Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
Chapter 4
Über ihm in den Zweigen raschelte es, und als Hassan durch die grünen Fächer des Farnkrautes sah, erblickte er ein Eichhörnchen, das sich von Ast zu Ast bis auf den Boden, dicht bei seinem Versteck, niederschwang. Hassan entschloß sich, hier um Rat zu fragen, obgleich er im allgemeinen nicht viel für diese Tiere übrig hatte, sie waren ihm zu beweglich. Er trat hervor, und das Eichhörnchen machte einen Satz, so lang, wie der Bach breit war.
»Himmel und Wolkenbruch, Sie dicker Popanz, wie können Sie einen so erschrecken!« rief das Eichhörnchen atemlos. »Kommen Sie her und fühlen Sie, wie mein Herz klopft, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind, Sie Stachelschwein!«
»Aber ich muß doch bitten,« sagte Hassan gekränkt, »ich bin weder das eine noch das andere. Was das erste ist, weiß ich überhaupt nicht, aber ein Stachelschwein bin ich erst recht nicht. Ich bin Hassan, der Igel.«
»Das ist mir vollkommen gleichgültig«, lautete die ärgerliche Antwort. Sonst war das Eichhörnchen in der Regel viel höflicher, aber es hatte sich in der Tat auf das heftigste erschrocken, und dadurch verliert man leicht den Sinn für liebenswürdiges Entgegenkommen.
Hassan entschuldigte sich; aber nun meinte das Eichhorn erst recht, ihm sei Unrecht geschehen.
Es saß da, im Gras, daß es ein Entzücken war, Hassan fühlte sich wirklich neben diesem zierlichen Tier wie ein schwerfälliger Eindringling, er hätte es am liebsten in die Arme geschlossen, so lieblich war der Anblick, das feine Köpfchen mit den spitzen Ohren, die dunklen klugen Augen und der breite buschige Schwanz, der den eleganten Körper in einem Bogen überragte und von einer leuchtenden rotbraunen Farbe war, wie das Buchenlaub im Herbst.
»Nehmen Sie es nicht übel,« sagte er noch einmal, »ich habe Sie nicht erschrecken wollen -- aber wie Sie meinen.«
Das Eichhorn merkte, daß es dem Igel gefiel, und wurde deshalb etwas freundlicher. Nun darf man aber nach diesem Vorfall nicht etwa annehmen, daß ein Igel ein dummes oder ungeschicktes Tier sei. Ganz im Gegenteil ist er ein ungewöhnlich kluges Tier und in keiner Weise so tölpelhaft, wie er auf den ersten Blick erscheinen kann. Natürlich, wenn man ein Eichhörnchen ist, versteht man unter Geschicklichkeit etwas ganz anderes als ein Igel.
»Ich habe mich heute morgen ohnehin verschlafen«, sagte das Eichhorn und musterte den Fremden. »Was wollen Sie denn hier?«
»Ich möchte fragen, ob man gut tut, sich hier anzusiedeln.«
Das Eichhorn schaute interessiert auf. »So, darauf will man hinaus! Nun, ich heiße Li und habe darüber zu entscheiden.«
Hassan schaute aus seinen Stacheln hervor und dachte nach. Er sagte sich plötzlich, daß er eigentlich niemand zu fragen brauchte, wenn er bleiben wollte, denn wenn Li das mächtigste Tier der Wiese war, so gab es niemand, der ihn wegschaffen konnte, wenn er nicht geneigt war. Er blinzelte listig und lachte vor sich hin.
»Nun, ich denke, Sie erlauben es«, meinte er, rollte sich plötzlich zusammen, so daß er wie eine große dunkelbraune Kugel aussah, und seine Stacheln sträubten sich und klirrten leise.
»O, pfui Teufel«, rief das Eichhorn und machte einen kleinen Satz. »Nun sieh einer dies Stachelschwein!«
Hassan schielte nur über die Spitze seiner schwarzen Nase aus seinem gewölbten Stachelberg hervor, es sah ungemein originell aus, weil niemand, der noch keinen Igel erblickt hatte, dort unten eine Nase vermutet hätte. Aber so war ihm nicht beizukommen. Li ärgerte sich.
»Können Sie etwa senkrecht an einem Baumstamm in die Höhe laufen?« fragte es.
»Nein«, sagte Hassan betroffen und wurde wieder etwas länglicher.
Li lachte. »Das hab' ich mir gleich gedacht, Sie ...«
»Dann versuchen Sie gefälligst einmal jemanden zu stechen, der Ihnen mit der Hand über den Rücken fährt«, gab Hassan verdrießlich zurück, denn er merkte nun, daß das Eichhorn ihn verspotten wollte.
»Warum denn,« fragte Li, »weshalb soll ich denn jemanden ohne allen Grund stechen? Wer tut denn das? Stachelschweine tun das!«
»Ich bitte mir jetzt endlich Respekt aus!« rief Hassan.
»Was sollte mich denn dazu veranlassen, Sie zu respektieren? Sie können nicht klettern, stechen jeden, der Sie anfaßt und haben nicht einmal einen Schwanz. Sehen Sie den meinen an!«
Li drehte sich ein wenig im Gras und sah sich nach Hassan um, der nicht ohne Erstaunen und Neid auf den prächtigen buschigen Schwanz des Eichhörnchens schaute. Es war in der Tat eine Pracht.
»Jeder hat eben etwas anderes«, sagte er verstimmt.
»Ganz recht, mein Lieber, und ich habe etwas Besseres.«
Mit diesem Tier war nicht auszukommen, Hassan sah es ein. Wenn das die Folge seiner Ansiedlung sein sollte, daß er sich täglich über dies eingebildete Geschöpf zu ärgern hätte, so stand für ihn fest, daß er nicht blieb. Es fiel ihm auch gar nichts mehr ein, was er zu seinem Vorteil hätte sagen können. Als er nachdachte, erklang hinter ihm ein kaum hörbares Rascheln und gleich darauf ein scharfes Zischen. Das Eichhorn flog herum, als ob es sich zu einem wilden Tanz anschickte, versuchte einen Satz zu machen, um davonzukommen, blieb aber zitternd und völlig willenlos an seinem Platz hocken, und ein schmerzliches und unbeschreiblich angstvolles Wimmern brach aus seinem Mund.
»Ala, die Kreuzotter«, stammelte das arme Tier. Seine Augen verdrehten sich, es begann einen sonderbaren schaukelnden Verzweiflungstanz mit dem Oberkörper, kam aber nicht vom Fleck, und jedes Tröpfchen Blut war aus seinem frechen Gesichtchen gewichen.
Es war in der Tat Ala, die Kreuzotter, die sich im Gras aufrichtete. Sie hatte sich etwa um die Hälfte ihrer Länge emporgehoben, ihre hellen Augen funkelten wie zwei Diamanten, und ihre langsamen, beinahe trägen Bewegungen in der Sonne hatten etwas ungemein Grauenerregendes. Das Furchtbarste aber war dies scharfe, eindringliche Zischen, das über die gespaltene feine Zunge her aus dem bösen Rachen des platten Köpfchens kam, und das das Blut aller Geschöpfe erstarren machte, wie die Stimme des Todes. Wer weiß auch nicht, daß Alas Biß tötet, noch ehe ein Hilfsmittel beschafft werden kann, ja, ehe man recht darüber zur Besinnung kommt, was geschehen ist.
Li, das Eichhorn, war in der Tat zu bedauern. Es war herzzerreißend anzuschauen, wie es versuchte, davonzukommen, wie aber die Bewegungen der Giftschlange und ihr Zischen es am Platz bannten und ihm alle Vernunft und jeden Willen raubten. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Bewegungen der Schlange alle kleineren Tiere zu verzaubern scheinen.
»O, hab' Erbarmen«, wimmerte es. Es dachte an die hohen, schaukelnden Zweige seines Baums; wie wollte es seine freie Kunst im Klettern und Springen gebrauchen, wenn es nur davonkönnte.
Aber die Kreuzotter kennt kein Erbarmen. Es sah aus, als ob das merkwürdig süße Maul des bösen Tiers heimlich lächelte, und die schöne Zickzacklinie auf seinem Rücken, in ihrer schaurigen Todespracht, glitzerte im Sonnenlicht und verdunkelte sich wieder im Schatten der kleinen Kräuter und im Moos. Nichts war beängstigender, als daß man nicht in der Lage war, diesen schleichenden, ziehenden Bewegungen im Gras mit den Blicken zu folgen.
»Töte mich doch, ach, töte mich gleich«, flehte das Eichhörnchen.
Da fiel in seiner heißen Angst Lis Blick auf Hassan, den Igel, und ein unbeschreibliches Erstaunen durchfuhr das Eichhorn in seiner Todesnot. Es wußte wirklich nicht, ob es seinen Augen trauen sollte, aber es war kein Zweifel, Hassan saß ganz still und vergnügt im Gras und lächelte zu Ala hinüber. Aber das war ja unmöglich, kannte er denn die Kreuzotter nicht?
Li hatte sich vor Schreck und Entsetzen noch nicht gefaßt, als plötzlich Hassan ein Stückchen vorlief, gerade vor die Schlange hin und so rasch, wie es in seinem Leben nicht gedacht hätte, daß ein Igel laufen könnte. »Hassan,« schrie es, »Sie sind verloren!« Der Igel war gerade auf die Schlange zugelaufen und stand nun unmittelbar vor ihr.
Zu Lis unbeschreiblichem Erstaunen ringelte sich die Schlange jählings zusammen, so daß ihr Kopf nur noch oben aus dem bunten Ornament hervorragte, das ihr gewundener Körper am Boden bildete. Sie öffnete den Rachen weit, ihre Zunge schoß wie ein kleiner Blitzstrahl aus und ein, und ihre Augen funkelten in unerhörtem Zorn. Dabei zischte sie so laut und wild, daß man es weit über die Waldwiese hin vernahm, und alle Kreaturen umher erschauerten, es wäre sicher selbst ein Löwe davongesprungen, aber Hassan, der kleine Igel, hielt diesen giftigen Drohungen so gelassen stand, als zirpte nur eine Grille im Gras.
Sein Lächeln war verschwunden. Seine dunklen Augen blickten ernst und kühn drein, seine Haltung hatte etwas ungemein Bewußtes, dazu war sie kampfbereit und fast geschmeidig, ganz verändert sah Hassan aus, der eben noch nachlässig und scheinbar schwerfällig im Gras gehockt hatte.
»Hab' ich Sie endlich, Ala«, sagte er langsam und mit sonderbar tiefer Stimme. »Hier haben Sie mich nicht vermutet, nicht wahr? Aber nun hilft Ihnen Ihre List nichts mehr, die mich so oft getäuscht hat. Sie müssen nun den Kampf aufnehmen, denn die erste Wendung zur Flucht, die Sie machten, würde Ihr sicherer Tod sein!«
Das helle wilde Zischen wiederholte sich, Ala dachte nicht an Flucht. Sie machte plötzlich eine weiche, angstvolle Bewegung, als habe sie allen Mut verloren, gegen Hassan zu kämpfen. Doch der Igel ließ sich nicht täuschen, er kannte Alas Art. Und richtig, kaum daß sie den Anschein erweckt hatte, als sei ihr nicht um Streit zu tun, fuhr sie auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung hoch durch die Luft zu, und ihr weit geöffneter Rachen mit den furchtbaren Giftzähnen schnellte jählings zwischen Hassans Augen auf die ungeschützte Stirn.
Aber so rasch die Bewegung der Schlange gewesen war, Hassans blitzschnelle Neigung des Kopfes war schneller, und das Maul der Schlange fuhr mitten in die gesträubten Nackenstacheln ihres Gegners.
Bei dem furchtbaren Anprall durchbohrten die Stacheln des Igels Lippen und Kiefer der Schlange; mit einem hellen Zischen der Wut und des Schmerzes fuhr sie zurück, rüstete sich aber sogleich zu einem neuen Angriff, obschon ihr große, dunkle Blutstropfen am Mund niederrannen. Hassan saß unbeweglich da. Er wußte, daß der Schlange keine Wahl blieb, als den Kampf auf Tod und Leben fortzusetzen, und er wußte auch, wie dieser Kampf ausgehen würde. Hätte Ala sich zur Flucht gewandt, so hätte er sie leicht ereilt und ihr Genick mit den Zähnen erwischt, denn ein Igel kann rascher laufen als eine Schlange. Die Kreuzotter wußte dies alles nur zu gut, kochend vor Grimm spähte sie nach einer verletzbaren Stelle am Körper des Gegners.
Li hatte die erste Niederlage der Schlange benutzt, um mit einem gewaltigen Satz den Stamm der Linde zu erreichen, und nun saß es auf einem niedrigen Ast, trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn und suchte zu begreifen, was sich unter ihm zutrug. War denn das möglich, daß Hassan, der plumpe Gesell, den Kampf mit der allmächtigen Ala aufnahm, die den ganzen Wald mit Schrecken füllte? Bei all seiner Beschämung klopfte das Herz des Eichhorns vor Begeisterung. »Ich werde es gutmachen, daß ich ihn verspottet habe«, flüsterte es mit bleichen Lippen. Es zitterte immer noch am ganzen Körper.
Da sah es, wie Hassan vorsichtig das spitze Köpfchen ein wenig vorschob, um seiner Gegnerin Gelegenheit zu einem neuen Angriff zu geben. Und richtig machte die Schlange den gleichen Versuch wie das erstemal, und wieder fuhr ihr geöffneter Rachen mitten in die Stacheln des Igels. Diesmal war ihre Bewegung um vieles matter, als sie sich zurückzog; ihr Blut rann in Strömen, und nun erschien es, als ob Schmerz und Grimm sie in einen Taumel von Mordgier und Kampfeswut trieben. Unter Zischen und Fauchen fuhr ihr verwundeter Kopf wieder und wieder zu, wie ein kleiner wilder Hammer, blindlings und sinnlos. Hassan traf kein einziger Biß, seine Stacheln färbten sich rot, seine Bewegungen und Wendungen waren sicher, geschickt und rasch.
Da plötzlich warf Ala, die Kreuzotter, den bösen schönen Kopf, der ganz von Blut überströmt war, in einer müden ergebenen Senkung zurück auf den geringelten Leib, sie rollte sich zu einem bunten, gezackten Knäuel zusammen, als wollte sie sich in die Erde einwühlen, und man sah, daß sie vor Schmerz und Todesangst nicht mehr wußte, was sie tat.
Hassan fuhr zu, mit einem jähen Ruck, als habe er von unsichtbarer Hand einen Stoß bekommen, und durchbiß das Genick seiner Gegnerin dicht hinter dem Kopf. Da hörten die Windungen des zackigen Knäuels langsam auf. Ala war tot.
Es ging wie ein bebendes Aufatmen durch den Wald. Das boshafte Zischen der Schlange hatte das ganze Volk der Wiese und alle Tiere weit umher aufgescheucht, und was nicht entflohen war, hatte mit Zittern und Bangen dem heißen Kampf zugeschaut. Nun verbreitete sich die Kunde rasch im Revier. Aus dem Wipfel der Linde erhob sich mit Rauschen und schwerem Flügelschlag ein Rabe und rief laut über die grüne Wildnis hin, die sich unter seinen Flügeln wie ein wogendes Blättermeer ausbreitete:
»Ala, die Kreuzotter, ist überwunden, Hassan hat sie getötet!«
Was schreit er denn so, dachte der Igel und trabte gemächlich zum Bach hinab. Weiß er denn nicht, daß das sein muß? Er tauchte das spitze, schwarze Maul ins Wasser und trank in gierigen Zügen. Hinter ihm, auf dem Kampfplatz, richteten die Blumen und Gräser sich langsam wieder auf, und Li, das Eichhörnchen oben im Baum, schämte sich, obgleich es unbeschreiblich erleichtert war.
Da steckte Josa, die Ringelnatter, ihren mondfleckigen Schlangenkopf aus den braunen dürren Schilfmassen, auf denen die Sonne brannte, und sagte zu Hassan:
»Haben Sie Dank, das war eine große Tat!«
Hassan wandte sich nach ihr um. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen,« sagte er, »sonst geht es Ihnen ebenso.«
Josas Kopf war so still und rasch wieder fort, als wäre er nie dagewesen. Er ist eben ein Igel, dachte sie, ein grober Igel! Aber er soll sich vorsehen, wenn erst ich einmal den Kampf aufnehme.
Hassan aber sah sich weder nach ihr, noch nach den anderen Tieren der Waldwiese um. Ein anständiger Kerl, der nicht mehr als seine Pflicht getan hat, will nichts von Dank hören, am wenigsten, wenn die Leute erst dann freundlich werden, wenn sie einen Vorteil durch ihn gehabt haben. Dies ist so Art der Igel, da ist nichts zu ändern. Ich bin ein rechter Tor, dachte er, daß ich vergessen habe, wer ich bin und was ich kann, nur weil ein Eichhorn senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann und ich nicht. Ich werde nicht mehr um Unterkunft bei Fremden bitten. Ich bin ein Igel, nicht mehr und nicht weniger, das will ich sein.
Achtes Kapitel
Die Winde
Wo am Waldrand am Stamm einer Föhre das dunkle Moos zwischen knorrigen Wurzeln wuchs, rankte die Winde sich empor. Ihre jungen Ranken tasteten sich an der braunen Borke hoch und waren von zartestem Hellgrün und so empfindlich, wie die Glieder eines neugebornen Kindes, das seine Hände liebebedürftig gegen das Angesicht der Mutter emporhebt. Ihre durchscheinenden Blätter sahen gegen den braunen Föhrenstamm licht und leicht aus, als wäre ein helles Ornament von der Hand eines Malers auf dunklen Grund gezeichnet worden, aber ihre Sinne waren wach und wohlbestellt, so daß sie ihren Weg zum Licht empor vertrauensvoll und glücklich suchte.
Ein großes Farnblatt und ein Trieb der wilden Rose, die dicht neben ihr emporgewachsen waren, hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden, als ihre ersten Ranken, noch blind von der Erinnerung an die dunkle Erde, sich Halt suchten. Tastend, bewegt vom Frühlingswind, und von der Sonne geführt, war sie langsam höher geklommen, den Waldgefährten dankbar und die erwachende Seele voll Hoffnung. Nun war ihre Stunde gekommen, und am Abend vor ihrem Erblühen flüsterte sie im Wind der Dämmerung den Pflanzen zu:
»Morgen werde ich meine Augen öffnen, morgen zieht der Himmel in meine Seele ein.«
Ihre hellblaue Knospe, die kaum noch vom grünen Kelch geborgen war, zitterte im Lufthauch und empfand die kühle Nacht, die auf den Wald, ihre Heimat, niedersank, aber das Licht und die Wärme des vergangenen Tages fluteten durch ihren Traum, und noch als sie schon schlief unter dem Tau, war ihr, als wachte ihr Herz.
Sie träumte vom unsichtbaren Wind, von den Stimmen der Bäume und dem Summen der Insekten, dessen ferne Lebensmelodie sie mit unbeschreiblichen Ahnungen von künftiger Seligkeit durchschauert hatten. Sie vernahm in der tiefen Erinnerung ihres Schlafs wieder die frohen Rufe um sich her, die sie auf ihrer Lebenswanderschaft von den schon Erwachten im Licht vernommen hatte. Wie wird mir sein, wenn ich erblühe, dachte sie, wenn meine Blume den Himmel empfängt. »Den Himmel!« flüsterte sie im Traum. Was hatten ihre Sinne nicht von den Beglückten um sich her vernommen und erlauscht, wie ein einziger goldener Jubel empfing sie die Ahnung dessen, das ihr am Morgen geschehen sollte. »Dies sind die Vögel in den Zweigen«, hatten die wilden Rosen ihr gesagt, »ihr Lied fällt aus den Strahlen der Morgensonne, so kühl wie Tau, liebreich wie der Wind und holdselig wie der Sinn der Freude. Sie werden am strahlenden Tag deines Erwachens singen, ihre Lieder, die Farben der Welt, die lebendige Glut der himmlischen Sonne, und die Seligkeit aller Atmenden werden wie ein einziger Rausch unfaßbaren Entzückens auf dich einsinken, wenn du erblühst. Du selbst wirst schön sein unter den Schönen, du wirst beseligen wie du beseligt bist, und alle, die dich erblicken, werden dich segnen, wie du ihnen dankst. Keine Sorgen sollen deinen Wohlstand stören, alles, dessen du bedarfst, wird zur Stunde zu dir kommen, deine Freude soll vollkommen sein. Wenn dein Kelch sich am Abend nach vollbrachtem Tag neigt, wirst du in gnädigem Dunkel mit den Schlafenden ruhen, müde vor Glück, und ein neuer Tag wird dir kommen.«
Die Knospe erwachte schon früh vor Tag aus ihrem Traum, und erzitternd im Morgengrau fürchtete sie sich vor der Allmacht dessen, was ihr geschehen sollte. Es war unfaßlich still in der kaum vom Licht berührten Welt, nichts regte sich, alle Vögel schliefen noch, und der Tau war noch nicht gefallen. Sie empfand, daß der Himmel langsam, langsam heller wurde. Die Zweige des Baums über ihr zeichneten sich dunkel gegen die totenstille Höhe ab, und man erkannte noch keine Farben, nicht grün, nicht braun, alles war wie in silbergraue Schleier gehüllt.
»Heute, heute werde ich aufbrechen,« dachte die kleine Knospe, »goldener Tag, komm bald!«
Da erscholl über ihr ein zaghaftes, klares Trillern und verstummte. Aus der Waldferne antwortete ein silberner Schlag. Sie erzitterte unter einem Tropfen, der sich auf ihrem geneigten Blumenkelch bildete, der noch geschlossen war, und nun nahm ein kaum spürbarer Wind sich ihrer an, lindernd, tröstend und von erlösender Lebensliebe.
»Ich will tun, was ich muß,« flüsterte sie erbebend, »laß mich geduldig für mein Glück sein, du unbekannte Liebe, die mein Geschick leitet.« Aber sie erzitterte fort und fort, ihre Ruhe versank in einem heimlichen Glühen und Pochen, das aus dem Pulsschlag der gärenden Erde, aus allen Trieben ihres zarten Leibes und aus dem Wesen des waltenden Windes drang.
Es wurde nun bald heller und immer heller, die frohe Regsamkeit der Morgenerwartung bewegte die erwachende Welt, und in das Raunen der Blätter klangen die Stimmen der Tiere, die den heraufziehenden Tag begrüßten. Bis um die Windenknospe her plötzlich der gewaltige Jubel der Natur ausbrach. »Die Sonne! Die Sonne!«
»Ich werde heute meine Seele öffnen und die Sonne sehen«, flüsterte die Winde, und geheimnisvoll regte sich in den farbigen Blättern ihrer Blüte das Wesen der Sonnenstrahlen. Es war eine Liebkosung, ein Locken, ein lautloses Rufen, und ihr war zumute, wie wohl einem Schlafenden sein mag, auf dessen Angesicht erwartungsvoll die Augen eines geliebten Menschen ruhen, der in heißer Sehnsucht auf den Augenblick seines Erwachens harrt, um ihn mit seiner ganzen Liebe zu überschütten.
Da entfaltete sich die blaue zarte Blüte, ganz langsam, im Sonnenschein, wie in einer taumelnden Ohnmacht der entzückten Sinne, und der schimmernde Kelch öffnete sich mehr und mehr, ein bebender Blumenbecher von unbeschreiblicher Reinheit, der sich auftat, um das fließende Himmelsgold der Sonne zu trinken.
»Ist das die Sonne?« schluchzte die Blume, haltlos vor Glück, »ich kann nicht hineinschauen, aber ich muß! O Schwestern im Licht bei mir, ergeht es allen Irdischen so wie uns?«
Aus ihrem schimmernden Farbenlicht, aus ihrem Duft und ihrem Neigen im Wind brach ihre Stimme, allen vernehmbar, die ihrer Art waren und die die Geborenen der dunklen Erde im Sonnenschein lieben müssen. Über ihr sang ein Waldvogel sein Morgenlied im Glitzern des Taus auf den Blättern, die erwachte Blume verstand seinen Ruf und sein Locken:
»Sprich mit mir, sprich dein Herz, sprich deine Freude.«
Der Frische des funkelnden Morgens folgte der warme, farbige Tag mit seinem Treiben um sie her, aber die Blume sah nur die Sonne an. Bis bald auch in ihrer Nähe die geheimnisvollen Stimmen der Käfer und Bienen laut wurden. Die Sonnenwärme nahm immer mehr zu, ein Schwingen wie von himmlischem Erbrausen hüllte sie mehr und mehr ein, sie tat ihren Kelch weiter auf und immer weiter, ihr war, als verginge sie in diesem glühenden Glänzen, und ihre Hingabe war so inbrünstig, als verblutete sie vor Verlangen.
Nun zog mit lautlosem Schaukeln, fröhlich von seinem reinen Flügelkleid getragen, ein Schmetterling an ihr vorüber, mitten zwischen ihrem aufgetanen Kelch und der goldenen Sonne hindurch. Da rief die Blume, ihr Farbenglanz trug ihre Stimme, und ihr Duft begleitete ihn:
»Tu mir Liebe an und komm!«
Der Schmetterling ließ sich mitten in dem blauen Rund ihrer Blüte nieder, o Wunder, daß er sie verstand. Tausend Bächlein von Sonnenwärme und zitternder Himmelsluft rieselten mit seiner Berührung an ihr nieder, sie neigte sich tief unter der hellen, lebendigen Last und hob sie wieder mit sich empor.
»Bleib noch,« bat sie, »du himmlischer Sendbote, du Freund meines Lebens.« Aber der Falter mußte weiter, und nun vernahm die Blume plötzlich das Bitten, Rufen und Locken um sich her, von dem die ganze Wiese in Farben und Düften erklang. Je mehr Insekten nun zu ihr kamen, um so besser verstand sie ihre Schwestern umher und in der Ferne, sie begriff, daß sie ihr Lebensgrüße sandten und gab sie freien Sinnes zurück, immer die strahlende Blüte gegen die Sonne geöffnet, als sei keine Schuld und kein Fehl möglich, wenn sie sich ganz dem Licht anvertraute.
So ging ihr erster Tag im Blühen dahin, sie durchlebte ihn wie alle Glücklichen, ohne Bedenken und Rückhalt, ohne den Gedanken an sein Ende, in ihrer schönen Pracht. Als die Sonne, mit der ihr Angesicht gewandert war, hinter den Baumkronen im Grünen niedersank, begann sie sich langsam zu schließen, aber solange noch ein Strahlenabglanz des Lichts auf der Erde widerschimmerte, wachte sie und ließ ihn zu sich ein. Als aber der Abendwind von den Saaten zu ihr kam, fand er sie stumm und verschlossen im Dunkeln, als habe ihre Seele sich nie geöffnet. Aber sie konnte auch im Schlaf die Sonne nicht vergessen, die ihr ganzes Wesen durch und durch erhellt hatte. Keine Finsternis kann mich mehr vom Licht trennen, träumte sie, ich habe es mit meinem ganzen Wesen eingesogen, ich habe das Glück der anderen und ihre Seligkeit erfahren an mir, nichts wird meine Seele mehr vom ewig schönen Leben scheiden.
Neuntes Kapitel
Die Lerche
Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber Onna, die Bachstelze, war schon auf und sah die Lerche fallen.
»Wie ist es?« sagte sie zu ihr, »wollen Sie hier bleiben, ich meine, wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese niederlassen, oder wie ist es?«
»Guten Morgen«, sagte die Lerche.
Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende Art, wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als ihre Worte. Dann meinte sie, um nichts freundlicher: