Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage. Vortrag

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Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage.

Vortrag, gehalten auf der 81. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Salzburg, 1909, bedeutend erweitert und umgearbeitet. □□□□

Von Dr. med. PAUL C. FRANZE. Bad Nauheim.

Leipzig. Hof-Verlagsbuchhandlung Edmund Demme.

Preis: M. 1,80.

~Edmund Demme, Hof-Verlagsbuchhandlung, Leipzig.~

~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. Meyer. Heft I. 1. Die =Umwertung des bisherigen Krankheitsbegriffes=. 2. Säurenaturen. 3. Wetterlage und Gesundheit. 4. Wissenschaftliche Bedenken bezügl. der Geldreinigung an den Kassen. (0,60 Mark.) Die kleine Broschüre enthält so viel Wissenswertes und zum Teil Neues, daß die Lektüre jedermann empfohlen werden kann.

~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft II. 1. =Besuch bei einem Hundertdreijährigen.= 2. Wesen und Behandlung der =Gallensteinkrankheit=. 3. Das Rätsel der =Genickstarre=. (Preis 0,80 Mark.) Interessant ist die Schilderung des Besuches bei einem Hundertdreijährigen. Wir erfahren, wie der Mann gelebt, um dieses hohe Alter erlangen zu können, ferner gibt der Verfasser ein klares Bild von der Behandlung der Gallensteinkrankheit und löst endlich das Rätsel über Entstehung, Ursachen und Behandlung der Genickstarre, einer Krankheit, die in letzter Zeit so vielfach bei uns auftrat.

~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft III. Ist der Typhus eine Infektionskrankheit? (0,60 Mark.) In dem Wandel der Anschauungen, welcher sich auf pathologischem Gebiete in letzter Zeit zu vollziehen beginnt, hat man sich dazu verstanden, manches Krankheitsbild von einem völlig anderen Standpunkte aus anzusehen. Dieses gilt auch für den Typhus, der bisher für eine Ansteckungskrankheit angesehen wurde. Verfasser übt an dieser Anschauung Kritik und sucht Gegenbeweise anzuführen, wobei er wiederum das Hauptgewicht auf die Anregung der Darmtätigkeit legt, die Ursache in =Selbstvergiftung= und die Heilung resp. Verhütung in Beseitigung der Schlacken oder Reinigung des Blutes erblickt.

~»=Reformgedanken.=«~ Heft IV. 1. =Die Darmreinigung als Heilfaktor.= 2. Die Beziehungen zwischen Darmtätigkeit und lokaler Krankheit. 3. Ein Beitrag zur Behandlung der =Lungenentzündung=. Von Dr. med. Max Meyer. (Preis 0,80 Mark.) Die Erkenntnis, daß der krankhafte Zustand des Körpers häufiger das Endergebnis fortgesetzter Schädlichkeiten ist, beginnt in letzter Zeit immer mehr Anhänger zu gewinnen. Was man bisher als Ursache ansah, die vermutete bakterielle Ansteckung, kann in vielen Fällen nicht mehr als ausreichende Ursache gelten. Ärztliche Forscher, wie: Dr. Bunge, Dr. Lahmann, Dr. Borchard, Dr. Hueppe, Dr. Haig, Dr. Paczkowski, Dr. Walser etc. klären uns darüber auf, daß die meisten Krankheiten in Darmgiftbildung, Kohlensäurebildung und Stauung im menschlichen Körper ihre Ursache haben. Den Vorgang dieser Selbstvergiftung, sowie deren Einfluß auf den gesamten Organismus sucht uns die obengenannte Broschüre zu erklären, sie ist deshalb sehr lesenswert.

~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft V. 1. Die Bedeutung der =Abkühlung und der Feuchtigkeit= für die Entstehung von Krankheiten. 2. Über das =Wesen der Erkältung=. (Preis 0,50 Mark.) Gemeiniglich wird mit dem Ausdruck »ungesundes Wetter« das naßkalte Wetter bezeichnet, das wohl eigentlich den Inbegriff klimatischer Schädlichkeiten darstellt, während man Perioden von andersartigem oder direkt entgegengesetztem Charakter für gesundheitlich günstig oder zum mindesten nicht krankmachend hält. Ob und inwiefern das zutrifft, darüber gibt uns der Verfasser Aufschluß. Ebenso klärt er uns in kurzer interessanter Weise auf über das Wesen der Erkältung, worüber noch recht unklare Begriffe herrschen. Da nun aber die genannten Faktoren: Abkühlung, Feuchtigkeit und Erkältung für die Entstehung von Krankheiten eine sehr große und wichtige Rolle spielen, so ist die Lektüre der billigen Schrift zu empfehlen.

~»=Reformgedanken.=«~ Von Dr. M. Meyer. Heft VIII. =Wie entsteht der Krebs und wie ist er zu behandeln?= (0,30 Mark.) Die schlimmste Krankheit ist der _Krebs_, aber das Allerschlimmste ist, daß sich die Gelehrten über Entstehung und Behandlung noch gar nicht einig sind, deshalb ist es mit Freuden zu begrüßen, wenn -- wie in vorliegender Broschüre -- von ärztlichen Denkern der Versuch gemacht wird, Klarheit zu schaffen.

Höherzüchtung des Menschen auf biologischer Grundlage.

Vortrag,

gehalten auf der 81. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte, 1909, bedeutend erweitert und umgearbeitet.

Von Dr. med. Paul C. Franze Arzt in Bad Nauheim.

1910 EDMUND DEMME, Hofverlagsbuchhandlung Leipzig.

Nachdruck verboten.

Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Vorwort 5

I. =Aufstieg= 6

II. =Biologische Grundlegung= 12

1. Das Material der Artbildung, die spontanen Variationen, und ihre Erblichkeit 12

2. Überschüssige Fruchtbarkeit 14

3. Natürliche Auslese und Kampf ums Dasein 14

4. »Das Prinzip der natürlichen Prädestination« 15

5. Keimauslese 17

6. Geschlechtliche Zuchtwahl 17

7. Isolation 18

8. Zusammenhang vorstehender Grundsätze mit der Fortentwicklung der Menschheit 19

III. =Anwendung der Grundsätze auf die Rassenzucht beim Menschen= 24

1. Das Material 25

a. =Die geistigen Eigenschaften= 25

b. =Die körperlichen Eigenschaften= 34

c. =Die Auserlesenen= 44

d. =Das Organ des Geistes= 47

2. Die Erblichkeit 62

3. Genügende Fruchtbarkeit 64

4. Auslese und Reinzucht 65

a. =Mittel, durch welche die Auserlesenen einander als solche erkennen können= 65

b. =Die formale Seite der Auslese= 68

c. =Die Reinzucht= 71

5. Blutmischung und Herkunft der Varianten 72

6. Der Instinkt 75

IV. =Das System des Geistes= 75

Vorwort.

Auf der 81. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Salzburg, 1909, hielt ich unter dem gleichen Titel, den diese Broschüre trägt, einen Vortrag. Der Aufforderung meines Herrn Verlegers, die Ausführungen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, bin ich gern nachgekommen. Freilich mußte dabei über den Umfang des ursprünglichen Vortrags, für den nur etwa 20 Minuten zur Verfügung standen, bedeutend hinausgegangen werden.

Einerseits erhielt demnach das dort Gesagte hier in der Broschüre eine gründlichere Bearbeitung; anderseits kam in dieser vieles Neue hinzu, das mit dem Inhalt des Themas eng zusammenhängt. So sind z. B. die Abschnitte über die körperlichen Eigenschaften, das Organ des Geistes, die Ehereform, das System des Geistes hier zum ersten Male veröffentlicht worden.

Möge die Schrift der Verbreitung der Erkenntnis dienen, daß der Mensch ein noch durchaus unvollständig durchorganisiertes Wesen ist, und daß er daher seinen bewußten Willen zur Erlangung höherer Organisation im Sinne des entwicklungstheoretischen Fortschrittes verwenden sollte!

_Bad Nauheim_, 19. Januar 1910.

=Dr. Paul C. Franze.=

I. Aufstieg.

Äonenhafte Zeitläufe blicken herab auf das Aufstreben lebendiger Materie auf unserm Planeten nach edleren und höheren Formen des Daseins: das ist die Entwicklungsgeschichte der Organismen. Und mitten drin in diesem gewaltigen Ringen steht der Mensch, der Schöpfung Krone, -- doch dies nur auf Zeit, und nimmermehr ihr Ende, vielmehr die bloße Vorstufe eines Geschlechts von Halbgöttern auf Erden!

Oder vielleicht richtiger: der jetzige Mensch ist nur ein unfertiges Produkt auf dem Weg zu wahrem Menschentum. Der »Mensch« als ein in seiner Art vollendeter Organismus muß erst noch kommen. Der _wahre_ Mensch wird dann eben jener Halbgott sein.

Dann aber haben wir mit Unrecht unser Augenmerk bisher fast nur auf die Vergangenheit der Entwicklung gerichtet statt auf die Zukunft des Menschen.

Möchte doch daher das Licht eines neuen Tages über die Menschheit aufgehen, ja, möchte sogar diese Stunde schon seine Morgenröte sein! -- -- --

Dieser Wunsch hat aber nur dann Aussicht auf Erfüllung, wenn die höchsten und heiligsten menschlichen Erkenntnismittel den Pfad erleuchten, der gewandelt werden muß, und wenn reiner Wille die Menschheit beseelt.

Dreifach nämlich ist der Hauptweg der Erkenntnis.

_Erstens: Eingebung aus den Tiefen des Unbewußten_, Intuition, die von selber kommt und ihr Licht vorauswirft. Auch Verlaß auf diese selbsttätige Spürkraft des Geistes bei der Deutung der Eindrücke: denn Deuten immerhin, und beileibe nicht ideenlose Aufschichtung von Tatsachen, wie die Moderne es oft wohl möchte.

Die Ideen und Eingebungen kommen dem genialen Denker unwillkürlich zumeist bei der Beobachtung von Tatsachen, und anderseits geht er absichtlich von diesen aus, um zu Ideen zu gelangen, um den Sinn des Daseins zu erfassen und den rechten Weg zu finden.

_Zweitens: Naivität_, so weit als möglich, in der unmittelbaren Auffassung der Tatsachen. Naivität ist nichts anders als vollkommene Aufrichtigkeit. Bei der Wahrnehmung ist sie daher das Hinnehmen der unverfälschten, durch kein eigenes Hinzudenken veränderten Erfahrung, einerseits also das impressionistische Einwirkenlassen der Sinneseindrücke aus der Außenwelt und anderseits die Erfassung der reinen Seelenvorgänge, wie sie gerade im Menscheninnern von selbst verlaufen: gleichwie ein Kind, klug, mit seelenvollen Augen den bunten Wechsel der Natur aufnimmt, rein von eigenen Beimengungen des Verstandes, also tut es auch derjenige, der von Irrtümern frei bleiben will.

_Drittens: Logisches Schließen_ ebenfalls bei der Deutung der Erscheinungen und zur Herstellung des vernünftigen Zusammenhangs zwischen ihnen.

Intuition, Naivität und Logik, das ist das Heiligtum unter den Erkenntnismitteln.

Und wir bedürfen des Besten auf dem jetzt zu betretenden Wege: denn steil sind zwar immer der Vollendung Pfade; doch diese, die hier begangen werden, sind _furchtbar_ in ihrer Steilheit und Höhe! -- -- --

Seit den kosmogonischen Theorien von _Kant_ und _Laplace_ und seit den Lehren von _Lamarck_ und _Darwin_ betrachtet die Wissenschaft, ja, man darf sagen die gebildete Menschheit, Entwicklung als ein allgemeingültiges Gesetz, dem alles, was wir kennen, unterliegt: sowohl die in ihrer Pracht am Himmel glänzenden Sterne, als auch die Gefäße des Lebens einschließlich des Menschen.

Mögen jene Theorien auch noch so unzulänglich sein -- gleichviel: sie haben unsere Erkenntnis unzweifelhaft erweitert.

Der Inhalt der Deszendenztheorie im engeren Sinne ist dieser: Von den niedersten Lebewesen bis hinauf zum Menschen hat eine allmähliche Entwicklung stattgefunden. Es werden die Bedingungen dieser Entwicklungsrichtung aufgesucht und eben dadurch, daß sie gefunden werden, wird der Weg zur organischen Vervollkommnung des Menschen gewiesen. Zunächst geschieht das für die Vergangenheit, dann aber auch für die Zukunft. Denn die Kenntnis der zurückgelegten Strecke gestattet gewisse Schlüsse für die bevorstehende.

Demnach stellen wir fest, daß die Entwicklung eine bestimmte Richtung hat; sie geht von einfachsten und unvollkommensten zu immer zusammengesetzteren und vollendeteren Formen des Lebens. Innerhalb dieser allgemeinsten Richtung treten aber beim Menschen noch besondere Merkmale als auffallende hervor. Das sind einerseits die Steigerung des Bewußtseins, des Geistes oder der Vernunft und die Ausbildung des Charakters, des ästhetischen Gefühls und der künstlerischen Gestaltungskraft, anderseits die Entfaltung der dem Menschen eigentümlichen Körperschönheit.

Das aber ist innerhalb des Reiches der Lebewesen der _Lauf der Natur, die Stromesrichtung des Weltgeschehens_: Aufstieg, Vervollkommnung, Steigerung und Bejahung des Daseins, Tätigkeit, Umformung von Energien, welch letzteres mit Lust betont ist, wenn es fließend und leicht von statten geht, mit Unlust dagegen, wenn es gehemmt wird oder schwer verläuft.

Rein naiv und impressionistisch können wir sogar das eben Gesagte als das _Gesetz des Lebens_ aussprechen.

Erst ein Zurückgehen im Denken hinter die reine Erfahrung läßt Aussagen machen über den Wert der Welt hinsichtlich ihres innersten Prinzips und wirklichen Wesens. Der Naive fällt keine solchen Werturteile darüber: er nimmt vielmehr im Erkenntnisakt die Wirklichkeit hin, wie sie erscheint, und gelangt so zur Formulierung des Gesetzes des Lebens, in dem allerdings noch kein utopistischer irdischer Optimismus ausgesprochen ist, sondern lediglich die Lebensbejahung, die Notwendigkeit tätiger und freudiger Mitarbeit an allen Problemen der Vervollkommnung, mit andern Worten die fröhliche Kampfesstimmung des mutigen Streiters. Denn Kampf ist das Erdenleben. Aber es kann und soll sein ein freudiger, siegesgewisser Kampf, in dem es Friedenspausen und Ruhmestage gibt, dann nämlich, wenn jeweils der Lorbeer um die Schläfen des Siegers sich windet.[1] -- -- --

Wenden wir dann den Blick ab von der Außenwelt und nach innen, so finden wir in unserm Seelenleben mächtige Auftriebe, Impulse nach der Höhe, gleichsam als drängte uns etwas über unsere ererbte Organisation hinaus: es ist ein Streben nach Vervollkommnung, das wir da in unserer eigenen Tiefe erleben.

Diese Feststellung beruht auf der »_Psychologie der unmittelbaren Erfahrung_«: der Mensch ist einfach so eingerichtet, daß er in seinen besseren Individuen dem Willen zur Vollkommenheit nimmer zu entrinnen vermag. Hier haben wir an einem Punkte das Seelenleben rein erfaßt: unmittelbar und ohne alle Überlegung steigt in dem Tüchtigen die Sehnsucht nach höherem Dasein empor bis an die Oberfläche des Bewußtseins!

Das sind zwei völlig stichhaltige Gründe dafür, daß das Vervollkommnungsstreben auch _betätigt_ werden muß, und beiden wohnt eine innerlich ihnen anhaftende Beziehung auf die Allgemeinheit inne. Ich wiederhole die Gründe und setze die genannte Beziehung hinzu: 1. _Das Gesetz des Lebens_, das von der Beobachtung des Naturlaufs unmittelbar abgeleitet wurde, besagt, daß die Hauptrichtung der Entwicklung auf Steigerung der Organisation geht. Für den Menschen geht daraus hervor, daß es in der Richtung der Entwicklung liegt, wenn er seine vornehmsten Eigenschaften weiter entfaltet. Diese aber sind die spezifisch menschlichen. Daß die Gesamtheit und nicht etwa nur ein einzelner davon betroffen wird, versteht sich von selbst. 2. Die Erscheinungen der inneren Wahrnehmung bei höher stehenden Menschen bestätigen durchaus das, was von derjenigen der Außenwelt abgeleitet wurde: der Mensch findet in sich einen zwingenden Wunsch nach Vervollkommnung vor. Das bezieht sich zunächst auf sein Selbst, aber zugleich auch auf die Gesamtheit und äußert sich in idealen Bestrebungen der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Religion und Nächstenliebe, in der Verteidigung des Vaterlands und Mehrung seiner Macht, in dem Nachjagen nach Ruhm, Ehre und Reichtum. All dem liegt mehr oder weniger bewußt in erster Linie das Verlangen zugrunde, sich selber als Persönlichkeit höherer Ordnung, als Vollmenschen auszubilden und zu betätigen: die Wege der Vollendung des Selbstes und der Gesamtheit fallen in ihrem Verlaufe zusammen.

_Nach allem_: Es dürstet der Mensch nach Vervollkommnung, und er blickt hinaus in das Getriebe des Weltgeschehens und liest von der Natur den gleichen Willen ab.

Was aber bedeutet Vervollkommnung? _Ich definiere: Vervollkommnung ist weitere Entfaltung der höchsten Eigenschaften._ Denn das gehört zum Begriff der Vervollkommnung.

Jetzt aber entsteht _das Problem des Weges_: Wie kann am sichersten, wirksamsten und schnellsten das Vervollkommnungsstreben des Menschen in die Tat umgesetzt werden?

_Die Analysis der Vervollkommnung ergibt, daß sie in traditionelle und erblich-organische zerfällt._

Wie die Überschrift aussagt, ist es die Aufgabe dieser Schrift, die letztere zu behandeln. Nur ein flüchtiger Blick sei daher der Vollständigkeit halber auf das Wesen der Tradition geworfen.

Durch sein hochentwickeltes Bewußtsein, sowie kraft seiner Fähigkeiten der Sprache und der Schrift vermag der Mensch die Erfahrungen seines ganzen Geschlechts aufzubewahren, zu sichten, zu ordnen, zu vermehren und auf seine Nachkommen übergehen zu lassen. So bildet sich ein in stetem Fluß und fortdauernder Änderung begriffener Niederschlag der Erfahrung der gesamten Menschheit. Diesen Niederschlag nennen wir die _Tradition oder Überlieferung der Menschheit_. Sie umfaßt Sitten und Gebräuche, die naive Überlieferung des Volkes (folklore), Natur- und Geisteswissenschaften.

Insbesondere sind es einzelne hervorragende Männer, die von Zeit zu Zeit entstehen, welche die Tradition sprungweise auf eine höhere Stufe heben und dadurch die Menschheit veredeln. Solche Männer heißen _Genien_: sie sind die Lichtbringer und Führer der Menschheit.

Einigermaßen steigert ja auch die Wissenschaft als solche ohne die direkte Arbeit der Genien die geistigen, sittlichen und körperlichen Werte der Gesamtheit. Denn sie mehrt unsere Erkenntnis von der Wirklichkeit; Gewinn aber an Wissen und an Einsicht in die wahren Vorgänge der Natur gereichen natürlich den Menschen zum sittlichen und körperlichen Wohle. Das darf man nicht zu gering veranschlagen. Die Vorteile, die unserer Gesundheit aus der Wissenschaft erwachsen, liegen allen klar vor Augen. Weniger Verständnis jedoch haben viele dafür, daß auch die Sittlichkeit durch Wissen gewinnt; deshalb seien zwei Beispiele dafür angeführt: die humane Gestaltung der Rechtspflege und Irrenfürsorge ist sicherlich mehr ein Ergebnis wissenschaftlicher Aufklärung als etwa der kirchlichen Religion.

Freilich scheint es mir, ein noch mehr in die Tiefe dringender Blick zu sein, wenn man einsieht, daß die genannten Erscheinungen mit dem von innen heraus wirkenden Vervollkommnungstrieb in Zusammenhang stehen. Diese Kraft befindet sich natürlich in steter Wechselwirkung mit der äußeren Erfahrung und offenbart sich an ihr.

Doch kann bei aller Gerechtigkeit gegen die allgemeine wissenschaftliche Tätigkeit nicht eindringlich genug vor ihrer Überschätzung gewarnt werden. Es ist unmöglich, hier eine exakte Rechnung vorzulegen: aber viel ist es jedenfalls nicht, was alle die Nicht-Genien zusammen der Menschheit an wirklichen und bleibenden Werten gegeben haben. Sicherlich ruht jeder bedeutende Fortschritt auf den Schultern der Genien! -- -- --

_Der Gegenstand dieser Abhandlung aber ist die Steigerung der erblichen Organisation des Menschen, seine generative Höherentwicklung. Es soll die Richtung der Entwicklung dadurch fortgesetzt werden, daß wir Menschen mit Hilfe unseres Bewußtseins den Weg zu neuen und höheren Formen der Kreatur einschlagen, als es deren eine bisher überhaupt auf der Erde gegeben hat!_

Wie wir sahen, steht diesbezüglich das Gebot der inneren Stimme im Einklang mit demjenigen, das die Naturbeobachtung ergibt.

Ich wende mich nunmehr zu unserm soeben nochmals klar definierten Thema.

II. Biologische Grundlegung.

1. Das Material der Artbildung, die spontanen Variationen, und ihre Erblichkeit.

Das Material der Bildung von Rassen, Varietäten und Arten sind sowohl in der Natur, als auch bei der künstlichen Züchtung und beim Menschen die spontanen Variationen. Die Voraussetzung dafür, daß aus ihnen Dauerformen hervorgehen können, ist ihre Erblichkeit. Dies gilt für spontane Variationen größeren und kleineren Betrags. Erstere nennt man nach _de Vries_ Sprungvariationen und Mutationen. Inwiefern sie zur Artbildung beitragen, bleibe dahingestellt. Letztere sind die spontanen Variationen im engeren Sinne des Wortes. Auf ihnen beruht sicherlich der größte Teil der Artbildung. Es verhält sich mit ihnen folgendermaßen:

Jedes Lebewesen kommt mit gewissen Abweichungen seines Baues von demjenigen seiner Artgenossen auf die Welt. Dies betrifft nicht nur den ganzen Organismus, sondern sogar auch seine einzelnen Teile: keine zwei Blätter an einem Baume sind einander ganz gleich, und so ist es bei allen Organen.

Diese Grundtatsache bildet den Ausgangspunkt und die Voraussetzung des _Darwinismus_. Darwin nennt eben jene individuellen Verschiedenheiten an Pflanzen und Tieren »spontane Variationen«, d. h. von selbst entstehende Abänderungen. Er untersucht nicht die Ursache ihrer Entstehung, sondern fängt bei ihnen an. Sie sind erbliche Eigenschaften, da es sich bei ihnen um Angeborenes und nicht um Erworbenes handelt.

Es besteht nämlich in der Wissenschaft eine Kontroverse darüber, ob nur angeborene oder auch erworbene Merkmale erblich seien. Sie ist bis jetzt dahin entschieden worden, daß erstere es sicher, letztere im allgemeinen es nicht sind. Jedoch bezieht sich das nur auf Erworbenes im engeren Sinne des Wortes, z. B. auf Verstümmelungen, Resultate der Übung und Vernachlässigung von Organen, z. B. der Muskeln usw. Zweifellos prägen sich aber die Eindrücke des Lebens mehr oder weniger auch den Keimzellen auf und sind dann erblich, wie alle Veränderungen an den Keimzellen. Das ist eine Voraussetzung der Variabilität selbst, die Darwin eben ununtersucht läßt. Darüber haben andere, insbesondere _Semon_[2] gearbeitet. Darnach können die Reize aus der Außenwelt eine dauernde Veränderung im Organismus hinterlassen, was Semon »_Engraphie_« nennt. Die Veränderung selbst ist das »_Engramm_«. Die Reizwirkungen strahlen nun im ganzen Organismus aus, und zwar nicht nur im Nervensystem. Denn sie spielen gerade bei Pflanzen eine wichtige Rolle. Forel sagt: »Auf diesem Wege kann eine, wenn auch kolossal abgeschwächte Engraphie schließlich auch die Keimzellen treffen.« ..... »Und so läßt sich die Möglichkeit einer kolossal langsamen Vererbung erworbener Eigenschaften, nach unzähligen [? Verf.] Wiederholungen durch das mnemische Prinzip erklären, ohne daß die von _Weismann_ betonten Tatsachen ihre Richtigkeit einbüßen. Denn die Einflüsse der _Kreuzungen_ (Konjunktionen) und der Zuchtwahl wirken natürlich ungeheuer viel rascher und intensiver verändernd als individuell vererbte mnemische Engraphien.«[3]

Die engraphische Wirkung braucht aber nicht immer die gleiche »kolossale« Langsamkeit zu besitzen. Bei Pflanzen geht die Umwandlung oft recht schnell von statten. Auch bei Tieren und Menschen wird es sich verschieden verhalten, je nach der Art des Reizes und der Wichtigkeit der Erfahrung: das Lebendige kann vielleicht in elektiver Weise reagieren.

2. Überschüssige Fruchtbarkeit.

Ein großer Geburtenüberschuß ist natürlich der Entstehung verschiedenartiger Variationen günstig.

3. Natürliche Auslese und Kampf ums Dasein.