Höxter und Corvey: Erzählung

Part 2

Chapter 23,666 wordsPublic domain

Gesteine schiebt, Den Wald zerstiebt, Die Herde schluckt in seinen Bauch, Den Hirten und die Hütte auch; Wenn Jupiter der Menschheit grollt Und schwarz Gewölk vom Pol her rollt.«

Drittes Kapitel.

Der Student hatte sich eben in solcher Weise die Ode seines römischen Poeten an den Gönner Mäcenas mundgerecht gemacht, als das Fährschiff das jenseitige Ufer der Weser erreichte. Mit einer höflichen Mützabnehmung und mit einem Kratzfuß lud Hans Vogedes den lutherischen Geistlichen ein, einzusteigen. Den Mönch von Corvey, den Bruder Henricus, grüßte er auch, doch um ein bedeutendes formloser. Was die alte Jüdin anbetraf, so machte er selbstverständlich Miene, vom Lande wieder abzustoßen, ohne sie mit nach Höxter hinüberzunehmen.

Der Mönch aber hatte ihr für ihr Geld zu ihrem Rechte verholfen, zu einem Sitze im Kahn, und auch der Prediger von Sankt Kilian war zugerückt, um ihrem Bündel Platz zu machen.

Nun schwamm die Fähre von neuem der Stadt zu. Die beiden geistlichen Herren saßen still, die Jüdin zusammengeduckt gleichfalls: der rohe Fährmann murrte bei seiner freilich nicht leichten Arbeit immerfort leise Schimpfworte vor sich hin und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf den Sack, der die Erbschaft der Kröppel-Leah enthielt. In der Mitte des Stromes fragte der Mönch:

»Wie geht es Euch da -- zu Hause, Schiffsmann, seit das fremde Volk Abschied genommen hat?«

»Der Teufel hat sein Hauptquartier da behalten, Pater,« lautete die Antwort. »In Corvey war groß Jubilieren -- sie werden auch Euch das Essen warm gestellt haben. Höxar hungert und kaut Wut; Ihr werdet dort wenige Hauswände finden, durch die der Wind nicht pfeift. ^Sacré^, wie die französischen Hunde sagten, ich pfeife auch darauf, ich hab' wenigstens nicht Weib und Kind zu versorgen. Um ein wenig besser Handgeld wär' ich auch mit dem Fougerais abgezogen.«

Der Bruder Henricus seufzte: auch der Pastor Helmrich Vollbort seufzte und schlug mit der Faust auf den Rand des schwerfälligen Fahrzeuges.

Der Pastor sagte dann:

»Der Mann spricht Ihnen die Wahrheit, Herr Pater, wie ich schon vorhin sie sagte. Es sieht übel aus in der armen Stadt; der Herr bewahre uns vor weiterem Schaden.«

Der wilde Fluß wand sich unter dem Kahn gleich einem bösen Tier.

»Die Welt ist gleich dem Strom,« fuhr der Pastor fort, »sie gehet bedeckt mit Trümmern; aber der Herr wandelt dennoch auf den Wassern. Er wird's wohl zwingen.«

»Amen!« erwiderte der Bruder Henricus, und dann wurde nichts weiter gesprochen, bis der Kahn unter der Höxterschen ruinierten Stadtmauer ans Ufer stieß. In demselben Augenblick schon sprang der Student von seiner Bank am Brucktor auf und an den Rand der Fähre, zog den Hut zierlich, bot dem Pfarrherrn von Sankt Kilian die Hand zum Aussteigen und sprach:

»Ehrwürden Herr Onkel, ich hab' mir vorhin wieder einmal die Ehre gegeben, Ihnen in Ihrer Behausung aufwarten zu wollen. Die Frau Tante hat mich hierher gewiesen ^ab ostio ad Ostiam^, von der Tür -- die sie mir leider vor der Nase verschloß -- nach Ostia, will sagen an den Hafen. Ich mache mein Kompliment, Herr Oheim.«

»Und ich habe Euch nichts weiter zu sagen, Herr! Was stellt Ihr Euch immer von neuem mir in den Weg?«

»Heraus, Alte! marsch, -- her den Fährlohn und fort mit dir, du Hexe!« schrie der Fährmann die Jüdin an.

»Gott Abrahams, gleich, lieber Mann!« rief die Greisin. »O, Erbarmen, werdet nicht böse -- da, da!«

Sie reichte mit zitternder Hand die schlechten Pfennige hin und stolperte und fiel, als sie mit ihrem Bündel über den Bord des Kahnes stieg. Die von der Wacht lachten alle über das alte Weib.

Von dem Mönch nahm der Schiffer seinen Lohn, ohne weiter etwas zu bemerken; aber die beiden Münsterschen Kriegsleute und der Bürgerkorporal Polhenne hielten die Hüte in der Hand. Mit einem stummen Gruße für alle und mit einem Kopfneigen für seine Glaubensgenossen schritt der Bruder Henricus durch das Brucktor, den übrigen voran.

Die Kröppel-Leah trieb einer der wachthaltenden Schneider spaßhafterweise mit dem Spießende zum eiligeren Forthumpeln an. Ihr sah der Fährmann am nachdenklichsten jetzo nach und nahm einen und den andern Kumpan aus dem Volk, das sich sonst noch an der Fährstelle angesammelt hatte, zu einem Geflüster beiseite.

Der Student Meister Lambert Tewes hatte nach der kurzen und derben Abweisung seines ehrwürdigen Verwandten den Hut wieder aufgesetzt; aber als ein braver Bursch, der mit den Philistern umzugehen weiß, ließ er so leicht nicht locker. Wenn er vorhin vom Etruskermeer gesungen hatte, so begab er sich jetzt auf ein ander Gewässer, griff rückwärts nach dem Horaz in seiner Tasche, um sich zu vergewissern, daß dieser Trostbringer noch vorhanden sei, und summte, was voreinst dem Aelius Lamia vorgepfiffen worden war, dem unwirschen Onkel Helmrich von Sankt Kilian hin:

^Musis amicus, tristitiam et metus^ ^Tradam protervis in mare Creticum^ ^Portare ventis^ --

er sang es aber deutsch in absonderlicher Umschreibung:

»Der Wind pfeift hin zur Kreterflut, Verdruß und Wut Und Grämlichkeit Fährt mit ihm weit! Dem Musensohn kommt's närrisch vor, Kratzt sich der Philosoph am Ohr;

es würde mir das Herz abdrücken, Ehrwürden Herr Oheim, wann ich als Eurer Frauen Schwestersohn Euch so leichthin, ohne nochmals Eure Kniee umfaßt zu haben, Eures Weges in Übelgewogenheit gehen ließe. Es ist wohl wahr, sie haben mir ^Consilium abeundi^ gegeben, aber --«

»Und ich und meine Hausfrau haben desgleichen getan!« rief der Pastor zornig. »Herr, haltet mich nicht länger auf; ich und mein Haus haben nichts mehr mit Euch zu schaffen.«

Der Prediger ging schneller zu; aber der Neffe hielt sich hartnäckig an seiner Seite.

»Bei den Penaten Eures Herdes, Herr Oheim --«

Er kam mit seiner Rede wiederum nicht zu Ende. Plötzlich stand der alte, strenge Herr still und rief:

»Was wollt Ihr eigentlich noch, Monsieur, nachdem ich Euch meine Meinung so deutlich gesagt habe? Ist das eine Zeit für Narrenteiding? Sehet Euch um, ist das ein Schauspiel dem Auge, um dabei den Horatius abzuleiern? Sehet mir in das Herz; -- in dem Hause Gottes haben die Fremden ihre Rosse gestallt; in meiner Kirchen haben sie ihre Bacchanalia gehalten! O rufet nur ^Evoë^, ^Evoë^, und lobet den Bacchus und die Venus, die --; greifet Euch doch in das eigene Herz; ist denn das Volk der Teutschen, das arme elende Volk -- hauslos und dachlos hier und an so mancher anderen Statt -- in der Lust und Begierde, des römischen Poeten geile Reime an sein schmerzend Ohr klingen zu hören?! Sehet um Euch, Mensch, und gehet und lasset mich meines Weges gehen; was hülfe es Euch, daß Ihr mit mir kämet? Auch bei mir würdet Ihr eine verwüstete Heimstätte und einen kalten Herd finden.«

Der geistliche Herr hatte eine Handbewegung um sich her gemacht, und was diese harte, magere, knochige Hand andeutete, das sah freilich trostlos genug aus.

Sturm auf Sturm war seit dem Jahre 1618 über das Höxtersche Weichbild hingefahren. Kein Chronist hat noch gezählt, wie oft dieser Ort, die Fährstelle und Brücke am großen Völkerübergang zwischen Ost und Westen dem Schwert und der Brandfackel anheimgefallen war. Aber die Ruinen, die wüsten Stellen, die Ärmlichkeit der wenigen wieder aufgerichteten Menschenwohnungen und diese in ihrer allerneuesten Verwüstung zeugten davon. Gleich einem verwesenden Körper lag die Stadt Huxar in dem grauen Abendlicht des Dezembers da, und die alten schwarzen Kirchen ragten wie das Knochengerüst aus dem zerfallenen Fleische der Stadt. Und die Gasse war voll des zerstampften Strohs, des Schutts, der Asche und Trümmer und stank auch sonst dem Heer des allerchristlichsten Königs übel nach; der Student hielt sich die Nase zu, schob den Hut von einem Ohr zum anderen und nickte:

»Bei den Göttern, es ist ein Elend!«

Das war es; aber das Laster saß eben doch zu tief im Blut. Herr Lambert zitierte wieder; wenngleich mit kläglichster Miene:

»Wem klagt das Volk des Reiches Fall, Wen ruft es an mit Seufzerschwall? Wen schickt uns Zeus als Rächer her, Wem legt er in die Hand die Wehr? Dein Licht verhüllt, schwing nieder dich, Augur Apoll errette mich, --

^ad Augustum Caesarem^ ist die Ode überschrieben, Herr Oheim.«

»Den Herrn sollt Ihr anrufen; sein Name ist Zebaoth! Emanuel ist sein heiliger Name!« sprach der Pfarrherr, die drohende Hand erhebend und weiter schreitend. Jetzt ließ der Student und Neffe ihn ziehen und stand still und sah ihm nach und dann noch einmal sich um in Höxter.

Viertes Kapitel.

»Die Vetternschaft und zärtliche Verwandtschaft hätten wir demnach also vergeblich begrüßet!« sagte der in die Wildnis ausgetriebene Bürger und ungeratene Sohn der erlauchten und erleuchteten Mutter Julia Karolina. »Sie haben mir immer meinen Weichmut vorgeworfen; aber hier habe ich es wahrlich nicht an Hartnäckigkeit fehlen lassen. Da hab' ich doch getan und versucht, was meine seligen Eltern nur verlangen konnten. Ein anderer wär' längst grob geworden und hätte der lieben Frau Tante und dem Herrn Onkel den Stuhl vor die Tür geschoben; nur solch ein gutherziger Gesell wie ich läßt sich dreimal aus ihr herauswerfen, ohne auf die ihm von früher Jugend an eingebläute Pietas den Teufel herabzubeschwören. Alle Höllengeister, erlöset mich von dem weichen Gemüte!«

Er kratzte sich bedenklich am Krauskopf, obgleich er vor zehn Minuten noch jeden Weltweisen, der dergleichen tun würde, arg in gebundener Rede gelästert hatte. Dann griff er von neuem hinterwärts in den Sack, traf aber auch diesmal auf wenig mehr drin als auf den Günstling des Mäcenas, den Liebhaber Glycerens, den Freund des Varus, -- auf den alten sonnigen Schäker, den Flaccus. So stand er in der beginnenden deutschen Winternacht, als plötzlich der weiße Benediktinermönch, der Bruder Henricus, abermals an ihm vorbeiging. Der Frater hatte noch einen Besuch bei dem Minoritenprediger, den der Fürstbischof Bernhard von Galen der katholischen Kirche in Höxter als Hirten vorgesetzt, abgestattet, hatte ihn jedoch nicht zu Hause angetroffen und war, vom Küster zu Sankt Peter beschieden, ihm nach dem Hause des Bürgermeisters Thönis Merz nachgegangen. Er hatte seinen Minoriten richtig gefunden und sein Wort mit ihm ausgetauscht, und nun war er auf dem Wege zum Corveytor.

»^Salve Domine!^« sagte der Student recht freundlich; und der Mönch schreckte auf, wie es schien, aus recht unbehaglichem Gedankenspiel. Er grüßte aber auch freundlich mit einer Verneigung und wollte damit ruhig an dem jungen Gelehrten vorüber; aber so glatt ging dieses doch nicht. Herr Lambert Tewes ging sofort mit ihm und führte die Unterhaltung weiter.

»Sie gehen nach Hause, ehrwürdiger Herr Pater?«

»Ich gehe nach einer langen, mühsamen Wanderung durch die arge Welt heim in meine Zelle.«

»Und Sie wissen also wohl gar nicht, wie gut Sie es haben, mein Pater?«

Trotz seiner Verstimmung mußte der Alte doch lächeln, und seinen Schritt mäßigend, fragte er:

»Sie gehen bei diesem üblen Wetter noch nicht heim, gelehrter Herr Studiosus?«

»Wie gerne!« seufzte der Student; »aber haben Sie auch einmal, Herr Pater, einen Onkel und eine Tante gehabt? O heiliger Kilianus, in welche Hände ist dein Haus übergegangen! Ich hatte so sicher da auf eine Abendmahlzeit und einen Strohsack unter dem Schutze deines Marterzeugs gezählt! Ehrwürdiger Herr, sehet hier; als sie mich von Helmstedt wegtrieben, ließ ich ihnen meine Schulden und nahm ihnen diesen Göttersohn in Schweinsleder aus ihrer Bibliotheka mit. Den werde ich nun bei dieser lieblichen Witterung die Nacht über in einer dieser Höxterischen Ruinen an einem eingefallenen Herde als Kopfkissen nehmen müssen. Was meinen Sie aber, mein Pater, wenn Sie ihn mir abhandelten um ein Billiges? Wenn Phöbus nicht längst diesem niederträchtigen Erdenwinkel den Rücken gewendet hätte, würde ich das Volum Ihnen gern zur genauen Besichtigung ^ad oculos^ rücken. Es ist eine treffliche Edition -- ^Amstelodami, ex officina Henrici et Theodori Boom^ -- mit einem Frontispizium vom berühmten Maler und Kupferstecher Romyn de Hooghe; he?!«

»Ich war ein Reitersmann in meiner Jungheit und habe schon und leider als Junker Heinrich von Herstelle meines Informators Latein an den Büschen hängen lassen,« erwiderte der Mönch. »Ich danke Euch herzlich, mein lieber junger Freund, und befehle Euch dem Schutze des Allerhöchsten. Sonsten haben wir auch zu Corvey eine mächtige, fürtreffliche Bücherei, und sie würden mich weidlich auslachen, wenn ich von der Reise dergleichen ihnen mitbrächte und zutrüge.«

»Eulen nach Athen,« murmelte der Student. »Ich will's aus Höflichkeit glauben; also -- vergnügliche gute Nacht, mein Pater.«

Der Mönch verneigte sich abermals und ging; der Helmstedtsche Studiosus blieb und rief, als der Bruder Henricus ihm aus Gehörweite entfernt zu sein schien:

»Also wiederum abgeblitzt! Da lohnte es sich in Wahrheit, seinen Musquedonner oder seine Schnapphahnflinte zu laden! Pulver und Blei! ^Palsambleu! mille millions tonnerres!^ kein Fluch in teutscher Zunge kann da ausreichen, um einem Menschenkind Luft zu machen. Da nimmt der Pfaff meinen warmen Sitz am Corveyschen Stiftsküchenfeuer in seiner Kutte mit hin; aber -- das ist die Zeit, so ist die Zeit! so sind sie alle -- gleichviel ob katholisch oder lutherisch aufgewichst! o du heiliger Simson von der Kollegienkirche! o ihr Fleischtöpfe der ^alma mater Julia^! o du lange Burschenbank im Ducksteinkeller! -- Und solch einem Böotier hab' ich meinen Lauriger für ein Nachtessen angeboten?! Schäme dich, Lambertus, und geh in dich! Bei den Unsterblichen, es bleibt also bei einem Nachtquartier in den Ruderibus des Herrn Feldzeugmeisters von Wrangel. Gesegnet sei sein Angedenken! gesegnet sei sein Durchmarsch nach dem Allgäu zum Bregenzer Sturm! Gesegnet seien seine Kartaunen und Bombarden von Anno Sechsundvierzig! Da kriegte man doch wahrlich Lust, selbst den Tilly und den Generalfeldmarschall von Gleen und das Jahr Vierunddreißig mit seinem >Salzkotter Quartier!< hochleben zu lassen. Was finge nun heute unsereiner an ohne die Ruinen vom Höxterschen Blutbad?!«

Ei ja, aber wer hatte sonst in dieser Nacht ein ruhig, warmes Quartier, ein sicheres und behagliches Kopfkissen und Deckbett in Huxar an der Weser? Eigentlich niemand. Es kam keiner zu einem gesunden Schlaf, außer den gesunden Kindern. Es war eben in der Woche nach der Sündflut, und wie die übriggebliebene Familie Noah sehr bald in Gezänk und Hohn gegeneinander ihrem Unbehagen in der verwüsteten Welt Raum gab, so lag die Höxtersche Bürgerschaft jetzt schon im Hader untereinander und sich im Haar.

Sie hatten sich -- beide, Katholiken wie Lutheraner, -- manches von der fremdländischen Besatzung gefallen lassen müssen, von dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais. Nun waren die Franzosen abgezogen, aber das Gift in den Herzen und Köpfen war geblieben. Ein jeglicher suchte nach jemand, an dem er seine Galle, gestraft oder ungestraft -- freilich am liebsten in letzterer Weise -- los werden konnte, und beim rechten Lichte besehen, war niemand vorhanden, der sich hätte anmaßen dürfen, den Wächter über die kochenden Leidenschaften zu spielen und den Deckel überzustülpen. Sie waren alle Partei! Und der, welcher die stärkste Hand hätte haben können, nämlich Herr Christoph Bernhard, der Bischof zu Münster, führte Krieg mit den Herren Generalstaaten, pfiff auf das Deutsche Reich, versah sich nichts Gutes von dem Herzog Rudolfus Augustus auf dem Amthause Wickensen und wußte zu allem übrigen, daß seine »gute Munizipalstadt«, nämlich die Stadt Höxter, der Mehrzahl ihrer Eingesessenen nach, gleichfalls nach Wickensen ausschaute, jedoch aus einem ganz anderen Grunde als er, der Bischof.

»Laufe schnell mal einer nach dem Bürgermeister!« heißt es sonst wohl in einem gutgeordneten Gemeinwesen; aber auch das war leider Gottes hier und diesmal von wenig Nutzen. Auch der Bürgermeister von Höxter, Herr Thönis Merz, war Partei. Man hatte von katholischer Seite, um ihn und seine »arme gute Stadt« unter die Botmäßigkeit des Stiftes und des Herrn Fürstbischofs zu bringen, ihm und ihr mit Schikanen und sogar auch Handgreiflichkeiten arg zugesetzt. Seine Berichte und Klageschriften an den Schutzherrn zu Wickensen schrien laut genug darob.

Wie lange war es her zum Exempel, daß man ihn, den hochedlen Bürgermeister, samt seinem ehrbaren Rat auf die Sperlingsjagd geschickt hatte? War das keine Schikane, daß man von Corvey aus der guten und glorreichen Stadt Huxar wie der geringsten Bauernschaft der Umgegend auferlegte, ihr Quantum Sperlingsköpfe im Stiftshofe abzuliefern, vorzuzählen und aufzuschütten?!

^Per vulnera Christi^ hatte die Stadt zum Herzog Rudolfus Augustus um Hülfe geschrien, und der Bruder Henricus konnte darüber aussagen, wie die herzoglichen Gnaden über den Fall dachten.

Ja, ja, wie sich der Bischof und der Herzog über die Weser mit Briefen und von braunschweigischer Seite vor kurzem auch mit einigen Kompagnien Fußvolks und stattlichen Reiterzügen unter die Nase rückten und jahrelang hin- und herzogen, das steht auf manchem Blatte zu lesen, das gelb und muffig aus jener Zeit zu uns herabgekommen ist.

»Die gute, uralte Stadt Höxar, welche umb ihrer Gerechtsamen und ihrer heiligen Religion halber Leib, Gut und Blut verloren, wird nunmehr als das geringste Dorf gehalten. Ihre Schlüssel sind ihr benommen, in ihrem guten Rechte, sich selber einen Scharfrichter zu halten, ist sie turbiret. Selbst das Judengeleit, so die Stadt doch vor und nach Anno 1624 gehabt, ist ihr auch wieder weggenommen, daß anitzo ein Hauffen Juden alle in bürgerlichen Häusern allda wohnen, ihren Wucher treiben und dennoch der Stadt nichts geben!«

So schrie die lutherische Bürgerschaft.

»Wir werden Euch lehren, so anzäpfliche Worte ohngescheut auszusprengen!« grollte der katholische Teil der Bevölkerung; und von Corvey aus ließen sich die bischöflichen Gnaden vernehmen:

»Mit sonderbarer Milde und Clementz haben wir bis dato Euch ungeratene, widerspänstige Leute zu Huxar traktiret. Unser landesfürstliches Recht haben wir gewahret: wie reimet sich dann, was Ihr zur Bemantelung des Braunschweigischen feindlichen Einfalls hervorbringet?«

»Sind nicht schon Bürgermeistern Johann Wildenhorern deswegen, daß er vor 16 Jahren bey weyland Herrn Abts Arnolden Zeiten in damaligen seinem Bürgermeister-Ampte für der Stadt Jura gestrebet, allererst vor drei Jahren, wie itztermeldeten Herrn Abts Fürstliche Gnaden schon todt gewesen, Früchte weggenommen?« klang's vom Rathause.

»Und wer war Schuld daran,« klang's zurück, »daß unserm Fürstlich Münsterischen Hauptmann Meyer, welcher mit zwanzig Mann bei Euch lag, das Trommelspiel, womit derselbe durch seinen Tambour die gewöhnliche Reveli, Scharwacht und Zapfenstreich schlagen lassen, gewaltthätig weggenommen und zu der Braunschweigischen Munition unterm Rathhaus hingebracht wurde?«

»Seid Ihr nicht in dieser anhängigen Sache gleichsam ^Judex, pars et advocatus^?« schrie die Stadt.

»Mit nichten! Von Gottes Gnaden sind Wir, Christoph Bernhard, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Eueres heillosen, rebellischen Municipii eingesetzter und gesalbter Landesherr!« schallte es zurück.

»Hm, Euer Liebden,« kam's vom jenseitigen Ufer der Weser schriftlich herüber, »ohne Euer Liebden in Ihrer unstreitigen Gerechtsame und Landes-Fürstlicher Hoheit zu nahe zu treten, so haben wir doch als Erb-Schutz-Herr wegen unseres Fürstlichen Hauses Interesse dahin zu sehen, daß die arme Stadt in solchem desperaten Zustande nicht gleichsam vor unsern Augen zu Grunde gehen muge.« ^Signatum^: »Rudolff Augustus« »An den Herrn Bischoffen von Münster.«

In der gehörigen Zeit nach diesem freundnachbarlichen Schreiben war -- eben der Herr von Turenne in Höxter eingerückt. Eine verständlichere Antwort auf den herzoglichen Brief hatte Herr Christoph Bernhard von Galen nicht zu geben gewußt, daß aber der gute Nachbar auf dem Amtshause Wickensen sie sofort verstanden hatte, wird uns deutlich werden, wenn der alte Reiter Heinrich von Herstelle zu Corvey Kunde davon gibt, was er im Solling sah.

Was die Judenschaft anbetraf, über deren in Wegfall gekommenes »Geleitsrecht« die Bürgerschaft von Höxter gleichfalls so sehr erbost war, so hielt sie sich verständigerweise so still als möglich, ohne daß es ihr viel half. -- --

Und nun hatte der Herr von Fougerais am Tage vor der Heimkehr des Bruders Henricus, nach Wesel abmarschierend, die gute Stadt des Fürstbischofs von Münster verlassen und -- nicht ohne seine Gründe, vorher die Brücke, die auf das rechte Weserufer überführte, abgebrochen. Christoph Bernhard mit seiner Macht stand weit in der Ferne gegen Holland: für eine Zeit waren Höxter und Corvey sich selber anheimgegeben, und wild und wüst wie in den Häusern und Gassen sah es in den Gemütern aus.

Der Helmstedter konsiliierte Studente, der, seinem Worte wenigstens nach, eben im Begriff war, ein Nachtquartier in irgendeiner Ruine früheren Wohlstandes zu suchen, konnte da vielleicht unter Umständen den ruhigsten und behaglichsten Platz in ganz Huxar finden. Es war jetzt ganz Nacht und viel zu dunkel, um den Horatius hervorzuholen und, mit dem Zeigefinger zwischen die Blätter greifend, sich ein Vaticinium aus ihm herauszulangen, wie man früher desgleichen sich aus dem Virgilius holte. Herr Lambert ging deshalb einfach wie jedes andere Menschenkind, wie das Schicksal ihn führte; und bis jetzt hatte dasselbe ihn, wo nicht immer behaglich, so doch stets recht vergnüglich durch die arge Welt geleitet.

Fünftes Kapitel.

Wir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern, denen das Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand geführt wird. Nun gingen wir nur allzu gern sofort dem Bruder Henricus nach; allein schon hat man uns auf die Schulter geklopft und nach einer anderen Richtung hingedeutet.

Wie die beiden anderen, die mit ihr den wilden Strom überschifft hatten, war die Kröppel-Leah nach Hause gegangen. Und wenn der Pfarrherr von St. Kilian hinter der vor dem Neffen verriegelten Tür sein Weib am warmen Ofen, wenn der Mönch von Corvey seine Zelle fand, so fand die Greisin ihre Heimat in Ordnung -- wie die Zeitläufte es erlaubten. Fünfzig Mann von einem pikardischen Musketierregimente hatten in ihrem Hause gelegen und es sich darin während ihrer Abwesenheit behaglich gemacht! Die Haustür war halb aus den Angeln gerissen, der größte Teil der Fensterscheiben auch hier zertrümmert. Sämtliches Gerät war in Stücke zerschlagen worden. Die Wände waren vom Rauch geschwärzt und sonst besudelt und mit Namen und wüsten Zeichnungen versaut: die fremden Gäste hatten nicht alle schreiben können, aber sie hatten sämtlich zu zeichnen verstanden -- und wie!

Die fünfzig französischen Kriegsmänner hatten das Judenhaus für sich allein gehabt; aber noch am Tage ihres Abzuges mit dem Herrn von Fougerais oder vielmehr am Abende dieses Tages hatte sich jemand eingefunden, der eine Weile starr mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei dastand, bis er in ein lautes Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines Mädchen von vierzehn Jahren, der Greisin letzte Enkelin, gewesen. Wo das Kind sich während der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte, war dem Stift und der Stadt gleichgültig; wenn auch uns nicht. Jetzt war es wieder da und weinte auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter gerade so laut und bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen Stadt Jerusalem.

Doch das Kind hatte sich gefaßt. Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder anzuheften wußte. Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause der Glaubensgenossen, in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen worden war, ein Lämpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere Arbeit angefangen. Das kleine Judenmädchen hatte das Haus gereinigt!