Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage. Vortrag

Part 6

Chapter 63,241 wordsPublic domain

4. Auslese und Reinzucht.

a) Mittel, durch welche die Auserlesenen einander als solche erkennen können.

Soll der Plan, durch Auslese der Vollkommensten und Reinzucht zwischen ihnen eine höhere Form des Menschen hervorzubringen, praktisch ausführbar sein, so müssen die geeigneten Partner einander als solche erkennen können. Ich deute daher einige Mittel an, die dazu dienlich sein dürften, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Anlegung von Stammbäumen der geistigen Aristokratie seitens der Gemeinden, in welche die Partner Einblick zu ihrer Vergewisserung über ihre gegenseitigen erblichen Eigenschaften nehmen könnten. Natürlich müßten diese Stammbäume zugleich auch über den körperlichen Zustand der Vorfahren Aufschluß geben.

2. Beobachtungen der Leistungen und des Vorlebens des Partners. Daraus sind gewisse Schlüsse auf seine geistigen Eigenschaften möglich.

3. Einprägung der Merkmale der Geistesgröße, wie sie in der betreffenden Tafel niedergelegt sind.

4. Einprägung der körperlichen Eigenschaften, wie ich sie unter III, 1, b und c angegeben habe.

5. Ausbildung der Fähigkeit, den Charakter zu beurteilen. Jeder Mensch besitzt sie mehr oder weniger von Natur. Das Interesse an unserem Plane würde selbsttätig diese Fähigkeit rasch bedeutend steigern; Beschäftigung mit Anthropologie und Psychologie, auch mit der Geschichte, würde das noch unterstützen.

6. Der »_Instinkt für den geeigneten Gatten_«. Dieser bildet weitaus das wichtigste Mittel zur Erkennung des passenden Partners. Zunächst muß ich auf das in der Tafel der Kennzeichen der Geistesgröße über den Instinkt im allgemeinen Gesagte verweisen (S. 31). Diesem sei noch folgendes Nähere hinzugefügt: Jeder einigermaßen gut organisierte Mensch hat ein Bewußtsein von einem bestimmten Typus des andern Geschlechts, der zu ihm am besten paßt, und zu dem er sich daher geschlechtlich hingezogen fühlt. Selbstredend wird dieser Typus durch eine Mehrheit von Individuen dargestellt. Trifft ein Mensch ein solches an, so besteht die Gefahr, daß er sich in es »verliebt«. Diese Art von Liebe ist identisch mit der in den Romanen geschilderten. Sie ist das, was die Menschen im landläufigen Sinne des Wortes »Liebe« oder »Verliebtheit« nennen, und was sie für etwas besonders »Heiliges« und »Ideales« halten. Darin irren sie aber: jene Liebe beruht auf einer Wahnidee, was beweisbar ist: sie erlaubt nämlich nur, das _eine_ Individuum als geeigneten Gatten anzuerkennen; es ist aber klar, daß andere Vertreter desselben Typs ebenso geeignet wären. Es ist diese romanhafte Liebe also eine zur Gattung der Paranoia gehörige Wahnidee oder Psychose.

Dagegen ist Zuneigung zu dem ganzen betreffenden Typus als solchem berechtigt. Ebenso ist eine mehr geistige Liebe berechtigt, die zwar auf dem Unterschied von Mann und Weib beruht, auf der gegenseitigen Ergänzung, nicht aber auf dem Geschlechtstrieb, oder doch nur in sehr lockerem Zusammenhang mit ihm steht.

Je bessere Rasse nun ein Mensch besitzt, desto deutlicher ist sein Instinkt für den geeigneten Gatten ausgebildet.[59]

_Nach allem_: Der Gatteninstinkt ist nicht identisch mit »Liebe«, sondern leitet den Menschen in objektiver unbewußter Erkenntnis zu den für ihn tauglichsten Partnern. Die Liebe dagegen maßregelt oft diesen Instinkt und lenkt ihn ab: ein Mensch fängt an irgend einer, oft genug nebensächlichen oder minderwertigen Eigenschaft eines Individuums vom andern Geschlecht Feuer. Es erregt zum Beispiel irgend ein geistiger oder körperlicher Zug an jemandem die fetischistische oder masochistische Anlage des andern: rasende Liebe kann die Folge sein, die doch dann ganz gewiß mit der Erkenntnis eines geeigneten Gatten nichts gemein zu haben braucht. Solch ein Verliebter steht unter dem Banne von Auto- oder Fremdsuggestion, welch letztere als eben von dem Gegenstand der Liebe ausgehend zu betrachten ist. Daraus erklären sich denn auch die merkwürdigen Verirrungen des Gatteninstinkts. Sie kommen ja nicht selten auch bei Frauen vor, die doch sonst einen besonders feinen und sicheren Gatteninstinkt besitzen; gerade sie sind aber auch suggestibler, was die Verirrung leicht verständlich macht.

Normalerweise aber haben die Frauen einen prächtigen Instinkt für den geeigneten Gatten: sie merken die hervorragendsten Männer sofort unter der Masse heraus und sehnen sich innerlich nach der Vereinigung mit ihnen.

Hochorganisierte Männer haben auch einen recht guten Gatteninstinkt, sind aber dennoch weniger wählerisch als Frauen.

Dieser eigentümliche Unterschied in der Strenge der Gattenwahl zwischen Männern und Frauen findet seine Erklärung in der _natürlichen_ Verschiedenheit in der Beschaffenheit beider und ihrer Aufgaben für die Fortpflanzung. Männer könnten leicht eine große Anzahl von Kindern erzeugen und haben nach dem Akte der Zeugung keinen Anteil mehr an der Entstehung des Kindes. Mißgriffe in der Gattenwahl könnten sie daher, was ihre physische Fähigkeit anlangt, leicht wieder ausgleichen. Frauen dagegen gestattet die Natur hinsichtlich der Zahl nur eine verhältnismäßig geringe Anteilnahme an der Hervorbringung der Nachkommenschaft. Ihre Hauptaufgabe besteht jedoch in der Entwicklung des keimenden Lebens. Sie haben daher ein großes Interesse daran, möglichst tüchtige Väter für ihre Kinder auszulesen. -- -- --

Die Möglichkeit, daß die geeigneten Gatten einander erkennen können, darf also nicht in Abrede gestellt werden. Der Mensch muß nur die, ihm dazu verliehenen Mittel mit ernstem Willen anwenden. Freilich werden Irrtümer vorkommen. Das ist aber auf allen empirischen Gebieten der Fall und bedingt noch keine Undurchführbarkeit ihrer Aufgaben. Wenn in einer gewissen Zahl von Fällen das Rechte getroffen wird, so gelingt der Fortschritt, wie die allgemeine Erfahrung lehrt. Auch hinsichtlich unseres Planes wird es daher nicht anders sein.

b) Die formale Seite der Auslese.

Die logischen Konsequenzen aus allem Vorstehenden würden nun die Forderung ergeben, daß die wenigen hervorragendsten Männer mit möglichst vielen verschiedenen Frauen möglichst viele Kinder zeugen sollten. Die praktische Durchführung dieses Postulats brauchte nicht zu der beide Geschlechter entwürdigenden Polygamie zu führen. Außerdem würde diese gar nicht einmal in idealer Weise den rein theoretischen Schlußfolgerungen aus unsern Überlegungen gerecht werden. Vielmehr würde dies nur durch Promiskuität geschehen. Die Durchführung der Promiskuität wäre nicht etwa ein Rückfall auf niedere Stufen der Entwicklung; denn, wie neuere Forschungen zu ergeben scheinen, besteht sie nirgends als der anerkannte Zustand der formalen Regelung der Fortpflanzung und des Geschlechtsverkehrs beim primitiven Menschen. Vielmehr schließt sich dieser an seine nächsten Verwandten in der Tierreihe, die menschenähnlichen Affen, an und lebt wie sie in Ehe. Es läßt sich daher viel eher vermuten, daß Promiskuität einem ganz weit fortgeschrittenen Zustand der Menschheit entspricht. In der Tat läßt sich leicht der Gedankengang durchführen, daß die Verwirklichung der höchsten sittlichen Idee, die es überhaupt in der Philosophie gibt, nämlich derjenigen der _Humanität_, d. h. der Einheit und Verbrüderung aller Menschen (nach Erreichung einer äußerst hohen Organisationsstufe) einzig und allein die Promiskuität noch zur Regelung der geschlechtlichen Beziehungen zuläßt.

_Dennoch liegt es mir vollständig fern, derartige Forderungen jetzt schon aufzustellen_: denn, mag dem Gesagten sein, wie es will, so viel muß jeder Praktiker auf den ersten Blick sehen: heute ist die Menschheit dafür nicht reif. Die _Einehe_ birgt in sich zahlreiche Faktoren von äußerstem Wert für die geistige, sittliche und körperliche Integrität und für den Fortschritt der Rasse, auf die im einzelnen einzugehen, zu weit führen würde. Ich erinnere nur an das Vorhandensein der Geschlechtskrankheiten, den Wert der geistigen Gemeinschaft zwischen _einem_ Mann und _einer_ Frau, denjenigen der Erziehung durch hochwertige Eltern für die Kinder, den notwendigen Schutz, den Ehe und Familie sowohl dem Manne, als auch dem Weibe gewähren usw.

_Demnach muß die Einehe als Grundlage der Gesellschaft (jedenfalls vorerst noch auf absehbare Zeit) aufrecht erhalten bleiben, und es kann sich nur um die Einführung von Reformen handeln, welche sie in dieser ihrer zentralen Bedeutung nicht gefährden._

Es liegt mir viel daran, in diesen beiden Punkten nicht mißverstanden zu werden: 1. Als Logiker sehe ich die Konsequenzen meiner Resultate völlig klar. 2. Als Praktiker aber behaupte ich dennoch auf das bestimmteste, daß sie nicht in einseitiger Weise unser Handeln beeinflussen dürfen, daß vielmehr die Einehe als Grundlage der Gesellschaft bestehen bleiben muß. Der Grund für diese Entscheidung liegt in der Tatsache, daß es eben hier wie immer, wo das Praktische in Frage kommt, _nicht nur eine, sondern eine Reihe von Schlußketten gibt_. Das Übersehen dieser Tatsache ist es, was so oft die Reformatoren zu falschen und in ihrer Wirkung schädlichen Schlußfolgerungen verleitet: an _einer_ Stelle kommt plötzlich eine andere Schlußkette in Betracht, die der ersten Halt gebietet. Es handelt sich dabei nicht etwa um Widersprüche, sondern um die Mannigfaltigkeit des Gebietes der Tatsachen, des Werdens und Vergehens, der Erfahrung, der Natur, des Lebens, die sich nicht in die Zwangsjacke eines vereinzelten logischen Gedankengangs einschnüren läßt.

Aber gewisser Reformen sind unsere, auf das Geschlechtsleben und die Fortpflanzung sich beziehenden Sitten und Anschauungen freilich bedürftig. Ich beschränke mich bei ihrer Anführung streng auf den Gesichtspunkt unseres _Zieles_, nämlich der Rassenveredelung. Da fällt es zunächst auf, daß die zahlreichen hochwertigen Frauen, die nicht heiraten können, dennoch zur Fortpflanzung zugelassen werden sollten, damit die hier schlummernden biologischen Werte für die Menschheit nicht verloren gehen. Ferner muß die Möglichkeit vorliegen, unpassende und unfruchtbare Ehen ohne Nachteil für die Beteiligten lösen zu können. Ebenso müssen hochwertige Menschenexemplare freie Bahn zu ihrer Verehelichung haben, eventuell durch staatliche Unterstützung.

_Demnach fasse ich kurz die notwendigsten Reformen, die eingeführt werden sollten, folgendermaßen zusammen_:

1. _Fürsorge für Mütter und Kinder, zumal außerhalb der Ehe._

2. _Anerkennung der Gleichberechtigung unehelicher Mütter und Kinder._

3. _Erleichterung der Bedingungen für Schließung und Trennung der Ehen, sofern dadurch dem Wohl der Rasse gedient wird._

Da immer das Interesse der _Gesamtheit_ vorausgesetzt wird, um den Vorschlägen Berechtigung zu verleihen, so muß hervorgehoben werden, daß die staatliche Fürsorge auch von Rechts wegen nur dann in Frage kommen könnte, wenn es sich um hochwertiges Menschenmaterial handelt. Um aber dann Enttäuschungen zu vermeiden, müßte dieser Punkt _vor_ der Zeugung entschieden werden. Dies könnte wohl nur etwa so geschehen, daß Kommissionen bestehend aus Ärzten und Anthropologen eingesetzt würden, an die ein Paar (verheiratet oder ledig), das ein Kind zu zeugen wünscht, sich zuvor wenden könnte, um ein Gutachten zu erlangen. Dieses wäre selbstredend für den Staat bindend, auch dann, wenn sich nach der Geburt das Kind entgegen menschlicher Berechnung als minderwertig herausstellen sollte. -- -- --

Es ist durchaus eine Verkennung des Menschen zu behaupten, die Einführung solcher gemäßigter und ganz vernünftiger Reformen würde die Sittlichkeit gefährden. Es liegt vielmehr die einzige Möglichkeit zur Rettung der Menschheit aus ihrem Egoismus und ihrer materialistischen Versumpfung, ihrem Nachjagen nach niederer Lust, was alles zum Untergang der Menschheit führen muß, wenn ihm nicht gründlich Einhalt geboten wird, in der Entfaltung einer großen neuen _Idee_. Nur unter der Herrschaft von Ideen vermag sich die Menschheit zu behaupten und fortzuschreiten. Unserer Zeit aber fehlen mächtig auf die Seelen der Menschen einwirkende Gedanken! Hier ist jetzt eine solche Idee, welche die Menschheit bezüglich ihrer höchsten Werte bis ins Mark hinein berührt und Allgemeingültigkeit besitzt!

_So wird denn hier meines Wissens zum erstenmal die brennende Frage der Ehereform unter dem Gesichtspunkt des Zieles behandelt, desjenigen nämlich der Vervollkommnung der Menschheit, ihres entwicklungstheoretischen Fortschritts._ -- -- --

Wir dürfen des weiteren die Augen nicht gegenüber der Tatsache verschließen, daß die Richtung, in der sich das moderne Weib entwickelt, mit der Erhaltung der Rassentüchtigkeit auf die Dauer nicht vereinbar ist, geschweige denn mit deren Steigerung. Sie verliert immer mehr die Liebe zu ihrem _natürlichen_ Beruf. Nur die Einstellung unseres gesamten Lebens unter den Nimbus einer großen neuen Idee kann sie wieder zur Besinnung auf ihre natürliche Bestimmung bringen: _sie muß einsehen, daß sie bei Erfüllung ihres eigentlichen Berufs an der Erreichung eines allgemeinen Endzieles der Menschheit mitwirkt_. Dann wird sie die Freude an diesem ihrem Beruf zurückgewinnen. Dabei bleibt ihr noch Zeit genug zu einer geistigen Entfaltung, die nicht über das hinausstrebt, was das Weib in dieser Hinsicht noch ohne Schaden vertragen kann, und die in diesen Grenzen durchaus berechtigt und ein Symptom des menschlichen Fortschritts überhaupt ist.

c) Die Reinzucht.

Nicht nur Auslese, sondern auch _Reinzucht_ ist für die Entstehung der neuen und höheren Menschenform nötig. Sie ist nicht mit Eng- oder Inzucht zu verwechseln; darunter versteht man die Paarung zwischen Blutsverwandten. Unter der Reinzucht der Vollkommensten verstehe ich die Paarung zwischen den vollkommensten Männern und Frauen ohne Kreuzung mit niederen Individuen. Dabei ist entfernte Verwandtschaft freilich kein Hindernis. Nur darf sich die Gattenwahl nicht andauernd auf denselben kleinen Kreis beschränken. Denn »fortgesetzte Inzucht«, sagt Chamberlain, »innerhalb eines sehr kleinen Kreises, das, was man ›Engzucht‹ nennen könnte, führt mit der Zeit zur Entartung und namentlich zur Sterilität. Zahllose Erfahrungen der Tierzucht beweisen das.«[60]

Es muß sich bei den Vollkommensten ein »Rassegefühl« ausbilden, kraft dessen sie die Paarung mit andern ablehnen. Völker und Individuen, ja wahrscheinlich schon Tiere, relativ reiner Rasse haben in der Tat ein solches Rassegefühl. Für uns sind heute die Engländer das beste Beispiel dafür: wie mir ein gelehrter deutscher Weltreisender erzählte, heiratet ein Engländer in den Kolonien nur äußerst selten eine Nichtengländerin, und dann meistens eine stammesverwandte Deutsche oder Skandinavierin.

5. Blutmischung und Herkunft der Varianten.

Die Frage der Blutmischung erledigt sich nach unsern bisherigen Ausführungen fast von selbst: zu vermeiden ist die Kreuzung mit minderwertigen Individuen und mit niedrigen Rassen. Innerhalb der europäisch-nordamerikanischen Kulturvölker soll aber dann ein weiterer Rassenunterschied nicht mehr maßgebend sein. Denn hier kommt es dann nur noch auf die _individuelle_ Tüchtigkeit an: ließen sich doch die Merkmale geistiger und körperlicher Vollkommenheit ohne die Voraussetzung bevorzugter bestehender Rassen auffinden; wer sie auch immer besitzt, soll demnach als ein für die Reinzucht der Vollkommensten Auserlesener gelten.

Blutmischungen spielen bei der Entstehung einer vorzüglichen Rasse offenbar eine bedeutsame Rolle. Ich folge Chamberlains Ausführungen hierüber.[61] Darnach ist Vermischung mit nahe verwandten hohen Typen günstig; sie muß aber zeitlich eng begrenzt und dann von strenger Reinzucht gefolgt sein. »Mit zeitlicher Beschränkung,« schreibt Chamberlain, »will ich sagen, daß die Zufuhr neuen Blutes möglichst schnell vor sich gehen und dann aufhören muß; fortdauernde Blutmischung richtet die stärkste Rasse zugrunde« (S. 284). Stehen die sich vermischenden Formen einander fern, so muß vollends die Vermischung eine seltene und von sorgfältigster Reinzucht gefolgte sein. Dies sind die allgemeinen Grundsätze, wie sie _bisher_ zur Bildung der hochwertigsten Rassen geführt haben. Ihre Anwendung auf unser Problem ist natürlich nur unter gewissen sinngemäßen Modifikationen möglich.

Wir dürfen nämlich, um Begriffsverwirrung nicht aufkommen zu lassen, nie unsern _leitenden_ Gesichtspunkt aus den Augen verlieren. Es soll eine neue und höhere Form des Menschen nach besonderen Grundsätzen hervorgebracht werden: die Hauptrichtung der Entwicklung soll weitergeführt werden. Diese Hauptrichtung besteht in der Zunahme der geistigen Fähigkeiten; diese sollen also noch mehr vervollkommnet werden. Außerdem kommt dazu die weitere Entfaltung der menschlichen Körperschönheit als des sichtbaren Ausdrucks des entwicklungstheoretischen Fortschritts. Daraus ergibt sich aber naturgemäß ein freierer und unabhängigerer Standpunkt für die Herkunft des Auslesematerials, der so formuliert werden kann: _Wer auch immer an Geist, Charakter und Körperschönheit hervorragt, bildet die Vorstufe der neuen und höheren Form und sei als Auserlesener betrachtet_.

Doch habe ich in dem Abschnitt »Die Auserlesenen« angegeben, daß Hoheit des Charakters und körperliche Gesundheit bei guter Durchschnittsintelligenz und Annäherung des Körpers an die Merkmale der Vollkommenheit praktisch als genügend erachtet werden sollen. Darüber bin ich dann im folgenden hinausgegangen, ebenso wie auch die letzte Formel die Ansprüche strenger faßt. Ich bin mir des kleinen Widerspruchs bewußt; doch löst er sich bei sinngemäßer Auffassung dessen, was ich meine, auf. Wir müssen einmal das _Optimum, das Ideal_ klar zeichnen und das andere Mal das _zunächst Erreichbare_ festhalten: das Optimum wäre es, wenn die hervorragendsten Individuen allein als Auserlesene gelten würden. Da es aber zu wenige Individuen von solcher Vollendung gibt und die Durchführung des Postulats auch eine zu große Härte gegen die übrige gesinnungstüchtige Menschheit enthalten würde, da schließlich aller biologische Fortschritt eben durch Entwicklung geschieht, so sehe ich bei der praktischen Forderung von der Durchsetzung des Optimums ab, mache also eine durch die Tatsachen sich als nötig erweisende Konzession. Wenn die Menschheit einmal zielbewußt den rechten Weg überhaupt einschlägt, dann wird es auf diesem allmählich immer mehr der Vollkommenheit und der Erreichung des Optimums entgegengehen.

Die Auserlesenen leben nun nicht räumlich auf bestimmten Teilen der Erde zusammen, sondern können allenthalben in den höheren Kulturvölkern gefunden werden. Demnach erhalten wir folgende _Formel für die Herkunft der Varianten: Zerstreut durch die ganze Kulturmenschheit findet sich eine Anzahl geistig und körperlich hervorragender Individuen: sie bilden das Material für die Reinzucht der Vollkommensten._

Diese Forderungen wahren zugleich die Notwendigkeit der Blutmischung und der Reinzucht. Denn nach ihnen werden sich innerhalb der höchsten Kulturvölker Angehörige verschiedener biologischer Rassen zusammenfinden. Das werden aber einander nahe verwandte hohe Formen im Hinblick auf die Merkmale sein, die uns leiten. Diese Eigenschaften kennzeichnen sie als eine Art Rasse für sich trotz ihrer geographischen Zerstreutheit innerhalb aller Kulturvölker. So haben wir bei Innehaltung meiner Grundsätze die Tatsache von Blutmischung in biologischer Hinsicht und von Reinzucht bezüglich der Eigenschaften, die das wahre Wesen echten und höheren Menschentums ausmachen. -- --

Nicht zu verwechseln sind Intelligenz, Begabung, Weisheit, Genialität mit Gelehrtheit, nicht Tugend und Güte des Charakters mit bloßer Enthaltsamkeit von Lastern oder gar nur von dem, was zur Zeit gesellschaftlich verpönt ist. Die ersteren sind angeborene Erbwerte, die anderen anerzogene Eigenschaften. Es liegt mir fern, die Sache des Bonzen und des Moralphilisters zu verfechten!

Ebensowenig darf ästhetisches Gefühl mit dem modernen Ästhetentum oder mit dem zusammengeworfen werden, was R. _Eucken_ »ästhetischen oder künstlerischen Subjektivismus« nennt.[62] Wiederum ist jenes vorwiegend ein Erbwert, dieser dagegen eine nachträglich angewöhnte Haltung, und zwar ein Entartungssymptom. Das Ästhetentum soll nach Preisgabe des Idealismus als einer Weltanschauung den unrettbaren Untergang im krassen und öden, doch immerhin noch ehrlichen Materialismus decken.

Da nun die Werte, auf die es uns ankommt, erbliche sein müssen, so kommen sie auch in allen Klassen der Bevölkerung vor, nicht etwa nur bei den sozial höheren Schichten. Doch sind sie innerhalb derjenigen Klassen, die Generationen hindurch einer höheren Bildung und sorgfältigeren Charakterpflege teilhaftig gewesen sind, etwas häufiger vorhanden als in andern. So führen also die Grundsätze der Reinzucht der Vollkommensten nicht zur Beschränkung des Auslesematerials auf die höheren Bevölkerungsklassen. Vielmehr finden sich die geeigneten Varianten in allen Schichten. Deswegen sei hier nochmals der Nachdruck auf den Wert des Individuums gelegt. Wer auch immer tüchtige Erbwerte besitzt, der sei als ein Auserlesener, als die Vorstufe des Heros betrachtet.

6. Der Instinkt.

In unserer Tafel der Grundsätze (S. 24) ist als letzter noch der Instinkt genannt. Über ihn ist aber nichts Besonderes mehr zu sagen, da er bereits an andern Stellen behandelt worden ist.

IV. Das System des Geistes.

Im Vorausgehenden habe ich eine reinliche Scheidung zwischen geistigen und körperlichen Eigenschaften durchgeführt. Ein solcher _glatter Dualismus_ zwischen Geist und Körper ist überall der Standpunkt der reinen und unverfälschten _Erfahrung_: als Erfahrung ist er Tatsache: darüber, daß unsere Erfahrung uns nirgends Monismus, sondern auf allen Gebieten den klar ausgesprochenen Dualismus zwischen Geist und Materie gibt, gibt es nichts zu unterhandeln, zu diskutieren. Denn _Tatsachen_ stehen fest.

Für die Psychologie bestätigt James, der mit ungeheurer Strenge beflissen ist, die wirkliche und reine psychologische Erfahrung ohne Beimengungen unseres Denkens zu schildern, diesen Dualismus. Er sagt: »Die Stellung des Psychologen gegenüber dem Erkennen ... ist ein durchgreifender Dualismus. Sie nimmt zwei Elemente an, den erkennenden Geist und das erkannte Ding und behandelt sie als nicht aufeinander zurückführbar.« ...[63]

Erst wenn man jetzt im Denken hinter die Erfahrung zurückgeht und Metaphysik treibt, kommt man auf das Gebiet der Diskussion, nämlich darüber, ob man das Urprinzip der Welt noch als eine Zweiheit von Geist und Stoff oder als eine Einheit auffassen soll. Im letzteren Fall stehen -- allgemein gesprochen -- zwei Lösungen zur Verfügung, der materialistische und der idealistische Monismus. Wenn man einmal zur Annahme eines idealistischen Prinzips gelangt ist und dann noch behauptet, es sei unstatthaft, noch Genaueres über dessen Wesen auszusagen, so beruht das auf erkenntnistheoretischer Vornehmtuerei: vielmehr muß es dem gesunden Menschenverstand auf den ersten Blick klar sein, daß ein idealistisches Prinzip der Welt gleichbedeutend ist mit einem geistigen. Das läßt sich auch noch sonst sehr triftig begründen; darüber aber kann ich mich hier nicht verbreiten.

Insbesondere erkenntnistheoretische Erwägungen führen nun zur Annahme eines einheitlichen Weltgrundes, also des Monismus, und zwar des idealistischen oder _Monismus des Geistes_. Denn der _materialistische Monismus_ spielt zwar in den unklaren Köpfen der Masse noch eine große Rolle, -- _existiert_ in der wissenschaftlichen Philosophie aber _überhaupt nicht_ mehr! _Windelband_ z. B. bezeichnet den Versuch, »das Bewußtsein als Nebenfunktion der Materie« aufzufassen, »als Absurdität.«[64]