Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage. Vortrag
Part 3
2. =Altruismus.= Er ist ein Bestandteil des Idealismus und betrifft die höchste Eigenschaft des Charakters, Güte. Denn unter Altruismus versteht man Nächstenliebe. Sein psychologischer Untergrund ist das unwillkürliche Mitgefühl mit fremder Freude und fremdem Weh. Er ist des weiteren ein praktisch sehr wichtiges Kennzeichen der Seelengröße, weil er leicht auffindbar ist: niemand kann lange seinen Altruismus oder Egoismus verbergen.
Da im nachfolgenden viel von Selbstverleugnung die Rede sein wird, so muß ich, um nicht mißverstanden zu werden, meinen diesbezüglichen Standpunkt klarlegen. Das kann jetzt so gut geschehen als später. Im Mittelpunkt aller Vervollkommnungslehre steht die Persönlichkeit, das Individuum. Nichts, was den wirklichen Persönlichkeitswert steigert, gehört zum Begriff des Egoismus. Dies Wort bezieht sich nur auf die Befriedigung des Selbstes mit materiellen Gütern und in seinen niederen Begehrungen. Aber auch die Gesamtheit soll vervollkommnet werden. Dies geschieht, wenn sie aus einer möglichst großen Zahl vollkommener Individuen besteht. Ferner ist Selbstverleugnung sowohl das wirksamste Mittel zur Steigerung des wahren eigenen Persönlichkeitswerts -- »es wächst der Mensch mit seinen Zielen!« --, als auch zur Hebung der Gesamtheit. So fällt der Weg zu den wahren Werten des Individuums und zu denen der Gesamtheit zusammen. Selbstverleugnung bedeutet also nicht Aufgebung des _wahren_ Selbstes, sondern nur diejenige seiner Behaftung mit niedrigem Wollen.[13]
3. =Ein melancholisch-ernster Grundzug des Wesens gepaart mit Lebhaftigkeit.= Schon den Alten war der schwermütige Ausdruck der Geistesgewaltigen bekannt. Denn _Cicero_ läßt _Aristoteles_ sagen: »Omnes ingeniosos melancholicos esse.«[14] Das heißt auf deutsch: Alle Genien sind Melancholiker. Weitere Belege für dieses merkwürdige psychologische Phänomen führt _E. v. Hartmann_ an. _Platon_ und _Kant_ haben sich entsprechend geäußert. »Schelling,« schreibt von Hartmann, »sagt (Werke I. 7. S. 399): ›Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörbare Melancholie alles Lebens.‹ Ferner hat er (Werke I. 10. S. 266-268) eine sehr schöne Stelle, welche ich ganz durchzulesen empfehle; hier kann ich nur einige Bruchstücke anführen: ›Freilich ist es ein Schmerzensweg, den jenes Wesen, ... das in der Natur lebt, auf seinem Hindurchgehen durch diese zurücklegt, davon zeugt der Zug des Schmerzes, der auf dem Antlitz der ganzen Natur, auf dem Angesicht der Tiere liegt ...‹« u. s. w.[15]
Weitere Stellen, welche die Tatsache der Melancholie der Genien bestätigen, finden sich bei _Schopenhauer_. _Woher_ sie stammt, brauche ich hier nicht zu erläutern, da es nur auf den Nachweis ihres Vorhandenseins ankommt. Sie _muß_ als ein Kennzeichen der Geistesgröße angeführt werden, weil es einfach Wahrheit ist, daß die Genien es besitzen. Damit will ich natürlich nicht die Hervorbringung eines Geschlechts von Melancholikern befürworten. Vielmehr ist jener schwermütige Ernst der Geisteshelden sehr verschieden von der krankhaften Melancholie, wie sie Gegenstand der Nervenheilkunde ist. Es ist nichts anderes als die Erkenntnis der Wahrheit und das Gefühl der Einsamkeit in einer ihnen unterlegenen Welt, was sich im Antlitz jener widerspiegelt. Deswegen ist der Zug der Schwermut auch mit jenem andern vergesellschaftet, der ihre Geistesfrische ausdrückt, demjenigen der Lebhaftigkeit. Auf diesen letzteren hat _Schopenhauer_ aufmerksam gemacht.[16]
4. =Objektivität.= Auch dies hat Schopenhauer mit den Worten hervorgehoben: »So ist denn Genialität nichts anders als die vollkommenste Objektivität.«[17]
Bei allem Erkennen ist nämlich stets Interesse mit im Spiel: schon die bloße Bestätigung einer Wahrnehmung als einer richtigen enthält einen kleinen Willensakt, der mit Lust betont ist. Es ist unbewußte Freude dabei, und daher auch der unbewußte Wunsch, daß sich kein nachträglicher Irrtum herausstellen möge. Weit mehr noch ist dies jedoch bei Erkenntnissen höherer Art der Fall, die durch das eigentliche Denken zutage gefördert werden. Außerdem hat der Mensch ohnehin ein Interesse an der Tatsächlichkeit gewisser Dinge und an dem Nichtvorhandensein anderer. Deswegen besteht denn auch bei ihm die weitverbreitete Neigung, selber seine Urteile zu fälschen. Es ist daher die höchste Stufe der Erkenntnisfähigkeit, unabhängig von den genannten psychologischen Erscheinungen nach reiner Wahrheit zu streben und das Erkannte im gleichen Sinne weiterzugeben. Das aber versteht man unter Objektivität. Deswegen hat Schopenhauer recht, wenn er Objektivität des Urteilens als Merkmal der Geistesgröße anführt.
5. =Selbstbeherrschung.= Auf höheren Stufen der menschlichen Entwickelung wird der Mensch zum Herrn über seine Gemütsbewegungen, ist nicht mehr ihr willenloser Spielball. Er ist stark im Schmerz, besonnen in der Freude, ein Beherrscher des Zornes, der Liebe und des Hasses und aller Leidenschaften.
6. =Begeisterungsfähigkeit.= Gleichwohl aber ist die Fähigkeit tiefer, bis auf den Grund der Seele reichender Erregbarkeit ein unveräußerliches Erbstück wahrer Geistesgröße. Es ist die Fähigkeit der Begeisterung für die Ideale, für das Wahre, Gute und Schöne, sowie die der Entrüstung über deren Gegenteile, über Lüge, Bosheit, ja sogar schon über das bloß Niedrige und Philiströse, sowie über das Unästhetische. Nicht zu verwechseln mit jener Begeisterung für die wirklichen Werte sind gewisse hysterische Entladungen in der Massenpsychologie des Volkes oder sentimentale Schwärmerei, beides durchaus minderwertige Erscheinungen. Echte Begeisterung und Entrüstung sind kraftvoll, gehen entschlossen alsbald in Taten über, stehen unter der Herrschaft der Vernunft.
Die Entstehungsursache der Begeisterung und Entrüstung gerade bei hochwertigen Individuen ist in dem Umstand zu suchen, daß das ganze Nervensystem einem Resonanzboden gleicht, der _im ganzen_ bei jedem neuen Bewußtseinszustand mitschwingt.
_James_ sagt: »Der ganze Organismus kann als ein Resonanzboden aufgefaßt werden, den jede noch so geringe Änderung des Bewußtseins im ganzen zum Mitschwingen veranlassen kann.«[18]
7. =Impulsivität.= Forel führt diese unter den psychischen Erscheinungen der Minderwertigen an.[19] Der sachverständige Irrenarzt hat auch zweifellos zunächst recht darin: impulsives, von der Vernunft nicht beherrschtes Handeln ist sicherlich ein Minderwertigkeitssymptom und oft die Ursache von Unglück. Anders aber in Menschen, bei denen die Vernunft beim Impuls zugegen ist: bei ihnen ist Impulsivität ein Merkmal von Seelengröße. Gerade die Geistesgewaltigen fassen ihre Entschlüsse rasch, augenblicklich. Bei ihnen ist der Blick so klar, der Instinkt so gut entwickelt, daß sie kaum der Überlegung bedürfen, um das Rechte zu sehen und zu tun. So sind _die Ideen_ unter den Ideen und _die Taten_ unter den Taten Kinder des Impulses und der Eingebung: nimmermehr wird das Welterschütternde aus dem grübelnden Verstande herausgequält! Aus den Tiefen des Unbewußten zuckt ein Blitzstrahl durch das Bewußtsein eines Genius: die Idee ist geboren, die Tat beschlossen, der Weg beleuchtet!
8. =Besonnenheit= ist nicht minder ein Kennzeichen der Geistesgröße. Gerade sie gestaltet die Impulsivität zu einer Segenspenderin, was diese ohne jene nicht ist.
9. =Naive Genialität.= Naivität kommt ähnlich wie Impulsivität auf zwei verschieden hohen Stufen vor: einmal auf der kindlichen: dann beruht sie auf Mangel an Erfahrung und Überlegung; das andere Mal auf der der Geistesgröße: dann ist sie ein Zeichen geläuterter Erkenntnisfähigkeit. »Naivität,« sagt Eisler, »gehört zu jedem wahren Genie.«[20]
10. =Instinkt.= Zunächst die Definition: Eisler sagt: »Instinkt ist eine Art des Triebes, eine Regsamkeit des psychophysischen Organismus, die, ohne Bewußtsein (Wissen) des Endzieles eine zweckmäßige Handlung (Bewegung) einleitet. Der Instinkt beruht auf einer Anlage des Organismus, die als Produkt von Willens- und Triebbetätigungen früherer Generationen und der Vererbung jener aufzufassen ist.«
»Die Instinkte gelten bald als unbewußte Intellekt- und Willenshandlungen, bald als bloße Reflexbewegungen, sie werden bald einer universalen Vernunft zugeschrieben, bald als Produkte individueller Erfahrung und Gewohnheit, bald endlich als vererbte mechanische Triebe und Dispositionen betrachtet. Im weiteren Sinne heißt ›Instinkt‹ die ›Spürkraft‹ des Geistes.«[21]
_Ich unterscheide »freie« und »feste« Instinkte._ Erstere bestehen in der unmittelbaren Eingebung und Leitung durch das Unbewußte, letztere zerfallen wieder in primäre und sekundäre: primäre Instinkte sind angeborene »zufällige« spontane Variationen, die im Laufe der Geschlechter erhalten geblieben und fest geworden sind. Sekundäre Instinkte entstehen durch Engraphie, wenn im Laufe vieler Generationen gewohnheitsmäßige Reaktionen, welche die Lebensverhältnisse in stets gleicher Weise auszuführen zwangen, organisch einverleibt worden sind.
In diesem Zusammenhang meine ich mit Instinkt beim Menschen als Kennzeichen der Geistesgröße das unmittelbare Wissen um die Wahrheit, das Rechte und Schöne.
11. =Religiosität.= Es ist eine Tatsache, daß die größten Männer fast alle ein religiöses Bewußtsein irgendwelcher Art gehabt haben. Darum muß Religiosität als ein Merkmal der Geistesgröße verzeichnet werden, weil die Erfahrung sie als solches aufzeigt.
So wird denn auch der Mensch der Zukunft nicht weniger, sondern mehr religiös sein als derjenige der Gegenwart.
12. _Schüchternheit._ Ebenso ist es eine Tatsache, daß dreistes, sicheres Auftreten zwar oft den Handlungsreisenden, keineswegs aber gewöhnlich den Geistesgewaltigen auszeichnet. Freilich wird diese anfängliche Schüchternheit und Zurückhaltung, die er mit auf die Welt bringt, späterhin dann überwunden und macht unbeugsamem Selbstbewußtsein Platz. Denn die Größe seiner Ideen senkt ihm nach ihrem Durchbruch alsbald Selbstvertrauen in seine Seele nebst der Kraft des Willens zu ihrer Ausführung.
13. _Überschwenglichkeit._ Goethe sagte: »Allein das Überschwengliche macht die Größe.«
14. _Geniale Schöpferkraft._ Das ist die höchste Fähigkeit des Menschen überhaupt und rein auf den Mann beschränkt. Das ist die Sprache der Erfahrung der gesamten Menschheit. Daß Frauen nur deswegen von der Genialität ausgeschlossen seien, weil sie bisher nicht genügende Gelegenheit zur Bildung und Entfaltung ihrer geistigen Gaben gehabt hätten, ist leeres Gerede. Denn die Musik und Dichtkunst waren ihnen von jeher zugänglich, und sie haben darin _nichts_ von Bedeutung geleistet. Ferner hat man in den Vereinigten Staaten von Nordamerika das gewaltige Experiment gemacht, den Frauen die gleichen Voraussetzungen der Bildung und der geistigen Entfaltung zu verleihen wie den Männern, ja, noch bessere, weil der Mann schon sehr früh vom Geschäftsleben absorbiert wird. Das Resultat aber hinsichtlich geistiger Leistungen des Weibes in Amerika ist ein _Nichts_, eine glatte Null! Ja, noch weit weniger: es zeigt sich eine bedeutende Schwankung _unter die Nullinie_: die echte Amerikanerin ist klügelnder Verstandesmensch geworden und hat dabei ihre spezifisch weiblichen Tugenden, die der Selbstlosigkeit und Aufopferung für Gatte und Kind, des Mitgefühls, eingebüßt. Der Verstand aber ist ideenleer, kalt berechnend, ohne jegliche Größe, auf den eigenen Vorteil bedacht. Man vergleiche die Terminologie auf S. 26, um sich den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft, um welch letztere es sich also hier _nicht_ handelt, nochmals klar zu machen. Ferner empfehle ich die Lektüre von _Herricks_ neuem Roman »Together«,[22] in dem der scharf beobachtende Verfasser eine sinnfällige Schilderung der modernen Amerikanerin gibt.
Dieses Experiment, das die Amerikaner am Menschen selber angestellt haben, kann mit Recht als die Krönung der experimentellen Forschungsmethode bezeichnet werden. Bereits ist der Zeitpunkt herangekommen, wo das Experiment so weit gediehen ist, daß der Forscher dessen Resultate ablesen kann. Sie sind die eben erwähnten! -- -- --
_Ich definiere: Genie ist die Fähigkeit, große neue Ideen von bleibendem Werte zu finden und ihnen Form zu geben._ Dies ist die allgemeinste und zugleich die bestimmteste Definition des Begriffs Genie. Sie bezieht sich auf alle Arten von Genien. Immer handelt es sich bei echtem Genie um jenes Zusammentreffen: Erfassung des wertvollen Neuen und seine Gestaltung.
Die gestaltende Kraft ist einerseits das besondere Merkmal des Künstlers und anderseits etwas sehr Charakteristisches am Genie überhaupt. Doch gehört bei ihm die bedeutende neue Idee dazu und muß vorangehen. Demnach ist jeder Genius seinem Wesen nach auch Künstler: die Gestaltungskraft _ist_ eben das Künstlerische an ihm. Doch ist nicht jeder Künstler ein Genie: Gestaltungskraft macht den Künstler; jedoch nur, wenn es Großes und Neues ist, das er formt, ist er ein Genie. Wir müssen also hiernach Künstler im engeren und weiteren Sinne unterscheiden: erstere werden ausgemacht von den Künstlern auf dem Gebiete der eigentlichen Kunst, letztere von den Genien.
15. =Treue.=
16. =Aufrichtigkeit, Offenheit, Wahrheitsliebe.=
17. =Moralischer Mut.=
18. =Innere Freiheit.=
b) Die körperlichen Eigenschaften.
_Die körperlichen Merkmale, die der Auslese und Reinzucht unterworfen werden sollen, sind Gesundheit und Schönheit._
Dabei bedeutet »gesund« nicht etwa »robust« und äußerlich von Kraft strotzend. Vielmehr ist eine gewisse Feinheit des Baues ein Zeichen der Vollkommenheit. Gesundheit ist also hier im reinen Sinne des Wortes zu nehmen, als Freiheit von Krankheiten und erblichen Nachteilen, insbesondere hinsichtlich des letzteren Punktes von Tuberkulose, Syphilis und Gehirnanomalien. Gesundheit muß in körperlicher Hinsicht die Grundlage der Rassenzucht bilden.
Hinsichtlich der Schönheit des Körpers können in weitgehendem Maße die Skulpturen der Griechen Anerkennung finden. Doch muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß in den Gesichtern jener Statuen die Abwesenheit von Charakterausdruck auffällt: die Griechen stellten die _reine_ Schönheit als solche dar. Das erklärt jene Erscheinung. Demnach werden wir die Gesichter ihrer Statuen nicht in allem als maßgebend ansehen können. Die griechische Kunst ist ein _absoluter Idealismus_,[23] also Idealismus des Schönen. Wir dagegen verlangen mit Recht im Gesicht des Mannes auch den _Ausdruck_ des Charakters und der Geistesgröße, wie ihn ein scharfes Profil, feste Züge, hohe Stirn zuwege bringen, und wie er sich tatsächlich bei den großen Männern findet.[24]
Bei den Statuen von Frauen finden wir bei den Griechen, ebenso wie bei denjenigen von Männern, das wohlbekannte »griechische Profil«: gerade Nase, die sich unmittelbar in die gerade Stirnlinie fortsetzt. Zugleich ist aber die _gerade_ Stirne nicht auch eine ganz _senkrechte_, sondern neigt sich leicht zurück. In der Tat könnte das »griechische Profil« nicht mit Schönheit in Einklang gebracht werden, wenn dies nicht so wäre. Denn bei _senkrechter_ Stirne würde die Nase, wenn sie _nicht_ aus der Fortsetzung der Stirnlinie hervortreten soll, zu weit in das Gesicht eingerückt werden müssen und daher dieses unschön erscheinen. Betrachtet man aber moderne Frauen und Mädchen der weißen Rassen, so findet man fast allgemein, daß sie eine ganz senkrecht emporsteigende Stirne haben. Dabei tritt die Nase etwas hervor und verläuft, auch wenn sie selbst gerade ist, nicht genau in der Fortsetzung der Stirnlinie wie bei den Skulpturen der Griechen. Diese _senkrechte_ Stirne aber verleiht dem weiblichen Gesicht etwas Hoheitsvolles und Edles: sie ist nichts anders als der ästhetische Ausdruck des sittlich Reinen. Biologisch wird sie zurückgeführt auf das Stehenbleiben des weiblichen Kopfes auf kindlicher Entwicklungsstufe.[25]
Beim Weibe werden wir also abweichend von den Griechen, zwar nicht wie beim Manne scharfe Gesichtszüge, wohl aber die senkrechte Stirn unter Verzicht auf das rein griechische Profil verlangen. Denn die senkrechte Stirnlinie deutet Charakter an, und zwar den mehr passiven Teil desselben, die edle Gesinnung und Reinheit, während die scharfen Gesichtszüge beim Manne mehr die aktive Seite des Charakters, die Energie und Willenskraft ausdrücken.
Wie einerseits die Erfahrung uns gezeigt hat, daß die _größte geistige_ Höhe, das Genie, _nur_ beim Manne vorkommt, so lehrt sie nunmehr anderseits, daß die maximale Entfaltung von Körperschönheit auf das Weib beschränkt ist. Die Richtigkeit davon wird durch eine Reihe von Tatsachen bestätigt. So achten Männer gegenseitig aneinander Genialität, Frauen aneinander Schönheit als die höchste Gabe ihres eigenen Geschlechts. Umgekehrt fühlt sich der Mann am meisten von Frauenschönheit, das Weib hauptsächlich von hoher geistiger Begabung des Mannes angezogen. Wenigstens gilt das Letztere für höhere Kulturvölker, während auf primitiveren Stufen körperliche Stärke und physischer Mut ihr am meisten imponieren. Übrigens entspricht auf höherer Stufe die Kraft des Geistes derjenigen des Körpers auf niederer.
Ferner kommt es allenthalben in Poesie, Kunst, Literatur und dem naiven Bewußtsein des Volkes zum Ausdruck, daß die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten das Weib als das Symbol der Schönheit schlechthin betrachtet haben und es noch tun.
_Ploß_ sagt, über diesen Gegenstand: »In _einer_ Hinsicht ist nun aber allerdings das Weib dem Manne überlegen, nämlich in der _Schönheit der äußeren Körperform_. Nur wenige gibt es, die das bestreiten, z. B. Schopenhauer, ... allein, auch dieser Vorzug des Geschlechts ist ungemein ungleich auf die Weiber verteilt. Eine Annäherung an das Ideal weiblicher Schönheit, das wir uns unter dem Einflusse einer geläuterten Ästhetik gebildet haben, ist nur unter höchst günstigen Verhältnissen möglich.«[26] Vom Genie beim Manne gilt das Entsprechende ja ebenso sehr, oder noch mehr.
Unter Anführung von Arbeiten _Cordiers_ und _Ecksteins_ widerspricht nun Ploß der Annahme des Vorhandenseins allgemeiner Schönheitsgesetze. Anders _Delauney_, den er dann nennt. Dieser behauptet, »daß es allerdings allgemeine Schönheitsregeln gibt, sowohl für die Menschen, wie für die Tiere; sie begründen sich durch die von _Claude Bernard_ aufgestellten sogenannten organotropischen Gesetze, die in der Entwicklung der Form eines jeden Organs gefunden werden; es gibt für jedes Organ ein Maximum der Entwicklung, welches die ihm eigene Schönheit darstellt; und in betreff der Schönheit des ganzen Individuums müssen die verschiedenen Organe in einer bestimmten Beziehung und in einem gewissen Verhältnisse zueinander stehen.«[27]
Die Schönheit des Weibes hängt außer von der Rasse auch etwas von ihrer sozialen Stellung ab. Bei niederen Völkern und in den unteren Schichten der zivilisierten Nationen findet man sie seltener, bezw. weniger entwickelt: »In den ›besseren‹ Teilen,« sagt Ploß, »unter den gut situierten Klassen der Bevölkerung erblicken wir fast überall auch schönere edlere Gestaltung, nicht bloß bei Männern, sondern namentlich bei Frauen.«[28] ... »und so setzt sich oft in den mit Glücksgütern hinreichend ausgestatteten Familien als Erbstück ein schönes und edles Aussehen von Generation zu Generation fort.«[29] Der Einfluß der Erblichkeit dürfte hierbei zu gering veranschlagt sein. Doch haben sicherlich die äußeren Bedingungen, unter denen Menschen leben, einen etwas umgestaltenden Einfluß auf ihr Aussehen, wie es _Ranke_ hinsichtlich des Längenwachstums für die Nordamerikaner nachgewiesen hat.[30]
Darwin führt die überlegene Frauenschönheit auf den Einfluß der geschlechtlichen Zuchtwahl zurück. Da die Frauen während langer Perioden ihrer Schönheit wegen gewählt worden seien, meint er, so sei es nicht auffallend, daß das Weib ihre Schönheit auch in größerem Maße auf ihre weiblichen Nachkommen vererbt habe als auf die männlichen. So seien denn die Frauen schöner geworden als die Männer.[31]
Die Mängel dieser Begründung liegen auf der Hand. _Aus welchem Grunde_ zogen, um die Hauptsache zu erwähnen, die Männer von jeher die schöneren Frauen vor? Wenn es wahr ist, was Eckstein sagt, nämlich daß Schönheit einfach ein Ausdruck von Zweckmäßigkeit und Gesundheit ist, dann beantwortet sich die Frage von selbst, wie folgt: Die Männer kannten durch Instinkt und Erfahrung die Merkmale der Gesundheit und der Zweckmäßigkeit für die Ausübung des natürlichen Berufs der Frau. Diese wären also identisch mit Schönheit. Ihnen entsprechend trafen jene nun die Gattenwahl im Hinblick auf die bevorstehende Mutterschaft.
Auch _Stratz_ setzt Gesundheit und Schönheit einander gleich.[32]
Jedoch ist diese ebenso oberflächliche als gangbare Behauptung leicht widerlegbar. Denn dasjenige an der spezifisch weiblichen Schönheit, was zugleich für die Leistungen der Frau als Mutter zweckmäßig ist, beschränkt sich auf die gute Entwicklung der Brüste und des Beckens. Nun werden freilich Männer durch diese Körperteile, insbesondere durch den Busen, sexuell angezogen. Jedoch zeigen sich darin immerhin nur die primitivsten Triebe der Liebe.
Die höchsten Äußerungen weiblicher Schönheit haben nicht den geringsten Zusammenhang mit Zweckmäßigkeit. Als solche verstehe ich: die Schönheit und den Liebreiz des Gesichts, das prachtvolle Haar, die Zartheit der Glieder, die Kleinheit der Hände und Füße, die Rundung der Körperformen durch die stärkere Entwicklung des Unterhautfettgewebes als beim Mann, das eigentümlich feine Inkarnat, die Schönheit der Bewegungen und der Stimme. Dennoch ist all das zweifellos auch unter dem Einfluß der Zuchtwahl entwickelt worden.
Ebensowenig wie Zweckmäßigkeit ist Gesundheit die alleinige Grundlage der Schönheit: Chinesen und Neger können hervorragend gesund sein. Dennoch mangeln ihnen alle Merkmale fortgeschrittener Schönheit. Demnach: Schönheit umfaßt Gesundheit dem _Begriffe_ nach -- nicht immer im Einzelfall --, Gesundheit aber nicht umgekehrt Schönheit, nicht nur nicht in der Erfahrung, sondern auch nicht dem Begriffe nach.
Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß die Männer von vornherein im Geiste das Ideal weiblicher Schönheit, wenn auch zum größten Teil zunächst unbewußt, besaßen und ihm gemäß ihre Wahl, getrieben durch den Instinkt, trafen. _Dann aber ist Schönheit etwas durchaus Objektives, eine Idee an sich._ Zur Stützung dieses Resultats meiner Überlegung führe ich einige Ansichten von Philosophen an[33]:
»Nach Chr. Krause ist Schönheit die ›reine, klare und lebensvolle Gottähnlichkeit endlicher Naturen an ihrer Endlichkeit‹. ›Die Urquelle aller Schönheit ist Gott selbst und seine Kraft, in der alle Dinge sich regen.‹ (Urb. d. Menschheit, 3, S. 41). Nach Zeising ist die Schönheit oder die Idee der Anschauung ›die als _erscheinend_ aufgefaßte Vollkommenheit‹. (Ästhet. Forsch. S. 181.) J. H. Fichte erklärt: ›Alles Schöne beruht ... auf der _inneren Zusammenstimmung_ (›Harmonie‹) einer Mannigfaltigkeit von Teilen, durch welche die Teile zu einem geschlossenen _Ganzen_ werden.‹ (Psychol. I, S. 697). V. Cousin bemerkt: ›Le sentiment du beau est sa propre satisfaction à lui-même‹ (Du Vrai, p. 141 ff.). Die Schönheit ist ein Ausdruck der geistigen und sittlichen Vollkommenheit (vergl. d. Arbeiten von Chaignet und L'Evêque).«