Hohe Sommertage: Neue Gedichte

Chapter 3

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Licht war sein Herz und Licht seine Seele, Ja! war sein Wort zu Leben und Tod. Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele, Galt seine Liebe dem Morgenrot.

Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen Lieh seinem Lied den Adlerflug, Der, bevor ihn der Blitz getroffen, Klingend ans Thor der Zukunft schlug.

Seht, und die goldenen Angeln erklangen, Und ein Licht und ein Glanz ward frei. Die zu den Quellen des Lebens drangen, Zählen den Priestern des Lebens bei.

Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden Seht die leuchtenden Rosen blühn. Kränze des jauchzenden Lebens gebunden Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden, Und ihr ehrt und feiert ihn.

Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier

der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde

(Fräulein Minna Persoon gewidmet.)

Ein Großer starb: _Böcklin_. Vor wenig Tagen Gab man der Erde ihren Anteil wieder — Und legte Rosen auf den Hügel nieder Und dunklen Lorbeer. Leises Flügelschlagen Der Stunden, die die stille Stätte streifen — Und jedem Flügelschlag entblättert sacht Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch Des Lebens letzten roten Gruß gelacht Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch Vergänglichkeit um dieses Grab geweht, Um das der dauerhafte Lorbeer steht.

* * * * *

Zwei Freunde, die in Feierstunden, Sich in Florenz zu einander gefunden, Hatten die halbe Winternacht Dem toten Meister nachgedacht. Ein Maler war's und ein Poet, Fühlten sich eines Geistes durchweht, Gossen ihren roten Wein Glutvoll in seinen Ruhm hinein, Klirrten die leeren Gläser zusammen Und schössen wie zwei Feuerflammen Von ihrer Bank empor und gingen Des Meisters Grab einen Gruß zu bringen, Wollten unterm Sternenschein Seinem Genius eine Andacht weihn.

Sprach der Maler: So ist's recht, Hat sich am Tage so mancher erfrecht Dem Meister sein Gloria zu schrein, Stimmte so mit den andern ein, Aber ist der Lärm verweht, Er wieder alte Wege geht, An denen, die noch malen und dichten, Seine Torturen zu verrichten. Wer die Marterschrauben überdauert, Der wird dann rühmlichst eingemauert In ein Pantheon von großen Leuten, Die man anfangs wollte häuten. Nun weiß man aus ihren Kleiderfetzen Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen, Gebärdet sich als Apostel gar Und ist in den Flicken doch nur ein Narr.

„Nicht schlecht gewettert,“ lacht der Poet, „Doch wird es, so lange die Welt besteht, Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren Schmücken des Großen Ruhmeskarren Als lustige Fratzen wider Willen; Muss jeder seinen Zweck erfüllen. Und wären am Ende die Teufel nicht, Ein Engel hätt kein besonder Gesicht.“

„Du siehst wieder alles von oben an,“ Grollt der erregte Pinselmann, „Aber steht man so mitten darinnen —“ „Freund, man muss auch das Oben gewinnen Mit Kampf und blutenden Wunden viel. Wäre das Leben ein Tanz und Spiel, Wer möchte die Arme zum Himmel erheben, Dass er ihm einen Tag länger mög geben? Aber trotz der Widergewalten Gelassen am eigenen Ich sich halten: Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reißt mir nichts los! So ward Böcklin groß.“

So in Streit und Widerstreit Unter des Sternfriedens Herrlichkeit Zügelten sie das rasche Wort, Je mehr sie dem geweihten Ort Sich nahten, gingen schließlich nur Schweigend auf eines Gedankens Spur, Von einem tiefen Empfinden gewiegt, Das alles laute Wesen besiegt. Merkten, und merkten's auch wieder nicht: Heller wurde der Sterne Licht, War ein himmlischer Wunderschein, Der hüllte alles um sie ein.

Und da stand des Meisters Gestalt, Wie man Gott Vater abgemalt, Der mit gelassener Gebärde Sich runden heißt den Kreis der Erde, Baum, Tier und Menschen stellt hinein Und freut sich: nun kann's Sonntag sein. Zur Seite hockt ihm gemächlich Gott Pan Und lässt die Flöte lieblich klingen. Bockfüßiger Faune Tanz zerstampft den Plan, Und um die Zottelbären schlingen Dryaden einen lustigen Reihn Und Flügelbuben springen drein. — Doch mählich ordnet sich das Spiel und drängt Dem Strand zu, wo Tritonen liegen Und Nixen, Arm in Arm gehängt, Sich leise auf den Wellen wiegen. Und von dem munteren Zug geleitet, Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet Böcklin zum Strand hinab. Pans Flöte schweigt, Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt Dröhnend ein Gruß, dass rings das Ufer bebt. Der Gruß verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt Ein Segel her, naht eine Barke sich, Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen Und bittet jenen, in das Boot zu steigen. Der grüßt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand. Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich, Ein göttlich Weib bietet dem Gast die Hand. Dann ist, umspielt von jungen Nereiden, Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden, Nur eine milde süße Geige klang Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang.

Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts, Das von den Sternen um den Hügel wob. — Und als der Maler seine Stimme hob Und fragte: „Freund, was träumt dir? Lass uns gehn, Des Meisters Ruhestätte anzusehn,“ Fährt jener auf aus seinem Traum und lacht: „Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht, Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen. Doch komm und lass uns an den Hügel treten, Auch uns gehört der Böcklin, uns Poeten.“

Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht, Der Lorbeer glänzte im Licht der Sterne, Und aus der halbverwelkten Rosenpracht Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne. — Die aber jetzt an diesem Hügel standen Und ihrer Weihe keine Worte fanden, Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht? Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben? Dem Starken Höchstes: Lust und Kraft zum Leben.

Der Trauermantel

Einsamer Mohn glühte am Grabenrand, Ein Falter zog um ihn zitternde Ringe. Ein Trauermantel. Sonnig lag das Land, Der einzige Schatten war die schwarze Schwinge Des dunklen Gauklers dort, der um die Glut Des roten Mohns, ein traumhaft Wesen, flog. Und mählich schien es mir, als ob das Blut Der Blume aus den Wangen wich; sie zog Erblassend, welkend, sich in sich zusammen, Doch immer noch um die erloschnen Flammen Zuckten die schwarzen Flügel, bis ein Wind, Der übern Weg lief, sie ins Feld entführte. War ich vom Licht, vom Flügelflimmern blind? War es ein Schlaf, ein Traum, der mich berührte, Erzeugt in jenem Purpurkelch, der jetzt Wie vorher flammte, sommerheißer Glut? Ein Nichts. Ein Spuk. Blendwerk. Und doch, zuletzt, Es blieb ein leises Frösteln mir im Blut, Und als ich abends mit den Freunden trank, Die heiterm Tag ein heitres Ende machten, Sprach ich von Herbst und Tod; sie aber lachten Und stießen fröhlich an. Ein Glas zersprang.

Tag und Nacht

Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug Die Nacht. Quält alte Schuld und Not Sie immer noch? Auf ihrem Flug, Was sie mit leisem Flügel schlug, Stand alles starr und tot.

Was kümmert es den jungen Tag, Was die schweigsame Schwester beschwert, Da er in holdem Schlummer lag; Er fragt der Weinenden nicht nach, Die seiner nie begehrt.

Auf falterfarbigen Flügeln hebt Er freudejauchzend sich hinauf, Und wie er über den Wiesen schwebt, Ein jedes Blümchen, das da lebt, Lächelt zu ihm auf.

Nur der trübe Bach klagt leis Zwischen Schilf und schwarzem Moor. Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis? Er flüstert und wispert, als ob er was weiß, Und raschelt und raunt im Rohr.

Das Birkenwäldchen

Inmitten öder Heide träumt Ein Birkenwäldchen, sumpfumsäumt. Die stillen Wasser blinken, Daraus die Wurzeln trinken.

Hier geht sobald kein Menschenfuß Und klingt kein Sommervogelgruß, Hier ist in ihrer Klause Die Einsamkeit zu Hause.

Und nächtens stellt bei Mondenschein Ein Wispern sich und Flüstern ein, Und weiße Schatten heben Gespenstisch sich ins Leben.

Und mittags, wenn die Sonne glüht, Dass fast die Heide Funken sprüht, Scheint dort in kühlen Schauern Ein Seltsames zu lauern.

Ein Jäger, den die Heideglut Hintrieb, war einst dort eingeruht, Ihm träumt' — er konnt's nicht sagen, Er starb in wenig Tagen.

Der Freier

Es saß im hellen Sonnenschein Gevatter Tod am Grabenrand, Kreuzte gemächlich Bein und Bein Und hielt ein Blümchen in der Hand.

Er trieb das alte Fragespiel Und fragte ehrlich Blatt für Blatt, Bis er den kahlgerupften Stiel In seinen harten Fingern hatt'.

Ein melancholisch Lächeln glitt Leicht übers gelbe Kalkgesicht, Dann stand er langsam auf und schritt Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht.

Das Dorf lag hinterm nächsten Hang, Und sicher war die Braut ihm auch, So war denn auch sein Freiersgang Gemächlicher als sonst der Brauch.

Noch einmal, vor dem letzten Haus, Brach er ein Asterchen und riss Ihm alle seidenen Blättchen aus Und zählte nicht, des Spiels gewiss.

Er warf den Stengel hinter sich Und trat ins niedere Häuschen ein: Schön Annemarie, ich liebe dich Und frage nicht ja und frage nicht nein.

Der Frühlingsreiter

Um Mitternacht Bin ich jäh erwacht. Hufschlag hallte, ein Horn erklang, Dass ich erschreckt ans Fenster sprang.

Der Mond schien hell, Und da kam es zur Stell: Ein Schatten voraus, dann ein milchweiß Ross, Darüber des Mondes Silber floss,

Und ein Reiter ganz jung, einen blauen Kranz Im Gelock. Hell blitzte des Hornes Glanz In der Faust, und er stieß in das Horn hinein, Als sollte und müsste geblasen sein.

O war das ein Klang In dem Horngesang! Eine süße Kraft, eine blühende Kraft, Eine zitternde, quellende Leidenschaft,

Ein Herz und ein Jubel, ein seliger Schrei! Ein Klingen, ein Leuchten — da war es vorbei. Hatte mich ein Traum bethört? Nicht einer hatte den Reiter gehört,

Sie lachten mich alle am Morgen aus: Da kommt der Träumer, der Dichter heraus. Aber mein Töchterchen kam mit Hurra: Seht mal, die ersten Veilchen sind da!

Und ich glaube, auch Krokus und Narzissen Kommen schon. — Was wollt ich noch wissen? Ich lächelte nur und sagte: Ja, ja, Ich weiß, die Veilchen sind wieder da.

Scherz

Als ich heute Nacht Das Fenster aufgemacht, Sah ich ein Bübchen mit zitternden Flügeln, Das stolperte zwischen weißen Hügeln; Bald auf dem linken, bald auf dem rechten Zeh, So stelzt es im Schnee.

War's Amor, der ein Ständchen gebracht, Überrascht von der ersten Winternacht? Oder war es nur ein letzter Kleiner dicker untersetzter Blumengeist, der überrumpelt Durch den ersten Schnee hinhumpelt Und weiß nicht so schnell Wohin zur Stell, Und, so was kommt vor, im Schrecken vergisst, Dass er fliegen kann, geflügelt ist?

Ich rief ihn an: Pst! Kleiner! Kriegt mich auf einmal von hinten einer Am Kragen und schilt: Schließ das Fenster doch, Du erkältst dich noch.

Meine Frau, die verständige war's, sie hält meist Meine Märchenerfindungen für sehr dreist. So hab ich ihr auch, was ich sah, verschwiegen Und bin ganz still ins Bett gestiegen.

Die Schnitterin

War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn, — Der hatte sich schwer vergangen. Da sprach sein Herr: Du bekommst deinen Lohn,' Morgen musst du hangen.

Als das seiner Mutter kund gethan, Auf die Erde fiel sie mit Schreien: O lieber Herr Graf und hört mich an, Er ist der letzte von dreien.

Den ersten schluckte die schwarze See, Seinen Vater schon musste sie haben, Den andern haben in Schonens Schnee Eure schwedischen Feinde begraben.

Und lasst ihr mir den letzten nicht, Und hat er sich vergangen, Lasst meines Alters Trost und Licht Nicht schmählich am Galgen hangen.

Die Sonne hell im Mittag stand, Der Graf saß hoch zu Pferde, Das jammernde Weib hielt sein Gewand Und schrie vor ihm auf der Erde.

Da rief er: Gut, eh die Sonne geht, Kannst du drei Äcker mir schneiden, Drei Äcker Gerste, dein Sohn besteht, Den Tod soll er nicht leiden.

So trieb er Spott, hart gelaunt, Und ist seines Wegs geritten. Am Abend aber, der Strenge staunt, Drei Äcker waren geschnitten.

Was stolz im Halm stand über Tag, Sank hin, er musst es schon glauben. Und dort, was war's, was am Feldrand lag? Sein Schimmel stieg mit Schnauben.

Drei Äcker Gerste, ums Abendrot, Lagen in breiten Schwaden, Daneben die Mutter, und die war tot. So kam der Knecht zu Gnaden.

Das Geisterschiff

Alle Schiffer kamen wieder, Kay kam nicht. Auf die Erde warf Meike sich nieder, In den Sand das Gesicht.

Sie weinte und rang die weißen Arme: Kay, komm, Kay! Sie flehte und fluchte, dass Gott erbarme: Kay, komm, Kay!

Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle Nachts an den Strand, Da kam ihr toter Herzgeselle Und nahm sie bei der Hand.

Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen Und bis in ihr blondes Haar. Und Meike musste mit ihm gehen Und segeln immerdar.

Die treue Schwester

Vater und Mutter lagen im Grab, Und der Bruder wollt übers weite Meer. Wiebke hing an seinem Hals, Verzagt und weinte sehr.

Meine Lampe will ich ans Fenster stelln, Kein Stern hat hellem Schein, Herzbruder, und wenn du wiederkehrst, Dein Schiff läuft sicher ein.

Ans Fenster stellte die Lampe sie Und wartete an sieben Jahr, Alle Schiffer kannten ihr Licht, Das brannte hell und klar.

Sieben Jahre und sieben noch. Lösch doch deine Lampe aus. Sie schüttelte ihren weißen Kopf: Er kommt doch einmal nach Haus.

Und eines Nachts, und die See ging schwer, Und sie sahen, am Fenster brannte kein Licht; Da sprachen sie, er ist heimgekehrt, Ihr Glaube trog sie nicht.

Und morgens, sie wollten den Bruder sehn, Im Hafen war kein Schiff, kein Boot, Und sie gingen und fanden die Lampe leer, Und Wiebke saß und war tot.

Sara Limbeck

Schön Sara, des Ritter Limbecks Weib, War jung und immer fidel, Der Ritter aber war krank an Leib Und alt an Herz und Seel! Und gab's im Schloss ein fröhlich Bankett Mit Saras lustigen Kumpanen, Der Ritter Limbeck lag im Bett, Bekam nichts von Kapaun und Fasanen.

Und oftmals verdross es schön Sara zu Haus, Dann musste die Kutsche vor, Mit vier schwarzen Rappen fuhr sie aus, Laut knarrte das alte Thor. Der Ritter richtete sich auf, Die Knochen zusammengerissen; Das gibt wieder fröhlich Gejaid und Gesauf! Und er sank zurück in die Kissen.

Schön Sara lebte in Saus und Braus, Ritter Limbeck starb allein. Sie drückte sich keine Thräne heraus, Jetzt wollt sie erst lustig sein! Ritter Limbeck lag in der kalten Gruft, Und oben klirrten die Becher, Und war mancher Schelm und war mancher Schuft, Der wurde verliebter und frecher.

Und übers Jahr, und die gleiche Nacht Und der gleiche Stundenschlag, Da der Limbeck sein letztes Kreuz gemacht, Und im Schloss war ein lärmend Gelag, Da fuhr die große Kutsche vor, Von vier schwarzen Rappen gezogen, Und Sara fuhr durch das knarrende Thor, Und die schwarzen Rappen flogen.

Frau Sara fuhr feldein, feldaus, Die Nacht war schwarz und schwer, Frau Sara kam nicht wieder nach Haus, Man sah sie niemals mehr. Nur nachts, wenn Wandrer irr und wirr Verlorenen Weg sich suchen, Erschreckt sie auf einmal ein schwarz Geschirr Und ein Schnauben und Peitschen und Fluchen.

Das ist die lustige Sara, die nun Nächtlich kutschieren muss, Und könnte beim Ritter Limbeck ruhn Für einen letzten Kuss. Nun fährt sie hundert Jahre wohl noch Querfeld, trotz Zaun und trotz Hecken. Durch! Wie die Kutsche so groß gibt's ein Loch, Den Bauern zum höllischen Schrecken.

Thies und Ose.

In Wenningstedt bei Karten und Korn Erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn Seinen Gast. Thies Thiessen war stark, Und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.

Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh. Aber wo war Thies Thiessen? Wo? Sie suchten ihn und fanden ihn nicht, Und der Galgen machte ein langes Gesicht.

Ose, des Mörders Weib, kam in Not. Vier Kinder wollten von ihr Brot. Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.

Doch stand sie in Ehren bei jedermann Und that ihnen leid. Die Zeit verrann, Und Thies Thiessen war und blieb Weg, als wäre die Welt ein Sieb.

So wurden es Jahre. Auf einmal fing's Zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's: Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu! Meint ihr? Und sie nickten sich zu.

Sie war doch sonst ein ehrlich Weib, Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib. Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll! — Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.

Die fromme Ose ertrug es in Scham, Kein Wort über ihre Lippen kam. Nur einem fraß es am Herzen und fraß, Bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.

Und eh sich's die Lästermäuler versahn, Stand er auf: Ich hab's gethan! Und standen alle und glotzten sehr: Thies Thiessen? Gott sei bei uns! Woher?

Nicht verrat ich das Dünenloch, Und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch. Und geht's um den Hals, das Kind ist mein. Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich bläu's ihm ein.

Und er sah elend aus und schwach, Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach, Bis ihnen allen allmählich klar, Dass der da wirklich Thies Thiessen war. —

Der Hansen war tot, von keinem vermisst, Ein Säufer war er und schlechter Christ. Aber der Thiessen, ein Kerl ist er doch! Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?

Alle die Jahre in Elend und Not Teilte sie ihr Hungerbrot Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da An seinem Hals. Es ging allen nah.

Sie kauten und spuckten und sahen sich an Und schoben sich sacht an Thiessen heran Und brummten und schüttelten ihm die Hand. Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.

Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden

Nach Stakendorf kamen die lübischen Herrn Vor Zeiten alljährlich und kamen gern, Zwangen die Bauern, den Zehnten zu zahlen, Und zogen nach Haus mit Protzen und Prahlen.

Einst kamen sie wieder zur Fastnachtszeit Und säckelten ein und machten sich breit, Ließen im Gildehaus festlich sich ätzen Und saßen glorios auf den Ehrenplätzen.

Die Bauern brauten ein gutes Bier. Knausern sie gern, sie knausern nicht hier, Sie lassen sich heute am wenigsten lumpen Und füllen den durstigen Gästen die Humpen.

Bald glänzen die Backen, die Stirnen stehn In Schweiß, kaum können die Äuglein noch sehn. Hier sinkt ein Haupt, da lallt eine Zunge, Dort keucht eine fette lübische Lunge.

Und immer werden die Humpen nicht leer, Die Lübecker trinken und können nicht mehr, Bald liegen sie alle, den Kopf auf den Armen Und schlafen und schnarchen zum Erbarmen.

Da hat die Bauern der Teufel gezwickt, Da haben die Bauern gebohrt und gewrickt, Den Tisch und die nächsten Säulen durchlochten Die tückischen Schelme, so schnell sie vermochten.

Die lübischen Bärte, wie hingen sie schlapp, Die bübischen Bauern, sie sagten nicht papp, Sie stopften sie all in die Löcher und schlugen Zur Sicherheit noch einen Pflock in die Fugen.

Die Herren schlafen, kein Schlag weckt sie auf, Die Herren schnarchen, ein Ratsherrngeschnauf! Auf einmal da laufen die Bauern zusammen: Zeter und Mord! Das Haus steht in Flammen.

Hei, kamen die Schläfer so schnell aus dem Traum, Ein Zerren, ein Reißen, und leer war der Raum. Nur die stattlichen Bärte alle Blieben zurück in der elenden Falle. —

Seitdem, und wer verdenkt es den Herrn, Hielten sie sich weislich fern. Zwar haben sie fürchterlich Rache geschworen, Doch ließ man die Bauern ungeschoren.

Frei vom Zehnten Stakendorf blieb, Den Lübeckern war ihr Bart zu lieb.

Das Opferkind

Bei Heiligenstedten, der Stördeich war's, Der Deich wollte nicht halten. Da war ein Loch, man krigt es nicht zu, Die Flut weiß zu spülen, zu spalten. So viel man auch stopft mit Erde und Stein, Das Meer stößt ein neues Loch hinein.

Da war Not. Wich der Deich, Das Land musste ersaufen. Eine alte Frau wusste da Rat, Man könnt es dem Teufel abkaufen: Freiwillig muss ein Kind da hinab, Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.

Ein Kind! Einer Mutter Kind! Hält jede ihrs fester am Herzen. Und wenn die ganze Marsch ersäuft, Kann eine ihr Kind verschmerzen? Da war Not. Das Loch muss zu. He, Tatersch, hör mal, bettelst du?

Hier, tausend Thaler! Klimpert's nicht gut? Der Zigeunerin funkeln die Augen. Tausend Thaler! Da, nehmt den Balg! Kann doch nur zum Bettel taugen. So Schilling für Schilling erscharrt sich's schlecht. Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.

Sie legen ein Brett über das Loch Und ein weißes Brot in die Mitte. Der hungrige Knabe schwankt daher, Kleine, hastige Schritte. Jetzt langt er nach dem Brot. Da: das Brett Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett.

Kein Schrei. Alles stiert Stumm aufs Quirlen und Quellen. Da taucht es auf, ein blass Gesicht, Aus den lehmigen Wellen, Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß: „Ist nichts so weich als Mutters Schoß.“

Und taucht zum zweiten Mal auf und spricht: „Ist nichts so süß, als Mutters Liebe.“ Wie das Wort alle packt und brennt. Wenn doch das Kind endlich unten bliebe! Da kommt es zum dritten und spricht aufs neu: „Ist nichts so fest als Mutters Treu.“

Dann sinkt es weg. — Sie atmen auf, Nun muss das Werk geraten! Die Gäule keuchen, die Karren knarrn, Es ächzen und knirschen die Spaten. Erde und Stein hinein ins Loch! Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch.