Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage. Vortrag

Part 2

Chapter 23,202 wordsPublic domain

Unter dem Kampf ums Dasein versteht man die Gesamtheit der Einwirkungen der Außenwelt, sowohl diejenigen der anorganischen Natur, als auch die aus der Konkurrenz mit andern Lebewesen entstehenden. Man kann ihn in den aktiven und passiven Kampf ums Dasein einteilen. Unter ersterem verstehe ich dann gewalttätige Einwirkungen aller Art, sofern sie überhaupt Auslesewert (positiven oder negativen) besitzen, also vor allem den echten Kampf als solchen mit andern Geschöpfen. Unter letzterem fasse ich die Einflüsse der toten Umgebung und die des mehr friedlichen Wettbewerbs um die Existenzmittel zusammen.

Darwin nimmt nun an, daß von den spontanen Variationen die einen im Kampf ums Dasein nützlich, die andern hinderlich seien. Die Träger der ersteren haben daher mehr Aussicht, in ihm zu siegen, als diejenigen der letzteren. Jene werden daher im Gegensatz zu diesen bis zum fortpflanzungsfähigen Alter erhalten bleiben und Nachkommen erzeugen, somit ihre Eigenart weitergeben, während die andern aussterben. Das ist die _natürliche Zuchtwahl_ im Kampf ums Dasein. Demnach sind die Voraussetzungen für die natürliche Zuchtwahl: 1. Der Kampf ums Dasein, 2. Erblichkeit der Merkmale, 3. Variabilität, 4. große Fruchtbarkeit.

Auf die Kritik der Darwinschen Theorie will ich hier nicht näher eingehen, sondern nur bemerken, daß der Kampf ums Dasein sich als unzulänglich zur Herbeiführung von Auslese und Reinzucht erwiesen hat.[4]

Mögen aber die Eindrücke, die das Individuum im Laufe seines Lebens empfängt, auch in geringem Maße durch Engraphie die Keimzellen beeinflussen und dadurch erblich werden, mögen andere besondere Prinzipien eingeführt werden müssen, um die Auslese und Reinzucht in der Natur zu deuten -- gleichviel: in jedem Fall ist es sicher, daß durch dauernde Auslese besonderer angeborener Merkmale und die Reinzucht der sie besitzenden Individuen neue Rassen und Varietäten sich hervorbringen lassen. Das ist durch die Erfolge der künstlichen Züchtung bei Tieren und Pflanzen bewiesen. Ferner sind diese angeborenen Eigenschaften in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sicher erblich. Daher bilden sie ein zuverlässiges Material für die Reinzucht und Bildung von Dauerformen. Darin besteht also ein bleibendes Verdienst _Darwins_ und seines Mitarbeiters _Wallace_, gezeigt zu haben, daß die angeborenen spontanen Variationen das hauptsächlichste, zuverlässigste und daher wertvollste Material für die Bildung neuer Formen darstellen.

Jedenfalls gilt das für die Tierwelt, während es bei Pflanzen den Anschein hat, als ob die sogenannte »unmittelbare Bewirkung« durch Reaktion auf die Umgebung nach dem Prinzip der Engraphie eine bedeutsame, vielleicht wichtigere Rolle spiele. Damit stimmt es denn auch überein, daß die Zoologen heute meistens Darwinianer, die Botaniker vielfach Neu-Lamarckianer, d. h. Anhänger der letztgenannten Theorie, sind.

4. »Das Prinzip der natürlichen Prädestination.«

Die spontane Variation, die ein Individuum mit auf die Welt bringt, bedingt in erster Linie seine Eigenart. Das aber ist gleichbedeutend mit einer Art natürlicher Vorausbestimmung. Im wesentlichen ist es schon bei der Geburt eines Geschöpfes ausgesprochen, ob es einen Beitrag zur Veredelung oder Verschlechterung seines Geschlechts bedeutet.

Das gilt auch für den Menschen: seine Abstammung von einem bestimmten Elternpaare bedingt seine Tüchtigkeit oder Minderwertigkeit vor allen nachträglichen Einflüssen, die später auf ihn durch Umgang und Erziehung einwirken. Wir sehen das tatsächlich auf allen Gebieten, vornehmlich auf denen der Erziehung, der Rechtspflege, des genialen Schaffens, der Beibringung neuer Werte in Wissenschaft, Ethik, Kunst usw., dann aber auch im Alltagsleben: auch hierin offenbaren sich nur allzu deutlich die besonderen angeborenen Gaben und Mängel der Einzelnen. Alle, die eine größere Anzahl Untergebener unter sich haben, werden das bestätigen können, vor allem also Offiziere und Leiter großer industrieller Betriebe. Selbstverständlich trifft das auch für die körperlichen Eigenschaften im engeren Sinne ebenso zu, für Gesundheit und Schönheit. Nichts ist bezüglich ihrer wertvoller für ein Individuum als die Abstammung von einem kerngesunden Elternpaare. Denn, wenn nicht sehr ungünstige Umstände später auf es einwirken -- z. B. mutwillige Untergrabung der Gesundheit --, so wird es dann die größte Aussicht auf eigene dauernde Gesundheit und Langlebigkeit haben und selbst nachteiligen Einflüssen gegenüber sich widerstandsfähiger erweisen als andere. Umgekehrt können auch die besten hygienischen Maßnahmen schlechte Erbwerte der Gesundheit und Widerstandskraft nur mangelhaft ausgleichen, gerade wie die Schönheitspflege keine Resultate zu liefern vermag, die angeborener Schönheit gegenüber in die Wagschale fallen.

Freilich läßt sich die natürliche Anlage des Menschen modifizieren. So können ungünstige Umstände die Ausbildung guter Eigenschaften hintanhalten. Anderseits vermögen eine sorgfältige Erziehung von Jugend auf und eine geeignete Umgebung einen von Natur Minderwertigen oft so zu bessern, daß er nicht direkt auf Abwege gerät. Aber _im wesentlichen_ schlagen die angeborenen Eigenschaften durch. Ebensowenig kann die beste Erziehung aus einem dummen und unbegabten Menschen einen Entdecker, Erfinder oder Künstler, aus einem charakterlosen einen Propheten und Besserer des Menschenlooses machen, als umgekehrt ein hartes Geschick im allgemeinen den Genius zu unterdrücken oder am Durchbrechen zu hindern vermag.

So hängt denn auch die Zukunft der Rasse von den Erbwerten der Eltern ab, da sie mehr oder weniger auf die Kinder übergehen. Wir gelangen also auch für den Menschen auf Grund des sicher zutreffenden Teiles des Darwinismus und der Erfahrung innerhalb der Menschheit selbst zur These, daß jedes Individuum schon bei seiner Geburt die Grundlagen seines späteren Wertes in sich trägt. Ich nenne das »_Das Prinzip der natürlichen Prädestination_«.

Es gilt, wie schon bemerkt, hinsichtlich der Haupteigenschaften des Geistes und Körpers. Beeinflußbarkeit bleibt dennoch bestehen, tritt aber an Bedeutung sehr in den Hintergrund.

5. Keimauslese.

Um gewissen Schwierigkeiten, in die der Darwinismus gerät, zu begegnen, hat _Weismann_ die Theorie der Keimauslese aufgestellt, nach der schon die Keime des Lebens im Organismus einen Kampf zu bestehen haben. Davon ist jedenfalls so viel richtig, daß nur ein verschwindend kleiner Teil aller entstehenden Keimzellen zur Hervorbringung neuen Lebens verwertet wird und die andern wieder untergehen, und daß Ursachen für das verschiedene Geschick derselben vorhanden sein müssen. Vielleicht sind es auch hier die kräftigeren Keime, die erhalten bleiben. Im übrigen besagt Weismanns Theorie anderes als dieses. Doch liegt das außerhalb des Rahmens dieser Abhandlung.

6. Geschlechtliche Zuchtwahl.

Darwin führte das Prinzip der geschlechtlichen Zuchtwahl ein, um gewisse Eigentümlichkeiten der männlichen Tiere zu deuten. So sollen der Gesang und das schöne Gefieder vieler männlicher Vögel durch Bevorzugung seitens der Weibchen entstanden sein. Dafür spricht der Umstand, daß beides zur Zeit der Paarung die höchste Entfaltung erreicht. Ferner sind die Waffen mancher männlichen Tiere wie der Hirsche vorwiegend zum Kampf um die Weibchen da. Der besser Bewaffnete siegt und wird dann zur Fortpflanzung zugelassen. Die Schwäche dieser Theorie ist jedoch handgreiflich, sofern sie die _Entstehung_ der genannten Eigenschaften erklären soll. Wenn diese aber einmal auf einer gewissen Ausbildungsstufe vorhanden sind, dann mögen sie gewiß zur Bevorzugung bei der Gattenwahl beitragen und dadurch erhalten und weiter entwickelt werden.

Die Auslese findet also nach Darwin teils durch den Kampf ums Dasein, teils durch die geschlechtliche Zuchtwahl statt.

7. Isolation.

Vielleicht hat geographische Absonderung von dem Standort der Artgenossen, bezw. beim Menschen von dem gemeinsamen Wohnsitze, in der Vergangenheit einen beträchtlichen Anteil an der Bildung von Rassen, Varietäten und Arten genommen. Für den Menschen ist dies besonders wahrscheinlich, wenn nicht sicher. _Moritz Wagner_ hat die Theorie der Isolation vertreten. Er sagt u. a.: »Die Bildung einer wirklichen Varietät, welche Herr Darwin bekanntlich als ›beginnende Art‹ betrachtet, wird der Natur immer nur da gelingen, _wo einzelne Individuen_ die begrenzenden Schranken ihres Standorts überschreitend sich von ihren Artgenossen auf Zeit räumlich absondern können.«[5]

»Arten, welche nicht wanderten, sich also nicht veränderten, starben allmählich aus.«[6]

»Die tätigeren und intelligenteren Menschenpaare isolierten sich ...., schwächliche und dumme Menschenexemplare gingen damals wohl meist zugrunde.[7]

»Neue Menschenrassen werden [heute und in Zukunft. Verf.] nicht mehr entstehen, nur Bastardrassen durch häufige Mischung der jetzt bestehenden Hauptrassen. Völlige Isolierung einzelner Familien und Stämme durch eine lange Reihe von Generationen ist bei den jetzigen Verkehrsverhältnissen nicht mehr möglich. Damit fehlt aber die Grundbedingung der Rassenbildung.«[8]

Die geographische Absonderung hätte demnach eine doppelte Bedeutung: 1. Durch sie würde Reinzucht innerhalb einer Sippe durchgeführt werden. 2. Die veränderten Lebensbedingungen würden die Organisation der Individuen, die sich ihnen durch die Aufsuchung der neuen Wohnstätten ausgesetzt haben, modifizieren: »Veränderte Lebensbedingungen,« sagt Wagner, »geben den Anstoß zu einer Steigerung der individuellen Variabilität. Isolierung von den Artgenossen beginnt dann den Anfang einer Rasse.«[9]

8. Zusammenhang vorstehender Grundsätze mit der Fortentwicklung der Menschheit.

Für den Aufbau meines Plans zur generativen Höherentwicklung des Menschen ist nun alles, was in den besprochenen Thesen der Deszendenztheorie zweifelhaft ist, belanglos. Ich bedarf vielmehr nur der feststehenden von ihnen. Dadurch gewinnen meine Voraussetzungen Gewißheit.

Die Grundsätze[10] der Bildung einer tüchtigen Rasse, Varietät oder Art sind demnach:

1. Das Vorhandensein des notwendigen Materials in Gestalt brauchbarer spontaner Variationen.

2. Die Erblichkeit dieser Variationen.

3. Genügende Fruchtbarkeit.

4. Auslese.

5. Reinzucht.

6. Blutmischung (hierauf wird später bei der Behandlung der menschlichen Rassenbildung eingegangen werden).

Beim _Menschen_ sind nun, wie sofort ersichtlich, alle diese Erfordernisse ohne weiteres gegeben mit Ausnahme der Auslese und der Reinzucht. (Von der Blutmischung sehen wir vorläufig ab, da die Frage später erledigt wird).

_Das Problem lautet also_: Welche Prinzipien führen Auslese und Reinzucht herbei? Zunächst unterscheide ich bei dem Angehen dieses Problems nicht zwischen Menschen und Tieren. Es gibt folgende mögliche Prinzipien der Auslese und Reinzucht:

1. _Den Kampf ums Dasein._ Er züchtet rein mechanisch von dem Zeitpunkte an, wo die Eigentümlichkeiten der Einzelindividuen eine so hohe Ausbildung erlangt haben, daß sie tatsächlich von Vorteil oder Nachteil im Leben sind. Wahrscheinlich ist dabei die negative Seite die Hauptleistung des ganzen Kampfes ums Dasein, d. h. die Ausmerzung der Unfähigen.

2. _Geographische Absonderung._ Dieses Prinzip wurde von Moritz Wagner eingeführt, um zu deuten, wie die Auslese und Reinzucht zustandekommen können, ohne allein auf den unzulänglichen Kampf ums Dasein angewiesen zu sein.

3. _Keimauslese._

4. _Instinkt._ Es ist durchaus denkbar, daß die Individuen, die vermöge ihrer erblichen Eigenschaften zur Bildung neuer Formen besonders geeignet sind, den Instinkt besitzen, sich untereinander zu paaren und Reinzucht durchzuführen. Letzten Endes kommt man keinesfalls um eine derartige Annahme herum. So haben denn Naturforscher auch in der Tat von einem »Rasseninstinkt« der Tiere gesprochen.

5. _Geschlechtliche Zuchtwahl_, die solchen Instinkt schon voraussetzt.

Das sind die Mittel, die für die Herbeiführung der Auslese und der Reinzucht denkbar sind; zugleich machen sie das Strittige im Darwinismus, bezw. in seiner Fortbildung seitens anderer aus.

Von jenen kommen zwei für die _menschliche_ Rassenzucht nicht in Betracht, nämlich der Kampf ums Dasein und die Isolation.

_Der Kampf ums Dasein_ tritt als auslesender Faktor im Kulturzustand immer mehr zurück. Unsere humanen Tendenzen gehen im Einklang mit dem Sittengesetz dahin, ihn mehr und mehr auszuschalten. Es kann vom sittlichen Standpunkt aus keine Rede davon sein, etwa absichtlich in Zukunft die Härte des Kampfes ums Dasein aufrecht erhalten oder gar wieder vermehren zu wollen. Vielmehr muß jeder humane und sittliche Mensch sein Zurückgehen im Kulturzustand freudigst begrüßen. Dazu kommt noch, daß es hier gerade hinsichtlich seiner zu einer _Umwertung der Werte kommt_: _Unsere_ höchsten Werte sind neben Gesundheit und Schönheit vor allem die wissenschaftlichen, sittlichen und ästhetischen sowie ihre Beziehungen zum Leben. Wie schon erwähnt, sind es insbesondere die Genien, die uns diese vermitteln. Nun sind diese keineswegs immer -- oder auch nur häufig -- gerade diejenigen Menschen, die in einem rücksichtslosen Kampf ums Dasein am besten bestehen würden. Von Körperschwäche will ich ganz absehen. Schon ihre Charaktereigenschaften hemmen sie in einem solchen Kampfe: gerade weil sie nicht skrupellose, sondern gewissenhafte, die Kapital- und Geldwirtschaft aus angeborenem Idealismus hassende und daher wenig von ihr verstehende Menschen sind, sind sie für den brutalen Daseinskampf schlechter ausgerüstet. Sie aber zu pflegen als das wertvollste alles Menschenmaterials ist unsere Hauptaufgabe. Die Genien sind Menschen, die in eine weit fortgeschrittenere, vollkommenere Umgebung passen, und die daher der Stufe der Unvollkommenheit, in der sie jeweils leben, nicht adaptiert sind. Nun ist es aber das Hauptgesetz des Kampfes ums Dasein, daß diejenigen, die sich nicht der Umgebung anzupassen vermögen, untergehen. Der Genius jedoch ist deswegen seiner Umgebung nicht angemessen, weil er vollkommener als sie ist. Die _Schuld_ liegt also an der Umgebung und nicht an ihm. Durch seine Vollkommenheit nimmt er die Tradition der Zukunft vorweg, wodurch er gerade seine Mitmenschen späteren höheren und edleren Formen des Daseins entgegenführt. Er macht ferner die wissenschaftlichen Entdeckungen, die in der Technik verwertet die äußeren Grundlagen der Kultur bilden. Er gibt den Menschen die herrlichen Werke der Kunst, an denen sie sich erfreuen.

Der Kampf ums Dasein kann demnach als züchtender Faktor von irgendwie erheblichem Belang im Kulturzustand nicht in Betracht kommen, weil: 1. er ohnehin abnimmt, 2. Sittengesetz und Humanität uns verpflichten, dies zu unterstützen, 3. eine Umwertung der Werte stattfindet dahingehend, daß im Kulturzustand der Völker der Kampf ums Dasein geradezu negativen Auslesewert erhält.

Freilich ist auch das sinngemäß zu verstehen. Der passive Kampf ums Dasein scheidet auch innerhalb des Kulturzustandes ununterbrochen die _Minderwertigsten_ aus, insbesondere die Abkömmlinge von Alkoholikern, Tuberkulösen, Syphilitischen. Tot-, Fehlgeburten und Kindersterblichkeit räumen hier mit furchtbarer Strenge auf. Der Kampf ums Dasein verhindert so das Festwerden von Degenerationsmerkmalen. Er zeigt sich also auch hier in seiner Wirkung als einen ausmerzenden Faktor.[11]

Übrigens kam Darwin selber zur Überzeugung des rückläufigen Wegs des Kampfes ums Dasein bei den Kulturvölkern. Nach _Ploetz_ berichtet Wallace über des alten Darwin Meinung: »In einer meiner letzten Unterhaltungen mit Darwin sprach er sich wenig hoffnungsvoll über die Zukunft der Menschheit aus, und zwar auf Grund der Beobachtung, daß in unserer modernen Zivilisation eine natürliche Auslese nicht zustande komme und die Tüchtigsten nicht überlebten. Die Sieger im Kampf um das Geld sind keineswegs die Besten oder die Klügsten, und bekanntlich erneuert sich unsere Bevölkerung in jeder Generation in stärkerem Maße aus den unteren als aus den mittleren und oberen Klassen.«[12]

_Daß Isolation_ ausscheidet, hat schon Wagner selber betont: die heutigen Verkehrs- und Industrieverhältnisse, die zunehmende Internationalisierung aller menschlichen Interessen in Wissenschaft, Ethik, Kunst und Handel machen den Gedanken an Absonderung einfach absurd. Dazu kommen wieder besondere sittliche Gründe: 1. Die für die Absonderung behufs Reinzucht zur Bildung einer neuen höheren Rasse in Betracht kommenden Individuen müßten die edelsten und besten sein: gerade sie sollen aber zur Hebung der Tradition unter der Masse bleiben; denn diese braucht das Beispiel und die Lehre der Vollkommeneren. Diejenigen Menschen, welche bloß die _Fähigkeit_ zum intellektuell-sittlichen Aufstreben mit auf die Welt bringen, aber des _Anreizes_ zur _Entfaltung_ dieser Eigenschaften bedürfen, brauchen die Vollkommensten, die eben solche Anreize geben. 2. Die sich Isolierenden und ihre Nachkommen würden selbst der Kulturwerte, die in der Tradition der höheren Völker aufgespeichert sind, verlustig gehen, was allein schon den Gedanken an solche Absonderung von der übrigen Menschheit zu einem unsinnigen macht. 3. Die höchste irdische Idee überhaupt ist die der künftigen Einheit und Verbrüderung der ganzen Menschheit. Das ist der _Humanitätsgedanke_ oder _die Idee der Menschheit_ schlechthin. Ihr durch Absonderung entgegenzuarbeiten, würde also der Ethik und der Vernunft widersprechen. Vielmehr muß es uns auch von ihrem Standpunkt aus mit aufrichtiger Freude erfüllen, daß wir in der Tat jetzt schon die Menschheit in Handel, Verkehr, Wissenschaft, ja sogar auch schon in der Politik auf einander sich nähernden Pfaden dahineilen sehen.

_Ich fasse das zusammen_: Räumliche Absonderung der tüchtigsten Menschen behufs Reinzucht kann heute aus folgenden Gründen nicht mehr in Frage kommen: 1. Handel, Verkehr und die Notwendigkeit der Teilnahme an den Kulturgütern machen es unmöglich. 2. Sittengesetz und insbesondere der Humanitätsgedanke verbieten es.

_Geschlechtliche Zuchtwahl und Instinkt_, nämlich der für den geeigneten Gatten, worauf ich später zu sprechen komme, sind aber beim Menschen völlig gesicherte Mittel zur Herbeiführung von Auslese und Reinzucht. Ferner unterstehen auch die _Keime_ in gewissem Grade dem Einfluß des bewußten Willens.

_Kurz_: Diejenigen Prinzipien der Deszendenztheorie, die anfechtbar sind, scheiden hinsichtlich der menschlichen Rassenzucht entweder aus oder verlieren hier ihre Ungewißheit und erlangen bezüglich des menschlichen Problems Zuverlässigkeit.

Es werden also hierbei diejenigen Faktoren verwertet, die entweder _überhaupt_ feststehen, oder es doch wenigstens _bezüglich des Menschen_ tun.

_Demnach erhalten wir folgende =Tafel von=_ =Grundsätzen= _für die menschliche Rassenzucht_:

1. Das gute Material in Gestalt tüchtiger spontaner Variationen.

2. Ihre Erblichkeit.

3. Genügende Fruchtbarkeit.

4. Geschlechtliche Auslese der geeigneten spontanen Variationen.

5. Ihre Reinzucht.

6. Blutmischung.

7. Instinkt.

III. Anwendung der Grundsätze auf die Rassenzucht beim Menschen.

Der folgende Teil der Schrift widmet sich nunmehr der Lösung des Problems der _Vervollkommnung der erblichen Organisation des Menschen_. Die Lösung liegt in der Befolgung der Grundsätze der Rassenzucht, die soeben aufgestellt worden sind. Wir haben diese also jetzt in ihren _besonderen_ Beziehungen auf den Menschen zu betrachten.

Zunächst sei die _Hauptthese_ ins Gedächtnis zurückgerufen; sie lautet: _Der Mensch muß nach Vervollkommnung streben, was durch Entfaltung seiner höchsten Eigenschaften verwirklicht wird. Diese sind Erkenntnisfähigkeit, Charakter und höhere Gefühle, sowie die dem Menschen eigentümliche Körperschönheit._

_Diese Eigenschaften stellen also das Zuchtziel dar._

Auch will ich gleich vorausschicken, daß ich _keine Voraussetzungen hinsichtlich der Güte bestehender Rassen_ für den Zweck der Auffindung der zu züchtenden Merkmale des Vollkommenheitsideals mache. Nachträglich wird es bisweilen nötig sein, Hinweise auf Rassen und Völker zu geben, von denen die ganze _Erfahrung_ in der Geschichte und der Völkerpsychologie einfach die _Tatsache_ feststellt, daß sie gewisse höchste menschliche Eigenschaften in vollkommenster Ausbildung besitzen. Auf die Erleichterung jedoch, von diesen Tatsachen als Voraussetzungen auszugehen, verzichte ich und suche die Kennzeichen geistiger und körperlicher menschlicher Vollkommenheit auf _ohne_ die _Voraussetzung_, daß es noch Höhenunterschiede innerhalb der Kulturvölker gebe.

1. Das Material.

Das Material bilden diejenigen spontanen Variationen von Männern und Frauen, welche die besten Merkmale des Geistes und des Körpers tragen.

a) Die geistigen Eigenschaften.

Hier wird zunächst eine terminologische Klarstellung dem Leser für das leichtere Verständnis alles nachfolgenden erwünscht sein.

1. »Geist«, »geistig« bedeuten gegenüber »Körper«, »körperlich« den Inbegriff _alles_ Geistigen, Seelischen, Psychischen überhaupt.

2. »Geist«, »geistig« gegenüber dem _Rest_ des Seelischen, Psychischen bedeuten die _höhere_ geistige Sphäre, das Vernünftige, Logische.

3. Das Geistige überhaupt zerfällt in die Sphären der Erkenntnis, des Willens und des Gefühls.

4. Innerhalb _jeder_ dieser drei Sphären gibt es eine höhere und eine niedere Stufe. Die höhere Stufe auf allen drei Sphären heißt Vernunft (oder Geist im Sinne von No. 2), also Vernunft in der Erkenntnis, vernünftiger Wille und vernünftiges Gefühl. Damit ist das rein Logische, Unbedingte gemeint. Die niedere Stufe auf _jeder_ Sphäre umfaßt demgegenüber das Psychologische. Auf der Erkenntnissphäre besteht das Psychologische aus Intellekt, Verstand, Überlegung, Reflexion, Wahrnehmung, Vorstellung. Auf der Willenssphäre besteht es aus allen Trieben, allem Streben, Wünschen, Sehnen und allem Wollen überhaupt, sofern sie nicht auf das rein Logische, Allgemeingültige gehen. Auf der Gefühlssphäre umfaßt die psychologische Stufe die sinnlichen Gefühle der Lust und Unlust, sowie Lust an mangelhafter Erkenntnis oder an der Lüge, am mangelhaft Guten oder am Bösen, am mangelhaft Schönen oder am Häßlichen.

Im nachfolgenden werde ich nun »Geist« im Sinne von No. 1 gebrauchen und »Vernunft«, »vernünftig« für den Sinn von No. 2. -- -- --

_Die geistigen Merkmale, die der Auslese und Reinzucht unterliegen sollen, sind: 1. Eine hochentwickelte Fähigkeit der Erkenntnis und des wahren Urteilens, des Denkens, des Verstandes oder der Intelligenz; 2. Güte des Charakters, Stärke des Willens, Energie, Entschlossenheit; 3. ästhetisches Gefühl und Benehmen, künstlerische Gestaltungskraft._

Darin ist das Ideal begriffen. Wir werden später sehen, daß das Ideal natürlich nicht als unerläßliche Mindestforderung im praktischen Leben aufrechterhalten werden kann.

Es gibt _besondere Merkmale_ der geistigen Vollkommenheit, die zu kennen wichtig ist, weil es die Möglichkeit der rechten Gattenwahl erleichtert. Ich führe sie daher an, jedoch ohne allen Anspruch auf Vollständigkeit.

Solche »_Kennzeichen der Geistes- und Seelengröße_« sind:

1. =Idealismus.= Die Betätigung von Idealismus ist gleich dem Streben nach Vollkommenheit. Denn, wer Idealen nachjagt, bekundet dadurch, daß er -- annähernd -- erreichbare Vollkommenheit voraussetzt, nach der er strebt. Er ist also in der allgemeinen Grundrichtung seiner Gesinnung vollkommen. Er bedarf rechter Erkenntnis, um die Ideale zu erfassen, der Intelligenz für die Kleinarbeit auf dem Wege, der Energie und Charakterfestigkeit, um unentwegt recht zu wollen und das Gewollte durchzusetzen. Endlich ist ihm auch Formgebungskraft unerläßlich, wenn er _bleibende Werte_ für die Menschheit schaffen soll. Denn die Ideale haften nur dann in den Seelen der Mitmenschen, wenn sie in eine anschauliche Form gegossen worden sind.