf der Stelle ungesegnet auf den Weg nach Wittenberg. Aber so war Just auch zu seiner Zeit, und ich stehe eben nie in der Stummerigenstraße, ohne mit betrübtem Sinn der alten Zeit und an Just von Burlebecke zu gedenken.«

»So sagen Sie mir, wer Just von Burlebecke war, mein Pater, und ich werde gern mich mit Ihnen über ihn betrüben.«

»Da,« sprach der Mönch, gegen das Stummerigentor hindeutend, »im Sommer Zweiundzwanzig nahm er mit zwanzig Reitern Höxter im Sturm. Er ritt für den tollen Christian, ich mit dem Tilly. Mit zwölftausend zu Fuß und neuntausend Reitern ging der Christian hier bei Höxter über die Weser, und ich ihm und dem wilden Just nach als ein Fähnrich im Regiment Baumgarten. Auf dem Felde bei Stadtloo ist Just von Burlebecke unter den ^Toutpourelle^schen eingescharrt. Ich hab' ihn unter den Toten gesehen, und er war mein allerbester Herzfreund.«

»Das war der große Krieg, und Ihr seid heute ein Benediktinermönch zu Corvey, mein Vater!« rief der Student.

»Ja!« sagte der gute Greis ruhig und schüttelte nur noch einmal den Kopf, die Stummerigenstraße hinaufschauend.

»Er jagte ihnen lachend ins Tor und fiel über die Spießbürger gleich dem Blitz aus dem Sonnenschein; ich muß heute noch darüber lachen! Ach, hättet Ihr den tollen Christian und seine Reiter gekannt, so würdet Ihr auch Just von Burlebecke zu wiegen wissen, Herr Studente. Sie saßen vor ihren Türen und ließen sich die Sonne in die Mäuler scheinen, da schlug er ein aus dem blauen Himmel, und ehe sie sich besannen, hatte er mit seinen zwanzig Gesellen Höxter in der Hand wie der Junge das Vogelnest, dem Stift und der liguistischen Armada vor der Nasen; freilich nur auf ein Viertelstündlein, doch das gerade war der Spaß.«

Der Alte hatte jetzt wirklich den Arm Lamberts genommen und schritt mit ihm langsam die Stummerigenstraße hinauf bis zu dem Hause der Kröppel-Leah.

»Hier, gerade hier auf dieser Stelle hieß es denn: Simson, Philister über dir! Weshalb erzähle ich Euch aber das alles, anstatt Euch, wie es sich gehörte, zur Sittsamkeit zu vermahnen und an Eure Bücher zu schicken?«

»Weil ich nur allzu lange und zu sittsam über den Büchern gesessen habe, Herr Pater. O, Sie werden mir doch noch meinen Horaz abhandeln; ich habe ihn allgemach so fest im Kopfe, daß er mich nur noch dumm macht! Amsterdamer Ausgabe, Frontispiz von Romyn --«

Der Mönch winkte abwehrend mit der Hand.

»Nein,« sagte er, »ich rede zu Euch, weil Ihr eben noch ein törichter Knabe seid, und es dem Alter so gut tut, die Jugend bei sich zu haben, wenn es der Jugendtollheit gedenkt. Wie war es denn? Ja, als sie sich besonnen hatten um des kleinen Häufleins, das mit Just von Burlebecke jubilierend die Hand auf sie legte, da bliesen sie Alarm. Damals war Höxter auch noch ein volkreicher Ort, voll Handels und Gewerbe, und es gab keine Ruinen und wüste Stätten in den Ringmauern. An den tollen Christian dachten sie nicht, sie sahen nur auf Just und seine zwanzig Reiter. So griffen sie denn nach den Spießen und Büchsen. Es ist ein lustig Schlagen gewesen; aber hier auf dieser Stelle erschossen sie dem Herzbruder den Gaul, und so kam er zu Boden unter den Gaul und die Fäuste von Huxar. Seinen Gesellen ging's dann natürlich auch nicht anders; zu Hunderten schwärmten sie um den Trupp, holten sich ihrerseits manchen blutigen Kopf, aber schlugen doch auch wacker zu und rissen die Eroberer mit Haken und Stangen von den Pferden. Das ist denn ein Gezerr gewesen, bis die alten und verständigen Leute es möglich machten, sich durch das Getümmel zu zwängen und Vernunft zu sprechen. Da nahm der Stadtschreiber das Protokoll über den Fall zu Papier, und als sie es auf dem Papiere hatten, da ging ihnen das richtige Licht auf, und sie kriegten ein Grauen über ihre eigene heldenmütige Tapferkeit und das, was sie sich durch dieselbige eingebrockt hatten.«

»Sie überlegten sich, daß der Christian dem guten Ritter Just nachtrabe und nicht bloß mit zwanzig Mann,« lachte der Student.

»Mit neuntausend zu Roß und zwölftausend zu Fuß, wie ich es Euch schon sagte. Als ich nachher mit den Liguisten dem Administrator nachritt, hörte ich die ganze Historia. Ei ja, es war von da an für Rat und Bürgerschaft an diesem schlimmen Flußübergang ein beschwerlich Ding, sich durch die Zeiten und Parteien zu winden.«

»Und heute ist's schier noch nicht besser,« meinte Herr Lambert; doch der Mönch erwiderte:

»Hättet Ihr das Höxtersche Blutbad erlebt, auch selber eine Pike an der Mauer geführt, Ihr würdet wohl anders sprechen. Seht Euch um danach und hütet Euch fernerhin, Eure Hand zu bieten, noch mehr der Ruinen zu machen.«

Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:

»Sie lachten auch in des Tilly Hauptquartier allhier zu Höxter; Merode lachte, Dem von Piccolomini wackelte der Bauch, und der Savelli schüttelte sich unter seiner großen Perücke. Es gefiel ihnen allen die Art, wie Just von Burlebecke die Stadt genommen hatte. Ich lag damals bei dem Stadtschreiber und hab' sein Protokoll mir zeigen lassen. Es war ein erbärmlich Gekritzel und Gekratz, gerad ob als die rote Ruhr mit dem Hasenfuß bei seinem Federkunststück am Tische gesessen habe. Und Just als ein wackerer Kavalier hatte auch seinen Namen darauf gehauen, und der ging über die halbe Seite und jede Überschrift von Bürgermeister und Ratmannen dick und schwarz weg wie ein Kürassierregiment durch ein Erbsenfeld. Einen ganzen Abend hat mir der Stadtschreiber von dem Rittmeister Just erzählen müssen; -- wie sie ihn unter dem Gaule vorzogen, wie sie ihm den Rock bürsteten, wie der eine mit dem Pistol kam, das er dem Gemeindemeister an den Kopf geworfen hatte, wie der zweite den Degen brachte, der ihm im letzten Ringen abhanden gekommen war, und wie der Hader und das Blutvergießen in eine Festivität auf dem Rathause auslief. Ja, den ganzen Tag hat man getafelt und getrunken zu Ehren Justs von Burlebecke und seiner Reiter -- den tollen Christian eingeschlossen! Da haben sie Brüderschaft gemacht und sich mit tränenden Augen in den Armen gelegen, der Bürgermeister von Höxter und Just von Burlebecke, und am Abend hat man der Stadt Judenschaft angehalten, den guten Kavalieren eine Reiterzehrung zu zahlen, und sie mit Triumph, der Stadt Musici vorauf, vor das Tor gebracht und sie mit einem höflichen Complimentum an die Fürstlichen Gnaden von Halberstadt ihres Weges reiten lassen, und nicht einer hat sich um diese Stunde so fest auf dem Gaule gehalten wie am Morgen beim Einsturm ins Stummerigentor.«

»Ich hab' doch auch schon manche Tür im Sturme genommen, aber so galant hat mich noch nie ein hochedler Senat oder Magistrat darob traktiert,« sagte der Student lustig-kläglich; und in diesem Augenblick erscholl das erbarmungswürdige Weibergeschrei aus dem Hause, vor welchem vordem Just von Burlebecke unter den Fäusten von Huxar an der Weser gelegen hatte. Wir wissen, wer da schrie.

Zwölftes Kapitel.

Sie stutzten alle in der Gasse, vor allen übrigen jedoch der Mönch und der Student.

»Sankt Veit,« rief der Bruder Henricus, »will die Mordnacht nie zu Ende gehen? Hier, hier Corvey!«

Er eilte gegen das Haus, aus welchem der Schrei hervordrang, und von den Klosterknechten sprangen auch schon einige von der Brandstelle her.

Der französische nachgelassene Unrat lag vor der Tür der Kröppel-Leah in höheren Haufen als sonst irgendwo in Höxter, und ehe der Bruder Studio dem Bruder Heinrich von Herstelle mit einem Sprung über den Unflat nachfolgte, schwang er natürlich den Hut in die Luft und jauchzte:

»Itzt, römscher Jüngling, zuck dein Schwert Und sei der edlen Eltern wert; Färb rot die See mit Pönerblut, Verlach, verlach des Pyrrhus Wut; Wirf nieder den Antiochum, Sein syrisch Königreich stürz um; Und mit Kanon und Flintenknall Scheuch fort den grausen Hannibal!«

Das alles war nun gerade nicht nötig; allein Eile tat nichtsdestoweniger not. Herr Lambert sprang und überholte infolge seiner Sprünge den watenden Benediktiner um einen Schritt auf der Treppe. Von allen, die auf den neuen Notschrei herzuliefen, befanden sich der Bruder Henricus und der Student auf dem Schauplatze des Jammers und im Handgemenge mit den Unheilstiftern, ehe ihnen irgend jemand von der Abtei und der Stadt Hülfeleistung und Handreichung tun konnte. Keine gesperrte Tür hielt sie ja auf; und dem Mönche voran sprang der Bruder Studio ein in das Quartier des Sergeanten vom Regiment Fougerais und der lustigen Mamsell Genevion von dem nämlichen Regimente.

Sie kamen zur richtigen Zeit, wenngleich nicht für die drei Höxterschen Ruffiane. Der brave Fährmann Hans Vogedes hielt eben die Greisin auf dem Boden, ihr die Gurgel zusammendrückend, sein einer Raubgenosse zog mit groben Fäusten die zeternde Simeath an den Haarflechten durch das Kämmerchen, der andere der Halunken hatte bereits das armselige Bündel mit der Gronauschen Erbschaft unter dem Tische hervorgezerrt, kniete gierig wühlend und verstreute fluchend den Inhalt um sich her auf dem schmutzigen Boden. Die Lampe des armen Vaters Samuel und das flammende Haus desselben verbreiteten ihren Schein über diese häßliche Szene, wie sie Callot so gern zeichnete und malte in dem scheußlichen Jahrhundert, dem alle Gegenwärtigen angehörten. Sechzehnhundert solcher Bilder hat Maitre Jacques gefertigt bis zum Jahre 1635, und der einzige Trost für uns liegt darin, daß seine Erbin zuletzt doch das Kupfer sämtlicher Platten dieser ^misères et malheurs de la guerre^ in Küchengeschirr verwandelte und ihre Suppen darin kochte.

»^Ecce iterum Crispinus!^« schrie der Student, gegen den die Kehle der Greisin freilassenden Hans Vogedes losstürzend. Im weit ausholenden Schwung warf er ihm zuerst den steifen Schweinslederband seines Flaccus auf die Nase, daß sofort das Blut hervorströmte.

»Da hast du dein Recht auf römisch, du Mauskopf!«

Und schon hatte er ihn selber an der Gurgel und auf dem Boden, ehe der Fährmann sein Mordbeil aufgreifen konnte. Mit beiden Fäusten aber erhob der Bruder Heinrich von Herstelle sein mächtig Schlachtschwert und ließ es flach auf den Schädel des Strolches fallen, der die Simeath bedrängte. Der dritte der Raubbrüder ließ feige das Bündel der Alten im Stiche, sprang empor und wollte mit einem Satz über den niedergestreckten Leib seines Kameraden die Tür, die Treppe und die Gasse gewinnen, fiel aber auf der Treppe den heraufpolternden Klosterleuten und dem ihnen nachkeuchenden tapfern und weisen Hauptmann und Gubernator Meyer in die Arme. Sie fingen ihn zärtlich auf und drückten ihm fast die Seele aus dem Leibe, und ganz gutwillig ließ er sich in der Stummerigenstraße die Hände auf dem Rücken zusammenschnüren. So war die Schlacht hier denn fast eher beendigt, als sie begonnen hatte, und neben den beiden auf der Erde zappelnden Besiegten stehend, blickten die zwei Sieger, Bruder Mönch und Bruder Studio, einander sogar ein wenig verwundert darob an.

Doch jetzo trat der Herr Hauptmann Meyer herein und sah sich seinerseits ein wenig in dem Gemache der Kröppel-Leah um.

Militärisch grüßend und auf den Fährmann und seinen Gesellen deutend, fragte er dann:

»Mit Permission, mein Pater, wie ist es nun mit der Gerichtsbarkeit in Höxter? Hier haben wir den Casum von neuem, behalten wir von Stifts wegen die beiden Lümmel, oder schicken wir sie dem Bürgermeister Merz? Hängen wird sie ja doch wohl Corvey in Anbetracht, daß Bischöfliche Gnaden der Stadt das Blutgericht genommen haben?!«

Zweifelnd krauelte sich der Bruder Henricus am Ohr; doch der Student nahm ihm das Wort vom Munde:

»Einen schönen Gruß von mir und einen Handkuß desgleichen an den alten E--, an die hochehrbare Exzellenz von Huxar, Herrn Thönis Merz, und ich -- Lambert Tewes, schicke ihm hier was und erbitte mir dafür morgen ein Viatikum auf den Weg nach Wittenberg von wegen geleisteter Dienste fürs gemeine Wesen. Macht keine langen Worte, behaltet nur ein einziges Mal Eure Weisheit und ^sesquipedalia^ -- Eure sechs Fuß langen Bedenklichkeiten -- für Euch. Den Hans da empfehle ich Euch und dem Bürgermeister besonders, Centurio. Gebt es ihm mit der Weinrebengerte gleichfalls mit einem Kompliment von mir.«

Der Hauptmann sah höchst verdrießlich auf den seine Würde so wenig achtenden Redner, doch der Bruder Henricus meinte lächelnd:

»Für diese Nacht wird's wohl das beste sein, daß wir tun, wie der Tollkopf vorschlägt, Herr Kapitän. Sagen Sie auch meinen Gruß dem Herrn Bürgermeister. Des Stiftes Rechte zu wahren, stellen Sie zwei Mann zu der Ratmannswacht vor den Turm.«

Der Hauptmann hob wiederum martialisch den Hut; die zwei blutenden Hausfriedenbrecher wurden hinaus- und die Treppe hinuntergeschleift, und der Bruder Heinrich sowie der Student fanden nunmehr die erste Muße, sich nach den beiden armen Frauenzimmern umzusehen, die sie in so tapferer Weise aus den Klauen der ihrer französischen Einquartierung, dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais, nachtumultuierenden Huxarienses errettet hatten.

Das junge Mädchen kniete auf dem Boden und hielt den Kopf der alten Frau im Schoße.

»O, Großmutter, Großmutter,« schluchzte es, »sag doch was, sprich doch nur ein Wort, wir leben noch, sie haben ihren Willen nicht vollführen können! Die guten Herren haben uns von ihren Griffen erlöst, dem hohen Gott sei Dank! -- -- Ach, Großmutter, besinne dich!«

Die Greisin zuckte fürs erste nur mit den Armen und krampfte die Finger auf und zusammen; der Benediktiner beugte sich zu ihr herab und leuchtete ihr mit der kleinen Lampe ins Gesicht.

»Der Bösewicht hat sie arg gewürgt. Helft mir, Herr Student, wir wollen sie auf das Bett tragen. Es ist ein Jammer, daß wir den arzneikundigen Bruder Briccius hier nicht vorhanden haben. Der würde sie uns in einem Augenzwinkern wieder aufrecht hinsetzen.«

Herr Lambert Tewes hatte bereits den Kopf der Alten der Simeath aus den Armen genommen; der Mönch faßte sie an den Füßen, und so trugen die beiden sie auf das Bett des Sergeanten; der Student mit einem verstohlenen Seitenblick auf das hübsche zerzauste Judenmädchen.

»Trockne deine Tränen, schwarzlockige Neära,« sagte er gutmütig. »Tu's mir zu Liebe -- das alte Mütterchen hat in seinem langen Dasein mehr ausgehalten als solch ein Katzengekrall; -- eure Patriarchen und Patriarchinnen haben ein verflucht zähes Leben, und Großmutter kommt diesmal noch sicher darüber weg auch ohne den Bruder Briccius.«

»Ich will es dem edlen Herrn nie vergessen!« rief Simeath nur noch lauter weinend; und dann beugte sie sich, griff nach der Hand des wilden Scholaren und wollte eben die Lippen darauf drücken, als Meister Lambert ihr seine Pfote rasch entzog und ihr einen laut schallenden Kuß auf den Mund gab.

»So steht's geschrieben in den Legibus der Julia Karolina, und Herr Mynsinger von Frundeck, der Kanzler, wußte wohl, was er tat, als er den Paragraphum einschob.«

Errötend trat das junge Kind gegen das Lager der Greisin zurück; der Mönch hatte wohl ein wenig die Stirn gerunzelt, doch er hatte allzu viel um die allmählich wieder ins Bewußtsein zurückkommende Kröppel-Leah zu tun, um allzu genau auf die sonstigen Vorgänge in seiner Umgebung achten zu können. Mit dem Wasser aus dem Kruge des Vaters Samuel rieb er der Alten die Schläfen; -- da nieste sie endlich und stieß einen heiseren Schrei aus, und dann saß sie wirklich aufrecht auf dem Stroh und sah aus stieren Augen umher. Der rote Schein der niedersinkenden Feuersbrunst leuchtete noch immer in das Gemach.

»Salzkotter Quartier. Die Liguisten in der Stadt!« stöhnte sie und fiel zurück, die Hände über die Augen schlagend.

»Sie ist noch nicht ganz bei sich -- das Feuer wirrt sie,« murmelte der Bruder Henricus gegen den Studenten gewendet. »Sie sieht wieder den Gründonnerstag von 1634. Wir gaben kein Quartier, weil in Salzkotten uns keines gegeben worden war.«

Und der Greis legte auch die eine Hand auf die Stirn und stützte sich mit der anderen gegen die Wand mit den unzüchtigen Zeichnungen des Regiments Fougerais:

»Herr, Herr, mein Gott, wann kommt der Frieden in deine arme Welt?!« --

Lambert Tewes stand nun ernst genug mit untergeschlagenen Armen da.

»Höxter und Corvey!« sagte er finster. »Meine lutherischen Väter standen für Stadt und Stift. Die Liga war's, die Höxter in Trümmer legte und Sankt Viti Sarkophagen zerbrach. Eure fremdländischen Obersten und Kavaliers waren es, die die Gebeine unter sich verteilten, welche der Kaiser Ludwig hierher an die Weser getragen hatte.«

»So ist es,« sagte Heinrich von Herstelle. »Das ist die Historia von Höxter, und ich -- bin Mönch zu Corvey! Ich zog für die Liga; für den Winterkönig, die schöne Elisabeth und den tollen Christian ritt Just von Burlebecke, der mit mir aufgewachsen und von meiner Mutter mit mir erzogen war.«

»Just von Burlebecke!« klang es wie ein Echo von dem Bette her, und unterstützt von der Enkelin deutete die Greisin mit zitternder, schwankender Hand auf den Erdboden, wo ihre Erbschaft zerstreut lag.

Dreizehntes Kapitel.

Der Student griff eben seinen Horaz, den er diesmal zum ersten Male in dieser Historie als unwiderlegbares Argument gebraucht hatte, auf. Das Buch lag mitten zwischen dem von der Diebeshand zerwühlten Trödel, und Lambert, drüber hinblickend, rief:

»Bei Merkur und Radamanth, ist das der Köder, der das Geschmeiß anzog? Mutter Leah, das habt Ihr aus dem Fürstentum Hildesheim auf Eurem alten Buckel nach Höxter geschleppt? O Moses und all ihr Propheten, wenn der Titus nicht mehr aus Jerusalem mit sich geführt hätte, so würde das ^spolium^, der Plunder, wahrlich nicht der Mühe gelohnt haben.«

Das war richtig, und einen erfreulichen Eindruck machte die Schaustellung, die jetzt der Zufall und die Räubertatze bewerkstelligt hatten, nicht; armselige Wäschestücke, wohlfeile zinnerne oder bleierne Schaumünzen auf alle möglichen Ereignisse, kaiserliche, schwedische und französische Viktorien und Niederlagen -- ein halbverbranntes hebräisches Gebetbuch mit silbernen Beschlägen und sieben Stück schlechter Löffel! Eine Halskette von böhmischen Glasperlen mit einem kupfernen Kreuz und ein zusammengedrückter winziger silberner Becher waren die wertvollsten Gegenstände, eine kupferne Pfanne und ein kleiner eiserner Kochtopf die umfangreichsten, bis auf die Decke von dem Sterbelager des Gronauschen jüdischen Mannes.

»Was weißt aber du von Just von Burlebecke, Weib?« rief der Bruder Henricus bewegt, die Hand der Greisin fassend.

»Ich hielt seinen blutigen Kopf in meinem Schoß hier vor meines Vaters Tür,« sagte die alte Leah, mit Mühe die Worte hervorstoßend. »Sie hatten ihm das Roß erschossen, und niemand wollte den schlimmen Feind im Anfang aufheben. Ach und doch hub damals der Krieg erst an! Da -- da, sucht; er gab mir ein Angedenken, das ist aus einer Hand bei uns dann in die andere gekommen. In Gronau hab' ich es wiedergefunden.«