Part 5
»Bei den unsterblichen Göttern, die Bosseborner Laternenschlacht! Ei freilich, Jordan, von dorther bist du's schon gewohnt, den Mund voll der ernährenden Erde zu nehmen. Du kriegtest wahrlich dein gut Teil ab von der Prügelsuppe in der Küsterschlacht.«
»Aber es war doch eben eine Küsterschlacht!« winselte Jordan Hunger, »eine katholische Küsterschlacht! wir schlugen uns doch nur unter uns selber um die Ehre Gottes; aber diesmal --«
Er vermochte es nicht, seinen Satz zu Ende zu bringen; jedoch der Student nahm ihm das Wort tröstend ab:
»Sei nur still, Alter, das Martyrtum ist auch um so größer.«
»Hu, das brauchst du mir wahrlich nicht zu sagen,« stöhnte der Märtyrer, und während man ihn von neuem umwendet und fürs erste mühsam in eine sitzende Stellung bringt, können wir unseren Lesern mitteilen, was es mit der Bosseborner Laterne auf sich hat.
Heute geht das Ding als eine Sage um, mit welcher sie Die von Bosseborn vom Dorfvorsteher bis zum letzten Kossaten bei jeglicher passenden Gelegenheit bis aufs Blut, wie die eine Redensart, oder bis zum Schwarzwerden, wie die andere heißt, ärgern. Sie, die Bosseborner nämlich, sollen, von einer Hochzeit nach Hause ziehend, ihren Weg durchaus nicht mehr gefunden haben, sondern arg in Gestrüpp, Sumpf und Moor verloren gegangen sein. Da soll denn der Küster, der Nüchternste in der Gemeine (Sokrates beim Symposion Platonis!) ihnen geleuchtet haben, und zwar auf absonderliche Art. Man sagt, er habe einen Einfall gehabt, selber ein Licht unter den Umständen; er habe den Hemdenschwanz hinten aus den Hosen gezogen und niederhängen lassen, und der habe hell genug durch die Nacht geschienen, um der Bauernschaft als Laterne zu nützen. So sei der Küster von Bosseborn vorangeschwanket, ihm nach der Vorsteher, dem nach der Gemeinderat und dem wieder die torkelnde gemeine Bauernschar, im Gänsemarsche alles -- einer hinter dem andern -- ein ewig memorabler Zug bis ins Dorf hinein.
Die Geschichte ist gut; wenn ihr nur so wäre! Aber die Sache hat einen ganz andern und viel ernsthaftern Angang.
»Wann kompt in Sommer Sanktus Veit, So endert sich beid Tag und Zeit. Dem schlaff geht zu, dem Wachen ab, Wie sich das alter neigt zum Grab, Und wer dan hat der pfenning viel, Der mach sich auff zu diesem ziel, Und wander hin wol nach Sankt Veit, Ihr kann man werden leichtlich queid --«
singt bei Hans Letzner ein »rechter erfahrener Landtkündiger«; und von der großen Prozession nach Corvey auf Sankt-Vitus-Tag stammt die Laternenfrage her, sowie jede Schlacht, die an dem Tage darum geschlagen wurde; vorzüglich aber die des Jahres Siebenzig, welche eine der hartnäckigsten und blutigsten war, infolge der Indulgenz, die Seine Heiligkeit Papst Clemens IX. kurz vor seinem seligen Abscheiden auf den Tag für dasmal gelegt hatte.
Nun war es aber ein alt Herkommen, daß die jüngste Pfarrei den feierlichen Zug eröffne, -- das Ältere und Würdigere folgte, der Reihe nach; und also -- sollten Die von Bosseborn voran »mit der Laterne« und wollten's natürlich den Ovenhäusern zuschieben, die ihnen folgten: ^hinc illae lacrimae!^ Denen von Ovenhausen gingen nach Die von Fürstenau, diesen die Boedexer, diesen die Amelunger, diesen Die von Wehrden und Jakobsberge. Dann zogen Ottbergen und Bruchhausen, nachher kam das Dorf Stahle, nachher Die von Albaxen, Brenckhausen, Lüchtringen und Godelheim. Zuletzt aber kam dicht vor den Reliquien des Heiligen die Stadt Höxter mit ihrer Stadtmusik, zusammen mit den Corveyern. Noch hinter dem heiligen Veit zog das Kapitel auf, sowie der braunschweigische Gesandte mit einem kleinen Abtsstab in der mit einem Velum bedeckten Hand (auch nach der Reformation und als Protestant!), er wurde geleitet vom Corveyer Marschall. Den Beschluß machte das Venerabile unter einem Baldachin, den die Höxternschen Nobiles trugen, -- und Jordan Hunger, der Küster von Sankt Nikolaus, war im Jahre 1670 Küster zu Bosseborn gewesen und hatte die Bosseborner Laterne, d. h. die Kirchenfahne seines Dorfes tragen sollen -- --
»Wie mancher kompt gar weis' und klug, Im Heimgehn er einen Narren trug. Mancher kompt daher ganz Sinnreich, Und geht weg ganz bös und grimmich. Ihr viel da kommen frisch und gesundt, Da gehn sie heim in Todt verwundt, Oder sonst gefallen, geschlagen --«
singt der erfahrene »Landtkündiger« weiter, und so war es. Sie schlugen sich jedesmal wacker um die Bosseborner Laterne; und wenn Bosseborn und Ovenhausen zwischen sich den Streit begannen, so war kein Dorf, das zurückbleiben wollte, sondern sie fielen alle drein und aufeinander. Ohne das gab es kein Sankt-Vitus-Fest zu Corvey, und weder das Kapitel noch der braunschweigische Gesandte konnten das geringste da tun, außer daß sie es abermals fertig brachten, daß auch das nächste Mal Bosseborn wieder die »Bosseborner Laterne« trug.
Doch während wir hier das Krumme gerade machten und der Wahrheit zu ihrem Rechte verhalfen, tobt der Mutwillen viehisch fort in Höxter, wird der zerschlagene Meister Jordan Hunger von seinem heulenden Weib und vergnügten Freunde nach seinem Bette geschleift und -- -- zieht eine andere Prozession langsam heran. Letzterer wenden wir uns jetzt zu und treffen sie auf dem Wege, den vorhin der Bruder Henricus zur Abtei beschritten hatte. Der Bruder Henricus maß diesen Weg jetzt zurück, er befand sich mit an der Spitze dieses Zuges, der von Corvey kam. Er war ein Kriegsmann gewesen in seiner Jugend, und sein Prior, Herr Nikolaus von Zitzewitz, hielt sich an ihm und ließ ihn nicht von seiner Seite. Dicht hinter ihm hielt sich der Subprior Florentius von dem Felde und der Probst Ferdinandus von Metternich. Den guten Vater Adelhard, den Cellarius, hatte man seiner Unbehülflichkeit halben in diesen gefährlichen Nöten zu Hause gelassen, um dort Ordnung zu halten.
Die Abtei zog heldenhaft nach der Stadt, um sich selber Nachricht über die Vorfälle dort zu holen, da »^impie et nefarie^« ruchloser- und leichtfertigerweise niemand gekommen war, um ihr solche zu bringen.
Aber Corvey konnte nicht anders; Corvey mußte auf den Plan! Die Abtei, eben in ihren »Rechten« durch den fremdländischen Helfer, den größesten der französischen Feldherren, gegenüber der rebellischen Bürgerschaft von Huxar und dem braunschweigischen Schutzherrn gekräftigt, mußte alles daran setzen, daß ihr die soeben nach langem Streite endlich einmal wieder fester gepackte Obergewalt nicht von neuem aus den Händen gleite. Es galt, Höxter gegen jeglichen Feind oder Aufrührer festzuhalten, und so zog das Stift in Waffen gegen die Munizipalstadt. Unter Umständen verstand es Herr Christoph Bernhard von Galen, merkwürdig böse Gesichter zu schneiden, und Corvey wußte das und kannte das.
Die Lärmglocke, die Bruder Heinrich von Herstelle gezogen hatte, war gehört worden. Die Klostermannschaft war in die Rüstung gefahren, die Herren Benediktiner hatten sich ^taliter qualiter^ selber gewaffnet, und die waffenfähige Mannschaft des nächst, aber am andern Ufer der Weser gelegenen Dorfes Lüchtringen war in Kähnen über den Fluß gekommen, um der Abtei zu Hülfe zu eilen. Die Prioren und sonstigen Vorgesetzten gingen natürlich nur im geistlichen Habit, doch manch rüstiger Frater und Pater hatte mutig und freiwillig die Büchse oder Halbpike auf die Schulter genommen und vermaß sich, Heldentaten zu tun, von denen der Chronist von Corvey noch nach Jahrhunderten zu erzählen haben sollte. Der Kriegerischste aber in der ganzen geistlich-weltlichen Heerschar war doch Bruder Henricus, der sicher und männlich, trotz seinem hohen Alter, mit einem gewaltigen Schwerte ging, das wahrscheinlich beim Übergang der Hussiten über die Weser im Kloster stehen geblieben war; -- der Zug sah mehr auf ihn als auf die im Fackelschein voranflatternde Sturmfahne mit dem Bilde des heiligen Dionys. Der heilige Patron trug seinen Kopf nur unterm Arm, der Bruder Heinrich dagegen den seinigen noch wacker auf den Schultern.
»Meinen Segen nimmst du mit, mein Sohn; komme mir aber auch ja gesund und vergnügt wieder,« hatte beim Abschied am Klostertor der Vater Adelhardus zu ihm gesprochen und ihn dabei ganz zärtlich auf die Schulter geklopft.
Nun waren sie auf dem zerfahrenen und zerwühlten Wege, den wir vorhin geschildert haben, mit der Parole: Sankt Vitus! und dem Feldgeschrei: ^Abbatia urbi imperat!^ Corvey über Höxter! Nun gerieten sie in die Sümpfe, die Löcher und unter die harten Feldsteine, -- nun hielten sie, um Atem zu schöpfen -- und nun ächzten sie wieder weiter.
»Bruder von Metternich, das ist eine Nacht, um Anathema zu sagen!« stöhnte der Prior einmal über das andere. »Was ist deine Meinung?«
»Der Gerechte siehet vor seine Füße und gehet den Weg, den ihn der Herr schickt.«
»^Bene, bene!^ Wie dunkel aber die Nacht ist! Hätten wir doch ein jeglicher eine Laterne anstatt der Fackeln mit uns genommen! Nun hört auch das Stürmen vom Turm gar auf, Henrice.«
»Es ist vielleicht doch nur ein schlechter Gassenlärm gewesen, und die Tummelanten haben des Spaßes genug und gehen zu Bett.«
»Und wir sind heraus und hier mitten im Felde? ^O corpus Christi^, der Bann auf ihre Häupter! -- Fort, voran, ihr alle, wahrlich, man soll Corvey nicht ungestraft hohnnecken; ^abbatia urbi imperat^, da ist das Corveytor! Ruft: Sankt Vitus! und laßt uns einziehen!«
Nach einem mehr als halbstündigen Marsche waren sie jetzt wirklich vor diesem Tore von Höxter angelangt; allein das Einziehen ging so leicht nicht. Fürs erste fand das Stift die Tür verschlossen, obgleich es selber die Schlüssel dazu hatte -- freilich in den Händen seines tapfern, oben schon benannten Hauptmanns Meyer, den wir ebenfalls von Person kennen lernen werden.
»Lasset uns anpochen,« sprach der Subprior.
»Das wird viel helfen, der Graben ist dazwischen,« murmelte der Propst.
»So lasset den Zinkenisten von Corvey hertreten, Sohn Heinrich! Er soll sich den Hals zersprengen; aber uns den Pförtner auf die Mauer schaffen. Das ist eine scheußliche Nacht!« grollte der Prior.
Das alte Stift hatte seinen Trompeter mitgebracht, und er blies, -- er blies und blies sich halb die Lunge heraus, bis sein Blasen von der gewünschten Wirkung war.
Endlich, endlich flimmerten Laternen auf der Mauer, und dann rasselte die Brücke unter dem alten Torturm herunter; mit dem Hute in der Hand, von seinen Laternenträgern begleitet, wackelte der Hauptmann Meyer eilfertig und atemlos hervor, den Prior und das Stift zu begrüßen: ein freundlicher, ältlicher Herr, rötlichen Angesichts, breitbäuchig und behäglich, auch einer der besten Freunde des Pater Cellarius, Adelhardus von Bruch.
Höchst verdrießlich empfingen ihn für diesmal die übrigen Würdenträger des Stiftes.
»Sie sind wirklich mit Degen und Feldbinde da, Monsieur?« schrie der Prior. »Weshalb kommen Sie nicht auch im Schlafrock und denen Pantuffeln, mein Herr Hauptmann? Aus dem Bett kommen Sie ja doch! Bei Sankt Veit, Herr, es geht lustig zu in Höxter. Die Sturmglocke bringt das ganze Land in Aufruhr, und der Herr Kapitän drehen sich auf die andere Seite und geruhen weiter zu ruhen. Wo steckt Ihr mit Euren Leuten, Meyer? Hat man Euch dazu der Stadt Obhut zum zweiten Male anvertrauet?«
Der bischöflich Münstersche Befehlshaber ließ dieses und noch eine Reihe ähnlicher Vorwürfe und Fragen wie das Hochwasser aus einem aufgezogenen Schütt über sich hingehen. Erst als der Prior von Corvey mit seinem Atem zu Ende war, verantwortete er sich oder fing wenigstens an, sich zu verantworten.
»Aus dem warmen Bett komme ich nicht, Hochwürden, sondern von den Wesermauern am Brucktor, allwo ich seit angehobenem Tumult auf den Noht gepasset habe nach meinem Eid und meiner Pflicht.«
»Auf den Noht?!«
»Ja, Hochwürden, auf des Herzogen Rudolf Augusten Oberstwachtmeister Noht!«
»Sankt Veit und Corvey, aber weshalb denn gerade auf den?«
»Wer anders hat uns denn diesen Aufruhr angerichtet als der? Aber beim Teufel, hat er mir einmal meine Trommel genommen, zum zweiten Male soll er sie nicht in die Tatzen kriegen, und wenn er sich noch so verstohlen über die Weser schliche!«
Bei Fackelschein und Laternenlicht sah sich der Prior, Herr Nikolaus von Zitzewitz, verzweiflungsvoll und zweifelnd auf den Gesichtern seines Gefolges um. Sie grinsten alle, und Bruder Heinrich von Herstelle lachte sogar. Es blieb dem Prior von Corvey nichts anderes übrig, als sich fußstampfend von neuem an den biedern Hauptmann zu wenden.
»Aber um Gottes willen, was läuteten sie denn Sturm? wer zog die Glocken und warum?«
»Ja, sehet, Herr Prior,« sagte der tapfere Kapitän gemütlich, »da treten Sie doch näher und sehen selber! Was uns betrifft, so sind wir, seit der Lärm anging, unter den Waffen und auf der Mauer. In das Handgemenge habe ich den Korporal Polhenne hineingeschickt, doch der kann auch nichts ausrichten. Es geht eben wieder einmal durcheinander, Ratz, Katz und Ketzer, und unsere sind auch dabei. In allen Pfarreien haben sie zu Ehren des hohen französischen Abmarsches die Fenster eingeschmissen, und alle Küster haben sie ganz oder halb totgeschlagen. Doch damit sind sie auch zu Ende, und eben gehen sie, Ketzer und Katholiken, in christlicher Eintracht über die Juden.«
»Und dabei steht der Mensch, lehnt sich auf die Ellenbogen und guckt vom Brucktor aus in die Nacht und über die Weser nach dem Oberstwachtmeister Noht aus!« ächzte der Prior, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend. »Seine Trommel?! seine Trommel! Herrgott und Sankt Veit, sollte man da nicht wünschen, daß zehn Jahre lang die Trommel auf ihm selber geschlagen würde?«
»Ich rate nun doch, daß wir schleunigst in Höxter einrücken,« meinte jetzo Bruder Heinrich von Herstelle, und der Prior, ganz und gar nicht wie ein geistlicher Hirt, Vater und Berater kommandierte wütend:
»Marsch!«
So zog das Stift in die Stadt und nahm auch seinen Hauptmann wieder mit hinein.
Zehntes Kapitel.
»Nun auf die Juden!« Wer bei Sankt Niklas das Wort zuerst in die durcheinander tobende und im Unheil gemeinschaftliche Sache und Brüderschaft machende katholische und lutherische Menge warf, ist niemals historisch klar geworden. Wir haben unseren Freund, den Fährmann Hans Vogedes, im Verdacht. Gegen die Juden ging es; -- hier war das ^tertium comparationis^, wie der Helmstedter relegierte junge Weltweise sich ausdrückte, richtig gefunden. Der Pöbel hatte sich zuerst gegen das Haus des Meisters Samuel gewälzt, und Lambert Tewes war ihm selbstverständlich auch dorthin gefolgt.
»Ein unsterblich heroisch Poem werde ich schreiben und Professor der Eloquenz in Helmstedt werden. Bei Venus und Mars, die alten Perücken dort sollen mir nicht ohne Strafe das Consilium gegeben haben; als ein kaiserlich gekröneter Dichter will ich sterben! Diese trojanische Blutnacht haben mir die Götter eigens zubereitet. Es sei ihnen Dank gesagt!«
So schrie er, und sein Horaz schlug ihm im Laufen an die Schenkel. Wir wenden uns und sehen, wie die Kröppel-Leah und die kleine Simeath diese heroische trojanische Nacht bis jetzt hingebracht haben.
Sie hatten kurz vor Anfang des Lärms beide todmüde in das Bett des Sergeanten und das französische Kavalleriestroh kriechen wollen und waren natürlich nicht dazu gekommen. Mit einem Angstruf hatte das Kind den Fuß vom Bettrande wieder zurückgezogen:
»Horch, horch, was ist das, Großmutter?«
Es waren die Höxteraner vor der Pfarrkirche von Sankt Kilian.
»Laß sie rasaunen! Komm, Töchterlein, wir wollen uns wieder an den Tisch setzen. Lege deinen Kopf an mich. Wir wollen die Decke warm um uns schlagen, und ich will dir erzählen wieder von der alten Zeit,« sagte die Großmutter, und die Enkelin kam. Sie kauerten von neuem zusammen vor der kleinen Lampe in dem kalten verwüsteten Stübchen.
»Unsere Könige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden weideten unter den Palmenbäumen -- die Sonne des Herrn leuchtete, das Land unserer Väter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren große Krieger in glänzenden Panzern und schlugen Schlachten -- sie fürchteten niemand -- sie waren tapferer als jetzt irgendein Heerfürst --«
Es ging nicht. Sie mußten zu genau auf den Tumult vor der zerbrochenen Tür, vor den zerschlagenen Fenstern horchen. Auch die Greisin, die so viel Brand und Blut in ihrem Leben gesehen hatte, mußte horchen. Das stärkste und geprüfteste Herz lernt da nicht zu Ende.
»Sie werden auch auf uns wieder hereinbrechen!« jammerte Simeath.
»Sie werden uns nichts nehmen können. Sei still, Liebchen, habe Mut! Ja, wenn noch der Riegel vorgeschoben wäre und das Haus reich, da wäre Grund zur Angst. Wenn das Haus noch wäre wie zu deines Urgroßvaters, meines Vaters, Zeiten, unscheinbar von außen, doch voll Güter drinnen, so möchten wir eher Furcht haben. Was wollen sie uns heute nehmen, da wir nichts weiter haben als unser Elend?«
»Sie haben jetzt auch nur noch das ihrige, Großmutter,« sagte das Kind klug. »Weil sie diesmal so schlimm daran sind wie wir, sind sie so wild; und sie werden um so grausamer sein gegen uns, je weniger sie finden.«
»Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt Anfang an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht über uns halten, wie er sie seit fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung gehalten hat. Wir sind dem Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch mit Marter und Bosheit gegen uns ausgeübt haben. Horch -- es ist Triumph! Sie wüten jetzt gegeneinander! Sei still, Kind, es geht heute Nacht nicht gegen Israel!«
»Aber, Großmutter, sie haben dich nach Hause gehen sehen mit deinem großen Bündel. Du hast ihnen gesprochen von deiner Erbschaft, Großmutter,« flüsterte die verständige Simeath.
»Die armen Lappen!« rief die Alte, ihr Bündel unter dem Tische näher an sich heranziehend. »Wir sind gewickelt in die Decke von dem letzten Lager deines Oheims. Das ist aber das Köstlichste von der Erbschaft.«
»Wenn sie es glauben wollten, wären wir wohl glücklich, Großmutter,« seufzte die Kleine, und -- so war es, wie sie sagte.
Von Sankt Kilian gegen Sankt Niklas und von dort vorerst zum Hause des Meisters Samuel und seines frommen Weibes Siphra! Sie brachen ein und stahlen, sie schlugen den Hausherrn zu Boden und drückten seine Ehefrau gegen die Wand; sie schlugen auch seine jungen Kinder, da kein Küster mehr zu mißhandeln war, und alles ging drunter und drüber. Vergeblich wehrten Ratmannswachen und der Korporal Polhenne; -- wie wir wissen, gab währenddessen der Stadthauptmann Meyer genau darauf acht, daß ihm seine Trommel nicht zum zweiten Male vom Braunschweigischen Oberstwachtmeister Noht abgenommen werde. Sie legten jetzo auch die erste Brandfackel an, und in dem Moment, als der letzte Mann vom Zuzuge des Stiftes Corvey in das Corveytor zog, schlug die Flamme aus den Fenstern, sprang der rote Hahn aufs Dach, reckte sich, schlug mit den Flügeln und krähte wild hinaus:
»Feuer! Feuerjo!«
Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der Abtei den Himmel rot werden über Höxter.
»O die ^Incendiarii^! O, die ruchlosen Mordbrenner!« sprach er. »Haben die Bärenhäuter der Dächer noch zu viel über den gottverlassenen Köpfen? Nun, ich habe den guten Heinrich gewarnt, daß er sich nicht die Finger verbrenne. Der Herr Prior und die übrigen werden sich wohl schon selber zu hüten wissen und nicht zu nahe daran gehen.«
Darauf ließ er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fußschemel an das Bogenfenster rücken, schickte einen zweiten Laienbruder in den Keller nach einer Flasche vom Besseren »gegen den Zorn« und stellte diese Flasche mit dem Glase handgerecht in die Fensterbank. Da saß er dann, faltete die Hände über dem Bäuchlein und hörte durchaus nicht, wie die ältesten Herren Patres ihn hinter seinem Rücken mit dem grausamen Kaiser Nero beim Brande Roms verglichen. In der Stummerigengasse aber vor dem nun lichterloh flammenden Hause des Juden Samuel wurde es unserm Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo doch gar übel zumute.
Er lachte nicht mehr, sondern biß die Zähne aufeinander. Die Lust zum Zitieren des Horatius war ihm völlig vergangen.
»Was zu viel ist, das ist zu viel!« ächzte er. »Und dies ist eine Bestialität. ^Hierosolyma perdita?^ Auf für Jerusalem! Nieder mit den mordbrennerischen Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in ganz Huxar, der auf ein dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen sie mir meines Vaters Taschenuhr in seinem Verschluß! Himmel, Hölle und alle Teufel, zu Boden mit dir, du Vieh!«
Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut über Stirn, Augen und Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Fußtritt in die Rippen, der ihm für mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder in die Höhe bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser Nacht Aug in Auge mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder packte sofort zu, griff ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann Meyer zu:
»Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewürfelt hat, so ist's dieser! Ins Prison mit ihm!«
»Holla!« rief der Student lachend, »wenn einer in dieser Nacht in Höxter auf Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich's! Meyer, Ihr kennt mich und wißt die Unschuld zu ästimieren. Nehmt lieber meine Hülfe an, ^domine^ -- allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.«
Prioren, Probst und sämtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim roten Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich hinterm Ohr krauend:
»Was ich sagen soll, weiß ich nicht; aber, ehrwürdige Herren, ich kenne ihn freilich, und das Nutzbarste wär's, wir rollierten ihn ein in unsere Musterrolle.«
»Dann vorwärts und Sturm!« kommandierte der Bruder Henricus, seinen Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken, Hellebarden, Halbpiken und hainbüchene Knüppel vorgestreckt und in der Luft, warf sich die bewaffnete Macht von Corvey auf die ^Huxarienses^, um den Schutzjuden des Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von ihrem Leben noch übrig geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert Tewes aus dem brennenden Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill der Bruder Heinrich; den Freund Säuberlich nahm der Hauptmann Meyer mit Hülfe des Korporals Polhenne beim Kragen. Die Herren von Metternich und von Zitzewitz stellten sich ritterlich und trieben jeglichen Corveyschen Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause zu schleichen, mutig in die Schlacht zurück. Es kamen überhaupt jetzt die ersten Regungen der Besinnung in der Bevölkerung wieder zum Vorschein, und Höxter fing an, sich zu schämen. Bürgermeister Thönis Merz und sein Rat fingen an, ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plünderer wurden überwältigt oder flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse, und da jetzt, gegen Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das Haus des Meisters Samuel ruhig und ohne weitere Gefahr nieder. Man ließ es brennen.
Elftes Kapitel.
In die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu Gronau im Fürstentum Hildesheim gewickelt, hatten währenddessen die Kröppel-Leah und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote Schein der Feuersbrunst, der in die leeren Fensteröffnungen und die Tür fiel, hatte auch den Mut der Alten gebrochen.
»Siehst du, Großmutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater Samuels Haus in Brand gesteckt; -- sollen wir nicht fort? Wir können über den Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum Dahle wird nicht zu schlimm sich stellen, wenn er uns morgen früh in seinem Stalle findet.«
»Ja, ja, Kind,« stöhnte die Greisin. »Leise, leise -- da ist mein Bündel -- hilf's mir wieder auf! Du hast recht, wir müssen hinaus -- sie kommen, und sie kennen kein Erbarmen.«
Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von Gronau her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurück auf den Stuhl, legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die Arme.