Höxter und Corvey: Erzählung

Part 3

Chapter 33,740 wordsPublic domain

Mit seinem Lämpchen in der armen, winzigen, zitternden Hand suchte es das verwüstete Haus ab vom Keller bis zum Boden, und häufig stöhnte es und rief den Gott seines Volkes an, wenn es wieder ein schlau und sicher angelegtes Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlaueren, auch auf dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von Turenne aufgefunden und ausgestöbert fand. Und das Kind war ganz allein in seiner Not gewesen. Niemand hatte sich darum gekümmert in Höxter, wenn der Schimmer der kleinen Lampe bald hier, bald dort an einer der leeren, schwarzen Fensteröffnungen vorüberflimmerte. Der Volks- und Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwarzen Brot, einem schlechten Messer ohne Griff, einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen Kochtopf dazugetan:

»Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine Herde von Zicklein und Böcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll Mehl und Honig und Öl und Gewürz nachfahren lassen, wenn wir's könnten; aber wir können's nicht, Simeath!« hatte man in Meister Samuels Hause gesagt.

»Da hast du noch einen Besen; es ist wohl der schlechteste, aber wir brauchen alle übrigen selber,« hatte die Frau Siphra hinzugefügt, und so war das Kind mit herzlichem Dank und überströmenden Dankestränen gegangen und hatte es dem König Louis, dem Bischof von Münster, dem Herrn von Turenne, dem Herrn von Fougerais, dem Stift und der Stadt zum Trotz möglich gemacht, sich einzurichten, bis die Großmutter heimkehrte.

Nach dem Hofe zu gelegen, befand sich im oberen Stockwerke des Hauses ein enges, dunkles Gemach, in welchem ^monsieur le Sergeant^ mit seiner Zuhälterin, einer dicken Champenoise aus Troyes, sein Quartier aufgeschlagen gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden war als die übrigen Räume. In dieser Kammer stand noch das Bett aufrecht, sowie auch ein Tisch, dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen worden war. Zwei oder drei noch sitzgerechte Schemel waren auch dem scherzhaften Mutwillen des abziehenden Heeres entgangen. Schlimm genug sah es freilich auch hier auf dem Estrich, in den Winkeln und an den Wänden aus, und das Bettzeug warf Simeath sofort mit Schaudern in den Hof hinunter. Jedoch da war der Besen und die fleißige, harte, kleine Hand! Um Mitternacht war das Stübchen gekehrt, der Tisch festgestellt und vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamzelle Genevion heraufgeschleppt: eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen.

Wie das Kind erwachte -- vielleicht aus einem glücklichen Traume! -- wie es aufrecht saß und sich verstört zum Bewußtsein kommend, in der Scheußlichkeit rings umher umsah; wie es den Tag bis zur abermaligen Dämmerung des Abends hinbrachte, wollen wir auch nicht beschreiben. Wir sahen die Großmutter mit ihrem Bündel, von dem Spott und den bösen Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfähre verfolgt, humpelnd ihren Weg nach ihrer Behausung zu nehmen. Wir malen uns in der Phantasie aus, wie sie vor dem Hause stand und nach den zerbrochenen Scheiben hinaufstarrte, wie sie dann über die zertrümmerte Schwelle durch die türlose Pforte trat, und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete:

»Sieh! sieh! -- Alles hin! nichts heil; -- alles voll Ekel und Graus; -- alles wüste, alles von den schlechten, wilden Menschen zugrunde gerichtet!«

Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der Sprache ihrer Väter gesagt. Nachher hat das kleine Mädchen die alte Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen geführt. Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden; die kleine Lampe aus dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem Tische, der von Simeath so künstlich zum Stehen gebracht wurde. Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tisch einander gegenüber. Das Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum Hildesheim liegt unter dem Tische.

»Mein gut Kind, wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt dieses Haus umgestürzt, seit ich Atem ziehe? Wer so weit herkommt aus der Zeit wie ich; wer den tollen Christian und den Tilly, den Herrn von Gleen, die Herzogin von Hessen, den Feldmarschall Holzappel, den Wrangel und so viele kleinere wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ, der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais! Ich sehe nur wieder, was ich schon ein Dutzend Male sah. Es ist eine Zeit, in welcher der Mensch das Schlimmste als das Gewöhnlichste hinnimmt. Weine nicht, mein liebes Herzchen, du bist jung und magst noch in eine reinlichere, bessere Zeit hineinleben!«

So hatte die Kröppel-Leah getröstet, und währenddessen hatte der Pastor zu St. Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht gewünscht; währenddessen hatte der Student seinen Tröster im Jammer, den Horatius, dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und Nachtquartier hingehalten; währenddessen -- war von der Erbschaft der alten Jüdin an einem Orte, den wir jetzt erst betreten, die Rede.

Am Corveytor in einer Schenke, die im Schild als Zeichen einen Mann führte, welcher in einem Ölkessel tanzte, in der Kneipe »zum heiligen Vitus«, wurde von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen.

Der Student, Herr Lambert Tewes, war dreimal in das zerbrochene Mauerwerk früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet:

»Brr,« hatte er jedesmal geächzt, und zum vierten Male wiederholte er den Versuch, sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen Krieges in Höxter zu suchen, nicht.

»^Basolamano, messieurs^, meine hochgünstigen Herren!« sagte er höflich beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor; ein heller Jubel und lautstimmiges Halloh begrüßten ihn dagegen.

Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden und noch einige ihres Gelichters dazu. Eine saubere Gesellschaft, meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack und Unfug bereit! Da war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich, mit dem die Höxterianischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten schmalzen können; und dieser, nämlich der Säuberlich, war's auch hier, der den Studenten zuerst wieder am Knopfe faßte, ihm mit einem schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie:

»Da haben wir ihn! Kerl, wo hast du gesteckt? Seit einer Stunde sehnen wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter. Juchhe, jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig! Tragt auf, gute Gesellen; Messer und Gabel heraus! Du gehst doch mit uns, Lambert?«

»Wohin, Signor Strillone?«

»Keine fremden Zungen jetzo, Alter! Wir verbitten uns das. Du gehst mit uns, wohin wir dich führen werden.«

»Schlecht Wetter draußen --«

»Aber gut genug, um eine lustige Nacht daraus zu machen in Höxter! Sämtliche gegenwärtige, ehrbare und fröhliche Kumpanei, Mann für Mann, geht mit.«

»Aber zuerst will ich doch wissen, was es gibt, Gevattern.«

»Hunger und Wut, Herr Doktor!« schrie's aus dem Haufen. »Alles, was die Franzosen uns gelassen haben.«

»Und einen elenden Durst dazu!«

»Ja saufen könnt Ihr, aber es ist das letzte vom Faß, und kein allerletztes gibt es offenkundig in Höxter! Gerade deshalb wollen wir die Kellerschlüssel holen. Die Lutherischen fallen auf die Katholiken und umgekehrt. Daß wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen Besuch machen, wirst du sicherlich nicht übelnehmen, Lambert.«

»^Scabies capiat^ -- der Teufel hole meinen Herrn Onkel!« rief der Student; doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flüsterte ihm zu, um, wie er meinte, sein letztes Schwanken und Überlegen triumphvoll zu besiegen:

»Und nachher oder darzwischen fallen wir auch den Juden auf die Köpfe! Was? He? Was sagt Ihr?«

Der Student sah den Verführer einen langen Augenblick an, und dann sagte er:

»Ihr seid eben aus Merxhausen, Fährmann!« Als worauf beinahe schon jetzt der allgemeine Judenprügel hier in der Kneipe zum heiligen Veit losgegangen wäre. Um aber die Erwiderung des Studenten und die Erbosung des Biedermannes Hans Vogedes vollkommen zu würdigen, bedarf es einer kurzen Erläuterung des Wortes.

Als nämlich der böse Feind, der Versucher, unsern Herrn Jesus Christus auf die Zinne des Tempels führte, sprach er zu ihm -- nach einer Tradition, die sich an der Weser erhalten hat --: »Wenn du niederfällst und mich anbetest, soll dir dieses alles gehören, bis -- bis auf Merxhausen und Sievershausen dort im Solling; -- die beiden Dörfer behalte ich mir vor.«

»Aus Sievershausen bist du nicht, Tewes,« brüllte Hans der Schiffer mit erhobener Faust, »aber deiner Ehrbarkeit wegen haben sie dich auch in Helmstedt nicht mit Fußtritten aus dem Tor gejagt. Du aufgeblasener Windsack, du Holzbock, willst hier und in jetziger Stunde einem braven Kerl aufmucken? Wahre deinen lateinischen Schädel, du Bettelstudent!«

Von oben bis unten betrachtete Meister Lambert sich den wütenden Strolch von neuem; dann trat er gleichmütig einen Schritt weiter an den Tisch, ergriff den ersten besten Krug, hob ihn an den Mund, ließ den Inhalt bedächtig die Gurgel herniederlaufen, seufzte, stieß das leere Gefäß mit einem Krach auf die Platte nieder und deklamierte mit vollem Pathos:

»Wie Lamm und Wolf befehden sich Von Anfang an, so hass' ich dich. Denk du an den Ibererstrick Und an die Striemen im Genick, Item am Bein der Schellenring, Monsieur, war ein beschwerlich Ding!

Ist das der Weg, auf dem du mich mit dir nehmen willst, o Menas?«

»Kreuz und alle Donner!« schrie der Fährmann, mit dem Schaume vor dem Mund auf den Studenten losstürzend; aber Wigand Säuberlich warf sich ihm vor und fing seinen Arm auf:

»Halt, halt! Es steht im Buche!«

»Steht das so im Buche? Steht das so in seinem Buche?« schrie die übrige Kompagneia. »Heraus damit, er soll's beweisen, der Lambert, daß das so über den Hans gedruckt ist!«

»Es steht in meinem Buch, ihr Herren!« lachte der Helmstedter, »haltet ihn mir nur noch einen kurzen Augenblick vom Leibe; ich trete den Beweis der Wahrheit an, und nachher gebt jedem ein Rapier; -- auf die Faust laß ich mich nicht ein mit ihm!«

Er hatte seinen Horatius hervorgezogen und las und jetzo mit dem allerhöchsten Pathos:

»^Lupis et agnis quanta sortito obtigit,^ ^Tecum mihi discordia est,^ ^Ibericis peruste funibus latus^ ^Et crura dura compede!^«

»Sackerment!« stöhnte die ganze hochlöbliche Gesellschaft und kratzte sich hinter den Ohren. »Gib dich zufrieden, Hans Vogedes, dagegen kommst du nicht auf! Das ist die Zunge, in der sie Urtel und Recht sprechen. Das verfluchte welsche Galgenlateinisch könnte einem den ganzen Spaß von vornherein verleiden. Man sieht dabei ordentlich den grünen Tisch mit seinem Behängsel von Graubärten und geifernden Rat-, Richter- und Advokaten-Schnauzen vor sich! Na, wer geht nun noch mit ins Pläsier?«

Sie gingen dem »Galgenlateinisch« zum Trotze alle bis auf den Studenten; dieser aber hielt noch eine kleine Rede.

»Bin ich deshalb der erlauchten Mutter Julia, der göttlichen Karoline durchgebrannt, um einem armen Judenweib und seinem Packen schiele Blicke nachzuwerfen?! ^Apage, apage^ -- weiche von mir, das heißt, ihr Herren, was kümmert's mich! Macht, was ihr wollt; aber mich laßt damit ungeschoren. Ich werde das Haus hier hüten und die Bank für euch warm halten.«

Es ging noch ein Murren durch den schlimmen Kreis, doch Lambert ließ sich das wenig anfechten. Er rückte behaglich am obern Teil des Tisches neben dem Ofen in die Reihe der noch Sitzenden, indem er das eine Bein über die Bank schwang.

»Bruderherz, bedenke dich noch einmal,« sprach ihm Wigand Säuberlich zu.

»Bruderherz, das tu' ich auch; aber sieh mal, Herzbruder, wer sollte denn die Historie eurer glorreichen Heldentaten auf die Nachwelt bringen, wenn einer eurer Knüppel mir im Durcheinander das Hirn ausschlüge?«

»Also ohne dich! Marsch, ihr Brüder! ^En avant^, wie der Herr Kommandante, der Hund, der Fougerais, zum Abschied schrie. Es ist eben eine Zeit, in der jeder seinen eigenen Willen haben muß. Unsere Väter haben es uns nicht anders gelehrt!«

»Bei den unsterblichen Göttern, so ist's!« schrie der Student, als aber die Rotte hinausgestürmt war, sprang er von der Bank auf und auf den Tisch und jauchzte:

»Höxter und Corvey!«

So rufen sie dort auf der Kegelbahn, wenn alle Neune fallen.

Sechstes Kapitel.

»Das wird eine schöne Katzbalgerei werden! Na, Wirt, bist du für Stift oder Stadt?«

»Alle beide sollen verrecken! Komm aber erst herunter vom Tisch, und vertritt mir das Geschirr nicht, 's ist das letzte, was mir die Welschen heil gelassen haben.«

»Da gilt's freilich Vorsicht für den Rest, Alter,« sprach der Student und kam dem mürrischen Worte des Wirtes zum heiligen Vitus nach. Er stieg herunter von der Tafel, reckte und dehnte sich behaglich, streckte sich sodann lang auf der langen Bank aus, zog die qualmende Lampe näher zu sich heran und schob seinen Lauriger jetzt als Ruhekissen unter den Kopf. Dann schlug er die Hände gleichfalls unter dem Hinterkopfe zusammen und sah so halb schläfrig und ganz gleichgültig dem leise vor sich hinbrummenden Hospes zu, der die Gläser und Krüge abräumte und von Zeit zu Zeit an das niedere Fenster oder vor die Tür seiner Spelunke trat, um in die Nacht hinaus- und seinen liebenswerten Stammgästen nachzuhorchen. Aus der Tiefe des Hauses ertönte gedämpft das Krächzen eines Säuglings, dazwischen die singende Stimme der Wirtin zum heiligen Veit. Auch den Wind vernahm man und von Zeit zu Zeit das Niederrauschen eines Regenschauers. Bei allem diesem Getön entschlummerte nach den geistigen und körperlichen Strapazen des Tages Herr Lambert Tewes sanft und schlief eine halbe Stunde besser als vielleicht sonst irgendein Mensch in Höxter.

Nach einer halben Stunde aber fuhr er wieder in die Höhe und starrte verbiestert um sich und nicht ohne Grund.

Die Sturmglocken waren noch nicht ruiniert in Höxter: man läutete Sturm auf St. Kilian und man läutete Sturm auf St. Niklas!

»Was will uns dieser Tummel doch? Schlagt in den Erdball mir kein Loch!

Hallo, da sind sie aneinander! Juchhe, Höxter und Corvey! Höxter und Corvey!« schrie der Student jubelnd, und wir -- halten uns beide Ohren zu und gehen nunmehr den Weg, den vorhin der gute Mönch, Bruder Heinrich von Herstelle, nach Hause gegangen war.

Heute führt eine schöne Kastanienallee von der Stadt nach der Abtei, und wir wissen von mehr als einem wolkenlosen Sommertage her ihren Schatten zu würdigen. Damals zog sich der Pfad, vom Kriege kahl gefressen, die Weser entlang, nur daß hier und da ein dickköpfiger Weidenstrunk gespenstisch aus dem niedern Ufergebüsch aufragte. Die Nacht und das Winterwetter hatten den Weg für sich; der Bruder Henricus zog die Kapuze über den Schädel und sah nicht nach rechts und links; er stolperte selbst für seine Geduld auf dem durch Rosseshuf und Räderspur aufgewühlten und durchfurchten Boden allzu häufig.

»Dem Herrn sei Lob!« ächzte er, als er endlich vor dem Tor von Corvey stand und nach der Glocke des Pförtners tastete; allein seine Geduld sollte nunmehr noch auf die höchste Probe gestellt werden. Er hätte ebensogut vor das schlafende Schloß der Prinzeß Dornröschen kommen können.

Er läutete, und er läutete vergeblich.

Sie schliefen alle, vom Herrn Prior, Niklas von Zitzewitz, an bis zum Bruder Pförtner. Kein Lichtstrahl fiel aus irgendeinem Fenster; -- wenn Vater Adelhardus, der Kellermeister, noch Licht hatte, so half das Bruder Henricus fürs erste nichts, denn das Gemach des Pater Kellners war gen Osten, dem Flusse zu gelegen und der müde Wanderer kam von Westen vor dem Tor an.

»All ihr Heiligen, was hat der Böse ihnen in den Schlaftrunk gemischt?!« stöhnte der Bruder Henricus nach zehn Minuten unablässigen Pochens, Rufens und Schellens. Nun hing er sich noch einmal an die Glocke, und nimmer hatte er dieselbe im Kirchenturme so brünstig zur Hora oder Mette gezogen.

»Endlich!« rief er grimmig, als sich dann das Fenster neben der Pforte auftat und der Pförtner die Frage tat, wer da Einlaß begehre?

Das wurde gesagt und der Bruder Henricus eingelassen. In früheren Jahren würde er jetzo den Torhüter an der Gurgel genommen haben; als alter Mann und demütiger, sanfter Diszipul des heiligen Benediktus aber begnügte er sich mit der unwirschen Frage:

»Nun sagt nur, was ist denn eigentlich hier vorgegangen, daß zu dieser frühen Abendzeit das ganze Stift daliegt wie ein Hamsternest im Januar?«

»Wohlleben und Jubilation, ehrwürdiger Herr,« erwiderte der schlaftrunkene, kaum auf den Füßen sich haltende und zwischen jeglichen zwei Worten gähnende Pförtner. »Offenes Haus -- seit Eurer Abfahrt -- wochenlang -- die französische Generalität bei Tag und Nacht! -- O, wir haben uns als freundliche Wirte erwiesen, mein Frater -- wie es uns zukam, mein Frater; -- und die französischen Herren waren auch sehr zufrieden mit uns. Wir haben ein gutes Gedüfte von uns mit ihnen in die Ferne entlassen.«

»So, so, hm, hm,« brummte der Bruder Heinrich von Herstelle, »und derweilen mußte unsereiner im unwegsamen Solling umhervagieren und mit des verdrießlichen Braunschweigers kalter Küche und lackem Kofent vorlieb nehmen! Ei, ei, und ich bringe doch auch Botschaft vom Gange -- wichtige Nachrichten! Ist denn niemand von den Vätern noch wach, daß er sie mir abnehme und mich der Responsabilität erledige?«

»Keiner! Wir sind alle zu Bett in der großen Müdigkeit; -- wenn -- nicht vielleicht der ehrwürdige Vater Adelhard --«

»Aha!« brummte der Bruder Henricus. »Saget nichts weiter, mein lieber Sohn! Ich danke Euch, daß Ihr mir das Tor geöffnet habt; nun leget Euch wieder, und Sankt Benediktus versorge Euch mit einem heilsamen und frommen Traum.«

»Euch desgleichen, mein Frater,« erwiderte der Bruder Pförtner und zog sich zurück in seine Zelle; der Bruder Henricus fand seinen Weg schon allein.

Er tappte die Gänge und Zellen entlang, und hinter mancher eichenen Tür hervor vernahm er das sonore Schnarchen der Brüder und Väter im Herrn.

»Wie die Engel schlafen sie,« brummte der Bruder Henricus, fügte aber sonderbarerweise an: »Na, na!«

So kam er vor der Pforte des Stiftskellners Adelhardus von Bruch an und klopfte.

»^Domi!^« klang es im tiefen Baß -- ^domi^, das heißt »Bin zu Hause! Bin drin!«

»Gott sei Dank,« murmelte Bruder Heinrich und trat ein mit dem durch die Ordensregel des heiligen Benedikts vorgeschriebenen Gruße. Wer aber nicht die Responsen darauf sang, das war der Vater Adelhardus. Der war wirklich drinnen; er saß breit im bequemen Stuhle vor dem Eichentisch, und wenn das, was da vor ihm stand, die letzten Überbleibsel vom französischen Feste waren, so war's freilich hoch hergegangen zu Corvey, aber auch noch mancherlei übrig geblieben.

Eine Schüssel mit einem zur Hälfte leider vertilgten gekochten Schinken! Eine Schüssel mit dem Gerippe eines Truthahnes! Ein Brot wie ein halbes Wagenrad und eine Reihe von Erdkrügen und Glasflaschen nebst einem Humpen, der an und für sich, das heißt durch seine äußere Erscheinung, schon das Auge erfreute, was auch der Inhalt sein mochte!

»^Non confido oculis meis^, ich traue meinen Augen nicht!« rief der Vater Adelhardus, ein wenig lallend. »Bist du es, mein Sohn Heinrich?«

»Ich bin es, und was ich sehe, gefällt mir wohl,« erwiderte der brave, alte Reitersmann und gute Bruder von Corvey, Heinrich von Herstelle.

»^Cor meum prae gaudio exultat^, das Herz hüpfet mir vor Freude. Soll ich aufstehen, mein Sohn, dir entgegenzueilen? ^Desiste^, stehe ab davon -- setze dich lieber selber, denn ich weiß, daß man dich auf einen mühseligen Gang hinausgesendet hat ^ad paganos^, zu den Heiden -- in die Wüsten, ^per deserta ac solitudines^. Ich habe dich sehr vermisset, mein Sohn, in dem Drangsal der letzten Zeiten.«

Der Bruder Henricus stellte seinen Stab im Winkel ab und kam und sah hin über den Tisch, und froh, gutmütig und heimisch-behaglich lächelnd auf den Kellner im Weinberge des Herrn.

»Ich bin gewandert und habe gesehen. Ich bin zurückgekommen mit Nachricht aus der Wüste und dem wilden Wald. Wollen Sie den Herrn Priorem wecken, mein Pater, daß ich berichte, was ich sah und erkundete?«

»^Non sum hebes nec stupidus^, da müßte ich ein Esel oder ein Schafskopf sein. Setze dich, mein lieber Sohn, und erzähle fürs erste mir, was du sahest -- für die andern hat's Zeit bis morgen.«

»Der Herr Prior hat mir aber bei seiner Seele anbefohlen, nach meiner Rückkehr sogleich vor ihm zu erscheinen, sei es bei Tage, sei's bei Nacht.«

»Halt!« rief der Vater Adelhard, beide weiche und breite Hände auf die Lehnen seines Sessels stützend und sich also mühesam erhebend: »Er erboset uns auch, so oft er kann; ärgern wir ihn desgleichen! Komm mit mir, mein Sohn Heinrich; ich wecke ihn dir.«

Sie weckten ihn wirklich, den Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und er nahm ihren Eifer auf, wie es sich gebührte.

Der Kellermeister ging zu ihm hinein, nachdem er dem Bruder Henricus heimtückisch-schalkhaft den Ellenbogen in die Seite gestoßen hatte. Der Bruder Henricus wartete vor der Tür; aber er hatte gar nicht lange zu warten.

»Seine Hochwürden lassen dich grüßen, mein Sohn, und geben dir ihren Segen --«

»Und?«

»Er hätte mir beinahe das erste, was ihm unter seiner Bettstatt zuhanden kam, an den Kopf geworfen. Morgen bei guter Zeit will er mit dir reden und dich anhören, mein Sohn. Wünschest du nun vielleicht, daß wir auch zum Bruder von dem Felde, dem Vater Florentius, dem Herrn Subprior, uns verfügen?«

»Ich denke, wir lassen es hiermit bewenden,« meinte der Bruder Henricus ein wenig kläglich und verdrossen.

»Oder zum Vater Metternich, unserm guten Probst Ferdinandus?«

Der Bruder Henricus schüttelte nur den Kopf.

»Dann komme du wieder mit mir! Ich bin der einzige im Stift, der dir noch ein Nachtessen und einen Trunk verschafft.«

Der Vater Adelhardus legte traulich seinen Arm in den seines greisen Sohnes: »Ich sagte es dir ja; die Mühe hätten wir uns ersparen können,« sagte er, als sie wieder in seinem Gemache vor dem Schinken und dem Truthahn saßen, und der Bruder Henricus den vorbemeldeten Humpen nach einem langen, langen Zuge, -- wiederum seufzend, aber diesmal ganz behaglich -- seinem -- besten Freunde im Stift Corvey zum ersten Mal zurückschob, nämlich zu neuer Füllung aus einem der ungeheuerlichen grauen Steinkrüge mit dem in Blau gemalten Wappen der Abtei.

Siebentes Kapitel.

Daß in Corvey die Mauern noch heil und die Türen nicht ausgehoben oder eingeschlagen waren, wissen wir jetzt; in der Beziehung hatte das Stift es besser als die Stadt; sonst aber ließen die Zustände nach dem Abzug der hohen Bundesgenossen auch bei den guten Benediktinern vieles zu wünschen übrig.

Der Pater Adelhardus gab nunmehr dem Bruder Henricus ausführlichen Bericht darüber.

»Ich rate dir, mein Sohn,« sprach er, »halte dich an die Knochen; ich habe einen harten Kampf gefochten, ehe ich sie hier im Klosett in Sicherheit hatte. ^O gula, gula hominum!^ Ach, über der Menschen Freßgierigkeit! es war nicht einer, nicht ein einziger unter der Brüderschaft, der mir die schmalen Bissen gönnte. Aber sie sollen es verspüren beim nächsten Bräu; ^Cellarius sum^, ich bin der Kellermeister! Halte du dich an mich und nimm vorlieb mit dem Schinkenbein; an den Puterhahn hab' ich mich gehalten; doch nur weil seine Besitzergreifung mir die größesten Ängste und Nöte verursacht hat. Wahrlich, sie bliesen alle selber die Kämme auf und waren hinter mir drein mit kalekutischem Gekoller, ^sed palmam reportavi^, ich habe obgesieget!«

»So schlimm steht es hier bei Euch, Vater Adelhard?«