Hohe Sommertage: Neue Gedichte

Chapter 1

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Hohe Sommertage

Neue Gedichte

von Gustav Falke

Hamburg — Alfred Janssen — 1902

Seinen lieben Freunden

Karl und Elisabeth Schütze

herzlichst zugeeignet.

Inhalt

Sommer Der Parkteich Trüber Tag Vergebliche Bitte Liebesgestammel Waldgang In tiefer Scham Aus tiefer Qual Im Entschlummern Bitte Erinnerung Besitz Ausklang Zu Hause Heimkehr Vor Schlafengehen Mondlicht Musik Es schneit Die Weihnachtsbäume Meinem Sohn zur Taufe Die Mutter Steernkiker Lengen Verbaden Leew An de Gorenport Go' Nach Lütt Ursel De Snurkers De lütt' Boom De Stormfloth Ritornelle Frühlingstrunken Ein silbernes Märchen Pfingstlied Wunsch Seele Irrende Seele Rosentod Auf meinen ausgestopften Falken Morgen zwischen Hecken Und gar nicht lange Die bunten Kühe Auf der Bleiche Wäsche im Wind Winterwald Winter Die Netzflickerinnen Das Mädchen mit den Rosen Das Nixchen Feierabend Das Mädel Im Schnellzug Reigen Der Backfisch Der seltene Vogel Idyll Pusteblumen Konsequenz Die Räuber Denkmalkantate Bescheidener Wunsch Zweimal ist vier Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier Der Trauermantel Tag und Nacht Das Birkenwäldchen Der Freier Der Frühlingsreiter Scherz Die Schnitterin Das Geisterschiff Die treue Schwester Sara Limbeck Thies und Ose Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden Das Opferkind

Sommer

Ihr singt von schönen Frühlingstagen, Von Blütenduft und Sonnenschein, Ich will nichts nach dem Frühling fragen, Nein Sommer, Sommer muss es sein.

Wo alles drängt und sich bereitet Auf einen goldnen Erntetag, Wo jede Frucht sich schwellt und weitet Und schenkt, was Süßes in ihr lag.

Auch ich bin eine herbe, harte, Bin eine Frucht, die langsam reift. O Glut des Sommers, komm! Ich warte, Dass mich dein heißer Atem streift.

Der Parkteich

Ein stiller Teich träumt im verlassnen Park, Von sonnendunklem Laub dicht überschattet. Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht, Huscht ein verlorner Lichtstrahl übers Wasser, Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf Und hastet ängstlich in das Uferkraut.

Einsamer Weg führt um den stillen Teich, Gleich ihm von hängenden Zweigen überdämmert. Halbausgelöschte Spuren sind im Weg Vom Regen halb verwaschen und vom Wind Sacht überstäubt. Von wem erzählen sie?

Mir ist, als müsste diese große Stille Ein Mädchenlachen plötzlich unterbrechen, Aus ihrem grünen Traum aufstören. Wenn der Wind Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich Eines tieflieben, jungen Augenpaares, Das ich aus einem stillen Mädchentraum Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine, Es hätte hier wohl einmal vor dem Bild Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt.

Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer. Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand? Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub. Es ist ein Flüstern. Ach, was flüstert's doch? Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet Nur einen lieben Namen, und der schwebt, Leise dem Wind vertraut, über den Teich.

Bewahr den Namen, märchentiefe Stille, Bewahre ihn, dass er, ein süßer Laut Der lieblichen Natur, hier Heimat hat. Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig, Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen: Was flüstert doch das Laub? Und mag erröten Und lächeln, meint sie, übern Teich her ruft Ein andrer sie mit Namen.

Leise rauscht Das sommerdunkle Laub rings um den Teich. Ein Sonnenlächeln zittert auf dem Spiegel. Und horch! Ein Mädchenlachen? Nein, Herz, nein. Traumstille Einsamkeit nur atmete Einmal aus ihrem Frieden selig auf.

Trüber Tag

Ein feuchtes Wehen wühlt im Laub und streut Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall, Und wo noch gestern laute Lust, träumt heut Schwermütiges Schweigen überall.

Die frühen Rosen frieren so im Wind. Gestern, als heißer Mittag darauf lag, Brach ich die schönste dir. Wo bist du, Kind? Wo ist die Rose? Wo der helle Tag?

Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint, Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist, Ruft dich mein Herz und weint Und weiß nicht, wo du bist.

Vergebliche Bitte

Maiblumen, deinem Herzen nah, Blühten an deinem Kleide. Ich bat: „Schenk mir den Frühling da.“ „Nein,“ riefst du mir zu Leide. „Es war nur Spiel, war nur zum Scherz, Dass ich mich damit schmückte.“ Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz, Als deine Hand die Blumen schnell Vom Busen riss und auf der Stell Zerpflückte, zerpflückte.

Was gabst du mir die Blumen nicht, Mir, dem die Jugend schwindet, Und der auf deinem Angesicht Ihr letztes Glück noch findet? Mir war's, als so umsonst ich warb Um diese Frühlingsspenden, Als ob nun mit den Blumen starb Auch meiner Jugend goldner Tag, Und seine letzte Blüte lag Zerpflückt von deinen Händen.

Liebesgestammel

Es ist alles nicht auszusagen, Was ich um dich gelitten. Du musst meine schlaflosen Nächte fragen, Da ich mit Beten um dich gestritten, Mit Wünschen und Sehnen und Hoffen viel Trieb ein thörichtes Liebesspiel.

Und wenn ich dann an deiner Seite Wunderseliges tief gespürt, Und, wie auf seinem Teppichgebreite Des Moslems Stirn die Erde berührt, Vor dir anbetend die Seele geneigt, Die sich so gern in Stolz versteigt, Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen Das Wesen der Liebe aufgegangen. So willenlos, keusch, himmelsrein In eine Seele versunken sein, Holdeste Zweieinigkeit Ohne Sinnenwiderstreit.

Aber getrennt, ging ich umher Eine einsame Seele, die keiner versteht. Sie bangt um ihren Himmel sehr Und weiß nicht, wo die Straße geht, Schlägt in rastlosem Sehnsuchtsspiel Tausend Brücken nach ihrem Ziel, Über die mit zitternden Knien All ihre weinenden Wünsche ziehn.

Ich bin dein, O wärst du mein! Hülfe mir Beten, hülfe mir Bitten — Aber ich will mich des Hoffens entschlagen. Es ist alles nicht auszusagen, Was ich so lange um dich gelitten.

Waldgang

Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen, Abseits von Dorf und Feld und Erntemühen. Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glühen Des Abends heimlich sich ins Dämmerreich Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte In einem roten Gold ringsum, und gleich Glühwürmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte Nicht Weg und Steg und ließ dem Fuß den Willen, Der ziellos ging, indes die Augen schweifen. Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen. Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht, Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg, Und eines späten Falters scheue Flucht. Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg, Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute, Womit es sich dem alten Wald vertraute.

Und als ich stand und so der Stille lauschte, Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte, Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte, Sah ich zwei Herzen in des Bäumchens Rinde, Verschränkte Herzen, heut erst eingeschnitten; Es tropfte noch das Blut der jungen Linde, Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten. Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite Ein junges Angesicht traumhaft Geleite.

Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen Von kranken Nächten und vergrämten Tagen, Und ließ das rote Blut der Liebe quellen Und alle Wunden meines Herzens klagen. Und Tempelstille heiligte den Wald, Nur meiner Seele große Qual ward laut. Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt, Und ihr zu Füßen sank ich in das Kraut Und flüsterte: „Geliebte“. Stammelte: „Geliebte. Liebstes. Seele. Hör mich an. Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh, Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann Nicht still werden.“ —

— So lag ich, lag Am Wege so; und um mich starb der Tag. Da stand ich auf und war allein und ging Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrüpp sich wand, Dem Ausgang zu. Dort überm Felde hing Der stille Mond und kleidete den Rand Des Waldes weit in Frieden und in Licht, Mir aber kam die selge Ruhe nicht.

Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein, Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub, War abgebrochen, und das rostige Stück Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum. Was redete das Kreuz? Von totem Glück? Von totem Leid? Von einem toten Traum?

Ein leiser Wind kam übers reife Korn, Die Büsche rauschten, und in Schatten sank So Kreuz wie Klinge. Nur ein dürrer Dorn Am Fuß des alten Baums stand nackt und blank Im Licht des Mondes. Und es war einmal, Dass er im Grün die roten Blüten trug, Flammend, ein selig Frühlingsfeuer. — Qual Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug, Und ich ging heim und dachte in der Nacht Dem Leben nach, das alles sterben macht.

In tiefer Scham

Ich weinte auf mein Brot und würgte dran Und konnt's nicht würgen und stand auf vom Mahl Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld Und bot dem Märzwind meine heiße Qual.

An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch. Wer warf es weg, wen wärmte es zuletzt? Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun, Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt.

Wenn du dein Herz in deine Hände nimmst Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt, Man nimmt es, dankt und wirft dir's plötzlich hin: Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt.

Dann stehst du da, entblößt und bettelarm Und weißt nicht hin vor Scham, vor nackter Scham.

Aus tiefer Qual

Kind, sieh nicht deinen Vater an, Er hat sich gar so sehr geschämt, Sich eine lange, bange Nacht Um diese seine Scham gegrämt.

Und geh zu deiner Mutter, Kind, Und spiel mit ihr im Sonnenschein Und sprich ihr auch vom Vater nicht, Scham will allein im Dunkeln sein.

Geh, Kind, vor deinem großen Blick Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht Und weint. Und war noch gestern, Kind, So rein wie deiner Augen Licht.

Im Entschlummern

Leise Füße gehn im Gras, Eine Stimme flüstert was. Ich hör es deutlich vom Garten her; Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer.

Es spielt in meinen Traum hinein: Die Füße müssen meine sein, Sie wandeln her, sie wandeln hin, Vergangenes geht mir durch den Sinn:

Viel süßer Duft und Sonnenlicht, Und eine Hand, die Rosen bricht. Vor ihrem Bilde glühten sie, Vor ihrem Bild verblühten sie.

Der Schlaf drückt mir die Augen schwer. Ich höre die leise Stimme nicht mehr. — Vor ihrem Bilde glühten sie, — Vor ihrem Bild verblühten sie.

Bitte

Holder Frühling hauch mich an, Dass ich neu erstehe, Was ein Herz ertragen kann, Ich ertrug's an Wehe.

Einst so blühend, diese Brust, Soll sie ganz erkalten? Ach, ich bin mir kaum bewusst, Lass den Tag so walten.

Wem ein schönes Glück verging, Drauf er treulich baute, Wer sich an ein Hoffen hing, Das wie Märzschnee taute,

Lieblos scheint ihm wohl die Welt Und so kalt zum Sterben; All was er in Händen hält, Sind nur tote Scherben.

Holder Frühling hauch mich an In den neuen Tagen; Was ein Herz ertragen kann, Ach, ich hab's ertragen.

Tausend Knospen schwellen dir, Duft weht auf und Lieder. Eine Blüte schenk auch mir, Eine einzige wieder!

Erinnerung

In meinen Versen weint und lacht, Was mir mein Leben reich gemacht. Wie mir das stille Tröstung giebt: Ich habe dich so sehr geliebt.

Auch du blickst wohl darauf zurück; Und war's dir auch kein großes Glück, War's doch vielleicht, mag's wenig sein, Ein Wegestreckchen Sonnenschein.

Besitz

Die Sonne überstrahlt dein Bild, Mein Herz wird warm und freut sich. Dein liebes Bild. Alles Licht ferner Tage erneut sich.

So recht in tiefstem dankbar sein, Dass ich dir durfte begegnen, Diese Frucht blieb mein. Kann Liebe ein Leben reicher segnen?

Ich durfte dich nicht besitzen, es war Viel Schmerz meiner Liebe beschieden. Es war. Nun ist alles Freude und Frieden.

Ausklang

Immer bleibst du lieblich mir, Immer hold im Herzen, Immer brennen heilig hier Dir geweihte Kerzen.

Breiten um dein Angesicht Einen frommen Schimmer, Und so bist du, reinstes Licht, Eigen mir für immer.

Zu Hause

Ich war, in tiefer Bitternis verwirrt, In Not und Nacht vom Wege abgeirrt.

Ich blickte auf nach einem Trost und Schein, Und alle meine Sterne schliefen ein.

Nur fernher klang ein leiser weher Laut, Dem hab ich meine Schritte anvertraut.

Ich war gerettet. Schmerz fand sich zu Schmerz. Und weinend fiel ich wieder an dein Herz.

Heimkehr

Du weißt, ich hab dich lieb gehabt, Und immer gleich, an jedem Tag, Ob ich ein wenig Glück uns fing, Ob still in Sorgen abseits ging.

Da kam ein Frühlingssonnenschein Und kam ein junger Rosentag, Ich stand in lauter Rausch und Traum An eines fremden Gartens Saum.

Aus holder Morgenlieblichkeit Klang da ein Lied, so süß, so süß, Dass ich im Lauschen mich verlor Und hatt für deinen Ruf kein Ohr.

Doch gab des Gartens Thür nicht nach, Ein zweifach Schlösslein lag davor, Das hat den Träumer aufgeweckt, Ihn auf sich selbst zurückgeschreckt.

Er riss sich los und kehrt nun heim Und drängt sein Herz an deines hin. Trotz Rausch und Traum, du fühlst, es blieb Das alte Herz und hat dich lieb.

Vor Schlafengehen

Die Kinder schlummern in den Kissen, Weich, weichen Atems, nebenan, Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen Nicht, was mit diesem Tag verrann.

Wir aber fühlen jede Stunde, Die uns mit leisem Flügel streift, Und wissen, dass im Dämmergrunde Der Zeit uns schon die letzte reift.

Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln. So träumt sich's gut. Und keines spricht. Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln, Vom Ofen her ein Streifchen Licht.

Einmal, im Schlaf, lacht eins der Kleinen Ganz leis. Was es wohl haben mag? Springt es mit seinen kurzen Beinen Noch einmal fröhlich durch den Tag?

Ein Mäuschen knabbert wo am Schrägen, Knisternd verkohlt ein letztes Scheit, Die alte Uhr hebt an zu schlagen — Da sprichst du leis: Komm, es ist Zeit.

Mondlicht

Das blasse Licht des vollen Mondes geistert Durchs schlechtverhängte Fenster uns ins Zimmer. Du schläfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer, Und wachen Ohrs, das alles hört, ausfragt Und deutet, lieg ich. Unsre Ältste leiht Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trägt, Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester. Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir träumt! Gleich weicht Der böse Alp von ihr. — O diese Nester Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht Und aufstört, Nester, eingebaut In unsrer Seelen abgelegene Ecken Und Winkel, die uns zu betreten graut. Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken Das Licht des Monds und ist doch voller Tücken. Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band Milchigen Lichtes seh ich weiterrücken, Langsam. So tastet leise eine Hand, Die Arges vorhat und behutsam gleitet, Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht Sich mählich auf dein Bett hinüber, breitet Sich über deine Kissen. Dein Gesicht, Fühlt es das Licht? Du rückst, weichst, kriegst Ganz weg vor diesem Licht. Könnt deinen Traum Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst Du eingewühlt in deines Kissens Flaum, Wie weggeduckt vor diesem bösen Licht, Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet, Schwer lastet. Du, wie leblos, rührst dich nicht. So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet, Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lässt Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass, Und einmal zucken deine feinen Lider, Als würdest du nun wach. Du murmelst was. Ich ruf. Ein Seufzer nur. „Annie!“ Kein Laut. — Mich fröstelt. Wenn nur erst der Morgen graut.

Musik

Eine Musik lieb ich mehr Als die schönste der größten Meister. Täglich klingt sie um mich her, Klingt täglich lauter und dreister.

Ich liebe sie sehr, und doch, es giebt Stunden, da muss ich sie schelten, Dann ist für die, die das Herz so liebt, Ein Donnerwetter nicht selten.

Da schweigt sie wohl erschrocken still, Doch dauert die Pause nicht lange, Und wenn ich der Ruhe mich freuen will, Ist sie wieder im besten Gange.

Zuletzt geb ich mich doch darein Und lache: lass klingen, lass klingen! Und hör durch des Hauses Sonnenschein Vier Kinderfüße springen.

Es schneit

Der erste Schnee, weich und dicht, Die ersten wirbelnden Flocken. Die Kinder drängen ihr Gesicht Ans Fenster und frohlocken.

Da wird nun das letzte bischen Grün Leise, leise begraben. Aber die jungen Wangen glühn, Sie wollen den Winter haben.

Schlittenfahrt und Schellenklang Und Schneebälle um die Ohren! — Kinderglück, wo bist du? Lang, Lang verschneit und erfroren.

Fallen die Flocken weich und dicht, Stehen wir wohl erschrocken, Aber die Kleinen begreifen's nicht, Glänzen vor Glück und frohlocken.

Die Weihnachtsbäume

Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume Aus dem Wald in die Stadt herein. Träumen sie ihre Waldesträume Weiter beim Laternenschein?

Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten Von der Waldfrau, die Märchen webt, Was wir uns alles erst erdichten, Sie haben das alles wirklich erlebt.

Da stehn sie nun an den Straßen und schauen Wunderlich und fremd darein, Als ob sie der Zukunft nicht recht trauen, Es muss da was im Werke sein.

Freilich, wenn sie dann in den Stuben Im Schmuck der hellen Kerzen stehn Und den kleinen Mädchen und Buben In die glänzenden Augen sehn,

Dann ist ihnen auf einmal, als hätte Ihnen das alles schon mal geträumt, Als sie noch im Wurzelbette Den stillen Waldweg eingesäumt.

Dann stehen sie da, so still und selig, Als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt, Als hätte sich ihnen doch allmählich Ihres Lebens Sinn enthüllt;

Als wären sie für Konfekt und Lichter Vorherbestimmt, und es müsste so sein. Und ihre spitzen Nadelgesichter Blicken ganz verklärt darein.

Meinen Sohn zur Taufe

Als wir deine Schwestern getauft, Hab ich die herrlichsten Rosen gekauft, Brauchte sich keine zu verstecken, War jede ein Schmuck fürs geweihte Becken.

Inzwischen ist mir's bescheiden geglückt, Dass ein eigen Gärtchen das Haus mir schmückt; Und an der Seitenwand spinnt sich ein zartes Rosengerank. Das ist was Apartes.

Eigene Rosen. Wie die doch gleich Anders leuchten. Mein Sohn, du bist reich. Kein besseres Omen kann dir blühen Als dieses helle Rosenglühen.

Das Leben bietet der Blumen nicht viel, Giebt uns meist nur blattlosen Stiel, Alles, was wir von außen bekommen, Ist leicht in die hohle Hand genommen.

Aber was von innen heraus Wächst und blüht, das machts aus; Aus Eigenem die Kränze binden, Die uns die Tage hold umwinden.

Nennst du nichts im Leben dein Als einen vollen Herzensschrein, Wirst du nach äußerm Glanz nicht fragen Und fröhlich eigene Rosen tragen.

Das ist nun kurz mein Taufgebet, Wie es mir durch die Seele geht, Während der Priester mit frommen Worten Dir öffnet der Kirche ehrwürdige Pforten.

Frömmigkeit ist eine edle Frucht, Wächst draußen und in der Kirche Zucht. Sei fromm, mein Sohn, in Nehmen und Geben, Suche Gott und ehre das Leben.

Die Mutter

(Ein Traum)

Es war im Garten. Fröhliche Gesellen Umgaben mich. Wir tranken. Und in hellen Plätschernden Bächen sprudelten die Worte Von jungen Lippen. Aber nah der Pforte, In einer einsamen, erhöhten Laube, Saß meine Mutter. Eine reife Traube Lag vor ihr auf dem Teller, und sie aß Und hörte nicht auf uns. Wie sie so saß, Wegbreit nur von uns und doch abgeschieden, Einsam in ihres Alters blassem Frieden, Zwang mir's den Blick magisch dahin, doch konnte Ich nicht vom Platz, den Jugend übersonnte Und laute Lust umklang. Auf einmal schwand Das alles, und es langte eine Hand, Alt, rührend welk und kühl, wie aus der Erde An meinem Bettrand auf mit Bittgebärde: Willst du mir deine Hand nicht geben? Ach, Kaum dass ich gab, und weinend wurd ich wach.

Steernkiker

O du leev Deern, Wahen mit di? Du schöttst as'n Steern An mi vorbi.

Un wünsch ik mi wat Un steit mi dat fri, So wünsch ik mi dat: De Steern de hört mi.

Denn keek ik di an Bi Dag un bi Nacht, Un so makst du den Mann To'n Steernkiker sacht.

Lengen

Ik kann nich slapen, All lang hev ik wacht, Dat Finster steit apen, Wa schön is de Nacht.

Dar blinkt de Man, Wit achter dat Meer; Mi kümmt en Thran, Ik weet wull, waher.

Ik hör in de Böm Den lisen Wind Flüstern un dröm Vun di, min Kind.

Wa is dat nu wull, Slöppst du week un fast? — In'n Goren full En Appel vun'n Ast.

En Steern blink un bev Un schött achtern Dik. — Keen hätt di so leev, Keen so, as ik.

Verbaden Leev

Un hev ik mi vergeten, Un hev ik mi verschull, Uns Herrgott möt dat weten, Min Hart weer gar to vull.

Dree lange, lange Jahren Leeg dat as glönige Kahl'n, Ik wull min Leev bewahren, Un kost dat dusend Qual'n.

Uns Herrgott möt dat weten, Dat ik dat swigen wull, Un hev mi doch vergeten, Min Hart weer gar to vull.

An de Gorenport

Aewer de Wischen weit de Wind So week as de Atem vun en Kind, Un kümmt doch vun dat grote Meer, Vun de wille Nordsee her.

De liggt dar nu wull ganz so still As'n Kind, dat slapen will, So lising gluckt an'n Strand de Welln, As wull en wat in'n Drom vertelln.

Ik dröm hier an de Gorenport Un bün en Kind up mine Ort, Un legg ganz sach de Handn tosam, Un sprek ganz sach 'n leeven Nam.

Go' Nach

Go' Nach, giv mi noch mol de Hand, De is so warm un week; Dörch't Finster schient de helle Man Uns up de witte Deek.

Dit is'n Stunn, bevor de Slap Uns inlullt sach un söt, Wo ut'n reine Minschenbost De schönsten Blomen blöt.

Min Hart was as en Sommerbeet, Un di, di blöht dit Flach. Giv mi noch mol din warme Hand, Un du versteist mi sach.

Lütt Ursel

Lütt Ursel, Lütt Snursel, Wat snökerst du 'rum? Di steit din lütt Näs wull Na Appel un Plumm'.

Lütt Ursel, Lütt Snursel, Din Näs is man'n Spann, Doch is dat'n Näs all För Pött un för Pann.

Lütt Ursel, Lütt Snursel, Dar hest'n Rosin, Dar sünd dre lütt Steen in, Un all' dre sünd din.

De Snurkers

De Klock sleit acht, Nu Kinners, go' Nacht. Man gau un man fixen Herut ut de Büxen, Man flink ut de Schoh Un rinne in't Stroh.

De Klock sleit negen, De Oellsten, de sägen, De Lütt, mit sin Snuten, Kann ok all wat tuten. Dat is'n Konzert, Is wirkli wat wert.

De Klock sleit tein, Nu, Olsch, ward dat fein, Nu legg di man slapen, Du hast dat schön drapen, Nu klingt dat erst recht, Ik snurk as'n Knecht.

De lütt' Boom

Ik bin de lütt' Boom De an de Landstrat steit, Plückt allens an mi' rüm, Wat weglangs geit.

Een plückt sik'n Blatt, De anner en Blöt, De smitt se denn wag, Und de pedd denn de Föt.

Doch hett in min' Aest Sik'n Vagel inwahnt, Un küßt mi de Sünn, Un strakt mi de Mand.

Denn hev ik min Freud Und tröst mi ok meist: Wat helpt't, lütt' Boom, Du steist, wo du steist.

De Stormfloth

Wat brüllt de Storm? De Minsch is'n Worm! Wat brüllt de See? 'n Dreck is he!

De Wind, de weiht, up springt de Floth Un sett up den Strand ern natten Fot, Reckt sik höger und leggt up't Land, Patsch, ere grote, natte Hand.

De lütte Dik, dat lütte Dorp, De Floth is daraewer mit eenen Worp. Dar is keen Hus, dat nich wankt und bevt, Dar wähnt keen Minsch, de morgen noch levt.

Wat brüllt de Storm? De Minsch is'n Worm! Wat brüllt de See? 'n Dreck is he!

Ritornelle

Weiße Syringen. Ein schlankes Mädchen weint im Frühlingsgarten, Ich kann das Bild nicht aus der Seele bringen.

Gelbe Narzissen. Ein Feuerfalter ward vom jähen Winde Gleich einem Funken eurem Schoß entrissen.

Rote Rosen. Das Dämchen nahm euch kühlen Danks entgegen; Ihr sterbt nun gleich Verirrten, Heimatlosen.

Dunkle Cypressen. Ein schwarzer Schatten fällt auf meine Straße: Ich kann die goldnen Tage nicht vergessen.

Apfelblüte. Ist es das Vorgefühl der künftigen Frucht schon, Das wie mit holder Scham dich überglühte?

Lorbeerbäume. So ernst, so schweigend, wie im tiefsten Sinnen — Die schönsten Kränze schenken uns die Träume.

Goldregen. Je mehr du protzst und prahlst mit deinem Glänze, Je schwüler duftet mir dein Gift entgegen.

Immortellen. Unsterblich sein, das heißt doch nur, ihr Zähen, Langsamen Todes sterben, statt des schnellen.

Weinrebe. Schlank, zartster Anmut, doch voll süßen Feuers, Und schmiegsam. Ganz so will ich jede Hebe.

Blutrote Georginen. Der Bauerndirne, dem verschämten Schelme, Müsst, völlig täuschend, als Versteck ihr dienen.