Hier Zensur - wer dort? Antworten von gestern auf Fragen von heute
Part 19
Graf von der Goltz aber blieb auch hier hartnäckig bei seiner Meinung und antwortete dem Militärgouvernement, das Lied sei »wegen der Schimpfworte und andrer Anstößigkeiten verwerflich befunden worden«. Vielleicht habe man, fügte er hinzu, in Pommern einen andern Text, oder man könne mit »einigen wesentlichen« Veränderungen »etwas Besseres« daraus machen; dann möge man ihm den »verbesserten Entwurf« gefälligst einsenden. Dieser redaktionelle Auftrag kam dem Militärgouverneur Stutterheim und dem pommerschen Zivilgouverneur Beyme doch wohl allzu komisch vor; sie legten ihn ohne Antwort ~ad acta~ und ließen die Soldaten das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht« weiter so singen, wie der Dichter es in einer glücklichen Stunde hinausgeschmettert hatte.
Hardenberg für eine liberalere Zensur.
Als Hardenberg am 11. März 1814 die Rücknahme des Verbots von Kotzebues »Noch Jemands Reise-Abentheuer« verfügte, gab er dem Minister des Auswärtigen von der Goltz zugleich genauere Anweisung, wie er die Zensur künftig gehandhabt wissen wollte. »Der Zensor«, erklärte er, »kann immerhin sein Imprimatur denjenigen Schriften erteilen, welche die Nation von den Kunstgriffen unterrichten, durch welche es dem Kaiser der Franzosen gelang, sein Reich zu der gehabten monumentalen Größe zu erheben, die wir erlebt haben, und so können auch ohne Bedenken solche Schriften die Censur passieren, bei welchen der Verf. die Absicht hat, seinen Zeitgenossen ein Gemälde derjenigen Begebenheiten und Ereignisse zu liefern, durch welche das franz. System in einem gehässigen Lichte gezeigt wird, gleichviel ob die Darstellung in einen satirischen, ironischen oder ernsten Vortrag eingekleidet ist, worauf um so weniger ein besonderes Gewicht in dem Augenblick gelegt zu werden braucht, wo wir uns mit Frankreich in einem offenen Krieg befinden.«
Dem Königsberger Militärgouvernement hatte er am Tage zuvor die Versicherung gegeben, daß er die Berliner Zensurbehörde zu einer »liberalen und dem Geiste der Zeit und den Umständen angemessenen« Beurteilung der ihr vorgelegten Schriften angewiesen habe.
Hardenberg irrte sich aber gründlich, wenn er annahm, das Ministerium des Auswärtigen werde daraufhin »das Weitere verfügen«. Herr von der Goltz übte vielmehr »passive Resistenz«; er verschwieg nicht nur dem Königsberger Militärgouvernement die Freigabe der Schrift Kotzebues, sondern auch den obigen Befehl, den er allerdings auf sein Ressort allein beziehen durfte, und beschränkte seinen nach Königsberg gesandten »Extract« aus dem Schreiben Hardenbergs auf den Passus von der Unstatthaftigkeit einer dortigen eigenmächtigen Zensur! Und auch in der Folge waren er und der Zensor Renfner weit entfernt, in ihrer Strenge nachzulassen; Renfner erlaubte sich sogar Schriften zu beanstanden, die mit Hardenbergs Genehmigung oder auf seinen ausdrücklichen Wunsch entstanden waren.
Zwei Randbemerkungen des Grafen Dohna.
Obgleich sich Hardenberg gegenüber den franzosenfeindlichen Druckschriften der Auffassung des Königsberger Militärgouvernements im wesentlichen anschloß -- in _einem_ Punkte konnte er ihm nicht recht geben: die Einheitlichkeit der Zensur wurde unterbrochen, wenn man sich, wie von der Goltz sich ausdrückte, in Königsberg »anmaßte«, eine besondere Zensurbehörde zu etablieren. Seiner beruhigenden Versicherung einer künftigen liberaleren Zensur vom 10. März 1814 schickte er deshalb die Bemerkung vorauf, daß die Zensur aller verlegten oder eingeführten historisch-politischen Schriften ausschließlich Sache einer einzigen Behörde, nämlich des Auswärtigen Departements in Berlin sei. Auf die Streitfragen im einzelnen ging er dabei nicht ein, darüber gab er ja dem Minister des Auswärtigen am nächsten Tag genauere Anweisung. Graf Dohna, der letzteres nicht wissen konnte und auch keinerlei Andeutung darüber erhielt, faßte daher das Schreiben des Staatskanzlers als eine absichtliche Umgehung des eigentlichen Streitfalles auf und schrieb unwirsch an den Rand:
»Die Antwort auf die aufgestellten Fragen -- pfiffige Anstalt zur Verdunkelung.«
Und als nun Minister von der Goltz am 1. Mai aus der Verfügung Hardenbergs vom 11. März den unvollständigen »Extract« nach Königsberg sandte, der sich aber wohlweislich auf den Passus über die Unstatthaftigkeit einer besonderen Königsberger Zensur beschränkte, von der Freigabe der Kotzebueschen Schrift aber kein Wort verriet, sah sich Dohna in seinem Verdacht bestärkt, und in dunkler Vorahnung der kommenden Reaktionszeit setzte er eigenhändig die Worte darunter:
»Einführung eines möglichst unwürdigen Preßzwanges und Zerreißung des Ressorts der Militär-Gouvernements. Fürs erste ~ad acta~.«
Blücher über Zensur.
Nach der Flucht Napoleons von Elba (Februar 1815) wollte Friedrich Förster, der Freund Körners, ein Sonett »Blücher bei der Nachricht von der Heimkehr Napoleons von Elba« in der »Spenerschen Zeitung« drucken lassen; der Zensor Renfner strich es. Förster beschwerte sich bei Blücher selbst und bat um seine Vermittlung. Aber dieser antwortete:
»Ne, mit die Censoren hier mag ich mir nich befassen; über die hat der Teufel Gewalt. Packen Sie man Ihre Schriften ein und nehmen Sie sie mit nach Paris; _da_ hab' ich zu befehlen, hier nicht.«
So geschah es; sobald die Verbündeten in die französische Hauptstadt eingerückt waren, erschien das Sonett in der »Teutschen Feldzeitung aus Paris«, die jedenfalls von Förster selbst redigiert wurde, aber eingehen mußte, als der Polizeiminister von Wittgenstein im November 1815 die Aufsicht über die Tagespresse übernahm und damit die schlimmste Reaktion gegen alle freiheitlichen Bestrebungen in Preußen einsetzte.
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Die Zensur trat jetzt in ihre eigentliche Blütezeit. Dieser Fülle der Erscheinungen widmet sich das zweite Bändchen:
»_Biedermaier-Zensur_«.
Nachweis der wichtigsten Quellenschriften.
1. Die Biographien Friedrichs II. von Preuß und Koser; Consentius, F. d. Gr. u. die Zeitungszensur (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, Vossische Zeitung; Consentius, Der Wahrsager; Hesse, Preuß. Preßgesetzgebung; Wiesner, Denkwürdigkeiten d. österr. Censur; Nicolai in der »Neuen berlin. Monatsschrift« 1807; Nicolai, Gedanken über die Verbesserung etc. der Censur 1801; Alexis Herbstreise durch Skandinavien.
2. W. Müller, Sonnenfels; Fournier, Swieten als Zensor; Nicolai, Reise durch Deutschland u. d. Schweiz; Wiesner, a. a. O.; Gnau, Die Zensur unter Joseph II.; Gragger in der »Ungar. Rundschau« 1912.
3. Hesse, a. a. O.; Stölzel, Svarez; Prozeß des Buchdruckers Unger gegen Zöllner 1791; Nicolais »Allg. deutsche Bibliothek«; W. v. Humboldt's Ideen etc., hrsg. v. Cauer; Schlesier, Erinnerungen an Humboldt; Haym, Humboldt; Dilthey im »Archiv f. Gesch. d. Philosophie« 1890; Fromm, Kant u. d. preuß. Zensur; Kapp im »Archiv f. Gesch. des deutschen Buchhandels« Bd. V; Schrader, Gesch. der Friedrichs-Universität Halle; Schütz, Darstellung s. Lebens; Kant, Streit der Fakultäten; Harnack, Gesch. d. Berliner Akademie d. Wiss.; Fichte, Zurückforderung d. Denkfreiheit; Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel.
4. Müller, Sonnenfels; Glossy im Grillparzer-Jahrbuch VII, XVII u. XXV; Schreyvogels Tagebücher; Wlassack, Chronik d. k. k. Hof-Burgtheaters; Brahm, Schiller; Schillers Briefe.
5. Iffland, Über meine theatr. Laufbahn; Glossy, a. a. O.; Consentius, Die Berliner Zeitungen während d. französ. Revolution (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, a. a. O.; Schreyvogel, a. a. O.; Wiesner, a. a. O.; L. A. Frankl, Erinnerungen.
6. Wlassack, a. a. O.; Anschütz, Erinnerungen; Schreyvogel, a. a. O.; Teichmanns Literar. Nachlaß; Urlichs, Briefe an Schiller; Stauf v. d. March in der »Hilfe« 1913; Grillparzer-Jahrbuch VII u. XXV; Laube, Burgtheater; A. v. Weilen in der Festschrift für Kelle; Gragger, a. a. O.; Briefwechsel Schiller--Körner; L. A. Frankl, a. a. O.; Klingemann, Kunst u. Natur.
7. Grillparzer-Jahrbuch IX u. XXV; Castelli, Memoiren meines Lebens; F. L. Schmidt, Denkwürdigkeiten; Teichmann, a. a. O.; Karoline Bauer, Bühnenleben; Steig, Achim von Arnim; Frankl, a. a. O.; Bauernfeld, Alt- u. Neu-Wien; Kaiser, Unter 15 Theaterdirektoren.
8. Salomon, Gesch. des deutschen Zeitungswesens; Buchholtz, a. a. O.; Czygan, Zur Geschichte der Tagesliteratur während d. Freiheitskriege; Bassewitz, Kurmark Brandenburg; Gubitz, Erlebnisse; Czygan in den »Forschungen z. brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. XXI; Geiger, Berlin; H. Prutz in der Beilage zur »Allgem. Zeitung« 1893; Hagen, Schenkendorfs Leben; Czygan im »Euphorion«, Bd. XIII u. XIX; Goedeke, Grundriß; Fichte, Reden an die deutsche Nation 1808, neue Ausgabe von Leser 1908; Briefwechsel Gentz--Adam Müller; Köpke, Gründung der Kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin; Varnhagen, Denkwürdigkeiten; Lehmann in den Sitzungsberichten d. K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen 1895; Granier in der Sonntagsbeil. der »Voss. Ztg.« 1905; Gebhardt, W. v. Humboldt als Staatsmann; Humboldt, Ges. Schriften; Kleists Werke, hrsg. von Schmidt, Steig u. Minde-Pouet; Chamissos Briefe; Castelli, Memoiren.
9. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe; Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.
10. Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.; P. Hassel in der »Zs. f. Preuß. Gesch. u. Länderkunde« 1875; Dreyhaus in den »Forsch. z. brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. 22; Aus Schleiermachers Leben; Preuß. Gesetzessammlung; Salomon, a. a. O.
F. A. Brockhaus, Leipzig.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, ansonsten wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
End of Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben