Hohe Sommertage: Neue Gedichte

Chapter 2

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Weiße Winden. Um toten Dornbusch? Ach, ihr Schwachen müsst ja, So will's Natur, an irgend was euch binden.

Stachelbeere. Reif lieb ich dich nicht mehr, doch hart und herbe Weckst du den Wunsch: wenn ich ein Kind noch wäre!

Frühlingstrunken

Heute hat es zum erstenmal Über die jungen Knospen gewittert, Heut hat im Garten zum erstenmal Um die Erdbeerblüten ein Falter gezittert.

Ich laufe die Steige auf und ab, Wie von jungem Weine trunken. Über mir, blankflügelig, Schießen die Schwalben wie Sonnenfunken.

Es ist eine Freude in mir erwacht, So muss es im Mark des Bäumchens glühen, Das dort, wie selig, im Winde sich wiegt Und will bald blühen, bald blühen!

Ein silbernes Märchen

Wie Spinneweben fein Hängt in den Bäumen der Mondenschein, Ist alles wie Silber: Baum, Beet und Steig, Und wie glitzernde Glöckchen die Blüten am Zweig.

Klingt auch ein silbernes Stimmchen darein, Stimmt lieblich zu all dem silbernen Schein. Zücküt. — Wie sich der Flieder wiegt, Frau Nachtigall fliegt In den Mond hinein.

Pfingstlied

Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint, Und die Kirschen blühn, und die Seele meint, Sie könne durch allen Rausch und Duft Aufsteigen in die goldene Luft.

Jedes Herz in Freude steht, Von neuem Geist frisch angeweht, Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor Steckt's einen grünen Zweig hervor.

Es ist im Fernen und im Nah'n So ein himmlisches Weltbejah'n In all dem Lieder- und Glockenklang, Und die Kinder singen den Weg entlang.

Wissen die Kindlein auch zumeist Noch nicht viel vom heiligen Geist, Die Hauptsach spüren sie fein und rein: Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein.

Wunsch

Die alte Sehnsucht: auf den Gassen liegt Die Sonne eines ersten warmen Tags. Fern, fern ein Weg durch Wiese und durch Feld Und unterm Schatten jungen Buchenschlags.

Der strebt nach einer tiefen Einsamkeit, Ein braunes Dach lugt zwischen Zweigen aus: Kommst du? Und wie die kleine Pforte klingt, Grüßt mich mein Glück. Hier bin ich ganz zu Haus.

Seele

Dämmerung löscht die letzten Lichter, Noch ein irrer Schall und Schein, Und die Nacht hüllt dicht und dichter Alles Leben ein.

Und die Erde will nun schlafen; Aber ruhelos bist du, Steuerst aus dem stillen Hafen Deinen Sternen zu.

Irrende Seele

Meine arme, irrende Seele, Wirst du nach Hause finden? Welche Wege musst du noch gehen, Bis du ein Licht und Ziel wirst sehen.

Lange bist du durch Unland gegangen, Und wolltest, wie oft, verzagen, Bist zitternd in die Knie gesunken Und hast aus bittern Quellen getrunken.

Meine arme, irrende Seele, Noch immer hält dich ein letztes Hoffen: Es muss aus allen Dunkelheiten Doch ein Weg nach Hause leiten.

Rosentod

Was lässt mich zaudern, mir vom Rosenstrauch Des holden Kelches satte Lust zu brechen? Wirft doch vielleicht der nächste Morgenhauch Sie schon entblättert vor des Gärtners Rechen.

Die Schwestern leuchten rings in junger Glut, Der grüne Busch in seiner Mutterfreude — Mir ist's, als ob ich heiliges Lebensblut Um eine eitle Augenlust vergeude.

Im engen Glas ein kurzes Treibhausglück, Ein Leben siecht in einem toten Scherben Und sehnt sich aus der Kerkerhaft zurück, In Freiheit an der Mutter Brust zu sterben.

Sahst du ein armes Herz zum letztenmal In einem hellen Hoffnungsfrühling blühen Und dann nach herber Täuschung kurzer Qual Nur um so schneller in sich selbst verglühen?

So scheint noch einmal duft- und farbenfrisch Die Rose sich im Glase zu erneuen, Um plötzlich über deinen stillen Tisch Und dein Gedicht den blassen Tod zu streuen.

Auf meinen ausgestopften Falken

Nicht mehr über Wipfel gleitest du, Über meinen Schreibtisch breitest du, Ausgestopfter Balg, nun deine Schwingen, Äugst auf mich herab und auf mein Singen.

Gleichen Namens, wunderliche Vettern, Umgetrieben beid in manchen Wettern, Du nun ruhend, ich noch in den Lüften Fröhlich flügelnd über Tod und Grüften.

Von der Lampe stillem Licht umflutet, Wie dein Auge mir lebendig glutet! Und mir ist, ich seh in deine Schwingen Wieder warmes, rasches Leben dringen.

Blendwerk! Phantasie! Gespenstisch Leben! Wirst dich nie mehr in die Lüfte heben. Aber mich, nach meinen Erdentagen, Welche Flügel werden mich noch tragen?

Morgen zwischen Hecken

Weit hinten liegt die große Stadt, Die graue Stadt in Dunst und Rauch. Hier spielt im Licht das grüne Blatt Und schaukelt sich im Morgenhauch.

Hier ist das Leben hold verstummt, Träumt lieblich in sich selbst hinein; Nur eine frühe Biene summt Näschig um süße Becherlein.

Und manchmal ein verwehter Laut, Wie fernen Meeres Wogenschlag. Was dort um Mauern braust und braut, Herr, fuhr's zu einem klaren Tag!

Und gar nicht lange

Es steht ein Bäumchen kahl im Feld Und friert in allen Winden. Und will sich aus der weiten Welt Kein Vogel zu ihm finden.

Und gar nicht lange, über Nacht, Und tausend Blüten blinken, Und seine Krone überdacht Ein Nest verliebter Finken.

Die bunten Kühe

Drei bunte Kühe in guter Ruh Und des Nachbarn Hanne dazu Traf ich heute in der Früh, Junghanne und ihre bunten Kuh.

Das gab einen guten, glücklichen Tag, Die Sonne auf allen Wiesen lag, Die ganze Welt war so bunt und blank. Der Hanne und ihren Kühen Dank!

Was glaubt ihr, trifft man in der Früh, Statt der drei bunten drei schwarze Küh Und statt der Hanne die alte Gret? Der ganze Tag ist verwünscht und verweht.

Auf der Bleiche

Bringst du Leinen auf die Bleiche? Kommt dir nicht der Wind darüber? Über Dämme, über Deiche Wirbelt er vom Meer herüber.

Willst mit Klammern, willst mit Steinen Dir den weißen Schatz erhalten? Einmal wird mit deinem Leinen Doch ein fremder Wille schalten.

Kommt's in deiner Töchter Kästen, Kommt's in deiner Enkel Hände, Ist der Faden auch vom Besten, Das Gewebe nimmt ein Ende.

Hier ein Flicken, dort ein Flicken. Soll man's kunterbunt besetzen? Weg damit! so will sich's schicken. Und der Wind spielt mit den Fetzen.

Wäsche im Wind

Tollt der Wind über Feld und Wiese, Hat seinen Spaß er überall, Aber am liebsten neckt er die Liese Mit einem tückischen Überfall.

Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen, Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein! Um jedes Laken muss Liese ringen, Jedes Stück will erobert sein.

Giebt es der Sausewind endlich verloren, Schlägt er noch im Übermut Ihr das nasse Zeug um die Ohren: Da, liebe Liese, häng's auf und sei gut.

Winterwald

Wo ist der lustige Waldvogelsang Und das spielende Laub? Verweht, Was ist das für ein fremder Klang, Der im Wald umgeht?

Das ist die Axt, die frisst am Holz Seit Wochen sich satt, o weh! Da liegt nun mancher grüne Stolz, Ein toter Held, im Schnee.

Was in Lüften gelebt und mit Wetter und Wind Manch trotzigen Strauß bestand, Jetzt biegt es und knickt es ein hungernd Kind Und bindet's mit frierender Hand.

Auf ärmlichem Herd ein Funkentanz Und ein Knistern. Verglüht, versprüht! Und war einmal ein grüner Kranz Und ein Glück. Wo blieb es? Verblüht.

Winter

Ein weißes Feld, ein stilles Feld. Aus veilchenblauer Wolkenwand Hob hinten, fern am Horizont, Sich sacht des Mondes roter Rand.

Und hob sich ganz heraus und stand Bald eine runde Scheibe da, In düstrer Glut. Und durch das Feld Klang einer Krähe heisres Kräh.

Gespenstisch durch die Winternacht Der große dunkle Vogel glitt, Und unten huschte durch den Schnee Sein schwarzer Schatten lautlos mit.

Die Netzflickerinnen

Schweigend an den Dünen hin Sitzen die Fischerfrauen und flicken Die schweren Netze. Guten Fang Mag der Himmel den Männern schicken.

Guten Fang und gute See. Manches Netz ist schon draußen geblieben, Und manches Boot ohne Fischer und Fisch Irgendwo an den Strand getrieben.

Die See macht still, und karg ist das Wort Der Frauen, die dort im Sande sitzen, Kurz wie der Schrei der Möwen, die Ruhelos über die Dünen flitzen.

Das Mädchen mit den Rosen

Zwei Rosen, die an einem Strauch Zusammen aufgeblüht, Von einem knospenhaften Hauch Noch lieblich überglüht,

Ein Mädchen brach wohl über Tag Das schwesterliche Paar: Der Mutter, die im Sterben lag, Bracht sie die eine dar,

Die andre aber legte dann Mit ihrem ersten Schmerz Sie weinend dem geliebten Mann, Trostheischend, an das Herz,

Und glühte selig auf und stund, Noch halb den Tod im Sinn, Und bot den jungen Rosenmund Dem warmen Leben hin.

Das Nixchen

Ein Nixchen ist ans Land geschwommen, Steht unter einem Blütenbaum, Die warmen Sommerwinde kommen Und trocknen ihr den feuchten Saum.

Mit großen Augen sieht die Kleine Stumm in die heiße Flimmerglut; Wie wird in all dem Sonnenscheine Dem Nixchen wunderlich zu Mut.

In ihre kühle Mädchenkammer Fällt nur ein ganz gedämpftes Licht, Als wie durch einen langen Jammer Ein schwacher Strahl der Hoffnung bricht.

Hier aber ist ein Gleiß und Glimmer, Ihr thun davon die Augen weh; Doch reglos steht sie, staunt nur immer, Die kleine blonde Wellenfee.

Auf einmal fängt sie an zu weinen, Weiß nicht warum, weint leis sich aus, Und schlüpft dann auf behenden Beinen Zurück ins kühle Wasserhaus.

Feierabend

Über reifen Ähren liegt Stiller, goldner Abendschein. Eine junge Mutter wiegt Sacht ihr Kind und singt es ein.

Letzter heller Sensenklang Zittert übers Feld hinaus, Und der Schnitter ruht am Hang Feiernd bei den Seinen aus.

Sein gebräuntes Angesicht Leuchtet über seinem Sohn, Doch er stört den Schläfer nicht, Und die Hütte wartet schon.

Leichter Herdrauch steigt und weht Über Wipfel her. Nicht fern Winkt das Dach. Und drüber steht Friedefromm der Abendstern.

Das Mädel

Ein Mädel sah ich gehen, Ich stand am Gartenthor, Mich konnte das Mädel nicht sehen, Goldregen hing davor.

Ganz nah ging es vorüber, Hätt's mit der Hand erreicht, Und neigte ich mich hinüber, Die Lippen erhaschte ich leicht.

Aber das Mädel schaute So kindlich in die Welt, Dass ich mir's nicht getraute. Dich küsst nur die Mutter, gelt?

Nur ein Zweiglein brach ich Und warf's ihm auf den Hut, Grad auf den Hut. Es stach mich Schelmenübermut.

Ei, das erschrockene Frätzchen! Und wie die Augen sahn! Geh weiter, Mutterschätzchen, Es hat's der Wind gethan.

Im Schnellzug

Der Schnellzug stürmt durchs Sommerland, Und draußen in den Winden, Da weht und winkt viel buntes Band, Zu binden mich, zu binden!

Die Hütte dort in Heckenruh, Die Sonne in den Scheiben, Die Friedefülle ruft mir zu, Zu bleiben doch, zu bleiben!

Und jetzt die Heide, blütenblau, Durchkarrter Weg ins Weite; Grad stapft die alte Botenfrau Im Torfmull. Nimm's Geleite!

Und jetzt das Feld, goldgelber Flachs, Und fern ein Blitz von Sensen; Und dort der Knirps sonnt wie ein Dachs Sich faul bei seinen Gänsen.

O Junge, hast du's gut! Ich wollt', Ich läg dort auf dem Bauche, Indes der Zug vorüberrollt, Und gaffte nach dem Rauche.

Reigen

Sind es bunte Schmetterlinge, Die um Blumenbeete weben? Sind es rosige Apfelblüten, Die im leichten Lenzhauch schweben?

Ei, die kleinen Schmetterlinge, Wie sie so gesittet kreisen, Ei, die kleinen Apfelblüten, Wie sie sich als Tänzer weisen.

Schmetterlinge? Apfelblüten? Jedes hat zwei Kinderfüße, Kinder sind's, ein Kinderreigen, Und getanzte Frühlingsgrüße.

Jeder Schritt ein schämig Fragen, Jedes zierliche Verneigen Ein Bejahen; frühlingshafter Kann sich nicht der Frühling zeigen.

Ja, das schönste Frühlingsliedchen, Ritornell, Sonette, Stanzen, Ach, kein Dichter kann's so singen, Wie es Kinderfüße tanzen.

Der Backfisch

Tanzen! Tanzen! Hab Herz und Kopf von vielem voll, Ach, das Leben ist sonnig! Aber wenn ich tanzen soll, Tanzen soll, Wonnig ist's, wonnig!

Der Herr Lehrer am Klavier, Reizend ist er mitunter. Vierhändig spielten heute wir, Ging alles drüber und drunter. Sah er mich von oben an, Komisch an, der kluge Mann: Sie wollen wohl wieder tanzen?

Malen, ach, es ist himmlisch süß! Besonders im Freien skizzieren. Holt man sich manchmal auch nasse Fuß, Was wird's die Kunst genieren? Öl, Aquarell, Kohle, Pastell, Ach, es geht nichts darüber, Nur tanzen ist mir lieber, So ein Walzer von Strauß Sticht alles aus.

Radeln? All Heil! Auf dem Zweirad leist ich mein Teil. Frisch wie der Wind In die Wett mit dem Wind. Aber alle Räder der Erde sind Nichts gegen meine zwei Sohlen, Kommt einer zum Tanz mich holen; Wer es auch sei, ich sag nicht nein, Muss nur grad kein Ekel sein. Tanzen, ach tanzen! La la la la la la.... Wäre nur erst das Ballfest da!

Der seltene Vogel

Geht ein kleiner Mann spazieren, Unterm Schirm spazieren. Kommt ein Sturmwind um die Ecken, Ei, wie that das Männlein erschrecken. Könnte sich verlieren.

Macht der Wind kein Federlesen, Gar kein Federlesen, Und nun muss das Männlein fliegen, Hui, wie ist es aufgestiegen, Wie ein Flügelwesen.

Fliegt das Männlein eine Stunde, Eine ganze Stunde, Kräht vor Angst wie eine Krähe, Liegt der Jäger auf der Spähe, Jäger mit dem Hunde.

Puff! den Vogel muss er haben, Muss den Vogel haben. Und das Männlein, ohne Flügel, Saust in einen Maulwurfshügel, Denkt, es wird begraben.

Blafft der Hund und scharrt und schnuppert, Hat es bald erschnuppert. Ist kein Tröpfchen Blut geflossen, Nur sein Höschen ist durchschossen, Und sein Herzchen bubbert.

Klopft der Jäger ihm die Kleider, Klopft ihm ab die Kleider. That es links und rechts umdrehen Und den Vogel sich besehen, Ei, da war's ein Schneider!

Idyll

Unter zarten Birkenzweigen, Erster junger Frühlingsglanz, Bläst der Schäfer seinen Reigen, Doch kein Volk tritt an zum Tanz.

Nur die Schafe gehn und grasen, Weiß und schwarz im Sonnenschein, Und zwei aufgescheuchte Hasen Springen quer ins Feld hinein.

Aber um die Frühlingsblüten Tanzen bunte Falter hin, Um die Herde mit zu hüten, Kommt die junge Schäferin.

Lockten sie die süßen Klänge, Lenkte sie die leichte Pflicht? Leuchtend wie die Frühlingshänge Lacht ihr liebliches Gesicht.

Und verstummt ist das Getöne, Rings ein süßes Schweigen nun: Küsst der Schäfer seine Schöne, Müssen Pflicht und Flöte ruhn.

Pusteblumen

Ein Schaf und zwei Lämmlein Und all drei schneeweiß, Und grün ist die Wiese, Und heiß ist's, heiß.

Am Heckchen, am Büschchen, Kühl schattet's herab, Sitzt Bübchen und rauft rings Die Pusteblumen ab.

Die Flöckchen im Winde, Wie segeln sie fein, Die Lämmerchen hüpfen Auf alle vier Bein.

Das Bübchen wird müde, Ihm träumt eins geschwind: Viel Lämmerchen tanzen Wie Flöckchen im Wind.

Er pustet dazwischen, Die Backen gebläht, Hei, geht's umeinander, Und jed Lämmchen mäh — h — t.

Konsequenz

In meinem Gärtchen, zwei Fuß vom Weg, Hinter dem niedern Gittergeheg, Blüht mir ein blauer Syringenstrauch, Meine Freude, und meiner Kinder auch. Aber die Buben von den Gassen, Die Racker, können das Räubern nicht lassen.

Wenn sie früh in die Schule gehn, Ein Kleinster bleibt begehrlich stehn, Ein zweiter stellt sich daneben auf Und schielt mit ihm zum Bäumchen hinauf, Möchten gerne von den Syringen Ein Zweiglein mit in die Klasse bringen.

Kommt ein dritter, hops, wie er hupft, Hat sich ein paar Blätter gerupft, Aber der Grünkram genügt ihm nicht, Er ist mal auf Syringen erpicht. Noch einmal, hops! — Euch will ich kriegen. Ich klopf ans Fenster. Hei, wie sie fliegen.

So ein Bubenvolk ist schlimm, Gefällt ihm was, gleich denkt es: nimm! Aber dass auch die Mädel — ich bitt, Kommen da welche gleich zu dritt, Recken die Hälschen, drehen die Köpfchen Ängstlich und schlenkern mit den Zöpfchen.

Hebt sich die längste auf den Zeh'n, Einmal, zweimal, es will nicht gehn. Gehuschel, Getuschel. Mädel sind klug; Hat sie, bevor ich ans Fenster schlug, Das kleinste schnell auf den Arm genommen Und die allerschönsten Syringen bekommen.

Ich drohe ihr, sie lacht mich an, Wie nur ein Mädel lachen kann, Spitzbübisch, schelmisch und doch ganz lieb. Es ist ein allerliebster Dieb, Und da — ich will recht finster blicken Und kann nur lachen und freundlich nicken.

In Zukunft sind die Syringen frei, Ob Mädel, ob Buben, ist einerlei. Was ihr im Sprung erhäschen könnt, Ihr Diebsgelichter, sei euch gegönnt. Nur braucht ihr das selber nicht grade zu wissen, Mein Bäumchen würde mir arg zerrissen.

Die Räuber

Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen Mit meinen Brüdern. Wie die wilden Rangen Den Ferienmorgen durch die Büsche trieben, Dass er entfloh, als hätt er Hasenläufe. Und selber jagten sie sich umeinander, Hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander. Und wirklich war bald nichts vom Wald geblieben, Als funkenüberstreute Aschenhäufe.

Ein rechter Räuber, seines Werts durchdrungen, Und sei er auch der Schule just entsprungen, Kann nicht der Bürger glatte Wege wandeln, Wo Förster und Magister ihm begegnen. Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert, Braucht finstre Höhlen, buschwerkübergittert, Wo kein Gesetz ihm lahmt das kühne Handeln Und keine Prügel in sein Handwerk regnen,

O Freiheit, deine roten Flammen schlugen So stürmisch nie, und keine Hände trugen So hochgemut die lodernden Fanale, Wir waren Räuber und dazu Indianer, Zum „Großen Adler“ wurde Hänschen Meier, Und Müllers Fritzchen zum „Gefleckten Geier“, Die Friedenspfeife ging zum dritten Male Von Hand zu Hand, und blass saß der Quartaner.

Und schweigend qualmten um die dürren Reiser Die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser Im großen Rat: Und durch die Buchenrunde Zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen. Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte, Die der verwegene Häuptling sich verschaffte, „Der große Büffel“, still von Mund zu Munde. Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen.

Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen, Wo soll ich köstlichere Freuden suchen, Als die aus eurem tollen Treiben sprossen, Wie helle Rosen aus den wilden Ranken. Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen, Und sie zerrissen nicht allein die Hosen, Auch rotes Blut ist jämmerlich geflossen, Und dann, zu Haus, der Räubermutter Zanken.

Und einmal mussten wir die Häuptlingsrücken, O Schmach für Helden, untern Stecken bücken. Den großen Büffel nahm man fest beim Horne, Der große Adler musste Federn lassen, Denn aus der Asche unsrer Höhlenscheite Erstand ein Kläger, der in alle Weite Die Klage rief. Die ward zum Todesdorne Für unsern Mut und ließ uns feig erblassen.

Der Wald in Flammen! Weh, die Schreckenskunde! Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde Für euch gekommen, und die Messer blitzen, Kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen. Der Wald in Flammen! Förster, Polizisten, Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten — Doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen. Mut, großer Büffel! Nur die Weiber flennen.

Die Zähne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe! Und ist die Züchtigung ein Werk der Liebe, Kein Vater liebte heißer seine Knaben Und mehr als sie verdienten, wie ich meine: Zwei junge Buchen waren drauf gegangen, Und unsres Wigwams rauchgeschwärzte Stangen Schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben, Der Krumen las an unserm Opfersteine.

Denkmalkantate

Bimmbamm, Bimmbumm, Bitte, bitte, bettel, bettel, Klingelbeutel geht herum, Blankes Silber, blaue Zettel, Nickel ist und Gold willkommen, Alles wird mit Dank genommen, Bitte, bitte!

Bimmbamm, bimmbumm, Große Leute soll man ehren, Klingelbeutel geht herum, Bitte, alle Taschen leeren, Bitte, bitte, bettel, bettel, Blankes Silber, blaue Zettel, Bettel, bettel!

Bimmbamm, bimmbumm, Den wir feierlichst begraben, Klingelbeutel geht herum, Dass er kann ein Denkmal haben. Nickel ist und Gold willkommen, Alles wird mit Dank genommen, Bitte, bitte!

Bimmbamm, bimmbumm, So ein Denkmal ist nicht billig, Klingelbeutel geht herum, Jeder sei nach Kräften willig, Bitte, bitte, bettel, bettel, Blankes Silber, blaue Zettel, Bettel, bettel!

Bimmbamm, bimmbumm, Unsre Enkel soll es lehren, Klingelbeutel geht herum, Wie man das Genie muss ehren. Was es selber nie bekommen, Alles wird mit Dank genommen, Bitte, bitte!

Bimmbamm, bimmbumm, Festkonzert und Denkmalfeier, Klingelbeutel geht herum, Fünfzig Mark giebt Minchen Meier, Bitte, bitte, bettel, bettel, Blankes Silber, blaue Zettel, Bettel, bettel!

Bescheidener Wunsch.

Wenn ihr uns nur wolltet lesen! Was haben wir von dem Denkmalwesen? Ach, wonach wir gedarbt im Leben, Jetzt könnt ihr es so leicht uns geben: Ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig. Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig. Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt, Als wenn unser Bild in der Sonne brennt. Eure Liebe sei unser Postament.

Zweimal zwei ist vier

Mit großen Gebärden und großen Worten Treibens viele Leute allerorten. Haben eine absonderliche Manier, Zu sagen: zweimal zwei ist vier. Orakeln im mystischen Tempelbass: Liebe Brüder, wenn's regnet, wird's nass! Je weniger sie zu sagen haben, Je toller gebärden sich die Knaben. Doch wie sie sich geben und wie sie beharren, Man merkt gleich, es sind Narren. Sind auch etliche „Dichter“ darunter, Die treiben's erst munter!

Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier

der Literarischen Gesellschaft in Hamburg

Er fuhr vorüber, hellen Angesichtes, Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier. Wohin? Wem neidest du das Glück des Lichtes, Du mit der Hast des beutefrohen Geiers?

Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug Und stand. Hast? Immer hab ich Zeit genug. Ein Stündchen früher oder später zählt Dem Freier wohl, der sich die Braut erwählt; Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schärfen, Und, lässiger noch, der Müller, der's zerstampft, Er kann's auch morgen auf die Mühle werfen. Und ich, der Jäger über alles Wild, Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt —

Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe, Der nach des Mädchens süßem Munde schmachtet. Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe? Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet, Den Tag verträumt, der ihm sonst Ernten bot, Nietzsche. Und diesen Namen nannt der Tod Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr übers Land.

* * * * *

Die Trauerglocken, die in Weimar klangen, Klagten: Nietzsche ist heimgegangen.

Ein kühner Flieger, Freund von allen Winden, Ein freier Vogel über höchste Wipfel, Ein Segler über Meere, über Gipfel, Nichts kann ihm seine stolzen Flügel binden. Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder Und stürzt ihn nieder.

Die Kleinen, die der Großen Flug beneiden, Die kleine Heckenzunft — das gab ein Schwatzen. Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen: Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden, Wir flogen nur um unsre Futterplätze, Wir klugen Mätze.

Das schlimme Lied vom Genius und der Menge, Die Schritt vor Schritt mit tausend Füßen tastet, Indessen er auf stillen Bergen rastet, Einsam, hoch über Enge und Gedränge, Zu Flügen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen Zur Sonne dringen.

Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen. Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten. Das ist ein selig, stürmisch Flügelbreiten. Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen! Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen, Lockt Stern zu Sternen.

O Glück! O Lust! o Flug nach goldnen Küsten! Tief unten rauscht das Meer und türmt die Wogen. Du ungeberdige Flut, der ich entflogen, Will es nach Tod und Trümmern dich gelüsten? Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schön In meinen Höhn.

Du fängst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen, So sei es an der Sonne Feuerherzen. Das war ein Sterben, wären Götterschmerzen: Fliegen und schon in Todesflammen stehen. — Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder Und stürzt ihn nieder.

* * * * *

Die Trauerglocken, die in Weimar klangen, Klagten: Ein Held ist heimgegangen.

Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken Auf seinem Weg in Trümmern, Tempel stürzten Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit In dumpfer Andacht kniete. Er war hart Und ging den Weg des Helden mitleidlos, Zerschlug Altäre, wo auch er geopfert, Zertrat die Gärten seiner Jugendspiele Und ging von seinen Freunden, die er liebte, Treulos, um nur in einem treu zu sein: Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte. Und härter ward sein Schwert mit jedem Schlag. Wo ist die Härte, die ihm trotzen mag? Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt, Und schwertlos fällt der todessieche Held.

* * * * *

Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden Seht ihr die leuchtenden Rosen blühn? Kränze des jauchzenden Lebens gebunden Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden, Und ihr ehrt und feiert ihn.