Part 4
»Woui, ^mon fils^. Ehe sie uns nicht neues Schlachtvieh aus den obern Dörfern zutreiben, ist freilich Hunger der beste Koch zu Corvey. An den Geflügelhof mag ich gar nicht gedenken. Halte dich an den Schinken, Sohn Heinrich: Buchweizen heißt es morgen, und Buchweizen wird es auch übermorgen heißen. Buchweizen, Buchweizen, eine gesunde Zukost; aber ich liebe dich, Henrice, und bin nicht wie die anderen: ich gönne dir den Schinken und sehe zur Seite, während du speisest.«
Er sah wirklich weg, wenngleich tief seufzend.
Und es blieb freilich von dem Schinken wenig für den andern Tag übrig. Seit langer Zeit hatte kein Corveyscher Mönch sich mit so gutem Rechte zu seiner »Palme« eine Märtyrerkrone verdient, wie der Vater Adelhard von Bruch an diesem Abend.
Jetzo aber schlug der mächtige Knochen wie Holz auf den Teller; der Bruder Henricus war gesättigt, und der Humpen nahm seinen Weg zwischen den beiden braven alten Gesellen wieder auf.
»Du hättest doch zu Hause sein sollen,« sprach der Cellarius. »Wie es bei uns herging, als der Herr von Turenne sein Hauptquartier in Höxter nahm, weißt du noch; aber wie freundlich noch zu guter Letzt der Kommandante, den Turennius uns zurückließ, der Herr von Fougerais, war, das ist dir nun leider entgangen. Hoch ging's her, bei Tage und bei Nacht. Sie konnten nicht von uns lassen, und es wäre auch dumm von ihnen gewesen, denn wir trugen ihnen auf, daß die Tische knackten -- o, du hättest die Brüder sehen sollen. Das ging so hin -- unser griechischgelehrter Vater Agapetus hat es uns aus dem Homero verdeutschet -- weißt du, Sohn Heinrich, wie, wie -- im Schlosse des Königs Odixus; und das Stift war die Königin Penelope, und die Franzmänner waren die ^ambitores^, die ^proci^, die Freier! ^Ebibe!^ trink aus, mein Sohn; ^deposuimus eos vino^, wir haben sie häufig genug zu Boden getrunken; aber sie standen immer am andern Morgen wieder auf. Seine fürstlichen Gnaden von Münster, unser Herr Administrator, können es uns nimmer vergessen, was wir alles angestellt haben, um hochdero Verbündeten den Aufenthalt bei uns kommode zu machen; ob sie uns freilich die Auslagen wieder ersetzen werden, das stehet wohl dahin. Man hat so glorreiche Alliierte eben nicht um ein Stück Haferbrot und einen Trunk aus der Schelpe, was sonst ein gar kühles und gesundes Wasser sein soll!«
»Das meinte der Braunschweiger hohngrienig auch,« sagte der Bruder Henricus.
»Davon nachher. Jetzt laß dir weiter erzählen. Siehe -- da liegt der Schinken -- knochen! Wir hatten sie zu Hunderten in der Rauchkammer, einen bei dem andern; vordem ein Anblick des Ergötzens, ^nunc lugubris et tristis memoria^! Weg sind sie! Ja, ja, mein Sohn, ^via ad coelum nonnisi lacrymis struitur^ -- der Weg zum Himmel gehet durch ein Tränental. Wir hatten sie, ^Gallos^, meine ich, auf dem Tische und bei Tische. Weg sind sie, ^galli et Galli^. Die einen in die Mägen der andern; und wie es den Hennen zu Höxter ergangen ist, das werden die nächsten neun Monden ausweisen. Da waren sie sich alle gleich, die aus dem Languedoc und die aus der Bretagne, die aus der Normandie und die aus der Pikardie, und ihr Haupthahn war nicht besser als sein Volk. ^Diabolus accipiat animam ejus^, der Böse nehme ihn beim Kragen auf seinem Wege nach Wesel. Na, mein Sohn, du rittest mit dem Tilly in deiner Jugend, du weißt Bescheid --«
»Sprechen Sie jetzo das ^Gratias^, mein Pater,« seufzte der Bruder Henricus. »Grade weil ich mit dem Tilly ritt, will das mir in diesem Momento nicht anstehen. Nachher wollen wir uns schlafen legen.«
»Das wollen wir mit nichten,« rief der Pater Adelhardus. »^Omnia tempestive^, alles zu seiner Zeit. Habe ich mich deinethalben so heiser gesprochen, so berichte mir nun auch, was du uns Gutes mitbringst vom Herzog Rudolfus Augustus.«
»Das mögt Ihr nun nehmen, wie Ihr wollt,« flüsterte der Bruder Henricus. »Er hatte den Wald, den Solling, gewaltig verrammelt. Er stand mit Geschütz, Reitern und Fußvolk vom Idth her bis an den Fluß. Bis hieher und nicht weiter! sprach er, nachdem er mir seine Rüstung hatte vorweisen lassen. Es wäre selbst für den Turennius ein harter Marsch durch den wilden Forst und die Weserberge gewesen.«
»Deshalb blieb er auch ^confortabiliter^ bei uns und zeigte den ^Huxarienses^, den Höxternschen, und uns seine und unseres Herrn Bischofen und Administratoren Macht und Gewalt!«
»Nachher fand ich heute die Weserbruck abgebrochen.«
Der Cellarius von Corvey neigte bedächtig das Haupt:
»Es hat alles seine Gründe in dieser Welt. Diesmal sind wir in Holland in Not, sonsten wäre es uns noch länger ganz wohl zu Corvey gewesen; -- nicht wahr, ^messieurs^? -- Uns? uns! lieber alter Sohn Heinrich, wir leben in einer bittern, verworrenen Zeit. Haben wir die Pikenierer und Musketierer des Braunschweigers hier gehabt, so könnten wir wohl auch noch einmal seine Artolleria über den Fluß rücken sehen. Der Herr von Fougerais war ein kluger Mann und marschierte mit dem Bart auf der Schulter ab. Sohn Heinrich, weißt du, was mir ein Himmelstrost ist in diesen schlimmen Tagen?«
»Nun, mein Pater?«
»Daß ich nur Kellermeister zu Corvey bin und nicht Herr Christoph Bernhard von Galen, Bischof zu Münster; und daß nach unseres guten Abts Arnolden seligem Abscheiden Er Administrator vom Stift und von hochberühmter Abtei geworden ist, und ich nicht Abt. Jetzo können wir zu Bette gehen, mein Sohn!«
Das konnten sie freilich; sie kamen nur fürs erste noch nicht dazu. Sie hörten die nämlichen Glocken, von denen der Helmstedter Student, Herr Lambert Tewes, in der Schenke zum heiligen Veit erweckt wurde aus seinem Schlummer.
»St. Vitus, was ist dieses?« rief der Bruder Henricus, die Hand hinters Ohr legend.
»Hörst du etwas, Henrice?«
»Es klingt wie Sturm.«
»So summt es mir schon tagelang im Kopfe; -- ich meine, es liegt in der Corveyschen Luft. ^Collusio Diaboli^, Täuscherei und Blendwerk des Teufels! Wir wollen schlafen gehen.«
»Nein, nein, das ist keine Gaukelei der Luftgeister. Sie läuten Sturm zu Höxter!« rief der Bruder Henricus. Er war zu dem hohen Fenster mit den kleinen runden Glasscheiben getreten und hatte einen Flügel geöffnet.
»Hören Sie, mein Vater?«
»Sohn Heinrich, du hast wieder einmal recht. Hilf mir auf; o, über die Heringskrämer, sie werden wohl auch einen Brand zu löschen haben! Sehen wir, ob der Himmel im Westen rot wird.«
Auf den Bruder Henricus gestützt, wackelte der brave Vater Adelhardus durch den langen Korridor in den westlichen Flügel des Gebäudes, und beide Alte sahen neugierig nach der Stadt hin. Das Himmelsgewölbe war und blieb aber dort dunkel; und es war gleich schwarze Nacht im Morgen und im Abend.
»Dann ist es etwas anderes; und nun werden der Herr Prior, samt Subprior und Probst doch wohl aus den warmen Nestern herfürmüssen,« brummte der Cellarius, zwischen Schadenfreude und eigener Unbehaglichkeit schwankend.
»Ich habe es mir wohl gedacht; es sah böse aus in Höxter, als ich heute abend von der Fähre kam. Die Gassen gefielen mir nicht, und was darin geredet und geflüstert wurde, gefiel mir noch weniger.«
»Rebellion? Tumult in der Stadt? ^Seditio ante portas?^«
»Unsern teuren Brüdern zu St. Niklas war's auch nicht wohl zumute.«
»Also das alte Spiel! Trumpf Luther, -- Trumpf Papst! der Herr schütze uns, Schellenkönig -- Eckerdaus! Stich Münster -- Stich Braunschweig! -- zieht Ihr die Lärmglocke von Corvey, Frater Henricus; treibt mir die Klostermannschaft in die Hosen; ich will die Väter und Brüder hervorpochen. O Herr von Zitzewitz, ach Herr von Metternich, der Herr gibt es den Seinen im Traum. Ho, ho, heraus! heraus! ^all' arme! all' arme!^ Huxar im Aufstande!!!« --
Nun war es doch spaßig, in diesem Moment in diesem Korridor der großen Abtei Corvey zu stehen und darauf zu achten, wie auf den Waffenruf das sonore Schnarchgetön hinter den Zellentüren plötzlich stille stand -- als ob ein Mühlwerk angehalten wurde. Dann aber polterte und grummelte es hinter diesen Türen, dann öffneten sich die ersten derselben -- dann wimmelte es hervor und zwar aus allen.
»St. Veit und Benediktus, was gibt es denn nun schon wieder?«
Der Vater Adelhardus ließ sich auf keine Antwort ein; er weckte den Herrn Prior zum andern Mal. Der Bruder Heinrich von Herstelle aber, ein Mann, dem es ganz gleichgültig war, ob in seiner Abtei die fünf ersten Bücher der Annalen des Tacitus wiedergefunden worden waren, verstand es dagegen noch ganz trefflich, eine Lärmglocke zu ziehen und eine Wachtmannschaft in den Harnisch und an die Spieße zu bringen.
Corvey lief durcheinander:
»St. Veit, die Braunschweiger sind über den Fluß! St. Benedikt, der Fougerais ist umgekehrt. Sie sind im Handgemenge in Höxter! Aus den Betten für das Stift! Auf für Christoph Bernhard, -- auf für Corvey!«
Die ältesten Greise wankten hervor. Der Propst Ferdinand von Metternich kam; es kam der Subprior Florentius von dem Felde, und zuletzt kam auch der Herr Prior Nikolaus von Zitzewitz.
»Das war mir eine schwere Mühe,« erzählte nachher der Vater Adelhardus. »^Elinguis stabat^, gleich einem Ölgötz, gleich einem Stocke stand er und rieb sich die Augen. ^Vae turbatori^; wer auch die Schuld davon tragen mag, -- mir vergißt er die Molestierung in seinem Leben nicht.«
Dem sei nun, wie ihm wolle, -- so kam Corvey auf die Beine! ... Höxter und Corvey!
Achtes Kapitel.
Was uns anbetrifft, so kamen wir von den Beinen noch gar nicht herunter. Verfügen wir uns zurück nach Höxter, und zwar mit kühler Stirn und gelassenem Gemüt: es ist uns beides vonnöten, und des letzteren rühmen wir uns vor allem. Der große Autor der Dasselschen Chronik Meister Hans Letzner, natürlich schnöde zubenamset der Fabelhans, konnte nicht kritisch-ruhiger in den Wirrwarr seiner Tage oder insbesondere in das Getümmel des St. Vitus-Festes hineingucken, als wir in diese Höxtersche Lärmnacht nach dem Abmarsch des Marschalls von Turenne und des Herrn von Fougerais.
In der Stadt war längst alles auf den Beinen! Der Grimm mußte heraus, und jetzt hatte eben die Gärung den Zapfen aus dem Spundloch getrieben: sinnverwirrend ergoß sich die trübe Flut, und da wir von Corvey kommen und also wissen, wie es dort aussieht, so wissen wir auch, daß fürs erste niemand vorhanden war, der den Ölzweig über diese schlimmen Wasser hintragen oder noch besser das Öl selber in sie hineingießen konnte. Auch die Frauen befanden sich in den Gassen, und das war das Allerschlimmste. Sie, die Weiber, hatten auch von der französischen Einquartierung zu leiden, und zwar in mehr als einer Weise, und wahrhaftig mehr als die Männer. In welchen Winkeln hatten sie sich mit ihren heulenden hungernden Kindern verkriechen müssen! Glücklich noch, wenn sie nicht daraus hervorgezogen wurden, um die tägliche und nächtliche Lustbarkeit durch ihre Gegenwart zu verschönen. Nun kamen sie von ihren leeren Speiseschränken, versudelten Betten, verschweinigelten Fußböden und suchten ihrerseits die geeigneten Persönlichkeiten und Zustände, an denen sie ihren Grimm und Groll auslassen konnten. Katholikinnen wie Lutheranerinnen waren sich darin einig, daß mehreres gesagt und getan werden müsse, ehe es wieder Ruhe und Anstand in Höxter geben könne, und an ihnen -- den Höxterschen »^Dames^« -- hatte der Helmstedter ^Relegatus^, Herr Lambert Tewes, vor allem sein Vergnügen.
Meister Lambert, von seinem harten Lager in der Schenke zum heiligen Veit auffahrend, wie beschrieben, schob den Horatius, der ihm als Kopfkissen gedient hatte, in die Tasche und sprang vor die Tür der Schenke. Wir haben auch bereits dem Leser mitgeteilt, daß diese Kneipe am Corveytor, also ein wenig entfernt vom Mittelpunkte der Stadt, lag. Demnach war es still in der Umgegend; der ausgebrochene Tumult wütete mehr in der Mitte der Stadt, und weitbeinig verfügte sich der Student dorthin.
»Was würde mir nun das beste Federbett nebst Schlafrock und Pantuffeln geholfen haben? Was hilft es nunmehro dem Herrn Oheim, daß er die Zipfelkappe über die edlen Ohren zog? Muß er nicht auch heraus? Er muß! Ja, ja, wieder hat es sich gezeigt, daß die Bank das einzig richtige Lager für die Zeitumstände ist. ^Paratus sum!^ und hinein mit Lust und Mut in des Säkulums Pläsier und Jokosität. Ein einziger Jammer ist es nur, daß man hier nicht rufen kann: Bursche 'raus! wie unter den Fittichen der hochgelobten Julia Karolina.«
Es ging auch ohne das. Von einem heftigen Zulauf des Pöbels mitgezogen, tauchte er, natürlich mit dem altbekannten ^Quo, quo scelesti ruitis^, jedoch ohne das diesmal in deutsche Reime zu bringen, zuerst vor der lutherischen Pfarrei aus dem wüsten Schwall auf und schwang sich auf einen Prellstein; natürlich nur, um besser sehen zu können, was man eigentlich mit den lieben Verwandten im Sinne habe.
»Sieh, sieh!« sagte er, und die Szene war in der Tat recht kuriös zu betrachten. Die katholischen ^Huxarienses^ stürmten die lutherische Pfarrei und waren natürlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoßen, die von der Pforte ihres Hauses aus, mit dem Besen in der Hand, den tollen Haufen fürs erste noch mit merkwürdigem Erfolg bekämpfte. Über sein Weib weg sprach der ehrwürdige Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft und dieses ganz vergeblich; -- sein Küster war's, der im Turm von St. Kilian am Glockenseil hing und für die Augsburgische Konfession um Hülfe läutete, während von St. Nikolaus herüber das Geläut kam, das für den zehnten Klemens -- Altieri -- sich an die städtischen Auktoritäten, das Stift Corvey, den Bischof von Münster und den dunkeln, stürmischen Nachthimmel wandte.
Sie hatten Fackeln mitgebracht, die Tumultuanten, um ja an keinen Stein auf ihrem Wege zu stoßen. Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete der Student alles ganz genau, hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig so viel als möglich im Schatten.
»^Coraggio, chère tante^,« jauchzte er. »Siehest du, Freund Säuberlich, das heißt man eine treffliche Quart. Pariere den! ... Hui, der saß wieder, gerade auf dem Schnabel. Siehst du, mein Sohn, da hast du dein Maul voll von dem französischen Nachlaß in den Gossen von Höxter! ^O papae^, schlägt die Papissa eine gute Klinge oder besser einen saftigen Besen!«
Das tat sie; allein zuletzt half es doch wenig gegen den übermächtigen Andrang. Sie wich, und wäre die Päpstin Johanna an ihrer Stelle gewesen, so würde die auch gewichen sein. Der Student auf seinem Steine drückte die Faust auf die Milz:
»Was fällt er ihr denn in die Parade? Soll das Wort hie mehr helfen als die Tat der Heldin? ^Retro retrorsum, Domine Pastor^, halten Sie sich nicht auf! Herr Onkel, -- da, da!«
Es war ungefähr so. Der würdige Herr von St. Kilian hatte eingesehen, daß hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines Ehegesponses. Er hatte den Arm der Gattin erfaßt und zog sie rückwärts die Treppenstufen hinauf in die Pforte des Hauses. Hinter ihnen drein brüllte der Haufen, hinter ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe:
»Holla, es ist nicht das erste Mal heute, daß Ihr sie einem vor der Nase zuschlagt und den Riegel vorschiebt! So habt Ihr es denn, wie Ihr es gewollt habt!«
^Contra aegida Palladis ruere^, mit dem Kopf gegen die Schürze der Weisheit stoßen, nannte er's dann, als die Vordersten der erbosten Bande, von den Hintersten geschoben, mit den Stirnen gegen die verrammelte Pforte anrannten. Das Höxter des Jahres 1673 ließ die Knüppel fallen und griff zu den Steinen.
Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei, ihm folgte das erste Dutzend. Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich Vollbort am Fenster, dann verschwand er im Innern des Hauses. Die geistliche Frau hielt sich einen Augenblick länger; jedoch die Ochsenaugen zersplitterten um sie her. Sie verschwand gleicherweise, während, wie der Pater Adelhardus sich ausgedrückt haben würde, die ^infestatio cum bombardis^, das Bombardieren fortdauerte. Und in dem Augenblicke, wo die Not am größesten wurde, verstummte der angstvolle Hülferuf vom Turm; eine Handvoll biederer Höxteranischer Stadtinsassen hatte die Tür des heiligen Kilianus, durch welche der Küster eingeschlüpft war, erbrochen, hatte den Küster am Werk und am Seil gefunden, und -- jetzt läutete er nicht mehr, sondern aber es wurde auf ihm geläutet; er bekam Prügel, entsetzliche Prügel.
Zerreißen, um an zwei Orten zugleich sein zu können, konnten wir uns leider nicht, aber daß die Katzenmusik, welche die lutherischen Huxarienser zu Ehren des französischen Abmarsches den Minoriten bei St. Niklas besorgten, nicht geringer ausfiel als die bei St. Kilian, das können wir auf unser Wort und unsere Ehre versichern! Die katholische Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden unseres Freunds Lambert Tewes als die lutherische; das Schauspiel war das nämliche dort wie hier. Es fiel in Wort und Werk nichts daneben, und der einzige Trost für die Herren bei St. Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser bösen Nacht darin, daß es den »Herren von der andern Seite« gerade so ergehe: ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost.
Wäre es nunmehr nicht unsere Pflicht, nach dem Burgemeister zu laufen? Durchaus nicht, denn er kommt am letzten Ende doch immer ganz von selber, und so auch jetzt, und zwar begleitet von den Ältesten und Würdigsten der Gemeinde.
Ächzend kam er, Thönis Merz der Bürgermeister, und mit ihm die andern: Kaspar Albrecht der Senator und Jobs Tielemann und Heinrich Kreckler und Hans Jakob zum Dahle, und Hans Freisen und Hans Sievers und Hans Tropen und Hans Heinrich Wulf und Heinrich Voßkuhl und Adam Sievers, die Dechanten von den Gilden und Konrad Kahlfuß der Gemeinheit Meister! Sie erschienen, um Ordnung zu stiften, und etwas Großes war das auch gar nicht, wenigstens an dem Orte, an welchem sie jeweilig auftraten.
»De Burgemester!« krächzte eine Stimme im Haufen, und sofort kam ein Schwanken und dann ein Erstarren in die wogende Flut. Kopfüber stürzten die Angreifer von den Treppenstufen des Pfarrhauses hinunter, auseinander stob der Pöbel, und der Konsul stieß dem Senator den Ellenbogen in die Seite und sprach:
»Gevatter, was habe ich gesagt?!«
Ob es aber mehr darauf, was er gesagt hatte, oder was der Herr Pfarrer und die Frau Pfarrerin jetzo sagten, ankam, das wollen wir dahingestellt sein lassen. Wer da sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; und es wurde dergleichen ausgerufen; -- sehen wir zu, wo derweilen unser Helmstedter geblieben ist. --
Wenn das erboste katholische Volk bei St. Kilian auseinander gelaufen war, so war's danach freilich noch nicht ruhig nach Hause und ins Stroh gegangen, sondern im Lauf durch die Gassen St. Niklas zu.
Leichtfüßig war der Student von seinem Eckstein heruntergesprungen. Er hatte alles hier in Obacht genommen, was ihn interessieren konnte, doch die Blüte des Spaßes pflückte er nun erst ab.
Der Platz vor der Pfarrerwohnung war leer. In der wieder geöffneten Tür standen heftig gestikulierend der Onkel und die Tante, auf den Treppenstufen der Bürgermeister mit der Hand auf der Brust, am Fuße der Treppe in einem Halbkreis der Chor der Senatoren, Patrizier, Tribunen und Gilden-Hauptleute. Gravitätisch schritt jetzt Herr Lambert Tewes aus der Dunkelheit hervor, in das Licht der Laterne, die der Gemeinheit Meister Konrad Kahlfuß trug, hinein, zog höflich den Hut, verbeugte sich tief und richtete an die Herrschaften das, was achtzig Jahre später die Literaturbriefe, wenn sie Herrn Dusch vornahmen, »mit unsern galanten Briefstellern die Courtoisie nennen.« Dann schritt er langsam querüber in die nächste Gasse und lief, sobald er der entrüsteten ^Auctoritas^ aus den Augen war, so schnell ihn die Füße trugen, dem Tumult bei St. Nikolaus zu:
»Wer fürchtet des Skythen, des Parthiers Wut, Wer scheuet Germaniens greuliche Brut? Nun sitzt man geruhig beim fröhlichen Schmaus, Es schändet kein Frevler des Biedermanns Haus!«
Hiemit, das heißt mit diesem heitern, wenn auch nicht völlig zutreffenden Zitat aus der fünften Ode des vierten Buches der Lieder des Quintus Horatius Flaccus kam er an bei den Minoriten am Klaustor und wiederum ganz im richtigen Augenblick.
Neuntes Kapitel.
Ganz zur richtigen Zeit, denn eben schwieg die katholische Sturmglocke, und bekam der katholische Küster gleichfalls Prügel. In ganz Höxter aber hatte Lambertus keinen bessern Bekannten als Jordan Hunger, den katholischen Küster; dieser ging noch über den Fährmann Hans Vogedes, den Korporal Polhenne und Seine Hochedelgeboren Herrn Wigand Säuberlich, der mit dem Studenten dem Onkel Vollbort durch die Schule gelaufen war und wie er, Meister Tewes, auf keiner Seite Partei nahm, sondern auf jeder nur sein Vergnügen.
Dieses Vergnügen war nunmehr vor der Pfarrwohnung der von Christoph Bernhard bei St. Nikolaus eingesetzten Minoriten im vollen Gange. Der von St. Kilian herströmende katholische Haufen fiel dem lutherischen beim heiligen Niklas nicht in den Arm, sondern in die Arme. Im letzten Grunde hatten sie alle nur den einzigen Zweck, Unheil zu stiften, und das verrichteten sie denn auch, und zwar ohne jegliche Courtoisie. Das Steinbombardement auf die Fenster der katholischen Herren wurde ebenso kräftig unterhalten, wie das auf die Fenster des Onkels Vollbort.
»Sieh, sieh!« sagte auch hier wieder der Studente fröhlich; doch eben, als er sich von neuem auf den Prellstein schwingen wollte, faßte ihn ein Weib am Rockschoß, zog ihn zurück und zeterte:
»Um Jesu Christi willen, Herr Magister, sie haben meinen Mann totgeschlagen! Er liegt unter den Glocken, und sie tanzen auf ihm herum!«
»^O mon dieu!^« rief der Consiliatus. »Ist Sie es, Gevatterin? ^Mon dieu^, und er war doch so gut Freund mit dem Fougerais bei unserm letzten Disput!«
»Dafür haben sie ihn auch windelweich geschlagen, und er liegt unter seinem Seil. O Lambert, kommt und helft mir, laßt Euren besten Kameraden nicht umkommen. Sie sagen, das Stift sei auf dem Wege hierher; aber was hilft das mir, wenn sie mir meinen Mann vorher zunichte gemacht haben. Das leiden wir nun um Corvey!«
»Höxter und Corvey!« jauchzte der Student, und dann ließ er sich von der Küsterin den Glocken von Sankt Nikolaus nur zu gern zu ziehen. Der Spaß war ihm in dieser Nacht eben überall in Huxar.
Weggelaufen war der unglückselige Monsieur Jordan nicht aus seinem Turmgewölbe während der Zeit, daß sein Weib hingegangen war, die barbarische Welt um Hülfe anzuschreien. Er lag unter seinem baumelnden Seile noch da, wie ihn seine nichtswürdigen Feinde und seine brave Gattin verlassen hatten, mit der Nase im Staube. Seine Schultern zuckten, er zappelte mit den Füßen und ächzte jämmerlich.
Mit der Nase im Staube! und der Student wußte sofort ein Zitat aus dem Horaz und trug natürlich dasselbe dem Unglücklichen, Geschlagenen erst lateinisch und sodann in freier deutscher Übersetzung vor:
»So stürzet der Tannbaum mit donnerndem Hall, So liegt nun der Küster nach furchtbarem Fall! Im Blachfeld des Teukrers, dem Feinde zum Raub, Druckt itzt Don Bravatscho die Nas' in den Staub!«
»Hu,« winselte der Küster von Sankt Niklas, »bist du's, Lambert? Ist meine Frau auch da? Hu, dreht mich um -- um Gottes Barmherzigkeit sachte! vorsichtig, sachte. Die Teukrer, oder wie das Dorf heißt, waren es nicht; der Teufel vergelte es den Höxterschen Bösewichtern, die mich um der Kirche willen so greulich zugerichtet haben. O, o, o, das ist viel schlimmer als die letzte Schlacht um die Bosseborner Laterne -- weißt du, Lambert, die vor drei Jahren, in der du auch einen Prügel führtest, obgleich es dich als lutherschen Ketzer gar nichts anging.«
Der Student hatte den Armen weich und vorsichtig unter den Armen gefaßt, während die Frau Küsterin die Füße gehoben hatte, um den halb Geräderten auf den Rücken zu legen; aber der Küster hatte zu seinem Schaden sein letztes Wort hervorgestöhnt.
Als Herr Lambert Tewes von der letzten Bosseborner Laternenschlacht hörte, ließ er sofort los und streckte, um einem ganz andern Gefühl als seinem Mitgefühl Luft zu machen, die ausgespreiteten Hände hoch in die Luft.
Mit einem lauten Aufschrei fiel der Küster wieder auf das Gesicht; doch lustkreischend schrie der Student: